Zusammenfassung
Im Militär als Institution des staatlichen Gewaltmonopols, das aufgrund des Gewaltbezugs besonderen Anforderungen in Bezug auf Legitimität wie Professionalität des eigenen Handelns unterliegt, kreuzen sich verschiedene Logiken des Rückgriffs auf die Vergangenheit, die sich als ‚Tradition‘, ‚Gewaltbewältigung‘ sowie ‚Lernen‘ analytisch fassen lassen. Der Beitrag diskutiert diese Formen der vergangenheitsbezogenen Wissensverarbeitung anhand ausgewählter Studien aus der Militärsoziologie, der Militärhistoriografie und den Strategic Studies. Er kommt auf dieser Grundlage zu dem Ergebnis, dass der militärische Rückgriff auf die Vergangenheit einerseits durch den auftragsspezifischen Gewaltbezug sowie andererseits durch den instrumentellen Charakter gekennzeichnet ist, der zwar alle Formen des institutionalisierten Erinnerns und Vergessens kennzeichnet, deren Steuerbarkeit aber durch die jedem Gewalthandeln inhärente Erinnerungsmächtigkeit begrenzt wird.
Schlüsselwörter
- Streitkräfte
- Tradition
- Profession
- Organisation
- Gewalt
- Gedenken
- Denkmal
- Lessons Learned
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Notes
- 1.
Diese Forschungsperspektive bildet somit den (kleineren) Gegenpol zur breiten wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Neuen auf dem Feld der Kriegführung, wie etwa die Debatten um die sogenannten Neuen Kriege (Kaldor 1999; Münkler 2002) oder den New Western Way of War (Shaw 2005) in den 1990er- bzw. 2000er-Jahren belegen.
- 2.
Viele Streitkräfte verfügen über Einrichtungen, deren explizite Aufgabe das Lesson Learning ist. Das Militär wird also nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht als ‚lernende Organisation‘ konzipiert, sondern hat die Idee, dass Lernen wichtig ist, selbst ‚gelernt‘ und in Form eigener Verfahrensweisen institutionalisiert, die wiederum Gegenstand wissenschaftlicher Studien sind.
- 3.
Als Vorbilder hierfür gelten die vom preußischen Generalstab unter Helmuth von Moltke dem Älteren zur militärischen Unterrichtung durchgeführten „Stabs-Reisen“ an historische Kriegsstätten.
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