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Wohn- und Lebensformen bei Hochaltrigen – eine heterogene Gruppe?

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Part of the Vechtaer Beiträge zur Gerontologie book series (VEBEGE)

Zusammenfassung

Durch die gestiegene Lebenserwartung rücken auch die Lebensverhältnisse der über 80-Jährigen in den Fokus der familiensoziologischen Forschung. Sowohl die Lebens- als auch die Wohnformen stellen dabei einen wichtigen Indikator für die Versorgungslage der Hochaltrigen dar. Dennoch sind insbesondere die Lebensformen im hohen Alter wenig erforscht, da sich viele Studien zur Pluralisierung der Lebensformen hauptsächlich mit jüngeren Altersgruppen beschäftigen oder nur eine kleine Anzahl an Kategorien berücksichtigen. Dieser Beitrag geht deshalb der Frage nach, wie vielfältig die Lebens- und Wohnformen im hohen Alter sind. Zunächst wird dazu eine Typologie der Lebensformen vorgeschlagen, die an die besonderen Anforderungen im hohen Alter angepasst ist. Auf deren Grundlage wird die Verteilung der Hochaltrigen auf die dargestellten Lebensformen empirisch überprüft. Um die Vielfalt im hohen Alter adäquat beschreiben zu können, wird abschließend ein Heterogenitätsmaß für die Verteilungen auf die verschiedenen Lebens- und Wohnformen berechnet. Die Hochaltrigenstudie NRW80+ stellt dafür eine aktuelle und repräsentative Datengrundlage dar.

Universität zu Köln, NRW Forschungskolleg GROW – Wohlbefinden bis ins hohe Alter. Das NRW Forschungskolleg GROW wird gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

1 Einleitung

Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung nimmt die Zeit zu, die Menschen gemeinsam mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin jenseits von Erwerbsarbeit und Kindererziehung verbringen (Tesch-Römer, 2010) und mit der längeren Lebenszeit werden auch komplexe Beziehungsbiografien mit verschiedenen Partnerschaften häufiger (Klaus & Mahne, 2019). Dadurch rücken die Lebensverhältnisse der über 80-Jährigen in den Fokus familiensoziologischer Forschung. Unter einer Lebensform versteht man „einen sozialen Beziehungszusammenhang, der durch Muster der Organisation des alltäglichen Zusammenlebens repräsentiert wird“ (Huinink & Schröder, 2014, S. 79). Sowohl den Lebensformen als auch den Wohnverhältnissen (privates oder institutionelles Wohnen) kommt im hohen Alter eine besondere Bedeutung zu: Zum einen hat die Stärke des sozialen Netzwerks einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit (Bennet & Riedel, 2013), zum anderen sind insbesondere die (Ehe-)Partner*innen am häufigsten in die häusliche Pflege involviert (Schneekloth, 2006). Darüber hinaus wächst der Anteil der Pflegebedürftigen, die stationär in Pflegeeinrichtungen betreut werden, mit zunehmendem Alter an (Tesch-Römer & Engstler, 2020). Sowohl die Lebens- als auch die Wohnformen stellen somit einen wichtigen Indikator für die Versorgungslage der Hochaltrigen dar.

Dennoch sind insbesondere die Lebensformen im hohen Alter wenig erforscht, da sich viele Studien zur Pluralisierung der Lebensformen hauptsächlich mit jüngeren Altersgruppen beschäftigen (z. B. Dorbritz et al., 2018; Grünheid, 2017; Wagner & Valdés Cifuentes, 2014). Auch Beiträge zum späteren Erwachsenenalter differenzieren Lebensformen selten bei Personen über 85 Jahren (z. B. Engstler & Klaus, 2017) oder berücksichtigen nur eine kleine Anzahl an Kategorien (z. B. Lengerer, 2016).

Dieser Beitrag geht deshalb der Frage nach, wie vielfältig die Lebens- und Wohnformen im hohen Alter sind. Zunächst wird dazu eine Typologie der Lebensformen vorgeschlagen, die an die besonderen Anforderungen im hohen Alter angepasst ist. Auf deren Grundlage wird die Verteilung der Hochaltrigen auf die Lebensformen empirisch überprüft. Um die Vielfalt im hohen Alter adäquat beschreiben zu können, wird abschließend ein Heterogenitätsmaß für die Verteilungen auf die verschiedenen Lebens- und Wohnformen berechnet. Die Hochaltrigenstudie NRW80+ stellt dafür eine aktuelle und repräsentative Datengrundlage dar.

