Früh erlebte traumatische Ereignisse können sich bis ins hohe Lebensalter negativ auswirken. Allerdings existiert nur wenig systematisches Wissen im Hinblick auf (un)spezifische Traumafolgen sowie bezüglich (relativ) unversehrter langfristiger Verläufe nach traumatischen Kindheitserfahrungen bei älteren Menschen. Es ist jedoch bedeutsam, diese interindividuelle Variabilität in der Reaktion auf traumatische Kindheitserfahrungen und die Folgen für den weiteren Lebensverlauf bis ins hohe Alter besser zu verstehen.

Hintergrund

Traumatische Ereignisse in frühen Lebensjahren, beispielsweise in Form von körperlichen oder emotionalen Vernachlässigungs- oder sexuellen, körperlichen oder emotionalen Misshandlungserfahrungen, können das Risiko für die Entwicklung von psychischen und körperlichen Folgeschäden erhöhen (Heim und Nemeroff 2001). Früh erlebte traumatische Ereignisse können sich bis ins hohe Lebensalter negativ auswirken und sich wiederum in Form von schwierigen sozioökonomischen Lebensbedingungen, körperlichen Erkrankungen und psychischen Störungen manifestieren (Glaesmer et al. 2020; Maschi et al. 2013).

Um einerseits den oben beschriebenen Forschungsrückstand aufzuholen und andererseits dabei zu helfen, ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten, wurde am Psychologischen Institut der Universität Zürich eine Längsschnittstudie mit ehemaligen Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen und Fremdplatzierungen (im Folgenden als „Betroffene“ bezeichnet) durchgeführt. Ziel war es herauszufinden, inwieweit solche Erfahrungen mit der körperlichen und psychischen Gesundheit im Alter zusammenhängen.

Fürsorgerische Zwangsmaßnahmen und Fremdplatzierung in der Schweiz bis 1981

Fürsorgerische Praktiken sollen dazu dienen, gefährdete Kinder und Jugendliche zu schützen. Das Fürsorgesystem in der Schweiz war bis 1981 jedoch so gestaltet, dass minderjährige Schutzbefohlene gerade aufgrund der Durchführung solcher Praktiken einem erhöhten Risiko für multiple schwierige Erfahrungen und Kindesmissbrauch (letzterer Begriff wird in dieser Arbeit als Oberbegriff für verschiedene Vernachlässigungs- und Misshandlungserfahrungen verwendet) ausgesetzt waren (Leuenberger und Seglias 2008). Gründe hierfür waren vielgestaltig, wie die ungenügende Kontrolle von fürsorgerischen Praktiken im letzten Jahrhundert in der Schweiz sowie in vielen anderen Ländern weltweit (z. B. Österreich, Deutschland, Kanada). Hier muss erwähnt werden, dass im letzten Jahrhundert andere soziokulturelle Normen bezüglich der Kindererziehung vorgeherrscht haben und körperliche Bestrafung als Disziplinierungsmethode noch häufig Anwendung fand (z. B. Biehal 2014).

Ein weiterer relevanter Umstand in der Schweiz war, dass Platzierungen von Minderjährigen häufig als Folge von sogenannten Verletzungen von den damaligen sozialen Normen erfolgten, was einen großen Spielraum für Begründungen zur Fremdplatzierung ermöglichte. Häufig mutete solchen Entscheiden Willkür an. So galt die Alleinerziehung, egal aus welchen Gründen (z. B. Scheidung, außereheliche Geburt), als Normabweichung und als Grund für die Fremdplatzierung von Minderjährigen. Andere Gründe waren elterliche finanzielle Probleme, Missbrauchserfahrungen in der Herkunftsfamilie, ein suchtkranker Elternteil, das Waisendasein oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von „Fahrenden“, wie Roma oder Jenischen. Minderjährige wurden aus ihren Herkunftsfamilien herausgenommen und in Pflegefamilien, Kinderheime, Strafanstalten oder Psychiatrien fremdplatziert (Freisler-Mühlemann und Fatke 2011).

