Hinführung

Für die klinische Praxis sind Methoden zur Erfassung von Bindungsdimensionen der PatientInnen für die Prognose und Behandlungsplanung von zunehmender Bedeutung, und es steht mittlerweile eine Vielzahl an Bindungsfragebogen zur Verfügung. Diese unterscheiden sich dahingehend, ob Bindung in einer allgemeinen (globalen) Form oder einer spezifischen Beziehung, etwa der Partnerschaft, erfasst wird. Bislang ist jedoch nicht ausreichend geklärt, inwieweit eine differenzielle Betrachtung globaler und beziehungsspezifischer Bindung für die klinische Praxis relevant ist.

Einleitung

Nachdem vor über 3 Jahrzehnten die bedeutsamen Beziehungen Erwachsener erstmalig aus der Perspektive der Bindungstheorie betrachtet worden sind (Hazan und Shaver 1987), wurde eine Vielzahl von Fragebogen zur Erfassung von Bindung im Erwachsenenalter entwickelt. Während sich einige Instrumente auf spezifische Beziehungen wie die Partnerschaft beziehen (so der Fragebogen Experiences in Close Relationships [ECR-R]; Brennan et al. 1998; Fraley et al. 2000), haben andere Fragebogen zum Ziel, Bindung allgemein und unabhängig vom Beziehungskontext zu erfassen (etwa die Adult Attachment Scale [AAS]; Schmidt et al. 2004). Eine aktuelle Studie untersuchte diesbezüglich die Konvergenz verschiedener Bindungsfragebogen und fand moderate Zusammenhänge zwischen dem ECR‑R und dem AAS (Strauss et al. 2022). Dies weist darauf hin, dass globale und beziehungsspezifische Bindungsskalen sowohl überlappende als auch unterschiedliche Aspekte von Bindung erfassen. Diese Ergebnisse stützen die theoretischen Annahmen des hierarchischen Bindungsmodells von Collins und Read (1994): Dieses beschreibt auf der obersten Ebene ein von den individuellen Beziehungserfahrungen abstrahiertes generalisiertes Bindungsmodell. Auf der zweiten Ebene finden sich Bindungsmodelle, die mit bestimmten Formen von Beziehungen wie Eltern oder Peers korrespondieren. Darunter stehen Modelle, welche die Beziehungen mit konkreten Personen repräsentieren, wobei die 3 Ebenen in Wechselwirkung miteinander stehen (Collins und Read 1994; König et al. 2007). Die Annahme der kontextabhängigen Spezifität von Bindung wurde durch zahlreiche empirische Befunde bestätigt (La Guardia et al. 2000; Caron et al. 2012; Fraley et al. 2011; Hudson et al. 2015). In einer Studierendenstichprobe fanden sich wesentliche Unterschiede zwischen Bindung zu den Eltern einerseits und der Bindung zum Partner bzw. engen Freunden andererseits. Es wurde argumentiert, dass Letztere „freiwillige“ und egalitäre Beziehungen seien und sich somit wesentlich von der Beziehung zu den Eltern unterschieden (Caron et al. 2012). Sowohl die Bindungsangst in der Beziehung zu Partner und Freunden (β = 0,37, p < 0,001) als auch die Qualität der Beziehung zu den Eltern (β = −0,24, p < 0,001) waren jeweils signifikante Prädiktoren für psychische Beschwerden bei den Studierenden (Caron et al. 2012).

