Einleitung

Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist ein in der deutschsprachigen Soziologie von Beginn an relevantes Thema. Dabei wird durchaus auch Bezug auf die Familie genommen. Laut Tönnies (1887) etwa kennzeichnet die ländlichen Dörfer die Gemeinschaft, während in der Stadt Gesellschaft vorherrscht. Gerade für das ländliche Zusammenleben sind familiäre Bindungen dabei von großer Bedeutung. In der Stadt aber sind die Beziehungen zwischen den Menschen loser und die Menschen agieren rationaler (Simmel 1995 [1903]). Indem sie den Menschen aus traditionellen Bindungen löst, ermöglicht die Stadt aber auch mehr Entscheidungsfreiheit. Eine dieser Entscheidungen ist die Entscheidung für ein Kind, deren Realisierung im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht.

Dass das städtische Leben die Entwicklung der Familie beeinflusst, demonstrieren die Auswirkungen der zunehmenden Urbanisierung auf den demographischen Wandel (Jaffe 1942; Bocquier und Costa 2015; Sharlin 1986). Aber auch der Geburtenrückgang nach dem Babyboom der 1960er-Jahre vollzog sich zunächst in der Stadt, Hand in Hand mit dem Anstieg des Bildungsniveaus und der Berufstätigkeit der Frauen (z. B. Galloway et al. 1998). So weisen Städte in der Regel bis heute geringere Fertilitätsraten als ländliche Regionen auf (Hank 2002; Kulu und Washbrook 2014). Innerhalb Österreichs kennzeichnen städtische Gemeinden u. a. eine etwas geringere Fertilitätsrate (1,40 versus 1,47), ein höheres durchschnittliches Alter bei der Geburt des ersten Kindes (28,3 versus 27,9) und eine geringere Unehelichenquote (35,5 versus 43,5 %) als ländliche Gemeinden (Daten beziehen sich auf den Durchschnitt 2002–2017; Wisbauer und Klotz 2019). Studien, die sich mit dem Kinderwunsch und dessen Umsetzung beschäftigen, berücksichtigten bislang aber kaum den regionalen Kontext. Der vorliegende Artikel soll diese Forschungslücke ein Stück weit schließen helfen.

Mit unserer Studie tragen wir zur Forschung zur Realisierung von Kinderwünschen bei, indem wir explizit zwischen einer Metropole (dem Großraum Wien), urbanen Regionen und ländlichen Regionen unterscheiden. Zudem lohnt es sich aus zweierlei Gründen, die Situation in Österreich näher zu betrachten. Erstens bezieht sich ein Großteil der existierenden Studien zu Stadt-Land-Unterschieden in der Fertilität auf die nordischen Staaten (Kulu und Washbrook 2014). Zweitens wurde die Realisierung von Kinderwünschen in Österreich wegen fehlender Paneldaten seit Anfang der 1980er-Jahre nicht mehr untersucht (Gisser et al. 1985). Damals wurden allerdings nur junge verheiratete Frauen befragt (Frauen, die 1978 weniger als fünf Jahre verheiratet und zum Zeitpunkt der Eheschließung unter 30 waren). Dabei war ein deutliches Stadt-Land-Gefälle ersichtlich: Frauen in ländlichen Gebieten erfüllten ihre Kinderwünsche eher als Frauen in Wien. Im multiplen Regressionsmodell war der Stadt-Land-Unterschied jedoch deutlich geringer. Die Autoren führten das auf Unterschiede in der Zusammensetzung von Stadt- und Landbevölkerung zurück (v. a. bez. des Berufs des Mannes und der Erwerbsorientierung der Frau).

Die vorliegende Arbeit basiert auf dem „Generations and Gender Survey (GGS)“. Dabei wurden Frauen und Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren 2008/2009 ausführlich zu Partnerschaft und Familie befragt, auch zum Kinderwunsch für die kommenden drei Jahre sowie zum generellen Wunsch, (weitere) Kinder zu bekommen. Dieselben Personen wurden 2012/2013 wieder kontaktiert. Dieser Beitrag fokussiert auf die Realisierung des 2008/2009 geäußerten Wunsches, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind zu bekommen.

Realisierung des Kinderwunsches und regionaler Kontext

Die bisherige Forschung hat gezeigt, dass eine Vielzahl individueller Faktoren (z. B. Alter, Partnerschaft, Anzahl der Kinder (Parität), Bildung) die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung des Kinderwunsches beeinflusst (z. B. Kapitány und Spéder 2012; Régnier-Loilier und Vignoli 2011). Aller bestehenden Unterschiede in der Fertilität zum Trotz wurde der regionale Kontext dabei aber kaum berücksichtigt. Selbst Studien, die regionale Unterschiede ins Auge fassten (Mencarini et al. 2015; Rinesi et al. 2011; Kuhnt und Trappe 2016), enthielten keine systematischen Stadt-Land-Vergleiche oder befassten sich nicht explizit mit Großstädten. So unterschieden Mencarini et al. (2015) zwischen großen, mittleren und kleinen Gemeinden. Riederer und Buber-Ennser (2019) fokussierten zwar auf Stadt-Land-Unterschiede, analysierten jedoch zum einen Daten von elf europäischen Ländern gemeinsam und differenzierten zum anderen nicht zwischen größeren und kleineren Städten.

