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Intention und Emergenz

Wie die Gesprächsanalyse zur Evaluation strategischer Kommunikation beitragen kann. Das Beispiel einer Bürgerveranstaltung zum Übertragungsnetzausbau
  • Christian SchwägerlEmail author
  • Reinhold Fuhrberg
  • Dimitrij Umansky
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Die Evaluation strategischer Kommunikation bewertet in der Regel, inwieweit die intentionale Einflussnahme auf Stakeholder im Organisationsumfeld gelingt. Der Kommunikationsprozess selbst als emergente, soziale Interaktion bleibt meist unbeachtet. In diesem Beitrag soll die linguistische Gesprächsanalyse als Evaluationsinstrument der Interaktion in einer Bürgerveranstaltung im Rahmen des Stromnetzausbaues vorgestellt und hinsichtlich ihrer Eignung bewertet werden.

Schlüsselwörter

Bürgerbeteiligung Gesprächsanalyse PR-Evaluation Soziale Interaktion Strategische Kommunikation 

1 Einleitung

Kommunikation und damit Sprache spielt in pluralistischen Gesellschaften mit ihren vielfältigen Partikularinteressen eine zentrale Rolle beim Aushandeln des Gemeinwohls. Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur versuchen im Wettstreit ihre Themen im öffentlichen Diskurs und damit letztlich ihre Interessen durchzusetzen. So stehen Staat und Privatwirtschaft auch bei der Implementierung großer Infrastrukturprojekte wie dem der Energiewende geschuldeten Ausbau des Stromnetzes vor großen kommunikativen Herausforderungen (vgl. Fuhrberg und Umansky 2017). Aufgrund zahlreicher gesundheitlicher, ökonomischer, ökologischer und ästhetischer Risiken protestieren vor allem lokale Akteure wie Bürger und Bürgervertreter1 gegen den Netzausbau.

Innerhalb unterschiedlicher Stakeholder-Interessen sind die Vorhabenträger bemüht, wirtschaftlich zu arbeiten und gesellschaftliche Legitimität zu erhalten. Dies umfasst neben den behördlichen Genehmigungen die soziale Akzeptanz durch Teile der betroffenen Bevölkerung. Im Rahmen der Genehmigungsverfahren sind dazu formale Öffentlichkeitsbeteiligungen vorgeschrieben, die durch informale Informations- und Kommunikationsangebote ergänzt werden. Die Public Relations (PR) der Netzbetreiber als Teil strategischer Organisationskommunikation versucht, die Kommunikationsprozesse in einer Weise zu planen und zu steuern, um ein Höchstmaß an Akzeptanz zu erreichen. Neben medial vermittelter Kommunikation über Broschüren, Pressearbeit, Websites, Videos und soziale Medien setzen die Unternehmen vor allem auf Veranstaltungsformate mit eingeschränkten Interaktionsmöglichkeiten wie Bürgerversammlungen, in denen sie die Bürger über die Planungen informieren und ihnen Fragemöglichkeiten einräumen. Solche Kommunikationsforen bieten einerseits eine gute Möglichkeit, diskursiv Verständigung beziehungsweise Beeinflussung zu erzielen, bergen andererseits das Risiko, als begrenzt steuerbares Format die beabsichtigte Wirkung zu verfehlen.

Der Beitrag versucht zu klären, inwieweit sich ein gesprächsanalytisches Verfahren eignet, diese interpersonelle Kommunikation zu dokumentieren und zu beschreiben. Im Kontext strategischer Kommunikation können die Befunde bewertet und als Vorlage für Handlungsempfehlungen genutzt werden. Dazu wird zunächst strategische Kommunikation im Spannungsfeld von Intention und Emergenz, d. h. beabsichtigter Wirkung vs. sich aus wechselseitigem Austausch ergebenden Effekten betrachtet. Dabei wird gefragt, inwieweit gängige PR-Evaluationsverfahren die soziale Interaktion erfassen. Die im PR-Kontext weitgehend unbekannte Gesprächsanalyse wird als dafür mögliche Evaluationsmethode skizziert. Die Relevanz strategischer Kommunikation für Infrastrukturprojekte, insbesondere für den Übertragungsnetzausbau wird herausgearbeitet, bevor am Beispiel des Formats einer Bürgerveranstaltung, von der ausgewählte Sequenzen Gegenstand der anschließenden Gesprächsanalyse sind, erläutert wird, welche Ziele und Taktiken die Organisatoren auf lokaler Ebene mit diesem Format verfolgen. Abschließend wird überprüft, welche Konsequenzen aus der Gesprächsanalyse gezogen werden können und inwieweit sie sich als Evaluationsinstrument der PR insbesondere in Bezug auf das Beschreiben sozialer Interaktion eignet.

