Theorie wirft genauso Scheiben ein wie die unsublimierte Aggression. Theorie ist nicht eine Sammlung von Erklärungen, sondern etwas, das die Welt verändern soll und aus diesem Willen geboren ist. (Max Horkheimer 1988, S. 224)

Einleitung

Nicht nur ihre Gegenstände, sondern auch die Kritische Theorie selbst hat einen Zeitkern. Schon allein deshalb ist Max Horkheimers Diktum unmittelbar einleuchtend, dass es „[a]llgemeine Kriterien für die kritische Theorie als Ganzes [nicht] gibt“ (Horkheimer 1937, S. 215), ja, nicht geben kann, und infolgedessen vielmehr von einem belebten Geflecht K/kritischer Theorien auszugehen ist, dem manch Seitenranke entwächst, das aber auch abgestorbene Zweige aufweist, aus denen mitunter wieder Neuaustriebe entwachsen. Kritische Theorie ist notwendigerweise in sich vielfältig. Diversen Einheitsaposteln und Gralshüterinnen zum Trotz gilt dies auch bereits für den „Gründerzusammenhang“, dessen interne Pluralität sich in nochmals ausdifferenzierter und erweiterter Weise bis in die Gegenwart fortschreibt (vgl. Saar 2021). Diese interne Vielfalt an Bezügen, Methoden und Gegenständen spiegelt sich nicht zuletzt auch in der jüngeren, dezidiert politikwissenschaftlich perspektivierten Selbstverständigungsdebatte zu den Formen und Potenzialen einer an Politik interessierten Kritischen Theorie wider (vgl. Bohmann und Sörensen 2019). Bei aller Vielfalt und von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, dominieren dabei jedoch – ihrerseits sehr unterschiedlich ausgeprägte – negativistische Zugänge, die nicht zuletzt im Credo des Bilderverbots der „frühen“ Kritischen Theorie gründen.

Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden eine Programmatik für eine auch utopistische kritische politische Theorie skizziert werden, die letztlich – weil nur subdisziplinübergreifend zu realisieren – die Form einer auch utopistischen kritischen Politikwissenschaft annimmt. Um deren spezifisches Erkenntnisinteresse und ihre Verfahrensweisen herauszuarbeiten, möchte ich vorschlagen, das Konzept der Präfiguration in den Blick zu nehmen, das in jüngerer Zeit in aktivistischen, zunehmend aber auch akademischen Kontexten (wieder) eine gewisse Prominenz erlangt hat. In der Regel wird Präfiguration dabei als bewegungspolitische Transformationspraxis verstanden, die darauf zielt, im Hier und Jetzt soziale Beziehungen, Praktiken und Institutionen zu etablieren, die einen Vorschein der angestrebten Gesellschaft darstellen sollen – unter anderem, um qua Exemplarität Motivations- und Nachahmungseffekte zu zeitigen und um posttransformatorische Subjektivitäten zu erproben und einzuüben. Das Spektrum der unter diesem Begriff verhandelten Praktiken reicht weit, verhandelt werden damit beispielsweise alternative Ökonomien, aber auch Urban Gardening und die Entscheidungsfindungsprozesse in Protestcamps. Stark formalisiert und verdichtet weisen Paul Raekstad und Sofa Saio Gradin (2019, S. 10) präfigurative Politik als „the deliberate experimental implementation of desired future social relations and practices in the here-and-now“ aus.

Ohne im Detail auf die dahinterstehenden bewegungs- und transformationspolitischen Debatten einzugehen, möchte ich postulieren, dass eine das Präfigurative in dreifacher Weise integrierende Programmatik einen Schritt über die oft negativistischen Formen kritischen Theoretisierens hinaus zu tun vermag, ohne dadurch in normativ-idealistische Bahnen zu geraten. Damit ist zum einen eine eher abstrakte Intervention in die zeitgenössische Selbstverständigungsdebatte über das Wesen K/kritischer Theorie(n) beabsichtigt, zum anderen soll in groben Umrissen eine Vorgehensweise für politikwissenschaftliche Forschungsansätze erkennbar werden, die sich einer solchen Programmatik verpflichtet weiß. Ebenso wie das Konzept der Präfiguration auch in der politischen Soziologie, der Bewegungs- und Transformationsforschung sowie der politischen Geographie Beachtung findet, so meine These, kann die hier skizzierte Theorieprogrammatik für – und letztlich nur durch – subdisziplinär übergreifende Erkundungen genutzt und zum Gedeihen gebracht werden. Auf Grundlage eines idealtypisierenden Sortierungsangebots werde ich dazu zunächst der „traditionellen“, negativistischen Kritischen Theorie eine zweite, welterschließende Spielart an die Seite stellen (Abschn. 2), diese sodann als Kritische Theorie zu plausibilisieren (Abschn. 3) und abschließend die Form und Vorgehensweise einer solchen Kritischen Theorie der Präfiguration zu konturieren versuchen (Abschn. 4). Um diese Programmatik zu umreißen, werde ich mich sowohl auf Spurensuche bei Vertretern der sogenannten „ersten Generation“ der Kritischen Theorie begeben, deren interdisziplinärem Materialismus (vgl. Bonß und Schindler 1982) sich die Programmatik verpflichtet fühlt und dem sie eine spezifische Stoßrichtung zu geben beansprucht, zugleich aber auch aus anderen Kontexten, wie etwa der Utopie- und Bewegungsforschung, schöpfen.

Fünf Diskurse, vier Fragen: Ein Sortierungsversuch

Wie politische Theorie zu betreiben ist, was ihr Gegenstandsbereich ist und was ihre Methoden, Konzepte und Ansätze sind, hat als umstritten zu gelten. Das ist an sich nicht weiter problematisch. Zudem gibt es bei aller Umstrittenheit im Detail durchaus auch geteilten Grund. Als erste, ganz grundlegende Prämisse kann gelten: Politische Theorien, ganz gleich, ob sie einem akademischen oder nichtakademischen Kontext entstammen, geben und/oder analysieren Antworten auf das „Problem überindividueller Ordnung“. Der Begriff der Ordnung selbst hat zudem als politisch umkämpft zu gelten und letztlich zielen selbst individualanarchistische Ansätze auf eine wie auch immer geartete Ordnung. Auch ein Verein der Egoisten (Stirner) stellt eine Form von Ordnung dar. Eine weitere geteilte Grundlage besteht sodann darin, dass politische Theorien nie einfach nur Theorien über Politik oder das Politische sind, sondern stets – wenn auch zum Teil uneingestanden – politische Theorien, insofern sie in der Absicht verfasst sind, politisch zu intervenieren. Hatte etwa Charles Taylor in seinen frühen wissenschaftstheoretischen Schriften auf die unhintergehbare Politizität und den ideologischen Charakter einer vorgeblich wertfreien Politikwissenschaft insgesamt aufmerksam gemacht und dabei sowohl auf ihre normativen wie auch die „nur“ erklärenden Spielarten Bezug genommen (z. B. Taylor 1975), so gilt Entsprechendes spätestens seit den historisch-kontextualistischen Studien der sogenannten Cambridge School of Intellectual History speziell auch für den Bereich politischer Theorien als Gemeinplatz. Quentin Skinner, einer der zentralen Köpfe der Cambridge School, brachte dies im Rahmen seiner Frankfurter Adorno-Vorlesung von 2005 mit Blick auf die ideengeschichtliche Forschung treffend zum Ausdruck: „Meine leitende Annahme ist, daß selbst die abstraktesten Werke der politischen Theorie nie über dem Kampfgeschehen stehen; sie sind stets Teil des Kampfes selbst [… eine] polemische[] Einmischung in die ideologischen Konflikte“ ihrer jeweiligen Zeit (Skinner 2008, S. 15) Stark vereinfacht und eine elementare Einteilung Samuel Salzborns aufgreifend ließe sich sagen, dass politische Theorien entweder in der Absicht verfasst sind, „politische Ordnungen zu verändern – oder sie vor Veränderungen zu bewahren“ (Salzborn 2017, S. 11).