Während eine unsichere Bindung ganz allgemein einen wichtigen Risikofaktor für psychische Erkrankungen darstellt (Bakermans-Kranenburg und van IJzendoorn 2009; Mikulincer und Shaver 2008) und mit einem ungünstigen Ergebnis von Psychotherapie assoziiert wird (Levy et al. 2018), ist bisher jedoch unzureichend geklärt, ob diese Befunde für globale und beziehungsspezifische Bindungsdimensionen gleichermaßen gelten. Die wenigen bisherigen Studien zu dieser Fragestellung weisen darauf hin, dass beziehungsspezifische Bindung sogar in einem engeren Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit stehen könnte als globale Bindungsmodelle. In einer Untersuchung von Strauss et al. (2022) mit AngstpatientInnen und einer gesunden Kontrollgruppe sagte partnerschaftsbezogene Bindungsangst im ECR‑R im Vergleich mit dem AAS eher vorher, zu welcher Gruppe die jeweilige Person gehörte („odds ratio“ = 2,50). Eine weitere Untersuchung erhob globale und partnerschaftsbezogene Bindungsmuster mittels des Relationship Questionnaire, wobei Letztere das Ausmaß psychischer Beschwerden besser vorhersagten (β = 0,52 vs. β = 0,27; Cozzarelli et al. 2000). In dieser Studie wurde jedoch nur eine relativ kleine Stichprobe von Studierenden (n = 112) untersucht, die sich alle in einer festen Partnerschaft befanden. Die AutorInnen argumentieren, dass dadurch die partnerschaftsbezogene Bindung eine größere Bedeutung für das psychische Wohlbefinden der StudienteilnehmerInnen gehabt haben könnte. Hingegen könnten globale Bindungsmodelle dann bedeutsamer werden, wenn neue Beziehungen eingegangen werden oder keine engen partnerschaftlichen Beziehungen bestehen. Eine Untersuchung von Fraley et al. (2011) zeigte, dass beziehungsspezifische Bindungsinstrumente eher in einem Zusammenhang mit der Beziehungszufriedenheit stehen und allgemeine Bindungsfragebogen hingegen eher mit Persönlichkeitseigenschaften (gemessen über die Big Five). Dabei korrelierte Neurotizismus höher mit der Bindungsangst im Allgemeinen (r = 0,36) als mit der Bindungsangst in den spezifischen Beziehungen (r zwischen 0,08 und 0,24; Fraley et al. 2011). Somit ist bisher nicht abschließend geklärt, inwieweit sich globale und spezifische Bindungsdimensionen hinsichtlich ihrer Zusammenhänge mit psychischer Gesundheit unterscheiden. Insbesondere sind dazu Untersuchungen mit Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung ausstehend. Zur Klärung dieser Fragestellung sind Instrumente notwendig, welche Bindungsdimensionen hinsichtlich verschiedener bedeutsamer Beziehungen und zusätzlich in einer allgemeinen Form mit einem einheitlichen Maß („common metric“) erfassen. Die Arbeitsgruppe um Fraley hat mit dem Experiences in Close Relationships – Relationship Structures (ECR-RS, Fraley et al. 2011) einen entsprechenden Fragebogen entwickelt, welcher unseres Wissens nach bislang jedoch nicht in deutscher Sprache vorliegt. Die amerikanische Originalversion wurde in mehrere Sprachen übersetzt (Deveci Şirin und Şen Doğan 2021; Siroňová et al. 2020; Moreira et al. 2015) und ermöglicht daher eine Vergleichbarkeit mit internationalen Studienergebnissen. Der ECR-RS erfasst Bindungsangst und Bindungsvermeidung über die spezifischen Beziehungsdomänen Mutter, Vater, PartnerIn und beste/r FreundIn hinweg. Im Jahr 2014 wurde der ECR-RS noch um eine globale Form erweitert, wobei sich die Instruktion im amerikanischen Original auf „close relationships in general“ bezieht. Die beiden Bindungsdimensionen Angst und Vermeidung sind moderat miteinander korreliert (je nach Beziehungsdomäne zwischen r = 0,44 und r = 0,54). Das Zweifaktorenmodell des ECR-RS wurde konfirmatorisch überprüft (Siroňová et al. 2020; Moreira et al. 2015), wobei das Modell für die Domäne Partnerschaft die beste Anpassung zeigte (Siroňová et al. 2020). Die vorliegende Studie untersucht, ob sich a) beziehungsspezifische Unterschiede in Bindungsangst und Bindungsvermeidung (Fraley et al. 2011) für eine deutschsprachige Stichprobe replizieren lassen, b) ob in Bezug auf die globalen und die beziehungsspezifischen Skalen des ECR-RS Kriteriumsvalidität dahingehend gegeben ist, dass größere Bindungsunsicherheit (sowohl Angst als auch Vermeidung) mit größeren aktuellen psychischen Beschwerden, interpersonalen Problemen und Beeinträchtigungen im Persönlichkeitsfunktionsniveau einhergeht und c) inwieweit eher globale oder beziehungsspezifische Bindungsskalen die 3 genannten klinischen Ergebnismaße vorhersagen. Die bisherige Literatur zeigt, dass spezifische Bindungsmodelle umso bedeutsamer werden, je spezifischer das jeweilige Ergebnismaß ist (Cozzarelli et al. 2000; Fraley et al. 2011). Es wurde daher angenommen, dass die Teilnehmenden insbesondere bei der Einschätzung der interpersonalen Probleme auf konkrete Beziehungsepisoden zurückgreifen, wodurch spezifische Beziehungsaspekte besonders zum Tragen kommen. Konkret soll daher die Hypothese überprüft werden, dass interpersonale Probleme stärker mit den spezifischen Bindungsdimensionen assoziiert sind als mit der globalen Bindung. Hinsichtlich der Zusammenhänge zu aktuellen psychischen Beschwerden und der Persönlichkeitsfunktion handelt es sich aufgrund der bislang uneinheitlichen Studienergebnisse um explorative Fragestellungen. Die nachfolgenden Ergebnisse sollen eine empirisch fundierte Empfehlung für die Anwendung beziehungsspezifischer Bindungsskalen in der psychotherapeutischen und psychosomatischen Diagnostik ermöglichen.

