Das lateinische Substantiv inventio stammt vom Verb invenire, das primär ‚finden‘ bedeutet, zwischen ‚finden‘, ‚erfinden‘ und ‚entdecken‘ jedenfalls nicht trennscharf unterscheidet. Dementsprechend ist die rhetorische inventio (griechisch heuresis) das erste Produktionsstadium der Rede, in dem man schon existierende Gedanken und Argumente ‚auffindet‘. Zu ihr gehört die Topik als ars, nämlich als Lehre von den Fundstätten der Argumente (topoi, loci), die es erlauben, aus anerkannten Prämissen (endoxa) auf eine bestimmte Schlussfolgerung zu kommen. Eine Topik wurde bekanntermaßen erst von Aristoteles aufgestellt und später durch Cicero und Quintilian systematisiert. Der ars topica widmet Aristoteles nicht nur das erste Buch der Rhetorik, sondern auch seine Topik (Ta Topiká), das letzte Buch des Organons, einer Sammlung von Schriften über die Kunst der Logik als Werkzeug der Wissenschaft. An den Ursprüngen der klassischen Rhetorik wird die Findungslehre demnach sowohl in die Rhetorik als auch in die Dialektik integriert. Der logisch-epistemologische Diskurs ist bei Aristoteles mit dem persuasiv-rhetorischen verschränkt, und diese Tatsache spielt für die Begriffsgeschichte der inventio eine zentrale Rolle. Im Unterschied zu seinem Lehrer Platon, welcher der Redekunst bekanntermaßen skeptisch gegenüberstand, bezeichnet sie Aristoteles gleich zu Beginn seiner Rhetorik als das Gegenstück zur Dialektik, d. h. zur methodischen Argumentationsleitung: Beide zielen darauf, beim Lehrling „Fähigkeiten“ (dynameis) zur Wortfindung zu entwickeln. Und da es sich eben um Techniken handelt, welche die formallogische Korrektheit einer Argumentation prüfen sollen, ist das Endergebnis (ob die Schlussfolgerung wie in der Logik – dem Reich der episteme – wahr oder aber, wie in der Rhetorik – dem Reich der doxa – nur wahrscheinlich ist) irrelevant. In Ciceros Rhetorik verlagert sich die Rede über die inventio sowie die Aufstellung der Topik auf eine situationsbezogene und durchaus pragmatischere Ebene. Im Unterschied zur abstrakteren aristotelischen Topik ist die lateinische und vor allem die ciceronische Topik eher inhaltsorientiert und wird auf konkrete juristische Fälle angewandt.Footnote 1 Sie macht noch deutlicher, was bereits bei Aristoteles zu finden ist: die Unterscheidung zwischen situationsbezogenen und allgemeinen Topoi (lat. loci communes), d. h. auf unterschiedliche Situationen anwendbaren Argumenten, die häufig eine affektansprechende Kraft haben. Sie erweisen sich als „Fundgruben der moralischen Emphase“ und die Gemeinplatz-Topik als „eine allgemeine, öffentlich relevante Verhaltenstopik, ein Quellgrund weniger der theoretischen als der praktischen Vernunft“.Footnote 2 In der spätantiken und mittelalterlichen Rezeption von Ciceros Rhetorik wird dieser ‚Klassifizierungswahn‘ übermäßig, und die dadurch entstandenen Listen von loci bzw. Fragenkatalogen (etwa das berühmte quis?, quid?, ubi?, etc.) erzeugen eine schematische Vorhersehbarkeit des Denkens und des Argumentierens.

Erst im Zuge des epistemologischen Paradigmenwechsels in der Frühen Neuzeit spaltet sich die Begriffssemantik auf. Ich gehe dabei von der These aus, dass sich zwischen Späthumanismus und Barockzeitalter eine Differenzierung zwischen den semantischen Konnotationen von inventio bzw. ars inveniendi einerseits und topoi (loci) bzw. Topik andererseits vollzieht. Diese driften immer weiter auseinander bis sie zwei unterschiedliche Haltungen beschreiben: Die Poetiken der ‚Invention‘ sind das Neue (Findung wird zur Erfindung), während Topik zunehmend mit der schulrhetorischen, mechanischen Findungslehre assoziiert wird. Dies soll im Folgenden anhand einiger Schlüsselautoren des 17. und 18. Jahrhunderts dargelegt werden: Galilei, Bacon, Baumgarten und Lichtenberg.

1 Inventio vs. Invention, Findung vs. Erfindung

Zu der epistemologischen Transformation des Inventionsbegriffs tragen in der Frühen Neuzeit hauptsächlich zwei Faktoren bei: Erstens die zunehmende Bedeutung medientechnischer Erfindungen (inventiones), die mit der Geburt der Experimentalwissenschaften und der damit zusammenhängenden Absetzung von scholastisch-deduktiven Naturauffassungen zusammenfällt; zweitens die in der Frühen Neuzeit zentrale Rolle wissenschaftlicher Entdeckungen, v. a. von physischen Gesetzen (wie dem Newtonschen Gravitationsgesetz bzw. dem kopernikanischen heliozentrischen System). Die Semantik der Entdeckung befindet sich auf halbem Weg zwischen der reinen Auffindung von etwas bereits Existierendem, Bekanntem, womöglich schon Archiviertem wie bei der rhetorischen inventio, und der Erfindung ex nihilo, eben der Invention von etwas bis dahin nie Dagewesenem. Der moderne Entdeckungsbegriff steht deshalb an der Schwelle zwischen Findung und Erfindung, weil dabei die Vorstellung der Gewinnung zum Ausdruck gebracht wird, der ‚Extraktion‘ dessen, was zwar existiert (also nicht neu ist wie bei der Erfindung), jedoch noch nicht bekannt und deshalb auch nicht archiviert und gespeichert ist wie die rhetorischen loci.Footnote 3 Die kulturhistorisch verwandten Begriffe ‚Entdeckung‘ und ‚Erfindung‘ (das lateinische inventio bedeutet eben beides) sind jedoch bis ins 18. Jahrhundert hinein noch nicht vollständig ausdifferenziert. Dies lässt sich etwa anhand der Einträge invention und découverte in der französischen Encyclopédie nachvollziehen, welche die beiden Begriffe als quasi synonym behandelt, allerdings mit einer offensichtlichen Hierarchie, die moderne Leser als seltsam empfinden mögen: Invention (Erfindung) gehöre dem praktisch-technischen Wissensfeld Arts et Sciences an und sei weniger innovativ, außerdem häufig ein Produkt des Zufalls; découverte sei dagegen der Philosophie zuzurechnen und würde etwas Neues hervorbringen. In d’Alemberts Worten: „Les découvertes moins considérables s’appellent seulement inventions“.Footnote 4 Ende des Jahrhunderts wird Kant jedoch, in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1796/1797) eine genauere und bereits moderne Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen machen und „Erfindung“ als eine Gabe des Genies betrachten:

