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Gründergeist für einen Journalismus, der Wissenschaft und Gesellschaft verbindet

  • Christian Schwägerl
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Chapter

Zusammenfassung

Der Wissenschaftsjournalismus bekommt inmitten beunruhigender gesellschaftlicher Umbrüche neue, noch größere Aufgaben. Doch der unabhängige Qualitätsjournalismus steht von vielen Seiten unter Druck. Gründungen wie die Genossenschaft RiffReporter machen sich daran, die Arbeit von Wissenschaftsjournalisten neu aufzustellen und Allianzen mit der Gesellschaft zu entwickeln, berichtet der RiffReporter-Vorstand Christian Schwägerl.

Szenario 2029

Im VR-Sichtfeld von Anna taucht ein grüner Haken auf, daneben das Datum von morgen und der Hinweis „KI-Recherche zu 112 % finanziert“. Die Reporterin jubelt. Nur zwei Tage hat es gedauert, bis ihr Fundingaufruf im RiffReporter-Netz ihr die nötigen Mittel einbrachte. Zwei Drittel kamen von privaten Unterstützern, ein Drittel von einer Stiftung. Anna will vor Ort recherchieren, wie skandinavische Umweltaktivisten KI-Applikationen hacken, um sie für ihre Zwecke zu nutzen.

Die Software, die Annas Einnahmen als unabhängige Journalistin betreut, hat gerade automatisch die Nachtzugreise gebucht und aus ihrer Liste von Experten vor Ort Vorschläge für Interviewtermine generiert. In ihrem Postfach findet Anna eine Sekunde später eine Sammlung ihrer bisherigen Interview-Mitschnitte und ein Dossier mit den neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie aktuellen Medienberichten zu weltweiten Trends bei Hacking und KI.

Mit einem Stimmbefehl öffnet die Journalistin ein Dialogfeld in ihrem RiffReporter-Account. „Hallo KI-Reporter-Community“, sagt sie, „mit eurer Hilfe geht es schon morgen los zu meiner zweiwöchigen Reise in den Norden. Ich freue mich riesig. Und jetzt seid ihr dran: Was interessiert euch, was sollte ich bei meiner Recherche im Auge behalten? Und wer aus meiner Expertencommunity kann mir nach meiner Rückkehr helfen, die Fakten zu prüfen?“

Eine Stunde später tauchen drei weitere grüne Haken im Sichtfeld der Datenbrille auf: Die Unterstützer ihres Projekts haben ihr Fragen geschickt, die ihre eigene Liste gut ergänzen. Ihr Factchecking-Board ist nun mit fünf unabhängigen Expertinnen besetzt, die aus dem eingeworbenen Budget bezahlt werden. Und zwölf Verlage, zwei aus Deutschland, fünf aus anderen EU-Staaten und fünf aus Asien und den USA, haben erfolgreich die Lizenzrechte an dem Beitrag ersteigert.

Anna holt ihren Koffer aus dem Schrank und beginnt ihre Kleidung und die Geräte einzupacken – und ihren geliebten Schreibblock aus Papier, mit dem sie bei ihrer Arbeit immer auffällt. Abfahrt von Stuttgart nach Stockholm: 16. Juni 2029, 19.15 Uhr. Vor Ort wird Anna ihre RiffReporter-Kollegin Elin treffen, die Kontakte zu Öko-KI-Hackern tief in den schwedischen Wäldern hat …

Erosionserscheinungen im Wissenschaftsjournalismus

Zwei Wochen am Stück zur Verfügung zu haben, um über ein Umwelt- und Technologiethema vor Ort zu recherchieren und dann auch noch für Schreibarbeit und Faktenprüfung ausreichend Finanzmittel – das ist für JournalistInnen von heute leider meistens eine Utopie. Viele Verlage entlohnen nicht einmal die Arbeit am Schreibtisch so, dass professionelle JournalistInnen ihre Familien davon ernähren könnten. Die Versuchung wächst, statt mit Journalismus mit ungleich besser bezahlten PR-Aufträgen Geld zu verdienen. Viele JournalistInnen wechseln – aus nachvollziehbaren Gründen finanzieller Sicherheit – gleich die Seiten und werden Pressesprecher, Kommunikationsbeauftragte, Werbefachleute oder Politikberater. Alles ehrenwerte Berufe – aber eben kein Journalismus.

Im Berufsalltag von JournalistInnen sind zahlreiche negative Entwicklungen, die sich über Jahre aufgebaut haben, heute sehr deutlich spürbar. Redaktionen werden geschrumpft oder – wie im Fall der deutschen Ausgaben der Wissenschaftsmagazine Wired und New Scientist – ganz aufgelöst. Die freiberuflich arbeitenden JournalistInnen bekommen Honorare angeboten, die auch bei sparsamem Verhalten den Lebensunterhalt nicht decken. Die Möglichkeiten für Journalistinnen und Journalisten, etwa durch Recherchereisen, Laborbesuche, Konferenzteilnahmen oder Bibliotheksaufenthalte in ihren Themengebieten in die Tiefe zu gehen, schrumpfen. Viele Projekte werden deshalb von Anfang bis Ende nur noch am Schreibtisch erledigt. Das geht für eine Weile gut, solange man von früheren Erlebnissen und Erfahrungen zehren kann. Doch es ist Raubbau an der eigenen Kompetenz. Die Kraft der Anschauung und der Recherche lässt sich – was kaum überraschend ist – nicht durch Google-Suchen und YouTube-Videos ersetzen. Zumal es Grundprinzipien des Journalismus verletzen kann, geschilderte Tatsachen nicht vor Ort zu erleben und zu überprüfen.

Diese Entwicklungen sind Teil einer schleichenden Erosion des Qualitätsjournalismus – mit gravierenden Folgen für die Öffentlichkeit. Während in der Wissenschaft allerorten große Presse- und Kommunikationsstäbe aufgebaut werden, schrumpft die Zahl der Wissenschafts- und Technologiejournalisten. Mehr noch: Die Wissenschaft wirbt Journalisten ab und beauftragt sie damit, dem Journalismus täuschend ähnlich wirkende Kommunikationsprodukte zu erstellen. Dahinter steht ein legitimes Interesse, sich der Öffentlichkeit zu erklären. Aber kritische Fragen an mächtige Institutionsdirektoren, Scoops über Fälschungen oder mit Distanz verfasste Analysen, welche Forschungsinstitution in einem Feld denn wirklich weltweit die beste ist, kommen in diesen Erzeugnissen nicht vor. Das ist ihnen auch gar nicht vorzuwerfen – es handelt sich um Kommunikation, nicht Journalismus.