Im Rahmen des sog. Verdingkindwesens wurden Minderjährige (in den meisten Fällen) auf Bauernhöfen untergebracht; dort mussten sie für ihre Kost und Logis arbeiten (Leuenberger und Seglias 2008). Die Verdingung der Minderjährigen geschah unter dem Deckmantel der Kindesfürsorge. Jedoch stand hier auch der Gedanke der Sozialdisziplinierung im Hintergrund; die harte Arbeit der „Verdingkinder“ wurde als eine Erziehungsmethode betrachtet bzw. als Möglichkeit, die Minderjährigen auf den rechten bürgerlichen Weg zu bringen (Leuenberger und Seglias 2008).

In vielen Arrangements der Fremdplatzierung waren die Lebensbedingungen für die betroffenen Minderjährigen sehr hart. Zum Beispiel hatten manche Verdingkinder aufgrund der langen Arbeitstage keine Freizeit, konnten nicht regelmäßig in die Schule gehen und hatten wenige Möglichkeiten, mit Gleichaltrigen sozial zu interagieren. Heim- und Verdingkinder wurden oft in ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert und isoliert. Häufig war ihre Situation instabil und geprägt durch Ortswechsel, die ohne Rücksicht auf die Herkunftsfamilie erfolgten. In vielen Fällen gab es eine „aktive Behinderung der persönlichen Entwicklung und Entfaltung“ (Bundesamt für Justiz 2014, S. 14). Obwohl nicht alle fremdplatzierten Kinder misshandelt und vernachlässigt worden sind, gibt es zahlreiche Berichte der Betroffenen von Missbrauch und Ausbeutung jeglicher Art (Bundesamt für Justiz 2014; Lengwiler 2018).

Empirische Aufarbeitung der unterschiedlichen Lebensverläufe nach traumatischen Erlebnissen in der Kindheit und Jugend

Zur Erforschung der langfristigen Folgen auf die körperliche und psychische Gesundheit ehemaliger Betroffener wurde im Rahmen des Schweizerischen Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 76 „Fürsorge und Zwang – Geschichte, Gegenwart, Zukunft“ eine Längsschnittstudie durchgeführt (https://www.nfp76.ch/projekt-thoma). Ziel war, die weiteren Lebensverläufe von Betroffenen sowie deren psychische und körperliche Gesundheit im höheren Lebensalter zu untersuchen. Ein weiteres Ziel dieser Längsschnittstudie war die Identifikation relevanter Vulnerabilitäts- und Resilienzfaktoren. Dies erschien relevant, da unterschiedliche Lebensphasen mit unterschiedlichen Vulnerabilitäten und Ressourcen in Bezug auf die Konsequenzen von traumatischen Erfahrungen von Bedeutung sind (z. B. Glaesmer et al. 2020) und das vorhandene Wissen aus Studien mit hauptsächlich jüngeren Personen nicht (oder nur eingeschränkt) auf ältere Menschen ausgeweitet werden kann.

Methodisches Vorgehen

An der Längsschnittstudie haben 132 Betroffene teilgenommen. Diese sogenannte Risikogruppe, die im Durchschnitt 71 Jahre alt war (58 % Männer), wurde mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe, die aus 125 Personen (49 % Männer) bestand, verglichen. Alle Teilnehmenden wurden zu vier persönlichen Untersuchungsterminen à jeweils zwei Stunden eingeladen. Bei den ersten beiden Terminen, die die Basiserhebung bildeten, wurde ein klinisches Interview zur Identifizierung aktueller und früherer psychischer Störungen durchgeführt. Des Weiteren füllten die Teilnehmenden eine Vielzahl an Fragebogen zu Themen wie Gesundheit, Stress/Trauma, Emotionsregulation und individuelle Merkmale aus. Anschließend wurden die Teilnehmenden alle 3 Monate für ein telefonisches Interview kontaktiert. Bei diesen insgesamt 6 Telefoninterviews wurden der aktuelle Gesundheitszustand, die Lebenszufriedenheit und der aktuell empfundene Stress erfasst. Die Folgeuntersuchung, die ebenfalls 2 Termine umfasste und die gleichen Inhalte wie bei der Ersterhebung betraf, fand 21 Monate nach der Basiserhebung statt.