Während biologische Ansätze zur Umsetzung des Kinderwunsches primär auf die Fruchtbarkeit eingehen, thematisieren makrosoziologische Theorien und die Thesen des demographischen Übergangs (van de Kaa 1987; Lesthaeghe 1995) die wirtschaftliche Entwicklung, verbesserte Lebensbedingungen und den Wertewandel (Individualisierung, Emanzipation etc.), die sich auf den Wunsch, (viele) Kinder zu bekommen, auswirken (vgl. Neuwirth et al. 2011). Theorien zu Motiven, Kinder zu bekommen (z. B. Value of Children, siehe Nauck 2001), oder zur Entstehung des Kinderwunsches (z. B. Theory of Planned Behaviour, siehe Ajzen und Klobas 2013), behandeln nur eingeschränkt regionale Aspekte.Footnote 1 Sie konzentrieren sich auf Unterschiede zwischen Nationalstaaten, besprechen Einflüsse auf den Kinderwunsch, nicht aber auf dessen Realisierung, oder erwähnen situative Einflüsse und Umweltfaktoren, ohne deren genaue Wirkung zu spezifizieren. Ansatzpunkte zur Rolle des regionalen Umfelds für die Umsetzung des Kinderwunsches bieten eher Theorien zu Stadt-Land-Unterschieden in der Fertilität.

Eine frühe Erklärung für eine geringere Fertilität in Städten kann man bei Michael T. Sadler (1780–1835) oder Herbert Spencer (1820–1903) finden, die eine größere Bevölkerungsdichte mit geringerer Fruchtbarkeit assoziierten (vgl. Ferdinand 1999, S. 104; Neuwirth et al. 2011, S. 14). In der Literatur werden aktuell verschiedene Erklärungen für Fertilitätsunterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen angeführt, die vor allem regionale Opportunitätsstrukturen, soziale Normen sowie die unterschiedliche Bevölkerungszusammensetzung als zentral betrachten (Hank 2002; Trovato und Grindstaff 1980). Letztere ist allerdings häufig nicht von den ersten beiden zu trennen, da sich auch die Bevölkerungszusammensetzung zum Teil aus den Opportunitäten und durch Gruppen mit unterschiedlichen Werthaltungen und Einstellungen ergibt.Footnote 2 Hinzu kommt unserer Ansicht nach jedoch ein weiterer Aspekt, der für die Realisierung bestehender Kinderwünsche hochrelevant sein könnte: Wenn im Zuge steigender Anforderungen an Eltern die persönliche Frage, ob man für Kinder bereit ist, zum Thema wird, gewinnt auch die Frage nach einem für Kinder geeigneten Wohnumfeld an Bedeutung (Buber-Ennser und Fliegenschnee 2013; Riederer 2018).

Opportunitäten werden in verschiedensten sozioökonomischen und soziologischen Theorien zum Geburtenrückgang erwähnt, die diesen mit veränderten Rahmenbedingungen und konkurrierenden (biographischen) Alternativen erklären (vgl. Neuwirth et al. 2011). Sie spielen z. B. in der bekannten „biographischen Fertilitätstheorie“ von Herwig Birg eine große Rolle (Birg et al. 1991). Entscheidungen mit langfristigen Folgen, wie die Geburt eines Kindes, führen zu einer Einschränkung der weiteren Optionen (und daher zu biographischen Opportunitätskosten). Ein Aufschub des Kinderwunsches oder gar dessen Aufgabe können die Folge sein. Variierende Opportunitätskosten können zudem auch regionale Unterschiede erklären (Birg und Flöthmann 1990).

Gerade bildungs- und berufsspezifische Möglichkeiten sind relevant für die Realisierung des Kinderwunsches, da sie zu einem Aufschub der Realisierung oder womöglich zu einer Aufgabe des ursprünglichen Kinderwunsches führen können. Städte bieten in der Regel mehr bildungs- und berufsspezifische Möglichkeiten als ländliche Regionen. Das gilt innerhalb Österreichs insbesondere für Wien. Die Hauptstadt kennzeichnen im Vergleich zu Österreich insgesamt deutlich höhere Anteile an Studierenden sowie Personen mit tertiärem Bildungsabschluss oder Beschäftigung im Wissenschafts- und Technologiesektor wie auch ein größerer Dienstleistungssektor (Statistik Austria 2019a).

Die Realisierung von Kinderwünschen betreffend werden Opportunitätsstrukturen zudem stark von der Familienpolitik mitbestimmt. Österreichs Familienpolitik charakterisierte lange Zeit das hohe Niveau an finanzieller Unterstützung für Familien (Ferrarini 2006; Korpi 2000). In den letzten Jahrzehnten wurden zusätzlich Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingeführt. Diese betrafen vor allem den Ausbau der Kinderbetreuung für Vorschulkinder (Blum et al. 2014). Gerade bei der Betreuung der Jüngsten (unter 3 Jahre) unterscheidet sich Wien jedoch von anderen Regionen Österreichs und weist deutlich höhere Betreuungsquoten auf (Statistik Austria 2019b). Verfügbare Kinderbetreuung sollte Opportunitätskosten senken, dadurch die Umsetzung des Kinderwunsches erleichtern und dem aufschiebenden Effekt größerer beruflicher Möglichkeiten entgegenwirken.

Was Normen und Werte betrifft, ist zunächst anzumerken, dass in Österreich – wie in den meisten europäischen Ländern – das Ideal der Zwei-Kind-Familie dominiert (Sobotka und Beaujouan 2014; Riederer 2005). Für den Großteil der Menschen in Österreich gehören Kinder zu einer gelungenen Partnerschaft (Berghammer und Schmidt 2019) und einem geglückten Leben (Berghammer et al. 2019). Trotz einer generellen Annäherung in den letzten drei Jahrzehnten bestehen zudem weiterhin in ländlichen Regionen und Kleinstädten traditionellere Einstellungen als in größeren Städten (Beham-Rabanser et al. 2019). Auch die Meinung, dass Kinder notwendig für ein erfülltes Leben sind, wird in ländlichen Regionen öfter vertreten als in städtischen (Riederer und Buber-Ennser 2019). Da in ländlichen Regionen traditionellere Ansichten zur Familie häufiger sind, könnte die Elternschaft als Teil der Lebensplanung für Personen im ländlichen Raum wichtiger sein. Dies könnte zu einer höheren Realisierung von Kinderwünschen am Land führen.