Als eine den Interventionscharakter politischer Theorien betonende Feindifferenzierung kann die von Oliver Flügel-Martinsen vorgelegte Studie zu Grundfragen politischer Philosophie gewertet werden, in der er das Feld politischer Theorien durch den Ausweis von vier zentralen Diskursen über das Politische kartografiert, welchen jeweils eine Art idealtypisches Kernanliegen, sprich: eine spezifische Interventionsabsicht, und diverse Referenzautor*innen zugeordnet werden. Unterschieden werden der begründende, der befestigende, der begrenzende und der befragende Diskurs, wobei der befestigende und der begrenzende Diskurs als spezifische Varianten des begründenden Diskurses verstanden werden (vgl. Flügel-Martinsen 2008, u. a. S. 27). Flügel-Martinsen selbst votiert dabei für einen befragenden Zugang der politischen Theorie, den er mit einem Modus negativer Kritik verbindet und als zentrale Referenzfiguren der zeitgenössischen Theorielandschaft Michel Foucault, Jacques Derrida und Jacques Rancière benennt sowie Friedrich Nietzsche als deren „intellektuellen Ziehvater“ (vgl. Flügel-Martinsen 2017, 2010).

Abgesehen von einer später noch zu benennenden Leerstelle erscheint diese Diskursheuristik des Politischen äußerst tragfähig und auch dazu geeignet, meine weiteren Ausführungen begrifflich zu grundieren. Bevor ich sie auf dem Weg zu meiner programmatischen Bestimmung des „Aufgabenspektrums“ einer kritischen politischen Theorie wieder aufgreife, ist jedoch noch ein anderer Schritt nötig. Dabei möchte ich vorschlagen, die horkheimersche Begrifflichkeit seines „schulbildenden“ Aufsatzes von 1937 in eine für Politikwissenschaftler*innen womöglich anschlussfähigere Sprache zu transformieren und statt von traditioneller und kritischer Theorie von legitimatorischer und delegitimatorischer Theorie zu sprechen. Kritische politische Theorien zielen dabei dann auf die Delegitimation bestehender politischer Institutionen und Rechtfertigungsmuster. Dieser „Übersetzungsvorschlag“ versteht sich keineswegs von selbst, handelte es sich bei Horkheimers theoriepolitischen Vorstoß doch zunächst und vor allem um eine erkenntnis- und wissenschaftskritische Intervention gegen solche Wissenschaftsparadigmen, die in seinen Augen in den bestehenden Herrschaftsverhältnissen verstrickt bleiben und diese dabei explizit oder implizit auch affirmieren. Der Aspekt der Herrschaft bzw. ihrer Kritik kann jedoch einen Übertrag auf die theoretische Behandlung der Frage nach der Legitimation bzw. Delegitimation politischer Ordnungen plausibilisieren. Eine Parallele kann insofern gezogen werden, als die von Horkheimer ins Visier genommenen, vorgeblich transzendenten Wahrheits- und Objektivitätsansprüche traditioneller Theorien eine Entsprechung in vorgeblich transzendenten Begründungen politischer Herrschaftsordnungen finden, die es – analog zu traditionellen Theorien – in ihrer machtvollen Partikularität und von Interessen geprägten Gestalt offenzulegen und abzuwenden gilt. Idealtypisierend formuliert sind legitimatorische Ansätze dabei durch den ausschließlichen Anspruch gekennzeichnet, eine – wie auch immer geartete – Grundlage von Ordnung und/oder Herrschaft auszuweisen, die in aller Regel einen überzeitlichen Status zugesprochen bekommt. Anthropologische Grundlegungen kommen dabei ebenso in Betracht wie „rationalistische“ und abstrakt-gerechtigkeitstheoretische oder Mischformen aus diesen und anderen Komponenten. Delegitimatorische Theorie zielt hingegen auf die Aufhebung von Herrschaft in all ihren – mitunter und immer wieder aufs Neue erst zu dechiffrierenden – Facetten, auf die „Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen“ (Horkheimer und Marcuse 1937, S. 626), und ist damit als theoretische Praxis stets „Politik der Herrschaftskritik“ (Buckel und Martin 2019, S. 244). Als politiktheoretisches Äquivalent zu Horkheimers Vorstellung kritischer Theorie verstanden, verzichtet sie streng genommen auf jegliche positive Aussage über die Verfasstheit politischer Ordnung. Während delegitimatorische Theorien stets und beständig auf Befragung, Minimierung oder Abschaffung von Herrschaft dringen, also auf Veränderung zielen, kann legitimatorische Theorie in verändernder wie auch konservierender Absicht formuliert werden, je nachdem, ob sie einen bestehenden oder einen anzustrebenden Zustand legitimiert.Footnote 1 Eine Theorie einer gerechten Idealgesellschaft à la John Rawls wäre so etwa als eine legitimatorische Theorie in verändernder Absicht zu begreifen, wenngleich nicht ganz zu Unrecht immer wieder auch auf die zumindest impliziten konservierenden Anteile verwiesen wurde (z. B. Fisk 1975).

Greift man nun nochmals auf Flügel-Martinsens diskursive Vierteilung des Raums moderner politischer Theorien zurück, so kann diese als eine feiner ausdifferenzierte Darstellung des von mir unterbreiteten Zweierschemas gelten. Beide Schematisierungen zusammenführend, ergibt sich folgende Einteilung (Tab. 1).

Tab. 1 Theorietypen

Wenn man Horkheimers Begrifflichkeit also solcherart substituiert bzw. sich auf eine derartige politikwissenschaftliche Spezifikation einlässt, so würde meine erste Bestimmung lauten, dass eine kritische Theorie der Politik nicht legitimatorisch verfahren, sondern einen delegitimatorischen Anspruch verfolgen sollte. Hinter diese basale delegitimatorische Verortung darf eine kritische politische Theorie nach meinem Dafürhalten nicht zurückfallen. Bei aller internen Vielfalt, die eingangs aufgerufen wurde, besteht darin das gemeinsame Grundaxiom kritischer Theorien. Soweit decken sich dementsprechend auch meine und Flügel-Martinsens radikaldemokratietheoretisch informierte Verortung kritischer Theorie(n), deren zentrales Charakteristikum er in einer „grundlegenden Befragung gegebener Ordnungen, Strukturen und Semantiken“ sieht, die „vor einem Hintergrund komplexer Machtbeziehungen“ (Flügel-Martinsen 2019, S. 450) zu verorten sind. Hatte die kritische Theorie Frankfurter Provenienz zwar in den Grundfragen politischer Philosophie noch keine Berücksichtigung gefunden, so hat Flügel-Martinsen jüngst in Auseinandersetzung mit Adorno eine explizite Zuordnung der Kritischen Theorie zum befragenden Diskurs des Politischen vorgenommen (Flügel-Martinsen 2019). Dieses Urteil kann aufgrund der Betonung des begründungsskeptischen Wesenszugs trotz der Fokussierung auf Adorno auch für den Forschungszusammenhang der Kritischen Theorie insgesamt eine weitreichende Plausibilität beanspruchen. Es ist dies die von Horkheimer im Eingangszitat etwas hemdsärmelig identifizierte kritische Theorie, die nicht nur beschreiben und schon gar nicht rechtfertigen möchte, sondern – auch durch Beschreibung – Herrschaft befragen, entlarven und kritisieren, kurzum: theoretisch Scheiben zertrümmern will. Wie Sonja Buckel und Dirk Martin unlängst hervorgehoben haben, ist sie als kritische Theorie der Politik aufgrund des stets politischen Charakters politischer Theorien immer zugleich „Kritik der Politik und Kritik der hegemonialen Paradigmen politischer Wissenschaft“ (Buckel und Martin 2019, S. 243). Zu diesem Zweck kommen dabei genealogische Verfahren ebenso in Betracht wie dekonstruktivistische oder negativ-dialektisch-gesellschaftstheoretische Zugänge.

Keineswegs aber, so denke ich, muss kritische Theorie sich per se darauf beschränken. Wenngleich ich mich der von Flügel-Martinsen und anderen vorgenommenen delegitimatorischen Bestimmung anschließe, so möchte ich an einer Stelle über dieses solcherart begrenzte Portfolio hinausgehen und für eine nicht nur negativistische Delegitimationsstrategie plädieren. Um diese delegitimationsinterne Differenzierung deutlicher zu markieren, ist zunächst erneut ein Schritt zurückzutreten und die Differenzierung von legitimatorischer und delegitimatorischer Theorie nochmals anders zu adressieren.