2 Typologie der Lebensformen und Forschungsstand

Nach Huinink und Wagner (1998, S. 89) können Lebensformen durch Haushaltstyp, Haushaltszusammensetzung, sozialrechtliche Stellung, Partnerschaftsstatus und Kinderzahl bestimmt werden. Umfassende Klassifikationen wie diese stoßen jedoch zum einen empirisch an ihre Grenzen, zum anderen berücksichtigen sie altersspezifische Unterschiede, wie etwa die im hohen Alter wegfallenden Dimensionen der Berufstätigkeit oder der Kindererziehung, nicht ausreichend (Amann, 2004, S. 31). In der hier vorgeschlagenen Typologie wird deshalb auf die Erfassung der sozialrechtlichen Stellung und auf eine haushaltsbasierte Konzeption von Lebensformen (wie z. B. im Mikrozensus, vgl. Statistisches Bundesamt 2017) verzichtet. Eine Fokussierung auf Privathaushalte lässt die Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen unberücksichtigt, die im Alter eine nennenswerte Gruppe ausmachen (Tesch-Römer & Engstler, 2020). Zudem können dadurch Lebensformen, bei denen Partner*innen in getrennten Haushalten leben (sogenannte Living-Apart-Together-Beziehungen, LATFootnote 1), nicht adäquat erfasst werden. Insbesondere nach Verwitwung oder Scheidung von vorangegangenen koresidenziellen Ehen in einem gemeinsamen Haushalt können diese Partnerschaften eine wichtige Lebensform im hohen Alter darstellen (vgl. de Jong Gierveld, 2004).

Die hier verwendete Typologie der Lebensformen gliedert sich in mehrere Analyseebenen. Da Partner*innen zu den wichtigsten Sozialkontakten im hohen Alter gehören, wird auf der ersten Analyseebene der Partnerschaftsstatus unterschieden. Unabhängig von Familienstand und Haushaltsform ergeben sich somit zwei Oberkategorien: Personen in Partnerschaften und Partnerlose. Auf der zweiten Analyseebene wird der Haushaltstyp betrachtet. Liegt eine Partnerschaft vor, wird unterschieden, ob das Paar in einem gemeinsamen Haushalt (koresidenzielle Partnerschaft) oder getrennten Haushalten (LAT) lebt. Auf der feinsten Analyseebene wird schließlich die Haushaltszusammensetzung in den Blick genommen und dahin gehend differenziert, ob die Personen in den verschiedenen Partnerschaftsformen bzw. die partnerlosen Personen mit anderen Haushaltsmitgliedern (z. B. Kindern, Freund*innen oder Pflegekräften) zusammenleben. Insgesamt können somit schließlich sechs Lebensformen unterschieden werden: 1) Personen, die ausschließlich mit ihrem*ihrer Partner*in zusammenleben, 2) Personen, die mit ihrem*ihrer Partner*in und weiteren Haushaltsmitgliedern zusammenwohnen, 3) Personen, die eine LAT-Partnerschaft führen und alleine leben, 4) Personen, die eine LAT-Partnerschaft haben und mit anderen Haushaltsmitgliedern zusammenleben, 5) Personen die ohne Partner*in ausschließlich allein leben und 6) Personen, die keine*n Partner*in haben, aber mit anderen Haushaltsmitgliedern zusammenwohnen. Abb. 5.1 veranschaulicht die beschriebene Typologie des hier verwendeten Lebensformbegriffs.

Abb. 5.1
figure 1

(Quelle: eigene Darstellung)

Lebensformen im hohen Alter.

Aus vorangegangener Forschung ist bekannt, dass die Pluralität der Lebensformen in der Altersgruppe der 59 bis 62-Jährigen besonders hoch ist, da in dieser Lebensphase die Kinder sukzessive den elterlichen Haushalt verlassen; mit weiter zunehmendem Alter sinkt die Vielfalt jedoch wieder (Wagner & Valdés Cifuentes, 2014; Wagner et al., 2001). Für die 70 bis 85-Jährigen konnte zwischen 2002 und 2008 eine abnehmende Heterogenität festgestellt werden (Engstler & Tesch-Römer, 2010). Im Alter von 55 bis 79 Jahren machen Paare ohne Kinder die dominante Lebensform aus, während es bei den über 80-Jährigen die Alleinstehenden in Einpersonenhaushalten sind (Dorbritz et al., 2018).

