Ausgangssituation

Die Mündung des Flusses Traisen, einer der größten Donauzuflüsse in Niederösterreich, wurde beim Bau des Donaukraftwerks Altenwörth in den 1970er-Jahren rund 7,5 km flussab verlegt. Der Fluss mündet seither in den Stauwurzelbereich des Unterlieger-Kraftwerks Greifenstein.

Das Flussbett wurde als reguliertes, geradliniges, wiederkehrend abgetrepptes und vom Umland weitgehend isoliertes Gerinne durch die zwischenzeitlich zum Natura-2000-Gebiet erklärten „Tullnerfelder Donauauen“, das größte zusammenhängende Auwaldgebiet Österreichs, trassiert (Abb. 12 und 3).

Abb. 1
figure 1

Lage des Projektgebiets

Abb. 2
figure 2

Donau und umgeleitete Traisen beim Bau des KW Altenwörth (a) und monotone Traisen (b)

Abb. 3
figure 3

Historische Mündung der Traisen (blauer Kreis, links) und Donau-Augebiet vor Errichtung des KW Altenwörth (Standort des heutigen KW Altenwörth: blauer Kreis, rechts)

Projektziele

Das übergeordnete Ziel des LIFE+ Projekts ist die ökologische Verbesserung des Augebiets und des Mündungsabschnitts der Traisen im Natura-2000-Gebiet „Tullnerfelder Donau-Auen“.

Die Schwerpunkte des Projektes sind

  • die Schaffung eines neuen Flussbetts mit großer morphologischer Vielfalt und Dynamik und intensivem Kontakt zum umgebenden Auwald,

  • die Herstellung großflächiger Überschwemmungszonen als Basis für den prioritären FFH-Lebensraumtyp 91E0 mit typischen Silberweidenbeständen,

  • die Wiederherstellung der freien Passierbarkeit für Fische und andere aquatische Organismen zwischen Traisen, Donau und angrenzenden Augewässern,

  • die Vernetzung zahlreicher Augewässer mit dem neuen Flusslauf,

  • die Neuanlage weiterer Auweiher und Stillgewässer.

Durch die Neugestaltung der Traisen entstanden großflächige Fließgewässer- Lebensräume, die einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung des guten ökologischen Potenzials im angrenzenden Wasserkörper der Donau (das ist der Stauraum des Donaukraftwerks Greifenstein) liefern werden.

Als Rahmenbedingung musste die Höhenlage des mittleren Grundwasserspiegels weitgehend beibehalten werden. Außerdem durfte die Hochwasserschutzsituation für den Donau-Rückstaudamm des Donaukraftwerks Altenwörth sowie für die außerhalb des Projektgebiets liegenden Flächen nicht nachteilig verändert werden (vgl. Kap. 5.).

Neues Leitbild

Die gewässertypische („natürliche“) Traisen war ein hoch dynamischer, gewunden-verzweigter Fluss mit großflächigen Kiesbänken, Seitenarmen und einem rd. 400 m breiten Aubereich.

Die Traisen weist einen Mittelwasserabfluss von ca. 14 m3/s auf. Das einjährliche Hochwasser (HQ1) beträgt 100 m3/s, das HQ100 800 m3/s.

Aufgrund der Laufverlegung beim Kraftwerksbau weist die Traisen im heutigen Mündungsabschnitt nur mehr rund 10 % ihres natürlichen Gefälles (0,4 ‰ statt 3,1 ‰) auf. Der bordvolle Abfluss liegt im natürlichen Gewässerbett bei ca. 140 m3/s (ca. HQ1,5). Der Geschiebeeintrag aus der wesentlich steileren Oberliegerstrecke wird durch ein Ausschotterungsbecken unmittelbar flussauf des Projektgebiets weitestgehend unterbunden.

Für die Planung des neuen Traisenabschnitts konnte daher der historische, „gewunden-verzweigte“ Flusstyp mit Seitenarmen und großflächigen Schotterflächen nicht mehr als Leitbild herangezogen werden. Auf Grundlage flussmorphologischer Modelle und in Anlehnung an naturnahe Gewässer mit vergleichbaren abiotischen Rahmenbedingungen (vor allem Gefälle und Abfluss) wurde für den Mündungsabschnitt ein „neuer“, mäandrierender Flusstyp festgelegt. Anhand hydraulischer Modellrechnungen wurden die Flussbettdimensionen überprüft bzw. im Detail ausgearbeitet (Abb. 4).

