Einleitung

Menschenverachtende Äußerungen und feindselige Auffassungen gegenüber bestimmten Personengruppen sind keine neuen gesellschaftlichen Phänomene. Diese haben jedoch in den vergangenen Jahren, vor allem in und durch soziale Medien, in ihrer Verbreitung stark zugenommen (Hawdon et al. 2019). Der Begriff Hatespeech (dt. Hassrede) beschreibt eine abwertende Äußerung über Menschen, die auf Gruppenmerkmale Bezug nimmt (z. B. Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion). Sie richtet sich, einer Verletzungsabsicht folgend, an Personen (direkt oder stellvertretend) und schädigt potenziell auf verschiedenen Ebenen (z. B. individuell, gesellschaftlich) (Kansok-Dusche et al. 2022). Im Gegensatz zu Cybermobbing oder traditionellem verbalem Mobbing, welche begriffstheoretisch einen Individualbezug betonen (z. B. wiederholte Hänseleien wie „Du langweilige Streberin.“ oder „Deine Frisur sieht scheiße aus.“), impliziert der Hatespeech-Begriff eine auf soziale Gruppenkategorien bezogene Abwertung (z. B. „Frauen sind aufmüpfige Schlampen und man sollte sie verprügeln!“), die im Unterschied zu Mobbing nicht zwingend eines personalisierten Opfers bedarf (Kansok-Dusche et al. 2022; Smith et al. 2013; Schwertberger und Rieger 2021). Der Aspekt der Intentionalität verortet Hatespeech als auf Ausübende rekurrierende Handlung (engl. act, z. B. Oksanen et al. 2014) und grenzt Hatespeech vom Diskriminierungsbegriff ab. Denn dieser beschreibt auch unbeabsichtigtes Verhalten, und er ist zudem opferzentriert ausgerichtet (Wettstein 2021). So erfasst sprachliche Diskriminierung, im Unterschied zu Hatespeech, zum Beispiel auch die Erfahrung von Frauen, in Texten nur männliche Redeformen vorzufinden. In der Onlinewelt zeigt sich Hatespeech in menschenfeindlichen Symbolen, Bildern, Sprachnachrichten, Videos oder Memes, die über digitale Medien vermittelt werden (z. B. über WhatsApp, Facebook, Instagram, YouTube) (Ballaschk et al. 2021; Krause et al. 2021). Neben sehr expliziten Formen gruppenbezogener Abwertung (z. B. Aufrufen zu Gewalt) kann sich Hatespeech auch latent oder suggestiv (z. B. mittels Humor, Ironie) zeigen, weshalb es nicht immer leicht ist, Hatespeech als solche zu erkennen (Stefanowitsch 2015).

Es gibt Hinweise, dass Jugendliche zunehmend Hassmaterial im Internet beobachten (Smahel et al. 2020). Dies ist auch deshalb problematisch, weil Hatespeech mit einer Reihe negativer Folgen assoziiert ist (z. B. erhöhtes Stresserleben, negative Emotionen, niedriges Wohlbefinden) und so die Lösung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben (z. B. Identitätsentwicklung, gesellschaftliche Integration, Herstellung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit) gefährdet wird. Nach dem Internet ist die Schule ein Ort, wo Jugendliche Zeuge, aber auch Opfer von Hatespeech werden (Krause et al. 2021; UK Safer Internet Centre 2016; Wachs et al. 2021). Zugleich hat die Schule den Auftrag, diesen Entwicklungen durch die Vermittlung von Demokratie‑, Sozial- und Medienkompetenzen entgegenzuwirken (Wachs et al. 2020). Die Forschungslandschaft zum Thema Hatespeech in der Schule ist allerdings noch sehr dünn besiedelt. Deshalb stellt sich die Frage, wie es der Institution Schule gelingen kann, Hatespeech vorzubeugen, Heranwachsende vor Hatespeech zu schützen bzw. sie zu befähigen, Hatespeech konstruktiv zu begegnen. Eine Möglichkeit dieses Ziel zu erreichen, stellen schulische Präventions- und Interventionsmaßnahmen dar.

Ziel dieses Beitrags ist es, einen Überblick zu vorliegenden schulbezogenen Präventions- und Interventionsprogrammen zum Thema Hatespeech zu erstellen. Die Programme werden anhand von Qualitätskriterien analysiert und verglichen. Im Ergebnis werden Empfehlungen für den Einsatz dieser Programme in der schulischen Praxis, ihre Weiterentwicklung sowie für die Evaluationsforschung gegeben.

Hintergrund

Unter schulbezogenen Programmen werden in diesem Beitrag präventiv und/oder interventiv ausgerichtete Vorhaben verstanden, die in der Schule Wissen über Hatespeech und/oder Kompetenzen zum Umgang damit vermitteln, sich an Kinder und Jugendliche richten und potenziell in der Schule zum Einsatz kommen können. Das Spektrum an Programmen kann sich von einzelnen Unterrichtssequenzen über Tagesveranstaltungen bis hin zu Workshops und Projekten erstrecken. Je nach Zielstellung werden Programme als Präventions- bzw. Interventionsprogramme durchgeführt oder sie kombinieren beides. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der beiden Herangehensweisen ist die zeitliche Dimension, d. h. zu welchem Zeitpunkt sie umgesetzt werden (Böllert 1995). Unter Prävention werden vorbeugende Maßnahmen verstanden, Intervention umfasst hingegen Strategien, welche eingesetzt werden, um bereits vorliegenden Problembereichen (hier Hatespeech) begegnen zu können. Eine Verknüpfung der Ansätze berücksichtigt beide Perspektiven und ist somit ein Qualitätsmerkmal von Programmen. Zum Umgang mit Hatespeech in der Schule gibt es bisher kaum Forschungsergebnisse.

