1 Grünzüge – Vom hoheitlichen Restriktionsraum zum lebendigen Stadtraum durch Koproduktion Grüner Infrastruktur

Urbanes Grün prägt entscheidend die Lebensqualität von Städten. Seit Jahrzehnten kümmert sich daher die kommunale Planung um den Aufbau und die Pflege von Grünflächen und Netzwerken Grüner Infrastruktur. Parks, Kleingärten, Wälder und Äcker entfalten ihre volle Wohlfahrtswirkung allerdings erst im Verbund: Als Grünzüge gliedern sie die Stadt, bieten größere Erholungsräume, vernetzen Lebensräume von Tieren und Pflanzen und bringen Frischluft in überhitzte Quartiere. Und dennoch sind diese Flächen durch Siedlungsnutzungen bedroht und die Pflege der Freiräume lässt zu wünschen übrig. Geringe Wertschätzung für landwirtschaftliche Flächen führt dazu, dass diese für andere Nutzungen geopfert werden. Grünzüge müssen daher durch Planungsrecht gesichert, aber auch von den Bürgerinnen und Bürgern als wertvolle Stadträume erkannt und genutzt werden, ansonsten drohen mangelnde Akzeptanz und schwindender politischer Rückhalt für Schutz und Pflege der Grünen Infrastruktur.

Das Forschungsprojekt CoProGrün greift das Konzept der Urbanen Agrikultur auf und untersucht, wie Grüne Infrastruktur durch die Einbindung von Akteuren aus (Land-)Wirtschaft und Zivilgesellschaft nachhaltig ausgerichtet, langfristig gesichert und attraktiv gestaltet werden kann. Hierfür arbeiten Partner aus Kommunen, Landwirtschaft und Wissenschaft zusammen. So können Raum und Akteure aus unterschiedlicher Perspektive angesprochen und mit innovativen Methoden aktiviert werden. Dieses schafft Zugang zu städtischen Akteuren jenseits der Verwaltung, die sich aus ökonomischen oder sozialen Motiven in die Gestaltung und Nutzung grüner Stadträume einbringen.

CoProGrün untersucht, mit welchen Formaten die Akteure erfolgreich aktiviert werden können. Wann bedarf es des Küchentischgesprächs, wann der offenen Planungswerkstatt? Das transdisziplinäre Konsortium aus Landschaftsarchitekt*innen und Agrarwirt*innen aus der Forschung, dem Regionalverband Ruhr als Kommune sowie dem lokalen Verein „die Urbanisten e. V.“ bündelte die Akteur*inneninteressen zu Optionspfaden und entwickelt daraus gemeinsam mit den Akteuren zehn Pilotprojekte der Koproduktion. Die Akteur*innen konsumieren den Grünzug nicht nur, sondern koproduzieren ihn durch innovative Bewirtschaftungs- und Beteiligungsformen. Kommunen, Landwirt*innen, urbane Gärtner*innen, Stadtteilvereine, Sozialträger und andere Projektakteur*innen bringen diese nun in die Umsetzung. Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie Kommunen die Unterstützung von Koproduktion mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft in ihre alltägliche Praxis einbinden können. Am Beispiel des Grünzuges Östliches Emschertal wird gezeigt, wie Grüne Infrastruktur mit verschiedensten Akteur*innen der Stadtgesellschaft koproduziert werden kann.

Der vorliegende Beitrag stellt dazu in Kap. „Beteiligen – einen Grundstein für gemeinschaftliche Aufgaben in der Stadt- und Regionalentwicklung legen“ zunächst die Bedeutung der Grünen Infrastruktur für die Daseinsvorsorge und den möglichen Beitrag Urbaner Agrikultur in den Mittelpunkt. Der Emscher Landschaftspark als Grüne Infrastruktur im Kern des Ruhrgebietes und der Grünzug Östliches Emschertal als Untersuchungsgebiet werden eingeführt. Kap. „Die Konstellationsanalyse als Instrument zur Strategieentwicklung für eine gemeinschaftliche Daseinsvorsorge“ legt das CoProGrün zu Grunde liegende Verständnis von Koproduktion dar und erläutert, wie dieses auf das komplexe Gemeinschaftsgut Grünzug angewandt werden kann. Die Erfahrungen mit der Anwendung dieses Konzeptes im Koproduktionsprozess für den Grünzug Östliches Emschertal und den daraus entwickelten Pilotprojekten beschreibt und reflektiert Kap. „Erfolgreiche Innenentwicklung durch Aktivierung privater Eigentümer*innen“.

2 Grüne Infrastruktur als Daseinsvorsorge und öffentliches Gut

2.1 Naturkapital als Grundlage der Daseinsvorsorge

Die Daseinsvorsorge als gesellschaftliche Aufgabe beruht auf der Abhängigkeit des Menschen von Naturgütern: „Human society depends on the benefits provided by nature such as food, materials, clean water, clean air, climate regulation, flood prevention, pollination and recreation.“ (Europäische Kommission 2013b) Um den Gütercharakter dieser Leistungen der Natur zu betonen, werden sie von der Europäischen Kommission (EK) auch als Naturkapital bezeichnet.

Naturkapital stellt ein Gemeinschaftsgut dar (Décamps 2010, S. 14) und ist damit Risiken der Degradierung durch Übernutzung ausgesetzt, die durch gesellschaftlich legitimierte Planung verhindert werden sollen. Europaweit sind Schutz und Entwicklung des Naturkapitals notwendig: „In Europe we consequently continue to degrade our natural capital, jeopardising our long term sustainability and undermining our resilience to environmental shocks. […] the failure to protect our natural capital and to give a proper value to ecosystem services will need to be addressed as part of the drive towards smart, sustainable and inclusive growth which is the EU’s priority Europe 2020.“ (Europäische Kommission 2013b) Um den genannten Gefahren zu begegnen, sieht das Millennium Ecosystem Assessment erhebliche Politikänderungen im Umgang mit Naturkapital als notwendig an: „The challenge of reversing the degradation of ecosystems while meeting increasing demands for their services can be partially met under some scenarios […] but these involve significant changes in policies, institutions, and practices (…)“ (Millennium Ecosystem Assessment Board 2005, S. 1). Dieser Aufgabe stellt sich die EU u. a. mit dem Umweltaktionsprogramm „Gut leben innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten“ (Europäische Kommission 2012) und der dem Green Deal zu Grunde liegenden Clean Planet Strategy Europäische Kommission 2018) zur Vermeidung des Fortschreitens und der Auswirkungen des Klimawandels.

In der Umsetzung dieser europäischen Ziele kommt den Kommunen und den Bürger*innen eine herausragende Rolle zu. Die übergeordneten Strategien zur Sicherung und Bewirtschaftung des Naturkapitals lassen sich nur dann erfolgreich umsetzen, wenn sie auf der lokalen Ebene von einer breiten Gemeinschaft verschiedenster Agierender getragen werden.

2.2 Grüne Infrastruktur

Um das Naturkapital angemessen zu berücksichtigen, ist es als Grüne Infrastruktur (GI) gleichrangig mit der grauen Infrastruktur und der sozialen Infrastruktur in die Daseinsvorsorge einzubinden. Die EK definiert GI als „strategically planned network of natural and semi-natural areas (…) designed and managed to deliver a wide range of ecosystem services. It incorporates green spaces (…) and other physical features in terrestrial (…) areas. On land GI is present in rural and urban settings.“ (Europäische Kommission 2013b).

Die Definition macht deutlich, dass GI sowohl eine funktionale, über Ökosystemdienstleistungen (ecosystem services) beschriebene Dimension besitzt als auch eine räumliche Dimension. Über Ökosystemdienstleistungen (ÖSD) wird dargestellt, welche positiven Effekte durch GI bereitgestellt werden. GI in ihrer räumlichen Dimension als das „network of natural and semi-natural areas“ bezeichnet die Flächen, die zur Erbringung dieser Leistungen notwendig sind. Als dritte Dimension kommt „strategically planned“ hinzu: Die funktionale und räumliche Dimension der GI soll absichtsvoll und gezielt, eben strategisch geplant sein. Damit ist GI auf der Ebene der kommunalen Planung eine wichtige Aufgabe.

2.2.1 Funktionale Dimension: Ökosystemdienstleistungen

Der Begriff der ÖSD macht den anthropozentrischen Ansatz deutlich. GI zielt nicht auf den Schutz von Natur um ihrer selbst willen, sondern auf den sinnvollen Einsatz ihrer für den Menschen nutzbaren Leistungen (vgl. Abb. 1 und Tab. 1). Wie das Bundesnaturschutzgesetz mit dem Ziel der Erhaltung und Entwicklung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes (§ 1 Absatz 1 BNatSchG) stellen ÖSD den Nutzen von Natur und Landschaft für den Menschen in den Mittelpunkt (Albert et al. 2012, S. 143).

Abb. 1
figure 1

(Quelle: Eigene Darstellung nach Albert et al. 2012; Europäische Kommission, Generaldirektion Umwelt 2012; Hansen und Pauleit 2014)

Das Kaskadenkonzept der ÖSD betont gegenüber der in Deutschland verankerten Landschaftsplanung die Bedeutung des Naturkapitals für das menschliche Wohlbefinden und damit seine Rolle in der Daseinsvorsorge.