Zweifelsohne gibt es weiterhin großartige Wissenschaftsteile in Zeitungen und Zeitschriften. Auch der Wissenschaftsjournalismus im Radio – vor allem bei den Deutschlandradios – bietet ein vielfältiges und vertieftes Programm. Doch hinter den Kulissen läuft ein gefährlicher, weit über den Wissenschaftsjournalismus hinausgehender ökonomischer und struktureller Erosionsprozess. Er verändert das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft insgesamt, weil die Stimme des Journalismus im Gesamtgeschehen leiser und fragiler wird. Es wird rasant schwieriger, die kontrollierende wie auch die vermittelnde Aufgabe des Journalismus wahrzunehmen, die für das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, aber auch für die Demokratie insgesamt zentral ist.

Herausforderungen für einen zeitgemäßen Wissenschaftsjournalismus

Zusätzlich zur Grundaufgabe, Forschungsergebnisse wiederzugeben und einzuordnen, sehe ich gesellschaftlich relevante – man könnte sagen „systemrelevante“ – Herausforderungen und Aufgaben für einen zeitgemäßen Wissenschaftsjournalismus:

Die mediale Stimme von Evidenz und Empirie

Inmitten dieser grundlegenden und beunruhigenden Umbrüche ist es Aufgabe eines kompetenten Wissenschaftsjournalismus, weit über die traditionelle Berichterstattung zu Forschungsergebnissen hinaus zur Orientierung, Moderation und Sachlichkeit beizutragen. Dem Wissenschaftsjournalismus kommt die Aufgabe zu, die Stimme von Evidenz und Empirie in den Medien zu sein. Denn durch die rechtspopulistischen und anderen fundamentalistischen Bewegungen stehen nicht nur Errungenschaften des 20. Jahrhunderts wie die Europäische Union, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die liberale Demokratie zur Disposition. Die ätzenden Attacken richten sich gegen die Grundlagen des Zusammenlebens, die der Zeit der Aufklärung entspringen: dass allseits sichtbare Evidenz – etwa Messwerte zum Klimawandel – anerkannt, aber zugleich keine Weltanschauung verabsolutiert wird. Mit welcher Vehemenz US-Präsident Donald Trump die internationale Klimapolitik attackiert und es der amerikanischen Öffentlichkeit nicht gelingt, ihn dabei einzuhegen, ist auch Symptom davon, dass die Stimme des Wissenschaftsjournalismus im öffentlichen Diskurs zu leise ist. Wissenschaftsjournalisten in allen Ressorts – von der Politik über die Kultur bis zur Wirtschaft – könnten, ja müssten eine moderierende, aufklärerische Rolle einnehmen. Setzen sich heutige Trends fort, wird nach der „Lügenpresse“ noch viel stärker als heute auch von der „Lügenwissenschaft“ die Rede sein. Die organisierte Klimawandelskepsis könnte erst der Anfang einer viel breiter angelegten Entwicklung sein, hin zu einer post-empirischen Welt, in der reine Ideologie herrscht. Wissenschaftsjournalisten sind berufen, ein Gegengewicht zu bilden.

Die Stimme von Zukunftsthemen jenseits akuter Krisen

Die derzeitigen öffentlichen Debatten werden stark von emotionalen Befindlichkeiten angetrieben und fokussieren sich oft auf das, was auch in den sogenannten „sozialen Medien“ Erfolg bringt. Weil der Wissenschaftsjournalismus zu schwach ist, sind mediale Diskurse normal, in denen eine thematische Sau nach der anderen durch das journalistische Dorf getrieben wird – ob „Griechenlandkrise“ oder „Flüchtlingskrise“ –, bis das nächste Monothema heraufzieht.

Weil Wissenschaft die ganze Wirklichkeit erforscht – von Quarks bis zum Urknall, von Kulturen bis KI, von Geschichte bis Wahlverhalten –, haben Wissenschaftsjournalisten einen Querzugang zur gesamten Realität. Das heißt, dass sie alle Themen aufgreifen und mit jeweils frischem Blick und oft auch neuen Erkenntnissen in das mediale Geschehen einbringen können. Sie stehen deshalb für Themenvielfalt und Pluralität der Perspektiven – das sind wichtige Ressourcen. Eine Berichterstattung dieser Art kann den Bürgerinnen und Bürgern zugleich vermitteln, wie sehr ihr Alltag mit Wissenschaft zu tun hat – auch und gerade bei Menschen ohne akademische Ausbildung.

Kritisches Korrektiv und Sprecher der Gesellschaft in die Wissenschaft hinein

Es besteht zudem ein von jeher großer und noch wachsender Bedarf dafür, dass der Wissenschaftsjournalismus auch die Wissenschaft selbst kritisch beleuchtet. Die Einsicht, dass Wissenschaft der „momentane Stand des Irrtums“ ist, wie Karl Popper es formuliert hat, ist heute in den Hochschulen und Forschungsorganisationen nicht mehr sehr beliebt. Kompetitive Vergabeverfahren tragen dazu bei, dass ein regelrechtes Wettrüsten eingesetzt hat, wer in Rankings besser abschneidet, wer die geldgebenden Ministerien noch glanzvoller beeindrucken, wer sich in der Öffentlichkeit noch effektiver als „Elite“ inszenieren kann.

Dazu passt es nicht, über eigene Fehler und Versäumnisse zu reden, über das Nicht-Wissen und Unsicherheiten. Dazu passt es auch nicht, sich der Öffentlichkeit zu stellen, wenn etwas schiefläuft.

Für die eminent wichtige Rolle von kritischem Wissenschaftsjournalismus als Korrektiv der Wissenschaft gibt es zwei Beispiele, die für Lehrbücher geeignet sind: die Recherchen von Kai Kupferschmidt für Science zum skandalösen Verhalten einer Max-Planck-Direktorin gegenüber ihren Mitarbeitern und die Recherchen von Jan-Martin Wiarda zur haltlos übertriebenen Wissenschaftskommunikation des Universitätsklinikums Heidelberg im Zusammenhang mit einem angeblichen Test für Brustkrebs.