Material und Methoden

Durchführung und Stichprobe

Es wurden Daten aus einer Gelegenheitsstichprobe gewonnen, wobei die teilnehmenden Personen den ECR-RS und weitere standardisierte Fragebogen (siehe Abschnitt „Instrumente“) in einer onlinebasierten Umfrage mit dem Titel „Komm mir nah und bleib mir fern – enge Bindungen im Erwachsenenalter“ bearbeiteten. Die Erhebung wurde zwischen Mai und Juli 2021 durchgeführt. Die Rekrutierung erfolgte über soziale Netzwerke, in denen der Link zu der Umfrage veröffentlicht wurde. Die Datenerhebung erfolgte anonymisiert. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Universitätsmedizin Rostock genehmigt (A 2020-0278) und unter Einhaltung der aktuellen Fassung der Deklaration von Helsinki sowie den Regeln von „Good Clinical Practice“ durchgeführt. An der Umfrage nahmen n = 622 Personen teil, von denen 86 % ihr Geschlecht als weiblich und 0,3 % als divers angaben. Das durchschnittliche Alter betrug 33,0 ± 10,6 Jahre (Range 18–72). Weiterhin gaben 77 % der Teilnehmenden an, aktuell in einer Partnerschaft zu leben. Hinsichtlich des höchsten Berufsabschlusses stellten Teilnehmende mit Studienabschluss die größte Gruppe dar (41 %). Nach Angabe der Teilnehmenden litten 15 % aktuell an einer psychischen Erkrankung und 11 % befanden sich in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung.