Ergebnisse der Längsschnittstudie

Soziodemografische Merkmale der Teilnehmenden

Personen aus der Risikogruppe waren zu einem Großteil in einer Pflegefamilie/einem Heim untergebracht gewesen (77 %), wovon sich knapp die Hälfte (d. h. 36 % der Gesamtstichprobe) als ehemalige Verdingkinder identifizierte. Weitere Personen aus der Risikogruppe waren betroffen von einer Zwangsadoption oder (einer nicht näher bezeichneten) Kindeswegnahme (8 %), einer Platzierung in einer geschlossenen (Straf‑)Anstalt (5 %), einer Einweisung in eine psychiatrische Institution (3 %) oder von anderen/diversen Formen der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen und/oder Fremdplatzierungen (6 %). Das Durchschnittsalter und die Durchschnittszeit der Fremdplatzierung betrugen etwa 4,5 bzw. 11,5 Jahre. Rund ein Drittel der Betroffenen gab an, dass sie nicht wussten, weshalb sie von ihren Herkunftsfamilien weggenommen wurden (Thoma et al. 2021a).

Traumatische Erfahrungen in Kindheit, Jugend und weiterem Lebensverlauf

Personen aus der Risikogruppe berichteten signifikant häufiger als die Kontrollpersonen von erlebter emotionaler Misshandlung (81 % vs. 50 %), körperlicher Misshandlung (74 % vs. 23 %), sexueller Misshandlung (58 % vs. 29 %) sowie von emotionaler Vernachlässigung (98 % vs. 73 %) und körperlicher Vernachlässigung (91 % vs. 44 %). Die Betroffenen haben nicht nur häufiger Missbrauch erlebt, sondern sie haben diesen auch in schwergradigeren Ausprägungen und häufiger in kombinierten Formen erfahren (Thoma et al. 2021b).

Folgen für die psychische Gesundheit

In Anbetracht der vielen Berichte über Missbrauchserfahrungen von ehemaligen Betroffenen in der Schweiz und des empirischen Wissens bezüglich des negativen Einflusses von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungserfahrungen auf die Psyche (Heim und Nemeroff 2001; Maschi et al. 2013) war davon auszugehen, dass Personen aus der Risikogruppe mehr psychische Störungen im Lebensverlauf sowie im höheren Lebensalter aufweisen als Kontrollpersonen. Der Vergleich der Zahl psychischer Störungen bei Personen aus der Risiko- und der Kontrollgruppe ergab ein hypothesenkonformes Bild (Thoma et al. 2021b). Personen aus der Risikogruppe zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikante Unterschiede bezüglich folgender Störungsbilder: aktuelle Trennungsangst (14 % vs. 5 %), aktuelle und frühere Agoraphobie (aktuell: 9 % vs. 2 %; früher: 10 % vs. 2 %), frühere spezifische Phobie (14 % vs. 5 %), aktuelle generalisierte Angststörung (14 % vs. 3 %), aktuelle und frühere posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, aktuell: 12 % vs. 4 %; früher: 25 % vs. 13 %), aktuelle somatische Störung (10 % vs. 4 %) sowie eine aktuelle Wahnsymptomatik (16 % vs. 7 %). Insgesamt ließ sich bei 70 % der Risikogruppe mindestens eine aktuelle oder frühere psychische Störung mittels DSM‑5 diagnostizieren. Die Prävalenz für psychische Störungen war somit sowohl im Vergleich zur Kontrollgruppe (58 %) als auch im Vergleich zur Lebenszeitprävalenz von Personen im höheren Lebensalter in Europa (50 %) deutlich höher (Andreas et al. 2017).

In der ICD-11 wurde eine weitere spezifische Traumafolgestörung eingeführt, die komplexe PTBS, die sich in Reaktion auf von Menschenhand verursachten (sogenannte „man-made“) Typ-II-Traumata (d. h. wiederholte oder anhaltende Exposition gegenüber durch „man-made“ verursachte traumatische Ereignisse) entwickeln kann (Maercker et al. 2022a; WHO 2019). Die aktuellen Prävalenzschätzungen für die komplexe PTBS auf der Basis von epidemiologischen Studien betragen je nach Land zwischen 0,5 % und 7,7 % (z. B. Hyland et al. 2021; Maercker et al. 2018). In der aktuellen Längsschnittstudie wurde eine Prävalenz für die komplexe PTBS von knapp 5 % ermittelt.