Etwas erfinden ist ganz was anderes als etwas entdecken. Denn die Sache, welche man entdeckt, wird als vorher schon existierend angenommen, nur daß sie noch nicht bekannt war, z.B. Amerika vor dem Kolumbus; was man aber erfindet, z.B. das Schießpulver, was vor dem Künstler, der es machte, noch gar nicht bekannt. […] Nun heißt das Talent zum Erfinden das Genie.Footnote 5

Offenkundig wird die Verschränkung der beiden Dimensionen (medientechnische Erfindung und empirische Entdeckung) insbesondere in den Texten Galileo Galileis. Zu Beginn des Sidereus Nuncius (1610), eines Schlüsseltextes der Neuzeit, kommt das Substantiv inventio mit der eindeutigen Bedeutung einer technisch-wissenschaftlichen Erfindung vor. Nachdem er vom neuen, aus Holland stammenden Fernrohr berichtet hat, erzählt Galilei von seinem eigenen Versuch, ein besseres zu bauen: „Das war schließlich der Anlaß, daß ich mich ganz der Aufgabe widmete, ein Prinzip zu erforschen sowie Mittel zu ersinnen, durch die ich zur Erfindung [inventionem] eines ähnlichen Gerätes gelangen könnte“.Footnote 6 Kurz davor hatte er von der „Entdeckung“ der neuen Sterne gesprochen:

Was aber alles Erstaunen weit übertrifft und was mich hauptsächlich veranlaßt hat, alle Astronomen und Philosophen zu unterrichten, ist die Tatsache, daß ich nämlich vier Wandelsterne gefunden habe [adinvenimus, mit Pluralis majestatis], die keinem unserer Vorfahren bekannt gewesen und von keinem beobachtet worden sind. […] Vielleicht werden von Tag zu Tag weitere, bedeutendere Entdeckungen entweder von mir oder von anderen mit Hilfe eines ähnlichen Geräts gemacht werden [adinvenientur].Footnote 7

Im Vergleich zum unbestimmteren invenio vollzieht das Verb mit Präfix adinvenio eine semantische Verschiebung. Die technische Erfindung (inventio) wird vom pragmatischen und technikaffinen Geist Galileis als Voraussetzung der Entdeckung (adinventio) gepriesen; inventio als rhetorische Kategorie spielt dabei keine Rolle.

Anders steht es bei Francis Bacon, welcher der semantischen Differenzierung zwischen den beiden Inventionsbegriffen vermutlich als erster eine programmatische Bedeutung gab. In De dignitate et augmentiis scientiarum (eine erweiterte Fassung des 1605 auf Englisch verfassten Of the Proficience and Advancement of Learning) bildet die „Ars Inquisitionis seu Inventionis“Footnote 8 (auf Englisch „art of inquiry or invention“) den ersten von vier Teilen. Bacon unterscheidet dabei explizit zwischen einer inventio als überlieferter rhetorischer Technik zur (Wieder-)Auffindung von bereits vorhandenen Argumenten (sowie zur Speicherung derselben mit Hilfe der Topik) und einer inventio als wissenschaftlicher Methode zur Entdeckung neuer Wahrheiten: „Inventionis duae sunt species, valde profecto inter se discrepantes; una Artium et Scientiarum, altera Argumentorum et Sermonum“.Footnote 9 Da inventio im ‚neuen‘ Sinne des Wortes als Synonym von inquisitio (engl. inquiry) benutzt wird, letztere aber für den antischolastischen und antispekulativen Bacon nur ein induktives Verfahren sein kann, folgt daraus, dass wissenschaftliche inventio mit Induktion gleichgesetzt wird und demnach mit einem starken Anspruch auf Klassifikation einhergeht. Diesem Anspruch wollte Bacon mit seinem eigenen Versuch, eine enzyklopädische Wissensanordnung zu entwerfen, gerecht werden. Dies bedeutet aber nicht, dass Bacon das System der klassischen Beredsamkeit einfach entsorgt zugunsten der induktiven Methode moderner Wissenschaft, die das ‚Neue‘ entdeckt. Vielmehr geht wissenschaftliche Entdeckung auf der Grundlage von gesammelten, archivierten und dann abgeglichenen Daten vonstatten. Dazu verwendet Bacon jedoch Verfahren, die zweifellos von der Rhetorik inspiriert sind. So stellt er im zweiten Buch des Neuen Organon regelrechte tabulae inveniendi auf, die er nicht umsonst auch Topica, machinae intellectus oder chartae nennt (letztere ist eine geographische Metapher, die Konjunktur haben wird und vor allem von Diderot und d’Alembert wieder aufgegriffen werden soll). So werden in den tabulae presentiae alle Fälle gesammelt, bei denen sich ein bestimmtes Phänomen ereignet (Bacon führt als Beispiel das Phänomen der Wärme und alle Fälle auf, wo Wärme entsteht); in den tabulae absentiae werden alle Fälle aufgelistet, bei denen sich das Phänomen entgegen aller Erwartung nicht ereignet; bei den tabulae graduum werden schließlich alle Grade der Variation eines Phänomens dargestellt (etwa die Variationen der Wärme eines bestimmten Körpers je nach äußerem Einfluss usw.). Bereits Paolo Rossi hat bemerkt, dass Bacon sich beim Aufbauen seiner tabulae-Verfahren an den Evidenzierungsverfahren der klassischen ars inveniendi orientiert und dabei die loci rhetorici durch natürliche, aus der Erfahrung gewonnenen loci ersetzt.Footnote 10

Wichtig ist außerdem ein zweiter Punkt, den ich an dieser Stelle nur andeuten kann. Die Baconschen tabulae inveniendi entstehen in der Zeit jener klassifikatorischen Obsession, aus der sowohl die barocke Enzyklopädik als auch jene Form der visuellen Wissensrepräsentation stammt, die sich in den für das 18. Jahrhundert typischen taxonomischen Darstellungen äußert (etwa Linnés Tafel des Tierreichs; s. Abb. 1).

Abb. 1
figure 1

(Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Abteilung Historische Drucke, Signatur: gr.2“ Le 1980: R)

Tabellarische Darstellung des Tierreiches, in: Carl von Linné: Systema Naturae, Leiden 1735.