Tab. 1 Die Bedeutung der UA für die GI und ÖSD im städtischen und stadtnahen Raum. (Quelle: Timpe et al. 2015, S. 127)

Der Nutzen der Natur lässt sich über ÖSD in verschiedenen Leistungskategorien klassifizieren. Das Millennium Ecosystem Assessment (Millennium Ecosystem Assessment Board 2005), durch welches das Konzept der ÖSD weltweit verbreitet wurde, die TEEB Initiative (TEEB – The Economics of Ecosystems and Biodiversity) und die von der EK definierten Nutzen von GI (Europäische Kommission 2013c) schlagen unterschiedliche Klassifizierungen vor. Alle strukturieren jedoch die ÖSD in mehrere Hauptgruppen:

  • Versorgende ÖSD (provisioning services)

  • Regulierende ÖSD (regulating services)

  • Kulturelle ÖSD (cultural services)

  • Unterstützende ÖSD (supporting services)

Für die in diesem Beitrag dargestellte Forschung zur Koproduktion von GI im städtischen und stadtnahen Raum lassen sich verschiedene Nutzen der GI besonders hervorheben, die in Verbindung mit der Urbanen Agrikultur erbracht werden. Urbane Agrikultur (UA) „spans all actors, communities, activities, places, and economies that focus on biological production in a spatial context, which – according to local standards – is categorized as ,urban‘. Urban Agriculture takes place in intra-urban and peri-urban areas, and one of its key characteristics is that it is more deeply integrated in the urban system compared to other agriculture. Urban Agriculture is structurally embedded in the urban fabric; it is integrated into the social and cultural life, the economics, and the metabolism of the city“ (Vejre et al. 2015, S. 21) Während UA selbst zunächst zu den versorgenden ÖSD gehört, besitzt sie auch enge Verbindungen zu weiteren Gruppen von ÖSD. Einen Überblick der positiven Korrelationen zwischen UA, ÖSD nach TEEB (TEEB o. J.) und den GI Benefits laut EK (Europäische Kommission 2013c) gibt Tab. 1. Diese macht die Bedeutung einer Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft für den Erhalt und die Entwicklung von GI deutlich.

2.2.2 Räumliche Dimension: Grünsysteme und Grünzüge

Naturkapital existiert nie ohne Raumbezug, wie es bei anderen Formen von Kapital der Fall sein kann. GI ist immer raumgebunden und basiert auf physischen Elementen wie Land- oder Wasserflächen oder Landschaftsbestandteilen: „Physical Building Blocks [of GI]: the network of green spaces in which and through which natural functions and processes are sustained.“ Europäische Kommission 2013c) Eine breite Spanne unterschiedlich genutzter Flächen und Landschaftselemente kann „building block“ von GI sein: „On the local scale, biodiversity-rich parks, gardens, green roofs, ponds, streams, woods, hedgerows, meadows, restored brownfield sites and coastal sand-dunes can all contribute to GI […] On the regional […] scale, […] river basins, high-nature value forests, extensive pasture, low intensity agricultural areas […] are just a few of many examples.“ Europäische Kommission 2013c) Die bloße Existenz der genannten Landschaftselemente und ihr Potenzial zur Bereitstellung von ÖSD reichen jedoch nicht aus, erst strategische Netzwerkplanung ermöglicht die Erbringung eines breiten Spektrums von ÖSD. Die Planung verknüpfter, multifunktionaler Raumsysteme ist somit eine Kernaufgabe für die Realisierung von GI. „(…) not all green spaces or environmental features necessarily qualify to be part of GI. In addition to being of high quality they must also form an integral part of an interconnected GI network and be capable of delivering more than simply ,a green space‘. An urban park […] for instance might well be considered an integral part of Green Infrastructure if it acts as a cool air corridor, absorbs excess water run-off and offers an attractive outdoor area for recreation and wildlife.“ (Europäische Kommission 2013a, S. 9).

2.2.3 GI-Netzwerk der Metropole Ruhr und Modellraum Grünzug F

In der heutigen Metropole Ruhr wurde die Bedeutung eines strategisch geplanten Freiraumnetzwerkes bereits früh erkannt. In seiner 1912 an der heutigen RWTH Aachen University verfassten Dissertation legte Robert Schmidt die ersten Ideen für einen General-Siedlungsplan vor, der die Siedlungsräume und Freiflächen des Ruhrgebietes festschreibt (Schmidt 1912). Mit der Gründung des Ruhrsiedlungsverbandes in den 1920er-Jahren, heute als Regionalverband Ruhr (RVR) fortgeführt, nahm die Idee regionaler Grünzüge zwischen den Ruhrgebietsstädten Gestalt an. Nach ihrer formalen Etablierung in Regionalplänen in den 1960er-Jahren erhielten sie in den 1990ern als Emscher Landschaftspark (ELP) anlässlich der Internationalen Bauausstellung ein neues Label. Der Masterplan ELP 2010 Projekt Ruhr GmbH 2005) und der Umbau der Emscher vom Abwasserkanal zum Fluss mit gutem ökologischen Potenzial komplettierten die sieben Nord-Süd-Grünzüge mit einer grün-blauen Infrastruktur in Ost-West-Ausrichtung wie sie Abb. 2 zeigt.

Abb. 2
figure 2

(Quelle: Eigene Darstellung)

Sieben Nord-Süd-Grünzüge und der Ost-West-Korridor entlang der Emscher bilden den ELP. Traditionell sind die Grünzüge mit Buchstaben bezeichnet, der Grünzug F erhält durch CoProGrün nun auch den Namen „Grünzug Östliches Emschertal“.

Der RVR schützt und entwickelt diese Grünzüge durch die Festschreibung im Regionalplan für die Metropole Ruhr, den Ankauf von Flächen und das Verzeichnis der Verbandsgrünflächen. Die Aufnahme in dieses Verzeichnis macht den RVR zum Träger öffentlicher Belange, der bei jeder diese Fläche betreffenden Planung zu beteiligen ist. Unter dem Label ELP werden die regionalen Grünzüge zudem konzeptionell weiterentwickelt, in Teilen durch den RVR gepflegt und touristisch vermarktet.

Trotz dieser Bemühungen haben die regionalen Grünzüge kontinuierliche Freiraumverluste zu verzeichnen, welche vor allem zu Lasten landwirtschaftlich genutzter Flächen gehen (Häpke 2012). Dies stellt eine erhebliche Gefährdung des regionalen Naturkapitals dar, obwohl die Grünzüge als GI in der Situation des Klimawandels besonders gefordert sind. Die Bedeutung der regulierenden ÖSD der Grünzüge für das Klima nimmt zu. Auf ihren Freiflächen entstehen Kalt- und Frischluft, diese werden durch die natürliche Luftbewegung in dicht bebaute Stadtteile transportiert, wo sie den Hitze- und Schadstoffstress mindern. Um die Lebensqualität der Städte bei zunehmender Erwärmung zu erhalten, spielen möglichst große, grüne und miteinander zu Grünzügen verbundene Grün- und Freiflächen eine zentrale Rolle. Dies gilt gerade in der Metropole Ruhr mit ihrer in Folge des postindustriellen Strukturwandels alternden Bevölkerung, die gegenüber Hitzestress besonders empfindlich ist. Ein seit den 1920er-Jahren im Ruhrgebiet erhaltenes Naturkapital bringt somit heute unter sich verändernden Umweltbedingungen zusätzliche Zinsen.

Wie die andauernden Freiraumverluste zeigen, reicht eine rein planungsrechtliche Sicherung von Grünzügen heute nicht mehr aus. Sollen sie widerstandsfähig gegen andere Nutzungsansprüche bleiben, müssen sie vom gemeinsamen Engagement von Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft getragen sein, und ihre wirtschaftliche Nutzung als Freiraum, z. B. durch die Landwirtschaft, muss gestärkt werden. An diesem Ziel hat von 2016 bis 2019 das Forschungsprojekt CoProGrün (Co-produzierte Grünzüge als nachhaltige kommunale Infrastruktur) gearbeitet. Als Reallabor diente dazu der Grünzug F am Oberlauf der Emscher (vgl. Abb. 3), der im Rahmen des Projektes den Namen „Grünzug östliches Emschertal“ erhielt.

Abb. 3
figure 3

(Quelle: Eigene Darstellung)

Grünzug Östliches Emschertal im Siedlungskontext.

In einem transdisziplinären Ansatz versucht das Forschungsprojekt zu beantworten, wie durch einen Koproduktionsprozess GI gesichert und weiterentwickelt werden kann und wie ein breites Spektrum ihres Nutzens für die Daseinsvorsorge erschlossen wird. Neben den bereits genannten klimatischen Nutzen (regulierende Leistungen) der Grünzüge bezieht das Projekt in besonderer Weise die möglichen Nutzen für eine regionale Lebensmittelversorgung (versorgende Leistungen und CO2-Minderung), soziale Absicherung und soziales Leben und eine verbesserte Stadt-Land-Beziehung sowie Bildung (kulturelle Leistungen) ein.