Um die Unterscheidung noch stärker zu konturieren, könnte es sich als gewinnbringend erweisen, sich damit auseinanderzusetzen, welche Fragen eine Theorie im Rahmen ihrer Beschäftigung mit dem „Problem überindividueller Ordnung“ jeweils beantwortet bzw. sich zur Beantwortung vorlegt. Mein Vorschlag hierzu ist, zunächst zwischen drei Fragen zu unterscheiden, wovon legitimatorische Theorien die ersten beiden Fragen beantworten und die dritte aus diversen Gründen zurückweisen bzw. unberücksichtigt lassen. Delegitimatorische Theorien hingegen beantworten alle drei Fragen.

Frage 1:

Was ist der Fall?

Frage 2:

Was steckt dahinter?

Frage 3:

Warum ist das nicht notwendigerweise so?

Dabei will ich die ersten beiden Fragen nicht im luhmannschen Sinne verstanden wissen. Gerichtet gegen Marx und die kritische Gesellschaftstheorie aus Frankfurt – kulminierend in dem provokanten Schlachtruf „Keine elfte These mehr!“ (Luhmann 1993, S. 249) –, verband Luhmann in seiner Bielefelder Abschiedsvorlesung die erste Frage mit positivistischer Beobachtung und Beschreibung, die zweite hingegen mit dem kritisch-theoretischen Anspruch auf das Offenlegen tieferliegender Machtverhältnisse und -dynamiken. Dem de-/legitimatorischen Charakter politischer Theorien entsprechend, möchte ich diese Bestimmung dahingehend ändern, dass ich die beschreibende oder konstatierende Komponente von Theorien nur der ersten Frage zuordne, wohingegen die zweite Frage auf Erklärung bzw. Rechtfertigung zielt, also der (normativen) Begründung dessen, was der Fall ist (mitunter auch: sein sollte). Die dritte Frage erst führt eine kritisch-befragende Komponente in eine politische Theorie ein, insofern sie explizit darum bemüht ist, die in Antwort 2 gegebene Begründung des in Antwort 1 konstatierten Zustands als fragwürdig und/oder kontingent, d. h. – in den Worten Horkheimers – ihren „Stempel der Bearbeitung“ (Horkheimer 1937, S. 255) aufzuweisen und damit zu denaturalisieren.Footnote 2 Schließt man diese Leitfragen nun mit der basalen Zweiteilung legitimatorischer bzw. delegitimatorischer Theorie sowie der Diskursheuristik nach Flügel-Martinsen kurz, so ergibt sich folgende Übersicht (Abb. 1).

Abb. 1
figure 1

Leitfragen, Theorietypen, Diskurse

Anhand einer sehr verkürzenden Explikation am Beispiel politischer Eigentumstheorien kann andeutungsweise klar gemacht werden, wie diese Sortierung in einem konkreten Phänomenbereich wirksam werden würde. Mit Blick auf die erste Frage ist streng genommen noch gar nicht von Theorie zu sprechen, insofern es hierbei um rein beschreibendes Konstatieren von „Faktizität“ geht, wobei – darauf wurde oben bereits mit Taylor verwiesen – auch jeder Deskription und den in ihr verwendeten Begriffen unvermeidlich eine Nichtneutralität bzw. Normativität innewohnt, sie somit von theoretischen und stets normativ imprägnierten Hintergrundannahmen zehren. Bezogen auf Fragen des Eigentums geben Antworten auf Frage 1 Auskunft über Art und Verteilung von Eigentum bzw. dessen Aneignung und finden ihren Ausdruck bspw. im Liegenschaftskataster oder einem Verfassungstext. Wird auch die Frage 2 beantwortet, so wird nicht nur eine dahingehende Aussage getroffen, dass etwas so und so ist, sondern auch erklärt, warum das so ist – oder warum es legitimerweise so ist, wie es ist bzw. so sein sollte. Somit sind dazu sogenannte deskriptiv-analytische Theorien zu zählen, die nicht nur festhalten sollen, „was der Fall ist, sondern auch erklären […], warum es der Fall ist“ (Ladwig 2008, S. 25). Ich möchte darunter aber auch jene Theorien rubrizieren, die (normativ) rechtfertigen, dass ein bestimmter Zustand gut ist, wie er ist oder dass es gut bzw. besser wäre, wenn der Zustand so und nicht anders verfasst wäre. Hinter einer Privateigentumsordnung, so könnte man mit Locke und seinen Epigonen sagen, steckt die (bzw. der Anspruch auf) Gewährleistung individueller Freiheit, oder, mit David Hume, die durch die Institution des Privateigentums gewährleistete gesellschaftliche Stabilität. Alle bisher genannten „Artikulationen“ sind legitimatorisch: die bloße Antwort auf Frage 1 durch explizite delegitimatorische Enthaltsamkeit; die deskriptiv-analytische Spielart der Beantwortung von Frage 1 und 2 durch das Selbst(miss)verständnis als – in Horkheimers Worten – „unabhängiges, ‚suprasoziales‘, freischwebendes Wissen“ (Horkheimer 1937, S. 252), insofern also der Gegenstand der Theorie als von ihr getrennt gedacht oder behauptet wird, wodurch qua vermeintlicher Neutralität an der „fortwährenden Reproduktion des Bestehenden“ mitgewirkt wird (Horkheimer 1937, S. 252, 281); die rechtfertigende Spielart durch die explizite normative Legitimation eines bestehenden oder auch eines zu verwirklichenden Zustands. Delegitimatorische Theorie verfährt hingegen so, dass sie bestehende Antworten auf die Fragen 1 und 2 sowohl in ihren impliziten wie expliziten Manifestationen herauspräpariert und einer ideenlogischen Kritik unterzieht, die deren Partikularität und historische, macht- und/oder gewaltförmige Gewordenheit offenlegt (vgl. dazu Rosa 2012). Aus dem Bereich eigentumstheoretischer Analysen wäre beispielswiese auf die diversen Stellen des marxschen Werkes zu verweisen, an denen er sowohl die destabilisierenden und freiheitsverhindernden Effekte des Privateigentums herausarbeitet als auch die von Partikularinteressen geleitete Proklamation universalistisch erscheinender Rechtfertigungsnarrative dechiffriert, oder mit dem Begriff der ursprünglichen Akkumulation die handfeste, gewaltförmige Schaffung von Tatsachen aufdeckt.

Auf dieser Grundlage lässt sich bereits ein breites Spektrum politischer Theorien sortieren und auch die damit gesetzte Bestimmung delegitimatorischer Theorie ist derart weit gefasst, dass zahlreiche Ansätze darunter rubriziert werden könnten.Footnote 3 Und doch fehlt in diesem Bild in zumindest zweierlei Hinsicht etwas. Zum einen, in analytischer Hinsicht, ist diese Aufgliederung nicht in der Lage, die gesamte Bandbreite politischer Theorien zu erfassen. Zum anderen, in ihren präskriptiven Implikationen, schriebe sie dem Unterfangen einer kritischen politischen Theorie unvermeidlich eine das Sichtfeld beschränkende Blindstelle ein, indem sie ihr Spektrum auf rein befragende Zugänge verengt. Gegen diese Verengung möchte ich für eine zweite Spielart delegitimatorischer politischer Theorie plädieren, die sich zusätzlich zu den genannten drei Fragen noch eine weitere, vierte Frage vorlegt. Der Umgang mit der vierten Frage kann als internes Problemfeld des gesamten, bis zu Marx zurückreichenden Diskurses kritischer Gesellschaftstheorien begriffen werden und stellt die Scheidelinie zweier Formen delegitimatorischer kritisch-theoretischer Praxis dar.

Diese vierte Leitfrage möchte ich wie folgt bestimmen: Wie könnte es anders/besser sein? Was mit der Beantwortung der vierten Frage zur delegitimatorischen Theorie I, der „bloß“ befragenden Theorie, hinzutritt, ist ein welterschließendes Moment – womit nicht nur die Möglichkeit des Anders-sein-Könnens (Kontingenz) aufgewiesen wird, sondern zudem und zugleich auch Gedanken über konkrete Formen und Gestalten des Anders-seins angestellt werden. Nimmt man diese Leitfrage zu den voranstehenden Überlegungen hinzu, so ergibt sich folgende tabellarische Darstellung (Abb. 2).