Linné stellt im 18. Jahrhundert den exemplarischen Fall einer klassifizierenden Naturgeschichte dar, die Michel Foucault in der Ordnung der Dinge als „Benennung des Sichtbaren“Footnote 11 bezeichnet hat und deren taxonomische Anordnungen und tableaux die besten Beispiele jener Episteme der Repräsentation seien, welche die vormoderne Epoche der Signaturen und der Ähnlichkeiten abgelöst habe. So formiere sich Botanik seit Linné als eine Mischung aus „Sammelleidenschaft und Klassifikationsdrang“.Footnote 12 Spricht Bacon demnach von inventio im modernen Sinne des Wortes, meint er sicher Erfindung von etwas Neuem; ebenso wichtig ist jedoch die systematische Katalogisierung, die dispositio des gesamten Wissens, das, um damit induktiv auf weitere Entdeckungen angewandt werden zu können, auch auffindbar sein muss, wie in den klassischen und dann barocken Topiken.Footnote 13 Und so ist es kaum verwunderlich, dass man gerade Bacon jene Dreiteilung der geistigen Vermögen in Gedächtnis, Vorstellungskraft und Vernunft verdankt, der man ein Jahrhundert später im berühmten Wissensbaum der französischen Encyclopédie wieder begegnet, dem Système figuré des connoissances humaines: mémoire, raison und imagination (s. Abb. 2):

Abb. 2
figure 2

(Quelle: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Abteilung Historische Drucke, Signatur: Bibl. Diez qu. 2281)

Système figuré des connoissances humaines. In: D’Alembert/Diderot 1751–1780, Bd. 1.

Zwischen dem Schicksal der ars inveniendi in der Frühen Neuzeit (bis in die Aufklärung hinein) und den taxonomischen Darstellungsverfahren besteht also eine tiefere und differenziertere Verwandtschaft, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Denn diese Kulturtechniken teilen zwei grundlegende Bedürfnisse: das Bedürfnis nach der adäquaten Darstellung des erlangten Wissens und das nach der Konservierung und Katalogisierung eines immer komplexeren aber doch noch auffindbaren Wissens. Der Zusammenhang zwischen topisch-mnemotechnischem Wissen und naturgeschichtlichen Klassifizierungen (etwa in Form von Tafeln) wurde bereits von Kant erahnt, der in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1796–1797) die Übung der ars mnemonica („das judizöse Memorieren“) als „Tafel der Einteilung eines Systems (z. B. des Linnäus) in Gedanken“ bezeichnet hat, die er ausdrücklich mit der „Topik“ vergleicht, „d.i. ein Fachwerk für allgemeine Begriffe, Gemeinplätze genannt, welches durch Klasseneinteilung, wie wenn man in einer Bibliothek die Bücher in Schränke mit verschiedenen Aufschriften verteilt, die Erinnerung erleichtert“.Footnote 14 Und erst kürzlich wurde überzeugend gezeigt, dass Linné in seinen Notizbüchern mit topischen Verfahren (d. h. mit Aufzeichnung von loci) gearbeitet hat, und dass diese als Vermittlung zwischen zwei Arten des Aufschreibens fungierten: zwischen den Notizen aus Beobachtungen einerseits, die er während Reisen bzw. auf Vorlesungen machte, und den Tafeln und Nomenklaturen andererseits, in denen Informationen systematisiert und visuell dargestellt wurden.Footnote 15

Haben Technik und Experimentalwissenschaft den Inventionsbegriff übernommen und dahingehend transformiert (nicht mehr Auf-, sondern Erfindung), dass das Neue und deshalb auch die Kontingenz darin eine entscheidende Rolle spielen, so kann das taxonomisch-enzyklopädische Wissen seinerseits als eine moderne ars inveniendi bezeichnet werden, wenn auch in einem anderen, in gewisser Weise umgekehrten Sinn: Es ist vom Versuch gekennzeichnet, den Zufall durch eine quasi utopische und optimistische Anordnung des gesamten Wissens zu zügeln.

Die fixe Wissensanordnung traditioneller Topiken geriet ab 1750 auch im Rahmen des neuen ästhetisch-poetologischen Diskurses (im deutschsprachigen Raum etwa bei Baumgarten, Bodmer und Breitinger) sowie der Poetik der von Lichtenberg verspotteten ‚Originalgenies‘ in die Kritik, die das Nachahmungsprinzip zugunsten von individueller Kreativität, Einbildungskraft und Originalität hinterfragten und die bekanntermaßen von entscheidender Tragweite bei der in der Sattelzeit erfolgten Verschiebung und Dynamisierung von Wissenskonzepten und modernen Poetiken waren.Footnote 16 Dies ist alles mehr als bekannt und muss an dieser Stelle nicht im Einzelnen ausgeführt, sondern vielmehr auf die semantische Verschiebung und Erweiterung des inventio-Begriffs bezogen werden. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts nähern sich die semantischen Felder der (ästhetisch-literarischen) fictio und der (rhetorisch-epistemologischen) inventio(n) an. Bereits im Vorwort zu seiner Tragikomödie Bérénice (1670) hatte jedoch Jean Racine geschrieben: „toute l’invention consiste à faire quelque chose de rien“.Footnote 17 Ein dreiviertel Jahrhundert später allerdings hatte Charles Batteux in Les Beaux-Arts réduits à un même principe (1746) noch traditionstreu und nach der alten rhetorischen Auffassung invention nicht als „imaginer ce qui ne peut être, mais à trouver ce qui est“Footnote 18 definiert. In Zedlers Grosse[m] Vollständige[n] Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste (1731–1754) lesen wir dagegen im Eintrag „Erfindung“: „Die Natur unsers Verstandes zeiget gantz deutlich, daß ein jeder, welcher nur nachsinnet, etwas, das vorhin noch nicht gewesen, entdecken könne“.Footnote 19 In der Encyclopédie Diderots und d’Alemberts wird schließlich die Invention tatsächlich nicht nur den Arts et Sciences, sondern auch dem Bereich Belles Lettres/Poésie zugeordnet, wo sie explizit zur Domäne des Wahrscheinlichen und des Möglichen wird, dem also verwandt, was dem Bereich des Fiktionalen im modernen Sinne angehört.