Instrumente

Experiences in Close Relationships – Structures Questionnaire

Das Selbstbeurteilungsinstrument Experiences in Close Relationships – Structures Questionnaire (ECR-RS; Fraley et al. 2011) stellt eine Weiterentwicklung des international etablierten Experiences in Close Relationships – Revised (Fraley et al. 2000) zur Erfassung von Bindungsdimensionen im Erwachsenenalter dar. Mittels 9 Items werden die Ausprägungen von Bindungsangst und Bindungsvermeidung jeweils in den spezifischen Beziehungen zu Mutter, Vater, PartnerIn und beste/r FreundIn ermittelt. Darüber hinaus werden die 9 Items in einer globalen Form (mit der Instruktion zur Einschätzung von „engen Beziehungen allgemein“) vorgegeben. Die Items 1–6 (1–4 werden invertiert) bilden die Skala Bindungsvermeidung und die Items 7–9 die Skala Bindungsangst. Die Items sind von 1 (starke Ablehnung) bis 7 (starke Zustimmung) skaliert. Auf Grundlage der Items der deutschsprachigen Version des Experiences in Close Relationships – Revised (ECR-RD, Ehrenthal et al. 2009) wurde eine Version des ECR-RS, einschließlich der jeweiligen Instruktionen für den deutschen Sprachraum, erstellt, welche von dem Autor der amerikanischen Originalversion genehmigt wurde. Die interne Konsistenz der Skalen war in der vorliegenden Stichprobe hoch (McDonalds ω zwischen 0,87 und 0,92; Tab. 1).

Tab. 1 Deskriptive Kennwerte, interne Konsistenz und Interkorrelationen der Skalen des ECR-RS (n = 622)

Symptom Checklist – 9-Item-Kurzversion

Die Kurzversion der Symptom Checklist – 9‑Item-Kurzversion (SCL-K9; Petrowski et al. 2019) erfasst mittels 9 Items die aktuelle Belastung durch psychische Beschwerden innerhalb der letzten 7 Tage. Die Items sind von 0–4 skaliert und werden zu einem Gesamtmittelwert zusammengefasst. Die SCL-K9 ist ein weitverbreitetes Instrument und weist gute psychometrische Eigenschaften auf (Petrowski et al. 2019). Die interne Konsistenz in der vorliegenden Stichprobe betrug McDonalds ω = 0,85.

Inventar Interpersonaler Probleme – 32-Item-Kurzform

Das Inventar Interpersonaler Probleme (IIP, Horowitz et al. 1988) ist ein international etabliertes Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung interpersonaler Probleme. Die deutsche Kurzform mit 32 Items (IIP-32) wurde in klinischen und nichtklinischen Stichproben überprüft und weist insgesamt gute psychometrische Kennwerte auf (Thomas et al. 2011). In der vorliegenden Untersuchung wurde der Gesamtscore als Index für das globale Ausmaß interpersonaler Schwierigkeiten ausgewertet. Die interne Konsistenz lag bei McDonalds ω = 0,83.

Levels of Personality Functioning Scale – Brief Form 2.0

Die Levels of Personality Functioning Scale – Brief Form (LPFS-BF 2.0, Weekers et al. 2019) ist ein Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung des Persönlichkeitsfunktionsniveaus. Die Skala umfasst 12 Items, welche auf einer 4‑stufigen Likert-Skala (1–4) bewertet werden. Der Gesamtsummenwert ermöglicht ein Screening für Beeinträchtigungen im Persönlichkeitsfunktionsniveau. Die deutsche Version wurde in der Allgemeinbevölkerung mit guten Ergebnissen evaluiert (Spitzer et al. 2021). In der vorliegenden Stichprobe lag die interne Konsistenz bei McDonalds ω = 0,87.