Durch die gestiegene Lebenserwartung ist der Anteil an Personen, die ein Alter von 70 Jahren in einer Ehe oder einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft erreichen, seit 1996 gewachsen und entsprechend ist der Anteil der Partnerlosen in dieser Altersgruppe zurückgegangen (Engstler & Klaus, 2017; vgl. Grünheid, 2017). Dennoch nimmt die Zahl der in einer Partnerschaft lebenden Personen insgesamt mit zunehmendem Alter ab; aufgrund der höheren Lebenserwartung ist der Anteil der partnerlosen Frauen im Alter jedoch höher als der Anteil der Männer (Lengerer, 2016). Dieser Geschlechterunterschied zeigt sich auch beim Familienstand: Während der Großteil der hochaltrigen Männer verheiratet ist, sind Frauen im hohen Alter mehrheitlich verwitwet. Nur wenige der über 80-Jährigen sind geschieden oder waren nie verheiratet (Nowossadeck & Engstler, 2013).

Die Mehrheit der Bevölkerung bis zu einem Alter von 79 Jahren lebt in Mehrpersonenhaushalten (in der Regel mit ihren Partner*innen), während bei den über 80-Jährigen die Alleinlebenden in Einpersonenhaushalten dominieren (Menning, 2007). Auch LAT-Beziehungen kommt dabei eine wachsende Bedeutung zu: So leben Partner*innen bei den über 80-Jährigen in mehr als jeder achten Partnerschaft nicht in einem gemeinsamen Haushalt (Mauritz & Wagner, 2021). Über 70 % der älteren pflegebedürftigen Personen werden zu Hause betreut und nur etwa 4 % der über 65-Jährigen leben in stationären Einrichtungen; allerdings nimmt der Anteil von stationär versorgten Pflegebedürftigen mit steigendem Alter deutlich zu (Tesch-Römer & Engstler, 2020).

3 Daten und Methode

Als Datengrundlage für diesen Beitrag dient die Studie „Lebensqualität und Wohlbefinden hochaltriger Menschen in Nordrhein-Westfalen (NRW80+)“ (Wagner et al., 2018). Das Projekt ist Teil des Kompetenzfelds „Altern und demographischer Wandel“ am Cologne Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health (ceres) der Universität zu Köln.Footnote 2 Die von 2017 bis 2018 durchgeführte Repräsentativbefragung der über 80-Jährigen in NRW enthält Angaben von 1.863 Personen, die aus den Meldeamtsdaten von 94 Kommunen gezogen wurden. Die Befragungspersonen wurden zwischen 1915 und 1937 geboren und waren zum Befragungszeitpunkt zwischen 80 und 102 Jahren alt (Mittelwert: 86,5 Jahre). Die Stichprobe wurde nach Alter und Geschlecht stratifiziert, sodass sich eine annähernd gleiche Verteilung der Geschlechter und eine überproportionale Berücksichtigung der Älteren (85 Jahre und älter) ergibt. Um diese Verzerrung auszugleichen, werden Stichprobengewichte verwendet (Gabler & Ganninger, 2010). Die Vorteile dieses Datensatzes liegen darin, dass zusätzlich zu den Bewohner*innen von Privathaushalten auch Personen in Pflegeeinrichtungen (n = 211) berücksichtigt wurden und durch die Durchführung von Proxy-Interviews mit Verwandten oder Pflegekräften (n = 176) auch schwer zugängliche, gesundheitlich beeinträchtigte Personen einbezogen werden konnten.