2 Topik

Obwohl ursprünglich mit dem Inventionsbegriff eng verwandt, erlebte die Semantik der Topik ein weniger glückliches Schicksal. Sie verlief entlang der rhetorisch-mnemonischen Tradition und blieb innerhalb des Bedeutungsfeldes des Sammelns, Archivierens und Wiederauffindens des vorgefundenen Wissens stehen. War die Scholastik ihrerseits der aristotelischen Tradition gefolgt, indem sie die Aufmerksamkeit eher auf die logisch-epistemologische bzw. argumentative Dimension der Topik lenkte, hatte der Topik-Begriff im Humanismus das logisch-argumentative Gebiet zunehmend verlassen und war eher zum Synonym für Sammlung, systematische Katalogisierung und Memorierung von Wissensinhalten geworden. Die in dieser Hinsicht gewichtigste sowie modellbildende Schrift war Erasmus von Rotterdams De duplici copia verborum ac rerum (1521), eine Stilabhandlung ante litteram über die Fülle (copia), d. h. die sowohl inhaltliche als auch stilistische Vielfalt. Bei der zweiten machen lange Listen von Tropen einen großen Teil aus, während Erasmus im Teil über die inhaltliche Vielfalt Listen von loci anlegte, die daraufhin um verwandte Begriffe bzw. deren Gegenteile ergänzt werden und so eine Art Hausschatz bilden, eine Sammlung von Sentenzformeln und Lektüreexzerpten, die ihrerseits wiederum zur Bildung von topoi verhelfen. So trug Erasmus zur „Rhetorisierung der loci“ und somit zur kategorialen Nivellierung der Topik bei, denn Topoi waren nunmehr „nicht mehr nur Argumentationsmuster[,] sondern als Loci communes auch die sinnspruchartigen Inhalte des gelehrten Materials“.Footnote 20 Allerdings bedingte diese Engführung im Humanismus eine lediglich inhaltliche Bestimmung von Logik und Topik auf Kosten ihrer formal-kategorialen Eigenschaften. Das machte sie auf zahlreiche Wissensgebiete anwendbar, auch auf wissenschaftliche Wissensanordnungen, was die spätere Nähe von Topik und Taxonomien bzw. enzyklopädischen Wissensanordnungen mitbestimmte. Ciceros Begriff vom locus communis hatte dabei seinen juristisch-argumentativen Wert eingebüßt. Die loci waren zu bloßen Sammelstücken des gelehrten Wissens geworden, bis sie zu einer Untergattung wurden, den im 17. Jahrhundert verbreiteten und sehr beliebten Commonplace Books (in Deutschland als Kollektaneen bekannt), d. h. Zusammenstellungen aus Zitaten, Briefen, Gedichten, Rezepten, Redewendungen, Gebeten und Rechtsformulierungen. Wichtig sind sie für die moderne Entwicklung der Kurzprosaformen, weil sie später begannen, nicht nur mit Fremdmaterial, sondern zunehmend mit eigenen, originellen Ideen kompiliert zu werden: Lichtenbergs Sudelbücher etwa oder, 30 Jahre später, Giacomo Leopardis Zibaldone di pensieri.

Commonplace Books waren so beliebt, dass der englische Philosoph John Locke, der ebenfalls von 1652 bis 1704 Commonplace Books kompilierte (und dabei den Neologismus to commonplace einführte), eine kleine Abhandlung mit dem Titel A New Method of Making Common-Place-Books schrieb, die sich als eine Art moderne Fortsetzung von Erasmus’ De Duplici copia betrachten lässt. Dabei beschrieb er nicht nur Techniken zur Verfassung von Kollektaneen, sondern stellte auch eine Anleitung zur Strukturierung der headings (Überschriften der Schlüsselthemen) bereit – Ähnliches wird Leopardi im Zibaldone machen, der sich außerdem ein komplexes Verweissystem ausdenken wird, und Novalis in seinen Notizen für eine Enzyklopädie, dem Allgemeinen Brouillon.Footnote 21 Interessant aber für unsere Fragestellung ist, dass die headings sich ihrerseits ebenso als eine moderne Form von Topik erweisen, in der die Körpermetapher (head) die traditionellen räumlichen Bilder von topos, locus bzw. sedes ablöst.Footnote 22

Von der Entstehung der Experimentalwissenschaft bis zu der Aufwertung der facultas fingendi und der Formulierung der Poetiken der Einbildungskraft vollzieht sich eine semantische Verschiebung in den Konzepten von inventio und Topik: Die erste löst sich zunehmend von der Idee der Auffindung des schon Bekannten und Gesammelten und wird immer mehr zur Invention, also zur Erfindung des Neuen, nie Dagewesenen, während die zweite (Topik) sich immer mehr auf ein Synonym für Sammlung von Zitaten, Exzerpten und Gemeinplätzen reduziert und sich somit als das genaue Gegenteil der Originalität erweist. Kommt der Terminus in einer positiven Bedeutung vor, dann nur durch die Hinzufügung eines Attributs, das sie neu definiert, wie im Falle von Bacons topica particularis und später, jedoch auf dem Gebiet der Ästhetik, von Baumgarten.

Zusammen mit Giambattista VicoFootnote 23 hat Baumgarten im 18. Jahrhundert den wahrscheinlich letzten Rettungsversuch der Topik unternommen. Bahnbrechend war sein Beitrag in erster Linie, weil er den von Leibniz übernommenen Begriff der „sinnliche[n] Erkenntnis“ (cognitio sensitiva) aufwertete und für seine „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“ den Rang einer Erkenntnistheorie beanspruchte (ars analogi rationis: „Kunst des der Vernunft analogen Denkens“).Footnote 24 In diesem Zusammenhang hat Baumgarten aber auch den ersten konsistenten theoretischen Versuch gewagt, inventio und Topik von der Logik bzw. Rhetorik auf die Ästhetik zu übertragen und dadurch die strenge Trennung zwischen Logik/Dialektik und Rhetorik/Poetik zu überwinden, die von Ramus, Bacon und später von Christian Wolff (Baumgartens Lehrer) sanktioniert worden war. Parallel zur Aufwertung der Einbildungskraft (phantasia) und des (Er-)Dichtungsvermögens (facultas fingendi) zu einem entscheidenden Teil des ingenium, konzipiert Baumgarten bereits in den Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (1735) und dann vor allem in der unvollendeten Aesthetica (1750–1758) die ars topica neu, indem er sie programmatisch auf die von ihm gegründete Theorie der Kunst anwendet.Footnote 25 Bereits die Dreiteilung der Aesthetica theoretica in „Heuristik“, „Methodologie“ und „Semiotik“ (von denen nur die erste verfasst wurde) orientiert sich offensichtlich an den drei ersten Produktionsstadien der Rede in der klassischen Rhetorik: inventio, dispositio und elocutio.Footnote 26 Die „sechs Stücke der ästhetischen Erkenntnis“ bilden das Grundgerüst der Heuristik: Reichtum (ubertas), Größe (magnitudo), Wahrheit (veritas), Klarheit (claritas bzw. lux), Gewissheit (certitudo) und Leben (vita).Footnote 27 Das erste, die ubertas aesthetica, ist in zwei Unterkategorien unterteilt: ubertas materiae und ubertas ingenii (die an Erasmus’ Einteilung in De duplici copia erinnern). Im ersten Teil, über die Fülle des poetischen Stoffes, stößt man auf einen als Topica betitelten Absatz. Die Lehre von den topoi teilt Baumgarten in eine „logische“, die dem Verstand Regeln liefern soll, und in eine „ästhetische, welche die sinnliche Erkenntnis befördern soll“,Footnote 28 auf. In den darauffolgenden Paragraphen werden allgemeine und besondere loci der logisch-rhetorischen Topik nach den gängigen Klassifikationsschemata der klassischen Redekunst (Aristoteles, Cicero, Quintilian) und ihrer frühneuzeitlichen Aktualisierungen (Lullus, Ramus) präsentiert, darunter auch der klassische Fragenkatalog „quis?, quibus auxiliis?, quid?, quomodo?, cur?, ubi?, quando?“.Footnote 29