Abb. 4
figure 4

Großflächige Kiesinseln und Seitenarme waren charakteristisch für die ursprüngliche Traisen (ac); tiefe Rinner und Furten entsprechen dem neuen morphologischen Flusstyp der Traisenmündungsstrecke (bd, am Beispiel der dem Typ entsprechenden Raab bei Körmend)

Ökologische Optimierung des Gewässerverlaufs

Im Zuge der erforderlichen Umweltverträglichkeitserklärung (UVE, vgl. Kaufmann et al. 2018) bzw. der parallel laufenden wasserbaulichen Einreichplanung erfolgte eine Optimierung des in den vorigen Projektphasen geplanten Gewässerverlaufs. Als Basis hierfür diente eine im Jahr 2009 durchgeführte flächendeckende Neuerhebung der zurzeit im Projektgebiet befindlichen Schutzobjekte und wertvollen Lebensräume.

Bei den Erhebungen der Fachbereiche Vegetation, Fische, Libellen, Amphibien, Käfer, Schmetterlinge, Heu- und Fangschrecken, Fledermäuse und Vögel wurden insgesamt 225 Tierarten bzw. Lebensraumtypen nachgewiesen. Für weitere 24 Tierarten wurde von einem Vorkommen im Projektgebiet ausgegangen, da sie in den angrenzenden Regionen des Natura-2000-Gebiets Tullnerfelder Donauauen vorkommen und im Projektgebiet prinzipiell Lebensräume vorfinden würden. Insgesamt waren 118 Arten oder ca. 50 % in der Roten Liste erfasst, wobei alle Gefährdungsstufen bis hin zu „vom Aussterben bedroht“ vertreten waren.

Um die ökologischen Auswirkungen des Projekts zu minimieren, wurden Verlauf und Detailgestaltung des „Korridors“ für die neue Traisen in zahlreichen Projektbesprechungen iterativ optimiert. Um durch die Baumaßnahmen vor allem die wertvollsten Lebensräume der Indikatorgruppen zu schützen, wies jeder Fachbereich die Flächen mit „sehr hoher“ und „hoher“ Sensibilität aus, die laut UVE-Konzept von den Baumaßnahmen möglichst ausgespart bleiben sollten. Aus sektoraler Sicht der einzelnen Fachbereiche gab es zwar jeweils einige Flächen „hoher“ und „sehr hoher“ Sensibilität, ein Großteil des Projektgebiets wies jedoch nur mäßige bis geringe Sensibilität und damit ausreichend Potenzial für den neuen Gewässerlauf und Umlandabsenkungen (abgesenkte neue Auwaldflächen, siehe Kap. 5.) auf.

Der Verschnitt aller „hoch“ und „sehr hoch“ sensiblen Flächen aller Fachgebiete mithilfe eines geografischen Informationssystems (ArcGis) ergab eine fast flächendeckende Ausweisung von „Verbotszonen“ (vgl. Abb. 5). Eine Trassierung des neuen Flusslaufs wie im Vorprojekt vorgesehen war auf dieser Datenbasis nicht mehr umsetzbar. Dies umso mehr, als für den neuen Fluss ein zusammenhängender (!) Korridor gefunden werden musste, der neben den ökologischen Anforderungen auch jenen von Flussmorphologie und Grundwasser, HW-Schutz und Forstwirtschaft entsprechen musste.

Abb. 5
figure 5

Kumulierte Sensibilitätszonen („sehr hohe“ und „hohe“ Sensibilität) ausgewählter Fachbereiche. Die optimierte Projektachse (blau) zeigt den Projektstand 2010 (inkl. oberstem, schließlich nicht realisiertem Abschnitt West, vgl. Kaufmann et al. 2018)

Die Ergebnisse weiterer GIS-Analysen und die Detaillierung der ausgewiesenen Sensibilitätszonen ermöglichten eine schrittweise Anpassung des Planungskorridors. In interdisziplinären Teamsitzungen konnten Verbesserungen in der Linienführung identifiziert sowie Planung und Bauablauf entsprechend der zurzeit enthaltenen Schutzobjekte in nachvollziehbarer Weise optimiert werden. Ferner wurden die Eingriffe räumlich-zeitlich begrenzt, sodass die Baumaßnahmen ökologisch weiter optimiert werden konnten.

