Hintergrund und Stand der Forschung

Die Untersuchung des Wohlbefindens von Kindern bildet ein expandierendes Forschungsfeld, das interdisziplinär, quantitativ wie qualitativ und in unterschiedlichen Themenbereichen bearbeitet wird. Als Teil dieser Forschung hat sich unter dem Begriff „Children’s understandings of well-being“ (CUWB, http://www.cuwb.org/) der qualitative Zugang zum subjektiven Wohlbefinden von Kindern etabliert (u. a. Andresen und Betz 2014; Ben-Arieh et al. 2014; Fattore et al. 2016, 2018, 2021; Fegter 2014; Hunner-Kreisel und Kuhn 2010). Hier wird gefragt, was Kinder unter Wohlbefinden verstehen und wie sie ihr eigenes Wohlbefinden darstellen und einschätzen (Fattore et al. 2007, 2018). So fragt auch das vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Projekt Wohlbefinden von Kindern in der deutschsprachigen Schweiz (WoKids)Footnote 1, wann, unter welchen Bedingungen und wie Kinder Wohlbefinden erleben. Ausgehend von der zentralen Forschungsfrage wird spezifisch untersucht, was Kinder in der Schweiz aus ihrer eigenen Sicht brauchen, damit es ihnen gut geht, und welche Konzeptionen von Wohlbefinden sich aus den berichteten Erfahrungen und Relevanzen der Kinder rekonstruieren lassen.

Ethische Aspekte

Ethische Erwägungen müssen bei der Einbeziehung von Kindern aufgrund ihres Alters und ihrer Vulnerabilität besonders elaboriert sein (Mukherji und Albon 2018). Kinder sind in der Forschung zu schützen, und zugleich als kompetente Akteure zu adressieren, die zustimmen, widersprechen und Entscheidungen treffen können. Darum werden Kinder und ihre Familien umfassend über die Ziele des Projekts, ihre Rechte und Einzelheiten zum Datenschutz und Datenspeicherung informiert. Hierfür verfügt das Projekt über eine informative zweisprachige DE/EN-Website (https://www.ife.uzh.ch/de/research/heite/forschung/wokids.html) sowie über eine illustrierte zweisprachige DE/EN-Broschüre, die das Verständnis des Projekts erleichtern.

Sowohl die Eltern als auch die Kinder unterzeichnen vor der Befragung eine EinverständniserklärungFootnote 2. Da es sich bei der Einwilligung um einen fortlaufenden Prozess handelt und sich Kinder aufgrund der Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern möglicherweise verletzlich fühlen, werden die Forscher*innen auch darin geschult, „Zeichen des Widerspruchs“ (ERIC 2022, S. 64) zu erfassen, die von den Kindern möglicherweise nicht verbal geäußert werden, wie Passivität, mangelnde Kooperation oder Desinteresse. Hierbei wird nicht mit weiteren Nachfragen eine Antwort forciert, wenn negative Gefühle auf Seiten des Kindes aufkommen, sondern unterstützend zugehört, wobei auch Vorbereitungen im Falle von Erzählungen einer Kindeswohlgefährdung getroffen wurden. Im Sinn der Wissenschaftskommunikation werden die Ergebnisse für die Kinder und ihre Familien zugänglich gemacht, indem sie auch auf der Projektwebseite veröffentlicht werden.

Erhebungsmethoden: Interviews und Fokusgruppen

Es wird ein zweistufiges Vorgehen angewendet, das dem im CUWB-Verbund entwickelten Forschungsdesign entspricht und die Grundvoraussetzung zur internationalen Vergleichbarkeit der Forschungsbefunde bildet (Fattore et al. 2018, S. 398). In Feldphase I (Beginn Mai 2022) werden teilnarrative Einzelinterviews oder Peer-Interviews sowie Netzwerkinterviews mit ca. 60 Kindern (acht bis 14 Jahre) durchgeführt. Im ersten Interview werden die Kinder gebeten, Zeichnungen über das, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist, zu erstellen, und es werden offene, erzählgenerierende und nichtsuggestive Fragen nach für das Kind wichtigen Aktivitäten, Orten und Dingen gestellt. Diese Kinderzeichnungen haben eine erzählgenerierende Funktion und stellen zusätzliches Datenmaterial dar, welches die Analysen bereichert. Im zweiten Interview füllen die Kinder eine qualitative egozentrische Netzwerkkarte aus, in der die Menschen (und Haustiere), die für das Wohlbefinden der Kinder wichtig sind, besprochen werden. Es wird auch ein kurzer strukturierter Fragebogen „Über dich“ durchgeführt (Geburtsort des Kindes und der Eltern, zuhause gesprochene Sprache, Religionszugehörigkeit und Beruf der Eltern), und es werden Feldnotizen erstellt, um sozialräumliche und kulturelle Beobachtungen und parasprachliche Äußerungen zu erfassen.