Wie schon Bacon hält auch Baumgarten Aristoteles’ und Ciceros Lehre für keine richtige ars inveniendi, sondern eher für eine ars revocandi, und die herkömmliche Topik für eine mit der Mnemotechnik verwandte Auffindungslehre, die jedoch nicht in der Lage ist, eine Erfindungsmethode für originelle Erfindungen zu liefern:Footnote 30 „Wenn man einstweilen angeben soll, was die Topik sei, so ist zu sagen, daß sie nicht so sehr eine Heuristik ist als die Kunst, sich die Prädikate eines bestimmten Gegenstands gemäß einer bestimmten Ordnung von mit dem Gegenstand verbundenen Begriffen in Erinnerung zu rufen“.Footnote 31 Heuristik und Topik werden in dieser Definition grundsätzlich getrennt. Wie die Einbildungskraft beim Dichter die Mnemotechnik ersetzt (bzw. erweitert), so löst die Erfindung des Neuen die Wiederauffindung des bereits Bekannten und Gespeicherten ab. Demnach räumt Baumgarten, nachdem er die tradierten Topik-Lehren vorgestellt hat, mit dieser schulrhetorischen Tradition auf. So beginnt der § 136 mit einem scharfen Urteil über den starren Schematismus der herkömmlichen Auffindungslehren:

Ich freilich kann mich, seit ich über die kindlichen Übungen hinausgegangen bin und wenn ich gewagt habe, durch Überlegen lieber etwas auf geschmackvolle Art und Weise als nach der Genauigkeit der Logiker und der Strenge des Erweises zu erfassen, nicht erinnern, jemals eine Topik […] für eine just in dem Augenblick von mir zu besorgende Zusammenstellung einer Fülle und eines Reichtums der Ausführungen erwünscht oder angewendet oder gar als sonderlich nützlich empfunden zu haben.Footnote 32

Dennoch sind zur ästhetischen Heuristik laut Baumgarten „Übungen“ nützlich, welche die natürliche Begabung durch Kunst ergänzen;Footnote 33 so werden im nächsten Abschnitt „bereichernde Argumente“ (argumenta locupletantia) aufgeführt, die dem Reichtum des Stoffes zuträglich sein sollen. Diese topica particularis ist zwar auf die Ästhetik zugeschnitten, wird aber auch eher wie eine akademische Pflichtübung vorgetragen, die letztlich dem wahren impetus aestheticus, der ‚ästhetischen Begeisterung‘, weichen muss. Dieser soll keinem vorgefertigten und regelgeleiteten Katalog folgen, wie Baumgarten emphatisch beschreibt:

Wenn, während du mit derartigen vorläufigen, nach welcher Kunst der Topik auch immer unternommenen Sammlungen beschäftigt bist, jene Begeisterung und Entflammung des Geistes, von der in Abschnitt V [über den Impetus aestheticus; E. M.] die Rede war, dich ergreift, dann verwerfe, sobald du findest, daß dir die Geplänkel schon mehr als genügend nützlich gewesen sind, was auch immer es an loci wo auch immer geben mag. Dann mögen die Arbeiten an der Topik abgebrochen liegenbleiben, du aber – indem du zur Vollendung eilst und mitten in die Sachen, nicht anders, als ob sie dir schon bekannt seien, fortgerissen wirst – nimm das Ganze in Angriff, bestimme die Hauptsache, bilde die Hauptteile des zukünftigen Werks, denn weil

Die Segel der Winde harren,

öffne ihren Bausch,

damit du nicht, während du unrühmlich das Gewebe deiner Topik vollendest,

die günstigen Zephyre nicht hörst,

das Größte durch Zögern verlierst und dir die Gelegenheit entgehen läßt, anstelle der Vorbereitungen den bedeutsamsten Teil des Werkes selbst rühmlich auszuführen […]Footnote 34

Die Bedeutung der besonderen, für ästhetische Zwecke ad hoc konstruierten Topik ist also ebenfalls begrenzt, denn das Reich der in dieser Epoche aufgewerteten Einbildungskraft und der poetischen Erfindung ist unendlich und „der ästhetische Horizont“ erfreut sich „an seinem Wald, seinem Chaos, seinem Stoff“.Footnote 35 Hatte Bacon der modernen wissenschaftlichen Methode die bessere – weil innovative – Heuristik zugeschrieben, eröffnet erst Baumgarten dieser Heuristik das Reich der poetischen Kreativität. So verschiebt sich die Semantik der inventio ab der Frühen Neuzeit und bis ins 18. Jahrhundert hinein immer mehr von der Auffindung des schon Bekannten über die (wissenschaftliche) Entdeckung des Neuen bis hin zur (poetischen) Erfindung ex nihilo.

3 Lichtenberg

In einer späten, um 1798 verfassten Notiz des Sudelbuchs L bringt Georg Christoph Lichtenberg durch die ihm eigene ‚witzige‘ und analogiestiftende Denkweise rhetorische inventio mit wissenschaftlicher Entdeckung und biologischer Taxonomie zusammen:

Wenn man nach gewissen Regeln erfinden lernen könnte, wie z. Ex. die so genannte Loci topici sind, oder wenn die Vernunft sich selbst in den Gang setzen könnte so wäre die[s] gerade eine solche Entdeckung, als die Tiere zu vergrößern, oder Sträuche zur Größe von Eichbäumen auszudehnen. Es scheint, als wenn allen Entdeckungen eine Art von Zufall zum Grunde läge selbst denen, die man durch Anstrengung gemacht zu haben glaubt. Das bereits Erfundene in die beste Ordnung zu bringen, allein die Haupt-Erfindungs-Sprünge scheinen so wenig das Werk der Willkür zu sein als die Bewegung des Herzens. – Eben so kömmt es mir vor, als wenn die Verbesserung, die man den Staaten geben kann durch räsonierende Vernunft, bloß leichte Veränderungen wären; wir machen neue Species, aber Genera können wir nicht schaffen, das muß der Zufall tun. Versuche müssen daher angestellt werden in der Naturlehre, und die Zeit abgewartet, in den großen Begebenheiten. Ich verstehe mich.