Zu Unterschieden zwischen Stadt und Land könnten auch Unterschiede in der Religiosität der Bevölkerung beitragen. Obwohl in Österreich – wie in anderen westeuropäischen Ländern – die Religiosität abnimmt, ist Religion ein relevanter Faktor im Geburtsverhalten und bei der Gestaltung von Lebensverläufen (Goujon et al. 2007; Berghammer 2012). Ideale und gewünschte Kinderzahl sind unter religiösen Menschen höher als bei Personen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören (Philipov und Berghammer 2007). Die Daten des Generations and Gender Surveys zeigen eindeutige Unterschiede in der Teilnahme an religiösen Zusammenkünften: Während nur rund 17 bis 20 % der 18–45-Jährigen im Großraum Wien oder anderen urbanen Regionen monatlich oder öfter Gottesdienste, das Freitagsgebet in einer Moschee o. Ä. besuchen, sind es im ländlichen Raum 30 % (eigene Berechnungen). Schließlich gibt es markante Unterschiede nach Religionszugehörigkeit, mit höheren Kinderzahlen unter Frauen muslimischen Glaubens und niedrigeren Kinderzahlen unter konfessionslosen Frauen (Prskawetz et al. 2008; Sobotka und Zeman 2015). In Wien ist jedoch nicht nur der Anteil der muslimischen Frauen höher als im Rest des Landes, sondern auch jener der konfessionslosen (Goujon et al. 2017).

Die österreichische Gesellschaft ist durch Zuwanderung geprägt. Aktuell sind rund 20 % der in Österreich lebenden Menschen im Ausland geboren (Riederer et al. 2020). Der Anteil an Immigrantinnen ist in urbanen Zentren wesentlich höher als im ländlichen Raum (Wisbauer und Klotz 2019). Neben Gruppen mit höherer Fertilität (z. B. Frauen aus Syrien oder der Türkei) finden sich jedoch auch solche mit geringer Fertilität (z. B. Frauen aus Deutschland oder Ungarn) (Zeman et al. 2019). Ein höherer Anteil an ImmigrantInnen muss deshalb nicht zwingend zu höherer Realisierung beitragen. Gerade in Wien ist die migrantische Bevölkerung sowohl in Bezug auf die Herkunft als auch die berufliche Positionierung sehr heterogen (24 % in Führungspositionen oder akademischen Berufen, aber auch 19 % HilfsarbeiterInnen) (Riederer et al. 2019, S. 3).

Ein kindgerechtes Umfeld wird als wesentliche Voraussetzung für die „verantwortete Elternschaft“ (Kaufmann 1990) angesehen. In diesem Zusammenhang wird die Wohnsituation – insbesondere Wohneigentum und Wohnfläche – mit Familiengründung und Familienerweiterung assoziiert (Vignoli et al. 2013; Mulder 2006). Wien kennzeichnet innerhalb Österreichs ein besonders hoher Anteil an Mietwohnungen. Wohneigentum korreliert in Österreich stark mit der Gemeindegröße, und die durchschnittliche Wohnfläche pro Person ist im Hauseigentum größer als im Wohnungseigentum oder in Gemeindewohnungen. Hinzu kommt, dass Mietpreise in der Stadt in der Regel höher sind als am Land (Statistik Austria 2018). Eine damit verbundene Frage ist, ob man sich Kinder leisten kann. Es zeigt sich, dass der Anteil an Menschen, die finanzielle Probleme angeben, im Großraum Wien höher ist als in den übrigen Teilen des Landes. Die Nachbarschaft und die Umweltqualität sind weitere wichtige Faktoren eines kindgerechten Umfelds. Größere Gemeinden kennzeichnen eine höhere Belastung durch Lärm, Luft- und Umweltverschmutzung sowie ein häufigeres Auftreten von Kriminalität und Vandalismus (Statistik Austria 2018). Ländliche Regionen könnten daher häufiger als kindgerechtFootnote 3 angesehen werden.

Aufgrund der oben beschriebenen Zusammenhänge und Unterschiede nehmen wir an, dass bestehende Kinderwünsche in Städten – und im Besonderen in Wien – weniger oft realisiert werden als in ländlichen Gebieten. Abgesehen von der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen sprechen sämtliche besprochenen Faktoren (u. a. Werte und Normen) für diese Hypothese. Städte bieten ihren BewohnerInnen mehr Möglichkeiten, die mit einer Familiengründung konkurrieren (v. a. bildungs- und berufsbezogene Optionen), und ein mancherorts für Kinder weniger geeignetes Umfeld (z. B. Wohnqualität, Sicherheit). In Österreich könnte sich das vor allem im Vergleich der Metropole Wien mit ländlichen Gebieten zeigen.

Daten, Variablen und Analysestrategie

Die vorliegende Arbeit verwendet Paneldaten des „Generations and Gender Surveys (GGS)“ mit detaillierten Angaben zu Familiengründung und Fertilität (Vikat et al. 2007). In Österreich wurden bisher zwei Befragungswellen durchgeführt, nämlich 2008/2009 und 2012/2013. Die Erstbefragung ist repräsentativ für die österreichische Bevölkerung zwischen 18 und 45 Jahren in Bezug auf Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus, Geburtsland, Lebensformen und Kinderzahl (Buber 2010). In der Wiederbefragung nahmen knapp acht von zehn Befragten wieder teil. Die zweite Welle ist in Bezug auf traditionelle Einstellungen, Bildung und Geburtsland leicht verzerrt, eine markante Selektivität ist aber nicht gegeben (Buber-Ennser 2014).

Unterschiede in der regionalen Fertilität können aus drei Gründen zustande kommen: a) weil Personen mit Kinderwunsch am Land stärker vertreten sind als in der Stadt, b) weil Personen mit Kinderwunsch diesen in ländlichen Regionen häufiger realisieren als im städtischen Umfeld, oder c) weil ein Teil der StadtbewohnerInnen mit starkem Kinderwunsch und/oder hohem Umsetzungswillen in ländliche Regionen umzieht, weil sie diese als kindgerechter ansehen. Um Möglichkeit a) nachzugehen, betrachten wir zunächst den Kinderwunsch zum Zeitpunkt der ersten Erhebung. Möglichkeit b) steht danach im Fokus der vorliegenden Studie. Eine aussagekräftige Analyse zur Möglichkeit c) war hingegen aufgrund der geringen Fallzahl der Wohnortwechsel im Sample nicht möglich und bedarf einer Panel-Befragung über einen längeren Zeitraum.

