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Haftung wegen schuldhafter ärztlicher Eigenmacht

  • E. Biermann
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Zusammenfassung

Die Rechtsprechung vertritt seit mehr als 100 Jahren die Auffassung, dass selbst der vital indizierte, dringende Heileingriff den (äußeren) Tatbestand der Körperverletzung erfüllt und deshalb der Rechtfertigung bedarf. Rechtswidrig und vorsätzlich handelt daher der Arzt, der einen Eingriff durchführt, obwohl er weiß oder damit rechnet, dass der Patient seine Einwilligung verweigert hat bzw. verweigern würde oder dass eine von ihm erteilte Einwilligung nicht wirksam ist (z. B. wegen fehlender Einwilligungsfähigkeit oder unzureichender Aufklärung). Fahrlässig aus zivil- wie aus strafrechtlicher Sicht handelt der Arzt, der infolge eines Sorgfaltsmangels nicht prüft, ob der Patient willensfähig ist, oder ihn nicht ausreichend aufklärt bzw. den Eingriff durchführt, ohne zu prüfen, ob der Patient von dem dafür zuständigen Arzt ordnungsgemäß aufgeklärt wurde.

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© © Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.RechtsabteilungBerufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA)NürnbergDeutschland

Section editors and affiliations

  • Rolf Rossaint
    • 1
  1. 1.Klinik für operative Intensivmedizin und Intermediate CareUniversitätsklinikum AachenAachenDeutschland

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