Hieher gehört was ich an einem andern Ort gesagt habe, daß man nicht sagen sollte: ich denke, sondern es denkt so wie man sagt: es blitzt. (L 806)Footnote 36

Dieser Schlüsseltext über die eigentümliche Logik des modernen Wissens entfaltet zu Beginn zwei Wissensbereiche – den rhetorischen und den epistemologischen –, erweitert sie anschließend ins Politische, um sie letztlich in eine sprachphilosophische Subjektkritik zu überführen. Wissenschaftliche Erfindungen und Entdeckungen sind demnach so wenig das Produkt von bewusster und zweckmäßiger Subjektivität wie die biologischen Genera, die unkontrollierten Bewegungen des Herzmuskels und die großen politischen Umwälzungen. Mit letzteren bezieht sich Lichtenberg höchstwahrscheinlich auf die Französische Revolution, sind doch seine Überlegungen zur „Experimental-Politik“ auf der anderen Rheinseite ein Leitmotiv seiner Sudelbucheinträge aus den 1790er Jahren, etwa hier: „Experimental-Politik, die französische Revolution“ (L 322). Revolutionen in der Natur und in der Geschichte sind Produkte des Zufalls, die Vernunft kann bestenfalls Korrekturen und Spezifizierungen (die Arten, hier latinisiert „Spezies“ genannt) vornehmen sowie dem Ganzen eine ‚menschliche‘ Ordnung verleihen. Der Zufall aber schafft Ereignisse, auch politische. Nur konsequent ist also sein Schluss, dass man „es denkt“ und nicht „ich denke“ sagen sollte. Dass die traditionelle, rhetorisch-mnemotechnische inventio-Funktion in diesem Text durchaus noch lebendig und produktiv ist, beweist gerade der letzte Satz, greift doch der Rückverweis auf einen anderen „Ort“ in den Sudelbüchern die typisch räumliche Vorstellung jener Topik auf, die der Text sonst aus erkenntnistheoretischer und sprachphilosophischer Sicht in Frage stellt. Denn Erfinden nach „Regeln“ gibt es nicht, und wenn so etwas entdeckt werden sollte, wäre es ein phänomenales Ereignis.

In Lichtenbergs Text bezieht sich inventio nun aber offensichtlich nicht nur auf jenen Teil der Rede, zu welchem die Topik gehört, sondern auch auf jene ars inveniendi, die spätestens seit Francis Bacon die induktive und heuristische Methode der modernen Wissenschaften bezeichnet. Auch wenn er seinen englischen Vorgänger nicht explizit erwähnt, spielt Lichtenberg ganz bewusst auf die Baconsche Unterscheidung zwischen den beiden Arten von inventio an, weil sie jenes Wechselspiel von Zufall und Regelhaftigkeit flankiert, das durch das Aufschreiben und Archivieren (auch Lichtenbergs Tätigkeit in den Sudelbüchern) ermöglicht wird: inventio als rhetorisch-taxonomische Technik (die „loci topici“; das Erfundene „in die beste Ordnung zu bringen“) und inventio als kontingenzgesteuerte wissenschaftliche Entdeckung. Gerade diese wünschenswerte, aber utopische Verbindung thematisiert dieser Text. Aber Lichtenberg spielt offensichtlich mit einer weiteren, dritten Bedeutung des Wortes inventio bzw. seiner Entsprechung in deutscher Sprache („Invention“): nicht Auffindung des schon Vorhandenen (wie in der rhetorischen inventio) und auch nicht (nur) Entdeckung neuer, weil noch ‚verborgener‘, nicht sichtbarer Wahrheiten, sondern Er-findung von etwas Neuem, früher Nicht-Dagewesenem, Schöpfung ex nihilo, die immer zumindest teilweise dem Zufall obliegt. Das ist ein wichtiger Punkt, auf den Lichtenberg auch in anderen Sudelbuchnotizen eingeht, etwa wenn er schreibt, „alle Erfindungen gehören dem Zufall zu“ (F 1195), und darauf als Beispiel den verehrten Isaac Newton anführt. Eine kleine Inkonsistenz in der Verwendung dieses komplexen semantischen Spektrums lässt sich jedoch dort aufspüren, wo Lichtenberg von einer „Entdeckung“ spricht, „als die Tiere zu vergrößern, oder Sträuche zur Größe von Eichbäumen auszudehnen“. Denn damit spielt er höchstwahrscheinlich auf die Beobachtung durchs Mikroskop an, die es zum ersten Mal erlaubt hat, die kleine Welt überhaupt zu sehen, also zu entdecken. Genauer gesagt ist aber die Möglichkeit, Tiere zu vergrößern, auf eine technische Erfindung zurückzuführen – die Erfindung des Mikroskops. Dies zeigt aber einmal mehr, dass die beiden Begriffe ‚Entdeckung‘ und ‚Erfindung‘ kulturhistorisch verwandt sind (das lateinische inventio bedeutet eben beides) und noch im 18. Jahrhundert noch nicht vollständig ausdifferenziert waren.

In den Sudelbüchern, Lichtenbergs privaten Notizbüchern, die der Göttinger Experimentalwissenschaftler und Gelehrte sehr regelmäßig (ca. zweimal pro Woche) kompilierte, wird die rhetorische Tradition der Topik und der ars inveniendi nicht nur reflektiert und im Zusammenhang mit modernen Wissensformen und epistemologischen Fragen beobachtet (wie im gerade besprochenen Eintrag), sondern aktiv verwendet und transformiert. Wie die Forschung (insbesondere Heike Mayer) herausgestellt hat, stellen topische Verfahren in den humanistischen Commonplace books einen wichtigen Präzedenzfall dar.Footnote 37 Die Sudelbücher sind aber weniger eine Sammlung von reinen Fremdzitaten und Exzerpten (obwohl sie natürlich auch solche enthalten), sondern vielmehr ein regelrechtes Arsenal an eigenen Beobachtungen und originellen Gedankenexperimenten sowie regelrechten Versuchsanordnungen und Tabellen. Lichtenberg ersetzt die loci communes durch witzig-assoziativ und experimentell komponierte Gedanken, die originelle, nicht tradierte topoi darstellen. Dass der Übergang vom Fremd- zum eigenen Text, ja das Zusammenspiel beider einen Großteil dieser kleinen Texte ausmacht, reflektiert wiederum der Autor selbst, etwa wenn er im späten „Heft J“ schreibt: „In allen Stücken zu sammeln nicht bloß Wahrheiten, sondern auch Wendungen und Ausdrücke für gewisse Gelegenheiten, wenn man sie öfters durchliest, so vermehrt sich der Vorrat durch ähnliche“ (J 1427). Hier begegnet die seit dem Humanismus geläufige Semantik des Vorrats, die sich nicht nur mit dem topisch-rhetorischen, sondern auch mit dem ökonomischen Diskurs verschränkt. Bemerkenswert ist dabei jedoch, dass es Lichtenberg nicht nur um Wissensinhalte geht („Wahrheiten“), sondern auch um das Sammeln von „Wendungen und Ausdrücken“, dass dem Aufzeichnen und Sammeln demnach auch eine stilbildende Funktion zukommt, genau wie in den rhetorischen Kollektaneen, angefangen von Erasmus’ De duplici copia verborum ac rerum.