Der Kinderwunsch ist unsere Ausgangsvariable und basiert auf drei Fragen, die in beiden Erhebungswellen gestellt wurden, nämlich 1) „Möchten Sie selbst jetzt ein (weiteres) Kind?“ (ja, nein, weiß nicht), 2) „Haben Sie vor, in den nächsten drei Jahren ein Kind zu bekommen?“ (ganz sicher nicht, wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich ja, ganz sicher ja) und 3) „Nehmen wir einmal an, Sie würden in den nächsten drei Jahren kein Kind bekommen, möchten Sie denn überhaupt ein Kind bzw. noch weitere Kinder?“ (ganz sicher nicht, wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich ja, ganz sicher ja). Daraus generierten wir die Variable „Kinderwunsch“ mit folgenden Ausprägungen: 1) ein Kind innerhalb der nächsten drei Jahre, 2) später Kinder und 3) keine Kinder (mehr).Footnote 4 Es sei erwähnt, dass die oben genannten Fragen nicht an Frauen und Männer gestellt wurden, die zum Zeitpunkt der Befragung ein Kind erwarteten. Auch Personen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Männer mit Partnerinnen über 50 Jahren und Personen, die angaben, unfruchtbar zu sein, wurden nicht zu ihren Kinderwünschen befragt. Aufgrund geringer Fallzahlen und großer Unsicherheit beim Kinderwunsch unter den Personen im Alter von 18 bis 20 Jahren, fokussieren wir auf Männer und Frauen im Alter zwischen 21 und 45.

Für die Realisierung des Kinderwunsches wurde das Geburtsverhalten zwischen Erst- und Zweitbefragung betrachtet. Dabei beschränken wir uns auf jene, die in der ersten Welle angaben, sich innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind zu wünschen. Bekamen Personen bis zur Zweitbefragung ein Kind oder erwarteten sie eines, so sprechen wir von „Realisierung des Kinderwunsches“.Footnote 5 Waren sie zwischenzeitlich nicht Eltern eines Neugeborenen geworden, so unterscheiden wir weiter – in Anlehnung an frühere Studien (Spéder und Kapitány 2009; Kapitány und Spéder 2012) – in Aufschieben und Aufgeben des Kinderwunsches, falls in der Zweitbefragung ein oder kein weiterer Kinderwunsch geäußert wurde.

In der vorliegenden Studie ist der regionale Kontext der wichtigste erklärende Faktor, wobei wir zwischen 1) dem Großraum Wien, 2) urbanen Regionen und 3) ländlichen Regionen unterscheiden. Mit dem Begriff „Großraum Wien“ bezeichnen wir Wien und das Wiener Umland. Letzteres beinhaltet im Norden die Bezirke Korneuburg, Tulln und Teile der Bezirke Gänserndorf, Mistelbach und Wien-Umgebung und im Süden die Bezirke Bruck an der Leitha, Baden und Mödling sowie Teile des Bezirks Wien-Umgebung (Statistik Austria 2015). Die Unterscheidung in urbane und ländliche Regionen beruht auf der regionalen Typologie der OECD (2011), die zwischen Regionen mit hoher, mittlerer und niedriger Bevölkerungsdichte unterscheidet. Als urbane Regionen bezeichnen wir Orte mit hoher oder mittlerer Bevölkerungsdichte außerhalb des Großraums Wien (z. B. Linz, Graz, Salzburg, Innsbruck). Ländliche Regionen sind Orte mit niedriger Bevölkerungsdichte (weniger als 150 Einwohner pro km2). Diese Dreiteilung dichotomisieren wir für manche Analysen („Großraum Wien“ versus „andere Regionen“).

Verschiedene sozio-demographische und ökonomische Charakteristika haben sich als bedeutend für die Realisierung von Kinderwünschen erwiesen (Spéder und Kapitány 2009, 2014; Régnier-Loilier und Vignoli 2011). Folgende Größen werden als Kovariate in unsere Analysen einbezogen, wobei sich die Angaben auf die Welle 1 beziehen: a) Geschlecht; b) Alter (21–24, 25–34, 35–45 Jahre); c) Partnerschaftsstatus (verheiratet, unverheiratet zusammenlebend, „living apart together“ (LAT), partnerlos); d) Elternschaft (kinderlos, 1 Kind, 2 Kinder, 3 oder mehr Kinder); e) höchster Bildungsabschluss (Primär- oder Sekundärbildung, tertiäre Bildung); f) ökonomische Lage (Situation (sehr) schwierig, Situation ok, Situation (sehr) gut). Zudem berücksichtigen wir: g) Einstellung zur Elternschaft (Kind(er) notwendig für ein erfülltes Leben, weder/noch, Kind(er) nicht notwendig für ein erfülltes Leben); h) Geburtsland (Österreich, anderes Land); i) die Beeinflussung der Fertilitätsentscheidung durch die Wohnverhältnisse (keineswegs, etwas, stark);Footnote 6 j) Religiosität, gemessen an der Häufigkeit des Kirchgangs oder der Teilnahme am Freitagsgebet in der Moschee o. Ä.Footnote 7 (nie, weniger als einmal im Monat, einmal im Monat oder öfter).