Abb. 2
figure 2

Leitfragen, Theorietypen, Diskurse – modifiziert

Anschließend an obige eigentumstheoretische Illustration wäre hierbei als hinzutretende Komponente beispielsweise die Theoretisierung anderer als privater Eigentumsformen wie etwa sogenannte Commons oder Trusts zu nennen (z. B. Federici 2020; Loick 2016), oder die theoriegeleitete Auseinandersetzung mit realen nichtprivateigentumsbasierten gesellschaftlichen Praktiken (vgl. etwa Hanna 2018). Ist mit der Thematisierung der vierten Frage zunächst der gesamte utopische Diskurs im politischen Denken angesprochen, so sind kritische politische Theorien als delegitimatorische Theorie II dadurch gekennzeichnet, dass sie die Beantwortung aller vier Fragen versuchen und dabei – dies erlaubt eine Abgrenzung zu anderen Vertreter*innen des utopischen Diskurses – die dritte Frage auch auf sich selbst richten, also eine dezidiert selbstreflexiv-kritische Komponente beinhalten.Footnote 4

Bildergebot: Kritische Theorie und Utopie

Ist das aber überhaupt noch K/kritische Theorie? Bekanntlich gibt es im Kosmos der auf Marx zurückgehenden kritischen Theorien eine weitverbreitete, bis zu Marx und Engels selbst zurückreichende, Utopieskepsis oder sogar -feindschaft. An prominenter Stelle formuliert etwa im Kommunistischen Manifest, wo Marx und Engels die Frühsozialisten für ihren Utopismus schelten und verspotten, oder exemplarisch verdichtet auch in Engels’ Abhandlung zur Wohnraumfrage, in der es nach einer resoluten Abkanzelung proudhonistischer Anarchisten abschließend ganz lapidar heißt: „Da wir keine utopischen Systeme für die Einrichtung der künftigen Gesellschaften zu machen haben, wäre es mehr als müßig, hierauf einzugehen.“ (Engels 1873, S. 226). Auch im Kreis der Kritischen Theorie, im engeren Sinne als „Frankfurter Schule“ verstanden, dominiert das Credo des Bilderverbots (z. B. Adorno 1970, S. 207), das in – einzeln oder kombiniert vorgetragenen – Auffassungen von Utopie als geschichtsphilosophisch unnötig, erkenntnistheoretisch unmöglich und/oder herrschaftstheoretisch unerwünscht gründet. Für Adorno besteht infolgedessen eine der gefährlichsten gesellschaftlichen Tendenzen darin, von Theorie zu verlangen, „Anweisungen für das richtige Handeln und womöglich für eine richtige Praxis hier und jetzt“ (Adorno 2008, S. 132) zu liefern.Footnote 5 Dieses rigorose Bilderverdikt findet in aller Regel auch in der einschlägigen Sekundärliteratur Erwähnung.

Und doch wird dabei leicht übersehen, dass es auch im Umfeld der frühen Kritischen Theorie ein Bewusstsein für das gab, was Ernst Bloch – zweifellos ein Mitglied der „Familie“ der klassischen kritischen Theorie, wenn auch mit unklarem „Verwandschaftsstatus“ (vgl. Raulet 1998) – einmal als den Wärmestrom des Marxismus bezeichnet hat (vgl. Bloch 1985, 241). So lässt sich eine geradezu paradigmatisch verdichtete Programmatik für eine auch utopistische kritische Theorie, die also alle vier Fragen adressiert, bei Otto Kirchheimer finden, der 1964Footnote 6 im Vorwort einer Schriftensammlung folgende Aufgaben des kritischen Politikwissenschaftlers als „Hersteller politischer Analysen“ benennt: „Es gehört zu seinem Handwerk, Regierungssysteme in voller Aktivität zu dechiffrieren, zu diagnostizieren oder in seinem Geiste bessere für sie zu substituieren“ (Kirchheimer 1964, S. 7; Hervorh.: PS). Wenn auch entgegen Kirchheimers eigener Auffassung, so unterstelle ich zumindest, Regierung in einem weiten, etwa an Foucault orientierten Verständnis begriffen wird, das heißt, als vielfältige Herrschaftsverhältnisse in ihrer intersektionalen Verwobenheit, so findet sich hier der Anspruch auf Beantwortung aller vier Fragen: Die Diagnose befasst sich mit den ersten beiden Fragen, die Dechiffrierung mit der dritten und die Substitution mit der vierten. Dieses Interesse am bzw. Bewusstsein für die Notwendigkeit des Utopischen findet sich auch schon weit früher bei Kirchheimer, etwa in seinem 1929 anlässlich des zehnten Jahrestags der Verabschiedung der Weimarer Verfassung veröffentlichten Aufsatz Verfassungswirklichkeit und politische Zukunft der Arbeiterklasse. Dort heißt es: „[D]ieses Bewusstsein, dass es ein Vorwärts gibt, müssen wir erst erkämpfen; denn bis jetzt haben wir noch nicht gelernt, uns über das Heute zu erheben. Wie um das Goldene Kalb sind wir um die reine Faktizität, das, was gerade ist, herumgetanzt […] Man verspottet heute die Utopie, weil sie nur etwas über das Morgen aussagt, man hat bisher nicht begriffen, dass es zwischen heute und morgen keine Grenze gibt. Die Utopie von heute, das ist die Wirklichkeit von morgen. Und das Bewusstsein davon, dass in dieser Utopie von heute das Morgen enthalten ist, das ist die werbende Kraft der Utopie. So stehen auch wir heute, genau wie vor vielen Jahren, wieder am Anfang, wir müssen wieder wollen lernen“ (Kirchheimer 2017, S. 185; Hervorh.: PS). Den Willen zum emanzipatorischen Wandel anzufachen, kann als ureigener Auftrag Kritischer Theorie gelten (Horkheimer 1937, S. 268), als eine Aufgabe, zu der Kritische Theorie etwas beitragen kann, ja geradezu muss. Was mit Kirchheimers Ausführungen zur „traditionellen“ Ausdeutung dieser Aufgabe hinzutritt, ist die Anerkennung der motivationalen Potenzialität von Utopie, ihrer werbenden Kraft.

Fürsprache im Kreis der Kritischen Theorie erfährt das Ansinnen der Aufnahme einer utopistischen Komponente aber mitunter auch von unerwarteter Seite, nämlich von Adorno selbst, der in einem 1964 aufgezeichneten Radiogespräch mit Ernst Bloch „in die unerwartete Rolle des Anwalts des Positiven“ (Bloch 1978, S. 364) schlüpft. Adorno unterbreitet dort zwei miteinander verknüpfte Argumente für den Utopismus, wovon ersteres deren motivationale Potenzialität würdigt und im Grunde exakt jenen von Kirchheimer angesprochenen Aspekt des Wollens der Emanzipation adressiert. Zum Diktum des Bilderverbots heißt es dort: „[D]iese Sache hat auch ihr sehr Vertracktes, denn dadurch, dass es uns verboten ist, das Bild zu machen, passiert auch etwas sehr Schlimmes, nämlich dass man zunächst einmal sich dann unter dem, was da sein soll, je mehr es nur als Negatives gesagt werden kann, umso weniger Bestimmtes mehr vorstellen kann. Dann aber – und das ist wahrscheinlich noch viel beängstigender – tendiert dieses Verbot einer konkreten Aussage über die Utopie dazu, das utopische Bewusstsein selber zu diffamieren und das zu verschlucken, worauf es eigentlich ankäme, nämlich diesen Willen, daß es anders ist“ (Bloch 1978, S. 363). Ganz ähnlich taucht der nämliche Gedanke auch in einem Vorwort Adornos zu Charles Fouriers utopischer Schrift Theorie der vier Bewegungen auf, die 1966 vom Institut für Sozialforschung neu aufgelegt wurde: „Das Verbot auszudenken, wie es sein solle, […] [d]as Verdikt über Phantasie als Phantasterei fügte sich einer Praxis ein, die sich Selbstzweck war und mehr stets im Bestehenden verstrickte, über das sie einmal hinauswollte“ (Adorno 1966, S. 6). Ebenso wie Kirchheimer und später Habermas sieht Adorno also in der (auch) theoretisch propagierten und praktizierten utopistischen Enthaltsamkeit die Gefahr einer umgreifenden Erschöpfung praktischer utopischer Energien angelegt, die letztlich konservierende oder gar regressive Effekte zu zeitigen drohe.

