1 Einleitung

Über ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands hat eine Einwanderungsgeschichte (destatis 2023). Sowohl im Interesse der Einwander:innen und ihrer Nachkommen als auch im Interesse des Landes liegt, dass Integration gelingt. Dies bedeutet zum einen, dass Menschen, die selbst oder deren Eltern nach Deutschland gekommen sind, sich in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft integrieren (Esser 1980) und somit Teil der Gesellschaft werden. Zum anderen ist es notwendig, dass auch eine sich verändernde Gesellschaft ein Normen- und Wertefundament besitzt, pluralistische Teilhabe an Input und Output des politischen Systems ermöglicht und damit die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft (Heckmann 2015). Was in der Integrationsforschung Sozial- und Systemintegration genannt wird (Lockwood 1976), bedeutet vor allem, dass zwischen neuen und alten Bevölkerungsteilen mehr Nähe als Distanz besteht oder zumindest mit fortschreitender Akkulturation die integrativen gegenüber den separierenden Mustern an Bedeutung gewinnen (Berry 2005).

Sowohl aus der theoretischen Perspektive der Sozial- als auch der Systemintegration gehört Teilhabe zu erfolgreicher Integration. Sie erstreckt sich über viele gesellschaftliche Bereiche von Schule (Bildung), Arbeitsmarkt, dem Zusammenleben bis hin zu Partnerschaften. Auch aus normativer Perspektive kommt der politischen Teilhabe eine wichtige Rolle zu, denn in einer Demokratie dürfen ganze Personengruppen nicht dauerhaft von politischer Teilhabe ausgeschlossen werden (Walzer 1992, S. 104). „Sind bestimmte Gruppen von politischer Partizipation ausgeschlossen oder nehmen sie nicht wahr, kann die Legitimation des Systems in Frage stehen“ (Sauer 2016, S. 256). Allein die Wahrnehmung, dass die eigenen oder Gruppeninteressen von Gesellschaft und Politik systematisch nicht wahrgenommen werden, kann zu Entfremdung führen (SVR 2021).

Die politische Partizipation von Einwander:innen und ihren Nachkommen ist folglich aus integrationstheoretischer und normativer Sicht notwendig (Roth 2025). Und allen in Deutschland lebenden Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist es möglich, sich auf vielfältige Weise politisch zu beteiligen. Nur selten gehen mit politischer Partizipation Risiken für Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft einher (§ 47 AufenthaltsG), wie bei der Teilnahme an einer nicht angemeldeten Demonstration oder bei der Ausübung politischer Gewalt. Allerdings bleibt die mitunter wirkmächtigste Form politischer Beteiligung nach zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts Ende der 1980er Jahre (BVerfGE 83, 37–81) auf den staatlichen Ebenen deutschen Staatsbürger:innen vorbehalten (Art. 20 Ab. 2 GG), auch wenn einige Juristen wiederholt darauf hingewiesen haben, dass in Artikel 20 des Grundgesetzes nur vom „Volk“ und nicht wie an anderer Stelle vom „deutschen Volk“ die Rede ist.

Als Konsequenz ist nur rund die Hälfte der Menschen mit Einwanderungsgeschichte bei Wahlen zum Bundestag und den Landesparlamenten wahlberechtigt (12 % aller Wahlberechtigten). Auch nach der Definition des Migrationshintergrunds, unter die auch Menschen fallen, die nur ein zugewandertes oder als Ausländer in Deutschland geborenes Elternteil haben, handelt es sich insgesamt um lediglich gut 14 % der Wahlberechtigten auf den staatlichen Ebenen.Footnote 1 Bei der Beschäftigung mit politischer Partizipation ist folglich zu berücksichtigen, dass elektorale Partizipation für deutlich weniger Menschen mit Einwanderungsgeschichte möglich ist als bei den anderen Formern politischer Beteiligung und sich die jeweiligen Analysegruppen in der Zusammensetzung auch unterscheiden.

Wenn politische Partizipation wünschenswert und Ausdruck gelungener Integration ist, dann ist insbesondere zu erwarten, dass sich Menschen mit Einwanderungsgeschichte dann stärker politisch beteiligen, wenn ihr Integrationsgrad hoch ist (Chen 2024). Fällt die politische Beteiligung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte vergleichsweise geringer als unter Menschen ohne Einwanderungsgeschichte aus, dann kann dies zum einen an Integrationsdefiziten, zum anderen aber auch an einer Distanz zum demokratischen System, seinen Institutionen oder Akteuren liegen. Möglicherweise sind aber sowohl Integration als auch Distanz zum System unter Kontrolle allgemeingültiger Erklärungsfaktoren für politische Partizipation (Verba et al. 1995) nicht von Bedeutung.

Der Beitrag untersucht unterschiedliche Formen politischer Partizipation von Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte und fokussiert dabei auf die Beteiligung der zweiten Generation, da die erste Generation nicht ausschließlich in Deutschland sozialisiert wurde. Es wird versucht herauszuarbeiten, ob sich Nähe oder Distanz zu Deutschland und seinem politischen System auf den Grad politischer Partizipation der zweiten Generation in besonderer Weise auswirkt. Es wird erwartet, dass sich neben der Ressourcenausstattung auch das Zugehörigkeitsgefühl und das Vertrauen in Institutionen besonders positiv auf politische Partizipation, vor allem institutionalisierter Formen auswirkt, während erfahrene Diskriminierung diese eher reduzieren und stattdessen zu häufigerer Beteiligung an Formen des politischen Protests führen dürfte.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird (Abschn. 2) ein theoretisch-analytischer Rahmen vorgestellt, dann (Abschn. 3) die Datengrundlage und die (Abschn. 4) Reihenfolge der empirischen Analysen erläutert. In einem ersten analytischen Teil (Abschn. 5) werden die Grundhaltungen zu zentralen Elementen der Demokratie in der ersten und zweiten Generation von Einwander:innen im Kontrast zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (MH) präsentiert. Auf dieser Grundlage wird in zentralen analytischen Teilen zunächst deskriptiv (Abschn. 6) und anschließend (Abschn. 7) inferenzstatistisch die politische Beteiligung verschiedener Partizipationsformen untersucht, indem mögliche Einflüsse von Nähe oder Distanz zum politischen System in der zweiten Generation getestet werden. Der Beitrag schließt mit (Abschn. 8) einer Zusammenfassung und einem Ausblick.