Eine Berücksichtigung dieser Kovariate ist aus zumindest zwei Gründen relevant. Neben der Bedeutung, die diese persönlichen Merkmale für die Umsetzung des Kinderwunsches haben, ist vor allem wesentlich, dass die unterschiedliche Zusammensetzung der regionalen Bevölkerungen nach diesen Merkmalen entscheidend zu Stadt-Land-Unterschieden in der Realisierung beitragen dürfte. Unterschiede in diesen Variablen – z. B. in der Religiosität, dem Kindern zugeordneten Stellenwert, dem Partnerschaftsstatus, der Bildung oder dem Alter der Bevölkerungen mit Kinderwunsch – sollten daher Stadt-Land-Unterschiede in der Realisierung des Kinderwunsches zumindest miterklären können. Solche Kompositionseffekte ergeben sich etwa dann, wenn die Landbevölkerung religiöser ist und die Notwendigkeit der Elternschaft für ein geglücktes Leben stärker betont, und es deshalb zu höherer Realisierung in ländlichen Regionen als in urbanen Regionen kommt. Auch ein höherer Anteil an partnerlosen Personen in der Stadt könnte dazu beitragen, dass die Realisierung geringer ist als am Land. Tatsächlich nehmen in unserem Analysesample (Tab. 1) Menschen aus ländlichen Regionen regelmäßiger an religiösen Zeremonien teil. Sie sehen Kinder auch häufiger als Notwendigkeit an. Der Anteil der Partnerlosen an den Personen, die sich ein Kind wünschen, ist hingegen in Wien am höchsten. Zum Aufschub des Kinderwunsches dürfte zudem beitragen, dass in Wien und anderen urbanen Regionen der Anteil an Personen mit tertiärer Bildung höher ist als in ländlichen Regionen. Zu einer häufigeren Aufgabe des Kinderwunsches in Wien könnte das im Vergleich zu den anderen Regionen höhere Alter der Personen mit Kinderwunsch führen.

Tab. 1 Charakteristika des Analysesamples nach Region

Zweitens dürfte es zu interessanten Stadt-Land-Unterschieden bei den Kovariaten kommen. Es ist durchaus plausibel, dass die Wohnsituation vor allem in urbanen Regionen eine Rolle bei der Umsetzung vorhandener Kinderwünsche spielt. Auch die Bildung könnte in der Stadt, die höher Gebildeten andere Optionen bietet als ländliche Regionen, von größerer Bedeutung sein. Allerdings sind nicht nur die Opportunitätskosten in der Stadt höher. Bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten erlauben möglicherweise erst die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Man könnte auch so weit gehen, zu spekulieren, dass das Alter, die Ehe und die Elternschaft am Land von größerer Relevanz für die Realisierung sind als in der Stadt, wo die späte Elternschaft, unverheiratet zusammenlebende Paare und kinderlose Frauen und Männer womöglich stärker akzeptiert werden. Tab. 1 bestätigt zumindest, dass die Wohnsituation in der Stadt und dabei vor allem im Großraum Wien häufiger als Hindernis für den Kinderwunsch angesehen wird als in ländlichen Regionen.Footnote 8

Im empirischen Teil geben wir einleitend den Kinderwunsch bei der Erstbefragung an (3406 Personen zwischen 21 und 45 Jahren). Das Hauptaugenmerk dieser Studie liegt jedoch auf der Realisierung des Drei-Jahres-Kinderwunsches. Dafür untersuchen wir jene 943 Männer und Frauen, die in beiden Erhebungswellen teilnahmen und in der ersten Welle angaben, sich innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind zu wünschen. Zum Zeitpunkt der Erstbefragung lebten 236 dieser Personen im Großraum Wien, 344 in anderen urbanen Regionen Österreichs und 363 in ländlichen Regionen. Aufgrund von fehlenden Angaben in den unabhängigen Variablen (z. B. Einstellungen zur Elternschaft) ist das Sample für die Regressionsmodelle etwas kleiner (N = 917).

Die Analyse des Kinderwunsches erfolgt in mehreren Schritten: Zuerst werden deskriptive Ergebnisse gezeigt. In einem zweiten Schritt werden binäre und multinomiale logistische Regressionen gerechnet. Dabei werden regionale Unterschiede bei der Verwirklichung des Kinderwunsches zunehmend detaillierter betrachtet. Die erste Modellvariante unterscheidet zwischen dem Großraum Wien und anderen Regionen und untersucht, ob der Kinderwunsch realisiert wurde oder nicht (binär). In der zweiten Variante wird zwischen Realisierung, Aufschub und Aufgabe des Kinderwunsches unterschieden (multinomial). In der dritten Variante wird zusätzlich zwischen urbanen und ländlichen Regionen differenziert. Ein Ausgangsmodell M1 beinhaltet jeweils nur die Region als erklärende Variable, ein erweitertes Modell M2 inkludiert die zuvor angegebenen Kovariaten.Footnote 9 Um zu zeigen, ob die Hinzunahme von Kovariaten die Unterschiede zwischen dem Großraum Wien und den anderen Regionen ändert, wenden wir die von Karlson et al. (2012) entwickelte Methode an (KHB-Test).Footnote 10 Falls dies zutrifft, kann angenommen werden, dass regionale Unterschiede in den zusätzlich aufgenommenen Variablen für regionale Unterschiede bei der Realisierung des Kinderwunsches verantwortlich sind. Von paritätsspezifischen Analysen wurde (mit Ausnahme der deskriptiven Analysen des Kinderwunsches) abgesehen, da nach Parität differenzierte Regressionsmodelle zur Analyse der Realisierung bestehender Kinderwünsche aufgrund der geringen Fallzahlen innerhalb der Regionen nicht geschätzt werden können. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch auf regionalen und nicht auf paritätsspezifischen Unterschieden.

Abschließend erörtern wir die Effekte verschiedener sozio-demographischer und ökonomischer Charakteristika sowie von Einstellungen und Werten. Dafür wird zum einen das Modell für das gesamte Sample herangezogen und zwischen Realisierung, Aufschub und Aufgabe des Kinderwunsches unterschieden. Zum anderen werden separate Regressionsmodelle für den Großraum Wien, urbane Regionen und ländliche Regionen geschätzt, die aufgrund der geringeren Fallzahlen nur zwischen Realisierung und Nicht-Realisierung differenzieren. Anhand der von Hoetker (2007) vorgeschlagenen Methode testen wir, ob die berücksichtigten Charakteristika in allen Regionen dieselben Effekte auf die Verwirklichung des Kinderwunsches haben.