Der Grünzug Östliches Emschertal eignet sich in besonderer Weise als Reallabor, da dieser und die umgebenden Quartiere verschiedene, für die Metropole Ruhr typische Raumkonfigurationen beinhalten. Abb. 4 gibt einen Überblick über diese Raumtypen und ihre Verteilung im Grünzug. Sie bilden exemplarisch die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr ab und sind auch in den anderen Grünzügen identifizierbar, wenn auch in jeweils spezifischen Flächenanteilen.

Abb. 4
figure 4

(Quelle: Eigene Darstellung)

Der Grünzug weist verschiedene Raumtypen auf, die exemplarisch für die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr sind. Die Ortsmarkierungen bezeichnen die Standorte der Fotos in den Abb. 5 bis 8.

Im südlichen Bereich des Grünzuges finden sich städtisch geprägte Freiräume, vielfach in direkter Nachbarschaft zu dicht bebauten Stadtquartieren, von denen einige, wie die Dortmunder Nordstadt, einen hohen Erneuerungs- und Unterstützungsbedarf aufweisen. Abb. 5 zeigt Kleingärten am BVB-Stadion Dortmund als Beispiel für diesen Teil des Grünzuges.

Abb. 5
figure 5

(Foto: A. Timpe, 2016)

Kleingärten im Grünzug am BVB-Stadion Dortmund.

Der nördliche Teil des Grünzuges zeigt sich als freier Landschaftsraum, welcher zahlreiche Siedlungen umschließt. Hier ist Landwirtschaft die dominante Flächennutzung, sie findet jedoch stets vor dem Hintergrund der städtisch-industriellen Prägung des Raumes statt (vgl. Abb. 6). Die Siedlungsflächen sind in diesem Teil weniger dicht bebaut und haben einen höheren Grünflächenanteil, häufig auch in privater, der Wohnung zugeordneter Form. Es bestehen jedoch ebenfalls Stadtteile mit besonderem Erneuerungs- und Unterstützungsbedarf. Darüber hinaus beinhaltet der nördliche Grünzug auch Flächen mit Naturschutzwert, z. B. das Naturschutzgebiet „Im Siesack“ (vgl. Abb. 7), den ökologischen Schwerpunkt des Emscherumbaus Ickern-Mengede und andere.

Abb. 6
figure 6

(Foto: A. Timpe, 2016)

Landwirtschaft vor industrieller Kulisse bei Lünen-Brambauer.

Abb. 7
figure 7

(Foto: A. Timpe, 2016)

Das Naturschutzgebiet „Im Siesack“ in Dortmund wird als Hudewald bewirtschaftet.

Über den gesamten Grünzug verteilt finden sich Leuchtturmstandorte der Industriekultur. Diese sind bereits zu neuen Nutzungen konvertiert, wie der Phönixsee und Phönix-West (Abb. 8) im Dortmunder Süden, werden als Zeugnisse der Industriekultur erhalten wie das Industriemuseum Zeche Zollern in Bövinghausen oder befinden sich im Umbau wie die Kokerei Hansa in Huckarde, die Teil der Internationalen Gartenausstellung 2027 wird.

Abb. 8
figure 8

(Foto: R. Hansen, 2018)

Ehemaliger Hochofen Phönix-West, ein Leuchtturmstandort der Industriekultur im Östlichen Emschertal.

3 Koproduktion

Koproduktion beschreibt die Auflösung der Grenzen zwischen Produzent*innen und Konsument*innen bei privaten bzw. zwischen Produzent*innen und Nutzer*innen bei öffentlichen Gütern. Für GI in Form von Grünzügen besitzen, wie Abschn. 3.1 zeigt, beide Güterformen eine Bedeutung. Basierend auf einer Einführung in den Begriff der Koproduktion stellt das folgende Kapitel dar, wie Koproduktion in der Nahrungsmittelproduktion (private Güter) und in der Raumentwicklung (Gemeinschaftsgüter) eingesetzt werden kann – eine wichtige Grundlage für die Arbeit des Projektes CoProGrün im östlichen Emschertal.

3.1 Grüne Infrastruktur als Gemeinschaftsgut

Naturkapital und GI sind öffentliche Güter, von denen die Allgemeinheit profitiert. Die Güterbegriff umfasst hier sowohl materielle Güter als auch immaterielle Leistungen, wie es auch im Konzept der ÖSD (vgl. Abschn. 2.2.1) der Fall ist. Die in Abschn. 2.2.2 genannten „building blocks“ der GI machen deutlich, dass es sich bei dieser, anders als bei vielen anderen, monofunktionalen und im öffentlichen Besitz befindlichen Infrastrukturen, um eine multifunktionale, durch komplexe Eigentums- und Nutzungsstrukturen geprägte Infrastruktur handelt. Ähnlich wie von Röhring (2008) für die Kulturlandschaft beschrieben, sind Netzwerke von GI als komplexes Gemeinschaftsgut zu verstehen. Auch die durch GI erbrachten ÖSD sind zunächst „ein reines öffentliches Gut, an dem jeder partizipieren und von dem niemand ausgeschlossen werden kann.“ (Röhring 2008, S. 35) Viele der genannten building blocks der GI sind jedoch keine öffentlichen Güter, sondern fallen in andere Güterkategorien (vgl. Abb. 9) mit beschränktem Zugang und unter Verantwortung unterschiedlichster Akteure.

Abb. 9
figure 9

(Quelle: Eigene Darstellung nach Röhring 2008)

Unterteilung privater Güter und Gemeinschaftsgüter nach den Kriterien Rivalität und Ausschließbarkeit.

Primärressourcen wie Wasser, Boden, Luft, Biodiversität oder Erholungsmöglichkeiten sind Gemeinschaftsgüter. Als knappe Ressourcen erfordern sie eine gemeinschaftliche Regelung ihrer Nutzung, die durch lokale, teilweise informelle Regelungen, Normen oder Traditionen, aber auch durch zentrale, formale Regelungen wie Gesetze erfolgen kann (ebd., S. 37–38). Die Festsetzung als Grünzug ist eine solche Regelungsmöglichkeit. Dessen Bestandteile wie Vegetationsstrukturen, Wald, Landwirtschaftsflächen wiederum sind private Güter, über die ihr*e Eigentümer*in oder Nutzungsberechtigte*r eigenständig entscheiden kann. Auch diese privaten Güter weisen jedoch Gemeinschaftsgutfunktionen für die GI auf und sind Regelungen und der Sozialpflichtigkeit des Eigentums unterworfen.

Häpke sieht in seiner Untersuchung zu Freiraumverlusten in der Metropole Ruhr folgende Agierende an der Aushandlung des Umgangs mit dem Gemeinschaftsgut Grünzug beteiligt (Häpke 2012, S. 288):

  • kommunale Planung,

  • übergeordnete Politik,

  • Eigentümer*innen,

  • gemischte Eigentümer*innen,

  • bürgerschaftliche Eigentümer*innen,

  • produktive, produzierende Nutzende,

  • Zusammenschlüsse von produktiv Nutzenden,

  • reproduktiv Nutzende,

  • Zusammenschlüsse von reproduktiv Nutzenden

Von besonderer Bedeutung für den ELP als GI des Ruhrgebietes ist dabei die produzierende Nutzung Landwirtschaft. Zusammen mit der Forstwirtschaft macht sie 53 % der Landnutzung im ELP aus (Projekt Ruhr GmbH 2005, S. 209). Ihre Arbeit fällt zunächst in den Bereich der privaten Güter: Auf Flächen in privatem Eigentum werden von den Besitzer*innen Produkte für den Markt hergestellt. Zugleich befindet sich die Landwirtschaft jedoch in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis mit der GI als öffentlichem Gut: Als externer Effekt ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit erhält und entwickelt sie ÖSD. Die Ausweisung als Grünzug schützt die Flächen der Landwirtschaft vor der Konkurrenz anderer Nutzungen, eine wirtschaftlich und ökologisch tragfähige Landwirtschaft ist dabei jedoch zugleich ein gewichtiges Argument, die planungsrechtliche Ausweisung als Grünzug nicht aufzugeben. Soll sich der Grünzug vom Planungsinstrument zu einer gemeinschaftlich getragenen GI entwickeln, ist die Landwirtschaft daher einer der wichtigsten Kooperationspartner*innen.

3.2 Koproduktion privater Güter

Koproduktion privater Güter betrifft die Veränderung von Wertschöpfungsketten. Heute herkömmliche Wertschöpfungsketten entstanden in großem Stil erst mit der industriellen Revolution. Nach Toffler lässt sich Wirtschaft in zwei große Sektoren einteilen: In Sektor A produzieren Menschen unbezahlt für den eigenen Verbrauch und den ihrer Familie, in Sektor B werden Güter und Dienstleistungen für den Verkauf am Markt produziert (Kundel 2010, S. 63). Der Anteil der beiden Sektoren am Wirtschaftsleben hat sich in drei großen Wellen verändert (Kundel 2010, S. 63–65): In der Agrargesellschaft dominierte das subsistenzorientierte Wirtschaften in Sektor A. Produzent*in und Konsument*in waren in derselben Person oder Familie vereint. Mit der industriellen Revolution erlangte Sektor B die weitaus größere Bedeutung. Produktion und Verbrauch werden getrennt, es entstehen getrennte Rollen innerhalb einer industriellen Wertschöpfungskette (vgl. Abb. 10). Mit dem Übergang zur Informationsgesellschaft verliert die Trennlinie jedoch wieder an Deutlichkeit. Konsument*innen übernehmen z. B. in der Medienproduktion Tätigkeiten, die zuvor den Produzent*innen zugerechnet wurden, und werden so zu „Prosumer*in“ oder „Prosument*in“. Das Wort kann dabei sowohl als Zusammensetzung aus „produktiven Konsument*innen“ als auch aus „professionellen Konsument*innen“ verstanden werden (Bruns, S. 3).