Es lassen sich in den Sudelbüchern mehrere Fälle der Reaktivierung und Umfunktionierung topischer Verfahren beobachten. Im letzten Teil dieses Beitrags soll eines dieser Verfahren näher betrachtet werden: die Paradigmata. Lichtenbergs topica particularis – wenn man sie so nennen will – äußert sich in einer breiten und komplexen Verwendung von metaphorischen und analogischen Schreibweisen, die nicht zuletzt dazu dienen, das archivierte Material zu verwerten und dadurch neuartige Beziehungen zu schaffen. Dies entspricht Lichtenbergs Theorie der „Paradigmata“, nämlich Erklärungsmodelle und semiotische Hilfsmittel, die von einem Wissensbereich auf einen anderen (anthropologischen, psychologischen bzw. erkenntnistheoretischen) per Analogie übertragen werden, um dadurch neue Erkenntnisse zu generieren: „Ich glaube unter allen heuristischen Hebezeugen ist keins fruchtbarer, als das, was ich Paradigmata genannt habe. Ich sehe nämlich nicht ein, warum man nicht bei der Lehre vom Verkalchen der Metalle sich Newtons Optik zum Muster nehmen könne.“ (K 312); „Ich glaube, daß man durch ein aus der Physik gewähltes Paradigma, auf Kantische Philosophie hätte kommen können.“ (K 313)

Nun beziehen sich Lichtenbergs Reflexionen über das analogische Vermögen im Menschen auch auf den Witz-Begriff – Witz als schöpferisch-kombinatorische Fähigkeit und als „Haupt-Mittel der Erfindung“ (F 559). Auf Lichtenbergs mehrfach untersuchte Witz-Theorie und deren kulturhistorische Kontextualisierung (vom englischen Empirismus über Wolff und Baumgarten bis Fr. Schlegel) kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.Footnote 38 Ich werde mich nur darauf beschränken, folgende These aufzustellen: Während der Witz für Lichtenberg – genau wie das Genie – ein Produkt des Zufalls ist, ist das Paradigma-Verfahren eine Methode, also vorsätzlich. Besser gesagt, sie ist eins der möglichen Verfahren zur Steuerung und Abrufung von Kontingenz, d. h. auch des zufälligen und unkontrollierbaren Elements in der Entstehung von Witz (Kreativität auf sprachlich-ästhetischer Ebene) und von Entdeckungen bzw. Erfindungen (Kreativität auf epistemologischer Ebene). Im oben kommentierten Eintrag L 806 wird der utopische Wunsch geäußert, ‚Erfindungsregeln‘ zu finden. Das von Lichtenberg entworfene Verfahren, Paradigmata zu finden, lässt sich als Übung zur Erstellung von Erfindungsregeln durch mentale und sprachliche Assoziationen deuten, die jedoch, anders als bei der herkömmlichen ars topica, vollkommen neu und originell sein müssen. In den Sudelbüchern werden Paradigmata allerdings selbst zu neuen, wiederverwendbaren Topoi. Dies lässt sich zuerst an einer berühmten Notiz zeigen:

Wenn Scharfsinn ein Vergrößrungs-Glas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungs-Glas. Glaubt ihr denn daß sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungs-Gläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungs-Gläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual-Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. Der Mond sieht durch einen verkehrten Tubum aus wie die Venus und mit bloßen Augen wie die Venus durch einen guten Tubum in seiner rechten Lage. Durch ein gemeines Opern-Glas würden die Plejaden wie ein Nebelstern erscheinen. Die Welt, die so schön mit Bäumen und Kraut bewachsen ist, hält ein höheres Wesen als wir vielleicht eben deswegen für verschimmelt. Der schönste gestirnte Himmel sieht uns durch ein umgekehrtes Fern-Rohr leer aus. (D 469)

Dieser Text ist ein gutes Beispiel für Lichtenbergs ‚epistemologische Ästhetik‘, welche die kognitive Nähe von Metaphern und Modellen realisiert. „To speak of ‚models‘ in connection with a scientific theory“, schreibt Max Black in seiner an I. A. Richards orientierten Studie Models and Metaphors, „already smacks of the metaphorical“.Footnote 39 Wie bei einer gelungenen Metapher Bildspender und Bildempfänger ein gemeinsames und nachvollziehbares tertium comparationis aufweisen müssen, so muss laut Black zwischen einem Modell und seinem Anwendungsfeld ein Isomorphismus gewährleistet sein. Wird damit eine denkexperimentelle, aber nicht reale Korrespondenz gebildet, handele es sich um eine Art heuristische Fiktion. So experimentiert Lichtenberg hier, ähnlich wie in L 806, durch die Analogie Scharfsinn = Mikroskop; Witz = Verkleinerungsglas mit einer seiner Lieblingsvorstellungen, nämlich der „wechselnden Anwendung von Vergrößerung und Verkleinerung, von Mikroskopie und Makroskopie“.Footnote 40 Ein ‚Verkleinerungsglas‘ dient dazu, den beobachteten Gegenstand zu verkleinern bzw. in die Ferne zu rücken – eine Wirkung, die sich durch Umkehrung eines Fernrohrs oder auch eines gewöhnlichen Opernglases einstellt: Die Winkelgröße nimmt zu, daher sieht man mehr Gegenstände, diese erscheinen aber weiter weg und verkleinert. ‚Witz‘ bedeutet demnach die Fähigkeit zum Überblick und zur Zusammenstellung unterschiedlicher Vorstellungen, wobei die Detailgenauigkeit verlorengeht, während Scharfsinn die Fähigkeit zum ‚scharfstellen‘ ist (ein Detail genau zu beobachten also), wobei der Überblick verloren geht. Ist der Witz die kombinatorische Fähigkeit schlechthin, liest sich diese Notiz jedoch selbst wie eine textuelle Realisierung dieser Fähigkeit und damit auch der Paradigma-Methode als epistemischen Programms, denn sie baut eine neue, originelle Analogie zwischen einem optischen Modell und einer Erkenntnisleistung.

Mit diesem neu erfundenen Paradigma geht Lichtenberg außerdem topisch um, weil er es in variierter und kürzer gefasster Form wieder verwendet und -wertet: „Auch ist Mikroskop und Verkleinerungs-Glas, mit analogischen Schlüssen verbunden, ein Haupt-Mittel zur Erfindung.“ (F 559); „Scharfsinn ist ein Vergrößerungs-Glas, Witz ein Verkleinerungs-Glas. Das letztere leitet doch auf das Allgemeine.“ (F 700); ein Tubus heuristicus (J 1622). Diese kurzen Einträge sind alle später entstanden als D 469 und gelten als kürzere, aphoristische Variationen der ursprünglichen, längeren Notiz. In der ersten erläutert Lichtenberg den Vergleich, später greift er ihn wieder auf, um ihn an anderer Stelle anzudocken und unterschiedlich zu formulieren; er ist zum privaten Topos geworden. So bildet Lichtenbergs Paradigma-Methode seine eigentümliche Variante von heuristischer Topik.