In den binären und multinomialen logistischen Regressionsmodellen werden sogenannte „average marginal effects (AMEs)“ berechnet. Sie geben den durchschnittlichen Einfluss einer Variable auf die Wahrscheinlichkeit einer Realisierung (bzw. eines Aufschubs oder einer Aufgabe) des Kinderwunsches an. Der Vorteil von AMEs ist die Vergleichbarkeit über verschiedene Modelle hinweg (vgl. Best und Wolf 2012). Positive Koeffizienten zeigen an, dass die entsprechende Gruppe öfter den Kinderwunsch realisierte (bzw. aufschob oder aufgab), negative Koeffizienten stehen für seltenere Realisierung (bzw. Aufschub oder Aufgabe).

Empirische Befunde

Kinderwünsche

Drei von zehn Männern und Frauen wünschten sich 2008/2009 innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind, zwei von zehn wollten später ein (weiteres) Kind und die Hälfte wollte keine (weiteren) Kinder mehr. Regionale Unterschiede erweisen sich als gering: Im Großraum Wien wünschten sich 30 % innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind, in den urbanen Regionen 29 % und in ländlichen Regionen 27 % (Abb. 1). Zwischen 21 und 22 % wollten später ein Kind bzw. weitere Kinder. Folglich hatten ähnlich viele die Familienplanung auch bereits abgeschlossen (48 bis 51 %). Der Wunsch nach einem Kind in der nahen Zukunft war in den drei regionalen Räumen unter Kinderlosen und Eltern ähnlich häufig (rund 40 bis 42 % bzw. 18 bis 20 %).

Abb. 1
figure 1

Kinderwunsch in der Erstbefragung. (Der „Großraum Wien“ umfasst Wien und das Wiener Umland (die Bezirke Korneuburg, Tulln, Bruck an der Leitha, Baden und Mödling sowie Teile der Bezirke Gänserndorf, Mistelbach und Wien-Umgebung (Statistik Austria 2015). Als urbane Regionen werden Orte mit hoher oder mittlerer Bevölkerungsdichte außerhalb des Großraums Wien bezeichnet (z. B. Linz, Graz, Salzburg, Innsbruck). Ländliche Regionen sind Orte mit niedriger Bevölkerungsdichte (weniger als 150 Einwohner pro km2). Quelle: GGS Welle 1; N = 3406 Männer und Frauen im Alter von 21–45 Jahren. Gewichtete Werte)

Verwirklichung des Drei-Jahres-Kinderwunsches

Österreichweit verwirklichten vier von zehn ihren Drei-Jahres-Kinderwunsch (Abb. 2). Ebenfalls vier von zehn schoben ihren Kinderwunsch auf und wünschten sich weiter ein Kind, während zwei von zehn ihren Kinderwunsch aufgegeben hatten und sich kein (weiteres) Kind mehr wünschten. Die Realisierung kurzfristiger Kinderwünsche variiert regional: Im Großraum Wien verwirklichte ein Drittel den Drei-Jahres-Kinderwunsch, in den anderen Regionen waren es mit jeweils über 40 % deutlich mehr. Die Familiengründung bzw. -erweiterung wurde im Großraum Wien dafür etwas häufiger verschoben (45 gegenüber 41 und 42 %) und mit 23 % deutlich öfter aufgegeben als in anderen urbanen und in ländlichen Regionen, wo 18 bzw. 15 % bei der Wiederbefragung kein (weiteres) Kind mehr wollten (Abb. 2).

Abb. 2
figure 2

Realisierung des Drei-Jahres-Kinderwunsches nach Region. (Für Definitionen des Großraums Wien, der urbanen und ländlichen Regionen siehe Abb. 1. Quelle: GGS Welle 1 und 2; N = 943 Panelbefragte, die zum Zeitpunkt der ersten Erhebung binnen drei Jahre ein Kind haben wollten. Gewichtete Werte)

Statistische Tests belegen unsere deskriptiven Befunde: Die signifikanten Ergebnisse in den Ausgangsmodellen in Tab. 2 sprechen dafür, dass der Kinderwunsch im Großraum Wien seltener realisiert wurde als in anderen Regionen Österreichs (Panel a, M1) und dass Männer und Frauen im Großraum Wien ihren Kinderwunsch öfter aufgegeben haben als jene in den anderen Regionen Österreichs (Panel b, M2). Zudem besteht vor allem ein Unterschied zwischen dem Großraum Wien und den anderen, urbanen wie ländlichen Regionen (Panel c, M1 und M2).

Tab. 2 Regionale Unterschiede bei Verwirklichung, Aufschub und Aufgabe des Kinderwunsches (average marginal effects)

Werden sozioökonomische Charakteristika miteinbezogen, so unterscheiden sich Personen im Großraum Wien nicht mehr signifikant von jenen in urbanen oder ländlichen Regionen: KHB-Tests bestätigen, dass die geschätzten Unterschiede zwischen den Regionen unabhängig von der Modellspezifikation in Modell M2 kleiner sind als in Modell M1 (siehe Tab. 2, Panels a, b und c). Konkret zeigt sich in den KHB-Tests (Panels b und c), dass die in Modell M2 einbezogenen Charakteristika den im Großraum Wien häufigeren Aufschub erklären können, nicht aber Unterschiede bei der Aufgabe des Kinderwunsches. Somit ist die im Großraum Wien niedrigere Realisierungswahrscheinlichkeit zumindest zum Teil auf eine unterschiedliche Zusammensetzung der Populationen, d. h. Unterschiede in sozio-demographischen und ökonomischen Charakteristika sowie Wertvorstellungen zwischen den Menschen am Land und in der Stadt zurückzuführen.