Abb. 10
figure 10

(nach Quelle: Timpe 2017, S. 538)

Die Prosumption überwindet die Trennung zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Verändert.

Sowohl Produzierende als auch Prosumierende haben spezifische Motivationen, diese Kooperation und Aufgabenverlagerung zu vollziehen. Als Nutzen aller Beteiligten werden Kostensenkungen bzw. Produktivitätssteigerungen, Marktzuwächse, Qualitätssteigerungen, Zeitersparnisse, Aufbau bzw. Stärkung der Kernkompetenzen sowie Imagegewinne und Flow-Erlebnisse genannt (Grün und Brunner 2002, S. 32).

Die industrielle Produktion steht grundsätzlich vor dem Problem, dass die Informationen über die Bedürfnisse der Kund*innen unzureichend sind. „Mangels geeigneter Verfahren wurden die Kundenwünsche in der Vergangenheit meist in einem iterativen, zeitaufwendigen und kostspieligen Versuch-Irrtum-Prozess geklärt: Der Kunde artikuliert seine Ansprüche nach bestem Wissen, der Produzent entwirft ein Produkt, das nach seiner Einschätzung den Kundenwünschen am besten entspricht. Diese Einschätzung erweist sich vielfach als falsch oder der Kunde ändert die Produktspezifikation bzw. das Design. Die tatsächlichen Kundenwünsche können vielfach sogar erst nach Lieferung und im Zuge der Produktverwendung geklärt werden.“ (Grün und Brunner 2002, S. 22) Versuche, diese Informationsmängel über Markforschung zu beheben, wie in Abb. 10 gezeigt, führen ebenfalls nur zu einem unzureichenden Feedback. Koproduktion kann diesen Mangel beheben und geht über eine Schließung der Feedbackkette deutlich hinaus. Zu den wichtigsten Motivationen für Koproduktion zählt heute die Verbesserung der Produktqualität, an der alle Beteiligten ein Interesse haben. Dazu ist eine Aufgabenverlagerung zwischen Produzierenden und Prosumierenden notwendig (Grün und Brunner 2002, S. 26). „Durch die Übernahme von Aufgaben des Produzenten wird der Kunde quasi zu dessen Dienstleister. Tatsächlich ist er Dienstleister in eigener Sache: Sein eigener Leistungsbeitrag ergibt in Kombination mit der Leistung des Produzenten das von ihm gewünschte Produkt.“ (Grün und Brunner 2002, S. 28). Die Produzierenden bringen ihr fachlich-technisches Wissen ein, während die Prosumierenden ihr Wissen in der Anwendung bzw. ihre Qualitätswünsche an das Produkt beitragen. „Kunden sind nicht mehr nur passive Konsumenten, sondern aktive Wertschöpfungspartner. Sie gestalten heute Produkte und Dienstleistungen aktiv mit und übernehmen teilweise sogar deren gesamte Entwicklung oder Herstellung.“ (Kundel 2010, S. 32–33).

Neben dem eigentlichen Nutzwert des verbesserten Produktes haben die Prosumierenden in der Koproduktion noch weitere Motivationen, z. B. Imagegewinne oder Flow-Erlebnisse. „Unter Flow-Erlebnissen versteht man Tätigkeiten mit selbststimulierendem Effekt.“ (Grün und Brunner 2002, S. 33) Flow beinhaltet „Tätigkeiten […], die ohne materielle Belohnungen und ‚nicht als Vorbereitung für zukünftige Bedürfnisbefriedigungen‘ […] freiwillig und gerne gemacht werden, die also intrinsisch motiviert sind.“ (Schultz 2014, S. 143) Prosumierende empfinden auch ohne äußere oder ökonomische Motivation Befriedigung und Freude an der Leistung der eigenen Mitarbeit (Kundel 2010, S. 44–45). Hinzu tritt das Kontrollmotiv: „Durch Co-Produktion gewinnt der Kunde den Eindruck, die Qualität kontrollieren zu können.“ (Kundel 2010, S. 45) Das Entstehen eines unter seiner Mitwirkung hergestellten und auf ihn zugeschnittenen Produktes befriedigt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Individualität (Kundel 2010, S. 46). Auch das Bedürfnis nach sozialem Kontakt kann zur Mitwirkung an Koproduktion motivieren (Kundel 2010, S. 46).

Die genannten psychologischen Motive zur Mitwirkung an der Koproduktion privater Güter lassen sich auf die Mitwirkung an Prozessen zur Raum- und Umweltgestaltung übertragen. Auch in diesem Feld lassen sich durch Teilnahme am Prozess Selbstbestätigung, Kontakt und Teilhabe erlangen.

3.2.1 Koproduktion von Nahrungsmitteln

Neuere Entwicklungen in der UA zeigen, dass auch die Produktion von Nahrungsmitteln, eine Produktgruppe, zu der alle Menschen eine starke, im konkreten Sinne körperliche Beziehung haben, einer koproduktiven Herangehensweise zugänglich ist.

Direktvermarktung über Verkaufsstände oder Hofläden kann als eine einfache Form der Koproduktion gelten, da Distributionsschritte durch den Weg der Konsumierenden auf den Hof substituiert werden. Größerer Einfluss wird Kund*innen bei der Community Supported Agriculture eingeräumt. Gegen Zahlung eines Jahresbetrages erhalten sie einen Ernteanteil des landwirtschaftlichen Betriebes. Sie zahlen keinen Kaufpreis, sondern bringen Kapital in die Produktion ein, werden zu Genossenschaftsmitgliedern und leisten in den meisten Fällen auch die Distribution selbst. Zusätzlich erhalten sie Mitbestimmungsrechte bei der Auswahl der angebauten Früchte, üben also Kontrolle im Produktionsprozess aus. Für Landwirt*innen als Produzent*innen liegt der Nutzen in einem verringerten Aufwand bei der Vermarktung, der Absatzsicherheit und besserer Planbarkeit der Produktionsressourcen.

Ein weitergehendes Beispiel von Koproduktion in der Landwirtschaft sind die in Abb. 11 illustrierten Selbsterntegärten. Diese finden z. B. unter der deutschlandweiten Marke „meine ernte“ sowie unter lokalen Marken zunehmende Verbreitung. Prosument*innen können eine bepflanzte Gartenparzelle mieten; sie erhalten die notwendige Infrastruktur, Werkzeuge zur Bearbeitung und Bewässerung sowie Bewirtschaftungswissen in Form von Beratung. Die Pflege der Beete und die Ernte der Gemüse übernehmen sie selbst. Für die Prosumierenden deckt diese Form der Koproduktion eine große Bandbreite der psychologischen Motivationen ab. Sie erhalten Kontrolle über die Qualität des Produktes und des Produktionsprozesses, sie können die eigene Leistung in der Aufzucht des Gemüses wahrnehmen und werden durch den Kontakt zu den Besitzer*innen der benachbarten Parzellen Teil einer Gemeinschaft. Ein*e Landwirt*in spart gegenüber der klassischen Produktionsweise die Arbeitsschritte der Pflege, der Ernte, der Qualitätskontrolle, der Lagerung und der Weitergabe an die Distribution ein. Auch gegenüber einer Direktvermarktung werden Arbeitsschritte eingespart. Ein weiterer Nutzen liegt in der direkten Beziehung zu Kund*innen. Oft sind die Selbsterntegärten nur eine Teilaktivität des landwirtschaftlichen Betriebes. Mit den Prosumierenden wird neue Kundschaft auch für den eigenen Hofladen oder andere Vermarktungswege gewonnen. Der direkte Kontakt erbringt Informationen über Kund*innenwünsche an Produktqualitäten und -sortiment.

Abb. 11
figure 11

(Zeichnung: A. Timpe, H. Rafalsky, N. Schmalt, erstveröffentlicht in Lorleberg 2015, S. 81)

Selbsterntegärten sind ein Beispiel für die Koproduktion von Nahrungsmitteln.

3.3 Koproduktion öffentlicher Güter

Für die Koproduktion öffentlicher Güter bestehen zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Zum einen „die Verbindung der Bereitstellung eines öffentlichen mit einem privaten Gut“ (Kirchgässner 2000, S. 13) in einer Koppelproduktion oder englisch „joint production“ (OECD 2001, 16, 30–31); wie UA durch Koppelproduktion zur Bereitstellung von ÖSD beitragen kann, wurde bereits in Tab. 1 deutlich; zum anderen die tiefergehende und aktuell weitaus stärker diskutierte Koproduktion unter Beteiligung der Zivilgesellschaft und der öffentlichen Hand.

