Skip to main content

Ernährung als Alltagsdilemma – Konversationsanalytische Einblicke in eine Selbsthilfegruppe von Personen mit Übergewicht

  • 105 Accesses

Zusammenfassung

Die Konversationsanalyse ist eine Methode, die durch die detaillierte Analyse von Gesprächen die lokale Herstellung sozialer Gegebenheiten nachzeichnet. Am Beispiel von Gesprächen in einer Selbsthilfegruppe für Personen mit Adipositas wird gezeigt, dass erworbenes Wissen über Ernährung nicht lediglich wiedergegeben wird. Die Darstellung von Wissensbeständen auf verschiedene Weisen dient gleichzeitig einer Einordnung und Bewertung dieses Wissens. Die Mitglieder der Gruppe begegnen auf diese Weise den vielfältigen Widersprüchen, die gesellschaftliche Erwartungen an ‚richtige‘ Ernährung ausprägen.

Schlüsselwörter

  • Selbsthilfe
  • Konversationsanalyse
  • Adipositas
  • Wissen
  • Interaktion

This is a preview of subscription content, access via your institution.

Notes

  1. 1.

    Personen mit starkem Übergewicht weisen demnach eine höhere Gefährdung für Depressionen auf (Herpertz und Senf 2003; Tyrrell et al. 2019), gleichzeitig befördert Depression wiederum die Gewichtszunahme (Pan et al. 2012).

  2. 2.

    Einige Selbsthilfegruppen stellen dem intensiven inhaltlichen Austausch noch soziale Treffen zur Seite, etwa Stammtische oder gemeinsame Unternehmungen. Während diese sicherlich dem sozialen Zusammenhalt dienen und daher auch für die Gruppen stabilisierende Wirkung und die Mitglieder eine wesentliche unterstützende Funktion einnehmen können, erfüllen sie doch einen anderen Zweck als der fokussierte inhaltliche Austausch, und werden daher in dieser Studie nur am Rande berücksichtigt.

  3. 3.

    Die Konversationsanalyse befasst sich seit einigen Jahren unter dem Schlagwort der Epistemics intensiv mit Fragen nach der Rolle von Wissen im Gespräch (Heritage und Raymond 2005; Heritage 2012). Aufgrund des komplexen Diskurses und der sehr spezifischen Terminologie beziehe ich mich in der vorliegenden Analyse nicht auf diese Erkenntnisse, auch wenn sie grundsätzlich hochanschlussfähig dazu ist.

  4. 4.

    „Die Ketogene Diät ist eine therapeutische Ernährungsform, die durch ihren hohen Fettanteil sowie durch die Reduktion von Kohlenhydraten zur Ketonämie führt“ (Baumeister et al. 2003, S. 1).

  5. 5.

    Pomerantz (1986) beschreibt Formulierungen, in denen auf Extremfälle (alle, immer, nie etc.) zurückgegriffen wird, als Strategien, um potentiell strittige Aussagen zu legitimieren.

  6. 6.

    Lizzie etwa entwickelt in Reaktion auf Birgits Rückfrage eine komplexe Argumentation bezüglich der Gültigkeit ihrer Überzeugung, welche sich durch starke Umgangssprache, fehlende Fachterminologie und eine intensive Verwendung von Metaphern und Personalisierung körperlicher Abläufe (‚der körper denkt du bist in not‘) auszeichnet. Verweise auf externe Quellen oder ExpertInnen fehlen hingegen völlig. Aufgrund von Platzbeschränkungen lassen sich diese Merkmale hier nicht in ihrer Komplexität darstellen.

Literatur

  • Barlösius, E. (2014). Dicksein: wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt. In Frankfurt am Main. New York: Campus.

    Google Scholar 

  • Barlösius, E. (2016). Soziologie des Essens: Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. 3., durchge. Aufl. Weinheim: Beltz Juventa (Grundlagentexte Soziologie).

    Google Scholar 

  • Baumeister, F., Liebhaber, G., Riemann, E., & Gempel, K. (2003). Die Anwendung der Ketogenen Diät: Kontraindikationen, Durchführung und Nebenwirkungen. Kinder- und Jugendmedizin, 3(3), 120–126.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Bergmann, J. (1999). Diskrete Exploration: Über die moralische Sinnstruktur eines psychiatrischen Frageformats. In J. Bergmann & T. Luckmann (Hrsg.), Kommunikative Konstruktion von Moral (Bd. 2, S. 169–190). Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Garfinkel, H. (1967). Studies in ethnomethodology. Englewood-Cliffs: Prentice Hall.