Regionale Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Realisierung

Erwartungsgemäß sind Alter, Partnerschaft und Parität wesentlich für die Realisierung von Drei-Jahres-Kinderwünschen (Tab. 3). Das gilt gleichermaßen für den Großraum Wien, urbane und ländliche Regionen. Im fortgeschrittenen reproduktiven Alter werden Kinderwünsche seltener realisiert. Personen in LAT-Partnerschaften realisierten zudem weniger oft ihre Kinderwünsche als Männer und Frauen, die zusammenlebten. Interessanterweise zeigen sich keine Unterschiede nach dem Familienstand: Unverheiratet Zusammenlebende realisierten ihren Kinderwunsch in gleichem Ausmaß wie Verheiratete. Wenig überraschend haben Personen, die in der Erstbefragung partnerlos waren und sich innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind wünschten, selten ihren Kinderwunsch realisiert. Auch die (bisherige) Anzahl der Kinder war von Bedeutung: Im Durchschnitt haben Personen mit einem Kind ihre Kinderwünsche öfter realisiert als etwa Kinderlose. Weiterführende Analysen weisen darauf hin, dass das auf eine höhere Realisierung von Frauen zurückzuführen sein könnte, die in der Erstbefragung ein Kind hatten und mit diesem Kind in Karenz waren. Mit der Realisierung ihres Kinderwunsches hatten sie somit zwei Kinder im Abstand von drei bis fünf Jahren.Footnote 11 Eltern mit zwei oder mehr Kindern hatten ihre gewünschte Familienerweiterung öfters bereits aufgegeben.

Tab. 3 Einflussfaktoren der Verwirklichung, des Aufschubs und der Aufgabe des Kinderwunsches (average marginal effects)

Auch die Bildung erweist sich als relevant. Personen mit tertiärer Bildung gaben Kinderwünsche seltener auf als Personen mit Primär- oder Sekundarbildung (Tab. 3). Darüber hinaus kommt es zu signifikanten regionalen Unterschieden: In Wien realisierten höher Gebildete ihren Kinderwunsch öfter als Personen ohne tertiären Bildungsabschluss (Tab. 4). Auch in urbanen Regionen ist dieser Zusammenhang zu erkennen, er ist jedoch statistisch nicht signifikant. Im ländlichen Raum ist höhere Bildung hingegen nicht mit einer größeren Realisierungschance verbunden.

Tab. 4 Realisierung des Kinderwunsches nach Region (average marginal effects)

Bezüglich finanzieller Einschränkungen zeigt sich, dass in Österreich eine gute ökonomische Situation mit einer häufigeren Realisierung des Kinderwunsches assoziiert ist. Bei finanziellen Problemen wird der Kinderwunsch vermehrt aufgeschoben. Dies scheint vor allem auf dem Land zuzutreffen (Tab. 4). Der Unterschied zwischen den Regionen ist jedoch statistisch nicht signifikant.

Familienbezogene Werte und Einstellungen sind ebenfalls relevant. Personen, die Kinder als notwendig für ein erfülltes Leben ansehen, realisierten ihren Kinderwunsch häufiger und gaben ihn im Gegenzug dafür seltener auf. In den separaten Berechnungen für die Regionen ist dieser Effekt nur in den urbanen Regionen deutlich (Graz, Linz, Salzburg etc.) zu erkennen. Dennoch gibt es keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen dem Großraum Wien, den urbanen und den ländlichen Regionen. Zuwanderung oder Religiosität scheinen nur von geringer Bedeutung für Realisierung, Aufschub oder Aufgabe des Kinderwunsches zu sein.

Die separaten Analysen für den Großraum Wien, urbane und ländliche Regionen ergaben zudem, dass die Wohnverhältnisse nur im Großraum Wien mit der Realisierung des Kinderwunsches assoziiert sind. Werden die Wohnverhältnisse stark mit der Entscheidung für oder gegen ein (weiteres) Kind verknüpft, so wirkt sich dies bei den WienerInnen negativ auf die Realisierungswahrscheinlichkeit aus. Auch in urbanen Regionen ist dieser negative Zusammenhang zu erkennen, er ist jedoch statistisch nicht signifikant. Im ländlichen Raum scheinen die Wohnverhältnisse hingegen ein weniger bedeutendes Hindernis für die Verwirklichung des Kinderwunsches darzustellen.

Diskussion

Der vorliegende Aufsatz belegt die Bedeutung des urbanen Raums für die Verwirklichung des Kinderwunsches. Obwohl sich der Drei-Jahres-Kinderwunsch selbst kaum unterschied, war dessen Realisierung im Großraum Wien deutlich geringer als in anderen urbanen oder den ländlichen Regionen. Analysen regionaler Unterschiede im Fertilitätsverhalten beschränkten sich bislang vorrangig auf den Übergang zur Elternschaft, die Geburt eines zweiten Kindes sowie die Zahl geborener Kinder (Bocquier und Costa 2015; Kulu und Washbrook 2014). Unsere Studie zeigt, dass auch bei der Umsetzung des Kinderwunsches das regionale Umfeld relevant ist.

Unterschiede in der Bevölkerungszusammensetzung (Alter, Bildung, Partnerschaftsstatus etc.) konnten erklären, warum Personen in Wien den Kinderwunsch häufiger aufschieben. Dies bestätigt Arbeiten, die die unterschiedliche Bevölkerungsstruktur als zentral für regionale Fertilitätsunterschiede ansehen (Hank 2002; Trovato und Grindstaff 1980). Für das häufigere Aufgeben des Drei-Jahres-Kinderwunsches bestehen aber auch nach Einbeziehung demographischer Charakteristika sowie Wertvorstellungen noch regionale Unterschiede. Dafür könnte die Vielfalt an bildungs- und berufsbezogenen Optionen in Städten verantwortlich sein, die mit einer Familiengründung oder Familienerweiterung konkurrieren.