2 Theoretisch-analytischer Rahmen

Das Explanandum dieses Beitrags ist politische Partizipation von Menschen mit Einwanderungsgeschichte, insbesondere der in Deutschland sozialisierten, zweiten Generation. Die elektorale Partizipation nimmt dabei eine herausgehobene Stellung ein: Es ist nicht nur die am häufigsten genutzte Form politischer Partizipation in Deutschland (Theocharis und van Deth 2018, S. 149), sondern sie ist unzweifelhaft politisch, hat längerfristige Auswirkungen (eine gesamte Legislaturperiode), ist niedrigschwellig und auch sozial erwünscht. Die überwiegende Zahl der bisherigen wissenschaftliche Analysen zur politischen Partizipation haben deshalb auf die Beteiligung an Wahlen fokussiert (Wüst 2002, 2011; Müssig und Worbs 2012; Wüst und Faas 2018; Goerres et al. 2018; Spies et al. 2020; Wüst 2022). Hier zeigte sich durchweg ein geringerer Grad an Beteiligung, vor allem der ersten Generation. Die Gründe hierfür sind vor allem mangelnde Ressourcen, die neben dem Bildungsgrad integrationsabhängige Faktoren wie Sprache und Kenntnisse des politischen Systems beinhalten, die sich mit längerer Aufenthaltsdauer (Sozialisation im Einwanderungsland) verbessern.

Aber die Wahlbeteiligung ist nur eine von sehr vielen möglichen Formen politischer Partizipation. Yannis Theocharis und Jan van Deth (2018) haben mittels einer Umfrage in Deutschland im Jahr 2015 insgesamt 110 verschiedene Formen politischer Partizipation erfasst, die in einem mehrstufigen Prozess fünf Dimensionen zugeordnet wurden. Diese Dimensionen sind (1) institutionalisierte Partizipation, (2) digital-netzwerkende Beteiligung, (3) Protest, (4) ehrenamtliche Arbeit und (5) Konsumverhalten (Theocharis und van Deth 2018, S. 151).

Die Beschäftigung mit weiteren Formen politischer Partizipation ist zum einen für ein breiteres Verständnis politischer Partizipation angezeigt, zum anderen aber auch im Hinblick auf Menschen mit Einwanderungsgeschichte von potenziell besonderer Bedeutung. Aus bisherigen Analysen von Daten des European Social Survey für Deutschland (Müssig und Worbs 2012; Müssig 2020; SVR 2021, S. 65) und des European Values Surveys (Vintila und Martiniello 2021) ist bekannt, dass einige Partizipationsformen, insbesondere die Beteiligung an Demonstrationen, von Menschen mit Einwanderungsgeschichte genauso häufig oder, vor allem in der zweiten Generation, zum Teil sogar häufiger genutzt werden als von Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Die Gründe hierfür sind nicht vollends klar. Da jedoch institutionalisierte Formen für viele aufgrund fehlender Staatsbürgerschaft nur eingeschränkt möglich sind und insbesondere Protestformen sowohl niedrigschwellig sind als auch tendenziell öffentliche Aufmerksamkeit erwecken, bieten sie sich besonders für weniger Zufriedene als Partizipationsoption an.

Um mehrere Dimensionen politischer Partizipation abbilden und dadurch der möglichen Varianz in Beteiligungsformen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte Rechnung tragen zu können, werden in diesem Beitrag neben der (institutionalisierten) Beteiligung an der letzten nationalen Wahl folgende Partizipationsformen analysiert: die Beteiligung an einer (pro-aktiven) Unterschriftensammlung, die demonstrativen Formen des Tragens eines Kampagnenstickers (Badge) sowie einer Beteiligung an einer gesetzeskonformen Demonstration und schließlich der politisch motivierte Boycott von Produkten. Die Berücksichtigung von zwei demonstrativen Formen begründet sich dadurch, dass das Tragen eines Kampagnenstickers die Unterstützung für eine bestehenden Partei oder eine:n Kandidat:in ausdrückt und daher sowohl als institutionalisiert als auch demonstrativ-unterstützend charakterisiert werden kann, während die Beteiligung an einer Demonstration Ausdruck von Protest und damit konfrontativ ist und über eine Unterstützung bestehender Institutionen hinausgeht.

Leider erlauben die verfügbaren Daten keine separate Analyse ehrenamtlicher Arbeit und die Analyse der digital-vernetzten Dimension („online postings“), da erstere gar nicht und letztere lediglich in drei von acht Runden des ESS abgefragt wurde. In Ergänzung zu den vier Formen nicht-elektoraler Partizipation, die separat analysiert werden können, kann auch auf einen summarischen Indikator nicht-elektoraler Partizipation aus dem Integrationsbarometer des SVR zurückgegriffen werden, der vom Autor dieses Beitrags in das Fragenprogramm des Barometers eingebracht wurde.

Der vorliegende Beitrag bedient sich folglich mehrerer abhängiger Variablen, um zu klären (1) ob es Muster politischer Partizipationsformen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gibt, die auch (2) durch Nähe oder Distanz der zweiten Generation zu Deutschland und seinem demokratischen politischen System erklärbar sind. Im Hinblick auf (1) wird zunächst zu zeigen sein, dass es überhaupt Varianz bezüglich der politischen Partizipation verschiedener Formen nach Migrationshintergrund gibt. Im Hinblick auf (2) werden folgende Hypothesen in Bezug auf die zweite Generation formuliert:

H1

Nähe zu Deutschland und Vertrauen in seine Institutionen geht mit einem besonders hohen Grad politischer Partizipation einher.

H1a

H1 gilt vor allem für institutionalisierter Formen politischer Partizipation.

H2

Distanz führt zu nicht-institutionalisierten Formen politischer Partizipation, insbesondere des Protests.

3 Datengrundlage

Ein Manko vieler Analysen des politischen Verhaltens von Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist eine niedrige Fallzahl. Meist enthalten die analysierten Datensätze deutlich weniger als 1000 Befragte mit Migrationshintergrund (MH), und für Teilgruppen oft weniger als 100 Fälle.Footnote 2 Ein Vorteil dieser Studien ist die zumeist hohe Zahl an interessierenden Variablen, die es ermöglicht, etlichen Hypothesen, auch zur politischen Partizipation, detailliert nachzugehen. Durch die geringen Fallzahlen sind jedoch häufig nur Trendaussagen möglich, auch im Hinblick auf Generationen und danach, ob ein ein- oder zweiseitiger MH vorliegt.

Der vorliegende Beitrag bedient sich zweier Datensätze, die bezüglich sämtlicher Analyseschritte dieses Beitrags sowohl für die Gruppe der Menschen ohne als auch mit Migrationshintergrund (MH)Footnote 3 mehrere Tausend Fälle aufweisen. Es handelt sich zum einen um die Daten des SVR-Integrationsbarometers (SVR-IB) 2022 mit insgesamt rund 15.000 Befragten (rund die Hälfte darunter mit MH) und einer Datenkumulation der von den Erhebungsjahren 2002–2024 reichenden Zeitreihe des European Social Survey (ESS) mit rund 56.000 Befragten (rund ein Fünftel darunter mit MH).

Ein Vorteil beider Datensätze liegt in der hohen Fallzahl, die beim ESS allerdings mit mehreren, teils schon länger zurückliegenden Erhebungszeitpunkten „erkauft“ wird. Im Hinblick auf die abhängigen Variablen ergeben sich die bereits angesprochenen Unterschiede zwischen den beiden Datensätzen mit einer lediglich summarischen Variable zu nicht-elektoraler Partizipation im SVR-IB. Darüber hinaus bietet der ESS mehr und differenziertere soziodemographische sowie -ökonomische Kontrollvariablen und das SVR-IB mehr Variablen zur Sozialintegration. Diese Unterschiede und partiellen Limitierungen verhindern jedoch nicht das Analysekonzept und können aus der methodischen Perspektive einer Triangulation auch als Vorteil betrachtet werden.