Die verwendeten Informationen zu Alter und Geschlecht wurden den Meldeamtsdaten entnommen. Zur Erfassung des Partnerschaftsstatus wurden die Personen gefragt, ob sie derzeit einen festen Partner oder eine feste Partnerin haben. Bei den Variablen zur Haushaltszusammensetzung konnten die Befragten bis zu drei Personen nennen, die in ihrem Haushalt leben, und ihre Beziehung zu diesen (z. B. Partner*in, Kind oder Bekannte*r) angeben. Beides wurde verwendet, um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebensform der oben dargestellten Typologie zu ermitteln. Die Einteilung der Wohnformen folgte der Einschätzung der Interviewer*innen. Hierbei wird unterschieden, ob die Befragten in Privathaushalten, ambulanten bzw. stationären Pflegeeinrichtungen oder altersspezifischen Wohnformen wie Seniorenresidenzen leben. Tab. 5.1 zeigt eine Übersicht der Stichprobenverteilung.

Tab. 5.1 Stichprobenbeschreibung NRW80+

Neben deskriptiven Statistiken zur Verteilung der Hochaltrigen auf die verschiedenen Lebens- und Wohnformen wird zur Untersuchung der distributiven Vielfalt das Entropie-Maß berechnet (Franzmann & Wagner, 1999). Dabei handelt es sich um ein Verteilungsmaß für die Intragruppenheterogenität, das definiert wird als die Summe der Anteilswerte einer Verteilung, die mit ihrem Logarithmus gewichtet werden. Das Maß kann standardisiert werden, indem der Wert durch den erreichbaren Maximalwert geteilt wird (Coulter, 1989). Dies gewährleistet eine höhere Vergleichbarkeit zwischen den Gruppen. Zur Berechnung der Entropie wird Franzmann und Wagner (1999, S. 78) folgend diese Formel verwendet:

$${H}_{st}=\left(-\sum_{i=1}^{k}{p}_{i}{log}_{2}{p}_{i}\right)/{log}_{2}K$$

Hierbei steht H für die Entropie, p für die Anteile der Verteilung und K für die Anzahl der Kategorien. Das standardisierte Entropie-Maß reicht vom Minimalwert 0, wenn sich alle Untersuchungseinheiten auf eine Kategorie konzentrieren, bis zum Maximalwert 1, wenn sich die Einheiten gleichmäßig auf alle Kategorien verteilen.

4 Ergebnisse

Tab. 5.2 zeigt die Verteilung der Hochaltrigen auf die verschiedenen Lebensformen entsprechend der Typologie getrennt nach Altersgruppen und Geschlecht. Insgesamt lebt der überwiegende Teil der Hochaltrigen partnerlos und ohne weitere Haushaltsmitglieder (52,2 %). Etwa ein Drittel der Hochaltrigen lebt ausschließlich mit dem*der Partner*in zusammen (33,9 %) und ein kleinerer Anteil teilt einen Haushalt ohne Partner*in mit anderen Personen (7,0 %). Jedoch lassen sich deutliche Alters- und Geschlechterunterschiede feststellen. Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der Personen, die in einer Partnerschaft leben, unabhängig vom Haushaltstyp ab und der Anteil der Partnerlosen steigt. Während in der Gruppe der 80 bis 84-Jährigen die Personen, die ausschließlich mit ihrem*ihrer Partner*in zusammenleben, mit 45,3 % die dominante Lebensform ausmachen, entfallen in der Altersgruppe 85–89 Jahre nur ein Viertel der Hochaltrigen auf diese Kategorie und ein größerer Anteil lebt partnerlos mit oder ohne weitere Mitbewohner*innen. Obwohl sich also qualitative Veränderungen ergeben haben, verteilen sich die 80 bis 84-Jährigen und die 85 bis 89-Jährigen in ähnlichem Ausmaß auf die verschiedenen Kategorien. Die Heterogenität der Lebensformen ist deshalb zwischen den beiden Altersgruppen nahezu identisch (0,62). In der Altersgruppe 90+ nimmt die Vielfalt hingegen deutlich ab (0,49): Fast 75 % der über 90-Jährigen leben partnerlos allein.

Der Anteil der partnerlosen Frauen ist dabei besonders hoch. Während die über 80-jährigen Männer zu 71,3 % eine Partnerschaft führen, sind es weniger als ein Viertel der Frauen. Mit Blick auf die Heterogenität der Lebensformen werden weitere Unterschiede zwischen Männern (0,60) und Frauen (0,54) deutlich. Unter den Männern stellen solche Personen, die exklusiv mit ihrem*ihrer Partner*in zusammenwohnen, die dominante Lebensform dar (60,8 %), bei den Frauen sind es die Partnerlosen ohne weitere Haushaltsmitglieder (67,4 %). Allerdings verteilen sich die Männer vielfältiger über die anderen Lebensformen. So befinden sich 7,0 % der Männer in einer LAT-Partnerschaft ohne Mitbewohner*innen und 3,1 % leben trotz koresidenziellem*koresidenzieller Partner*in mit anderen Personen zusammen.

