Der Erfolg der Entwicklung, Einführung und Nutzung von Informationssystemen hängt in einer global vernetzten Welt immer stärker von kulturellen Einflussfaktoren ab. Kultur bezieht sich auf die Einstellungen, Werte, Ziele und Bräuche beteiligter Aufgabenträger auf organisationaler, beruflicher und nationaler Ebene. Kulturelles Bewusstsein ist ein Schlüssel ökonomischem Erfolg, aber auch zur Vermeidung von Problemen und zur Sicherstellung einer bestmöglichen Kongruenz zwischen Mensch, Aufgabe und (Informations-)Technik sehr bedeutsam.

In den vergangenen Jahren haben Aufgabenträger unterschiedlicher Professionen und Länder mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund ihre Kooperationsanstrengungen erhöht, um neue Informationssysteme und systemnahe Dienstleistungen zu entwickeln, einzuführen und zu betreiben. Der Erfolg von Entwicklungsprojekten in Osteuropa oder Fernost hängt beispielsweise maßgeblich davon ab, wie kulturelle Unterschiede auf Anbieter- und Kundenseite überbrückt werden.

Bei der Einführung und Nutzung von Unternehmenssoftware können die kulturellen Praktiken und Annahmen auf der Anbieterseite von denen auf der Kundenseite abweichen. Ein Kundenunternehmen in Brasilien folgt zum Beispiel einer anderen Kultur des Denkens und Handelns in Geschäftsprozessen als ein Anbieterunternehmen aus Deutschland. Während der Systemeinführung und -nutzung müssen Informationssysteme die kulturellen Hintergründe unterschiedlicher Anspruchsgruppen sowie Unternehmensgrenzen überbrücken. Auch hier stellt die Berücksichtigung und Bewältigung kultureller Einflussfaktoren über die Sprache hinaus ein Schlüsselmerkmal des Systemerfolgs dar.

Diese Überlegungen haben uns dazu bewogen, ein Schwerpunktheft der Zeitschrift WIRTSCHAFTSINFORMATIK herauszugeben, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen behandelt, in denen kulturelle Fragestellungen bei der Entwicklung, Einführung und Nutzung von Informationssystemen in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden. Auf der Basis einer guten Einreichungslage konnten wir vier wissenschaftliche Beiträge und ein Interview für Sie auswählen. Ein weiterer Beitrag wird in einem der nächsten Hefte der WIRTSCHAFTSINFORMATIK erscheinen.

Nitin Agarwal und Rolf Wigand von der University of Arkansas in Little Rock und Merlyna Lim von der Arizona State University eröffnen den Reigen. Sie zeigen auf, wie Informationssysteme soziale Bewegungen und tradierte Rollen in Gesellschaften verändern können. Ihr Beitrag „Meinungsäußerung und -bildung in sozialen Medien“ nimmt eine Längsschnittanalyse von Internet-Blogs in 17 Ländern über einen Zeitraum von sieben Jahren vor. Die Autoren analysieren, wie die in den Medien bekannt gewordene Kampagne von Al-Huwaider die Rechte von Frauen in Saudi-Arabien stärkt. Die in diesem Kontext entwickelte Methode kann auf andere Bereiche übertragen werden, in denen soziale Phänomene von Bedeutung sind, wie z. B. im Marketing, Personalwesen oder im Projektmanagement.

Der zweite Beitrag stammt aus der Feder von Hanna Krasnova und Oliver Günther von der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Natasha Veltri von der University of Tampa. Er bezieht sich ebenfalls auf soziale Netzwerke. Unter der Überschrift „Die Rolle der Kultur in der Selbstoffenbarung und Privatsphäre in sozialen Onlinenetzwerken“ wird untersucht, wie sich kulturelle Unterschiede von US-amerikanischen und deutschen Facebook-Nutzern auf die individuelle Bereitschaft auswirken, persönliche Daten offenzulegen. Die Ergebnisse liefern eine ganze Reihe von interessanten Anhaltspunkten für die Betreiber und Nutzer sozialer Netzwerke, die die Schaffung und das Teilen neuer Inhalte für Mitglieder durch andere Mitglieder anstreben.

Alexander von Stetten, Daniel Beimborn, und Tim Weitzel von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg befassen sich mit „Auswirkungen kulturspezifischer Verhaltensmuster auf das Sozialkapital in multinationalen IT-Projektteams“. Auf der Basis einer multiplen Fallstudie interkultureller IT-Projekte mit indischen und tschechischen Beteiligten zeigen sie, dass nicht einzelne Dimensionen nationaler Kultur, sondern vielmehr komplexe Kulturbündel ein besseres Verständnis dafür liefern, wie Individuen ihre Arbeitsbeziehungen und -ergebnisse mit Gruppenmitgliedern aus anderen Ländern entwickeln und wie man dabei entstehende Probleme mittels geeigneter Maßnahmen adressieren kann.

Im vierten Beitrag betrachten Oliver Marschollek und Roman Beck von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt die „Harmonisierung divergierender organisationaler Kulturen in öffentlich-privaten IT-Partnerschaften“. Sie analysieren eine Kooperation in einer deutschen Stadt, in der unterschiedliche Organisationskulturen bei der Nutzung von IT-Dienstleistungen aufeinander prallen. Die Autoren zeigen, wie die beteiligten Akteure durch die Entwicklung einer gemeinsamen kulturellen Norm und durch konsensorientierte Praktiken ihre Unterschiede in der Organisationskultur erfolgreich überwinden.

Die vorgenannten vier Aufsätze werden durch ein Interview vervollständigt. Alexander Mädche von der Universität Mannheim befragt Dr. Clemens Däschle von der SAP AG über das „Management globaler Softwareentwicklung“ in seinem Unternehmen.

Wir möchten die Gelegenheit zum Anlass nehmen, allen Autoren, Gutachtern und insbesondere Herrn Tommi Kramer für die Anstrengungen zu danken, die dieses Schwerpunktheft ermöglicht haben. Wir sind zuversichtlich, dass die Auswahl der präsentierten Beiträge eine Gelegenheit darstellt, die Reichhaltigkeit kultureller Facetten und ihre Wirkung auf Informationssysteme weiter zu durchdringen.

Wir wünschen daher Ihnen als Leser der WIRTSCHAFTSINFORMATIK viele neue Einsichten und Anregungen, das vielschichtige Phänomen kultureller Einflussfaktoren von Informationssystemen weiter zu entschlüsseln.