Anlässlich des 125. Todestages von Friedrich List habe ich im Reutlinger General-Anzeiger vom 30.11.1971 meinen ersten journalistischen Artikel über diesen genialen und vielverkannten und damals völlig vergessenen Nationalökonomen publiziert. Obwohl ich, wie List, in Reutlingen geboren wurde und hier zur Schule ging, erinnere ich mich nicht, dass ich während meiner Schulzeit Näheres über diesen großen Sohn der Stadt erfahren habe. Ich bin zwar häufig an dem vor dem Bahnhof stehenden List-Denkmal vorbeigekommen, das mich aber in keiner Weise angesprochen und interessiert hat.
Als ich mein Studium der Wirtschaftswissenschaft ab dem 3. Semester an der damaligen Wirtschaftshochschule (Universität) Mannheim fortgesetzt habe, bin ich in den Vorlesungen ebenfalls nicht mit List in Berührung gekommen. Über meinem Arbeitsplatz im Volkswirtschaftlichen Institut hing zwar die vergrößerte Kopie der bekannten Lithographie von Joseph Kriehuber, die mich aber nicht dazu bewegen konnte, ein Interesse für List zu wecken und Schriften von oder über ihn aus den Beständen der Handbibliothek zu entnehmen und zu studieren.
Woran ich mich jedoch noch sehr gut erinnere, ist ein Vortrag, den Edgar Salin auf Einladung der Stadt Mannheim während meiner Studienzeit vor einem kleinen Zuhörerkreis außerhalb der Hochschule gehalten hat. Die Grußworte sprach der damalige Mannheimer Oberbürgermeister Hans Reschke, der auch die Diskussion leitete. Das Thema des Vortrages ist mir entfallen – wahrscheinlich ging es um die europäische Integration. Aber ich war von dem sprühenden Intellekt und der Ausstrahlung der beiden Redner fasziniert. Diese haben sich in geistiger Hinsicht perfekt ergänzt und den Abend zu einem echten Genuss, ja ich möchte sagen, zu einem Highlight meines Studiums werden lassen. Ich konnte damals nicht ahnen, welche Bedeutung der Referent aus Basel für meine spätere wissenschaftliche Forschung haben würde.
Mit Friedrich List kam ich erst in Berührung als ich im August 1971 einen Urlaub in der Wildschönau in Tirol verbrachte und dabei die Grenzstadt Kufstein besuchte. Ich wusste zwar, dass sich List dort das Leben genommen hatte, mehr war mir aber nicht bekannt. Instinktiv ging ich jedoch zum nahegelegenen Friedhof. Ohne lange suchen zu müssen, stand ich plötzlich vor einer großen Grabplatte mit der Aufschrift: „Deutschlands Friedrich List“. Diese Formulierung hat mich wachgerüttelt. Später erfuhr ich, dass das Grab früher mit einer reich verzierten gusseiserenen Einfriedung umgeben und von böhmischen Industriellen aus Prag gestiftet worden war.
Ich stellte mir die Frage, weshalb ein Selbstmörder, zudem noch Ausländer und Protestant, auf einem katholischen Friedhof in der Fremde eine so ehrwürdige Grabstätte erhalten konnte. Als ich später dieser Frage nachging, lernte ich, dass die beiden Medizinalräte, die den Tod des Leichnams bestätigen mussten, dem Toten attestierten, dass er geistig verwirrt war und deshalb nicht als Selbstmörder betrachtet werden dürfe. Dann war nur noch die Konfession unklar. Obwohl List aus der ehemals Freien Reichsstadt Reutlingen stammte, welche die erste süddeutsche Stadt war, die sich zum lutherischen Glauben bekannte, gab man dem katholischen Pfarrer zu bedenken, dass die Konfession nicht bekannt sei und der Verstorbene auch katholisch gewesen sein könne. Deshalb war dieser bereit, Friedrich List ein offizielles Begräbnis unter Anteilnahme der Bevölkerung zu ermöglichen.
Als ich etwas nachdenklich und Gedankenverloren aus dem Friedhof hinausging, sah ich ein kleines Hinweisschild „Zum List-Denkmal“. Ich war ziemlich überrascht, weil mir völlig unbekannt war, dass es in Kufstein ein List-Denkmal gibt. Ich folgte dem Hinweisschild und stand nach einigen Hundert Metern plötzlich vor einer ca. ein Meter hohen Tuffsteinsäule mit der Aufschrift „Lists Ende“. Später erfuhr ich, dass diese Säule von einem einfachen Schneidermeister gestiftet worden war, der als 10jähriger Junge mit seinem Vater bei der Suche des Leichnams beteiligt war. Er hat diese Säule zu Lists Erinnerung gestiftet und zudem noch vier Kastanienbäume im Quadrat darum herum gepflanzt.