4 Analysesequenz

Zu Beginn des empirischen Teils wird der Grad der Übereinstimmung hinsichtlich der Grundelemente liberaler Demokratien nach MH und Generationen untersucht. Diese Befunde indizieren den Grad an Nähe und Distanz aus der Perspektive der Systemintegration und erlauben eine Kontextualisierung der weiteren Analysen. Daran anschließend wird die Varianz der Beteiligung an unterschiedlichen Partizipationsformen nach migrationsspezifischen, zentralen soziodemographischen, sozioökonomischen sowie integrations- und demokratiespezifischen Variablen dargestellt.

Im Hauptteil der empirischen Analyse werden die zentralen Erklärungsfaktoren für die politische Beteiligung von Menschen mit MH mittels logistischer Regressionen in jeweils drei Analyseschritten herausgearbeitet. In einem jeweils ersten Modell erfolgt lediglich eine Berücksichtigung der migrationsspezifischen Variablen (Generation, ein- und zweiseitiger Hintergrund sowie Aufenthaltsdauer der ersten Generation). Im zweiten Modell kommen zu den migrationsspezifischen Variablen sämtliche Kontroll-, integrations- und demokratiespezifischen Variablen (siehe Teil 6 dieses Beitrags) hinzu. Schließlich wird in einem dritten Modell geprüft, ob die Variablen, die im zweiten Modell hinzukamen, in der zweiten Generation unterschiedlich wirken: Hierzu werden Interaktionsterme mit der Zugehörigkeit zur zweiten Generation, aber auch der Aufenthaltsdauer (nur relevant für die erste Generation) in das Erklärungsmodell eingeführt, die jedoch nur bei Signifikanz im dritten Modell behalten werden (schrittweiser Ausschluss).

Es werden durchweg Ergebnisse auf der Grundlage gewichteter Daten präsentiert. Hierzu werden die vom SVR bzw. dem ESS bereitgestellten Gewichtungsvariablen genutzt (SVR-IB: weight_final; ESS: anweight). Für die Analysen der Wahlbeteiligung werden Personen unter 18 Jahren und ohne deutsche Staatsangehörigkeit ausgeschlossen.

5 Grundhaltungen zur liberalen Demokratie

Es besteht kein Konsens darüber, welche Elemente für die Charakterisierung eines politischen Systems als liberale Demokratie notwendig sind. Während das Polity-Projekt fünf Indikatoren zugrunde legt und Freedom House 25, enthält Varieties of Democracies insgesamt 438 Indikatoren. Das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats für Integration und Migration aus dem Jahr 2022 enthält 14 Fragen zu Komponenten einer liberalen Demokratie, die allerdings „über das klassisch liberale Demokratieverständnis hinaus[gehen]“ (SVR 2022, S. 21, Fn. 18). Für den vorliegenden Beitrag wurden demnach einige Items zu Wohlfahrtsstaat, Gleichbehandlung vor dem GesetzFootnote 4, zum imperativen Mandat und zur Unterscheidbarkeit von Parteien ausgeschlossen. Es bleiben acht zentrale Items übrig, die Abb. 1 zu entnehmen sind.

Abb. 1
figure 1

Grundhaltungen zur Demokratie nach Migrationshintergrund und Generation (Auswahl: sehr wichtig und wichtig) (Anteile in %). (SVR IB 2022)

Es wird der Grad der Zustimmung in Prozent auf einer 4er-Skala ausgewiesen, einmal die beiden Zustimmungswerte (3 und 4) und einmal nur der höchste Skalenwert (4). Dabei werden Werte für die Befragten ohne MH, für alle Befragten mit MH und noch einmal separat für diejenigen Befragten mit MH, die im Ausland geboren wurden und selbst eingewandert sind, dokumentiert. Dies geschieht unter der Prämisse, dass zum einen die Sozialisation in einem Haushalt mit mindestens einem eingewanderten Elternteil und zum anderen eine Sozialisation im Ausland aufgrund anderer, teils demokratieferner Sozialisation mit einer größeren Distanz zu Grundelementen unserer liberalen Demokratie einhergehen.

Die Ergebnisse, zum einen dichotomisiert (gestapelte Balken), zum anderen mit Fokus auf den höchsten Skalenwert (dunklere Balken, jeweils linke Säulenteile), zeigen in der Tat Unterschiede zwischen den Antworten der Befragten ohne MH und unter ihnen vor allem den im Ausland Geborenen. Die Zustimmung zu fünf der acht Items ist bei den Befragten mit MH signifikant niedriger (freie und faire Wahlen, Responsivität, Kritik durch Medien, freie Meinungsäußerung und Demonstrationsrecht). Bei drei dieser fünf sowie einem weiteren Item (Privatsphäre, aber nicht Responsivität) fällt die Zustimmung in der ersten Generation geringer aus.

Diese Befunde sollten allerdings reflektiert betrachtet werden. Sämtliche Differenzen zwischen den drei Gruppen liegen bei der direktionalen Auswertung des Stellenwerts einzelner Komponenten der liberalen Demokratie unter 3,8 Prozentpunkten, und auch die Anteile bei den Maximalwerten liegen höchstens 8,3 Prozentpunkte auseinander. Trotz gemessener Unterschiede ist folglich der Stellenwert unterschiedlicher Elemente der liberalen Demokratie bei Menschen mit und ohne MH und sogar bei selbst Eingewanderten ziemlich hoch. Wenn es um den Minderheitenschutz und den Schutz der Privatsphäre geht, dann sind die Anteile maximaler Zustimmung in den Bevölkerungsgruppen mit MH sogar zum Teil höher als in der Bevölkerung ohne MH.

Einwander:innen und ihre Kinder haben die Grundprinzipien unserer Demokratie in vergleichbarem Umfang verinnerlicht wie Deutsche ohne Einwanderungsgeschichte. Auch wenn es in Bezug auf einzelne Gruppen und anlässlich von Ereignissen immer wieder Zweifel gibt, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte die Grundprinzipien unserer Demokratie teilen,Footnote 5 so sind doch die meisten mit den Rahmenbedingungen, die ein liberales politisches System wie das der Bundesrepublik Deutschland bietet, sehr zufrieden. Dies spiegelt sich auch im Vertrauen in staatliche Institutionen, das im SVR-IB ebenfalls erhoben wurde. Bildet man einen additiven Index des Vertrauens in sieben staatliche Institutionen in Deutschland, dann beträgt der Mittelwert des Vertrauens auf einer Skala von 0–3 unter der Bevölkerung ohne MH 1,92. Die Bevölkerung mit MH hat mit einem Durchschnittswert von 2,08 signifikant mehr Vertrauen in staatliche Institutionen, und in der 1. Generation unterscheidet sich dieser Durchschnittswert mit 2,14 noch einmal signifikant von der 2. Generation (1,95). Vergleichbar hohes Vertrauen von Einwander:innen in politische Institutionen zeigt sich nicht nur in Deutschland, und auch ein leichter Rückgang von der ersten zur zweiten Generation ist ein bekanntes Muster (Röder und Mühlau 2011; Maxwell 2010; Strömblad und Adman 2010).

