Versicherte in Arbeitslosigkeit mit Bezug von Alg I oder Versicherte in Langzeitarbeitslosigkeit mit Bezug von Alg II haben im Vergleich zu regulär Erwerbstätigen ein erhöhtes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt mit COVID-19 – so lautet das Kernergebnis dieser Studie. Ein erhöhtes Risiko zeigt sich auch für Versicherte in Niedriglohntätigkeiten mit zusätzlichem Bezug von Sonderleistungen. Zudem gelten die Ergebnisse gleichermaßen für Männer und Frauen und auch dann, wenn nur laborbestätigte COVID-19-Fälle betrachtet werden. Damit stehen diese Ergebnisse in Einklang mit früheren Befunden für die H1N1-Pandemie im Jahre 2009/2010 und die saisonale Influenza [5,6,7,8,9, 28, 29]. Zudem bestätigen sie bisherige Studien zu sozioökonomischen Unterschieden bei COVID-19 [10,11,12], insbesondere zu solchen, die die Schwere eines COVID-19-Krankheitsverlaufs (i.e. Krankenhausaufenthalt oder COVID-19-Mortalität) in Abhängigkeit vom Einkommen [21, 23] oder dem Empfang staatlicher Fürsorge [24] untersucht haben. Allerdings sind diese Studien bisher auf andere Länder beschränkt. Damit erweitert der Beitrag den bisherigen Forschungsstand und liefert erste Hinweise dafür, dass sozioökonomische Unterschiede in Bezug auf schwere Verläufe von COVID-19 mit Krankenhausaufenthalt auch in Deutschland gelten – einem Land mit vergleichsweise freiem Zugang zu medizinischer Versorgung.
Das stärkt die empirische Evidenz für soziale Ungleichheiten bei COVID-19. Unbeantwortet bleibt aber die Frage nach den möglichen Ursachen für diese Unterschiede. In Anlehnung an Quinn und Kollegen, die sich allgemein mit möglichen Verbindungen zwischen sozialen Faktoren und Infektionskrankheiten beschäftigt haben, scheint es hierzu hilfreich, 3 mögliche Erklärungen zu unterscheiden [30, 31].
Eine erste Erklärung könnten Ungleichheiten in der Exposition gegenüber dem Virus sein. Beispielsweise bestätigen neuere Studien, dass sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen häufiger in Berufen arbeiten, in denen die Wahrscheinlichkeit, mit dem Virus in Kontakt zu kommen, erhöht ist [32, 33]. Ähnlich gilt, dass Personen mit höheren Einkommen vergleichsweise häufiger die Möglichkeit der schützenden Heimarbeit haben (mit Ausnahme von Berufen in der Gesundheitsversorgung). Daneben leben Menschen mit geringerem Einkommen häufiger in ungünstigen Wohnverhältnissen (einschließlich beengter Wohnungen mit höherer Ansteckungsgefahr und möglicher Exposition im öffentlichen Nahverkehr).
Eine zweite Erklärung sind Ungleichheiten in der Vulnerabilität. Denn aufgrund existierender gesundheitlicher Ungleichheiten sind sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen per se bereits häufiger von Vorerkrankungen und weiteren Risikofaktoren betroffen (bspw. Rauchen oder Übergewicht). Damit sind sie anfälliger für Infektionen bei Exposition und haben im Fall einer Infektion ein höheres Risiko für schwere Erkrankungsverläufe. Neuere Studien betonen an dieser Stelle auch die Rolle der umweltbezogenen Schadstoffexposition (z. B. erhöhte Luftverschmutzung in ärmeren Vierteln) mit ihren Auswirkungen auf gesundheitliche Vorbelastungen [34, 35].
Eine dritte Erklärung sind Ungleichheiten in der Versorgung. Das bezieht sich nicht nur auf die grundsätzliche Frage nach dem möglichen Zugang zu medizinischer Versorgung und der Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen [36]. Damit sind auch seltenere Testmöglichkeiten für ärmere Bevölkerungsgruppen [37] und eine möglicherweise verspätete Inanspruchnahme im Falle einer Erkrankung gemeint [38].
Eine klare Antwort auf die Frage, warum sozioökomische Ungleichheiten bei COVID-19-Krankenhausaufenthalten im hier untersuchten Kollektiv existieren, bleibt aber schwierig und komplex. Die oben genannten Gründe liefern sicherlich wichtige Anhaltspunkte. Doch wirken sie gewiss nicht einzeln, sondern sind miteinander verknüpft. Zudem variiert deren Stellenwert auch entlang der betrachteten sozioökonomischen Merkmale (Einkommen, Bildung und Beruf). So wird die Erforschung der Gründe und ihrer relativen Bedeutung für unterschiedliche sozioökonomische Merkmale – neben einer soliden epidemiologischen Beschreibung von Ungleichheiten – sicherlich Teil zukünftiger Forschung sein müssen.