In Feldphase II wird den in Feldphase I herausgearbeiteten Aspekten und Themen in Fokusgruppen weiterführend nachgegangen, in denen die Kinder intensiver zentral bedeutsame Dimensionen des subjektiven Wohlbefindens diskutieren. Damit zielen die Fokusgruppen darauf, die Sichtweise, Relevanzsysteme und Auffassungen der Kinder weiterführend zu analysieren, indem sie in den Fokusgruppen zur Sprache bringen, was ihnen wichtig ist (Fattore et al. 2021; Flick 2010). Je nachdem, wie viele zentrale Orientierungen aus den Interviews und Zeichnungen analytisch herausgearbeitet werden, sind sechs bis zehn Fokusgruppen vorgesehen. Mit dieser Anzahl ist gewährleistet, dass unterschiedliche Orientierungen vertieft diskutiert und analysiert werden können.

Samplingstrategie

Es wird ein Sample gebildet, das die hohe Diversität von Kindheiten in der Schweiz repräsentiert. Hierfür wird ein kriteriengeleitetes Sampling anhand von Ungleichheitskategorien wie Klasse, Geschlecht, Migration, Behinderung etc. angewendet. Methodologisch Gabriele Rosenthals (2015) Argumentation einer „Entdeckungslogik“ folgend, ist davon auszugehen, dass mindestens 60 Einzelinterviews auszuwerten sind, um diverse Hypothesen am Material zu entwickeln und zu differenzieren sowie zu analytisch substanziellen Aussagen kommen zu können und die Diversität der Kindheiten in der Schweiz abzubilden, Kontrastierungen zu ermöglichen und eine empirische Sättigung zu erreichen.

Auswertungsmethoden: Grounded Theory und bildanalytische Verfahren

Mit den dargestellten Erhebungsmethoden generiert das Projekt unterschiedliche Daten: Interview- und Fokusgruppentranskripte, Kinderzeichnungen, Netzwerke und Beobachtungsprotokolle, die mit der Grounded Theory (Glaser und Strauss 13,14,a, b, 1967) und dem bildanalytischen Verfahren (Bohnsack 2009) ausgewertet werden. Die Grounded Theory als eigene Methodologie ist sowohl theoriegenerierend wie auch gegenstandsbezogen. Hierbei können auch verschiedene Datenmaterialien wie Interviews, Gruppengespräche oder Beobachtungen, die im Projekt verwendet werden, miteinander kombiniert werden (Przyborski und Wohlrab-Sahr 2021, S. 244). Mittels Grounded Theory lassen sich Konzepte entwickeln, die das subjektive Wohlbefinden der Kinder in ihren Narrationen rekonstruieren. Zugleich ermöglicht die Methode internationale Vergleichbarkeit, da sie auch im CUWB-Verbund angewendet wird.

Methodologisch geht es mit der Analyse der Kinderzeichnungen als weitere Art von Selbstzeugnis darum, die nichtsprachlichen Ausdrucksweisen der Kinder ernst zu nehmen. Ausgewertet werden diese mit dem bildanalytischen Verfahren nach Bohnsack (2009), das u. a. von Bakels und Nentwig-Gesemann (2019) auf die Analyse von Kinderzeichnungen übertragen wurde. Auf die formulierende Interpretation mit der vorikonografischen Beschreibung (sichtbare Gegenstände und Phänomene) und der ikonografischen Beschreibung (Interpretation der kommunikativ-generalisierten Motive) folgt die reflektierende Interpretation auf der ikonologischen Ebene (Interpretation der perspektivischen, planimetrischen und szenischen Struktur).

Von essenzieller Bedeutung für die Triangulation der Daten ist die Komparation bzw. komparative Sequenzanalyse (Nohl 2017, S. 35). Sie dient dazu, durch In-Verhältnis-Setzen und Relationierung durch maximale und minimale Kontrastierungen nicht nur innerhalb derselben Datenmaterialien, sondern auch über die Bild- und Textmaterialien hinweg, implizite Regelhaftigkeiten zu identifizieren. Die Ergebnisse aus den komparativen Analysen werden in einem letzten Schritt zur sinngenetischen und soziogenetischen Typenbildung (Nohl 2017, S. 41–47) herangezogen. Dadurch erzeugt das Projekt Befunde, die Aussagen zu Wohlbefindenstypiken gesellschaftlich unterschiedlich positionierter Kindheiten zulassen.

Bedeutsamkeit des Forschungsprojektes

Das Projekt wird die diversen Bedingungen untersuchen, unter denen Kinder in der Schweiz aufwachsen, die Aspekte, die für sie relevant sind, um sich wohlzufühlen, und wie ihre eigenen Perspektiven des Wohlbefindens in die Normen und Werte eingebettet sind, die Gesellschaften als „gute Kindheit“ (Betz et al. 2018) definieren. So analysiert das Projekt, was Wohlbefinden für Kinder, die in der Schweiz aufwachsen, bedeutet und welche positiven und herausfordernden Aspekte ihr tägliches Leben ausmachen und wie das Wohlbefinden mit Kategorien sozialer Ungleichheit zusammenhängt. In dieser Perspektive einen spezifischen Schweizer Beitrag zur internationalen Forschung zu leisten, ist Ziel des Projektes.