Zwei Gründe sind für diese positiveren Werte der migrantischen im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung naheliegend: Zum einen wurde das Zielland häufig auch wegen seiner liberaldemokratischen Verfasstheit gesucht, und zum anderen waren die Rahmenbedingungen und die Zufriedenheit mit dem politischen System des Herkunftslands oft schlechter. Folglich steht ein Großteil der Menschen mit MH unserer Demokratie nicht distanziert oder ablehnend gegenüber, sondern teilt die liberaldemokratischen Grundlagen. Dementsprechend sind auch die Grundlagen für politische Beteiligung und politisches Engagement von Menschen mit Einwanderungsgeschichte gut.

6 Politische Partizipation der Bevölkerung mit Migrationshintergrund

Die politische Beteiligung von Menschen lässt sich grundsätzlich gut mit dem Civic Voluntarism Model (Verba et al. 1995) erklären, auch in Bezug auf die Bevölkerung mit Migrationshintergrund (SVR 2020). Demnach hängt Partizipation vor allem von Ressourcen, insbesondere Bildung, von Motivation wie politischem Interesse sowie Mobilisierung, insbesondere der Aufforderung zur politischen Beteiligung ab (Steinbrecher 2020, S. 332–333). Diese Faktoren sind auch für die politische Partizipation von Menschen mit MH erklärungskräftig (Wüst und Faas 2018, S. 12–16). Offen und teilweise umstritten ist, inwieweit zum einen migrationsspezifische Faktoren zur Erklärung von Partizipation beitragen (Müssig 2020, S. 289; Spies et al. 2020), und zum anderen, ob einzelne Faktoren in der Gruppe der Menschen mit Einwanderungsgeschichte größeren Einfluss auf politische Partizipation haben als unter den Menschen ohne Einwanderungsgeschichte (Wüst und Faas 2018). Schließlich könnte der länderspezifische Kontext von Relevanz sein (Elodie 2022), der jedoch bei einer länderspezifischen Analyse schwerlich herausgearbeitet werden kann.

Dieser Beitrag bedient sich, wie bereits erläutert, zusätzlich zu allgemeinen Erklärungsfaktoren der Trias (1) migrationsspezifische Merkmale, (2) sozialisationsspezifische Faktoren und (3) der Nähe oder Distanz zum demokratischen politischen System. Der bereits auf der Grundlage niedriger Fallzahlen beobachtete Mobilisierungseffekt (Wüst und Faas 2018, S. 23) kann auf der Grundlage der beiden Datenquellen nur mittelbar über gesellschaftliche Involvierung untersucht werden, und auch die durchaus relevante Frage der Angebotsseite (insbesondere Kandidat:innen mit (gleichem) MH bei Wahlen) muss hier außen vor bleiben (Geese 2020). Beide Datensätze eröffnen jedoch die Möglichkeit, neben der Zugehörigkeit zu Generationen und der Aufenthaltsdauer (der ersten Generation), den potenziellen Einfluss migrationsspezifischer Ressourcen (Sprachkompetenz) und Motivation (Zugehörigkeitsgefühl, Diskriminierungserfahrungen) auf politische Partizipation zu prüfen. Hinzu kommen Faktoren, von denen für die Gruppe(n) der Menschen mit MH ein spezifischer Effekt (Interaktion) erwartet werden kann (Wüst und Faas 2018, S. 15): Vertrauen in die eigene Politikkompetenz (als Teil der internal efficacy) und als Gradmesser der Nähe oder Distanz der Grad des Vertrauens in politische Institutionen.

Das Integrationsbarometer des SVR aus dem Jahr 2022 ermöglicht eine Analyse der Wahlbeteiligung und des (summarischen) politischen Engagements neben der Beteiligung an einer Wahl.Footnote 6 Ein erster deskriptiver Blick auf diese beiden zu erklärenden Variablen (Tab. 1) zeigt einige Muster, die auch in früheren Untersuchungen festzustellen waren. So werden beide Partizipationsformen von Menschen mit MH deutlich seltener genutzt. Allerdings bestehen erhebliche Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation und zwischen Befragten, die zwei Elternteile mit MH besitzen und solchen, die lediglich ein Elternteil haben, das eingewandert ist.

Tab. 1 Wahlbeteiligung und politisches Engagement (Auswahl: ja, in Prozent) von Menschen ohne und mit MH im Integrationsbarometer 2022 des SVR

Mit einer besseren Ressourcenausstattung bzw. einem höheren Grad an struktureller und kultureller Integration (Schulabschluss in Deutschland, Abitur und hohe Sprachkompetenz) steigt der Beteiligungsgrad von Menschen mit MH. Nach Geschlecht unterscheiden sich die Beteiligungsraten kaum, und der Familienstand zeigt konträre Muster: Während Ledige seltener wählen, partizipieren sie häufiger bei anderen Formen politischer Beteiligung. Diese Unterschiede zeigen sich in beiden Gruppen, sind aber bei der Bevölkerung mit MH prägnanter. Das Alter spielt eine geringe Rolle, auch wenn Wähler:innen unter den Wahlberechtigten mit MH etwas älter sind als unter denjenigen ohne MH. Beim politischen Engagement verhält es sich genau umgekehrt, und die Unterschiede fallen auch größer aus. Da sich politisches Engagement nicht auf Wahlberechtigte beschränkt, könnte dieser Unterschied auf die unterschiedliche Zusammensetzung beider Gruppen zurückführen sein, was jedoch nur zu einem geringen Grad der Fall ist.Footnote 7

Wie Tab. 1 auch zu entnehmen ist, hängen motivationale Aspekte mit politischer Partizipation zusammen. Menschen, die wählen, haben im Durchschnitt mehr Vertrauen in Institutionen (ohne MH: 1,9; mit MH: 2,0) als Menschen, die nicht wählen (ohne MH: 1,3; mit MH: 1,7). Die Referenzinstitution Bundestag in Tab. 1 spiegelt dieses Muster. Es zeigt sich in abgeschwächter Form auch im Hinblick auf politisches Engagement. Ein hoher Grad an Zugehörigkeit zu Deutschland geht lediglich mit höherer elektoraler Partizipation einher (H1), aber nicht mit mehr anderem politischen Engagement. Besonders interessant ist, dass erfahrene Diskriminierung unterschiedlich zu wirken scheint: Wer in den letzten fünf Jahren sehr stark aufgrund von Herkunft diskriminiert wurde, engagiert sich deutlich häufiger politisch als diejenigen, die keine Diskriminierung erfahren haben. Das politische Engagement richtet sich dann, wie anfangs formuliert (H2), stärker auf nicht institutionalisierte Formen, denn die Wahlbeteiligung der Menschen mit MH ist bei hohem Grad erlebter Diskriminierung niedriger als bei Nicht-Diskriminierung.Footnote 8