Wie in Abschn. 2.2.1 dargestellt, besteht bei der Bereitstellung und Bewirtschaftung von Gemeinschaftsgütern wie ÖSD das Risiko des Marktversagens. Die Verantwortung für GI wird daher in der Regel durch den Staat übernommen. Aus dieser Aufgabeteilung wird eine Trennung zwischen Staat und Markt oder auch zwischen Staat und Zivilgesellschaft konstruiert, welche jedoch ebenfalls zu einer quantitativ und qualitativ unangemessenen Versorgung führen kann. Elinor Ostrom bezeichnet diese Trennung als „the great divide“ und postuliert dazu: „I think the great divide between the Market and the State or between Government and Civil Society is a conceptual trap arising from overly rigid disciplinary walls surrounding the study of human institutions.“ (Ostrom 1996, S. 1073).

In der Produktion öffentlicher Güter und Leistungen kann es durch die Trennung staatlicher Produzierender und zivilgesellschaftlicher Nutzender nicht nur zum Marktversagen, sondern durch Informationsdefizite aufseiten des Staates und fehlende Instrumente für die Umsetzung von Planungen auch zu Staatsversagen kommen (Kirchgässner 2000, S. 13). Hinzu kommt, dass staatliche Instanzen in der Bereitstellung öffentlicher Güter nicht unbegrenzt leistungsfähig sind, was besonders an der hohen (Schulden-)Belastung der kommunalen Haushalte in den letzten Jahren deutlich wird (Wessel 2015, S. 7–11). Auch im ELP ist dies nach Aussage des RVR an einem „Pflegenotstand“ der GI ablesbar.

Einen Ausweg aus den negativen Effekten des „great divide“ für die Produktion von Gemeinschaftsgütern kann die Koproduktion bieten, die Ostrom wie folgt definiert: „By coproduction I mean the process through which inputs used to produce a good or services are contributed by individuals who are not ‚in‘ the same organisation.“ (Ostrom 1996, S. 1073).

Neben den ökonomischen Gründen sprechen auch gesellschaftlich-politische Gründe für eine Koproduktion öffentlicher Güter. Der Weg weg von der staatlichen Daseinsvorsorge, hin zur Koproduktion erhöht die Selbstbestimmung der Beteiligten. „All public goods and services are potentially produced by the regular producer and by those who are frequently referred to as the client. The term ‚client‘ is a passive term. Clients are acted upon. Coproduction implies that citizens can play an active role in producing public goods and services of consequence to them.“ (Ostrom 1996, S. 1073).

Koproduktion im Sinne einer Emanzipation der Nutzer*innen von der reinen Inanspruchnahme der Daseinsvorsorge geht über das gängige Verständnis von Bürger*innenbeteiligung oder Mitbestimmung hinaus. Bürger*innen werden in einer weit aktiveren Rolle benötigt: „The point is not to consult more, or involve people more in decisions; it is to encourage them to use the human skills and experience they have to help to deliver public or voluntary services. It is […] about ‚broadening and deepening’ public services so that they are no longer the preserve of professionals or commissioners, but a shared responsibility[.]“ (New Economics Foundation 2008, S. 10–11) Abb. 12 macht deutlich, dass das klassische Spektrum der Bürger*innenbeteiligung nach Arnstein (1969) maximal das Level des Co-Designs staatlicher Leistungen erreicht. In der Koproduktion werden Bürger*innen jedoch auch an der Erbringung der Leistungen der Daseinsvorsorge beteiligt. Hier legt CoProGrün seinen Schwerpunkt.

Abb. 12
figure 12

(Quelle: Eigene Darstellung)

Koproduktion erweitert das Spektrum der klassischen Bürger*innenbeteiligung um den Bereich der gemeinsamen Leistungserbringung.

Sowohl die Planung und Gestaltung eines öffentlichen Gutes als auch dessen letztendliche Herstellung sind in die Koproduktion einzubeziehen (Bovaird 2007). Abb. 13 zeigt die Bandbreite, die von der klassischen Bereitstellung öffentlicher Güter ohne Koproduktion (oben links) bis zur alleinigen Bereitstellung durch die Zivilgesellschaft (unten rechts) reicht und den durch CoProGrün gewählten Schwerpunkt auf gemeinsame Planung und Erbringung von GI.

Abb. 13
figure 13

(Quelle: Eigene Darstellung nach Bovaird 2007, S. 848)

Im Spektrum der Koproduktion öffentlicher Güter konzentriert sich CoProGrün auf den gestrichelt umrandeten Bereich.

3.4 Koproduktion in der Raumentwicklung

Vorhandene Literatur zur Koproduktion öffentlicher Güter bezieht sich in den meisten Fällen auf Güter der Daseinsvorsorge, z. B. Bildung oder Gesundheitswesen, die nur eine untergeordnete räumliche Dimension haben. Die Konzepte zur Koproduktion zielen darauf, öffentliche Güter wieder zu lokalisieren, sie stärker in eine örtliche Gemeinschaft einzubetten. Die koproduktive Gestaltung konkreter öffentlicher Räume ist dabei jedoch nur selten Teil der Debatte: „Die Möglichkeiten einer koproduktiven und nutzergetragenen Stadt- und Projektentwicklung, in der die lokalen Akteure […] als Initiatoren und Träger urbaner Prozesse dauerhaft einbezogen werden, sind noch Neuland.“ (Buttenberg et al. 2014, S. 5) Doch Koproduktion wird auch in der räumlichen Entwicklung benötigt, um Gemeinschaftsgüter zu sichern und zu entwickeln, denn auch in diesem Bereich steht die Rolle des Staates in der Daseinsvorsorge infrage. „In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Staat zunehmend aus einer versorgenden Rolle zurückgezogen […], die Stadtentwicklung zunehmend der Marktlogik von Angebot und Nachfrage überlassen. […] In zahlreichen Projekten […] werden die Grenzen zwischen Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft neu justiert.“ (Overmeyer 2015b, S. 2) Für Koproduktion in der Stadt- und Freiraumplanung ist auch bei Planer*innen ein Umdenken notwendig: „Wir sind es gewohnt für Nutzer als Raumkonsumenten zu planen und zu gestalten. Zunehmend werden sich Menschen über den Zusammenhang zwischen Lebensumfeld und eigene Lebensweise bewusst. Relokalisierung ist ein Schlüssel der kommenden Stadt. Menschen als Koproduzenten für Stadt und Freiraumentwicklung zu gewinnen bedeutet, Möglichkeitsräume für selbstbestimmte Projekte in Planung zu integrieren und Projektmacher in ihrer Organisation zu unterstützen.“ (Overmeyer 2015a, S. 62).

CoProGrün strebt mit dem Grünzug Östliches Emschertal und den dort tätigen Akteuren als Reallabor eine Vertiefung der Koproduktion von GI an. Wie in Abb. 13 gezeigt, liegt der Fokus auf Formen in denen Nutzer*innen und lokale Gemeinschaften an der Erbringung von GI beteiligt sind. Durch die in Abschn. 2.2.2 dargestellte Bedeutung der landwirtschaftlichen Nutzung steht zudem die mögliche Rolle von Landwirtschaft als der wichtigsten Flächennutzung im Fokus. Dass Stadtbewohner*innen dem Thema regionaler und nachhaltiger Ernährung in den letzten Jahren zunehmende Bedeutung zumessen, macht die Koproduktion von Nahrungsmitteln zusätzlich zu einem vielversprechenden Ansatz. Abb. 14 zeigt das Modell möglicher Stufen von Koproduktion, die innerhalb des Projektes angestrebt werden. Diese sind unterteilt in die Koproduktion des Grünzugs als öffentliches Gut und die Koproduktion von Nahrungsmitteln im Grünzug als private Güter. Diese Trennung dient vor allem dem besseren Verständnis der unterschiedlichen Dimensionen der koproduzierten Güter. In der Praxis spielt sie in vielen Fällen keine Rolle, und es bestehen auf allen Stufen der Koproduktion enge Beziehungen zwischen „Koproduktion im Grünzug“ und „Koproduktion des Grünzugs“.

Abb. 14
figure 14

(Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Timpe 2017, S. 554)

Mögliche Stufen der Koproduktion von Grünzügen mit Landwirtschaft und Zivilgesellschaft.

Basisstufe des Modells zu den möglichen Stufen der Koproduktion von Grünzügen (vgl. Abb. 14) ist die Koppelproduktion, auf der die Grünzüge von Beginn an beruhen: Die Landwirtschaft nutzt und gestaltet die Landfläche und schafft damit die als Grünzug ausgewiesene Landschaft. Die planungsrechtliche Festsetzung schützt somit auch die Aktivitäten der Landwirtschaft in besonderer Weise. Gegen den Veränderungsdruck und die Flächenkonkurrenz durch die Stadtentwicklung, dem sowohl die Grünzüge als auch die stadtnahe Landwirtschaft ausgesetzt sind, kann eine Vertiefung der Koppelproduktion auf den Stufen zwei und drei helfen: Eine ökonomisch stabilere lokale Landwirtschaft verteidigt hier den Grünzug gegen andere Nutzungsansprüche. Dabei helfen neue Geschäftsmodelle für die Koproduktion von Nahrungsmitteln im Grünzug, welche auch die Wertschätzung als Produktionsort in der Stadtbevölkerung steigern können und die Verbindung zwischen den Spalten „im Grünzug“ und „des Grünzuges“ herstellen. Die öffentliche Hand tritt hier als Koproduzent auf, indem sie die Abstimmung mit der Landwirtschaft sucht, gemeinsam mit Landwirt*innen neue Geschäftsmodelle entwickelt oder durch Beratung unterstützt sowie bei der Suche nach geeigneten Flächen behilflich ist. Stufe vier der Koproduktion wird erreicht, wo öffentliche Hand, landwirtschaftliche Produzenten und lokale Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Hier entsteht aus den ursprünglich getrennten Rollen der Produzent*innen, Konsument*innen und Nutzer*innen eine Gemeinschaft.