Unumgängliche Beeinträchtigungen während der Bauphase wurden durch zusätzliche Verbesserungsmaßnahmen kompensiert. So konnten beispielsweise Kompensationsmaßnahmen für den Vegetationstyp der „Harten Au“ durch eine weitere Aufhöhung der geplanten Anschüttungen im alten Flussbett relativ zu ihrer Lage über dem Grundwasserspiegel erreicht werden. Diese neuen Waldstandorte werden zudem zukünftig nicht forstlich genutzt. Zusätzlich erfolgte die vertragliche Sicherung von insgesamt 68 großen Eichen, die als Habitatbäume für Fledermäuse und Totholzbewohner (z. B. Hirschkäfer) hohe ökologische Bedeutung besitzen. Totholzanreicherungen in den Umlandabsenkungsbereichen und Bereitstellung von Fledermauskästen ergänzten diese Maßnahmen.

Als Ergebnis konnte schließlich für alle nachgewiesenen Schutzgüter (Tierarten bzw. Lebensraumtypen) eine wesentliche Beeinträchtigung in der Bauphase vermieden werden. In der „Betriebsphase“ kann mit dem neuen naturnahen Gewässer und seinen begleitenden Auen für fast alle gewässertypischen Tier- und Pflanzengruppen dem Vorhaben entsprechend eine massive Verbesserung prognostiziert werden (vgl. Kap. 7. bzw. die weiteren Beiträge in diesem Heft).

Beibehaltung der Hochwasserschutz- und Grundwasserverhältnisse

Bereits im Vorfeld der Planungen wurden zwei wesentliche Rahmenbedingungen definiert, die für die Erlangung der erforderlichen rechtlichen Bewilligungen sowie eine Umsetzung des Projekts mit Sicherheit zu gewährleisten waren:

  • Keine Verschlechterung der Überflutungsverhältnisse für höherwertig genutztes Gebiet, speziell im Hinblick auf sensiblen Siedlungsbereiche im Süden und Westen des Projektgebiets.

  • Keine Veränderung der mittleren GW-Verhältnisse im Zusammenhang mit der weiteren forstlichen Nutzung des Auwaldes außerhalb des Projektkorridors (Toleranz ± 10 cm) sowie keine Anhebung der GW-Höchststände in südlich angrenzenden Siedlungsgebieten, um weitere Kellervernässungen gegenüber dem Istzustand zu vermeiden.

Darüber hinaus war bereits in frühen Planungsphasen eine Vielzahl von Fragestellungen im Zusammenhang mit den naturräumlichen Auswirkungen der Projektumsetzung abzuklären (Abflussaufteilung neue/alte Traisen, Fließverhältnisse in der neuen Traisen zur Beurteilung der zu erwartenden Lebensraumverhältnisse und der dynamischen Eigenentwicklung des Flussbettes, Anbindung der Nebengewässer etc.).

Der Planungsprozess wurde daher von einer Vielzahl teilweise sehr aufwendiger Simulationsberechnungen begleitet. Die Strömungsmodellierungen erfolgten unter Einsatz des hydrodynamischen 2D-Modells TUFLOW (Two-dimensional Unsteady FLOW) der australischen Firma WBM. Für die Durchführung der Grundwasserströmungsberechnungen kam das Programm FEFLOW (Finite Element FLOW) der dänischen Firma DHI zum Einsatz.

Iterativer Planungs- und Optimierungsprozess

Der in seiner Ausformung und Gefällsverhältnissen an vergleichbare naturnahe Gewässer angelehnte Erstentwurf der neuen Traisen wurde modelliert und die resultierenden Wasserspiegel bei Mittelwasserabfluss wurden berechnet.

Diese mittleren Traisenwasserspiegel wurden in das Grundwasserströmungsmodell übernommen und damit dessen Auswirkungen auf den Grundwasserkörper simuliert. Durch Vergleich der resultierenden Grundwasserspiegel mit den Bestandsverhältnissen konnten jene Bereiche identifiziert werden, in welchen zur Minimierung der Auswirkungen auf den Grundwasserkörper Anpassungen der Gewässergeometrie durchzuführen waren.