Die Daten des European Social Survey (Runden 1 bis 11, 2002–23), hier nur für Deutschland betrachtet, enthalten zwar in jeder einzelnen Welle deutlich weniger Befragte mit MH, doch kumuliert mit bis zu 11.700 Befragten mehr als im aktuellen SVR-Integrationsbarometer. Allerdings ergeben sich durch wechselnde Fragenmodule und Fragestellungen hinsichtlich einiger interessierender Variablen Begrenzungen, sodass auf einiges Analysepotenzial dieses Datensatzes verzichtet werden muss. Neben der Beteiligung an der (jeweils) letzten Bundestagswahl können die weiteren Formen politischer Beteiligung jedoch nicht nur summarisch, sondern detailliert betrachtet werden (Tab. 2 und 3).

Tab. 2 Institutionalisierte Formen politischer Partizipation (Auswahl: ja, in Prozent) von Menschen mit und ohne MH im European Social Survey, Wellen 1 bis 11
Tab. 3 Konfrontative Formen politischer Partizipation (Auswahl: ja, in Prozent) von Menschen mit und ohne MH im European Social Survey, Wellen 1 bis 11

Der vergleichende Blick auf die Unterschiede nach MH bestätigen weitgehend die Befunde aus dem Integrationsbarometer. Insgesamt beteiligen sich Menschen mit MH politisch seltener als Menschen ohne MH, vor allem wenn sie selbst eingewandert sind oder beide Elternteile einen MH besitzen. Beim Tragen eines Kampagnenstickers lassen sich keine Unterschiede der Großgruppen (ohne/mit MH) feststellen, was auch am insgesamt sehr niedrigen Anteil derjenigen liegt, die angeben, einen Sticker getragen zu haben (5 %). Und an einer gesetzeskonformen Demonstration beteiligen sich Menschen mit MH tendenziell sogar häufiger als Menschen ohne MH – dies war bereits bei der ersten Analyse des Partizipationsverhaltens Eingebürgerter (Wüst 2002, S. 165–176) und auch bei umfassenderen Folgeanalysen (Müssig 2020, S 197) aufgefallen.

Bei der detaillierten Betrachtung der elektoralen Dimension (Tab. 2) wird noch einmal der Einfluss einer besseren Ressourcenausstattung (v. a. dem Bildungsgrad) für die Beteiligung deutlich. Ergänzend dazu wird in den ESS-Daten die potenziell erhebliche Bedeutung der wahrgenommen politischen Kompetenz als Teil der internal efficacy sichtbar, die auch schon in früheren Analysen dokumentiert wurde (Wüst und Faas 2018, S. 15, 23), aber im SVR-IB 2022 nicht enthalten war.Footnote 9 Der Zusammenhang von Ressourcen und Partizipation ist auch bei den anderen Partizipationsformen zu sehen (Tab. 2 und 3). Ergänzend dazu ist festzustellen, dass die Beteiligung an Demonstrationen unter Männern deutlich und ein Produktboycott bei Frauen etwas häufiger vorkommt, unabhängig von einem MH. Schließlich sind die demonstrativen Partizipationsformen Kampagnensticker und Demonstrationsbeteiligung bei Jüngeren und deshalb wohl auch bei Unverheirateten häufiger als bei Älteren und Verheirateten.

Während soziale und politische Partizipation Hand in Hand gehen, ist auch in den Daten des ESS klar zu erkennen, dass Diskriminierung unterschiedliche Zusammenhänge nach Partizipationsform aufweist. Die Wahlbeteiligung ist bei denjenigen, die angeben, einer in Deutschland diskriminierten Gruppe anzugehören (14 % mit MH, 4 % ohne MH), deutlich niedriger, während die Partizipation bei allen anderen Partizipationsformen höher ausfällt, wenn Befragte zu einer aus ihrer Sicht diskriminierten Gruppe gehören. Insofern scheint sich H2 zu bestätigen und spiegelt die summarischen Befunde selbst erfahrener Diskriminierung aus dem SVR-Integrationsbarometer. Bemerkenswert ist allerdings, dass besonders hohes Institutionenvertrauen zwar bei Befragten mit und ohne MH, die einen Kampagnensticker tragen, zu finden ist, aber auch bei Teilnehmer:innen an Demonstrationen und weniger bei Personen, die sich an der jeweils letzten Bundestagswahl beteiligt haben. Dieser Befund stellt zumindest zum Teil H1a in Frage, nämlich dass Personen, die eine Nähe zum politischen System haben, sich eher institutionalisierte Formen politischer Partizipation suchen.

Alles in allem zeigt die differenzierte Bestandsaufnahme verschiedener Formen politischer Partizipation, dass es zwar teils erhebliche Unterschiede nach migrationsspezifischen Faktoren gibt, doch dass sich die Partizipationsmuster auf der Grundlage von Ressourcenausstattung und etlicher motivationaler Faktoren stark ähneln. Insofern könnten die festgestellten Unterschiede bei der politischen Beteiligung primär Kompositionseffekte sein: Die Zusammensetzung der Gruppen mit und ohne MH wiese folglich so starke Unterschiede auf, dass in der Summe auch deutlich voneinander abweichende Partizipationsraten zu erwarten wären. Größere Unterschiede in der Zusammensetzung der Gruppen zeigen sich vor allem beim Bildungsgrad, der sozialen Integration und der Politikkompetenz.

Doch möglicherweise fehlen noch relevante Erklärungen. Dies sind zum einen spezifische Faktoren der Herkunft und des Aufnahmekontexts. Die weiteren Analysen werden zeigen, inwieweit zum einen die Art des MH und die Aufenthaltsdauer der ersten Generation, aber zum anderen auch Nähe (Politikkompetenz, Zugehörigkeitsgefühl, Institutionenvertrauen) oder Distanz (Demotivation in Form von Diskriminierung) besonders bei der zweiten Generation dazu beitragen, unterschiedliche Partizipationsraten besser zu verstehen. Ein erweitertes Verständnis ist insbesondere deshalb notwendig, weil die Grundelemente unserer Demokratie ganz unabhängig von der Gruppenzusammensetzung in vergleichbarem Umfang von der Bevölkerung mit MH geteilt werden wie von der Bevölkerung ohne MH (siehe Teil 5 dieses Beitrags).