In beiden Fällen waren die Wissenschaftsinstitutionen nicht an einer Aufklärung durch Medien interessiert – es war hartnäckiger, professioneller Journalismus, der die Missstände ans Tageslicht brachte und so auch dem Wissenschaftsbetrieb half, seine Praktiken zu hinterfragen und zu verbessern. Keine institutionelle Wissenschaftskommunikation der Welt hätte das leisten können. Und ähnlich müsste es auch funktionieren, wenn es skandalöse Vorgänge im BMBF, bei der DFG oder in beliebigen anderen Institutionen gäbe. Hier kommt eine der wichtigsten Aufgaben von Journalismus zum Tragen, auch des Wissenschaftsjournalismus. Nutznießer davon ist auch die Wissenschaft selbst.

Hinzu kommt, dass Wissenschaft mit Steuergeldern hantiert und es dabei – was gut ist – um wachsende Summen geht. Milliardenbeträge werden in Gremien vergeben, von denen kaum ein Bürger weiß. Zugleich unterbleiben wichtige Investitionen in Forschungsgebiete, weil die Öffentlichkeit zu wenig über die Bedarfe weiß und sich kein politischer Druck aufbaut. Ein gutes Beispiel ist die Energieforschung, die zentral dafür ist, Transformationsprozesse wie die Energiewende zum Erfolg zu bringen. Doch während viel über Kohletagebaue und Windräder diskutiert wird, spielt viel zu selten eine Rolle, was Energieforschung leisten könnte, wenn sie denn weltweit ausreichend ausgestattet wäre. Ein anderes Thema wäre ein kritischer Blick darauf, ob sich die institutionelle Wissenschaft in Deutschland zu sehr mit den Mächtigen und Reichen verbindet und verbündet – und ob nicht eine Allianz mit den Schwächeren nötig wäre. Solche Diskussionen kommen kaum aus dem Inneren der Wissenschaft, die auf Fundraising- und Prestige-Wettbewerb fokussiert ist.

Hier die Debatte zu bereichern und wissenschaftliche Prozesse ins politische, kulturelle und wirtschaftliche Geschehen einzubringen, ist eine der Kernaufgaben eines zeitgemäßen Wissenschaftsjournalismus. Es würde jedem Forscher guttun, sich täglich wissenschaftsjournalistisch auf dem Laufenden zu halten. Das hilft dabei, die eigene Rolle in der Gesellschaft einschätzen zu können. Wissenschaftsjournalismus kann und sollte als offener und ehrlicher Sprecher der Gesellschaft in die Wissenschaft hinein wirken. Das kann die institutionelle Wissenschaftskommunikation, die immer auch strategische Ziele verfolgen muss, nicht selbst leisten.

Alte Aufgabe neu entdeckt: Popularisierung versus Populismus

In Zeiten des Populismus bekommt eine alte Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus neue Relevanz: die Popularisierung. Wissenschaftliche Ergebnisse gehen alle an, von der Klimaforschung bis zur künstlichen Intelligenz. Doch nur ein Teil der Bevölkerung kommt von sich aus mit wissenschaftlichen Inhalten in Berührung. Stattdessen prägen die auf Emotionalisierung, Polarisierung und Radikalisierung optimierten Plattformen das Medienverhalten – mit bekannten und erschreckenden Ergebnissen.

Wissenschaftsjournalisten haben die Aufgabe, Forschung, ihre Methoden und ihre Ergebnisse so zu erzählen, dass sie ansprechen, Interesse auslösen, Risse in ideologischen Gedankenwelten schaffen. Es ist nicht leicht, diesen Kontakt herzustellen, aber über Regionalzeitungen, soziale Medien oder – noch wichtiger – in „analogen Formaten“ wie Veranstaltungen in Schulen, Bibliotheken oder Stadtteilzentren sollten Wissenschaftsjournalisten versuchen, zu Debatten aller Art beitragen. Nur so kann etwa beim Thema Digitalisierung jene „Mündigkeit“ entstehen, die von Politikern so oft eingefordert wird. Whiteboards an Schulen reichen nicht aus, um Digitalisierung zu verstehen. Hier braucht es eine kritische Reflexion in allgemeinverständlicher Sprache – Kernkompetenz guter Wissenschaftsjournalisten.

Popularisieren ist auch in Richtung des akademisch gebildeten Teils der Bevölkerung eine Aufgabe. Die Komplexität der Wissenschaft überschauen nämlich selbst Wissenschaftler nicht mehr. Jede Disziplin hat ihre Fachsprache und wirkliche Kenntnis der Materie ist nur in eng begrenzten Fachbereichen zu erwarten. Wissenschaftsjournalisten dagegen werden dafür bezahlt, den Überblick zu behalten und in großen Fachgebieten mit den unterschiedlichsten Akteuren zu sprechen. Damit sind sie Übersetzer nicht nur zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Wissenschaft.

Das Riff-Projekt und seine Elemente

Die geschilderten neuen und alten Aufgaben sind mannigfaltig und zentral für eine aufgeklärte, pluralistische und auf Wissenschaft und Technologie gründende Gesellschaft. Deshalb ist es so beunruhigend, dass die ökonomische Basis des Wissenschaftsjournalismus bröselt.

Gegen diese Erosion aktiv zu werden und zu positiven Veränderungen beizutragen ist das Ziel von drei ideell miteinander verbundenen Projekten: Der RiffReporter-Genossenschaft, der gemeinnützigen Riff freie Medien gGmbH und des Riff-Stiftungsfonds bei der GLS Treuhand e. V. Mit einem gemeinsamen Gründerkreis, aber rechtlich getrennt und mit unterschiedlichen Mitteln und Wegen geht es darum, den Qualitätsjournalismus auch und gerade im Bereich Wissenschaft zu stärken.

Die Genossenschaft tut das, indem sie eine Publikations- und Distributionsplattform betreibt und ausbaut, auf der Journalisten allein oder in Teams Leser- und Unterstützercommunitys für ihre Recherchen aufbauen und ihre Beiträge breit an reichweitenstarke Plattformen, Verlage und andere Interessenten lizensieren können. Die gemeinnützige Riff freie Medien gGmbH fördert mit Mitteln, die etwa von Privatpersonen und Stiftungen kommen können, auf der Grundlage ihrer Satzung Recherche und Qualitätssicherung im Journalismus, internationale Journalismuskooperationen sowie Projekte der Medienforschung und der Medienbildung. Und der Stiftungsfonds ist bei entsprechender Finanzierung in der Lage, mit professionellem Management durch die GLS Treuhand e. V. ein strategisch einsetzbares Stiftungskapital für Journalismusförderung aufzubauen.