Die empirische Prüfung wichtiger Entstehungsfaktoren in einem Kaskadenmodell ist für das Verständnis der neuen ICD-11-Diagnose der komplexen PTBS besonders relevant (Maercker et al. 2022b). Folglich lag der Schwerpunkt in dieser separaten Analyse der Längsschnittdaten auf der Dynamik zwischen berichteten Kindesmissbrauchserfahrungen, Bindung und soziointerpersonellen Faktoren. Es konnte ein stufenweiser Zusammenhang von Missbrauchserfahrungen, gefolgt von Bindungsbesonderheiten, und auf der letzten Stufe von zwischenmenschlichen Faktoren (Nicht-über-das-Trauma-Reden und Sich-abgewertet-Fühlen) bestätigt werden. Diese Stufenfolge bestimmte das individuelle Ausmaß der komplexen PTBS und zusätzlich der Lebenszufriedenheit (Maercker et al. 2022b). Besonders die vorletzte Kaskadenstufe der soziointerpersonellen Faktoren bietet Anknüpfungspunkte für therapeutische Interventionen, die auf die Verbesserung sozialer und narrativer Skills der Betroffenen zu Heilungszwecken abzielen.

In einer weiteren Analyse der Daten der Längsschnittstudie wurde gefunden, dass die Lebenszeitprävalenz der PTBS einen stärkeren Zusammenhang mit dem Ausmaß der Exposition gegenüber traumatischen Kindheitserfahrungen aufwies als mit der Gruppenzugehörigkeit (d. h. Risiko- vs. Kontrollgruppe). Dies deutet darauf hin, dass die Gruppenzugehörigkeit nicht unabhängig zur Erklärung der Varianz der Lebenszeit-PTBS beiträgt (Eising et al. 2021). Zusammenfassend konnte in den unterschiedlichen Analysen und Gruppenvergleichen der Längsschnittstudiendaten gezeigt werden, dass sowohl die aktuelle als auch die Lebenszeitprävalenz von psychischen Störungen in der Risikogruppe deutlich höher war als in der Kontrollgruppe, und dies nicht nur bezüglich der spezifischen Traumafolgestörungen (d. h. PTBS und komplexe PTBS), sondern auch bezüglich der unspezifischen Traumafolgestörungen (z. B. unterschiedliche Angststörungen).

In weiteren Analysen der Daten wurde nicht die Risiko- mit der Kontrollgruppe verglichen, sondern es wurden Teilnehmende miteinander verglichen, die komplexe Belastungserfahrungen in der Kindheit und/oder Jugend erlebten bzw. nicht erlebt haben. Dieser Gruppenvergleich erfolgte, da es sowohl in der Risiko- als auch in der Kontrollgruppe (Nicht‑)Betroffene von komplexen Belastungserfahrungen gab. Komplexe Belastungserfahrungen werden als solche bezeichnet, wenn mindestens zwei verschiedene Belastungserfahrungen (z. B. körperliche Misshandlung und emotionale Vernachlässigung) gemacht worden sind. Der Fokus der ersten Analyse lag auf den internalisierenden psychischen Störungen, d. h. auf Depressionen und Angststörungen (Pfluger et al. 2022). Betroffene von komplexen Belastungserfahrungen (jeweils im Vergleich zu Nichtbetroffenen) hatten signifikant häufiger eine internalisierende psychische Störung. In der zweiten Studie konnte gezeigt werden, dass Betroffene von komplexen Belastungserfahrungen mehr psychische Störungen (Zahl psychischer Störungen im Lebensverlauf und aktuell) hatten als die Nichtbetroffenen (4,15 vs. 2,02 Störungen im Durchschnitt; Pfluger et al. 2021). Zudem fanden sie signifikant höhere Werte in ungünstigeren Stressbewältigungsstrategien und niedrigere Werte in günstigen Stressbewältigungsstrategien.

Folgen für die körperliche Gesundheit

Personen aus der Risikogruppe waren häufiger in ärztlicher Behandlung (Thoma et al. 2021a). Sie berichteten zudem von mehr körperlichen Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes, Schlaganfall oder Herzproblemen. Des Weiteren weisen sie im Durchschnitt ein signifikant größeres Taille-Hüfte-Verhältnis auf, was ein Indikator für Übergewicht und mit negativen Gesundheitsfaktoren (z. B. Diabetes Typ 2) assoziiert ist (Qiao und Nyamdorj 2010). Zudem wiesen Personen aus der Risikogruppe mehr vaskuläre Risikofaktoren auf; beispielsweise rauchten sie signifikant häufiger als Personen aus der Kontrollgruppe. Auch berichteten sie häufiger von Stresserleben und einem geringeren persönlichen Wohlbefinden (Thoma et al. 2021a). Insgesamt zeigten Personen aus der Risikogruppe im Vergleich zu gleichaltrigen Kontrollpersonen (vermehrte Risikofaktoren für) eine schlechtere Gesundheit im höheren Lebensalter.