7 Befunde multivariater Analysen

Die nachfolgenden Regressionsanalysen der politischen Partizipation fokussieren auf die bereits erläuterte Trias (1) migrationsspezifische Merkmale, (2) sozialisationsspezifische Faktoren und (3) der Nähe oder Distanz zum demokratischen politischen System. Migrationsspezifische Merkmale finden sich in beiden Datensätzen: MH differenziert nach Elternteilen und Generation sowie die Aufenthaltsdauer (der ersten Generation). Von den sozialisationsspezifischen Variablen finden sich Sprachkenntnisse und Zugehörigkeitsgefühl im SVR-IB und ähnliche Variablen zu Diskriminierung in beiden Datensätzen. Die Nähe oder Distanz zum politischen System ist mit einer Variable zum Vertrauen in Institutionen äquivalent in beiden Datensätzen enthalten.

Von den soziodemografischen und -ökonomischen Kontrollvariablen finden sich folgende in beiden Datensätzen: Geschlecht, Alter und Erwerbstätigkeit in identischer Form sowie Bildung in äquivalenter Form. Das Integrationsbarometer des SVR beinhaltet zudem Informationen zu PartnerschaftFootnote 10 und der ESS enthält noch eine Variable zum Haushaltseinkommen. Lediglich im ESS sind die erklärenden Variablen zur Nähe in Form von Vertrauen in die eigene Politikkompetenz und die Vergleichsvariable zu sozialer Aktivität enthalten. Auf eine Berücksichtigung des politischen Interesses wurde in den Analysen bewusst verzichtet, da dieses sowohl mit den abhängigen Variablen als auch mit der Politikkompetenz und dem Bildungsgrad stark korreliert.Footnote 11

Es werden binär-logistische Regressionen in jeweils 3 Schritten gerechnet. In Modell 1 werden nur die migrationsspezifischen Dummy-Variablen einseitiger MH, erste und zweite Generation sowie der Aufenthalt in Jahren (einfach und quadriert) berücksichtigt.Footnote 12 In Modell 2 kommen die oben genannten Variablen hinzu. In Modell 3 werden mögliche Interaktionen berücksichtigt:Footnote 13 Für die erste Generation wird geprüft, ob eine zunehmende Aufenthaltsdauer die Haupteffekte zentraler Erklärungsvariablen moderiert, für die zweite Generation wird geprüft, ob die Haupteffekte einzelner Variablen stärker oder schwächer ausfallen. Die Analysen versuchen demnach spezifische Effekte von Nähe oder Distanz herauszuarbeiten, wobei der Fokus auf der in Deutschland sozialisierten zweiten Generation liegt, jedoch auch für Sozialisationseffekte in der ersten Generation (Aufenthaltsdauer) kontrolliert wird.

7.1 Ergebnisse der Analysen der Daten des Integrationsbarometers

In Tab. 4 sind die Ergebnisse mehrstufiger Regressionen auf die Wahlbeteiligung (unter Wahlberechtigten) und auf das politische Engagement zusammengetragen. Dabei zeigen sich durchweg generationenspezifische Effekte, die bei der Wahlbeteiligung stärker ausgeprägt sind als beim politischen Engagement. Die erste Generation partizipiert weniger, und die Aufenthaltsdauer mindert diese Differenzen nicht (Modelle 1).

Tab. 4 Erklärungsfaktoren für politische Partizipation im Integrationsbarometer 2022 des SVR, Wellen 1 bis 11 (binär-logistische Regressionen)

Unter der Berücksichtigung etlicher ressourcenspezifischer und motivationaler Variablen (Modelle 2), kann politische Partizipation und hier vor allem die Beteiligung an der letzten Bundestagswahl erwartungsgemäß besser erklärt werden. Bildung und Vertrauen in Institutionen wirken beteiligungsfördernd, altersspezifische Effekte (höhere Partizipation mit steigendem Alter) kommen hinzu. Zwar jeweils signifikant, aber in unterschiedliche Richtungen wirken Geschlecht und Erwerbstätigkeit. Während Frauen etwas häufiger wählen, ist das politische Engagement bei Männern höher. Und während Erwerbstätigkeit die elektorale Partizipation erhöht, reduziert sie das politische Engagement. Letzteres ist insofern plausibel, da politisches Engagement verfügbare Zeit bedingt, die bei Erwerbstätigen stärker limitiert ist. Ähnliches mag für Menschen gelten, die in Partnerschaften leben: Diese beteiligen sich eher elektoral. Eine Partnerschaft kann aber auch die Motivation zu wählen erhöhen, sofern der:die Partner:in ebenfalls partizipiert (Steinbrecher et al. 2007).

Schließlich ist festzustellen, dass die Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe zu höherem politischen Engagement führt, während eine solche Gruppenzugehörigkeit keinen signifikanten Effekt auf die Wahlbeteiligung hat. Diskriminierung könnte demnach eher eine nicht-institutionalisierte Form der Partizipation erhöhen (H2), auch wenn sich in der summarischen Abfrage die verschiedenen Partizipationsformen nicht analytisch trennen lassen.

Entgegen der Annahme zeigen die beiden Modelle 2 keinen Bedeutungsverlust migrationsspezifischer Faktoren auf politische Partizipation. Beim politischen Engagement verstärken sich sogar die migrationsspezifischen Effekte: Unter Kontrolle der Ressourcen- und Motivationsvariablen reduziert sich die Wahrscheinlichkeit eines politischen Engagements in beiden Generationen. Mit längerer Aufenthaltsdauer erhöht sich das Engagement der ersten Generation, und wenn nur ein Elternteil einen MH besitzt, ist das Engagement generell höher. Beide Effekte sind sozialisationsbedingt.

Im letzten Analyseschritt (Modelle 3) wird versucht herauszuarbeiten, ob und welche Faktoren es gibt, die in der zweiten Migrantengeneration in besonderem Maße partizipationsfördernd sind. Beim politischen Engagement ist das Bild klarer als bei der Wahlbeteiligung. Wer sich in der zweiten Generation engagiert, unterscheidet sich von denjenigen, die sich nicht engagieren in höherem Maße durch einen höheren formalen Bildungsgrad als in der Bevölkerung insgesamt. Bildung ist unter in Deutschland Geborenen mit MH demnach ein noch stärkerer Prädiktor für politisches Engagement als allgemein in der Bevölkerung.

Demgegenüber sind die generationenspezifischen Einflüsse auf die Wahlbeteiligung komplexer. Dass das Zugehörigkeitsgefühl in der zweiten Migrantengeneration die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung besonders erhöht (H1), ist hoch plausibel, insbesondere, da das Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung insgesamt keinen partizipationssteigernden Effekt hat. In Abb. 2 wird der partizipationssteigernde Effekt des Zugehörigkeitsgefühls für die zweite Generation (obere Linie) grafisch veranschaulicht: Während sich die Wahrscheinlichkeit, sich politisch zu beteiligen, bei denjenigen in der zweiten Generation, die sich Deutschland (eher) nicht zugehörig fühlen, nicht von der Beteiligungswahrscheinlichkeit der restlichen Bevölkerung unterscheidet, ist die Wahrscheinlichkeit unter denjenigen in der zweiten Generation, die sich Deutschland (eher) zugehörig fühlen, signifikant höher.

