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Publizistik

, Volume 55, Issue 4, pp 383–404 | Cite as

Mediale Geschlechterstereotype

Eine ländervergleichende Untersuchung von Tageszeitungen
  • Melanie Magin
  • Birgit Stark
Aufsatz

Zusammenfassung

Die von der dekonstruktivistischen Geschlechterforschung inspirierte Untersuchung will klären, wie Männlichkeit und Weiblichkeit heute in den und durch die Massenmedien konstruiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, inwieweit die Merkmals- und Eigenschaftszuschreibungen an Frauen und Männer in Printmedien stereotyp erfolgen oder ob sich die Rigidität medialer Geschlechterkonstruktionen abschwächt, indem die Berichterstattung beobachtbare Auflösungstendenzen widerspiegelt. Die Studie betritt Neuland, indem sie einerseits Akteure aus sehr unterschiedlichen Themenbereichen erfasst und andererseits auf die Messung von Geschlechterattributen in dichotomisierter Form verzichtet. In der gewählten komparativen Perspektive und mit einem breiten Mediensample werden zudem mögliche Erklärungsfaktoren über die einzelnen Länder hinweg herangezogen. Die Ergebnisse belegen Widersprüche in allen in der Inhaltsanalyse berücksichtigten Ländern (Deutschland, Österreich und Schweiz). Denn einerseits finden sich empirische Belege für geschlechtsgebundene Klischees, andererseits aber auch für deren Auflösung. Um dies erklären zu können, gilt es zukünftig journalistische Selektionsmuster vorzugsweise in einer vergleichenden Langzeitperspektive ins Auge zu fassen.

Schlüsselwörter

Tageszeitung Geschlechtersterotype Inhaltsanalyse Ländervergleich Genderforschung 

Gender stereotypes in the mass media

A comparative study of newspapers

Abstract

News represent gender in a manner that continues the process of the symbolic, social, and cultural construction of gender. In Western countries, masculinity and femininity have traditionally been conceptualized as being polar opposites. Although this dichotomous conception still influences all areas of life, nowadays masculinity and femininity are represented in mass media in a more multifaceted way—despite some stable patterns of construction. Moreover, national cultures differ with respect to single attributes of masculinity and femininity as well as to the degree of stereotyping. To identify national differences as well as transculturally shared patterns of gender stereotypes, we analysed gender representations in three countries: Austria, Germany, and Switzerland. In order to gain representative results, a quantitative content analysis was conducted. The study tries to approach gender representations in an innovative way—not only by considering different national cultures and different types of newspapers, but also by avoiding, due to theoretical considerations of deconstruction, to measure gender attributes in dichotomized form. All in all, the results are ambiguous. On the one hand, gender representation is still in line with traditional gender stereotypes—even in times when role models actually change. On the other hand, some aspects depicted new patterns in press coverage and more multifaceted gender representations. To explain these differences, studies should investigate journalistic patterns of selection regarding gender representations, in particular in a comparative longitudinal perspective.

Keywords

Newspapers Gender stereotypes Content analysis Comparative research Gender research 

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Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010

Authors and Affiliations

  1. 1.Kommission für vergleichende Medien- und KommunikationsforschungÖsterreichische Akademie der WissenschaftenWienÖsterreich

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