Statistische Analysen

Die Analysen erfolgten mittels der Software IBM SPSS Statistics 27 (IBM Corp.[2019], Armonk, NY, USA). Einige Teilnehmende machten keine Einschätzungen für einzelne Bezugspersonen im ECR-RS, was mutmaßlich dem Umstand geschuldet war, dass die jeweilige Bezugsperson nicht bekannt war oder aus Sicht der Befragten keine Beziehung bestand. Daher ergaben sich unterschiedliche Stichprobengrößen für die einzelnen Beziehungsdomänen des ECR-RS (Mutter: n = 619, Vater: n = 607, PartnerIn n = 616, FreundIn n = 614). Es wurden zunächst die Mittelwertunterschiede zwischen den vier Beziehungskontexten und der globalen Form jeweils für beide Bindungsdimensionen mittels Varianzanalyse mit Messwiederholung überprüft. Dabei erfolgte für die anschließenden paarweisen Vergleiche der ECR-RS-Skalen eine Korrektur des Signifikanzniveaus nach Bonferroni. Um die Übereinstimmungen der beziehungsspezifischen mit der globalen Einschätzung zu ermitteln, wurden die Interkorrelationen der Skalen bestimmt und die Korrelationskoeffizienten miteinander verglichen. Zudem wurden aufgrund der in der Literatur bekannten Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der Bindung (Del Giudice 2011) die Mittelwertunterschiede in den Skalen des ECR-RS für Frauen und Männer mittels Mann-Whitney-U-Test überprüft. Zur Bestimmung der Kriteriumsvalidität wurden die bivariaten Zusammenhänge zwischen den Skalen des ECR-RS und aktuellen Beschwerden, interpersonalen Problemen, dem Persönlichkeitsfunktionsniveau und dem Alter mittels Spearmans-Rangkorrelation bestimmt. Anschließend wurden multiple Regressionsmodelle jeweils für die abhängigen Variablen SCL-K9, LPFS-BF und IIP-32 berechnet. In das Modell 1 wurden die beiden globalen Bindungsskalen des ECR-RS eingeschlossen und in das Modell 2 ausschließlich die 8 beziehungsspezifischen Skalen. Zur Bestimmung der inkrementellen Varianzaufklärung durch die beziehungsspezifische Perspektive wurden in das Modell 3 in einem ersten Block die beiden globalen ECR-RS-Skalen eingeschlossen und in einem zweiten Block alle beziehungsspezifischen Skalen hinzugefügt. Alle Modelle wurden für Alter und Geschlecht kontrolliert. Es werden jeweils die korrigierte Varianzaufklärung der Modelle und die standardisierten Regressionskoeffizienten berichtet. Multikollinearität wurde per Inspektion des Variance Inflation Factor (VIF) überprüft.

Ergebnisse

Mittelwertunterschiede zwischen globalen und beziehungsspezifischen Bindungsskalen

Es zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen den Einschätzungen der spezifischen Beziehungen und der globalen Form jeweils für Bindungsangst, F (3,67, 2170,82) = 129,69, p < 0,001, ηp2 = 0,18 und für Bindungsvermeidung, F (3,69, 2181,0) = 259,90, p < 0,001, ηp2 = 0,31. Für die Skalen zur Bindungsangst wurden alle paarweisen Mittelwertvergleiche signifikant (p < 0,01), mit Ausnahme der Bindungsangst für PartnerIn und FreundIn. Ebenso unterschieden sich alle Skalen zur Bindungsvermeidung signifikant voneinander (p < 0,001). Auf eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse der Post-hoc-Tests wurde aus Platzgründen verzichtet. Bindungsangst wurde durchschnittlich am höchsten in der globalen Form angegeben (M = 3,50; SD = 1,75) und Bindungsvermeidung am höchsten in der Beziehung zum Vater (M = 4,25, SD = 1,76). Die Skalenkennwerte sind in Tab. 1 dargestellt. Hinsichtlich der Bindungsangst bestanden sowohl global als auch beziehungsspezifisch keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Für Bindungsvermeidung berichteten Männer höhere Werte im Vergleich zu Frauen in allen Beziehungsdomänen, mit Ausnahme der Beziehung zum Vater (Zusatzmaterial online: Tabelle A). Somit wurde das Geschlecht als Kovariate in die nachfolgenden Regressionsanalysen mitaufgenommen. Die Ergebnisse sind jedoch angesichts der ungleichen Geschlechterverteilung in der vorliegenden Stichprobe als vorläufig anzusehen.

Interkorrelationen der Skalen und deren Vergleiche

Die Interkorrelationen der Skalen (dargestellt in Tab. 1) lagen zwischen r = 0,08 und r = 0,53. Globale Bindungsangst war signifikant höher mit der Einschätzung von Bindungsangst für FreundIn korreliert als mit der Bindungsangst hinsichtlich Vater (Hotelling’s t = –6,7, p < 0,001), Mutter (t = −5,7, p< 0,001) und PartnerIn (t = −2,7, p = 0,008). Globale Bindungsvermeidung korrelierte signifikant höher mit der Einschätzung von Bindungsvermeidung für FreundIn als mit der Einschätzung für den Vater (t= 2,4, p= 0,017), hinsichtlich der Zusammenhänge zu den anderen beziehungsspezifischen Skalen bestanden jedoch keine Unterschiede.