Aber der Wegzeiger „Zum List-Denkmal“ führte weiter. Wiederum legte ich wenige hundert Meter zurück und stand plötzlich auf einer Anhöhe mit einem prächtigen griechischen Säulenhalbrund aus weißem Marmor, in dessen Mitte sich ein großer Marmorblock befindet, auf dem in voller Größe Friedrich List Platz genommen hat. Von hier aus bietet sich ihm ein fantastischer Blick auf die Stadt und Feste Kufstein, das Inntal und das Grenzgebiet zu Bayern. Später habe ich erfahren, dass dieses eindrucksvolle Denkmal von dem Kufsteiner Bildhauer Norbert Pfretzschner im Jahre 1905 in dessen Atelier in Berlin geschaffen und von der Stadt Kufstein finanziert worden war (Abb. 1).
Auf der Rückseite des Sockels ist ein Gedicht von Martin Greif eingemeißelt, in dem das Wirken von Friedrich List in einzigartiger Weise komprimiert ist:
VerseVerse
„Ein Anwalt ohne Sold, bemüht fürs Vaterland!
Ein Kämpfer, dem kein Gold den starken Willen band!
Ein Held, der weit hinaussah über seine Zeit!
Ein Sämann, dem als Haus das Sternenzelt bereit!“
Diese gehäuften Eindrücke wirkten auf mich wie eine Initialzündung. Ich war tief berührt, weil mir klar wurde, dass List eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein muss, deren Bedeutung ich näher kennenlernen wollte. Damit war der Grundstein für meine Bemühungen um die List-Forschung gelegt, die ich nun seit 50 Jahren zum zentralen Fokus meiner wissenschaftlichen Arbeit gemacht habe. Diese Herausforderung ließ sich mit meiner Lehrtätigkeit als Professor für Internationales Marketing, Marktpsychologie und Kommunikationspolitik an der Hochschule Reutlingen trotz widriger Bedingungen einigermaßen verbinden. Obgleich mir niemals Forschungsmittel, ein Assistent oder eine eigene Schreibkraft zur Verfügung standen, konnte ich dank der verständnisvollen Unterstützung meiner lieben Frau und unter erheblichem persönlichem Engagement und finanziellen Opfern ein Lebenswerk zustande bringen. Allein mein Beitrag zur List-Forschung umfasst bis jetzt ca. 30 Monographien und viele Aufsätze. 1992 habe ich an der Hochschule Reutlingen das „Friedrich List-Institut für historische und aktuelle Wirtschaftsstudien (FLI)“ gegründet, bis 2012 geleitet und dann meinem Nachfolger Prof. Dr. Stephan Seiter übertragen.
Die ganze Zeit über war ich stets Einzelkämpfer, der – wenn man den Mainstream der Wirtschaftswissenschaft zum Maßstab nimmt – aus der Zeit gefallen ist. Aber ich habe mich stets in guter Gesellschaft gefühlt, weil ich mich in der Nachfolge der Gründer und führenden Mitglieder der FLG gesehen habe, welche mit der Herausgabe der Gesamtausgabe in „kritischer Zeit“, wie sie von Edgar Salin bezeichnet wurde, erst die List-Forschung ermöglicht und damit ein bleibendes historisches Vermächtnis geschaffen haben.
Allerdings ist deren überragende Leistung weder im Dritten Reich noch danach in gebührender Weise gewürdigt worden. Sie wurde und wird von der weitaus überwiegenden Mehrheit der deutschen Wirtschaftswissenschaftler einfach ignoriert. Selbst diejenigen, die einen fachlichen Bezug zu List haben müssten, suchen kaum Anhaltspunkte für die Aktualität seiner Ideen, wie es die beiden Festschriften der List-Gesellschaft (LG) und des „Vereins für Socialpolitik“ zum 200. Geburtstag von List belegen. Es mutet stellenweise ziemlich verkrampft und gekünstelt an, wenn am Schluss eines Aufsatzes noch ein Bogen zu Lists aktueller Bedeutung geschlagen und versucht wird, dem Autor eine Rechtfertigung zu liefern, dass er sich mit diesem „obsoleten Ahnherrn“ der deutschen Nationalökonomie überhaupt noch beschäftigt hat, obwohl diesem doch nur noch in der sentimentalen historischen Rückschau ein gewisser Erinnerungswert zukomme.
Es ist bedrückend, wenn man in den Mitteilungen der LG von 1962 „ein Nachwort zur List-Ausgabe als Vorwort für künftige Leser“ von Edgar Salin liest, in dem er beklemmend und resignierend feststellen muss: „Die Gesamtausgabe ist die erste übersichtliche Zusammenfassung, welche den erhofften Lesern einen ersten Überblick über das große Werk und einen ersten Einblick in die gewaltige Natur von Friedrich List vermitteln sollte; Aufforderung und Anreiz zum Studium, zur Vertiefung und zur Auswertung, wie sie im deutschen Sprachgebiet bis heute ausgeblieben ist. Mir ist (nur) eine einzige (!) Besprechung bekannt, welche die Bedeutung der gesamten Ausgabe und welche die philologische Leistung würdigt. Sie stammt aus der Feder von Luigi Einaudi, dem großen italienischen Gelehrten, Büchersammler und Literaturkenner. Dass im Deutschland der Nazi-Jahre nur ein Oberbürgermeister von Reutlingen einen Versuch gemacht hat, den größten Sohn dieser Stadt als Prä-Nazi zu frisieren – wozu er auch die von H.W. Zimmermann im Auftrag der FLG veranstaltete List-Auswahl gestohlen hat – und dass im Übrigen die Fertigstellung der Ausgabe mit Schweigen übergangen wurde, dafür muss man fast noch dankbar sein.“
„Allein ist die Hoffnung vielleicht nicht vermessen, dass mancher, der diesen Vorbericht liest, sich veranlasst fühlt, nach der monumentalen Ausgabe zu greifen, die heute ungenutzt in den Bibliotheken verstaubt.“ Leider hat sich daran bis heute nichts, aber auch gar nichts geändert. Noch immer hat sich in den Bibliotheken dicker Staub über die Gesamtausgabe gelegt.