Das Riff-Projekt gehört zu einer Bewegung im Journalismus, neue Angebote und Strukturen zu schaffen, die auf die Herausforderungen in Gesellschaft und Wirtschaft konstruktiv reagieren und versuchen, tragfähige Lösungen zu entwickeln. Dazu gehört zum Beispiel auch die gemeinnützige Hostwriter-Initiative, die Journalisten aus aller Welt für Kooperationen vernetzt, die Genossenschaft Republik in der Schweiz, die durch Crowdfunding eine komplett neue Redaktion geschaffen hat, oder „piqd“ als Kurations- und Empfehlungsservice.

Stressfaktoren des Journalismus

Diese Neugründungen verfolgen unterschiedliche Ansätze. Aber sie antworten gemeinsam auf negative Stressfaktoren, die den Journalismus insgesamt betreffen. Und sie versuchen sich in einer medialen und gesellschaftlichen Landschaft zu etablieren, in der starke Kräfte gegen sie wirken und in der sich auch Irrwege anbieten, die verlockend erscheinen, aber nicht dem Journalismus und seiner Rolle für die Gesellschaft dienen.

Stressfaktor 1: Die ökonomische Basis des bisherigen Verlagsjournalismus ist in Gefahr

Das Internet mit all seinen positiven Seiten und der immensen Menge von Informationsangeboten hat für den klassischen Journalismus zwei harte Entwicklungen mit sich gebracht: Früher ruhte das Finanzierungsmodell auf Werbeeinnahmen und auf treuen Abonnenten. Wenn eine Firma eine Seite Werbung schaltete, landeten die Einnahmen dafür vollständig beim Verlag. Im Internet dagegen ist die digitale Infrastruktur, über die Werbung läuft, fest in der Hand von Google, teils auch von Facebook. Und dorthin fließt ein erheblicher Teil der Einnahmen. Weil die verbliebenen Einnahmen zudem abhängig von Clickzahlen sind, sind Redaktionen ständig in der Versuchung, Emotionen anzusprechen und Aufmerksamkeit zu erheischen statt sachliche Informationen zu bieten. Von den einst treuen Abonnenten einer Zeitung oder Zeitschrift gibt es von Jahr zu Jahr weniger: Sie bewegen sich im Netz von Medienangebot zu Medienangebot, ganz nach ihren Interessen und gemäß den Empfehlungen ihrer Freunde. Die Folge: Fast alle Redaktionen von Tageszeitungen und Magazinen sind mit wenigen erfreulichen Ausnahmen in den vergangenen Jahren kleiner geworden. Honorare für freie JournalistInnen schrumpfen. Mangels Ressourcen können sie seltener vor Ort sein und das direkte Gespräch mit allen Beteiligten suchen. Das vergrößert die Distanz zwischen Journalismus und Bevölkerung.

Stressfaktor 2: Institutionen setzen darauf, sich mit Kampagnen ihre eigenen Öffentlichkeiten aufzubauen

JournalistInnen wurde früher zusätzlich zur Rolle als Wächter über demokratische Prinzipien auch die Rolle als „Torwächter“ für die Öffentlichkeit zugeschrieben. Zu ihrem Job gehörte es, die Unmengen an Pressemitteilungen, Agenturmeldungen und Rechercheergebnissen zu sichten, filtern, gewichten und nur eine kuratierte Auswahl davon an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Das führte dazu, dass viele Falschmeldungen aussortiert wurden und dass Zitate und Ereignisse in einen größeren Kontext eingeordnet werden konnten, bevor sie die Bevölkerung erreichten. Die Rolle als „Torwächter“ machte JournalistInnen zudem zu begehrten Gesprächspartnern von Verantwortlichen und Interessengruppen.

Heute eröffnet die Vielzahl sozialer Medien und Plattformen Politikern, Interessengruppen, Firmen und NGOs eine direkte Möglichkeit, an journalistischen Medien vorbei die Bevölkerung zu erreichen – man denke nur an den twitternden US-Präsidenten Donald Trump. Aber auch NGOs bedienen sich dieser Mittel, nutzen eine Kommunikationsform, die ihnen direkte Kontrolle über das Geschriebene und Gesendete gibt.

Das führt zu einer neuen Konstellation: Plötzlich erscheinen manche JournalistInnen als Konkurrenz im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit und als Störer schwarz-weißer Kampagnenbotschaften. Nicht nur Firmen und Werber, sondern NGOs und Wissenschaft bieten nun JournalistInnen an, ihr Schreibtalent für ihre Zwecke einzusetzen – in Form von „Corporate Publishing“, beauftragten Beiträgen in Branchen- oder Mitgliedszeitschriften, bei denen Thema, Fokus und Ansprechpartner schon feststehen, oder auch in Form von Recherchen für die Organisation. Solche Tätigkeiten sind wirtschaftlich lukrativ. Wie sagte ein Nachwuchsjournalist: „In zwei Tagen PR-Texten bekomme ich genauso viel Honorar wie für zwei Wochen Arbeit an einer Umweltreportage.“ Solche Tätigkeiten schaffen Interessenkonflikte, verwischen die Grenzen von Journalismus und Lobbyismus. Auf der Strecke droht genau das zu bleiben, was unabhängigen Journalismus ausmacht – eben nicht verlängerter Arm von Interessengruppen zu sein, sondern eine kritisch-distanzierte zusätzliche Instanz.