In mehreren Iterationsschritten wurde eine zunehmend verfeinerte Geometrie entwickelt, welche zuletzt nicht nur minimale Grundwasserspiegeldifferenzen gegenüber dem Bestand erwarten ließ (Abb. 6), sondern gleichzeitig die gewässermorphologisch zu erwartenden Kolk-Furt-Sequenzen im Detail abbildete.

Abb. 6
figure 6

Projektbedingte Änderungen der mittleren Grundwasserspiegellagen (gelb: mittlere GW-Spiegellagen nach Projektumsetzung >10 cm tiefer, grün >10 cm höher)

Diese hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel optimierte Geometrie wurde in weiterer Folge hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Hochwasserabflussverhältnisse untersucht.

Hierfür wurden in die Mittelwassergeometrie hochwasserrelevante Elemente und Objekte wie Umlandabsenkungen, Längs‑, Quer- und Dotationsbauwerke sowie der sich kurz- und mittelfristig zu erwartende und abflussrelevante Bewuchs eingearbeitet und erneute Simulationen durchgeführt.

Im Zuge dieser Simulationen wurden die Strömungsverhältnisse infolge des Abflussspektrums von HQ1 bis HQ100 simuliert und die Berechnungsergebnisse im Längsverlauf und in ihren flächenhaften Ausdehnungen analysiert. Die Ergebnisse dieser Simulationen dienten in weiterer Folge der Optimierung der Hochwassergeometrie, welche wiederum in einem iterativen Prozess erfolgte.

Als Endergebnis konnten negative Auswirkungen auf die Hochwassersicherheit von benachbartem Siedlungsgebiet auch bei Extremhochwässern der Traisen verhindert werden (Abb. 7).

Abb. 7
figure 7

Ergebnisse der Abflusssimulationen für HQ1 (a) und HQ100 (b); hellblau: zukünftig neu überflutete Flächen, dunkelblau: derzeit und künftig überflutete Flächen, gelb: zukünftig nicht mehr überflutete Flächen

Abschließend lagen zudem für das gesamte Abflussspektrum flächendeckende Informationen über Fließtiefen, Geschwindigkeiten und Sohlschubspannungen vor. Diese wurden von den damit befassten Fachbereichen in weiterer Folge als Grundlagen für die Bearbeitungen bzw. Beurteilungen zu erwartender morphologischen Veränderungen sowie sich einstellender Habitatausstattung im Projektbereich herangezogen.

Maßnahmen

Überblick

Im Zuge des LIFE+ Projekts wird ein neuer, ca. 10 km langer, mäandrierender Flussabschnitt geschaffen, der sich bei Hochwasser auch dynamisch verändern soll. In den angrenzenden, baulich tiefer gelegten „Umlandabsenkungen“ entstehen vielfältige Standorte eines dynamischen Auwalds und neue Augewässer. Der durch die Baumaßnahmen umgestaltete Korridor hat eine Breite von bis zu 300 m und umfasst neben dem Flussbett die Umlandabsenkungen und Pufferzonen (siehe Abb. 89 und 10).

Abb. 8
figure 8

Überblick über die „neu errichtete Traisen“ (blau: MW-Bett, braun: HQ1-Bett, hellgrün: Umlandabsenkungen, dunkelgrün: Pufferzonen)

Abb. 9
figure 9

Oberster Bauabschnitt ca. 1 Jahr nach Flutung (Foto: G. Pock)

Abb. 10
figure 10

Oberer Teil des mittleren Bauabschnitts sowie Ableitungsbauwerk und bestehende („alte“) Traisen ca. 3 Monate nach Flutung (Foto: G. Pock)

Der Verlauf der neu entwickelten Traisen ist in drei Abschnitte unterteilt, die jeweils von der Ableitung aus der alten Traisen bis zur Rückmündung reichen. Die bestehende Traisen trägt weiterhin zur Hochwasserabfuhr bei, um die Hochwassersicherheit angrenzender Siedlungsgebiete uneingeschränkt aufrecht zu erhalten.