Zusammenhänge zwischen globalen und spezifischen Bindungsskalen mit aktuellen Beschwerden, Persönlichkeitsdysfunktion und interpersonalen Problemen

Wie hinsichtlich der Kriteriumsvalidität des Instruments erwartet, waren die bivariaten Zusammenhänge zwischen den Skalen des ECR-RS und SCL-K9, IIP-32 und LPFS-BF durchgehend positiv und schwach bis moderat ausgeprägt (Tab. 2). Das Alter war insgesamt nicht mit Bindungsangst korreliert, es bestanden jedoch positive Zusammenhänge zu Bindungsvermeidung in den Beziehungen zu Mutter, Vater und global. In den folgenden Regressionsmodellen wurde daher das Alter zusätzlich als Kovariate eingeschlossen.

Tab. 2 Interkorrelationen von SCL-K9, IIP-32 und LPFS-BF und bivariate Zusammenhänge mit den Skalen des ECR-RS und dem Alter (N = 622)

Die Ergebnisse der Regressionsmodelle jeweils für die drei abhängigen Variablen SCL-K9, IIP-32 und LPFS-BF sind in Tab. 3 dargestellt. Der Variance Inflation Factor lag jeweils unter 2, weshalb Multikollinearität ausgeschlossen werden konnte. Im globalen Modell (1) waren beide Bindungsstrategien mit den drei Ergebnismaßen assoziiert. Globale Bindungsangst war dabei ein stärkerer Prädiktor für die akute psychische Symptombelastung (β = 0,48, p < 0,001), für interpersonale Probleme (β = 0,49, p < 0,001) und für Beeinträchtigungen im Persönlichkeitsfunktionsniveau (β = 0,48, p < 0,001) als Bindungsvermeidung. Im Modell 2 zeigten die Bindungsstrategien hinsichtlich der Beziehungen zu PartnerIn und FreundIn im Vergleich mit den Beziehungen zu den Eltern größere und mehrheitlich signifikante Zusammenhänge zu den drei Ergebnismaßen.

Tab. 3 Ergebnisse der multiplen linearen Regressionsmodelle für globale und beziehungsspezifische Bindungsdimensionen im Zusammenhang mit aktuellen Beschwerden (SCL-K9), interpersonalen Problemen (IIP-32) und Persönlichkeitsfunktionsniveau (LPFS-BF)

Unter Einschluss der beziehungsspezifischen Skalen im Modell 3 blieb globale Bindungsangst weiterhin der bedeutsamste Prädiktor. Hingegen zeigte globale Bindungsvermeidung nach Einschluss der beziehungsspezifischen Vermeidungsskalen einen schwachen inkrementellen Effekt für das Persönlichkeitsfunktionsniveau (β = 0,09, p = 0,033), stand aber in keinem Zusammenhang mehr mit der Symptombelastung und interpersonalen Problemen. Jedoch präzidierte insbesondere Bindungsvermeidung in der Partnerschaft interpersonale Probleme (β = 0,16, p < 0,001) als auch akute Symptombelastung (β = 0,09, p = 0,026) und Beeinträchtigungen im Persönlichkeitsfunktionsniveau (β = 0,13, p < 0,001). Schwächere inkrementelle Zusammenhänge zeigten sich außerdem zwischen interpersonalen Problemen und Vermeidung in der Beziehung zum Vater (β = 0,14, p = 0,002) und in der Freundschaftsbeziehung (β = 0,12, p = 0,003). Die Varianzaufklärung von Modell 3 im Vergleich zu Modell 1 erhöhte sich um 6 % (Symptombelastung und interpersonale Probleme) bzw. um 7 % (Persönlichkeitsfunktionsniveau; jeweils p < 0,001).