Stressfaktor 3: JournalistInnen haben zu wenig den Wert ihrer Arbeit vermittelt

Die Journalismusbranche hat viel zu wenig Mühe darauf verwandt, den ideellen und monetären Wert ihrer Arbeitsweise und Produkte in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Stattdessen hat sie werbebegleitete Beiträge einfach verschenkt. Nur sehr zögerlich beginnen Verlage jetzt damit, ihren Nutzern zu signalisieren: Wenn wir Qualitätsjournalismus bieten wollen und sollen, kostet das viel Geld, das irgendwoher kommen muss. Der beste Weg für Unabhängigkeit sind zahlende LeserInnen. In der Zwischenzeit haben sich aber schon sehr viele Menschen an Kostenlos-Journalismus gewöhnt und wundern sich, wenn sie wie in jedem Supermarkt auch bei Artikeln an eine Bezahlschranke stoßen. Ob sich Bezahljournalismus durchsetzt, ist eine offene Frage. Beispiele wie das der New York Times sind ermutigend. Aber die Öffentlichkeit wurde zu lange darauf geprägt, Qualitätsarbeit kostenlos zu bekommen. Deshalb wird Bezahljournalismus vielfach nur deutlich kleinere Teile der Gesellschaft erreichen, als es die früheren Massenmedien konnten.

Stressfaktor 4: Autoritäre Bewegungen versuchen gezielt, die Glaubwürdigkeit des Journalismus zu beschädigen

In jüngster Zeit kommt hinzu, dass die Gegner einer freien Presse politisch stärker werden und die wirtschaftliche Schwäche des Verlagsjournalismus auszunutzen wissen. Ob Trump gegen die „versagende New York Times“ giftet oder AfD-Anhänger „Lügenpresse“ skandieren – es werden grundsätzliche Zweifel an der Arbeitsweise von recherchierenden JournalistInnen geschürt. Schon fangen Politiker traditioneller Parteien an, die Slogans der Rechtspopulisten zu imitieren – man denke an Bundesinnenminister Horst Seehofer, der im Juni 2018 in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung statt russischen Medien die deutschen Medien bezichtigte, „die meisten Fake News“ zu produzieren.1

Stressfaktor 5: Mangelnde Qualitätskontrolle im Journalismus

Eine merkwürdige Mischung aus Sparzwängen, Selbstvermarktung und selbst verschuldeter Realitätsferne trägt dazu bei, dass Journalismusangebote die Öffentlichkeit regelmäßig durch falsche oder irreführende Angaben enttäuschen – und dies Zweifel am Journalismus nährt. Der „Fall Relotius“, besser der „Fall Spiegel“, hat Ende 2018 eine Art Fukushima-GAU der Qualitätssicherung dargestellt. Dass ein Reporter eine große Zahl erfundener Details und Geschichten in einem Magazin publizieren konnte, das sich immer mit einer angeblich legendären Factchecking-Abteilung gerühmt hat, hat viele Menschen erschüttert. Kaum Beachtung hat aber gefunden, dass der Hochstapelei Kürzungen in der Factchecking-Abteilung vorausgegangen waren. In Verbindung mit einer ganz speziellen Reporter-Schule bei dem Magazin, die evidenzorientierten Wissenschaftsjournalismus als „Sachkack“ (Originalton) abgetan und „Geschichten“ in der Art von Drehbüchern konzipiert hat, nahm das Unheil seinen Lauf. Der Fall Relotius ist das Ergebnis von unterbliebener Qualitätskontrolle ebenso wie von übertriebenem Narzissmus, den der Edelfedernkult des Spiegels genährt hat.

Es ist zu hoffen, dass der Fall eine Zäsur darstellt. Denn angesichts einer verwirrenden Informationsfülle in digitalen Medien und immer perfekteren Fälschungstechnologien, bis hin zu „deep fakes“, müssten Journalismusorganisationen die Qualitätssicherung eigentlich massiv ausbauen und zudem systematisch gegen die Versuchung anarbeiten, „Geschichten“ so zu emotionalisieren oder aufzubauschen, dass sie sich auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeit durchsetzen. Nichts spricht dagegen, in Artikeln bei den Lesern Emotionen zu wecken oder auf diese abzuzielen – etwa Sorgen und Ängste angesichts des Klimawandels, Empathie für Menschen mit seltenen Krankheiten, Freude bei Einblicken in die Schönheit des Universums. Doch solche Emotionen dürfen nur ein Ergebnis journalistischen Erzählens von mehreren sein – nicht der Dreh- und Angelpunkt, nicht ein Mittel der Manipulation, kein Grund, Fakten zu ignorieren oder auszublenden, um die Gefühlswirkung nicht zu gefährden.

Statt „New Journalism“, der um das Ego des Autors kreist und Fakten der Story unterordnet, wäre eine neue Sachlichkeit vonnöten, verbunden mit massiv gesteigertem Factchecking und neuer Wertschätzung für Evidenz statt steiler Thesen oder allzu schöner bis geschönerter „Storys“. Die wirtschaftlichen Bedingungen erschweren eine solche neue Sachlichkeit aber massiv. Dass Redaktionen sparen müssen, macht sie anfälliger für Fälschungen und Fehler und verstärkt die Versuchung, durch aufgebauschte Schlagzeilen die Nutzerzahlen zu steigern – solches Verhalten macht Medien nicht nur angreifbar vonseiten von Interessengruppen, die den unabhängigen Journalismus geschwächt oder beseitigt sehen wollen. Es entfremdet auch die echten Freunde des Qualitätsjournalismus.

Antworten auf die fünf Stressfaktoren

Diese fünf Stressfaktoren und weitere beunruhigenden Entwicklungen haben im Journalismus phasenweise zu einer regelrechten Weltuntergangsstimmung geführt. Seit einiger Zeit macht sich trotzdem glücklicherweise ein neuer Gründergeist breit. Zunehmend initiieren JournalistInnen neue Strukturen und eigene Plattformen, um Antworten auf die Herausforderungen zu finden. Bei der Gründung von RiffReporter verfolgen wir genossenschaftliche Antworten auf die Stressfaktoren:
  • Als Ergänzung zur Verlagslandschaft schaffen wir eine dezentrale, nicht-hierarchische Infrastruktur für journalistisches Publizieren, Distribuieren und Vermarkten. Die Einnahmen aus Journalismusverkäufen gehen direkt an die AutorInnen, die daraus einen moderaten Beitrag an die Genossenschaft leisten.

  • RiffReporter fördert den Aufbau von journalistischen Angeboten, die für spezifische Themen und Rechercheprojekte stehen, spezifische Informationsbedürfnisse erfüllen und die AutorInnen in direkten Kontakt mit ihren Lesern bringen. Statt medialem Einerlei sind wir eine Konföderation von besonderen Projekten.