Erste empirische Befunde liegen zu Interventionshandlungen des pädagogischen Schulpersonals bei Hatespeech vor und unterscheiden hierbei drei Strategien: unzureichende, direktiv-disziplinierende und partizipativ-verhandelnde Interventionen. Unzureichende Strategien (z. B. geringfügige Interventionen oder Ignorieren) werden in Verbindung gebracht mit z. B. Informationsmangel oder einem geringen Verantwortungsbewusstsein des pädagogischen Schulpersonals. Direktiv-disziplinierende Strategien werden durch angedrohte bzw. durchgeführte Sanktionierungen (z. B. Erziehungsmaßnahmen) charakterisiert. Demgegenüber stehen partizipativ-verhandelnde Interventionen mit einem lösungsorientierten und im kollektiven Austausch zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen entwickelten Vorgehen in Verbindung (Krause et al. in Druck). Die Autor*innen dieser Studie verbinden direktiv-disziplinierende Strategien mit einer weniger zeitaufwändigen, verhaltensbezogenen Interventionsabsicht und partizipativ-verhandelnde Strategien mit einer nachhaltigen, einstellungsbezogenen Interventionsabsicht, weshalb sie für die letztere Strategie mit Aussicht auf nachhaltigere Veränderungen plädieren.

Ein weiterer Bezugspunkt können die umfangreichen Befunde aus der Mobbing-Forschung sein, insbesondere zu Cybermobbing. Insgesamt verfolgen viele der besonders wirksamen Anti-Mobbing-Programme einen Mehrebenenansatz mit Interventionen auf allen Ebenen der schulischen Umwelt: Individual‑, Klassen- und Schulebene. Häufig werden Lehrkräfte ausgebildet, um das Programm-Curriculum zu vermitteln (Gaffney et al. 2019). Programmelemente, die mit einer höheren Effektstärke in den Evaluationsstudien einhergehen, sind neben dem Mehrebenenansatz die Implementierung von Anti-Mobbing-Regeln, der Einbezug der Eltern und die spezifische Arbeit mit den Opfern (Gaffney et al. 2021). Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass sozio-emotionales Lernen (z. B. Empathie- und Kommunikationstraining), der Einbezug von Peer-Mentor*innen und edukative Elemente (z. B. Wissensvermittlung zu e‑Safety) mit einer höheren Effektivität bei der spezifischen Eindämmung von Cybermobbing einhergehen (Hanjal 2021).

Empirisch zeigt sich, dass Hatespeech außer- und innerhalb von sequenziellen Mobbingprozessen auftreten kann (Kansok-Dusche et al. 2022; Blaya et al. 2020; Wachs et al. 2019). Im Hinblick auf Beteiligungsrollen fanden sich bisher mittlere Korrelationen zwischen Viktimisierung durch traditionelles Mobbing und durch Online-Hatespeech (Blaya et al. 2020) sowie zwischen der Ausübung von Cybermobbing und der Ausübung von Online-Hatespeech (Wachs et al. 2019). Die nur partielle empirische Überlappung der Phänomene rechtfertigt eine fokussierte Betrachtung von Programmen zum Umgang mit Hatespeech.

Die in diesem Beitrag beabsichtigte Bestandsaufnahme vorliegender Programme zum Umgang mit Hatespeech in der Schule soll Aufschluss über deren Qualität, Funktionalität, Wirkung und Nutzen geben. Hierbei soll kriteriengeleitet vorgegangen werden. Neben der Einschätzung, ob die Programme präventiv und/oder interventiv ausgerichtet sind, stehen das Begriffsverständnis von Hatespeech, die theoretische Fundierung, die Adressat*innen sowie das Vorliegen von Evaluationsergebnissen im Zentrum der Analyse. Im Kern geht es um die Frage, welche Programme anhand dieser Kriterien für den Einsatz in Schulen empfohlen werden können.

Methode

Recherche-Strategie

Die Recherche von Programmen zum Thema Hatespeech erfolgte in den Fachdatenbanken Deutscher Bildungsserver, ERIC, Fachportal Pädagogik sowie PubPsych und ergänzend in Form einer freien Suche im Internet im Zeitraum von Dezember 2020 bis Januar 2021. Der Suchstring setzte sich aus folgenden Begriffen (zzgl. der entsprechenden englischen Begriffe) zusammen:

(Hatespeech OR Hate Speech OR Hassrede OR Hetz* OR Cyber-Hass OR Online-Hass OR Onlinehass) AND (Intervent* OR Programm* OR Prävent* OR Bekämpf* OR Vorbeug* OR Maßnahme* OR Umgang OR Bewältig* OR Gegenrede* OR Counterspeech) AND (Kind* OR Jugend* OR Adolesz* OR Teen* OR Heranwachsende OR Schüler*).