„Von niemandem wird erwartet, dass er alle Bände liest. Jedem aber, der unter Benutzung der Register sich die für sein Interessengebiet wichtigen Stellen heraussucht, jedem Wirtschaftspolitiker und jedem Wirtschaftstheoretiker werden sich ungeahnte Schätze enthüllen. Denn List ist aktuell, noch immer oder sogar heute verstärkt aktuell. Außer Tocqueville und Marx hat kein Staatslehrer und kein Ökonom solch aufregende, hellsichtige ‚Blicke in die Zukunft‘, das heißt in unsere Gegenwart getan. Und es sollte niemand über die Entwicklung unterentwickelter Länder schreiben, ohne bei dem großen Ahnherrn der Wachstumstheorie und der Entwicklungspolitik in die Lehre zu gehen. So öffnet dieser Nachdruck dem großen Werk den Weg zu einer gewissen Gunst des Schicksals. Habent sua fata libelli.“ (Salin 1952). Bücher haben ihr eigenes Schicksal. „Es war und ist das Schicksal der Gesamtausgabe und der phänomenale Einsatz seiner Herausgeber, dass diese Leistung auf weitgehend taube Ohren und blinde Augen gefallen ist.“
In einem Nachwort zum Neudruck der Werke Friedrich Lists vom Juli 1972 beklagt Edgar Salin: „es scheint mir angemessen, der Personen zu gedenken, um für die Nachwelt festzuhalten, wie gering dreiviertel Jahrhunderte nach dem Erscheinen des ‚Nationalen Systems‘ die Erinnerung, zumindest unter den deutschen Gelehrten, an ihrem bedeutendsten Vorgänger gewesen ist. Auch jetzt dürfte es wieder so sein, dass ‚Das Nationale System der Politischen Ökonomie‘ und erst recht die kleineren Schriften von List in anderen als den deutschsprachigen Ländern ein wesentlich höheres Ansehen genießen und eine wesentlich größere Bedeutung besitzen.“ (Salin 1972). Diese Sätze wurden fast zeitgleich niedergeschrieben, als ich damit begonnen habe, mich der List-Forschung zu widmen. Und ich kann diese deprimierende Feststellung leider nur unterstreichen und mit demselben Bedauern feststellen, dass sich die deutsche ökonomische Fachwelt über die letzten 50 Jahre hinweg für List so gut wie nicht interessiert hat, während beispielsweise in Japan und in neuerer Zeit auch in China ein deutlich größeres Interesse zu verzeichnen ist.
Als vorrangigen Grund für dieses wissenschaftliche Desinteresse führt Salin an, dass die rationale anglo-amerikanische Theorie nach dem II. Weltkrieg in dem besiegten Deutschland begreiflicherweise mit dem stärksten Nachdruck aufgenommen wurde, während die „anschauliche Theorie von Friedrich List“ in den Hintergrund getreten und schließlich in völlige Vergessenheit geraten Ist. Im Hinblick auf die Entwicklungsländer konstatierte er, dass die sehr viel flachere Entwicklungstheorie von W.W. Rostow der List’schen vorgezogen wurde.
In Gegensatz dazu war mir Lists Aktualität und phänomenale Weitsicht immer ein festes Fundament für meine Forschung, sodass ich heute mit einer gewissen Befriedigung, vielleicht sogar mit ein wenig Stolz sagen kann, dass ich dadurch meinen eigenen Weg gegangen bin und mich vom Mainstream der Wirtschaftswissenschaft abgesetzt habe.
Gerade deshalb, weil ich mich als der Letzte aus der Zunft der Protagonisten der FLG fühle, sehe ich es als meine Aufgabe an, an die Verdienste der FLG zu erinnern und ihre tragenden Säulen, soweit das anhand der verwendeten Quellen möglich ist, zu würdigen. Die meisten davon waren übrigens gegen den Nationalsozialismus eingestellt und mehr oder weniger exponierte Kritiker dieses unheilvollen Systems; es waren mutige Akteure, die durchaus zum deutschen Widerstand gerechnet werden dürfen und schon deshalb einen Platz in der deutschen Wissenschaftsgeschichte verdient haben.
Die Leserinnen und Leser mögen mir nachsehen, wenn ich im Anschluss an diese Würdigung meine eigenen Bemühungen um die List-Forschung zur Abrundung anschließe, um deutlich zu machen, wie ich darauf aufgebaut und im Sinne der Herausgeber der Gesamtausgabe Lists Erbe weitergeführt habe.