Schutz- und Risikofaktoren

In verschiedenen Analysen der Daten der Längsschnittstudie wurden unterschiedliche Schutz- und Risikofaktoren identifiziert. Sozioökonomische Faktoren wie ein höherer Bildungstand und ein höheres aktuelles Einkommen spielten eine vermittelnde Rolle im Sinne einer Abmilderung der negativen körperlichen Folgen früherer Misshandlungen (Thoma et al. 2021a). Auch das (höhere) Selbstwertgefühl konnte als relevanter Mediator zwischen emotionaler Vernachlässigung/Missbrauch und aktueller Psychopathologie identifiziert werden, und dies unabhängig vom Ausmaß oder auch der Art der erlebten Widrigkeiten, was bedeutet, dass der Schutzeffekt eines erhöhten Selbstwertgefühls sowohl für Betroffene als auch für Nichtbetroffene gilt (Thoma et al. 2021b). Die Relevanz des Selbstwertgefühls wurde auch in einer weiteren Analyse der Daten gefunden, welche unterschiedliche Ressourcenmerkmale (z. B. Optimismus, Selbstwirksamkeit) sowie stressbezogene Faktoren (z. B. aktuelle Stressbelastung) der Risiko- und der Kontrollgruppe mittels einer statistischen Netzwerkanalysemethode untersucht hat (Thoma et al. 2020). Die Ergebnisse zeigten in beiden Gruppen lediglich positive (d. h. keine negativen) Ressourcenzusammenhänge; dies bedeutet, dass die Zunahme einer bestimmten Ressource mit der Zunahme anderer Ressourcen im Netzwerk einhergeht. Also stehen höhere Optimismuswerte beispielsweise mit einer verstärkten Selbstwirksamkeit in Verbindung. Das Selbstwertgefühl wurde als die wichtigste Ressource für die Vernetzung identifiziert, was bedeutet, dass Veränderungen im Selbstwertgefühl (im Vergleich zu anderen Ressourcen) die Vernetzung am stärksten beeinflussen können. Daraus lässt sich ableiten, dass das Selbstwertgefühl die optimale Resilienzressource für klinische Interventionen darstellt. Weiterhin wies die Risikogruppe eine höhere Anfälligkeit für aktuellen Stress auf (Thoma et al. 2020).

In einer anderen Analyse konnte gezeigt werden, dass ein hohes Maß an sozialer Anerkennung die Verbindung zwischen traumatischen Kindheitserfahrungen und Lebenszeit-PTBS lockert, dies jedoch nur in der Kontroll- und nicht in der Risikogruppe (Eising et al. 2021). Weiter zeigte sich, dass die Emotionsregulationsstrategien „Neubewertung“ und „Unterdrückung“ bedeutsame Mediatoren in der Beziehung zwischen komplexen Belastungserfahrungen und internalisierenden psychischen Störungen waren (Pfluger et al. 2022). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass unterschiedliche sozioökonomische (d. h. Bildung, Einkommen), soziale (d. h. Anerkennung), emotionsbezogene (d. h. Emotionsregulation) sowie das Selbst betreffende Faktoren (d. h. Selbstwert und -wirksamkeit) dazu beitragen können, die negativen Auswirkungen von frühen traumatischen Erfahrungen auf die psychische Gesundheit abzumildern.