Die experimentelle Deklination von Paradigmata wird in den Sudelbüchern außerdem an verschiedenen Textformaten erprobt, die an der Schnittstelle von wissenschaftlichen und rhetorischen Klassifikationsverfahren entstehen. Es handelt sich um Fragenkataloge, Listen und Register. Das Fragen stellt die sprachliche Ausdrucksform des Zweifelns dar und ist ein Grundelement jeder „theoretischen Neugierde“ (Blumenberg). Einige Notizen aus den Sudelbüchern bestätigen dessen auch bei Lichtenberg zentrale Rolle, um „das Selbstverständliche beziehungsweise scheinbar Verstandene bei alltäglichen wie wissenschaftlichen Dingen in Frage zu stellen und auf noch nicht thematisierte Aspekte hin abzuklopfen“:Footnote 41 „Ein bequemes Mittel mit Gedanken zu experimentieren ist, über einzelne Dinge Fragen aufzusetzen“ (K 308) und die übernächste Notiz lautet: „Fragen über Gegenstände aufzusetzen: Fragen über Nachtwächter – und ja jedes Kapitel der Physik mit Fragen über dasselbe zu beschließen.“ (K 310) Das Fragen wird aber auch durch das Vergleichen, durch Paradigmata flankiert: „Alles das Beste aus diesen Fragen zusammen zu nehmen und mit allen Paradigmen nochmals zu vergleichen.“ (J 1839) Lichtenberg ist sich dabei des Zusammenhangs von topischem Loci-Verfahren und sprachlich-kognitiver Invention durchaus bewusst: „Man lacht so sehr über das Quis, Quid, ubi pp., unsere symbolische Verbindung von Ideen ist nichts anderes.“ (F 865)Footnote 42 Das ‚Aufschreibesystem‘ der Sudelbücher entsteht an der Kreuzung von rhetorischem Gedankengut und modernen epistemischen Darstellungsverfahren, die sich beide als Praktiken der Kontingenzsteuerung und der Wissensanordnung erweisen. So tauchen in den Sudelbüchern regelrechte Fragenkataloge auf, die zwar epistemologische Themen behandeln (Experimentalanordnungen, ‚Klassen von Dingen‘, etc.), in denen sich jedoch ebenfalls Spuren des topischen Fragens (quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando) auffinden lassen. Dem ersten begegnet man im Heft unter dem Titel Keras Amaltheias (dem griechischen Ausdruck für das lateinische cornucopia = Füllhorn),Footnote 43 der die Idee des Sammelns und Auslesens der besten Früchte in sich trägt:

Die Kunst alle Dinge recht tief unten anzufangen, und eine Frage in tausend untergeordnete zu zerfällen.

Inquisitio in legem, quam servant haec

Läßt sich dieses auf etwas anderes referieren, so wie die Überwucht auf eine geringere Schwere?

Läßt sich dieses in andere Dinge zerfällen?

Eine Maschine?

Was halten höhere und niedere Wesen hiervon.

Was sind die Grade hiervon und was bestimmt dieselbe?

Zu was Ende?

Was ist eigentlich?

Sein Ursprung in der menschlichen Natur?

Taugt es zu einem Gedanken in der Dichtkunst?

Sind nicht ganz neue Wissenschaften hierin verborgen?

Ist es auch würklich das wofür man es hält.

Schadet es nicht?

Nutzt es nicht zu andern Dingen?

Läßt sich nicht auf Größeres anwenden?

Was können hierbei vor Versuche angestellt werden?

Was läßt sich hierbei messen?

Was kann es zur Charakteristik beitragen?

Gibt es nicht andere ähnliche Dinge in der Natur?

Kann man hiervon einen neuen Grund angeben?

Gehört es nicht mit unter ein bekanntes Genus von Dingen?

Was leidet es für Abweichungen, wenn man gewisse Umstände ändert?

[…]

Zu was kann dieses der Anfang sein? Oder umgekehrt was war der erste Schritt hierzu?

[…]

Wenn dieses gar nun nicht da wäre, was würde alsdann werden?

[…]

Mein Gott wenn das so fort geht. (KA 307342)

Der letzte, ‚resümierende‘ Satz ist auf der Mitte des Blattes platziert und hat demnach eine ironische selbstkommentierende Funktion. Bei einigen Fragen dieser Liste ist der Bezug auf das topische Modell direkt und offensichtlich: „Was ist eigentlich?“ entspricht quid; „Was ist sein Ursprung?“ entspricht ubi; „Zu was kann dieses der Anfang sein?“ entspricht quando; etc. Aber die meisten Fragen zielen auf Prozesse der Erkenntniserweiterung: Sie umfassen potenzielle Ausdehnungen, werden also zu regelrechten Gedankenexperimenten („Wenn dieses gar nun nicht da wäre, was würde alsdann werden?“), Analogiebildungen durch Paradigmata („Nutzt es nicht zu andern Dingen? Läßt sich nicht auf Größeres anwenden?“; „Etwas zu transferieren [Transfering instruments?]“) und schließlich auch kontrollierte Abweichungen von Regeln bzw. innerhalb von Experimentalanordnungen: „Was leidet es für Abweichungen, wenn man gewisse Umstände ändert?“.

Ein ähnliches Verfahren sind Listen und Register, etwa eine Liste von „Schimpfwörter[n] und dergleichen“ (D 667) bzw. (im nächsten Eintrag) eine Liste von „Wörter[n] und Redens-Arten“ (D 668), in denen durch grammatikalische Ableitungsparadigmen neue Wörter geschöpft werden:Footnote 44

Wörter mit ab, als sich abängstigen.

Er hat sich abgedacht, so abdemonstriert, mit einem abgedachten Gesicht, sich abgeärgert pp

[…]

abgefäumt

abfilzen

einem ein Geheimnis abfragen, abschmeicheln

abgedroschen, an dieser Materie, dächte ich, wäre schon genug gedroschen worden

abkarten

abgeriffelt ad politiorem humanitatem informatus

(D 668)

Auch dieses ist ein probates topisches Verfahren, das in humanistischen Kreisen entwickelt wurde – etwa bei der bereits erwähnten Methode zum Aufbau einer Loci-Sammlung in Erasmus’ De duplici copia verborum ac rerum (1521). Hatte die humanistische Rhetorisierung der loci die Topik zu einer unoriginellen Praktik der gelehrten Materialsammlung gemacht, dient Lichtenbergs Reaktivierung dieses topischen Verfahrens dazu, eine Erfindungs- statt nur eine Auffindungsmethode zu finden. Das Sammeln und Aufschreiben wird also nicht mehr als Tätigkeit zur bloßen Vermehrung und Weiterverwendung von bereits vorhandenem Wissen konzipiert. Vielmehr soll damit ein Material abgelegt werden, aus dessen Vergleich ein kreativer, assoziativer Funke springen kann. So kann Lichtenberg seine privaten Hefte als regelrechte „Fundgrube“ benutzen (siehe etwa G 137 und L 876) und die Topik von einer Technik der Argumentenfindung bzw. der Wissensansammlung in eine Methode verwandeln, in der aus der ‚paradigmatischen‘ Kombination zahlreicher kleiner Informations- und Denkfragmente neue Erkenntnisse entspringen können. Daher leistet inventio in den Sudelbüchern die doppelte Funktion einer topischen Klassifizierung und Wissens(an-)ordnung und einer zufallsgenerierten (aber durch „gewisse Gesetze“ gesteuerten) Produktion neuen Wissens.