Adornos zweites Argument für einen gewissen Utopismus kann als von einem herrschaftskritischen Impuls getragen bezeichnet werden, insofern er in dessen Zuge die Befürchtung äußert, dass radikale Utopiefeindlichkeit, wie er sie der sozialistischen Tradition seit Marx insgesamt attestiert, ihrerseits zu einer „Ideologie für die Beherrschung der Menschen zu werden“ (Bloch 1978, S. 362) drohe. Adornos dahingehende, unter dem Eindruck der Gräuel des „Realsozialismus“ stehenden Überlegungen sind gerade auch angesichts des von Karl Popper und anderen nachdrücklich und wirkungsvoll erhobenen Totalitarismusvorwurfs gegenüber utopischen Theorieambitionen interessant. Folgendes hält er in diesem Zusammenhang fest: „[E]s ist ganz sicher so, dass das Grauen, das wir im Ostbereich heute erleben, zum Teil damit zusammenhängt, dass im Gefolge dessen, was Marx seinerzeit als Kritik an den französischen Utopisten und an Owen vollzogen hat, eigentlich der Gedanke an die Utopie überhaupt aus der Konzeption des Sozialismus verschwunden ist, dass dadurch die Apparatur, das Wie, die Mittel einer sozialistischen Gesellschaft gegenüber jedem möglichen Inhalt den Vorrang gewinnen, denn den möglichen Inhalt kann man ja nicht sagen und soll man nicht sagen“ (Bloch 1978, S. 362; Hervorh.: PS). Entscheidend ist dabei der Verweis auf die Verselbstständigung, die absolute Vorrangstellung der – in ihrer Anwendung potenziell gewaltförmigen – Mittel, die bar einer jeglichen orientierenden oder mäßigenden Zielbestimmung nur noch um ihrer selbst willen angewendet werden (müssen). Die Option einer mit antiemanzipatorischen Mitteln erzwungenen Emanzipation steht in diesem Fall gar nicht mehr zur Verfügung, da der Zweck, die emanzipierte Gesellschaft, im besten Fall noch eine leere Worthülse ist, die aber keinerlei ethische Leitplanken mehr bietet. Eine fehlende fortlaufende Verständigung über Zielvorstellungen, wozu auch das „‚Auspinseln‘ der Utopie“ (Bloch 1978, 361) gehört, so könnte man Adornos Befürchtung zusammenfassen, mündet in einen potenziell totalitären Autoritarismus der Mittelanwendung um ihrer selbst willen. Andersherum wird Utopismus damit eine delegitimatorische Potenzialität hinsichtlich einer jeglicher (emanzipatorischen) Ziele beraubten Politik der reinen Mittel zugebilligt, die ob ihrer selbstverordneten substanziellen Indifferenz zumindest latent gewaltförmig ist.

Eine utopistisch angereicherte Herangehensweise könnte im Lichte der Überlegungen Kirchheimers und Adornos also durchaus das große K für sich reklamieren.Footnote 7 Adorno hält sich freilich bedeckt, in welcher Weise und Gestalt ein „Auspinseln der Utopie“ in ein kritisches Theorieprojekt einzubeziehen wäre, sieht man einmal von dem Hinweis ab, dass eine solchermaßen erweiterte kritische Theorie zu sagen hätte, „was bei dem gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte der Menschheit möglich wäre“ (Bloch 1978, S. 363).Footnote 8 Fraglos aber ist damit eine gewisse Öffnung für und Hinwendungsbereitschaft zu utopischen Elementen vollzogen,Footnote 9 die jene Leistung von Utopien anerkennt, die Bini Adamczak in ihrer Studie Beziehungsweise Revolution pointiert formuliert: Utopien „dienen der Konstruktion temporärer Objekte eines revolutionären Begehrens oder fungieren im politischen Prozess als normativer Maßstab. Sie dienen der demokratischen Verständigung einer Bewegung über ihre Ziele und sind notwendige Konsequenz aus dem Scheitern vorhergegangener Realisierungsversuche von Utopien“ (Adamczak 2017, S. 47). So verstanden haben Utopien und Utopismus durchaus (oder besser: insbesondere) als relevante Objekte und als Formeigenschaft kritischer Theorien zu zählen, die sich als „die intellektuelle Seite“ (Horkheimer 1937, S. 268) historischer Emanzipationsprozesse verstehen wollen.

Entsprechende Interessensbekundungen an einer utopischen Komponente lassen sich tatsächlich auch in einigen wenigen Stimmen der jüngeren Selbstverständigungsdiskurse der K/kritischen Theorie vernehmen, etwa bei Maeve Cooke (2004, 2009), Nikolas Kompridis (2006), Michael Hirsch (2019) oder Hubertus Buchstein, der einer an Kirchheimer orientierten kritischen Theorie als Kritischem Institutionalismus dezidiert die „Beteiligung an der Suche nach […] institutionellen Alternativen“ (Buchstein 2019, S. 142) anempfiehlt. Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang auch Hartmut Rosa, der seiner schon früh zur Aufgabenbeschreibung einer kritischen Sozialwissenschaft vorgetragenen „politischen Ornithologie“ von Eule der Minerva und kapitolinischer Gans unlängst die Figur des Phoenix hinzugefügt hat, welcher für die erschließende Funktion der Sozialwissenschaften als „Labor für eine bessere Gesellschaft“ steht (vgl. Rosa 2013, o. S.)Footnote 10 und etwa in den Jenaer Forschungen zu den Konturen einer Postwachstumsgesellschaft eine materielle Anreicherung erfuhr (vgl. Dörre et al. 2019).

Verbreitet ist in diesem Zusammenhang die beflissene Beteuerung, dass die Integration einer utopischen Komponente keinesfalls in die sozialwissenschaftliche Produktion finalistischer Utopien in Form von Blaupausen und Anweisungen münden solle, worin in eigentümlicher Weise eine gewisse Überschätzung des Status von Intellektuellen (dazu Adamczak 2017, S. 264) sowie eine theoriepolitische Unterwerfungsgeste angesichts der Wirkmächtigkeit eines auf Popper und andere zurückgehenden liberalen Antiutopismus zusammenfließen. Wenn ich nun für eine auch utopistische kritische Theorie der Politik plädiere, so geht es auch mir freilich nicht um intellektuelle Blaupausen, die die politischen Philosoph*innen als „Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte“ (Marx 1844a, S. 344) liegen haben, nicht um ein für alle Male feststehende Modellierungen, die einen absoluten Geltungsanspruch erheben, technizistisch umzusetzen und zu diesem Zwecke bloß an „die Massen“ weiterzugeben wären. Und doch sollte – und kann – eine kritische politische Theorie mehr leisten, als sich auf ihren „befragenden“ Aspekt zu beschränken, die Negativität zu fetischisieren und die Offenheit emanzipatorischer Kämpfe grundsätzlich zu hypostasieren (so auch Adamczak 2017, S. 265). Freilich sollen nicht unbedingt wieder klassische Staatsromane geschrieben werden; vielmehr müsste die utopistische kritische Theorie – um einen Ausdruck Walter Benjamins aufzugreifen – „irgendwie anders“ verfahren.

„Irgendwie anders“ – Theorie der Zellen einer neuen Welt und Theorie als Zelle der neuen Welt

Wie aber könnte sie verfahren? Wie könnte – dabei die der utopistischen Selbstbeschränkung zugrundeliegenden Bedenken ernst nehmend – der Hinweis Herbert Marcuses begriffen und umgesetzt werden, dass kritische Theorie zwar „keine Angst vor der Utopie“, es aber auch „nicht mit der Verwirklichung von Idealen zu tun [hat], die an die gesellschaftlichen Kämpfe herangetragen werden“ (Horkheimer und Marcuse 1937, S. 637 und S. 639)? Nicht viel mehr als einen Fingerzeig liefert Horkheimer selbst in seinem programmatischen Aufsatz zur kritischen Theorie, wenn er ganz beiläufig vermerkt, dass bereits „[i]n der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden […] etwas von der Freiheit und Spontaneität der Zukunft auf[scheint]“ (Horkheimer 1937, S. 271). Diesen Fingerzeig gibt deutlich später auch Marcuse in seinem Eindimensionalen Mensch, wenn er in den diversen Praktiken und Organisationsformen emanzipatorischer und herrschaftskritischer Bewegungen einen auf „empirischem Boden“ realisierten „transzendenten Entwurf“ erkennt, mit dem „reale Möglichkeiten“ vorweggenommen werden (vgl. Marcuse 1994, S. 235, S. 231, S. 227).Footnote 11 Damit bekommt eine nicht distanziert normativ konstruierend wollende kritische Theorie eine Richtung gewiesen für eine erste Annäherung an „Utopie“.

