In unserer Publikation greifen wir das Thema „Sicherheit in und an der Klinik“ auf. Die Zielsetzung bestand darin, durch eine Literatursichtung und eine Befragung der Teilnehmer*innen der 3. Notfallkonferenz der DGU zu beleuchten, inwieweit Kliniken auf mögliche Sicherheitsrisiken vorbereitet sind und welche Bemühungen zur Daseinsberechtigung bisher dahingehend unternommen wurden.
Hierbei geht es konkret um den Schutz einer kritischen Infrastruktur in unserer Gesellschaft, die potenziell durch terroristische Aktivitäten bedroht wird. Da es in solchen Szenarien zu einem Massenanfall von Verletzten mit sehr dynamischen Lagen kommen kann, ist ein ausgeklügeltes und belastungsstabiles Sicherheitskonzept mit einem Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren gefragt, um die Funktionalität der Kliniken aufrechtzuerhalten.
Bestandsaufnahme
Die Verpflichtung zur Gefahrenabwehr für die kritische Infrastruktur „Klinik“ liegt hoheitlich bei den Bundesländern und ist dementsprechend rechtlich auch in den Katastrophenschutzgesetzen oder Krankenhausgesetzten der Länder festgelegt. Ein wichtiges Instrument ist das Vorhalten einer KAEP [25].
In unserer Befragung zeigte sich, dass eine KAEP bei 84 % der Befragten vorlag. Hiermit scheint sich dieses Instrument zur Etablierung von Maßnahmen zur Sicherheit an und in deutschen Kliniken folgerichtig durch verschiedene Publikationen und Lenkungsgruppen zur Erstellung von Handlungsempfehlungen durchgesetzt zu haben.
Bei knapp zwei Dritteln der Befragten wurde die KAEP innerhalb der letzten 3 Jahre zuletzt aktualisiert, sodass man an dieser Stelle interpretieren darf, dass u. a. terroristische Vorkommnisse der jüngsten Vergangenheit eine entsprechende Reaktion und nötige Anpassungen bewirkt haben.
89 % der Befragten gaben ein bestehendes Alarmierungskonzept in ihrer Klinikstruktur an, das bei 60 % der Befragten überwiegend „automatisiert und abgestuft“ funktionierte. Im Gegensatz zu einer „individuellen und manuellen“ Alarmierung liegt der Vorteil bei einem computergestützten, automatisierten System in der gleichzeitigen Alarmierung einer großen Personenzahl und der parallelen Nutzung unterschiedlicher Alarmierungswege (z. B. Festnetz, Mobilfunk, E‑Mail, SMS), während ein individuell-manuelles Konzept Personal bindet und darüber hinaus auch zeitaufwendig ist. Deshalb scheint sich hier die technisch unterstützte Alarmierung durchgesetzt haben. Nichtsdestotrotz sollte bei technischen Störungen oder sogar Ausfällen auf alternative IT- und Kommunikationsmittel im Notfall zurückgegriffen werden können [24].
Neben der Aktualisierung der KAEP spielt auch die Kommunikation zu den Mitarbeitern bezüglich Aktualisierungen und Neuerungen von Inhalten eine wichtige Rolle. Unsere Befragung zeigte hier auf, dass etwa die Hälfte der Befragten (49 %) keine Veranstaltungen zu diesem Thema durchführte. Gerade als Möglichkeit zur Sensibilisierung des hausinternen Personals als auch zur aktiven Gestaltung sowie kritischen Diskussion der Prozesse erachten wir solche Veranstaltungen in regelmäßigen Intervallen als sinnvoll. Als Leitfaden zur Frequenz könnte man vergleichend die von uns erhobene Statistik nennen, dass Besprechungen zur „normalen Notfallversorgung“ in deutschen Traumazentren überwiegend mindestens einmal im Quartal stattfinden, wobei damit einmal jährlich derartige Besprechungen für den Schwerpunkt KAEP genutzt werden könnten.
Eine zentrale Fragestellung unserer Publikation betraf das Vorhandensein eines innerklinischen Sicherheitskonzeptes. Diese Bestandsaufnahme zeigte, dass doch immerhin ein signifikanter Anteil der Befragten kein Sicherheitskonzept in der Klinik vorweisen konnte (38 %) oder zumindest Unklarheit über solch ein Konzept bestand (28 %). Korrespondierend konnten wir feststellen, dass die Hälfte der Befragten nicht mit einem Sicherheits- oder Wachdienst kooperierte.