  • Wir setzen neben der Förderung von Journalismus durch Stiftungen primär auf den Markt. Wir wollen den ideellen und monetären Wert journalistischer Arbeit vermitteln, aber ohne Abofallen und einen Zwang, das Gesamtangebot zu kaufen. Die Genossenschaft eröffnet den Kunden die Möglichkeit, Autoren, Themen und Beiträge einzeln zu unterstützen und zu fördern.

  • Ein gemeinsamer Codex schafft strenge, humanistisch ausgerichtete Regeln, die zugleich der Qualitätssicherung dienen. Ein Ethikrat berät Mitglieder bei der Einhaltung des Codex und wacht darüber – mit der Möglichkeit, Autoren zu verwarnen, zeitweise zu suspendieren oder ganz auszuschließen.

Irrwege bei der Rettung des Wissenschaftsjournalismus

Bevor es um die Umsetzung dieser Ziele gehen soll, ist ein Blick auf einen weiteren Aspekt des Verhältnisses von Wissenschaftsjournalismus und Gesellschaft nötig: auf mögliche Irrwege bei der „Rettung“ des Qualitätsjournalismus. Denn mit der Krise wächst nicht nur das Rettende, sondern auch die Versuchung, sich auf schnelle, verlockende Auswege einzulassen.

Zu den Irrwegen gehört aus meiner Sicht die Vorstellung, die Wissenschaft könne den Journalismus mit eigenen Mitteln ersetzen und der Staat solle in Form von Bundestag oder Ministerien mit Steuergeldern und staatlich organisierten Institutionen die Finanzierung des Journalismus übernehmen, um das zu kompensieren, was am Markt oder durch philanthropische Quellen nicht zu erzielen ist. Beiden Ansätzen zugrunde liegt die falsche Annahme, dass der Wissenschaftsjournalismus zur Wissenschaft und der für sie zuständigen Politik in einem anderen, distanzloseren Verhältnis steht als etwa der Politikjournalismus zu Parteien und Ministerien.

Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus wäre es demnach nur, Begeisterung für die Wissenschaft zu schaffen, zu vermitteln, wie bedeutend Erkenntnisse seien. Die journalistische Kontrolle etwa des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMBF) durch kompetente Wissenschaftsjournalisten gilt in dieser Denkweise nicht als Kernaufgabe. Auf einschlägigen Veranstaltungen ist dazu die Formel zu hören, Wissenschaft und Journalismus sollten „Hand in Hand für den Fortschritt“ eintreten.

Diese Definition von Wissenschaftsjournalismus ist vor allem auch für das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft hochgefährlich. Natürlich gehört es zu den schönsten Seiten des Wissenschaftsjournalismus, Erkenntnisse der Forschung zu feiern und so zu erklären, dass auch Nicht-Fachleute sie verstehen und einordnen können. Ebenso gehört es zu den Aufgaben von Politikjournalisten, besonders lebendige Parlamentsdebatten oder besonders gelungene Gesetzesbeschlüsse als solche darzustellen und zu vermitteln. Aber Wissenschaft und Journalismus sind grundsätzlich ebenso wenig „Hand in Hand“ unterwegs, wie die Süddeutsche Zeitung und die CDU es wären. Beide sind der Demokratie verpflichtet, aber eben in höchst unterschiedlichen Rollen.

Auch die Wissenschaft und die Wissenschaftspolitik braucht den kritisch-distanzierten Blick von Journalisten, die sich kein X für ein U vormachen lassen, die unangenehme Fragen stellen, die keine Scheu haben, Missstände anzuprangern, und die Debatten aus der Gesellschaft in die Hochschulen und Institute hineintragen. Die Wissenschaftskommunikation – deren Spektrum von twitternden Wissenschaftlern über Lange Nächte der Wissenschaft und Institutsmagazine bis zur vorteilsorientierten „strategischen Kommunikation“ reicht – hat ihre eigenständigen und wichtigen Aufgaben. Aber sie ist das Gegenüber des Journalismus und nicht sein Dach – und schon gar nicht sein Substitut.

Leider gibt es regelmäßig problematisch Signale der Wissenschaft an den Journalismus: Wir brauchen euch nicht mehr, wir machen das jetzt alleine, das ist entweder expressis verbis oder durch schlichtes Desinteresse spürbar. Besonders die Spitzen der deutschen Forschungsorganisationen sind zu keinem klaren Bekenntnis zu einem unabhängigen Wissenschaftsjournalismus in der Lage. Man betrachtet das Erodieren der Branche teils unberührt, weil lästige Fragesteller ausbleiben, teils aktiv desinteressiert, weil man glaubt, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit selbst leisten und vor allem kontrollieren zu können.

Mit diesem Kurs droht die Wissenschaft, selbst Teil des „postfaktischen Syndroms“ zu werden, das westlich-aufgeklärte Gesellschaften befallen hat. Zwar nimmt man für sich in Anspruch, die Wirklichkeit kritisch zu erforschen, doch wird die Rolle des Journalismus, als kritisch-distanziertes Korrektiv wiederum die Wissenschaft zur Debatte zu stellen, nicht mehr anerkannt. Wenn dann in Zukunft Forschungseinrichtungen nur noch über sich selbst berichten und einseitig ihre Erfolge kommunizieren, aber der einordnende Blick von außen fehlt, hätte sich die Logik der interessengeleiteten „strategischen Kommunikation“ ausgerechnet im Hort der Aufklärung durchgesetzt. Wohlgemerkt sind es in den seltensten Fällen Pressesprecher und Kommunikationsbeauftragte, die diese Entwicklung betreiben – und auch nicht die vielen WissenschaftlerInnen, die sich um einen direkten Dialog mit der Gesellschaft bemühen. Es sind jene in den Hierarchien, die auch im persönlichen Umgang Kritik nicht zu schätzen wissen.

In diese Lage hinein gibt es aus dem Wissenschaftsjournalismus heraus Stimmen, die in einer Art überschießender Reaktion auch institutionell die Grenzen zwischen Journalismus und Wissenschaft einreißen wollen, sei es durch gemeinsam betriebene Kommunikationsplattformen oder durch institutionalisierte Staatsfinanzierung für den Wissenschaftsjournalismus, etwa in Form einer vom BMBF zu finanzierenden Stiftung. Doch Vorschläge einer staatlich finanzierten Journalismusstiftung, so gut sie im Sinne einer Kompensation fehlender Ressourcen vom Markt und von Stiftungen gemeint sind, sind gefährlich. Es ist das eine, wenn JournalistInnen sich bei vorhandenen Fördertöpfen von Stiftungen, in der allen zugänglichen staatlichen Gründerförderung oder auch allen zugänglichen Fördertöpfen etwa der Bundeskulturstiftung bewerben. Für solche Angebote gibt es bereits eine Vielzahl von Institutionen. Trivial ist nichts davon, aber es lassen sich dabei noch Linien zeichnen, die nicht übertreten werden.