Diskussion

Die vorliegende Studie analysiert in einer relativ großen Stichprobe Unterschiede zwischen globalen und beziehungsspezifischen Bindungsdimensionen und bringt diese in Zusammenhang mit aktuellen psychischen Beschwerden, interpersonalen Problemen und Persönlichkeitsdysfunktion.

Zunächst war die interne Konsistenz aller Skalen des ECR-RS in der deutschen Übersetzung gut bis sehr gut (McDonalds ω zwischen 0,87 und 0,92) und dahingehend mit der Originalversion vergleichbar (Fraley et al. 2011). Hinsichtlich Fragestellung a) replizierte die vorliegende Untersuchung den bisher konsistenten Befund, dass sich die Ausprägungen von Bindungsangst und Bindungsvermeidung je nach Beziehungskontext unterscheiden (Caron et al. 2012; Fraley et al. 2011). Die selbstbeurteilte Bindungsangst in der globalen Form fiel dabei höher aus als für die spezifischen Beziehungen zu Mutter, Vater, PartnerIn und FreundIn und umfasst somit einen zentralen Aspekt des jeweiligen Bindungsmodells, welcher über die spezifischen Beziehungsmodelle hinausgeht. Die Freundschaftsbeziehung korrespondierte am ehesten mit der globalen Einschätzung von Bindungsangst und Bindungsvermeidung, wohingegen die Beurteilungen der Partnerschaft und der Beziehungen zu Mutter und Vater schwächere Zusammenhänge zum globalen Modell von Bindung zeigten.

Dieses Ergebnis steht zunächst im Widerspruch zu der Annahme der Bindungstheorie, dass das innere generalisierte Arbeitsmodell insbesondere durch die frühen Beziehungen in der Ursprungsfamilie geprägt wird (Bretherton und Munholland 2008). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es maßgeblich von der Methodik abhängt, welcher Aspekt von Bindung erfasst wird. Entsprechend der Theorie des inneren Arbeitsmodells (Bretherton und Munholland 2008) steuern die frühen Erfahrungen mit den kindlichen Bezugspersonen auch im Erwachsenenalter die Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsprozesse in bindungsrelevanten Situationen. Diese Prozesse sind jedoch der bewussten Wahrnehmung weitgehend unzugänglich und können nur in der Fremdbeobachtung mittels interviewbasierter Verfahren erfasst werden. Selbstbeurteilungsfragebogen hingegen, wie in der vorliegenden Untersuchung, messen die bewusste aktuelle Wahrnehmung von Bindungsbeziehungen und erfassen somit einen anderen Aspekt von Bindung als interviewbasierte Methoden (Ravitz et al. 2010; Strauss et al. 2022). Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass die ProbandInnen nicht die kindliche, sondern ihre aktuelle Beziehung zu den Eltern einschätzen sollten und sich die Bindungsqualität zu Mutter und Vater im Laufe der Zeit auch verändert haben kann.