Dies sind Indizien, dass das Thema „Sicherheit in der Klinik“ konzeptionell noch nicht den breitflächigen Durchbruch erreicht und im alltäglichen Betrieb keine routinemäßige Umsetzung genießt. Andererseits könnte diese Tatsache dem Umstand geschuldet sein, dass die interne Risikoanalyse gemäß der KAEP nicht zu einer Bewertung geführt hat, die eine Zusammenarbeit mit einem Sicherheitsdienst erfordert.
Aus den Erfahrungen, die wir durch Begleitung von Großschadensübungen (z. B. „BWTEX“ 2019 in Baden-Württemberg, größte interdisziplinäre (Antiterror‑)Übung der Sicherheitsbehörden in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) gewinnen konnten, resultiert jedoch die Erkenntnis, dass in solch dynamischen und komplexen Szenarien wie z. B. einem MANV oder TerrorMANV klare Absprachen mit den lokalen Behörden getroffen werden müssen, damit beim Eintreten von besonderen Ereignissen Personal zur Sicherung der Klinik und zum „Clearing“ von eintreffenden Patienten benannt ist. Dies ist ein Faktor, der durch das klinikeigene Personal nicht gewährleistet werden kann.
Ebenso wichtig sind die Absprachen innerhalb der Traumanetzwerke, da beim Auftreten von bestimmten Ereignissen, wie sie schon in der Vergangenheit aufgetreten sind (z. B. Großschadenereignisse wie Rammstein 1988 und Eschede 1998), übergeordnete Strukturen aktiviert werden müssen, um einen strukturierten Abstrom von einer großen Anzahl an Patienten aus den Lagen zu gewährleisten [16, 19]. Im Vergleich zu einem TerrorMANV, der eine größere Dynamik aufweist, sind diesbezüglich Absprachen, inklusive Organisation von Sekundärverlegungen, umso wichtiger [1]. Hier zeigt sich in der Befragung der Trend, dass die eine Hälfte der Befragten einen zentralen Ansprechpartner im jeweiligen Traumanetzwerk hat, während die andere Hälfte jedoch keine zentrale Kontaktmöglichkeit besitzt oder diese unbekannt ist. In diesem Punkt zeigt sich ein klarer Informationsbedarf innerhalb der Traumanetzwerke, der durch geeignete Maßnahmen wie z. B. netzwerkinterne Informationsveranstaltungen generiert werden kann.
Weitere wichtige Aspekte hinsichtlich der vorbereitenden Maßnahmen zum Thema „Sicherheit an und in der Klinik“ sind der Umgang mit sowie die Vorbereitung auf mögliche CBRN-Bedrohungen. Obwohl in der jüngeren Vergangenheit keine terroristischen Angriffe in Europa mit biologischen, nuklearen, chemischen oder radioaktiven Kampfmitteln oder -stoffen stattgefunden haben, sollten diese weiterhin in die Risikoanalysen der KAEP einbezogen werden.
Dementsprechend verfügt die Mehrheit der Befragten in den Kliniken über keinerlei Dekontaminationseinheit (71 %). Die Verfügbarkeit oder der Anschluss an eine Dekontaminationseinheit als eine Maßnahme zur strukturierten Bewältigung solcher Bedrohungen sollte dennoch kritisch geprüft und reevaluiert werden, um den besonderen Herausforderungen bei CBRN-Notfällen begegnen zu können [20]. Eine Option zum Erwerb einer entsprechenden Expertise kann hier möglicherweise der intensivere „Schulterschluss“ mit der Bundeswehr sein, die mit ihrer Expertise im Umgang mit „ABC-Bedrohungen“ sowie mit der technischen Ausstattung als wertvoller Partner in einer Beraterfunktion zur Seite stehen kann.
Bisherige Bemühungen und Ausblick
In der Betrachtung der Bemühungen oder bisherigen Vorbereitungen der Kliniken zum Thema Sicherheit muss man feststellen, dass nur 34 % der Klinikeinrichtungen ein Sicherheitskonzept besitzen. Dies scheint als „Basisindikator“ für die Thematik ein recht geringer Wert zu sein. Hier müssen die Ursachen weiter untersucht werden. Mögliche Gründe für dieses Ergebnis könnten finanzielle Belange sein oder eine als nachrangig eingeschätzte Notwendigkeit zur Implementierung solcher Konzepte.
Was in der Auswertung der Fragen zum Themenkomplex „Vorhandensein Sicherheitskonzept“ evident war, dass beinahe einem Drittel der Befragten „unbekannt“ war, ob ein Sicherheitskonzept oder auch Absprachen mit Sicherheitsbehörden wie z. B. der Polizei, Feuerwehr, Sicherheitsdiensten bei einem MANV vorliegen. Dies verdeutlicht, dass der Stellenwert der Kommunikation und der Grad der Vernetzung mit öffentlichen Behörden deutlich gesteigert werden müssen, um hier in einem etwaigen Szenario klare Strukturen und Zuständigkeiten zu schaffen [13, 26]. Absprachen, die nicht bekannt und kommuniziert sind, werden zum einen nicht umgesetzt und zum anderen bei geringer Compliance unnötigerweise hinterfragt und Umsetzungen durch Rückfragen verzögert.