4 Koproduktion: Initiierung, Erfahrungen und Ergebnisse in CoProGrün

Das Projekt CoProGrün (Herbst 2016 bis Herbst 2019) hat sich zum Ziel gesetzt, einen Koproduktionsprozess am Beispiel des Grünzuges Östliches Emschertal zu initiieren, zu entwickeln und in umsetzbare Pilotprojekte für eine konkrete Koproduktion zu überführen. Zu diesem Zweck vereint das Konsortium verschiedene Fachexpertisen und Akteur*innenzugänge:

  • Der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University fungiert als Verbundkoordinator und bringt seine Expertise zu den räumlichen Dimension von GI und UA sowie der Organisation von Agierendenprozessen ein

  • Der Regionalverband Ruhr ist als Kommunalverband für die Sicherung, Entwicklung und Unterhaltung der regionalen Grünzüge des ELP zuständig. Er ist mit zahlreichen lokalen Akteuren eng verbunden.

  • Der Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen besitzt einen Forschungsschwerpunkt UA und untersucht und entwickelt dort neue Betriebs- und Geschäftsmodelle der Landwirtschaft.

  • Der Dortmunder Verein Die Urbanisten e. V. betreibt Stadtentwicklung von unten und ist spezialisiert in der Aktivierung von Akteur*innen und der Organisation gemeinsamer Prozesse, z. B. im Bereich des urbanen Gärtnerns.

  • Die Landwirtschaftskammer NRW, vertreten durch den Geschäftsbereich 2 „Standortentwicklung, Ländlicher Raum“, vertritt den Berufsstand der Landwirt*innen. Sie unterstützt und berät diese in fachlichen und ökonomischen Fragen und stellt für CoProGrün die Verbindung in diese Berufsgruppe her.

Die Verbundpartner initiieren den Koproduktionsprozess unter dem Motto „Unser Grünzug ist schön und natürlich, erholsam und lecker, produktiv und rentabel“. Wie Abb. 15 zeigt, lässt sich der Prozess selbst dabei in vier Phasen aufteilen, zu denen als fünfte noch die Aufbereitung für die Wissenschaft und die Übertragbarkeit auf andere Standorte hinzukommt. Die Phasen beginnen und enden dabei in der Regel mit einer Meilensteinveranstaltung, bei der alle Prozessbeteiligte zusammenkommen. Daneben versammeln kleinere Veranstaltungen themenspezifische Akteur*innengruppen.

Abb. 15
figure 15

(Quelle: Eigene Darstellung)

Ablauf des Koproduktionsprozesses in CoProGrün.

4.1 Akteur*innenansprache

Da der CoProGrün-Koproduktionsprozess anders als klassische Formen der Bürger*innenbeteiligung nicht an eine konkrete Planung oder gar ein formales Planverfahren gebunden ist, auf welche Akteur*innen reagieren, ist die Identifikation, Ansprache und Aktivierung der im Prozess Agierenden der erste wichtige Schritt zur Koproduktion. Durch die transdisziplinäre Ausrichtung der Projektpartner konnte mit einer Akteur*innenrecherche und bereits bestehenden Kontakten ein breites Feld an Akteur*innen identifiziert werden. Neben einer Einladung zur Auftaktveranstaltung im November 2016 erfolgte eine zielgruppenspezifische persönliche Ansprache. Während die Akteur*innen der Stadt- und Raumentwicklung durch den RVR und die Urbanisten zumeist telefonisch oder per E-Mail kontaktiert und dann durch zahlreiche persönliche Interviews vertieft eingebunden wurden, erfolgte in der Landwirtschaft eine postalische Erstbenachrichtigung, welche bei positiver Reaktion durch einen Hofbesuch fortgesetzt wurde. In allen Fällen erweisen sich die persönliche Ansprache und auch der Besuch der Akteur*innen vor Ort, in ihrem alltäglichen Arbeitsumfeld als ein wichtiger Schlüssel zu ihrer Einbindung. Dies ist mit einem hohen Aufwand verbunden, macht jedoch die Ernsthaftigkeit des Anliegens deutlich und kann das Führen der Interviews und Gespräche am konkreten Beispiel erleichtern. Interviews wurden dabei basierend auf einem Gesprächsleitfaden situativ angepasst geführt.

Die Ansprachepyramide in Abb. 16 zeigt, dass die transdisziplinäre Ausrichtung des Projektes bereits auf der Ebene der Verbundpartner zunächst potenzielle Akteur*innen aus der eigenen Disziplin und Peer-Group anspricht. Dieses „Abholen“ innerhalb eines vertrauten Kontextes ist entscheidend, um im Prozess die Zusammenarbeit mit weiteren Partner*innen außerhalb des gewohnten Umfeldes zu ermöglichen.

Abb. 16
figure 16

(Quelle: Eigene Darstellung)

Die Akteursansprache in CoProGrün führt Menschen zusammen, welche zwar im selben Raum agieren, bisher aber wenig Berührungspunkte hatten.

Die Darstellung der räumlichen Verteilung der aktivierten Agierenden im Verhältnis zum Grünzug in Abb. 17 bestätigt die Spezialisierung der Projektpartner auch im Verhältnis zu den in Abb. 4 gezeigten unterschiedlichen Raumcharakteren: Während die Urbanisten e. V. vor allem Akteur*innen im städtischen Raum von Dortmund zu aktivieren wissen, sind die von der FH Südwestfalen und der Landwirtschaftskammer aktivierten Landwirt*innen vor allem im nördlichen Teil des Grünzugs und am südlichen Dortmunder Stadtrand zu finden. Der RVR als querschnittsorientierte Kommunalverwaltung wiederum weiß Agierende in allen Bereichen und den verschiedenen Kommunen des Grünzugs anzusprechen.

Abb. 17
figure 17

(Quelle: Eigene Darstellung)

Räumliche Verteilung der aktivierten Akteur*innen.

4.2 Akteur*innenveranstaltungen

CoProGrün führt die individuell und im Feld ihrer eigenen Interessen an der Grünzugentwicklung angesprochenen Akteur*innen in gemeinsamen Veranstaltungen zusammen. Hier entsteht das Forum, die unterschiedlichen Interessen und möglichen Beiträge zur Koproduktion zusammenzuführen und Synergien zwischen den Ideen und Projekten der Agierenden herzustellen. Für die Veranstaltungen wurden Orte gewählt, die exemplarisch für den Grünzug und seine Akteur*innen stehen: eine ehemalige Werkhalle, die Scheune eines Landwirtschaftsbetriebes, ein Bürgerhaus und eine zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaute Kirche. Auch die Verpflegung wurde von im Grünzug ansässigen Betrieben mit lokalen Produkten zubereitet. Im Einzelnen fanden die folgenden Meilensteinveranstaltungen statt:

  • Die Auftaktveranstaltung im November 2016 informierte über das Vorhaben, die Entwicklungsabsichten für den Grünzug und das Verständnis von Koproduktion. Gäste aus anderen Metropolregionen berichteten von ihren Erfahrungen mit kooperativer Regionalentwicklung im Spannungsfeld von Landwirtschaft, GI und Siedlungsentwicklung

  • Die Ideenbörse im Mai 2017 präsentierte die Ergebnisse der Akteur*innenaktivierung und der räumlichen Analyse des Grünzugs. In mehreren Diskussionsrunden wurden die wichtigsten Themenstellungen für die Zukunft des Grünzugs, Ansätze für Koproduktion und auch ganz individuelle Projekt- und Entwicklungsvorhaben der Anwesenden zusammengetragen.

  • Die Projektbörse im März 2018 gab den Agierenden und Agierendengruppen die Möglichkeit, ihre Projektvorschläge zu präsentieren. Ein Projektmarktplatz ermöglichte direkten Austausch. Hilfestellung für den Aufbau weiterer Kontakte gaben dabei die „Grünzugtaler“, Schokoladentaler mit aufgeklebten E-Mail-Adressen, für den Austausch zwischen Akteur*innen (Christenn und Timpe 2020b). Im Anschluss wurden die Projekte in den einzelnen Projektgruppen mithilfe der CoProGrün-Partner vertieft ausgearbeitet und in Machbarkeitsstudien überführt.

  • Die abschließende Projektplattform im April 2019 war die Gelegenheit, die ausgearbeiteten Pilotprojekte zu präsentieren und für den dauerhaften Betrieb um weitere Mitstreiter*innen zu werben. Eine gemeinsame Radtour stellte im Anschluss einzelne Standorte sowie das übergreifende Projekt „Route der Agrarkultur“ vor.