Die in der vorliegenden Studie gefundenen Unterschiede zwischen den globalen und beziehungsspezifischen Bindungsdimensionen korrespondieren mit dem hierarchischen Modell nach Collins und Read (1994) wonach eine Person sowohl ein generalisiertes Bindungsmodell als auch davon teilweise unabhängige beziehungs- und personenspezifische Bindungsrepräsentationen entwickelt. Auch für die Zusammenhänge zur psychischen Gesundheit zeigen unsere Ergebnisse, dass zwar einerseits Überschneidungen zwischen den globalen und spezifischen Bindungsskalen bestehen, andererseits aber beide auch einen jeweils unabhängigen Teil zur Varianzaufklärung von aktuellen Beschwerden, interpersonalen Problemen und Persönlichkeitsdysfunktion beitrugen (Fragestellung b und c) Die Ergebnisse zeigen, dass sich die beiden Bindungsdimensionen Angst und Vermeidung dahingehend jedoch unterschieden. Globale Bindungsangst war konsistent über alle Ergebnismaße hinweg der bedeutsamste Prädiktor im Vergleich mit den beziehungsspezifischen Skalen. Im Gegensatz dazu stand Bindungsvermeidung eher im Rahmen der spezifischen Beziehungen im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit. Unsere Ergebnisse können somit die Hypothese, dass interpersonale Probleme eher mit spezifischen Bindungsdimensionen assoziiert sind, nur teilweise für die Bindungsvermeidung, nicht jedoch für Bindungsangst bestätigen. Insgesamt zeigt sich für beide Bindungsdimensionen, dass die Beziehungen zu PartnerIn und FreundIn in bedeutsameren Zusammenhängen mit der Psychopathologie standen als die Beziehungen zu den Eltern. Dies steht teilweise im Widerspruch mit bisherigen Befunden (Caron et al. 2012), welche jedoch in mutmaßlich jüngeren Studierendenstichproben gefunden wurden. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass in altersheterogenen Stichproben die Beziehungen zur Ursprungsfamilie für das psychische Befinden weniger wichtig sein könnten als die aktuellen „egalitären“ Beziehungen, wobei v. a. der Partnerschaft eine besondere Bedeutung zukommt.

Die Bindungsfigur, auf die in der Instruktion von Bindungsfragebogen Bezug genommen wird, scheint somit keineswegs beliebig, weil sich Unterschiede dahingehend zeigen, ob Bindung allgemein oder im Rahmen einer spezifischen Beziehung beurteilt wird. Für die klinische Praxis könnte eine Kombination aus globalen und partnerschaftsbezogenen Bindungsfragebogen am aussagekräftigsten sein, um die unterschiedlichen Zusammenhänge von Bindungsangst und Bindungsvermeidung mit der psychischen Gesundheit ausreichend zu erfassen.

Unsere Ergebnisse können damit eine erste grobe Orientierung zu dieser bislang wenig untersuchten Thematik bieten, sollten jedoch in weiteren Stichproben überprüft werden. Zu berücksichtigen ist, dass die Teilnehmenden der vorliegenden Untersuchung durchschnittlich eher niedrige Ausprägungen in Bindungsangst und Bindungsvermeidung aufwiesen und somit Bodeneffekte nicht ausgeschlossen werden können. Die vorliegenden Ergebnisse sollten daher auch in klinischen Stichproben überprüft werden, in denen Bindungsunsicherheit mutmaßlich höher ausgeprägt ist. Hinsichtlich der Limitationen ist zu berücksichtigen, dass Symptombelastung, Persönlichkeitsfunktionsniveau und interpersonale Probleme ausschließlich mittels Selbstbeurteilungsfragebogen erfasst wurden. Insbesondere für Personen mit hoher Bindungsvermeidung ist jedoch bekannt, dass diese zur Bagatellisierung ihrer Schwierigkeiten neigen (Berry und Danquah 2016), weshalb entsprechende Verzerrungen nicht ausgeschlossen werden können. Als weitere Limitation ist zu nennen, dass sich ein deutlich überproportionaler Teil der Stichprobe aus Frauen zusammensetzt. In zukünftigen Untersuchungen sollte ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis angestrebt werden.

Fazit für die Praxis

  • Die Bindungsdimensionen von Erwachsenen unterscheiden sich je nach dem Beziehungskontext, in dem sie beurteilt werden.

  • Bei der Auswahl eines Bindungsfragebogens sollte daher beachtet werden, ob Bindungsdimensionen in einer allgemeinen Form oder hinsichtlich einer spezifischen Beziehung erfasst werden.

  • Auf Grundlage der vorliegenden Ergebnisse kann als Empfehlung für die Praxis formuliert werden, dass eine Kombination aus globalen und partnerschaftsbezogenen Bindungsfragebogen am aussagekräftigsten zu sein scheint, um die unterschiedlichen Zusammenhänge von Bindungsangst und Bindungsvermeidung mit der psychischen Gesundheit umfassender abzubilden.