Wiederum deutlich klarer scheinen die Absprachen innerhalb der TraumaNetzwerke DGU® zu sein, da hier eine klare Mehrheit von 66 % der Befragten konkrete Absprachen bestätigen konnte. Dies zeigt, dass der fachbezogene Austausch in der Regel und auf der Basis der gut etablierten Netzwerkstrukturen in der Regel unkompliziert ist und leichter fällt, sowie diese deutlich häufiger getroffen werden als mit „entfernteren“ Institutionen.
Der konkrete Bedarf an einer Steigerung der Vernetzung zu öffentlichen Behörden ist jedoch klar abzuleiten, denn immerhin beschreiben 47 % der Befragten, dass ihr vorliegendes Raumkonzept bei einem MANV/TerrorMANV nicht umgesetzt bzw. geschützt werden kann. Dies impliziert, dass weitere Schulungen/öffentliche Veranstaltungen erfolgen sollten, um Klinikleitungen und den Hauptverantwortlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, ihr Anfahrts- und Sicherheitskonzept außerhalb der Klinik sowie das innerklinische Wege- und Raumkonzept zu optimieren.
Im Bereich des Anfahrtkonzeptes könnte man z. B. getrennte Zu- und Abfahrtswege der Einsatzfahrzeuge im Sinne eines Kreisverkehrs definieren oder die Regelung der Verkehrsführung mit Ausschilderung durch Polizei oder lokale Feuerwehr aufführen.
Ein wesentliches Element zur Vorbereitung auf einen MANV oder TerrorMANV ist das Training und Einstudieren von Abläufen, um Schwächen oder Ungereimtheiten in eigenen Abläufen erkennen zu können. Die besonderen Zeitachsen der Patientenströme und zu erwartenden Verletzungsmuster wurden bereits in verschiedenen Publikationen ausgeführt [1, 3, 4, 8, 9].
Dazu kommt, dass gerade das Zusammenspiel mit öffentlichen Behörden aufgrund der verschiedenen Zuständigkeiten, Kommunikationsarten und -mittel und der strategischen Herangehensweisen einer ausgeklügelten, aber klaren Interaktion bedarf.
Nachdem in der Vorbereitung für die Fußballweltmeisterschaft 2006 kurzzeitig viele Anstrengungen von Krankenhäusern und lokalen Behörden unternommen wurden, um die Versorgung von Großschadensereignissen zu verbessern [15, 23], zeigen sich in unserer aktuellen Auswertung, dass es bei der Umsetzung und Durchführung von Übungsvorhaben in den letzten Jahren verschiedene Herangehensweisen gibt.
Belegt wird diese Feststellung durch die vorliegende Auswertung, dass nur knapp die Hälfte aller Befragten in ihren Wirkstätte eine Übung innerhalb der letzten 5 Jahre miterlebt hat. Ein Viertel der Befragten berichtet im Gegensatz dazu einmal pro Jahr eine Übung in der eigenen Klinik. Diese Heterogenität könnte dadurch erklärt werden, dass es Kliniken gibt, die entweder aufgrund einer intrinsischen Motivation deutlich häufiger Zeit und Ressourcen für solche Vorhaben aufwenden oder durch politische Unterstützung ggf. eine stärkere Unterstützung erfahren, mit Bereitstellung von finanziellen Mitteln oder strikteren Vorgaben innerhalb der jeweiligen Landeskatastrophenschutzgesetze. Dass die Hälfte aller Übungen als „Realübung“ durchgeführt wurde, ist wiederum als sehr positiv zu bewerten, da diese Art von Übungsmuster die betroffenen Kliniken personell und materiell am stärksten belastet und damit auch in der Lage ist, etwaige bestehende Defizite realitätsnah und deutlich aufzuzeigen. So konnte z. B. im Rahmen der Realübung „BWTEX“ im Oktober 2019 bereits eine konstruktive Auswertung der Übung mit anschließender Aufarbeitung durchgeführt werden [21].
Es zeigt sich, dass v. a. Übungsvorhaben ohne Terrorhintergrund (76 %) durchgeführt worden sind. Hier sollte zukünftig das Übungsspektrum erweitert werden, da der Anstieg von terroristischen Aktivitäten in Europa mit Schuss- und Explosionsverletzungen ein taktisches Umdenken auf allen Ebenen in der Bewältigung solcher Szenarien im Gegensatz zu einem MANV erfordert [2, 8].