Abb. 2
figure 2

Marginal Effects des Zugehörigkeitsgefühls auf Wahlbeteiligung in der 2. Generation im Kontrast zu allen anderen Befragten (95 %-Niveau)

Auf den ersten Blick wenig verständlich ist, dass das Institutionenvertrauen sich in der zweiten Generation negativ auf eine elektorale Beteiligung auswirkt. Dies widerspricht H1. Im Lichte des starken allgemeinen Effekts des Vertrauens in Institutionen auf die Wahlbeteiligung wird allerdings klar, dass der Effekt in der zweiten Migrantengeneration lediglich schwächer ausfällt als in der Bevölkerung insgesamt. Dies bedeutet, dass ein höheres Institutionenvertrauen sich auf die Wahlbeteiligung der zweiten Generation weniger stark auswirkt als in der Bevölkerung insgesamt.

Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass erfahrene Diskriminierung die Wahrscheinlichkeit einer elektoralen Partizipation in der zweiten Generation reduziert (H2). Dies ist ein spezifisch in der zweiten Generation zu beobachtender Effekt, denn durch die Herausarbeitung dieses Faktors wird der generelle Effekt der Diskriminierung auf die Wahlbeteiligung leicht positiv.Footnote 14 Erfahrene Diskriminierung wirkt folglich unter den in Deutschland geborenen Wahlberechtigten mit MH besonders demotivierend auf die institutionalisierte Form elektoraler Partizipation.

7.2 Ergebnisse der Analysen des European Social Surveys für Deutschland, 2002–23

Den Analysen des ESS voranzustellen ist, dass ein unmittelbarer Vergleich mit den Analysen des SVR-Integrationsbarometers nur eingeschränkt möglich ist. Dies hat vor allem zwei Gründe: Zum einen wurden die Daten über viel längere Zeit (rund zwei Jahrzehnte) erhoben und erfassen damit nicht nur die Beteiligung an mehreren Bundestagswahlen, sondern es unterscheidet sich auch die Zusammensetzung der Wahlberechtigten zu den unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten. Zumindest das Niveau der Unterschiede wird durch eine Berücksichtigung des Erhebungsjahrs (ESS-Runden, Dummy-Variablen) in den Analysen kontrolliert, sodass Effekte unterschiedlicher Erhebungsjahre reduziert werden. Zum anderen sind die potenziell erklärenden Variablen nur zum Teil identisch. Dem analytischen Mehrwert wurde hier Vorrang vor der unmittelbaren Vergleichbarkeit eingeräumt, zumal für einen unmittelbaren Vergleich auch auf Variablen bei der Analyse des SVR-IBs hätte verzichtet werden müssen.

Mit Blick auf die Basisanalysen der fünf Formen politischer Partizipation (Tab. 5, 6 und 7, Modelle 1) zeigt sich, dass migrationsspezifische Faktoren durchweg einen Beitrag zur Erklärung von Partizipationsunterschieden leisten. Am schwächsten und am stärksten von den anderen Formen politischer Partizipation abweichend ist das Basismodell zur Erklärung des Tragens eines Kampagnenstickers. Hier erweist sich lediglich als einflussreich, ob eine Person mit MH einen einseitigen MH besitzt, der das Tragen eines solchen Stickers wahrscheinlicher macht. Generationenspezifische Effekte, die bei allen anderen Partizipationsformen zu finden sind, gibt es in Modell 1 des Tragens eines Kampagnenstickers nicht. Im Gegensatz zu den Ergebnissen der Analysen des Integrationsbarometers ist bei den anderen Partizipationsformen auch die Aufenthaltsdauer (der 1. Generation) durchweg von Relevanz für eine Beteiligung, und zwar in die erwartete Richtung, nämlich dass ein längerer Aufenthalt – und damit zumindest tendenziell höherer Integrationsgrad – die Beteiligungswahrscheinlichkeit erhöht.

Tab. 5 Erklärungsfaktoren für Wahlbeteiligung im European Social Survey, Wellen 1 bis 11 (nicht Wahlberechtigte (ohne MH: 6 %; mit MH: 30 %) ausgeschlossen; binär-logistische Regressionen)
Tab. 6 Erklärungsfaktoren für institutionalisierte Formen politischer Partizipation im European Social Survey, Wellen 1 bis 11 (binär-logistische Regressionen)
Tab. 7 Erklärungsfaktoren für konfrontative Formen politischer Partizipation im European Social Survey, Wellen 1 bis 11 (binär-logistische Regressionen)

Wie bei den Analysen des Integrationsbarometers vermögen zentrale erklärende Variablen für politische Partizipation den Einfluss migrationsspezifischer Variablen nicht zu kompensieren (Modelle 2). Der Einfluss einzelner Variablen gewinnt unter Kontrolle sogar an Gewicht. Besonders auffällig ist dies beim Effekt auf Tragen eines Kampagnenstickers, der nun in der zweiten Migrantengeneration insgesamt unwahrscheinlicher wird.

Mit Blick auf die einzelnen erklärenden Variablen zeigen sich neben einem durchgängigen Effekt des Bildungsgrads und teilweise auch des Haushaltseinkommens positive Effekte der Politikkompetenz (Ressourcen) und der sozialen Aktivität (Motivation). Mit Ausnahme der Wahlbeteiligung besteht auch ein partizipationssteigernder Einfluss der wahrgenommenen Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe (Sozialisationseffekt). Bemerkenswert ist hier, dass ein größeres Vertrauen in Institutionen lediglich auf die institutionalisierten Partizipationsformen Wahlbeteiligung und Tragen eines Kampagnenstickers Effekte hat.

Doch was passiert nun speziell bei der zweiten Generation (Modelle 3)? Die Ergebnisse sind im Hinblick auf die verschiedenen Partizipationsformen sehr unterschiedlich. Bei der Wahlbeteiligung ähneln die Ergebnisse denjenigen der Analyse des Integrationsbarometers: Erwerbstätigkeit spielt für die elektorale Partizipation in der zweiten Generation eine wichtigere Rolle, Institutionenvertrauen eine geringere. Darüber hinaus kommt der sozialen Aktivität bei Personen der zweiten Migrantengeneration eine geringere Bedeutung für die Beteiligung an Bundestagswahlen zu als in der Bevölkerung insgesamt.

Ein besonderer Einfluss sozialer Aktivität auf politische Partizipation zeigt sich bei der zweiten Generation lediglich hinsichtlich des Tragens eines Kampagnenstickers, das darüber hinaus vor allem häufiger bei Erwerbstätigen vorkommt und unabhängig vom Bildungsgrad ist. Ein höherer Bildungsgrad ist in der zweiten Generation auch weniger förderlich für die Teilnahme an einer gesetzeskonformen Demonstration. Schließlich boykottieren Erwerbstätige der zweiten Migrantengeneration Produkte seltener als nicht Erwerbstätige.