Nicht zuletzt zeigte sich, dass der formale Bildungsgrad in der Stadt, nicht aber am Land relevant für die Umsetzung des Kinderwunsches ist. Für die höhere Realisierung des Kinderwunsches von tertiär Gebildeten im Großraum Wien könnten die besseren Betreuungsmöglichkeiten für Kinder – insbesondere für die Jüngsten – relevant sein (Blum et al. 2014; Statistik Austria 2019b). Sie sind zentral für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit speziell für die Opportunitätskosten höher gebildeter Frauen.

Auch die Wohnverhältnisse erwiesen sich vor allem als wesentlich für die Realisierung im Großraum Wien. Unsere Ergebnisse befinden sich damit nicht nur in Einklang mit der Literatur zur Relevanz des Wohnumfelds für Familiengründungen (z. B. Vignoli et al. 2013), sondern weisen darüber hinaus auch auf die besondere Bedeutung des Wohnumfelds im städtischen Raum hin. Zukünftige Studien sollten die unterschiedliche Wohnsituation im städtischen und ländlichen Raum in Österreich (Statistik Austria 2018) noch detaillierter berücksichtigen.

Eine Longitudinalstudie zur Fertilität wurde in Österreich bisher erst einmal durchgeführt (1978 und 1983; vgl. Gisser et al. 1985). Die Gruppe der jungen verheirateten Frauen, die sich in der Erstbefragung ein Kind gewünscht und die bis zur Wiederbefragung eines bekommen hatten, umfasste damals rund 40 %. Eine Einschränkung der GGS-Paneldaten der Jahre 2008/2009 und 2012/2013 auf eine ähnliche Vergleichsgruppe (i.e. Frauen, die weniger als fünf Jahre mit ihrem Partner zusammenlebten und zum Zeitpunkt des Zusammenziehens oder der Heirat unter 30 waren) zeigt, dass die Gruppe „Kind gewünscht und bekommen“ damals wie heute annähernd gleich groß war (Buber-Ennser und Gisser 2013). In der Studie in den 1980er-Jahren war ein deutliches Stadt-Land-Gefälle ersichtlich. Frauen in ländlichen Gebieten erfüllten ihre Kinderwünsche eher als Frauen im Kernraum Wien. Dafür mitverantwortlich war, dass der Beruf des Mannes und die Berufsorientierung der Frau sich zwischen Wien und den ländlichen Regionen deutlich unterschieden: Frauen von Landwirten hatten ihre Kinderwünsche „übererfüllt“ (hatten bei der Wiederbefragung mehr Kinder als in der Erstbefragung gewollt), berufsorientierte Frauen hatten sie „untererfüllt“ (hatten bei der Wiederbefragung weniger Kinder als in der Erstbefragung gewollt) (siehe Gisser et al. 1985, S. 86). Unsere Studie zeigt nun, dass regionale Unterschiede bei der Realisierung des Kinderwunsches drei Jahrzehnte später nach wie vor bestehen, obwohl der landwirtschaftliche Sektor inzwischen stark an Bedeutung verloren hat (Statistik Austria 2019a).

Das Kinderkriegen verläuft freilich nicht immer intentional. Zudem ändern Individuen und Paare ihre Kinderwünsche im Zeitverlauf (Hayford 2009; Iacovou und Tavares 2011). Unter den Personen, die 2008/2009 angaben, erst später Kinder zu wollen, hatten 9 % bis zur Zweitbefragung – und somit früher als in der Erstbefragung angegeben – ein Kind bekommen. Dies war in ländlichen und urbanen Regionen häufiger als im Großraum Wien (10, 9 bzw. 7 %). Auch war nur ein geringer Anteil derer, die ursprünglich keine weiteren Kinder mehr planten, bis zur Wiederbefragung (erneut) Eltern geworden: 4 % österreichweit, 2 % im Großraum Wien, 5 % in urbanen und 4 % in ländlichen Regionen. Diese beiden Gruppen standen jedoch nicht im Fokus der vorliegenden Studie (wir verweisen dazu weiter auf Brzozowska et al. 2018).

Der persönliche Kinderwunsch ist zwar ein individuelles Merkmal, doch sind am Zustandekommen eines Kindes zwei Personen beteiligt, weshalb zumindest bei bestehenden Partnerschaften die Charakteristika beider von Bedeutung sind (Corijn et al. 1996). Obwohl der GGS Informationen zum/zur im Haushalt lebenden Partner bzw. Partnerin beinhaltet, ist die vorliegende Auswertung nicht paarbezogen. Da ein beträchtlicher Anteil der Personen mit konkreten Kinderwunsch-Plänen in LAT-Partnerschaften lebte oder partnerlos war (Tab. 1) und daher keine entsprechenden Informationen vorhanden sind, wurde auf eine paarbezogene Auswertung verzichtet.

Leider war es uns nicht möglich, alle wesentlichen Aspekte für die Realisierung von Kinderwünschen in die Untersuchung aufzunehmen, da entweder dafür geeignete Indikatoren in den Daten fehlten oder die Fallzahl eine nötige weitere Unterteilung des Samples in Subgruppen nicht erlaubte. Aus diesen Gründen konnte etwa nicht auf die Rolle der Kinderbetreuung (Aassve et al. 2012), die Konfessionszugehörigkeit, auf Umzüge (z. B. von dicht bebauten Gebieten oder urbanen Zentren in Vorstädte vor der Familiengründung) (Birg und Flöthmann 1990) oder den Unterschied zwischen der Stadt und ihren Vorstädten (Kulu und Boyle 2009) eingegangen werden. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, unsere Befunde mit Daten aus anderen Ländern zu replizieren und Kontexteffekte des städtischen Umfeldes in Mehrebenenmodellen zu prüfen. Da heute mehr Menschen als je zuvor in nach wie vor wachsenden Städten leben, sollte der regionale Kontext in der Forschung zum Kinderwunsch und dessen Verwirklichung größere Beachtung finden.