Tab. 5.2 Verteilung der Lebensformen (Anteile in %)

Die Mehrheit der Paare lebt dabei in einem gemeinsamen Haushalt, jedoch führen auch 5,4 % der Hochaltrigen eine LAT-Beziehung. Andere Haushaltsmitglieder sind bei dieser Partnerschaftsform selten. Ähnlich wie bei den koresidenziellen Partnerschaften geht der Anteil der LAT-Beziehungen mit steigendem Alter zurück. Wieder ist der Anteil der Männer, die eine LAT-Partnerschaft führen, deutlich höher als der Anteil der Frauen.

Im Gegensatz zu hochaltrigen Personen, die in einer Partnerschaft leben, ist der Anteil der Partnerlosen, die ihren Haushalt mit anderen Personen teilen, vergleichsweise hoch. So leben 9,3 % der über 85-Jährigen partnerlos mit anderen Personen zusammen, wobei der Anteil der Frauen wesentlich höher ist als der Anteil der Männer. Die Haushaltszusammensetzung bei den Lebensformen mit anderen Haushaltsmitgliedern gibt darüber weiteren Aufschluss (hier nicht gezeigt): Über 86 % dieser Haushaltsmitglieder gehören zur Familie der Hochaltrigen. Den überwiegenden Anteil (67,0 %) machen die Familienmitglieder der zweiten Generation, insbesondere die Kinder (und ggf. deren Partner*innen), aus. Weitere 12,3 % der Hochaltrigen, die mit anderen Personen zusammenleben, teilen ihren Haushalt auch mit Familienmitgliedern der dritten Generation, also ihren Enkel*innen. Ein kleinerer Anteil lebt mit Familienmitgliedern derselben Generation wie Geschwistern bzw. Cousins/Cousinen (7,1 %) oder mit Freund*innen und Bekannten (4,4 %) zusammen. Pflegekräfte, die mit im Haushalt leben, stellen 9,2 % der weiteren Haushaltsmitglieder dar.

Tab. 5.3 Verteilung der Wohnformen (Anteile in %)

Tab. 5.3 zeigt die Verteilung der Hochaltrigen auf die verschiedenen Wohnformen getrennt nach Alter und Geschlecht. Der klassische Privathaushalt macht dabei die dominante Wohnform im hohen Alter aus. In der Altersgruppe 80–84 Jahre leben über 90 % der Hochaltrigen in privaten Haushalten, in der Altersgruppe der über 90-Jährigen sind es noch immer 62,8 %. Alten- bzw. Pflegeheime, die Betreuung für Personen anbieten, die keinen eigenen Haushalt mehr führen können, machen die Wohnform aus, die unter den Hochaltrigen am zweithäufigsten ist. Analog zum Rückgang des Anteils an Personen, die in Privathaushalten leben, nimmt der Anteil von Pflegeheimbewohner*innen mit steigendem Alter zu. In der jüngsten Altersgruppe machen die Heimbewohner*innen 4,6 % der Hochaltrigen aus, in der Altersgruppe 90+ sind es 27,5 %.

Andere Wohnformen sind unter den Hochaltrigen deutlich weniger verbreitet. Allerdings nimmt auch der Anteil der Personen, die in ambulant betreuten Haus- und Wohngemeinschaften, in Mehrgenerationenhäusern sowie Hospizeinrichtungen leben, mit steigendem Alter zu. Frauen leben dabei häufiger in Wohnformen, die ambulante oder stationäre Betreuungsmöglichkeiten anbieten, als Männer.

Da in der jüngsten Altersgruppe die meisten Menschen in privaten Haushalten leben, ist die Vielfalt hier am geringsten. Durch die steigende Bedeutung von Wohnformen mit Betreuungsleistungen wächst die Heterogenität der Wohnformen mit zunehmendem Alter jedoch deutlich an. Ebenso ist die Entropie bei Frauen höher als bei Männern, da sie sich vielfältiger über die verschiedenen Wohnformen und insbesondere die Pflegeeinrichtungen verteilen.