Der Fokus lag hierbei auf deutschsprachigen Programmen, die sich an Kinder und Jugendliche richten und potenziell in der Schule eingesetzt werden können. Ausgeschlossen wurden Programme, welche nicht im deutschsprachigen Raum (DACH-Länder) entwickelt bzw. erprobt wurden und sich nicht explizit an Kinder und Jugendliche richten.

Analyse der Programme

Ausgehend von Evaluationsuntersuchungen nach Kuntze (2020) und in Anlehnung an Naution et al. (2003) wurden die folgenden Qualitätskriterien im Autor*innenkreis entwickelt:

1. Vorliegen einer Definition von „Hatespeech“

Dem Programm ist eine Definition von Hatespeech zugrunde gelegt. Eine klare Begriffsdefinition ist entscheidend, um Hatespeech von verwandten Phänomenen wie beispielsweise Mobbing oder Diskriminierung abzugrenzen.

2. Theoretische Fundierung

Das Programm basiert auf einer Theorie oder empirischen Forschungserkenntnissen, aus denen die Interventionsstrategien abgeleitet werden.

3. Verbindung einer präventiven und interventiven Ausrichtung

Es wird davon ausgegangen, dass Hatespeech in der Lebenswelt von jungen Menschen ein bestehendes Problem ist und durch das Programm adressierte Kinder und Jugendliche potenziell bereits Erfahrungen mit Hatespeech gemacht haben. Daher sind die Angebote im Idealfall so ausgerichtet, dass Kinder und Jugendliche nicht nur für das Phänomen sensibilisiert werden, sondern auch Fähigkeiten zum Umgang mit Hatespeech erlernen. Die Differenzierung der Programmausrichtung in präventiv und/oder interventiv leitet sich dabei nicht aus den Programminhalten ab, sondern aus der Zielstellung der Programme.

4. Teilnehmendenaktivierung

Kinder und Jugendliche werden im Rahmen des Programms mit Hilfe von geeigneten Arbeits- und Aktionsformen zur aktiven Mitarbeit angeregt. Eine Abstufung erfolgte hierbei in viel (aufgebend-entdeckende Arbeits- und Aktionsform, z. B. Rollenspiele, Experimente), etwas (zusammenwirkende Arbeits- und Aktionsform, z. B. Diskussionen oder Unterrichtsgespräche) und wenig (darbietend-aufnehmende Arbeits- und Aktionsform, z. B. Präsentationen oder Demonstrationen) (Drumm 2007). Eine hohe Teilnehmendenaktivierung ist deshalb anzustreben, weil hier der Lernprozess von den Kindern und Jugendlichen eigenständig gesteuert wird.

5. Evaluation

Das Programm soll kriteriengeleitet evaluiert sein. Hierzu zählen beispielsweise Veränderungsmessungen mit Prä‑/Post-Erhebungen oder Befragungen zur Akzeptanz und Angemessenheit der Programmmaterialien.

Zusätzlich zu diesen fünf Kriterien wurden die Programme anhand der folgenden allgemeinen Merkmale charakterisiert: Zielgruppe nach Alter und/oder Klassen- bzw. Schulstufe, zeitlicher Aufwand für die Durchführung, Form der Durchführung (offline und/oder online), Unterstützung durch Referent*innen sowie Zugang zu den Materialien. Die Programme wurden mit Hilfe einer Dokumentenanalyse, orientiert an den oben genannten Analysekriterien, bewertet (Mayer 2011). Durch zusätzliches Anschreiben der verantwortlichen Autor*innen oder Ansprechpartner*innen der Programme konnten bei offenen Fragen Informationen ergänzt werden.

Ergebnisse

Die Recherche nach schulbezogenen Programmen zu Hatespeech erbrachte 14 einbezogene Programme. Elf Programme wurden in Deutschland entwickelt und je ein Programm in Österreich, in der Schweiz und in Belgien (Siehe Tab. 1).

Tab. 1 Allgemeine Merkmale der Programme zum Thema Hatespeech

Neben 13 deutschsprachigen Programmen wurde das in Belgien entwickelte Programm SELMA (EUN Partnership aisbl 2020) eingeschlossen, weil dieses in Deutschland erprobt wurde und die Materialien in verschiedenen Sprachen (so auch in Deutsch) verfügbar sind. Die Veröffentlichungen der Hatespeech-Programme sind in einem Zeitraum von 2015 bis 2021 zu verzeichnen, wobei die Modulbox des DVV (Deutscher Volkshochschul-Verband 2021) das jüngste bzw. #hatebreach (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia Dienstanbieter e. V. 2015) das älteste Programm sind. Bei zwei Programmen – Mit Herz gegen Hate Speech (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg o.J.) und #lauteralshass (klicksafe o.J.) – können keine Aussagen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gemacht werden.