Eine auch utopistische kritische Theorie der Politik müsste den Blick zuvorderst auch auf bestehende politische Bewegungen richten und dabei wahrnehmen und analysieren, dass, wo und wie in deren Praktiken und eigenen Theorien der Anspruch auf ein anderes und besseres Miteinander explizit wie implizit verkörpert ist – wo also Utopien, so kleinteilig und unzureichend das auch der Fall sein mag, im Hier und Jetzt „von unten“ experimentell produziert und gelebt werden. Sie würde dann nicht vorrangig selbst Utopien produzieren, sondern theoretische wie praktische Utopien aus emanzipatorischen Bewegungen zum Gegenstand machen – und zwar zum Gegenstand der Analyse wie auch des dialogischen Austauschs mit den Bewegungsakteuren selbst, um so dem Anspruch auf die Herausbildung einer dynamischen Einheit von Theorie und Praxis gerecht zu werden (dazu Horkheimer 1937, S. 269).Footnote 12 Eine solche kritische Theorie der Politik würde die Utopien organischer Bewegungsintellektueller sowie konkrete Utopien, die im Hier und Jetzt Transformation und Anders-sein-Können experimentell erproben, kritisch reflektierend begleiten, sie sichtbar(er) machen und verbreiten. Sie könnte somit für emanzipatorische Bewegungen als Dokumentarin und als kritische Gesprächspartnerin dienen, wie auch – in ihrer ideengeschichtlich informierten Ausprägung – als Archivarin fungieren, die konkrete historische Experimente und Erfahrungen speichert, kritisch reflektiert und durch die Zeit transportiert, um künftigen emanzipatorischen Kämpfen als Munition oder auch Warnschild zu dienen (vgl. z. B. Llanque 2008; Rancière 2013). Im Aufweisen gegenwärtiger, wie auch im Aufbewahren vergangener experimenteller utopischer Praktiken besteht dabei auch der wesentliche delegitimatorische Beitrag, den sie zu leisten imstande ist, insofern damit der performative Nachweis von realen Alternativen zu vermeintlichen Alternativlosigkeiten erbracht wird.Footnote 13

Orientierung für ein derartiges Unterfangen können einige Ansätze bieten, die nicht dem Spektrum Kritischer Theorie im engeren Sinne zuzuordnen sind. So kann stellvertretend für ein ganzes Bündel an Arbeiten aus dem Bereich der Utopieforschung auf die Arbeiten Rhiannon Firths (z. B. 2019) hingewiesen werden, die die Erträge einer ethnografisch unterfütterten politikwissenschaftlichen Beschäftigung mit bereits im Hier und Jetzt existierenden „Utopien“ hervorhebt, wovon sie sich eine Inspirationsleistung für künftige soziale Kämpfe ebenso erhofft, wie auch einen Beitrag zum internen Selbstverständigungsprozess von Bewegungen über Probleme, die sich im Rahmen derartiger utopischer Praktiken ergeben. Die von ihr genannte Bestimmung eines mit sogenannten intentionalen utopischen Gemeinschaften befassten methodologischen Utopismus weist deutliche Parallelen zu einer von mir anvisierten, in zweierlei Hinsicht delegitimatorischen kritischen politischen Theorie auf: „A key function of utopianism is to critique and transgress taken-for-granted assumptions and to reveal them as political choices rather than ontological necessities. Intentional communities posit alternatives: gift economies, face-to-face relationships and consensus decisions in small, loosely federated groups. In so doing, they de-naturalise taken-for-granted assumptions about human nature, economy and belonging. This is both a critical and a utopian approach“ (Firth 2019, S. 504). Aus dezidiert politikwissenschaftlicher Perspektive hat vor einigen Jahren auch James Tully eine Lanze für die dialogische Erforschung praktischer Utopien gebrochen. Aufgrund einer unverhohlenen Skepsis hinsichtlich der Problemlösungsfähigkeiten von Staaten und ihrer repräsentativen Institutionen angesichts globaler Krisen, richtet Tully seinen Blick auf diverse aktivistische Praktiken, in denen er Manifestationen einer gegenhegemonialen transformativen cooperative citizenship erkennt, die „begin to bring the other world of change into being here and now“ (Tully 2010, S. 28). Mit Verweis auf Kropotkin erkennt er in derartigen konkret-experimentalistischen Projekten vielfältige mutualistische Sorgepraktiken, die den Sozialwissenschaften als „social science laboratories“ (Tully 2010, S. 15) dienen sollten, in denen innovative und emanzipatorische Problemlösungs- und Vergesellschaftungsmodi praktisch erprobt werden. Solcherart aktivistisches Wissen und Erfahrungen einerseits für die politiktheoretische Forschung frucht- und nutzbar zu machen, sowie andererseits politikwissenschaftliche Expertise in die Bewegungen zurückzuspielen, war bereits das zentrale Anliegen seiner Anfang der 2000er-Jahre elaborierten Political Philosophy as Critical Activity bzw. Public Philosophy, die er zwar im akademischen Betrieb verankert sieht, aber „in a relationship of reciprocal elucidation with the parties engaged in struggles“ stehend wissen will, „where research illuminates the limitations and possibilities in practice and practice tests the relevance of theory“ (Tully 2008, S. 315). Als von diesem Geist getragen kann etwa auch das von Erik O. Wright initiierte und mit einem theoretischen Unterbau versehene Real Utopias-Project gelten, aus dessen mehrjähriger Arbeit eine mittlerweile sechsbändige Buchreihe hervorgegangen ist, die sich den alternativen Entwürfen und existierenden Praktiken realer Utopien in den „Räumen und Rissen der kapitalistischen Welt“ (Wright 2017, S. 11) widmet und dabei Themenfelder wie alternative Ökonomien, partizipatorische Demokratieformen und Geschlechtergerechtigkeit adressiert. Auch die ganz wesentlich von Bloch inspirierten Forschungsarbeiten der britischen Politikwissenschaftlerin Davina Cooper zu alltäglichen Utopien (vgl. Cooper 2014) und Ruth Levitas’ (2013) sozialwissenschaftlicher Ansatz einer Imaginary Reconstitution of Society (IRS) widmen sich explizit einer dialogischen Erkundung präsentischer Utopien, wobei insbesondere Letztere auch den proaktiven Beitrag der politik- und sozialwissenschaftlichen Theorie beim Entwerfen alternativer institutioneller Konstellationen betont, das sie im architectural mode des IRS-Projekts verortet: „The architectural mode is precisely what characterizes the literary form of utopia, and gives it its sociological character. It involves the institutional design and delineation of the good society – and, in the case of intentional communities or prefigurative practices, its partial concrete instantiation“ (Levitas 2013, S. xvii). In beiden Ansätzen, Coopers ebenso wie Levitas’, wird die welterschließende und transformationsermöglichende Potenzialität intentionaler, präsentisch-utopischer Projekte hervorgehoben, aus der auch eine utopistische kritische politische Theorie schöpfen könnte.

Indem also die politik- und sozialwissenschaftliche Forschung sich explizit reale Utopien als Objekte der Analyse vorlegt, erhält auch der Topos des Präfigurativen Einzug in die Theorie. Präfigurative Praktiken, gelebte Antworten auf die Frage, wie es anders bzw. besser sein könnte, werden als ihr Gegenstand Teil eines entsprechenden utopistischen Theorieprojekts. Insofern sich die jeweilige Theorieproduktion dabei in ein kritisch-solidarisches Verhältnis zu solchen Praktiken setzt, nimmt sie die Form einer – nach innen wie außen – kritischen politischen Theorie an.Footnote 14 Damit ist jedoch lediglich eine Dimension des Präfigurativen in kritischen politischen Theorien angesprochen. Daneben, so möchte ich zeigen, lassen sich noch zwei weitere Dimensionen identifizieren.