Etwas anderes ist es, wenn ein Fachministerium eigens eine Institution zur Förderung der Berichterstattung über das eigene Themengebiet und sich selbst schaffen sollte. Man mag versuchen, den Einfluss des Ministeriums in einem Kuratorium zu minimieren – aber Beobachtete und Beobachter würden institutionell zusammengefasst. Die Grenzen zwischen Kontrollierten und Kontrollierenden würden dadurch verwischt. Die Verdächtigungen, dass Journalisten von der Politik gesteuert werden, würden neue Nahrung bekommen. Und was spräche dann noch dagegen, dass jedes Ministerium sich seine eigenen Journalisten heranfüttert, das Landwirtschaftsministerium die Agrarjournalisten, das Außenministerium die Auslandskorrespondenten?

Es gilt aus meiner Sicht zu vermeiden, dass der Journalismus je in die Lage kommt, die Finanzierung durch den Staat oder die institutionelle Fusion mit dem Berichtsgegenstand als Ultima Ratio einfordern zu müssen. Das wäre für die offene Gesellschaft ein großer Verlust.

Ansätze zur Stärkung des Wissenschaftsjournalismus

Was aber könnten tragfähige und nachhaltige Lösungen sein, damit der Journalismus seine alte Aufgabe erfüllen und neue Aufgaben übernehmen kann, Wissenschaft und Gesellschaft im kritischen Dialog miteinander zu verbinden?

Dreh- und Angelpunkt dafür sind fraglos die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen. Hinzu kommt der Bedarf an neuen Strukturen. An beide besteht der Anspruch, dass sie die Unabhängigkeit journalistischen Handelns garantieren und stärken müssen. Bei neuen Geldquellen für den Wissenschaftsjournalismus aus dem staatlichen Entscheidungsbereich kommen dafür am besten Mittel aus den Rundfunkgebühren infrage. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hätte durchaus die Möglichkeit, einige Prozent der Einnahmen aus der Rundfunkgebühr in einen Innovationsfonds zu leiten, aus dem neue Ansätze auch im Wissenschaftsjournalismus finanziert werden könnten. Dabei würde es sich explizit um gesellschaftliche Mittel und eben nicht um politisch kontrollierte Steuergelder handeln, wie auch das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat. Ja, es gibt bei der Vergabe dieser Mittel einen politischen Einfluss. Aber er ist geringer und von anderer Natur als bei einer Stiftung, die mit Bundestagsbeschluss direkt von einem Ministerium finanziert würde, über das dann wiederum geförderte Journalisten berichten sollten. Lupenreine Lösungen wird es sicherlich nicht geben. Aber keine Lösung sollte Grundprinzipien des journalistischen Ethos opfern, um Zeit zu kaufen.

Ein zweiter denkbarer Ansatz wäre es, als Mittelgeber zum Beispiel Hochschulen und Forschungsinstitute dazu zu verpflichten, allen Studierenden, Mitarbeitern und Wissenschaftlern eigenverantwortlich die ganze Breite des Wissenschaftsjournalismus zugänglich zu machen. Das wäre ein ganz normaler Vorgang, wenn man betrachtet, wie viel Geld für Bibliothekslizenzen von Journals ausgegeben wurde und wird. Nur wenn Wissenschaftsjournalismus in Hochschulen und Instituten auch flächendeckend verfügbar ist, kann er die komplexen Vorgänge in der Gesellschaft in die Wissenschaft hinein kommunizieren.

Im Kern sollten die Mittel, den Journalismus samt Wissenschaftsjournalismus wieder zu stärken, aber aus der Gesellschaft kommen. Berufen dafür sind Bürger, die als Leser, Hörer, Zuschauer und Mitwirkende guten Journalismus so mitfinanzieren, wie Menschen durch den Kauf von Bio-Lebensmitteln versuchen, zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beizutragen. Hinzu kommen Stiftungen und Mäzene, die mit ihrem Vermögen und Erträgen daraus ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können, indem sie Journalismusprojekte fördern. Unabhängigkeit ist auch dabei das höchste Gut. Es darf keinen direkten oder indirekten EInfluss auf journalistische Entscheidungen geben. Wenn, wie geschehen, eine Stiftung eine „Förderung“ vorschlägt, die darin besteht, Gutes über ihre Aktivitäten zu schreiben, dann spiegelt dies nicht nur ein grundlegendes Fehlverständnis von Journalismus wider, sondern stellt eine Beleidigung für Journalisten dar.

Einige Stiftungen und gemeinnützige Träger, die bei der Förderung ihren Fokus auf Unabhängigkeit richten, gehen wegweisend mit gutem Beispiel voran – wie die ZEIT-Stiftung, die Rudolf Augstein Stiftung, die Alfred Toepfer Stiftung F.S.V., die Schöpflin Stiftung, die GLS Treuhand e. V., die Schweizer Demokratie Stiftung, die VolkswagenStiftung und andere. Aber das Potenzial der mehr als 20.000 Stiftungen in Deutschland, den Journalismus als Bindegewebe der Demokratie zu stärken, ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft – und die Zeit, um mit Handeln noch echte Effekte zu erzielen, wird langsam knapp.

Die Umsetzung bei den RiffReportern

Und damit zurück zu Anna, der Reporterin aus dem „Szenario 2028“, die recherchieren will, wie skandinavische Öko-Hacker KI-Applikationen für ihre Zwecke umprogrammieren. Mit RiffReporter bauen wir die Infrastruktur auf, um eine solche journalistische Praxis zu ermöglichen: JournalistInnen bekommen die Mittel für ihre Recherchen direkt von Lesern und von philanthropischen Förderern. Zugleich können sie ihre Beiträge systematisch an mehr als einen Verlag verkaufen und so ihre genuin journalistischen Einnahmen stärken. Die Gesellschaft bekommt im Gegenzug hochwertige Beiträge von sachkundigen JournalistInnen – zu Themen auch abseits der jeweils aktuellsten Krisen und Aufreger.