Allgemeine Merkmale der Programme

Alle identifizierten Programme legen den inhaltlichen Schwerpunkt auf Online-Hatespeech, keines beschäftigt sich mit Offline-Hatespeech. Kein Programm beschränkt sich auf Hatespeech über spezifische Gruppen. Die Zielgruppe der Programme umfasst Kinder und Jugendliche im Alter von 11–18 Jahren. Die Mehrheit der Programme (11 von 14) richtet sich an Schüler*innen sowie Lehrpersonen und ist als Unterrichtscurriculum konzipiert, welches größtenteils ab der 7. Klasse bzw. in der Sekundarstufe I und II Anwendung findet. Das Programm BRICkS (Grimme Akademie 2016) bietet in Absprache mit den Schulen auch Angebote für die Klassenstufen 5 und 6. Auch SELMA stellt Differenzierungsangebote für Kinder und Jugendliche im Alter von 11–16 Jahren zur Verfügung. Die drei Programme Post no hate (Rötsch 2020), Freelance (Freelance. Prävention. Gesundheit 2019) und Modulbox des DVV enthalten keine Information zur Zielgruppe. Keines der Programme enthält Einschränkungen bezüglich der Schulform. Die Modulbox des DVV wurde für Volkshochschulen entwickelt, bietet jedoch für die Nutzung im schulischen Kontext Materialien und Impulse.

Betrachtet man den Zeitaufwand, so gibt es ein Spektrum, welches von einzelnen Unterrichtsphasen bis hin zu einem Workshopumfang von bis zu drei Tagen reicht. Die drei Programme Mach’s klar (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 2016), Post no hate und SELMA geben hierzu keine Information. Das heißt, sie stellen Materialien zur Verfügung, welche frei und ohne Zeitvorgaben in den Unterricht integriert werden können. Sechs schulbezogene Programme – #hatebreach, #lauteralshass, Fake News und Hate Speech (Spiegel Ed 2020), DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung 2020), Freelance und Bookmarks (Keen und Georgescu 2016) – nennen einen Stundenumfang von einer bis zu vier Unterrichtseinheiten.Footnote 1 Einen zeitlichen Umfang von mehr als vier Unterrichtseinheiten (in Form einer Tagesveranstaltung oder eines Workshops) haben die fünf Programme #NoHateNoFake (klangumfang/Büro für Medien und Kultur 2018), BRICkS, Mit Herz gegen Hate Speech, Hate Speech – GMF im Netz (Bundeszentrale für politische Bildung 2018) sowie Modulbox des DVV. Da die Inhalte vorrangig als Module in einem Gesamtkonzept angeboten werden, gestatten sie eine individuelle Zusammenstellung bzw. eine Integration in Projektwochen, so dass sich der Zeitumfang reduzieren lässt. Insgesamt ermöglichen nahezu alle Programme eine freie Ein- und Umsetzung der Materialien nach inhaltlichem und zeitlichem Bedarf.

Sieben schulbezogene Programme sind primär für die analoge Durchführung entwickelt worden (#hatebreach, #lauteralshass, Mach’s klar, Post no hate, Bookmarks, Freelance, SELMA) und setzen weder das Vorhandensein eines Computers noch eines Internetzugangs voraus. Einzelne Übungen, welche sich beispielsweise auf eine Recherchearbeit im Internet beziehen, sind fakultativ. Die anderen sieben Programme (#NoHateNoFake, BRICkS, Fake News und Hate Speech, Mit Herz gegen Hate Speech, DGUV, Hate Speech – GMF im Netz, Modulbox des DVV) enthalten eine Mischung aus Offline- und Online-Aufgaben, wobei die Online-Anteile unabdingbar sind. Dies impliziert das Vorhandensein von entsprechenden Endgeräten und einen Zugang zum Internet. Über die übliche Materialienausstattung (z. B. Tafel, Flipchart, Stifte usw.) einer Schule hinaus werden keine nennenswerten Voraussetzungen angegeben.

Die Umsetzung der Programme im Unterricht übernimmt die Lehrkraft selbst. Zudem bieten drei Programme (#hatebreach, Fake News und Hate Speech, Mit Herz gegen Hate Speech) auf Wunsch eine Unterstützung durch jeweilige Mitarbeiter*innen bei der Durchführung. Das Programm Fake News und Hate Speech ist aktuell auch als Online-Kurs buchbar. BRICkS stellt kostenfrei Referent*innen zur Verfügung. Ob sich dieses Angebot auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen und benachbarte Bundesländer begrenzt, geht aus den Ausführungen nicht hervor. Nahezu alle Programme beinhalten Materialien, welche ohne Einschränkungen kostenfrei abgerufen werden können. Lediglich Post no hate erfordert das Abonnement der Zeitschrift, in der das Programm veröffentlicht wurde. Für den Zugang zum Programm Mit Herz gegen Hate Speech ist eine kostenfreie Anmeldung im Online-Portal notwendig. Eine besondere Möglichkeit bietet #NoHateNoFake: Trotz abgeschlossenem Projekt können auf Anfrage Fortbildungen für Lehrkräfte und die Durchführung des Programms durch Referent*innen gebucht werden.