Mit Verweis auf den proaktiven Beitrag des architectural mode von Politikwissenschaft im Sinne Levitas’ hat sich bereits eine zweite Dimension angedeutet. Das Präfigurative kann in einer kritischen politischen Theorie auch insofern aufscheinen, als sie selbst auf konzeptueller, begrifflicher und modellierender Ebene welterschließend wirksam wird. Die Sozialphilosophin Margaret Davies greift zur Beschreibung dieser Leistung explizit auf die aktivistische Terminologie der präfigurativen Politik zurück und versucht diese auch für die Theorieproduktion fruchtbar zu machen: „[T]heory has an important role in reimagining the world and prefiguring the future […] For many years, activists have used the term ‚prefigurative politics‘ to refer to a mode of activism that imagines the future and to bring it into the present as a model of life. In the absence of epic revolutionary change, prefigurative politics encourages people to ‚be‘ the change, or to live as far as possible as though the conditions for an improved society are already with us. In this way, activism becomes constructive rather than negative, critical or idealistic. […] The theoretical parallel, developed in conjunction with materialist-performative-new empiricist approaches, is that theorists also have choices over our abstractions and can prefigure and thereby test alternative conceptual resources. […] Clearly, as theorists, we cannot make anything, since even a theoretical performance has to be meaningful and therefore relate at some point to existing constructions, even as it might attempt to move beyond them. The present and past are a constraint on what can be prefigured. At the same time, a thought of utopia […] is intrinsic to prefigurative theory“ (Davies 2016, S. 39). In ganz ähnlicher Weise hat auch Cooper in jüngeren Arbeiten für eine Modellierung politischen Theoretisierens als – aktivistische präfigurative Praktiken flankierende – conceptual prefiguration plädiert (z. B. Cooper 2020). Tritt diese – dem „klassischen“ Genre des Utopismus am nächsten kommende – Komponente hinzu, so rangiert eine solchermaßen utopistische bzw. präfigurative kritische politische Theorie gegenüber ihren Adressat*innen nicht nur als Dokumentarin und Archivarin, sondern auch als Stichwortgeberin für sozialen Wandel.

Versteht man aber die theoretische Präfiguration nicht nur in einem deskriptiv-erschließenden Sinn,Footnote 15 sondern als Überlegungen, die dezidiert auf Modellierungen besserer Formen des Miteinanders zielen, so sähe sich eine derart verfahrende kritische politische Theorie mit einer unaufhebbaren Widersprüchlichkeit konfrontiert, zöge doch mit dem präfigurativen Anspruch unbestreitbar ein begründendes, legitimatorisches Element – und damit eine gehaltvolle Normativität – in sie ein. Im Kontext der Kritischen Theorie sind demgegenüber bekanntlich zumindest zwei Bedenken vorgebracht worden. Einerseits bezüglich der damit potenziell einhergehenden paternalistischen Bevormundung politischer Akteure, andererseits hinsichtlich der möglichen Verstrickung in bestehende Herrschaftsverhältnisse. Beide Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen und sollten durchaus ernst genommen werden. Wenngleich meines Erachtens keine Möglichkeit besteht, diese Bedenken grundsätzlich aus der Welt zu räumen, so lässt sich womöglich ein Weg kritischen Theoretisierens skizzieren, wie ihnen gleichzeitig auf eine Weise begegnet werden kann, die sie weder leugnet noch sich von ihnen paralysieren lässt. In Ermangelung einer besseren Bezeichnung werde ich von kritischer NormativitätFootnote 16 sprechen.

Zunächst zu Zweiterem: Das positive Reden über oder von Normen, so eine verbreitete, nicht völlig unplausible Annahme, laufe Gefahr, sich ungewollt zum Komplizen der herrschenden Verhältnisse zu machen, da es sich unvermeidlich begrifflich und kategorial in deren Bahnen bewegen muss und damit an ihrer Reproduktion mitwirkt. Bei Horkheimer begegnet diese Befürchtung im entschiedenen Verdikt, dass der kritische Theoretiker den „Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen“ (Horkheimer 1937, S. 261) ausschließlich als etwas ihm Verdächtigem zu begegnen habe. Für die Theoriebildung kann das a‑normativistische Konsequenzen haben. Angesprochen ist damit eben jenes Dilemma, das Micha Brumlik einmal als Wurzel eines utopischen Quietismus im politischen Handeln identifiziert hat und das gleichermaßen auch auf politisches Theoretisieren übertragen werden kann: „In dem Ausmaß, in dem die Heillosigkeit der Welt nach veränderndem Handeln schreit, wird jede Handlung durch die Einsicht in ihre Verstrickung in eben diese heillose Gegenwart diskreditiert. Ein utopischer Quietismus ist die Folge“ (Brumlik 1986, S. 39). Eben darin gründet der oben verhandelte Grundimpuls zu einer negativistischen Theorie und eingedenk einer als „total verwaltet“ empfundenen Welt ergibt es durchaus Sinn, jegliche positiv-normative Betätigung radikal und kategorial zu verweigern. Gleichwohl aber nötigt Horkheimers Postulat der Verdächtigkeit keineswegs zwangsläufig zu einem umfassenden utopietheoretischen Defätismus, muss Normativität nicht rundheraus eine Absage erteilt werden. Entscheidend dürfte vielmehr sein, einen Zugang zu und Umgang mit Normativität zu finden, der deren Verdächtigkeit in Sachen Komplizinnenschaft zu den herrschenden Verhältnissen gerecht wird.

Einen Zugang zu einer die kritische Theorie orientierenden Normativität legt Horkheimers oben bereits erwähnte Überlegung nahe, dass in den Praktiken widerständiger emanzipatorischer Bewegungen etwas anzutreffen sein könnte, worin die noch zu erkämpfende Zukunft bereits aufscheint (vgl. Horkheimer 1937, S. 217), worin also eine neue Normativität zumindest in Umrissen erkennbar wird, die auch als Stimulans normativer Modellierungen einer kritischen politischen Theorie fungieren kann. In dieser Weise, der Verpflichtung auf Praxis als – auch in normativer Hinsicht – „Kraftquelle von Theorie“ (Adorno 2003c, S. 782), wird der Versuchung prozedural Vorschub geleistet, bloß hehre Ideale von außen an die gesellschaftlichen Kämpfe heranzutragen und dadurch womöglich gar als Kritik Ideologie zu sein (dazu Reitz 2017). Eben darin sieht Marcuse die Differenz zur Philosophie, die in seinem Verständnis in etwa dem gleichkommt, was oben mit Flügel-Martinsen als begründender Diskurs des Politischen eingeführt wurde: „[A]nders als die Philosophie gewinnt sie [die kritische Theorie; PS] ihre Zielsetzung immer nur aus den vorhandenen Tendenzen“ (Horkheimer und Marcuse 1937, S. 637). In puncto Zugang wäre somit festzuhalten, dass die primäre Quelle von kritisch-theoretischer Normativität in emanzipatorischen Bewegungen verortet werden sollte. Dieser Primat der Bewegungsnormativität in Fragen des „Zugangs zu“ impliziert aber keine prinzipielle „Unantastbarkeit“ derer Normen bei ihrer Aufnahme in eine kritische politische Theorie. Damit ist die Frage nach dem „Umgang mit“ angesprochen. Denn kritische Normativität kann und soll nicht bedeuten, entsprechende Praktiken und Ideale der Bewegungen bloß affirmativ zu duplizieren oder mit theoretischen Weihen zu versehen. Auch auf diesen Punkt hat bereits Horkheimer in einer näheren Bestimmung der Beschaffenheit der von ihm propagierten dynamischen Einheit von Theorie und Praxis mit Blick auf die suspekt gewordene Arbeiter*innenschaft hingewiesen: „Eine Haltung, welche […] ihre Richtschnur von Gedanken und Stimmungen der Massen bezöge, geriete selbst in sklavische Abhängigkeit vom Bestehenden. Der Intellektuelle, der nur in aufblickender Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündigt und sein Genüge darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, übersieht, dass jedes Ausweichen vor theoretischer Anstrengung, die er in der Passivität seines Denkens sich erspart, sowie vor einem zeitweiligen Gegensatz zu den Massen, in den eigenes Denken ihn bringen könnte, diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müssen“ (Horkheimer 1937, S. 267–268; Hervorh.: PS).