Die Herstellung des neuen Flussbetts erfolgte in entkoppelter Bauweise. Jeder Bauabschnitt wurde ohne Beeinträchtigung der bestehenden Traisen und räumlich abgegrenzt vom Abflussregime errichtet. Die Bautätigkeiten erfolgten somit nicht im fließenden Gewässer.

Gestaltung Flussbett

Die Breite des Mittelwasserbetts beträgt im Mittel rund 30 m. Der Abflussbereich für ein einjährliches Hochwasser ist im Mittel ca. 60 m breit.

Entsprechend dem flussmorphologischen Leitbild wird das Mittelwasserbett von einer Furt-Rinner-Abfolge mit heterogenen Breiten‑, Tiefen- und Fließgeschwindigkeitsverhältnissen im Längsverlauf und im Querprofil geprägt (Abb. 11).

Abb. 11
figure 11

Flussbett der neuen Traisen ca. 3 Monate nach Flutung (Foto a: G. Pock)

Die Furten befinden sich jeweils in den Übergangsbereichen zwischen zwei Flussbögen und sind bei Mittelwasser durch ein Gefälle von 1,5 bis 3,0 ‰ sowie entsprechend höhere Fließgeschwindigkeiten von 0,5 bis 1,0 m/s und geringe Wassertiefen von maximal 0,7 m gekennzeichnet. Die Sohlschubspannungen erreichen somit auch bei Mittelwasser in den Furten 5 N/m2. Dadurch ist hier von Umlagerungen des Sohlsubstrats mit Korngrößen bis rund 10 mm und der Erhaltung des für die gewässerökologische Funktionsfähigkeit erforderlichen freien Porenraums auszugehen. Die Länge der Furten beträgt rund 60 bis 80 m, die bei Mittelwasser benetzten Breiten erreichen hier bis zu 40 m.

Im Gegensatz dazu weisen die rund 150 bis 250 m langen, tiefen Rinner im Bereich der Tiefenrinne Wassertiefen von bis zu 2 m auf. Die Außenufer sind durch steile Böschungen, Uferanrisse und Totholzstrukturen geprägt. Am Innenufer entstehen flache Sedimentbänke mit vorgelagerten Flachwasserbereichen geringer Wassertiefe von weniger als 0,5 m. Die benetzten Breiten betragen bei Mittelwasser 25 bis 30 m.

Diese Flussbettgestaltung stellt aber lediglich eine grobe Vorausformung dar, welche im Zuge einer langfristigen morphologischen Entwicklung durch die eigenständige Flussdynamik überprägt wird.

Uferstrukturierung – Ufersicherung

Um eine naturnahe Gewässerentwicklung zu begünstigen, wurde auf konventionelle Maßnahmen zur Ufer- oder Sohlstabilisierung verzichtet. Lediglich an lokalen Zwangspunkten, wie beispielsweise im Nahbereich von Bauwerken, wurden Ufersicherungen aus Wasserbausteinen vorgesehen. Dazwischen kann sich das Flussbett im anstehenden Kieshorizont weitgehend eigendynamisch entwickeln. Um bei zukünftigen Laufverlagerungen Konflikte mit forstwirtschaftlichen Nutzungen zu vermeiden, wurden entlang der Prallufer bis zu 20 m breite, zumeist mit Bäumen bestockte Uferstreifen („Pufferzonen“) eingeplant, in denen gezielt eine ungehinderte Ufererosion und Flussentwicklung zugelassen wird (Abb. 12).

Abb. 12
figure 12

Entlang der Prallufer werden „Pufferzonen“ für eine ungehinderte Ufererosion vorgesehen

Die Uferlinie selbst wurde mit Raubäumen strukturiert, wozu große Laubbäume mit einem Brusthöhendurchmesser von 40 bis 120 cm (Länge bis 30 m) eingebracht werden. Sie wurden mit Erdankern mehrere Meter tief in der Böschung fixiert, um ein Abtreiben in die Donau und damit eine allfällige Gefährdung der Schifffahrt durch Treibholz zu vermeiden (siehe Abb. 13). Um im Falle zukünftiger Ufererosion und Laufverlagerung der Traisen das Abdriften weiterer erodierter Bäume zu verhindern, wurde die erste Baumreihe vorsorglich mit Erdankern in der Böschung fixiert. Die fixierten Stämme sichern und strukturieren das Prallufer zusätzlich und verhindern vor allem in Bereichen mit dahinter liegenden Umlandabsenkungen eine über die Pufferflächen großflächig hinausgehende, unkontrollierte Laufverlagerung.