Analyse der Programme entsprechend der Beurteilungskriterien

1. Vorliegen einer Definition von Hatespeech

Nahezu alle eingeschlossenen Programme legen mindestens eine Definition vor bzw. erläutern ihr Verständnis von Hatespeech. Bei den Programmen #NoHateNoFake, Fake News und Hate Speech sowie Mach’s klar ist die Quelle der Definition unklar. Die letzteren zwei verweisen auf andere Websites, jedoch folgen hier weitere Bezugnahmen auf Begriffserklärungen anderer Stiftungen (EU-Initiative klicksafe o.J.). Im Programm Mit Herz gegen Hate Speech erhalten die Teilnehmenden die Aufgabe, eine Arbeitsdefinition von Hatespeech zu entwickeln. Ein konkreter Lösungsvorschlag liegt nicht vor, es wird lediglich auf allgemeine Literaturempfehlungen verwiesen. Drei weitere Programme (Post no hate, DGUV, SELMA) beziehen sich auf die Definition einer zugrundeliegenden wissenschaftlichen Arbeit. SELMA nutzt dazu eine eigene vorangegangene Studie (SELMA 2019a). Zudem wird die Definitionsvorlage des Ministerausschusses des Europarats (2020) (Bookmarks, Freelance, #lauteralshass) sowie das politische und sprachwissenschaftliche Verständnis von Hatespeech nach der Amadeu Antonio Stiftung (o.J.) (BRICkS, Modulbox des DVV, #hatebreach) zugrunde gelegt. Häufig genannte Kernelemente von Hatespeech über alle Programme hinweg sind „abfälliger Ausdruck“, „Zielbezugnahme hinsichtlich gruppenspezifischer Merkmale“ sowie teilweise „Verletzungsabsicht“. Die Folgebezugnahme (Schaden auf verschiedenen Ebenen) wird in den Definitionen vernachlässigt.

2. Theoretische Fundierung

Lediglich zwei von 14 Programmen präsentieren eine theoretische Rahmung oder nehmen Bezug auf eine im Vorfeld durchgeführte Studie. Bei BRICkS wurden Ansätze zum Umgang mit Hatespeech mittels Expert*inneninterviews sowie einer Analyse von Fallbeispielen in deutschen Medien (Websites, Blogs und sozialen Netzwerken) abgeleitet. Diese Ansätze finden sich im Unterrichtsmaterial wieder und sind Teil der inhaltlichen Vermittlung von Strategien. Das SELMA-Toolkit basiert auf einem zugrundeliegenden Forschungsprojekt. Die Basis bildet eine systematische Literaturrecherche zum Thema Hatespeech. Zudem wurden Fokusgruppen- und Pädagog*inneninterviews durchgeführt. Die Fokusgruppensitzungen fanden vor, während und nach der anfänglichen Entwicklung des SELMA-Toolkits statt, um dieses im Entwicklungsprozess zu optimieren und abschließend zu evaluieren.

3. Verbindung einer präventiven und interventiven Ausrichtung

Vier von 14 Programmen sind zuvörderst präventiv ausgerichtet (#NoHateNoFake, DGUV, Bookmarks, Freelance). Sie führen die Schüler*innen informativ in die Thematik ein und klären beispielsweise darüber auf, woran Hatespeech erkannt werden kann oder welche Auswirkungen sie hat. „Datenschutzeinstellungen im Netz“, „Netiquette-Regeln bei der Kommunikation in sozialen Netzwerken“, „Förderung von gegenseitigem Verständnis, Toleranz und Respekt“ werden als präventive Strategien vermittelt (vgl. #NoHateNoFake, DGUV, SELMA). Acht Programme (#hatebreach, #lauteralshass, Fake News und Hate Speech, Mach’s klar, Mit Herz gegen Hate Speech, Post no hate, Hate Speech – GMF im Netz, Modulbox des DVV) beruhen auf einer grundlegend interventiv ausgerichteten Zielstellung, indem Erfahrungen der Schüler*innen betont werden und der Fokus auf Handlungsstrategien liegt. „Ignorieren“, „Konfrontieren“, „Ironisieren“, „Anzeigen“ werden als interventive Strategien thematisiert (vgl. Mit Herz gegen Hate Speech). Nur BRICkS und SELMA beinhalten sowohl präventive als auch interventive Zielstellungen.

4. Teilnehmendenaktivierung

Die Hälfte der Programme (sieben von 14) hat einen hohen Grad („viel“) an Aktivierungspotenzial für die Lernenden (#hatebreach, #NoHateNoFake, BRICkS, Mit Herz gegen Hate Speech, DGUV, Bookmarks, SELMA). Aufgebend-entdeckende Arbeits- und Aktionsformen finden sich z. B. bei der Erarbeitung einer Infografik in der Gruppe (#hatebreach) oder dem Durchspielen einer „Mini-Gerichtsverhandlung“ (Bookmarks). Sechs Programme wurden mit der Kategorie „etwas“ in Hinblick auf die Aktivierung beurteilt (#lauteralshass, Fake News und Hate Speech, Post no hate, Freelance, Hate Speech – GMF im Netz, Modulbox des DVV). Diskussionen und gemeinsame Auswertungen von Umfragen oder Aufgabenstellungen, welche vorrangig durch eine Lehrperson geführt werden, kennzeichnen hier die zusammenwirkende Arbeits- und Aktionsform. Das Programm Mach’s klar erhielt die Einschätzung „wenig“ und lässt sich einer darbietend-aufnehmenden Arbeits- und Aktionsform zuordnen. Eine konkrete Bearbeitungsanleitung (Sozialform, Nutzung von Literatur usw.) wird bei diesem Programm nicht gegeben. Die Teilnehmenden sind darauf angewiesen, mit der Lehrkraft die Lösungen zu vergleichen. Vorschläge zur Recherchearbeit werden gegeben, sind aber nicht zwingend erforderlich.