Für die vorliegende Studie kann davon ausgegangen werden, dass Unterschiede in der Vulnerabilität ein wichtiger Grund sein könnten. Denn wie frühere Studien zeigen, sind sowohl chronische Erkrankungen (bspw. koronare Herzkrankheiten) unter Arbeitslosen häufiger verbreitet als auch verhaltensbezogene Risikofaktoren wie Rauchen oder Adipositas [27, 39, 40] – alles Punkte, die einen schweren Erkrankungsverlauf von COVID-19 bedeuten können [41]. Eine genaue Prüfung dieser Vermutungen war in dieser Studie aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Daten zu Vorerkrankungen allerdings nicht möglich. Eine aktuelle Studie aus England zeigt aber, dass sozioökonomische Unterschiede einer COVID-19-bedingten Mortalität auch dann bestehen bleiben, wenn Vorerkrankungen (inkl. Diabetes, Asthma und koronarer Herzkrankheiten), Rauchen und Übergewicht berücksichtigt werden [16]. Dies deutet darauf hin, dass auch weitere Faktoren für die Vulnerabilität eine Rolle spielen könnten. Ein weiterer möglicher Faktor ist die psychosoziale Belastung durch Arbeitslosigkeit (und innerhalb benachteiligter Berufsgruppen). Es ist gut dokumentiert, dass Arbeitslosigkeit ein starker Stressor ist und dass die physiologische Stressreaktion mit einer Immunsuppression (und einer erhöhten Infektionsanfälligkeit) verbunden ist [42,43,44].
Unterschiede in der Exposition spielen für die vorliegende Studie vermutlich keine große Rolle. Hierzu liegen bisher auch keine verlässlichen Studien vor, in denen das Infektionsrisiko zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen verglichen wird. Möglicherweise ist das Infektionsrisiko für Arbeitslose sogar eher geringer, da sie in ihrer Mobilität eingeschränkt sind (z. B. keine Notwendigkeit des Pendelns) und dem Virus nicht durch soziale Kontakte mit Kollegen, Kunden oder Patienten während der Arbeit ausgesetzt sind. Allerdings ist dieser Punkt eher für das Infektionsrisiko selbst und weniger für die Schwere einer Erkrankung einschließlich einer Hospitalisierung wichtig.
Auch die dritte Erklärung (Ungleichheiten in der Versorgung) könnte in unserem Fall weniger bedeutend sein. Das deutsche Gesundheitssystem bietet nämlich einen universellen Zugang zur ambulanten und stationären Versorgung. Trotz dieses freien Zugangs zeigen Studien aus Deutschland jedoch, dass die Inanspruchnahme der Versorgung von ärmeren Bevölkerungsgruppen vergleichsweise selten ist [36, 45]. In unserem Fall könnte dies bedeuten, dass Arbeitslose den Gang in die ärztliche Praxis meiden oder diese verspätet aufsuchen, wodurch es eher zu schweren Erkrankungsverläufen kommt, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen.
Stärken und Schwächen
Diese Arbeit ist die erste Auswertung individueller Daten zu sozioökonomischen Ungleichheiten bei Krankenhausaufenthalten mit COVID-19 für Deutschland auf Basis von Krankenkassendaten und Informationen zur Erwerbssituation. Im Rahmen der Auswertungen konnten alle erwerbstätigen Versicherten der untersuchten Krankenkasse berücksichtigt werden, womit die interne Validität der Ergebnisse hoch ist. Weitere Stärken sind die hohe Fallzahl von über 1 Mio. Versicherten und die Verwendung übermittelter ärztlicher Informationen zu einem COVID-19-Krankenhausaufenthalt. Denn im Vergleich zu einer SARS-CoV-2-Infektion oder COVID-19-Erkrankung (ohne Krankenhausaufenthalt) werden COVID-19-Krankenhausaufenthalte sehr zeitnah und nicht verspätet an den Versicherungsträger übermittelt (bspw. in jedem Quartal durch die Hausarztpraxis). Aus methodischer Sicht erlauben Krankenhausaufenthalte mit COVID-19 somit eine unmittelbare Analyse des Erkrankungsgeschehens. Ein weiterer Vorteil dieser Studie ist die Messung der Erwerbssituation. Sie beruht auf offiziellen standardisierten Aufzeichnungen (und nicht auf selbst berichteten Informationen), die den Bezug von Arbeitslosengeld zuverlässig erfassen und direkte Rückschlüsse auf die Einkommenshöhe der Versicherten ermöglichen. Im Gegensatz zu weiteren sozioökonomischen Merkmalen ist dieser Indikator in den Krankenkassendaten auch einfach zugänglich und erlaubt eine zeitnahe valide Messung. Weitere sozioökonomische Merkmale wie Bildung (häufig lückenhaft) und Einkommen (wird meist je zum Jahres- bzw. zum Beschäftigungsende rückwirkend gemeldet) erscheinen an dieser Stelle weniger zuverlässig. Ein weiterer methodischer Vorteil ist, dass die Erwerbsituation vor der Erkrankung gemessen wurde und COVID-19 eine akute Erkrankung ist. Damit kann eine umgekehrte Kausalität (englisch: „reverse causality“) wohl ausgeschlossen werden, bei der COVID-19-Erkrankte arbeitslos werden.