So plausibel die Ergebnisse insgesamt auch sein mögen, es lässt sich kein Faktorenbündel für die politische Partizipation der zweiten Migrantengeneration herausarbeiten. Allenfalls erkennbar ist, dass die Ressourcenausstattung für diese Gruppe etwas bedeutsamer im Hinblick auf Beteiligung ist. Es ist vor allem ein geringeres Maß sozialer Aktivität, das mit Blick des Tragens eines Kampagnenstickers von Bedeutung ist, wie Abb. 3 veranschaulicht. Erst ein überdurchschnittliches Maß an sozialer Aktivität in der zweiten Generation (Werte 3–5), führt dazu, dass sich die Wahrscheinlichkeit des Tragens eines Kampagnenstickers derjenigen der restlichen Bevölkerung angleicht.

Abb. 3
figure 3

Marginal Effects sozialer Aktivität auf Tragen eines Kampagnenstickers in der 2. Generation im Kontrast zu allen anderen Befragten (95 %-Niveau)

Und interessanterweise ist Bildung sowohl bei dieser Art politischer Aktivität als auch in Bezug auf die Teilnahme an einer Demonstration (demonstrative politische Partizipation) in der zweiten Generation vergleichsweise weniger wichtig.

Schließlich kann mit Blick auf die erste Generation festgestellt werden, dass Diskriminierung den partizipationssteigernden Effekt eines längeren Aufenthalts mitunter verringert. Wenn Einwander:innen der ersten Generation wahrnehmen zu einer diskriminierten Gruppe zu gehören, dann reduziert diese Wahrnehmung bei längerer Aufenthaltsdauer die Wahrscheinlichkeit des Tragens eines Kampagnenstickers oder der Beteiligung an einer Unterschriftensammlung. Die wahrgenommene Distanz (H2) der Bevölkerungsmehrheit kann hier zu Zurückhaltung bei der politischen Partizipation führen.

8 Zusammenfassung und Ausblick

Menschen mit Einwanderungsgeschichte teilen demokratische Grundprinzipien und beteiligen sich auch politisch. Ihre politische Integration weist dennoch einige Lücken auf, die dieser Beitrag dokumentiert und versucht hat, analytisch zu schließen. Der Lückenschluss ist nur in Ansätzen gelungen, sodass die Frage fortbesteht, warum es insbesondere bei einigen Formen der politischen Partizipation zwischen Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte feststellbare Unterschiede gibt.

Zunächst ist festzuhalten, dass der Vergleich der Beteiligungsraten zwar hinsichtlich elektoraler Partizipation, Unterschriftensammlungen und dem Boykott bestimmter Produkte eine Partizipationslücke von Menschen mit MH gegenüber Menschen ohne MH aufzeigt, doch dass bezüglich des Tragens eines Kampagnenstickers und der Teilnahme an einer gesetzeskonformen Demonstration keine signifikanten Unterschiede zwischen den Menschen mit und ohne MH bestehen. Die eher demonstrativen Formen der politischen Partizipation sind für einen Teil der Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte sogar attraktiver.

Dennoch haben die Analysen aller Partizipationsformen herausgearbeitet, dass es vor allem die erste Generation und Menschen mit einem zweiseitigen MH sind, die weniger partizipieren. Und innerhalb der ersten Generation führt eine längere Aufenthaltsdauer meist auch zu mehr politischer Beteiligung. Je stärker Menschen mit MH also deutsch sozialisiert wurden und werden, desto häufiger partizipieren sie. Aus normativer Sicht ist dies grundsätzlich ein positives Ergebnis, da es Sozialisationseffekte belegt.

Die meisten Faktoren, die politische Partizipation befördern, wirken unabhängig von einem MH. So sind Ressourcen wie Bildung, Einkommen, Erwerbstätigkeit, subjektive Politikkompetenz sowie soziale Integration und Aktivität, die einen höheren Grad gesellschaftlicher Integration indizieren, grundsätzlich partizipationsfördernd. Motivationale Elemente kommen hinzu: So wirkt zumindest für eher institutionalisierte Formen der Partizipation wie die Wahlbeteiligung und das Tragen eines Stickers im Wahlkampf das Vertrauen in Institutionen wie Legislative, Exekutive und Judikative (Nähe zum politischen System) positiv. Und erfahrene oder wahrgenommene Diskriminierung erzeugt Distanz und motiviert vor allem zu nicht-elektoraler Beteiligung. Allerdings gibt es keine besonderen Effekte in der zweiten Generation, so dass H2 zurückzuweisen ist, auch wenn Diskriminierung in der ersten Generation hinsichtlich des Tragens eines Kampagnenstickers mit zunehmender Aufenthaltsdauer demotivierend wirkt.

Bei drei der fünf Partizipationsformen (Wahlen, Sticker, Boykott) bleibt trotz der Kontrolle des einseitigen MH und der ressourcenspezifischen sowie motivationalen Faktoren noch eine unerklärter Partizipationslücke der zweiten Generation. Entsprechend H1 lässt sich die Lücke oft durch eine bessere Ressourcenausstattung, hinsichtlich Wahlen auch durch einen höheren Grad des Gefühls der Zugehörigkeit (H1a) verkleinern, doch hinsichtlich politischer Partizipation verallgemeinerbar sind diese partiellen Befunde kaum. Und einige Faktoren wie das Institutionenvertrauen und partiell sogar Bildung fördern entgegen den Erwartungen in der zweiten Migrantengeneration die politische Partizipation (Sticker, Demo) offenbar weniger stark als bei der Bevölkerung ohne MH.

Die Analysen im Rahmen dieses Beitrags könnten dazu beitragen, einige Ergebnisse, die auf der Grundlage von für den Forschungsgegenstand hohen Fallzahlen dokumentiert wurden, noch einmal intensiver zu betrachten. Idealiter bedürfte es einer umfangreicheren Datengrundlage und kontinuierlicher Erhebungen, um einigen zentralen Aspekten der politischen Beteiligung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte – aus Sicht der Partizipations- und der Integrationsforschung – detaillierter nachzugehen.

Neben einiger methodischer Limitierungen (reduziertes „Set“ erklärender Variablen im SVR-IB und die Notwendigkeit zur Kumulation mehrerer Erhebungszeitpunkte im ESS) musste in diesem Beitrag offenbleiben, welchen Stellenwert die Befragten den verschiedenen Partizipationsformen überhaupt zumessen. Wer beispielsweise das Tragen eines Stickers oder die Teilnahme an einer Demonstration nicht als relevant oder wirkmächtig erachtet, der oder die wird diese Formen der politischen Partizipation nicht nutzen oder möglicherweise noch nicht einmal für sich selbst in Betracht ziehen. Und ob es bei diesen Wahrnehmungen und Bewertungen gruppenspezifische Unterschiede – auch nach Einwanderungsgeschichte – gibt, musste offenbleiben. Auch wenn die untersuchten Partizipationsformen die in der Wissenschaft diskutierten Formen gut abbilden konnten, könnte eine Analyse auf der Grundlage subjektiver Hierarchisierung von Partizipationsformen zu komplementären Erkenntnissen hinsichtlich der Partizipationsmuster verschiedener Bevölkerungsgruppen führen.