Abb. 13
figure 13

Mit Erdankern in der Böschung fixierte Raubäume strukturieren die Prallufer

HQ1-Bett

Für die Ausformung des Flussbetts ist der sich im flusstypischen Profil einstellende bordvolle Abfluss entscheidend (Leopold und Wolman 1957). Dieser liegt etwa in der Größenordnung des einjährlichen Hochwassers (HQ1). Bei einem wesentlich größeren Abflussprofil und somit höheren Konsumtionsvermögen ist mit Anlandungen und vermehrten Vegetationsaufkommen („Zuwachsen“) zu rechnen.

Um ausreichende Fließdynamik zu schaffen und übermäßige Anlandungen zu vermeiden, wurde das etwa 60 bis 80 m breite HQ1-Bett (bordvolles Abflussprofil) durch eine entsprechende Ausformung des Geländes von den angrenzenden Umlandabsenkungen abgegrenzt (siehe Querprofil). Die Höhe dieser Begrenzungen entspricht der mittleren relativen Höhenlage des HQ1, ca. 1,5 m über Mittelwasser.

Ausschließlich am jeweils flussabwärtigen Ende der Umlandabsenkungen besteht eine permanente Anbindung zwischen Flussbett und Umlandabsenkung bzw. den darin liegenden Nebengewässern. Dementsprechend werden die Umlandabsenkungen bei Abflüssen unter HQ1 nur von flussab eingestaut und der gesamte Abfluss verbleibt im HQ1-Bett. Auf diese Weise lässt sich hier unter den gegebenen Rahmenbedingungen eine möglichst hohe Dynamik erzielen. Erst bei Abflüssen über einem einjährlichen Hochwasser erfolgt auch eine Durchströmung der Bereiche außerhalb des HQ1-Betts.

Umlandabsenkungen

Das Bestandsgelände liegt vielfach mehrere Meter über dem Mittelwasserspiegel der neuen Traisen. Durch die großflächige Absenkung des Geländes an den Innenufern des neuen, 100 bis 300 m breiten Flusskorridors entstehen wieder rund 60 ha auentypische, mit der Traisen vernetzte Feuchtstandorte (Stillgewässer, Röhricht, Silberweidenau – prioritärer FFH-Lebensraumtyp 91E0, Abb. 14).

Abb. 14
figure 14

Querschnitt durch den baulich überformten Korridor mit Pufferzone am Prallufer, Flussbett und Umlandabsenkung am Innenufer (strichlierte Linie: Bestands-GOK, dunkelbraun: Oberboden und Feinsediment)

In den Umlandabsenkungen werden an den Flanken jeweils zwei Initialmulden im Bereich des Böschungsfußes angelegt, in denen sich je nach künftiger Entwicklungsdynamik flache Mulden bzw. temporär oder permanent Wasser führende Nebengewässer einstellen werden (Abb. 15).

Abb. 15
figure 15

Umlandabsenkung mit Stillgewässern ca. 1 Jahr nach Flutung (Foto: G. Pock)

Die im Vergleich zum HQ1-Bett tiefere Entnahme des anstehenden Kieses in den Umlandabsenkungen und die nachfolgende Verfüllung der Absenkungsflächen mit Feinsediment bis auf das vorgesehene Geländeniveau erlaubt eine Unterbringung der im Zuge der Bautätigkeit anfallenden Feinsedimentmengen.

Zusätzlich begünstigt der tiefgründige Bodenaustausch eine bessere Wasserversorgung des Untergrunds und fördert damit ein erfolgreiches Aufkommen der Zielvegetation durch natürlichen Samenanflug auf feuchtem Schlamm und Schlick.

Mündung in die Donau über Mündungsarm

Die neue Traisen mündet in einen ebenfalls neu angelegten, rd. 700 m langen Seitenarm der Donau, der ab Mittelwasserwasserführung der Donau durchströmt wird (Abb. 16). Bei NW dient der nur von der Traisen durchströmte Arm als Verlängerung des Flusses, der dann die Höhendifferenz zwischen MW- und NW-Spiegel der Donau von rd. 1 m MW ohne Gefällssprung durchfließt. Je nach Donauwasserstand ist durch diese Geländegestaltung sowohl bei NW als auch MW eine niveaugleiche Einmündung der neuen Traisen in die Donau gegeben. Eine Mündungsrampe für das Niederwasser bzw. ein Rückstau des Mündungsbereiches bei Mittelwasser konnte damit vermieden werden.