5 Fazit und Diskussion

Können die Hochaltrigen anhand dieser Ergebnisse also als heterogene Gruppe beschrieben werden? Die drei wichtigsten Lebensformen im hohen Alter sind das partnerlose Alleinleben, das ausschließliche Zusammenleben mit dem*der Partner*in und das partnerlose Zusammenleben mit anderen (vorwiegend familialen) Personen. Besonders Frauen leben dabei deutlich häufiger ohne Partner*in als Männer, was mit den Befunden vorangegangener Forschung in Einklang steht (vgl. Lengerer, 2016; Nowossadeck & Engstler, 2013). In heterosexuellen Partnerschaften sind Frauen einerseits im Durchschnitt jünger als ihre Partner und haben andererseits eine höhere Lebenserwartung (Lengerer, 2016, S. 22). Beides führt dazu, dass Frauen ihre Partner häufiger überleben und alleinstehend zurückbleiben. Daraus resultiert zudem ein sehr unausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf dem Partnermarkt im hohen Alter, das Männer bei der Partnersuche stark begünstigt. Selbst wenn Männer also ihre Partnerinnen überleben, ist die Chance, eine neue Partnerin zu finden, für sie wesentlich höher als für Frauen einen Partner (Klaus & Mahne 2019, S. 361).

Während der Anteil der Partnerschaften mit zunehmendem Alter immer weiter zurückgeht, steigt der Anteil an Personen, die allein oder mit anderen Haushaltsmitgliedern zusammenleben. Da es sich bei diesen Haushaltsmitgliedern mehrheitlich um die Kinder der Hochaltrigen handelt, liefert besonders die wachsende Pflegebedürftigkeit eine wichtige Erklärung dafür, weshalb hochaltrige Personen mit und ohne Partner*in mit weiteren Personen zusammenleben (vgl. Menning, 2007, S. 10). Neue Lebensformen wie Living-Apart-Together-Beziehungen sind im hohen Alter ebenfalls vertreten (vgl. Mauritz & Wagner, 2021). Ähnlich wie bei Partnerschaften mit gemeinsamem Haushalt geht auch ihre Verbreitung mit steigendem Alter zurück.

Die deutliche Mehrheit der Hochaltrigen lebt dabei – selbst in der ältesten Altersgruppe – in privaten Haushalten. Allerdings steigt mit dem Alter die Verbreitung von Wohnformen mit ambulanten oder stationären Betreuungsangeboten (besonders unter den Frauen) stark an. Eine mögliche Erklärung dafür findet sich ebenfalls in der zunehmenden Pflegebedürftigkeit (vgl. Tesch-Römer & Engstler, 2020). Insbesondere wenn hochaltrige Personen mit wachsendem Alter nicht (mehr) zu Hause gepflegt werden können, gewinnt die institutionelle Versorgung an Bedeutung.

Wie gezeigt wurde, weisen besonders die 80 bis 90-Jährigen eine hohe Pluralität bei den Lebensformen auf – teilweise auch mit unkonventionellen Arrangements. Während die Vielfalt der Lebensformen mit zunehmendem Alter zurückgeht, wächst die Entropie bei den Wohnformen allerdings deutlich. Folglich sollte auch das hohe Alter stärker bei Pluralisierungsdebatten berücksichtigt werden.

Aufgrund fehlender Längsschnittdaten kann dieser Beitrag nur eine Bestandsaufnahme der Heterogenität im hohen Alter leisten, nicht aber auf einen möglichen Wandel der Vielfalt der Lebens- und Wohnformen eingehen. Ebenso ist es nicht möglich, Alters- und Kohorteneffekte bei der unterschiedlichen Verteilung zwischen den Altersgruppen zu differenzieren. Um die Lebensverhältnisse im hohen Alter möglichst genau zu beschreiben, könnte beides jedoch fruchtbare Chancen für zukünftige Forschung darstellen.

Notes

  1. 1.

    Siehe für ausführliche Erläuterungen zu LAT-Beziehungen z. B. den Beitrag von Levin und Trost (1999).

  2. 2.

    Die Studie wird von Susanne Zank, Christiane Woopen und Michael Wagner geleitet und vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

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