5. Evaluation

Zwölf von 14 Programmen, und damit die überwiegende Mehrheit, legen keine Evaluationsergebnisse, weder in Form eines Feedbacks durch die Anwender*innen und/oder Teilnehmenden, noch kriteriengeleitete Veränderungsmessungen vor. Herz gegen Hate Speech nutzt Online-Fragebögen für Lehrkräfte und Schüler*innen, allerdings sind die Ergebnisse nicht veröffentlicht. Die Evaluation erfolgte durch die Verbraucherzentrale Bundesverband mit dem Gesamturteil „gut“, die Ergebnisse sind jedoch nur auf Anfrage einsehbar. Die Bewertung erfolgte durch Einschätzungen eines Expert*innenteams für Bildung auf Basis eines Bewertungsrasters (Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. o.J.). Im Ergebnis zeigt sich, dass das Programm trotz einzelner Kritikpunkte in den Kategorien „fachlicher Inhalt, Methodik-Didaktik und formale Gestaltung“ in weiten Teilen empfehlenswert sei. Als einziges Programm wurde das Toolkit SELMA im Rahmen einer Pilotaktivität mit Fokusgruppen- und Pädagog*inneninterviews untersucht. Die Resultate sind auf der entsprechenden Website frei abrufbar (SELMA 2019c). Das Toolkit erwies sich bei der Förderung verschiedener Handlungsstrategien im Umgang mit Hatespeech als erfolgreich und stärkte die Resilienz junger Menschen. Hierbei spielte soziales und emotionales Lernen als effektiver Ansatz eine große Rolle, der von Pädagog*innen und insbesondere jungen Menschen geschätzt wurde. Auch die Ergebnisse des SELMA-Projekts zeigten insgesamt, dass seitens der Bildungsfachkräfte sowie der Kinder und Jugendlichen ein starkes Interesse besteht, das Thema Hatespeech stärker in die formale Bildung zu integrieren, um nachhaltige Veränderungen sicherzustellen (SELMA 2019b). Eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse anhand der Beurteilungskriterien findet sich in Tab. 2.

Tab. 2 Analyse der Programme entsprechend der Beurteilungskriterien

Diskussion

Ziel dieses Beitrages war es, einen Überblick zu vorliegenden schulbezogenen Programmen zum Thema Hatespeech zu erstellen, diese anhand ausgewählter Qualitätskriterien zu analysieren und daraus Empfehlungen für den Einsatz in der schulischen Praxis, ihre Weiterentwicklung sowie die Evaluationsforschung abzuleiten.

Charakteristika vorliegender Programme zum Thema Hatespeech

Die Recherche erbrachte ein unerwartet breites Angebot von insgesamt 14 Programmen, welche in einem Zeitraum von 2015–2021 veröffentlicht wurden. Die Aktualität der Programme sollte bei Entscheidungen zum Einsatz in der Schule berücksichtigt werden. Zum einen entwickelt sich der Forschungsstand zum Thema Hatespeech sehr dynamisch und zum anderen unterliegen die von Kindern und Jugendlichen genutzten Programme und Plattformen im Internet einem starken Wandel. Demzufolge sollten die Hatespeech-Programme und die dort verwendeten Beispiele regelmäßig überarbeitet und aktualisiert werden.

Alle Programme beziehen sich ausschließlich auf Online-Hatespeech und keines thematisiert Offline Hatespeech. Diese programmatische Lücke spiegelt sich auch im Ungleichgewicht internationaler empirischer Forschung zu Online und Offline Hatespeech bei Kindern und Jugendlichen wider (Kansok-Dusche et al. 2022). So gibt es bspw. deutlich mehr Publikationen zur Verbreitung von Online als Offline Hatespeech, wobei die wenigen vor allem aus den USA stammenden Studien zeigen, dass Schüler*innen Hatespeech auch offline erleben (Ballaschk et al. 2021; Krause et al. 2021; Lehman 2019). Lehrkräfte sollten die Problematik analoger Hatespeech-Erfahrungen im Verlauf der Programme vorerst nach eigenem Ermessen thematisieren. Sie könnten zum Beispiel in frühen Phasen des Programms den Anteil analoger und medial vermittelter Hatespeech-Erfahrungen erfragen, um in späteren Programmphasen mit Schüler*innen ins Gespräch zu kommen, inwieweit für die Onlinewelt vermittelte Möglichkeiten zum Umgang mit Hatespeech auch im analogen Raum funktionieren könnten.

Die vorliegenden Programme adressieren Kinder und Jugendliche im Alter von 11–18 Jahren sowie pädagogisches Personal. Da die Programme keine Einschränkung bezüglich der Schulform vornehmen, können sie sowohl in allgemeinbildenden Schulen wie z. B. Förder‑, Ober‑, Sekundar‑, Gesamtschule oder Gymnasium, als auch in der freien Kinder- und Jugendarbeit zum Einsatz kommen. Weil sich jedoch keines der Programme explizit an Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf richtet, sind Lehrkräfte aktuell gefordert, das in den Programmen verfügbare Lehrmaterial selbst mit Bezug auf die Lernausgangslagen ihrer Schüler*innen zu bewerten und sowohl die Komplexität der Inhalte als auch deren didaktisch-methodische Vermittlungsweisen entsprechend anzupassen.