Diskussion

Diese Längsschnittstudie, die im Rahmen des Schweizerischen NFP 76 „Fürsorge und Zwang – Geschichte, Gegenwart, Zukunft“ durchgeführt worden ist, reiht sich ein in die stetig wachsende Zahl der Aufarbeitungsstudien in der Schweiz (z. B. Gabriel et al. 2021), Deutschland (z. B. Caspari et al. 2021), Österreich (z. B. Lueger-Schuster et al. 2018), Irland (z. B. Carr et al. 2020) und weiteren Ländern, in denen sich im letzten Jahrhundert ähnliche Phänomene abgespielt haben. Gesamthaft konnte gezeigt werden, dass ehemalige Betroffene nicht nur über mehr Kindheitstraumata berichteten, sondern auch über mehr traumatische Erfahrungen im weiteren Lebensverlauf (Thoma et al. 2021b). Dies wurde auch in Studien mit ehemaligen Betroffenen von (institutionellem) Kindesmissbrauch in anderen Ländern, wie beispielsweise in Österreich, gefunden (Lueger-Schuster et al. 2018). Das erhöhte Risiko für zusätzliche traumatische Erfahrungen im weiteren Lebensverlauf kann die schädlichen Auswirkungen von Kindesmissbrauch auf die psychische und körperliche Gesundheit noch weiter verstärken. Dies hat sich ebenfalls in den aktuellen Daten der Längsschnittstudie gezeigt, in denen Personen aus der Risikogruppe generell eine schlechtere Gesundheit, ein verstärktes Stresserleben und ein geringeres persönliches Wohlbefinden (Thoma et al. 2021a) sowie eine höhere Prävalenz für aktuelle und frühere psychische Störungen (Thoma et al. 2021b) aufwiesen. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass selbst in einer Hochrisikostichprobe, wie es die untersuchte Risikogruppe in der beschriebenen Längsschnittstudie ist, die spezifischen Traumafolgestörungen (d. h. die PTBS und die komplexe PTBS) nicht die häufigsten Störungsbilder waren, die sich infolge von traumatischen Erfahrungen entwickelt hatten.

Trotz eines erhöhten Risikos für die Entwicklung von psychischen und gesundheitlichen Folgeproblemen in Reaktion auf traumatische Erfahrungen in frühen Lebensjahren haben nicht alle ehemaligen Betroffenen klinisch bedeutsame psychische Störungen entwickelt. Die einzelnen Analysen der Ergebnisse dieser Längsschnittstudie machen deutlich, dass Menschen sehr verschieden auf traumatische Ereignisse reagieren. Dies spiegelt die aktuelle empirische Datenlage zu den (Langzeit‑)Folgen von traumatischen Erfahrungen wider. Die Daten belegen, dass Menschen, die in frühen Lebensjahren vergleichbare traumatische Erfahrungen erlebt haben, sich bezüglich der sozioökonomischen oder gesundheitlichen Folgeprobleme sehr stark unterscheiden können. Beispielsweise wiesen in einer früheren Studie von Maercker et al. (2016) mit ausschließlich ehemaligen Verdingkindern (Durchschnittsalter: 80 Jahre) über 50 % der Teilnehmenden bezüglich der Depression keine klinisch bedeutsamen Werte auf und waren auch im Hinblick auf die Lebenszufriedenheit unbeeinträchtigt.

Das Ausbleiben negativer Entwicklungen vor dem Hintergrund von teilweise sehr schlimmen Kindheits- und Jugenderfahrungen kann als eine Form von psychischer Widerstandsfähigkeit verstanden werden. In der Wissenschaft werden solche Beobachtungen mithilfe des Resilienzkonstrukts (z. B. Rutter 2012) beschrieben und erforscht. Bezüglich der Resilienz erfüllten in der aktuellen Längsschnittstudie 30 % der Risikogruppe (im Vergleich zu 42 % der Kontrollgruppe) die Kriterien für eine psychische Störung nicht, obwohl sie über einen beachtlichen Zeitraum in ihrer Kindheit und/oder Jugend von unterschiedlichen Praktiken der damaligen Fürsorge betroffen und einem hohen Risiko für Kindesmisshandlung und -vernachlässigung ausgesetzt waren. Der Vergleich der Personen mit und ohne Entwicklung einer (oder mehrerer) psychischen Störung erlaubte es, nach spezifischen Merkmalen, Erfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften, die mit der Resilienz in Verbindung standen, zu suchen (Thoma et al. 2022). Faktoren, die in beiden Gruppen mit Resilienz zusammenhingen, waren ein höheres Lebensalter, ein höheres Einkommen und eine höhere Zufriedenheit mit dem sozioökonomischen Status, geringere Neurotizismuswerte und eine höhere Resilienz als Persönlichkeitseigenschaft (d. h. eine mithilfe eines psychometrischen Instruments erfassbare Eigenschaft). Ehemalige Betroffene ohne psychische Störungen berichten zusätzlich von weniger körperlichen Misshandlungen als Minderjährige, niedrigeren Werten bezüglich spezifischen Empathiemerkmalen sowie einem höheren Selbstwert (jeweils im Vergleich zu ehemaligen Betroffenen mit psychischen Störungen). Es zeigte sich, dass der Selbstwert ein spezifisches Merkmal ist, das nur in der Gruppe der psychisch resilienten Betroffenen gefunden wurde.

