Rekrutierung der Patientenstichprobe
Nach positiven Voten der Ethikkommissionen der Universität Gießen und der Universität zu Lübeck nahmen an der Untersuchung Patienten teil, die sich zum Befragungszeitpunkt wegen chronischer nichtmaligner Schmerzen in Behandlung der Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des UKSH Campus Lübeck befanden. Einschlusskriterien waren ein Alter ab 18 Jahren und keine in der Patientenakte vermerkte psychiatrische Erkrankung.
Von 258 für die Rekrutierung geeigneten Patienten waren 30 telefonisch nicht erreichbar. 228 Patienten wurden telefonisch kontaktiert und über das Studienvorhaben informiert. 25 Patienten (11 %) lehnten eine Teilnahme ab. 203 an der Studie interessierte Patienten erhielten postalisch schriftliches Aufklärungsmaterial sowie das Fragebogenpaket, das sie in einem vorfrankierten Umschlag zusammen mit einer Einwilligungserklärung zurückschicken konnten. Es nahmen letztlich 171 Patienten an der Studie teil. Von 168 Patienten lagen Daten zum AAQ-II‑P vor. Die Patienten dieser Analysestichprobe waren im Durchschnitt 52,3 Jahre alt (SD = 10,2; Range: 19–70 Jahre), mehrheitlich weiblich (77,4 %) und hatten mehrheitlich einen Haupt- oder Realschulabschluss (76,2 %).
Fragebögen
Folgende Fragebögen kamen zur Anwendung.
Deutsche Version des AAQ-II‑P
Der Acceptance and Action Questionnaire-II wurde über die Prozedur der Übersetzung-Rückübersetzung mithilfe von zwei Muttersprachlern in eine deutsche Version gebracht. Anschließend wurde analog zum Vorgehen der niederländischen Forschergruppe der Itemwortlaut an den Schmerzkontext angepasst (z. B. Item 2: „Ich habe Angst vor meinen Schmerzen“; Item 7: „Sorgen über Schmerzen stehen meinem Erfolg im Weg“). Das Verfahren hat sieben Items, die mit einer 7‑Punkte-Likert-Skala (Werte 1–7) zu beantworten sind. Ausgewertet wird der Summenwert der Items. Die Auswertung erfolgte analog zu Reneman et al. [47], sodass hohe AAQ-II‑P-Summenwerte hohe schmerzbezogene Erlebensvermeidung und schmerzbezogene Inflexibilität ausdrücken. Geringe Werte kennzeichnen demnach eine hohe schmerzbezogene Akzeptanz.
Chronic Pain Grade Questionnaire (CPG)
Der Chronic Pain Grade Questionnaire [29] dient der Graduierung chronischer Schmerzen. Eingesetzt wurde die validierte deutsche Version des Verfahrens [27]. Zur Berechnung des Schweregrads werden Angaben zur Schmerzintensität (aktuelle, durchschnittliche, größte Schmerzstärke) und Angaben zur schmerzbedingten Beeinträchtigung der letzten drei Monate verwendet (Alltag, Freizeitaktivitäten, Arbeitsfähigkeit). Diese werden mittels numerischer Rating-Skalen (0–10) eingeschätzt. Zusätzlich erfolgt eine Angabe, an wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten aufgrund von Schmerzen nicht der üblichen Aktivität nachgegangen werden konnte. Aus den Angaben werden vier Schmerzgrade nach von Korff berechnet: geringe Beeinträchtigung und geringe Schmerzstärke (1), geringe Beeinträchtigung und hohe Schmerzstärke (2), mittelstarke Beeinträchtigung – unabhängig von Schmerzstärke (3), starke Beeinträchtigung – unabhängig von Schmerzstärke (4). Zusätzlich zu der kategorialen Auswertung wurde die typische Schmerzintensität als Mittelwert der Angaben zur aktuellen, durchschnittlichen und größten Schmerzstärke berechnet sowie die typische schmerzbedingte Beeinträchtigung als Mittelwert der Skalen zur Beeinträchtigung im Alltag, in der Freizeit und bei der Arbeitsfähigkeit.
Kentucky Inventory of Mindfulness Skills – Short version (KIMS-S)
Das KIMS‑S ist eine Kurzform des Kentucky Inventory of Mindfulness Skills [1]. Es ist ein Verfahren zur multidimensionalen Quantifizierung von Achtsamkeit. Die Kurzform KIMS‑S enthält 20 Items, die mittels einer 5‑Punkte-Likert-Skala zu beantworten sind (Werte 1–5). Erfasst werden die Subskalen „Beobachten“, „Beschreiben“, „Mit Aufmerksamkeit handeln“ und „Akzeptieren ohne Bewertung“ [19].
Pain Catastrophizing Scale (PCS)
Die PCS [53] erfasst mit 5‑fach abgestuften Items (Werte 0–4) 13 Gedanken und Gefühle, die man im Zusammenhang mit Schmerzen hat. Ausgewertet werden die Subtests „Rumination“, „Magnifikation“ und „Hilflosigkeit“ sowie ein Gesamtwert. Angewandt wurde die validierte deutsche Version [39].
Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D)
Die HADS‑D [18] erfragt mittels 14 Items über 4‑stufige Likert-Skalen (Werte 0–3) das Befinden der letzten Woche. Sieben Items betreffen das Merkmal „Depression“ und sieben Items betreffen das Merkmal „Angst“. Gebildet werden Summenwerte, acht Items müssen zuvor umcodiert werden.
Gesundheitsbezogene Lebensqualität (Short Form-12)
SF-12 ist die Kurzform von SF-36 und ein krankheitsübergreifendes Messinstrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bezogen auf die letzten vier Wochen. Acht Dimensionen der subjektiven Gesundheit (körperliche Funktionsfähigkeit, körperliche Rollenfunktion, körperliche Schmerzen, allgemeine Gesundheitswahrnehmung, Vitalität, soziale Funktionsfähigkeit, emotionale Rollenfunktion und psychisches Wohlbefinden) lassen sich den zwei Grunddimensionen „körperliche Gesundheit“ und „psychische Gesundheit“ zuordnen [40].
Big Five Inventory – Kurzform (BFI‑K)
Auf Grundlage des prominenten Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeit wurden die Dimensionen „Extraversion“, „Verträglichkeit“, „Gewissenhaftigkeit“, „Neurotizismus“ und „Offenheit für Erfahrungen“ mittels einer Kurzform des Big Five Inventory erfasst [46]. Das Verfahren hat 21 Items, die mittels 5‑stufiger Likert-Skala zu beantworten sind (Werte 1–5), die Skalenbildung erfolgt über den Mittelwert.
Klinische Merkmale
Als klinische Merkmale wurden der Patientenakte die Hauptschmerzlokalisation und das Schmerzchronifizierungsstadium nach dem Mainzer Stadienmodell [14] entnommen. Beide Merkmale wurden mit dem Schmerzdokumentationssystem QUAST erfasst [13]. Die vom Patienten beklagte Schmerzsymptomatik wird dabei entsprechend der IASP-Taxonomie mithilfe von MASK‑S einer von insgesamt 6 Hauptdiagnosegruppen zugeordnet [28]. Die Einstufung der Chronifizierung nach dem Stadienmodell basierte auf ärztlicher Anamnese.
Auswertung
Zur Prüfung der Dimensionalität des AAQ-II‑P wurde eine Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation) berechnet. Außerdem wurde eine Itemanalyse durchgeführt und die Reliabilität ermittelt (interne Konsistenz nach Cronbachs α). Zur Überprüfung der Normalverteilung des AAQ-II‑P-Summenwerts wurde der Kolmogorow-Smirnow-Test gerechnet.
Die Konstruktvalidität wurde durch Pearson-Produkt-Moment-Korrelationen zu den Skalen der anderen psychometrischen Verfahren bestimmt. Eine Prüfung auf Normalverteilung erfolgte mit Ausnahme des AAQ-II‑P nicht, da die übrigen psychometrischen Verfahren nicht Gegenstand der Testgütebestimmung waren, die Normalverteilung keine notwendige Bedingung für die Korrelationsberechnung ist und deren Signifikanzbestimmung bei hinreichend großem Stichprobenumfang robust gegen Verletzung der Normalverteilung ist und dabei konservativ ausfällt [4].
Zur besseren Vergleichbarkeit der Ergebnisse wurde die Bewertung der Korrelationen von Reneman et al. [47] übernommen: ab 0,75 starker Zusammenhang; 0,50 bis < 0,75 mittlerer Zusammenhang; 0,25 bis < 0,50 geringer Zusammenhang; < 0,25 kein Zusammenhang. Die semantische Interpretation der Korrelationshöhe im Sinne einer Effektstärke ist in der Literatur uneinheitlich und muss unter Berücksichtigung der verglichenen Merkmale und ihrer Erfassungsmethoden gesehen werden [50]. Für psychometrische Verfahren erscheinen die Empfehlungen von Cohen [7] zur Charakterisierung der Höhe von Korrelationen vor dem Hintergrund der durch sie ausgedrückten gemeinsamen Varianz nur bedingt geeignet (mittelstarker Zusammenhang ab 9 % gemeinsamer Varianz, starker Zusammenhang ab 25 % gemeinsamer Varianz). Die von Reneman et al. [41] gewählten Grenzen entsprechen eher dem Vorschlag von Bühl [5], der ab r > 0,20 geringe, ab r > 0,50 mittelstarke und ab r > 0,70 starke Zusammenhänge als Interpretation vorschlägt. Unterschiede in der Höhe von Korrelationskoeffizienten wurden über Olkins z [42] mit dem Programm von Hemmerich [17] auf Signifikanz geprüft.
Zur Bestimmung von Unterschieden im Summenscore des AAQ-II‑P bei Patienten, die sich in demografischen und klinischen Merkmalen unterscheiden (Geschlecht, Schulabschluss, Chronifizierungsstadium, Schmerzgraduierung), wurden t-Tests für unabhängige Gruppen bzw. einfaktorielle Varianzanalysen mit Bonferroni-korrigierten Post-hoc-Tests gerechnet. Mögliche Alterseffekte wurden mittels Produkt-Moment-Korrelation überprüft, Zusammenhänge mit der Schulbildung wurden über Rangkorrelation nach Spearman abgebildet. Die Auswertungen erfolgten mit dem Programm SPSS (Version 22). Es wurden nur Patienten berücksichtigt, für die ein AAQ-II‑P-Gesamtwert vorlag.