Qualität vorliegender Hatespeech-Programme

Zur Bewertung der Qualität der Programme wurden fünf Kriterien zugrunde gelegt. Ein Qualitätskriterium war die Offenlegung eines Begriffsverständnisses von Hatespeech. Alle Programme präsentieren eine Begriffsdefinition und verdeutlichen ihr Verständnis von Hatespeech. Die meisten Programme berufen sich dabei auf einschlägige Referenzen. Allerdings sind Definitionen politischer oder zivilgesellschaftlicher Akteur*innen möglicherweise von deren Interessen geprägt. Dies kann sich, so etwa im Falle der Definition vom Ministerausschuss des Europarats (z. B. bei Bookmarks) in einem spezifischen Zielbezug auf ausgewählte soziale Gruppen oder einem engen Folgebezug von Hatespeech (z. B. Hass verbreiten) niederschlagen. Auch die genannte Intention von Hatespeech ist in Definitionen möglicherweise eng gefasst (z. B. als Ausdruck von Hass bei Mach’s klar). Für diese Feinheiten sensibilisiert sollten sich Lehrkräfte im Kontakt mit ihren Schüler*innen offen dafür zeigen, dass diese möglicherweise auch andere, für sie wichtige Ziel- und Folgebezüge von Hatespeech oder Hatespeech-Motive (z. B. Rache, Provokation, die Anerkennung von Freunden gewinnen) berichten (Ballaschk et al. 2021). Die Herausforderung in der Moderation des Unterrichtsgesprächs besteht dann für Lehrkräfte darin, den Hatespeech-Begriff nicht willkürlich für alle Formen abfälliger Ausdrücke zu öffnen, sondern an konkreten Beispielen aufzuzeigen, dass Hatespeech vor allem die in einer Gesellschaft marginalisierten und strukturell benachteiligten Gruppen abwertet.

Nur wenige Programme sind theoretisch fundiert bzw. nehmen Bezug auf Erkenntnisse der Forschung. Gesichertes Wissen zu Risiko- und Schutzfaktoren von Hatespeech und zum Umgang mit Hatespeech wird in der Entwicklung der Programme und ihren Inhalten somit bisher noch nicht ausreichend berücksichtigt. Eine aktuelle Befragung Jugendlicher zeigte zum Beispiel, dass Jugendliche, die angaben, dass ihre Eltern Online-Aktivitäten stark einschränken oder gar verbieten wollen, zugleich häufiger maladaptive Bewältigungsstrategien einsetzen (z. B. geringere Inanspruchnahme sozialer Unterstützung, weniger Blocken von Hatespeech-Ausübenden im Netz) (Wright et al. 2021). Auch wenn bisher nur wenige Forschungsbefunde zu Hatespeech im Kindes- und Jugendalter vorliegen, sollten diese Erkenntnisse bei der (Weiter‑)Entwicklung von Programmen eine stärkere Berücksichtigung finden.

Zudem verbinden nur zwei Programme eine präventive mit einer interventiven Zielstellung und erfüllen somit das diesbezügliche Qualitätskriterium. Die verbleibenden Programme sind entweder interventiv oder präventiv ausgerichtet. Die beobachtete einseitige Zielstellung der meisten Programmen könnte eng mit ihrer mangelhaften theoretischen Fundierung zusammenhängen. Ein theoretisch oder empirisch abgesichertes Modell (z. B. Kompetenzmodell) systematisiert je nach à priori gesetzter Zielstellung im Idealfall sowohl präventive vor Entwicklungsrisiken schützende Wirkfaktoren (z. B. Sozialkompetenzen wie Toleranz, Empathie) oder es erfasst interventiv für den konkreten Umgang mit Hatespeech wichtige Wirkfaktoren (z. B. technische Fähigkeiten) (Bosley und Kasten 2018).

Mit aufgebend-entdeckenden Arbeits- und Aktionsformen lädt die Hälfte aller Programme zur aktiven Mitarbeit der Teilnehmenden ein. Der Lernprozess wird von den Kindern und Jugendlichen durch eine selbständige Auseinandersetzung mit den Inhalten in verschiedenen Sozialformen eigenständig gelenkt. Auf diese Weise soll nachhaltiges Lernen ermöglicht bzw. sichergestellt werden. Die andere Hälfte, mit Ausnahme von einem Programm, unterbreitet ihr Konzept mit einer zusammenwirkenden Arbeits- und Aktionsform. Der Lernprozess wird hier vorwiegend durch die Lehrperson gesteuert und moderiert. Dabei wird angenommen, dass der Lernerfolg im Vergleich zur aufgebend-entdeckenden Arbeits- und Aktionsform weniger ausgeprägt sei.