Die Definition bzw. die Operationalisierung von Resilienz als das Fehlen von psychischen Folgeproblemen kann jedoch trotz häufiger Anwendung in der Forschung (Meng et al. 2018) kritisiert werden. Beispielsweise berücksichtigt diese Operationalisierung negative soziale Folgekonsequenzen nicht, obwohl die psychosoziale Anpassungsfähigkeit (z. B. Probleme in der Regulation von Ärger im Kontakt mit Kindern oder in intimen Beziehungen) infolge früher Missbrauchserfahrungen häufig beeinträchtigt ist (z. B. Carr et al. 2020). Zusätzlich sind soziale Faktoren bezüglich der Abmilderung negativer Folgen, der Aufarbeitung und der Wiedergutmachung von („gesellschaftlich verursachten“) traumatischen Erfahrungen relevant (Glaesmer et al. 2020; Maercker et al. 2017). Zukünftige Forschung im Bereich der Resilienz und generell zu den langfristigen (negativen und positiven) Folgen von traumatischen Erfahrungen bei älteren Menschen sollten soziale Faktoren systematisch miterfassen und berücksichtigen.

Implikationen für die psychotherapeutische Praxis

In Anbetracht der Ergebnisse einer Reihe von Studien mit ehemaligen Schweizer Betroffenen wird ersichtlich, dass die Folgen von traumatischen Kindheitserlebnissen bis ins hohe Alter nachweisbar sind. Dieser Nachweis zeigt sich in Form eines geringeren Wohlbefindens, häufigerer körperlicher Erkrankungen und psychischer Störungen, maladaptiverer Emotionsregulationsstrategien und einer erhöhten Anfälligkeit für Stress. Dies stand hauptsächlich mit den vermehrten schwergradigeren und häufiger kombinierten Kindesmissbrauchserfahrungen, die die Betroffenen erlebt haben, im Zusammenhang.

Die daraus abzuleitende Relevanz für die psychotherapeutische Praxis betrifft die Bedeutung der systematischen Erfassung und anschließender therapeutischer Bearbeitung von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und Jugend auch bei älteren Menschen, da der negative Einfluss auf die Gesundheit selbst Jahrzehnte später noch messbar ist (Glaesmer et al. 2020). Da Probleme in der Regulation von Emotionen und Stress mit vermehrten negativen gesundheitlichen Folgen assoziiert sind, sollten in der Psychotherapie Skills zu verbesserter Emotions- und Stressregulation erarbeitet werden. In Anbetracht der zentralen Bedeutung des Selbstwerts als Resilienzressource (Thoma et al. 2020) sollte die Stärkung des Selbstwerts in der Psychotherapie von älteren Menschen mit Missbrauchserfahrungen in der Vergangenheit ein zentrales Element darstellen. Weiter sollte in der Psychotherapie (und auch in der Forschung) mit älteren Menschen neben den negativen Folgen von frühen traumatischen Erfahrungen auch auf potenziell positive Entwicklungsprozesse fokussiert werden.

Fazit für die Praxis

  • Trotz der Tatsache, dass viele Betroffene ein vergleichbares Ausmaß an Kindesmissbrauchserfahrungen erlebt haben, waren die langfristigen Auswirkungen, die mithilfe dieser Studien erfasst werden konnten, sehr divers.

  • Einige Betroffene scheinen keine klinisch relevanten Folgeprobleme aufzuweisen und präsentieren selbst im höheren Lebensalter eine (relativ) stabile Gesundheit und Wohlbefinden.

  • Für das Verständnis dieser interindividuellen Variabilität in den Reaktionen müssen Risiko- und Schutzfaktoren, die in der Person (z. B. Selbstwertgefühl), im interpersonellen (z. B. soziale Unterstützung) und im soziokulturellen Kontext (z. B. gesellschaftliche Anerkennung) angesiedelt sind, mitberücksichtigt werden.