Gleichzeitig hat diese Arbeit wichtige Einschränkungen. So stammen die Daten von einem gesetzlichen Versicherungsträger (AOK Rheinland/Hamburg) mit Daten, die auf bestimmte Regionen in Deutschland beschränkt sind. Auf Basis dieser Studie können also keine allgemeinen Aussagen für ganz Deutschland getroffen werden. Zudem ist der Anteil an Arbeitslosen unter den Versicherten der AOK Rheinland/Hamburg naturgemäß höher, da Personen, die arbeitslos werden und Alg I oder Alg II erhalten, häufig vom Leistungsträger bei der AOK angemeldet werden. Dies erklärt auch den hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen in dieser Studie (fast 25 % der Studienpopulation). Denkbar ist in diesem Zusammenhang auch, dass die gezeigten sozioökonomischen Unterschiede – zwar in der Tendenz gleich – aber in der allgemeinen Erwerbsbevölkerung anders ausfallen als bei den hier betrachteten Versicherten. Vielleicht sind sie sogar ausgeprägter, da Privatversicherte (eine sozioökonomisch weniger benachteiligte Gruppe) in der vorliegenden Studie gar nicht vorkommen. Eine weitere Einschränkung ist, dass Krankenkassendaten (wie die meisten administrativen Daten) häufig nur begrenzte Informationen zu soziodemografischen und sozioökonomischen Faktoren enthalten und dass es wünschenswert gewesen wäre, weitere Faktoren aufzunehmen. Studien aus den USA und Großbritannien zeigen etwa [46,47,48], dass bestimmte ethnische Minderheiten (z. B. AfroamerikanerInnen in den USA [47]) einen vergleichsweise schwereren Erkrankungsverlauf haben und dass Ethnizität auch stark mit sozioökonomischen Merkmalen verstrickt ist (sogenannte Intersektionalität). Doch sind Informationen zu Migrationshintergrund oder zu Ethnizität kein Teil der Krankenkassendaten. Ähnlich wäre es sicherlich wünschenswert, neben COVID-19-Krankenhausaufenthalten auch ambulant behandelte COVID-19-Erkrankungen betrachten zu können. Denn die meisten Personen mit einer COVID-19-Diagnose werden außerhalb des Krankenhauses behandelt. Eine große Zahl von COVID-19-Diagnosen (ohne Krankenhausaufenthalt) bleibt in unserer Studie daher wahrscheinlich nicht berücksichtigt. Die vorliegende Studie ermöglicht also keine Aussagen über die Gesamtinfektionsrate. Vielmehr liegt der Fokus auf der Schwere einer Erkrankung bzw. auf COVID-19-Erkrankungen, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen. Schließlich sollte in weiterführenden Studien auch die genaue Dauer der Arbeitslosigkeit berücksichtigt werden. Je nach Alter und erfolgter Beitragszahlungen kann der Bezug von Alg I beispielsweise zwischen 6 und 24 Monaten variieren. Auch bleibt in den Daten unklar, wie lange eine Person bereits Alg II erhält. Die Dauer einer Arbeitslosigkeit kann daher innerhalb der betrachteten Gruppen variieren.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend liefert diese Studie erste empirische Hinweise auf sozioökonomische Unterschiede bei Krankenhausaufenthalten mit COVID-19 für Deutschland. Spezifisch zeigt sich, dass Versicherte in Kurz- oder Langzeitarbeitslosigkeit im Vergleich zu regulär Erwerbstätigen ein erhöhtes Risiko für einen COVID-19-Krankenhausaufenthalt haben. Wenn dieser Befund sich auch in zukünftigen Studien zeigt – mit alternativen Merkmalen zur Bestimmung der sozioökonomischen Position (z. B. berufliche Position oder Einkommen) sowie anderen COVID-19-Outcomes (bspw. Infektionsrisiko, intensivmedizinische Versorgung, Beatmung oder Mortalität) –, dann unterstreicht dies die Bedeutung sozioökonomischer Merkmale auch bei Infektionskrankheiten. Diese sollten – ebenso wie Alter und Vorerkrankungen – zur Bestimmung von Hochrisikogruppen und zur Entwicklung von Infektionsschutzmaßnahmen beachtet werden [11, 49, 50]. Darüber hinaus unterstreicht unsere Studie, wie wichtig es ist, die Datenlage in Deutschland zu verbessern und sozioökonomische Merkmale zu berücksichtigen, um eine Untersuchung sozioökonomischer Unterschiede während der COVID-19-Pandemie zu ermöglichen.