Wichtig für den Erfolg waren verschiedene Elemente, die in allen Veranstaltungen in verschiedener Form vorkamen. Gemeinsame Aktionen wie das Zusammensetzen des bei der Anmeldung ausgegebenen Grünzugpuzzles während der Projektbörse 2018 (vgl. Abb. 18) stärkten den Gemeinschaftssinn unter den Akteur*innen (Christenn und Timpe 2020a). Individuell muss den Akteur*innen Raum gegeben werden, ihre Interessen und Pläne zum Ausdruck zu bringen. Geschah dies bei den Pitches der Projektbörse schon in sehr konkreter Form, so waren bei der vorhergehenden Ideenbörse noch zufällig zusammengestellte, moderierte Diskussionsgruppen das Mittel der Wahl (vgl. Abb. 19). Diese haben Themen und Interessen identifiziert, zu denen im zweiten Teil der Ideenbörse an Themenstationen erste Projekt- und Koproduktionsideen gesammelt wurden.

Abb. 18
figure 18

(Foto: L. Ropelato, 2018)

Der Grünzug als Gemeinschaftsaufgabe: Grünzugpuzzle auf der CoProGrün Projektbörse.

Abb. 19
figure 19

(Foto: N. Karr, 2017)

Moderierte Gesprächsrunde der Ideenbörse auf dem Hof Niermann.

Wichtigste Aufgabe der CoProGrün-Projektpartner war der intensive Austausch mit den lokal Agierenden. In gemeinsamen Gesprächen wurden die Projektideen qualifiziert und in einem einheitlichen Layout für die Präsentation bei den Veranstaltungen aufbereitet (Christenn und Timpe 2020c). So wurde gewährleistet, dass die unterschiedlichsten Ideen und Akteur*innen auf dem Marktplatz gleiche Chancen bei der Präsentation ihrer Vorschläge haben. Abb. 20 zeigt ein Beispiel für die Marktplatzposter der Projektbörse. Das Musterlayout sah die folgenden Bereiche vor:

Abb. 20
figure 20

(Quelle: Eigene Darstellung)

Beispiel eines Posters für den Projektmarktplatz, aufgeteilt in die Bereiche Projektbeschreibung, Arbeitsweise und Mitmachmöglichkeiten.

  • Projektbeschreibung mit Umsetzungszeitraum, Verortung im Grünzug und Angabe der wichtigsten Ziele und aktuellen Hindernisse

  • Beschreibung der Arbeitsweise mit dem vorhandenen Akteur*innennetzwerk, den Kooperationsformen und den Kontaktdaten der Beteiligten

  • Die Mitmach-Möglichkeiten mit den Kategorien „Wir suchen noch“, „Wir bieten Dir“ und „Wie kannst Du mitmachen“

Die Poster waren so angelegt, dass sie sowohl der eigenständigen Information der Betrachter*innen dienen können als auch den Leitfaden für ein Akteur*innengespräch darstellen können.

Die drei als Börsen organisierten Veranstaltungen bildeten Meilensteine des Koproduktionsprozesses, hier entstanden transdisziplinäre Zusammenarbeit und Vernetzung und der Anstoß zu Koproduktionsgemeinschaften wurde gegeben. Ebenso wichtig waren jedoch weitere Veranstaltungen in kleinerem Rahmen und mit thematischem Fokus. Wie in Abb. 15 gezeigt, wurden in CoProGrün fünf sog. Clusterworkshops organisiert. Diese griffen jeweils eines der in der Ideenbörse aufgebrachten Themen auf und diskutierten Möglichkeiten von Projekten mit den interessierten Akteur*innen und gezielt eingeladenen externen Expert*innen. In diesen Veranstaltungen entstanden die konkreten Projektideen und Projektarbeitsgruppen, die in der Projektbörse präsentiert und dann in die Entwicklungs- und Ausarbeitungsphase überführt wurden.

4.3 Koproduktions-Coaching

Die Entwicklungs- und Ausarbeitungsphase stellt den letzten Abschnitt auf dem Weg zu Koproduktion dar. In dieser Phase wandeln sich der Charakter der Zusammenarbeit und die Rolle der Projektpartner. Stand zu Beginn die Aktivierung von Agierenden und die Abfrage und Einbindung ihrer Interessen im Vordergrund, so arbeiten die Fachleute aus CoProGrün (hier die Verbundpartner) und die Projektagierenden nun in offenen Teams intensiv zusammen. Die Fachleute übernehmen dabei häufig die Rolle von „Koproduktions-Coaches“. Sie helfen, Projektgruppen zu organisieren und deren Abläufe zu strukturieren, identifizieren und kontaktieren Expert*innen aus anderen Regionen und organisieren einen Austausch, weisen den Weg zu Genehmigungsbehörden und möglichen Fördermitteln, bieten ihre Fachexpertise im räumlichen Entwerfen an, erarbeiten mit den Agierenden einen Businessplan für die langfristige Tragfähigkeit ihres Projektes oder schulen sie in der Selbstorganisation. In einzelnen Projekten, in denen die Initiierenden nicht die Möglichkeit dazu haben, übernehmen Coaches auch die Projektkoordination. Eine zusammenfassende Darstellung dieser Coaching-Aktivitäten und der Häufigkeit ihres Einsatzes in CoProGrün zeigt Abb. 21. Am Ende der Ausarbeitungsphase steht für jedes einzelne Projekt eine Machbarkeitsstudie für die weitere Umsetzung, welche in einzelnen Projekten auch bereits während der Laufzeit von CoProGrün gestartet wurde.

Abb. 21
figure 21

(Quelle: Eigene Darstellung)

Als Coaches fördern die CoProGrün-Projektpartner die Koproduktion auf verschiedenen Wegen.

4.4 Ergebnisse: Pilotprojekte Koproduktion Grünzug Östliches Emschertal

Als Ergebnis des Koproduktionsprozesses sind Machbarkeitsstudien für insgesamt zehn Projekte entstanden, deren Umsetzung startet (Stand Sommer 2019). Im Einzelnen wurden Projekte der folgenden drei Typen initiiert:

In Kooperation mit Landwirt*innen und Zivilgesellschaft:

  • Eine Route der Agrarkultur durch den Grünzug zur Intensivierung der Stadt-Land-Beziehungen

  • Pflege von Infrastrukturflächen im Grünzug durch gefährdete Nutztierrassen in Kooperation zwischen Straßen.NRW, der Emschergenossenschaft und einem Landwirtschaftsbetrieb

  • Direktvermarktung, Mietgartenkonzepte und Gastronomie auf zwei Landwirtschaftsbetrieben im Grünzug

  • Ein erweitertes Netzwerk für die Vermarktung von lokalen Produkten über eine Food Assembly

In Kooperation mit Stadtteilvereinen, Wohnungswirtschaft und Sozialträgern:

  • Ein Konzept für Quartiersgärtner*innen in der Victoriasiedlung Lünen

  • Die Wiederbelebung des Stadtteilgartens in Castrop-Rauxel Deininghausen

  • Der Aufbau eines Gemeinschaftsgartens am Sozialen Zentrum Dortmund

Als zivilgesellschaftliche Netzwerke für Grünzugpflege und Biodiversität:

  • Ein Konzept für die Nutzung und Pflege von Streuobstwiesen im Grünzug inklusive einer Online-Plattform zur Standortkartierung, Vernetzung und Kommunikation

  • Eine Anleitung für die Anlage von Insektenweiden im Grünzug

Weitere Projekte wurden im Prozess bearbeitet, es wurde jedoch keine Machbarkeit festgestellt oder die Projekte konnten in Eigeninitiative der Agierenden ohne vertiefte Koproduktion verwirklicht werden:

  • Von Pils zu Pilz: Die Umnutzung eines Brauereikellers zur Produktion von Speisepilzen im Rahmen einer Beschäftigungsinitiative hat sich als nicht machbar herausgestellt.

  • Weinbau im Emschertal: Der Plan zur Nutzung von Hangflächen an der Emscher musste nach ersten Beratungen aufgrund belasteter Böden am geplanten Standort aufgegeben werden.

  • Volkspark Brambauer: Die Wiederbelebung des Gartendenkmals konnte vereinsgetragen lokal organisiert werden.

  • Solidarische Landwirtschaft: Die Gründung neuer SoLaWi-Gemeinschaften fand nach Beratung mit CoProGrün in anderen Grünzügen des ELP statt.

  • Insekten Come back! Die insektenfreundlichere Gestaltung des Hoeschparks in Dortmund kann in alleiniger Verantwortung des Fördervereins durchgeführt werden.

Alle Machbarkeitsstudien sind online verfügbar (Machbarkeitsstudien Co-Produktionsprojekte – CoProGrün 2020). Abb. 22 zeigt die räumliche Verteilung der Projekte. Neben Initiativen, welche sich mit einem Einzelstandort befassen, sind darunter auch Projekte, die an mehreren Standorten zur Umsetzung kommen (Bienenweiden) oder sich ohnehin als Netzwerk über den gesamten Grünzug hinweg organisieren (Route der Agrarkultur, Plattform Streuobstwiesen). Dass die Initiierung eines Koproduktionsprozesses auch über den ursprünglichen Fokusraum Auswirkungen haben kann, zeigt das Konzept zum Quartiersgärtnern in der Victoriasiedlung in Lünen, welche bereits dem Grünzug G zuzurechnen ist.