Horkheimer ist in dieser Hinsicht zuzustimmen und gleichwohl ist darauf zu insistieren, dass kritische Normativität auch keine „Einbahnstraße“ sein sollte. Bei aller Berechtigung der horkheimerschen Haltung trägt sie potenziell doch eine gewisse Arroganz des Theoretikers zur Schau, die den Auftrag zur Herstellung eines „zeitweiligen Gegensatzes“ einseitig auf dessen Seite sieht und in der Marx’ fragwürdige Unterscheidung von Kopf und Herz der Emanzipation widerhallt (vgl. Marx 1844b, S. 391; dazu auch Cleikates 2009). Den Gefahren einer Verstrickung in bestehende Herrschaftsverhältnisse, aber auch der paternalistischen Bevormundung von politischen Akteuren wäre dementgegen am ehesten dann beizukommen, wenn das Verhältnis von kritischen Theoretiker*innen und Aktivist*innen als ein mutualistisches Verhältnis der wechselseitigen Inspiration und Kritik angesehen werden würde. (Normative) Theorieproduktion wird dann nicht ausschließlich als innerakademisches Unterfangen begriffen. Vielmehr wird anerkannt, dass auch aus den Bewegungen selbst heraus eigene (normative) Theorien entwickelt werden, die ihrerseits wiederum in eine Beziehung der kritisch-solidarischen Bezugnahme auf die akademische Theorieproduktion treten können.Footnote 17 Eine dahingehende Modellierung wurde oben bereits mit Blick auf Tullys Public Philosophy gestreift, aber auch die von Burawoy (2005) und anderen propagierte Public Sociology könnte hier als Inspirationsquell für eine auch in dieser Hinsicht aktivistische kritische politische Theorie dienen.Footnote 18 Die Aktivistin ist dabei immer auch ein Stück weit kritische Theoretikerin, der kritischer Theoretiker immer auch ein Stück weit Aktivist.

Eine kritische politische Theorie könnte in mehrerlei Hinsicht davon profitieren, auch die nichtakademische Wissensproduktion zu berücksichtigen, sie ernst und in sich aufzunehmen. Zum einen, darauf hat nicht zuletzt die feministische standpoint theory hingewiesen, ermöglicht es, mehr und besser zu sehen, was wie der Fall ist und was dahinter steckt, insofern Herrschaftsunterworfene, Benachteiligte und Ausgeschlossene in gewissen Hinsichten eine epistemische Privilegierung für sich beanspruchen können (dazu z. B. Wylie 2003). Ihre spezifischen Erkenntnisse und Ansichten können spezifische Formen und Funktionsweisen von Repression und Herrschaft überhaupt erst für andere Perspektiven eröffnen und es einer kollaborativen Theorieproduktion damit erleichtern, die hegemoniale Wissens- und Machtformation adäquat auszuleuchten, ihren Filter zu durchdringen und gegebenenfalls zu durchbrechen (so z. B. Luchies 2015). Zum zweiten wird durch die Einbindung subalterner Stimmen und Perspektiven in die Wissensproduktion vermieden, vorschnell einem epistemologischen Autoritarismus zu verfallen, der sich auch in der Tradition kritischer Theorien immer wieder bemerkbar machte und stets Gefahr läuft, sich zusätzlich in einen ethischen Autoritarismus zu übersetzen (dazu Cooke 2005). Den epistemologischen und ethischen Autoritarismus durch das Dialogprinzip bestmöglich zu vermeiden versuchend, wird eine solche kritische Theorie der Politik somit auch in ihrem eigenen Prozessieren emanzipatorisch wirksam, nicht (nur) indem sie eine organisierende Wirkung auf emanzipatorische Bewegungen entfaltet, sondern gerade (auch) dadurch, dass sie klassische Hierarchien der Wissensproduktion unterläuft und erodiert, somit ein emanzipiertes Miteinander auch in der Form der Theorie präfiguriert. In dieser wechselseitig korrektiven Weise kann kritische Normativität vermutlich am besten gewährleistet und einer dogmatischen Verhärtung von „reinnormativen“ Begründungsansprüchen (dazu Geuss 2019, insb. S. 357f.) entgegengewirkt werden. Sie geht das unvermeidliche Risiko des Begründens ein, ist aber bestrebt, sich durch das mutualistische Ko-Theoretisieren selbst unter experimentalistischen, für Selbstkorrekturen offenen Vorbehalt zu stellen. Die Frage 3, also die Frage nach der Notwendigkeit des Konstatierten, so wäre anknüpfend an obige Schematisierung zu sagen, müsste im Rahmen einer kritischen politischen Theorie eben stets auch auf sich selbst gerichtet mitverhandelt werden.

Darin scheint abschließend nun auch die dritte Dimension des Präfigurativen auf, wie es sich in kritischen politischen Theorien zu manifestieren vermag. Trotz des bei ihm letztlich dominierenden Monodirektionalismus der Theoriearbeit lassen sich auch dazu bei Horkheimer zumindest Spuren einer dahingehenden Intuition identifizieren, etwa wenn er das Vorscheinen der Zukunft, also der freiheitlich-egalitären Kooperation, als Marker einer emanzipatorischen Normativität nicht nur in der kämpferischen Praxis sieht, sondern sie insbesondere auch für den „Aufbau der Theorie“ selbst einfordert (Horkheimer 1937, S. 271). Horkheimer äußert jedoch nicht, was eine derartige Ausrichtung für den Stil eines kritischen Theoretisierens bedeuten würde. Eine Anregung könnte in diesem Zusammenhang Antonio Gramsci liefern, in dessen Werk sich die Figur des „demokratischen Philosophen“ findet, den er – ähnlich wie den modernen Fürsten – eher als Kollektivsubjekt, denn als Einzelperson begreift. Mit Verweis auf reformpädagogische Ansätze seiner Zeit beschreibt Gramsci den demokratischen Philosophen als eine Art Konglomerat aus – nach herrschendem Verständnis – intellektuellen wie nichtintellektuellen Individuen, die in einer Art wechselseitigem Lehrer-Schüler-Verhältnis stehen, das er als „ein aktives Verhältnis wechselseitiger Beziehungen“ propagiert, in dem „jeder Lehrer immer auch Schüler und jeder Schüler Lehrer ist“ (Gramsci 2012, H. 10, § 44, S. 1335–1336).

Ein solcherart demokratisiertes und demokratisierendes Verständnis von Wissens- und Theorieproduktion funktioniert als kollaborativ-dialogisches Weltinterpretieren zum Zwecke der Veränderung von Welt. Dies käme einer 1938 von Horkheimer in seinem berühmten Montaigne-Aufsatz formulierten Intuition entgegen, die sich als Plädoyer für eine Symbiose von emanzipatorischer Theorie und Praxis im Projekt kritische Theorie lesen lässt und sogar auf die präfigurativen Züge eines solchen Kollaborativprojekts verweist: „Was im 16. Jahrhundert Reformation und Skepsis einander entgegensetzte, einerseits die fanatische Spontaneität, andererseits der Humanismus, hat sich aus diesen Lebensformen gelöst und ist in eine Theorie und Praxis übergegangen, die als aktiver Humanismus den Gegensatz überwindet und bewahrt. Es ist die kritische Theorie und die historische Anstrengung, zu der sie gehört. Konkret ist sie bei denen anzutreffen, die in den autoritären Staaten und solchen, die es werden wollen, die Zellen einer neuen Welt bilden“ (Horkheimer 1938, S. 52; Hervorh.: PS).

Eine derart ausbuchstabierte kritische politische Theorie ist fraglos ein herausforderndes Unterfangen, dessen umfängliche Realisierbarkeit und „Effektivität“ erst noch und immer wieder praktisch unter Beweis zu stellen wäre. Im Idealfall aber würde sie emanzipatorischen Bewegungen als Dokumentarin und Archivarin, als Stichwortgeberin und als ebenbürtige, kritische Gesprächspartnerin dienen. Im Aufweisen und Entwerfen gegenwärtiger, wie auch im Aufbewahren vergangener experimenteller utopischer Praktiken besteht dabei auch der wesentliche delegitimatorische Beitrag, den sie zu leisten imstande ist, insofern damit der performative Nachweis von (realen) Alternativen zu vermeintlichen Alternativlosigkeiten erbracht wird. Eine so verfahrende kritische Politikwissenschaft beschäftigt sich nicht nur mit den Zellen einer neuen Welt, den praktisch-präfigurativen Experimenten politischer Bewegungen, sondern sie ist selbst auch bereits eine. Das Präfigurative, so ließe sich das nochmals in anderen Worten zusammenfassen, erscheint damit als Gegenstand, Aufgabe und Wesensmerkmal einer auch utopistischen kritischen Theorie der Politik.