Ein ernüchterndes Resultat zeigt sich beim Qualitätsmerkmal Evaluation. Lediglich ein Programm wurde kriteriengeleitet evaluiert und aufgrund der Ergebnisse weiterentwickelt. Daher können keine wissenschaftlich begründeten Aussagen über die Wirksamkeit der Programme oder die Praktikabilität ihrer Anwendung getroffen werden. Aus der Evaluationsforschung ist bekannt, dass auf Einstellungs- und Verhaltensänderungen ausgerichtete Programmformate (z. B. zur Gesundheits- und Mobbingprävention), die bei jüngeren Kindern wirksam sind, bei Jugendlichen nur noch eingeschränkte Lernerfolge verzeichnen (Yeager et al. 2018). Die Ursache für diesen Effekt wird in einer Fehlpassung zwischen dem gesteigerten Bedürfnis Jugendlicher nach Anerkennung und Respekt und der methodisch-didaktischen Ausrichtung der Programme gesehen. Die Evaluation von Hatespeech-Programmen sollte daher neben Kompetenzzuwächsen und Verhaltensänderungen auch methodisch-didaktische Kriterien betrachten.

In diesem Beitrag werden die folgenden Qualitätsmerkmale von Hatespeech-Programmen geprüft: transparente und eindeutige Definition des Phänomens Hatespeech, wissenschaftliche Fundierung der Präventions- und Interventionsansätze, Verknüpfung von Prävention und Intervention, hohe Teilnehmendenaktivierung sowie eine kriteriengeleitete unabhängige Evaluation. Diese Anforderungen erfüllt das Programm SELMA am ehesten. Das Alleinstellungsmerkmal von SELMA ist seine wissenschaftliche Fundierung und die daraus abgeleitete Evaluation. Das Programm BRICkS wurde zwar nicht evaluiert, erfüllt jedoch die anderen vier Qualitätsmerkmale. Das interventiv ausgerichtete Programm Mach’s klar erfüllt die Anforderungen nur im geringen Umfang. Es beinhaltet die Bearbeitung eines dreiseitigen Arbeitsblatts mit sechs Aufgaben. Die darbietend-aufnehmende Arbeits- und Aktionsform trägt zu einer geringen Teilnehmendenaktivierung bei. Zudem fehlen methodisch-didaktische Hinweise (z. B. Sozialform, Nutzung von Literatur usw.) für die konkrete Anwendung des Programms sowie ein theoretisches Fundament. Angaben zur Herkunftsquelle der Hatespeech-Definition werden nicht gegeben.

Implikationen für die Schulpraxis

Jenseits der fünf bewerteten Qualitätsmerkmale sind Programme besonders praktikabel, wenn sie eine Durchführung durch Referent*innen des Programmanbieters ermöglichen oder auch Fortbildungen für pädagogisches Personal anbieten. Darüber hinaus ist die Entscheidung für ein bestimmtes Programm auch von spezifischen pädagogisch-didaktischen Interessen und Zielstellungen abhängig – eine Vielfalt an Programmen ist dafür gegeben. Sie sind sowohl für den schulischen Kontext als auch im Rahmen von Kinder- und Jugendarbeit einsetzbar. Die überwiegend fehlende Evaluation der Programme ist ein weiteres großes Forschungsdesiderat und für eine Weiterentwicklung der Programme unabdingbar. Wissenschaftliche Studien verweisen zudem auf potenzielle Überlappungen von Hatespeech- und Mobbingerfahrungen (z. B. Blaya et al. 2020). Das bedeutet, dass Jugendliche, die Hatespeech online ausüben, zuweilen auch online und/oder im analogen Schulalltag mobben oder gemobbt werden. Hatespeech-Programme für Kinder und Jugendliche sollten auch diese phänomenologischen Überlappungen berücksichtigen. Offen ist, inwieweit Mobbingprävention auch wirksam Hatespeech adressieren kann (und andersherum). Auch ohne vorliegende Evaluationsbefunde ist anzunehmen, dass langfristig angelegte, partizipative Maßnahmen, die auf mehreren Ebenen der schulischen Umwelt ansetzen, wirksamer sind als rein edukative Angebote, die nur wenige Unterrichtseinheiten umfassen.

Limitationen

Die Recherchearbeit nach schulbezogenen Programmen zu Hatespeech begrenzte sich auf den deutschsprachigen Raum. Eine erweiterte (internationale) Suche würde ein wesentlich größeres Programmangebot hervorbringen. Die Analyse und Beurteilung der Programme basierte auf im Autor*innenteam erarbeiteten und diskutierten Kriterien. Je nach Forschungs- oder pädagogischem Interesse sind weitere Kriterien denkbar.

Fazit

Die Beschreibung und kriteriengeleitete Qualitätseinschätzung von 14 vorliegenden deutschsprachigen Hatespeech-Programmen für Kinder und Jugendliche zeigte zum einen deren Praktikabilität für den Einsatz in pädagogischen Settings sowie ein hohes Aktivierungspotential der eingesetzten Lehr- und Lernmethoden auf. Zum anderen wurde deutlich, dass die Programme selten sowohl präventiv als auch interventiv ausgerichtet sind und die meisten von ihnen vor allem Entwicklungspotenziale hinsichtlich ihrer theoretischen Fundierung und ihrer Evaluation aufweisen. Pädagog*innen sollten bei der Auswahl von Programmen kritisch die Passung zwischen den Zielen des Programms und den Bedürfnissen ihrer Schüler*innen reflektieren und Maßnahmen umsetzen, die auf mehreren Ebenen nachhaltige Veränderungen bewirken.