Am Riff-Konzept haben wir im Kreis der GründerInnen seit Anfang 2015 gearbeitet. Wir verfolgen einen „dualen“ oder „hybriden“ Ansatz: Zwei gemeinnützige Entitäten, die gGmbH und der Stiftungsfonds, ermöglichen es, Mittel auf der Grundlage des Gemeinnützigkeitsrechts anzunehmen und zur allgemeinen Förderung von Qualitätssicherung, Medienbildung, Journalismusforschung und internationaler Journalismuskooperation einzusetzen. Kooperationen mit einigen der oben genannten Stiftungen zeigen bereits, dass das Konzept funktioniert.

Rechtlich und praktisch getrennt davon arbeitet die RiffReporter-Genossenschaft am Markt: Sie unterstützt ihre journalistischen Mitglieder darin, allein oder im Team redaktionell und wirtschaftlich eigenständige Projekte, die sogenannten „Korallen“, zu gründen, betreiben und vermarkten.

RiffReporter ist kein Verlag und auch keine Konkurrenz zu Verlagen, sondern will eine zentrale, aber häufig übersehene Kraft im Journalismus stärken: die freiberuflichen JournalistInnen und ihre unabhängigen Projekte in Bereichen wie Wissenschaft, Umwelt, Kultur, Politik, Gesellschaft, Weltgeschehen und Technologie. Die Mitglieds-JournalistInnen sollen und werden weiter direkt für Verlage arbeiten, bekommen aber mit RiffReporter neue Möglichkeiten an die Hand: sich eine eigene Community von Kunden und Unterstützern aufzubauen, in einem kooperativen Umfeld und auf reichweitenstarken Plattformen eigenständig zu publizieren, Lizenzrechte für Beiträge national und international zu verkaufen und zudem Vorträge, Veranstaltungen, Workshops und Exkursionen anzubieten. Zudem macht die Genossenschaft die gesammelten Werke der AutorInnen – im Rahmen einer Flatrate, die Bibliotheken, Hochschulen, Forschungsinstitute, Verbände, Stiftungen und Firmen für das Gesamtangebot erwerben können.

Zu den Leistungen der Genossenschaft gehören die Publikationsplattform, verschiedene Bezahlmodelle zur Auswahl, Abrechnung gegenüber den Kunden, DSGVO-kompatible Newsletter, ein Marktplatz für Lizenzverkauf an Verlage und vieles mehr.

Ziel der Genossenschaft ist es, dass ihre Mitglieder Recherchen, Konferenzbesuche, vertiefte Studien in Bibliotheken und Faktenprüfung durch journalistische Zusatzeinkünfte und Förderung aus gemeinnützigen Quellen finanzieren und ausbauen können.

Die Genossenschaft befindet sich im Gemeinschaftsbesitz der stimmberechtigten journalistischen Mitglieder und der investierenden Mitglieder, zu denen neben dem Mäzen Daniel Schily und weiteren Privatpersonen bereits auch die Schweizer Demokratie Stiftung und die GLS Treuhand e. V. zählen. Wirtschaftliches Ziel der Genossenschaft ist es, Auf- und Ausbau der Plattform und ihrer Services wesentlich über eine moderate Umsatzbeteiligung an den journalistischen Einnahmen zu finanzieren. RiffReporter stellt sich also nicht als zentral organisierter Verlag auf, sondern als agile Infrastruktur. In einem von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsprojekt von Prof. Christian-Mathias Wellbrock von der Universität Köln tragen wir Daten und Wissen bei, um die Frage zu beantworten, wie sich Qualitätsjournalismus erfolgreich digital organisieren lässt.

Auf der Plattform www.riffreporter.de versammelt sich seit Anfang 2018 eine wachsende Zahl von Projekten, darunter etwa „KlimaSocial“ zur Psychologie des Klimawandels, „Zukunftsreporter“ zu Szenarien der Welt von morgen, „Die Flugbegleiter“ zu Vogelwelt, Naturschutz und Ornithologie, „Plan G“ zu verlässlichen Gesundheitsinformationen, „VR-Reporterin“ zu digitalen Technologien und viele mehr. All diese eigenständigen Gründungen sprechen die Bevölkerung direkt an, bieten spannenden Journalismus und können mit kleinen Beträgen unterstützt werden.

RiffReporter vereint die Werte des klassischen Qualitätsjournalismus mit den Methoden der digitalen Plattformidee und den Idealen der Genossenschaft. Dieser Dreiklang birgt ein großes Potenzial: Zusammen wollen diese Projekte zu einem „journalistischen Korallenriff“ heranwachsen, das sich wie die natürlichen Vorbilder durch Vielfalt, Kooperation und Tiefgang auszeichnet. Wachsen kann RiffReporter geografisch, sprachlich, personell und thematisch – auf der Grundlage eines strengen Codex, der von einem Ethikrat überwacht wird, und anderer Pfade der Qualitätssicherung, wie Vier-Augen-Prinzip und Korrekturpflicht.

Mit „RiffReporter Live“ entstehen Möglichkeiten zum direkten Dialog und zu Allianzen mit Institutionen, die mit Qualitätsjournalismus ein gemeinsames Interesse an einem lebendigen öffentlichen Raum und an kuratierten Informationen haben: den Bibliotheken. In Formaten wie „Journalist-in-residence“, „Presseclub für alle“ und in Recherche- und Factchecking-Workshops erproben die RiffReporter bereits mit den Stadtbibliotheken Berlin und Hamburg neue Formen des Austauschs und der kooperativen Medienbildung.

Die erste Station der fiktiven Journalistin Anna nach der Rückkehr von den skandinavischen Öko-Hackern wird die Stadtbibliothek Berlin sein. Dort wird sie Unterstützern und Interessenten von ihrem Trip berichten, ihre Erkenntnisse diskutieren, Anregungen für die Produktion ihres Beitrags bekommen – als Teil eines lebendigen Wissenschaftsjournalismus, der seinen Platz mitten in der Gesellschaft hat und dessen Unabhängigkeit von der Gesellschaft gewollt und unterstützt wird.

Fußnoten

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Authors and Affiliations

  • Christian Schwägerl
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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