    Google Scholar 

  • Godemann, J., & Bartelmeß, T. (2017). Ernährungskommunikation und Nachhaltigkeit. Perspektiven Eines Forschungsfeldes. Ernährungs Umschau, 64(12), M692–M698.

    Google Scholar 

  • Heritage, J. (2012). Epistemics in action: Action formation and territories of knowledge. Research on Language & Social Interaction, 45(1), 1–29.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Heritage, J., & Raymond, G. (2005). The terms of agreement: Indexing epistemic authority and subordination in talk-in-interaction. Social Psychology Quarterly, 68(1), 15–38.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Herpertz, S., & Senf, W. (2003). Psychotherapie der Adipositas. Deutsches Ärzteblatt, 100(20), 1068–1073.

    Google Scholar 

  • Hilbert, A., Ried, J., Zipfel, S., & de Zwaan, M. (2013). Stigmatisierung bei Adipositas. Adipositas-Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie, 7(03), 150–153.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Hirschfelder, G., Ploeger, A., Rückert-John, J., & Schönberger, G. (2015). Was der Mensch essen darf: Ökonomischer Zwang, ökologisches Gewissen und globale Konflikte. Wiesbaden: Springer VS.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Hitzler, S. (2020). „DA wurd ich Auch ganz blöde angeguckt.“ Das moralische Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Anspruch und individueller Integrität in einer Selbsthilfegruppe zum Thema Übergewicht. Journal für Psychologie, 28(2), 124–146.

    Google Scholar 

  • Methfessel, B. (2015). Welche Moral hätten Sie denn gerne? – Essen im Konflikt zwischen unterschiedlichen Anforderungen an die Lebensführung. In G. Hirschfelder, A. Ploeger, J. Rückert-John & G. Schönberger (Hrsg.), Was der Mensch essen darf: Ökonomischer Zwang, ökologisches Gewissen und globale Konflikte (S. 83–100). Wiesbaden: Springer VS.

    Google Scholar 

  • Pan, A., Keum, N., Okereke, O. I., Sun, Q., Kivimaki, M., Rubin, R. R., & Hu, F. B. (2012). Bidirectional association between depression and metabolic syndrome: a systematic review and meta-analysis of epidemiological studies. Diabetes Care, 35(5), 1171–1180.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Pomerantz, A. (1986). Extreme case formulations: A way of legitimizing claims. Human Studies, 9(2–3), 219–229.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Sacks, H. (1992). Lectures on conversation (Herausgegeben von Gail Jefferson). Oxford: Blackwell.

    Google Scholar 

  • Selting, M., Auer, P., Barth-Weingarten, D., Bergmann, J. R., Bergmann, P., Birkner, K., Couper-Kuhlen, E., et al. (2009). Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion, 10, 353–402.

    Google Scholar 

  • Setzwein, M. (2004). Ernährung – Körper – Geschlecht: Zur sozialen Konstruktion von Geschlecht im kulinarischen Kontext. Forschung Soziologie (Bd. 199). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    CrossRef  Google Scholar 

  • Tyrrell, J., Mulugeta, A., Wood, A. R., Zhou, A., Beaumont, R. N., Tuke, M. A., Jones, S. E., Ruth, K. S., Yaghootkar, H., Sharp, S., Thompson, W. D., Ji, Y., Harrison, J., Freathy, R. M., Murray, A., Weedon, M. N., Lewis, C., Frayling, T. M., & Hyppönen, E. (2019). Using genetics to understand the causal influence of higher BMI on depression. International Journal of Epidemiology, 48(3), 834–848.

    CrossRef  Google Scholar 

Download references

Author information

Authors and Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Sarah Hitzler .

Editor information

Editors and Affiliations

Rights and permissions

Reprints and Permissions

Copyright information

© 2020 Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature

About this entry

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this entry

Hitzler, S. (2020). Ernährung als Alltagsdilemma – Konversationsanalytische Einblicke in eine Selbsthilfegruppe von Personen mit Übergewicht. In: Godemann, J., Bartelmeß, T. (eds) Ernährungskommunikation. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27315-6_20-1

Download citation

  • DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-27315-6_20-1

  • Received:

  • Accepted:

  • Published:

  • Publisher Name: Springer VS, Wiesbaden

  • Print ISBN: 978-3-658-27315-6

  • Online ISBN: 978-3-658-27315-6

  • eBook Packages: Springer Referenz Sozialwissenschaften & Recht