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Paul Mombert und die >Vordenker der Vernichtung<. Eine Skizze zu Fragen nach Zusammenhängen von >Bevölkerung<konstruktionen und Social Engineering im Nationalsozialismus

  • Werner Lausecker

Auszug

1929 veröffentlichte Paul Mombert, damals Ordinarius für Nationalökonomie in Gießen, seine „Bevölkerungslehre“. Das Buch fand über die Fachgrenzen hinaus in und außerhalb Deutschlands Anerkennung als Standardwerk zu Bevölkerungsgeschichte und Bevölkerungstheorie. Auf der Grundlage der Darstellung „der geschichtlichen Entwicklung der Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung und von den Anschauungen [...], denen wir in der Literatur über diese Frage begegnen“ im ersten Teil der Arbeit wird im zweiten Teil eine „systematisch-theoretische Betrachtung“ der Beziehungen von Wirtschaft und Bevölkerung entwickelt. Mit der geschichtlichen Betrachtung sollte aufgezeigt werden, „wie eng diese Beziehungen sind und in wie sehr verschiedenen Formen sie auftreten.“1 Der folgende „systematisch-theoretische“ Teil eröffnet mit einigen Seiten über das so genannte „Bevölkerungsoptimum“. Mit Bezug auf das >Gesetz vom sinkenden Bodenertrag<2 versteht Mombert unter Bevölkerungsoptimum jene

„Volkszahl [...], bei der die Gaben eines Landes mit dem größten Erfolg bei einer bestimmten Stufe der Wirtschaft ausgenutzt werden können und unter über- und Untervölkerung die von diesem Optimum möglichen Abweichungen“.3 Momberts Werk besticht auch heute in der Gesamtsicht durch die breite Kenntnis und Rezeption älterer und damals neuerer Literatur sowie durch vielfach differenzierende Argumentationen. Momberts Ausführungen zum Bevölkerungsoptimum in den damals konventionellen Termini von >Volkszahl< und >Nahrungsspielraum< scheinen aus heutiger wissenschaftsgeschichtlicher Sicht allerdings nicht zu den interessantesten Teilen seiner Darlegungen zu zählen.

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Literatur

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

Authors and Affiliations

  • Werner Lausecker

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