Abb. 22
figure 22

(Quelle: Eigene Darstellung)

In CoProGrün entwickelte Koproduktionsprojekte beziehen sich sowohl auf einzelne Standorte als auch auf den Grünzug als Ganzes.

In Anlehnung an Abb. 13 lässt sich die Rolle der Akteur*innen und der CoProGrün-Partner im Prozess in verschiedene Stufen einteilen. Abb. 23 macht deutlich, dass in diesem transdisziplinären Forschungsprojekt die Projektpartner selbst auch in starkem Maße als Koproduzenten auftreten. Gerade in Projekten mit Bezug zum gesamten Grünzug sind einzelne Projektpartner stark involviert. Grau dargestellt sind Projekte, die nicht innerhalb von CoProGrün weiterverfolgt wurden. Im Falle der oben rechts eingeordneten Projekte ist die lokale Akteur*innenkonstellation bereits so gut organisiert, dass keine Koproduktion für die Projektumsetzung notwendig ist.

Abb. 23
figure 23

(Quelle: Eigene Darstellung)

In der Ideenentwicklung und der Ausarbeitung der Pilotprojekte sind die Projektpartner und die aktivierten Akteur*innen in unterschiedlichem Maße beteiligt.

Neben den Pilotprojekten als wesentliches Ergebnis in CoProGrün kann der Aufbau von Sozialkapital durch den Koproduktionsprozess als zusätzliches Ergebnis gesehen werden. Sozialkapital ist hier zu verstehen als sozio-emotionale Bindung zwischen Akteur*innen, die Vertrauen, Solidarität und Kooperationsbereitschaft untereinander erhöhen (Fürst et al. 2004, S. 35). In CoProGrün wurde es durch die persönliche Ansprache potenzieller Akteur*innen, die beschriebene Serie von Veranstaltungen und die intensive Zusammenarbeit und Verlässlichkeit der Projektpartner im Coaching aufgebaut. Austausch und Vernetzung gehen über die einzelnen Projektteams hinaus. Auch Akteur*innen welche in CoProGrün kein gemeinsames Projekt aufgebaut haben, konnten ihre Beziehungen zueinander stärken und für zukünftige Vorhaben nutzen. Dabei ist die Zusammenarbeit über sektorale Grenzen hinweg von besonderem Wert. Abb. 24 zeigt die im Koproduktionsprozess neu entstandenen Kooperationen und Netzwerke, soweit diese für die Projektpartner sichtbar und nachvollziehbar wurden. Durch dieses neu entstandene Akteursnetzwerk rückt auch der Gemeinschaftsgutcharakter des Grünzugs als GI in das Blickfeld der Agierenden.

Abb. 24
figure 24

(Quelle: Eigene Darstellung)

Durch CoProGrün ist ein neues Akteur*innennetzwerk im Grünzug entstanden. Akteur*innen, die ihren Hauptsitz oder ihre Anschrift außerhalb des Projektgebietes haben, sind am Rand der Darstellung verortet, auch wenn sie innerhalb des Grünzuges agieren.

Der RVR als regionale Kommunalverwaltung mit Querschnittsaufgaben in der Raumentwicklung ist dabei naturgemäß besonders stark vernetzt. Dies deutet darauf hin, dass hier über die begrenzte Projektlaufzeit von CoProGrün hinaus Aufgaben der Koproduktionsförderung im Bereich der GI im Ruhrgebiet gut anzusiedeln wären.

4.5 Reflexion der Koproduktionsprozesse

Die Pilotprojekte zeigen den Erfolg des Koproduktionsprozesses im Sinne der Projektziele von CoProGrün. Sie erhöhen die Bindung der lokal (Land-)Wirtschaft Betreibenden und unterschiedlicher Bürger*innen und Bürger*innengruppen mit der GI. Diese haben die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Vorstellungen von der Entwicklung des Grünzugs Östliches Emschertal umzusetzen und dabei unterschiedlichste Interessen von eigenwirtschaftlichen Gewinnzielen bis zum Naturschutz und dem Engagement für die Gemeinschaft zu verfolgen.

Die Vielfalt der Projekte zeigt den Beitrag von GI zu Gemeinwohl und Daseinsvorsorge in vielen Bereichen. Die Varianz in den Bezugsräumen und Handlungsmaßstäben macht deutlich, dass die Motivation zu Koproduktion sowohl aus einem konkreten Interesse an der Entwicklung „vor der eigenen Haustür“ als auch mit Bezug zu übergeordneten Zielen für die Entwicklung von Natur und Landschaft entstehen kann.

Abb. 25 macht das Engagement jeder einzelnen Akteursperson über den gesamten Koproduktionsprozess hinweg sichtbar. Hier wird deutlich, dass die Agierenden unterschiedliche Rollen spielen können. Aus der initialen Akteur*innenansprache und den ersten Veranstaltungen bleiben nur wenige Personen durchgehend in der Projektarbeit aktiv. Diese entwickeln sich jedoch mit Unterstützung der Projektpartner zu tragenden Pfeilern für einzelne Projekte. Durch die Fortführung und Verlässlichkeit des Prozesses und seine Veranstaltungen können stetig weitere Personen für die Koproduktion gewonnen werden. Mit der abschließenden Konkretisierung der Projekte ergibt sich nochmal ein starker Zuwachs an Mitwirkenden. Als Erkenntnis lässt sich festhalten, dass ein Koproduktionsprozess ein selbstförderndes Wachstum entfalten kann. Dies ist in CoProGrün erfolgreich, da es sich zwar um ein Projekt mit begrenzter Laufzeit handelt, nicht jedoch um ein Projekt mit anlassbezogener Beteiligung von Bürger*innen. Die Offenheit für Themen und die Gestaltbarkeit durch die Agierenden auf der Basis ihrer eigenen Bedürfnisse ermöglichen den flexiblen Ein- und Ausstieg in die Koproduktion, statt den Prozess nach Klärung aller vorhabensrelevanten Fragen zum Erliegen kommen zu lassen.

Abb. 25
figure 25

(Quelle: Eigene Darstellung)

Engagement und Permanenz der individuellen Akteur*innen über den gesamten Koproduktionsprozess. Jeder Punkt steht für eine Person, deren Teilnahme über die verschiedenen Arbeitsschritte hinweg in der horizontalen Linie verfolgt werden kann. Die Vertikale zeigt den Zuwachs an neuen Akteur*innen über die Projektlaufzeit.

In der Koproduktion sind somit nicht alle agierenden Personen stabile Teilhabende, der Prozess als Ganzes erweist sich jedoch als stabil und wachstumsfähig. Eine Schlüsselrolle spielt dabei mehr die permanente Begleitung des Prozesses und seiner Agierenden durch die Projektpartner. In CoProGrün wurde diese Kontinuität über die Projektlaufzeit von drei Jahren und die bereits im Raum verankerten und mit Teilen der lokalen Agierenden bereits verbundenen Projektpartner sichergestellt. So können die Akteur*innen eine Kontinuität der aufgebauten Beziehungen auch über das Forschungsprojekt hinaus erwarten. Dies drückt sich auch in einer personellen Kontinuität aus, da zwei zunächst für das Projekt angestellte Mitarbeiterinnen des RVR dort nun dauerhaft tätig sind.

Ein Koproduktionsprozess lässt sich jedoch nicht zum Nulltarif initiieren. Für einen erfolgreichen Prozess braucht es zusätzliche Arbeitskapazität innerhalb der Kommunalverwaltung und auch bei den zivilgesellschaftlichen Partnern die Urbanisten e. V. und Landwirtschaftskammer NRW. Kosten für die Organisation von Veranstaltungen außerhalb des gewohnten Rahmens der Verwaltung, sowohl räumlich als auch in Bezug auf einen geselligen Teil und die Verpflegung der Teilnehmenden, sind aufzubringen, um Foren für den notwendigen persönlichen Austausch aller Agierenden zu ermöglichen. Für die Ausarbeitung der Projektideen sind Budgets für die Hinzuziehung externer Expert*innen und die enge Begleitung der Projektteams durch die kommunale Seite der Koproduktion vorzusehen.

Koproduktion ist daher ein Prozess, in den die institutionalisierten Partner zunächst investieren müssen. Dem gegenüber steht im Falle der GI nicht zwangsläufig eine Senkung von Kosten an anderer Stelle, z. B. durch Ersparnis von Pflegeaufwand für GI, der nun durch Bürger*innen oder Landwirtschaftsbetriebe übernommen wird. Der Gewinn der Koproduktion für die GI ist vor allem qualitativer Art. Durch die Gestaltung in einem gemeinsamen Prozess entsteht eine verbesserte Passung zwischen dem Angebot an GI und den Wünschen der Nutzer*innen. Koproduktionsprozesse helfen, neue Wünsche an die Gestaltung des Lebensumfeldes, im Fall von CoProGrün beispielsweise ein stark gestiegenes Interesse an der Insektenbiodiversität, in die Gestaltung der GI einzubinden und der Zivilgesellschaft dabei eine verantwortliche Rolle zu geben. Akteur*innen die, wie Landwirt*innen, zunächst eigenwirtschaftliche Interessen verfolgen, erhalten durch den Koproduktionsprozess die Möglichkeit, diese in die Entwicklung des Gemeinschaftsgutes einzubinden.