Abb. 16
figure 16

Neuer Mündungsbereich der Traisen in die Donau bzw. einen Donau-Seitenarm und großflächige Umlandabsenkung mit Stillgewässern (rd. 5 ha) kurz nach Fertigstellung und bei Rückgang eines geringjährlichen Donauhochwassers (Foto: G. Pock)

Bei Hochwasser entsteht hingegen durch Rückstau des Donauwassers ein großflächiger Buchtbereich als Rückzugszone für Donaufische.

Massenbilanz und -verwertung

Durch die großräumige Geländeabsenkung ergab sich ein Materialüberschuss von rd. 1,5 Mio. m3. Diese Kieskubatur wurde für die Geschiebebewirtschaftung im Bereich der Unterwassersicherung beim Donaukraftwerk Wien-Freudenau verwendet, teilweise aber auch der Bauwirtschaft zugeführt. Der Abtransport erfolgte für große Mengen per Schiff über die Wasserstraße Donau (Abb. 17). Rund 1,6 Mio. m3 Feinsediment (Aulehm und Ausand) wurden nach der Kiesentnahme innerhalb des Projektgebiets im Bereich der Umlandabsenkungen wieder eingebaut, in geringem Ausmaß aber auch für randliche Vorschüttungen im alten Traisenbett genutzt.

Abb. 17
figure 17

Umlandabsenkung im Mündungsbereich im Bau mit Kiesentnahme, offenem Grundwasser und wieder eingebrachtem Feinsediment (a, Foto: G. Pock), Kiesverladestelle im Stauraum des Donaukraftwerks Altenwörth (b, Foto: Markus Haslinger extremfotos.com)

Lebensraumbilanz

Durch das Projekt entstehen rd. 30 ha fließgewässertypischer Lebensraum (MW-Fläche) sowie rd. 60 ha flussbegleitender Überflutungszonen. Diese neuen, tiefer liegenden Flächen dienen vor allem der Etablierung einer für das Europaschutzgebiet Tullnerfelder Donauauen typischen Silberweidenau (prioritärer Lebensraumtyp 91E0*) mit einer eingebetteten Vielfalt von Stillgewässerhabitaten (Lebensraumtyp 3150). Weiters werden rd. 30 ha Kalk-Halbtrockenrasen (prioritärer Lebensraumtyp 6210*) neu geschaffen bzw. deren Erhaltungszustand verbessert.

Zusätzlich wird die Durchgängigkeit des Mündungsabschnitts für Fische wieder hergestellt und damit die Donau mit dem Traisen-Unterlauf vernetzt.

Mit diesem großflächigen Lebensraum wird nicht nur der gute ökologische Zustand im Traisen-Mündungsabschnitt sichergestellt (vgl. Friedrich et al. 2018), sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur Erreichung des guten ökologischen Potenzials im angrenzenden Wasserkörper der Donau (d. i. der Stauraum des Donaukraftwerks Greifenstein) geleistet.

Das Projekt stellt sowohl hinsichtlich des Planungsraums als auch des Bauvolumens das größte LIFE-Projekt Österreichs dar und ist zugleich eines der größten Revitalisierungsvorhaben in Mitteleuropa.

Projektträger und Unterstützer

Den Hauptteil der Projektkosten trägt VERBUND Hydro Power GmbH, die EU fördert das Projekt zu wesentlichen Teilen aus Mitteln des LIFE+ Nature- and Biodiversity-Fonds. Zusätzliche Finanzierungen erfolgen durch die Niederösterreichische Bundeswasserbauverwaltung, den Niederösterreichischen Landesfischereiverband, den Landschaftsfonds Niederösterreich, via donau sowie über das Umweltförderungsgesetz (vgl. Kaufmann et al. 2018).

Herzlicher Dank gilt der Forstverwaltung Grafenegg und dem Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg, ohne deren Mitwirkung die Projektumsetzung nicht möglich gewesen wäre.