2 Strategische Kommunikation und Evaluation zwischen Intention und Emergenz

Strategische Kommunikation lässt sich innerhalb der Organisationskommunikation als der Versuch von Organisationen beschreiben, mittels zielgerichteter Kommunikation und damit auch Sprache den angestrebten Organisationszweck zu erfüllen (vgl. Hallahan et al. 2007, S. 3). Dabei spielen die PR neben interner Kommunikation und Marktkommunikation eine zentrale Rolle. Als das Management von Kommunikationsprozessen zwischen Organisationen und deren Bezugsgruppen versucht PR durch einvernehmliche Beziehungen mit ihrem Umfeld die Legitimation organisationalen Handelns zu erhalten und so die Handlungsautonomie der Organisationen abzusichern.

Gemäß Konzeptionslehre vollzieht sich das Kommunikationsmanagement normativ in den zentralen vier Arbeitsschritten Analyse, Planung, Realisation und Evaluation (z. B. Bentele und Nothhaft 2015). Das Kommunikationscontrolling erfasst und bewertet dabei als Soll-Ist-Abgleich diese Arbeitsschritte und damit die Organisationskommunikation und will zugleich die Prozesssteuerung unterstützen (vgl. Zerfaß 2014, S. 59–69). Modelle des Kommunikationscontrollings versuchen, diese Strategiekonzeption in Management- und Kommunikationsprozessen zu implementieren (vgl. Pfannenberg und Zerfaß 2010). Das DPRG/ICV-Evaluationsmodell unterscheidet dabei vier Wirkungsstufen der Kommunikation und damit Ebenen der Evaluation: (1) Ressourceneinsatz (Input), (2) Qualität der Aktivitäten, Reichweite und Inhalte der Kommunikationsangebote (internes/externes Output), (3) Wahrnehmungsebene, Nutzung und Wissen sowie Beeinflussung von Meinung, Einstellung, Emotionen und Verhalten bei den Bezugsgruppen (direkter/indirekter Outcome) sowie (4) die strategische sowie betriebswirtschaftliche Erfolgsebene der Organisation (Outflow). Ob dieses Kommunikationsverständnis der Steuerungsfähigkeit via Balanced-Scorecard-Modellen, die Unterstellungen von einfachen Ursache-Wirkungszusammenhängen im Rahmen sogenannter Strategy Maps, der Komplexität und Korrelation wechselseitiger Kommunikationsprozesse gerecht wird, ist zumindest fraglich (vgl. Preusse und Röttger 2013).

Gegenüber normativen Kommunikationsmodellen befassen sich konstituierende Modelle mit „how individual and shared meanings are shaped through the communication process itself“ (Holtzhausen und Zerfass 2015, S. 8). Aus u. a. sozialpsychologischer und -kultureller Perspektive betrachten sie Kommunikation als eine Wechselbeziehung zwischen mindestens zwei Akteuren, die in einer zirkulären, symbolisch vermittelten Interaktion stehen und gemeinsame Bedeutungen eines subjektiv gemeinten Sinns aushandeln (vgl. z. B. Beck 2017). Hierbei werden u. a. gegenseitige Wahrnehmungen der Akteure, aufeinander bezogene Handlungsweisen, Strategien der Bedeutungsherstellung sowie hergestellte Bedeutungen erforscht. Während die zuvor vorgestellten normativen Modelle sich vor allem mit der Intention hinter strategischer Kommunikation und ihrer Umsetzung befassen, tragen konstituierende Modelle zur Untersuchung der Emergenz strategischer Kommunikation aus einem Kommunikationsprozess heraus bei. Emergenz beschreibt hier strategisches Handeln, das nach einem festen Muster abläuft und zunächst unbeabsichtigt aus einem Prozess heraus entsteht (Mintzberg und Waters 1985, S. 258–259). Da strategische Kommunikation eine Wechselbeziehung zwischen Intention und Emergenz darstellt, sollte ihr Verständnis idealerweise sowohl normative als auch konstitutive Elemente enthalten.

Die Erforschung von Emergenz kann zum Verständnis der Reflexionsleistung von Akteuren und ihrer Anpassung an Kommunikationsprozesse beitragen: Inwiefern nehmen Akteure Diskrepanzen zwischen intendierter und tatsächlich stattfindender Kommunikation wahr und inwiefern passen sie ihr Handeln an? Die Frage nach der Responsivität findet in der PR-Forschung jedoch kaum Beachtung. Diese konzentriert sich eher auf die Untersuchung externer Kontextsteuerung, also die intendierte Beeinflussung des Organisationsumfeldes (vgl. Hoffjann 2009). Dabei liegen zahlreiche theoretische Überlegungen vor, die diese Doppelrolle der PR bestärken: das „engineering of consent“ (Bernays 1955); die PR-Rolle im Stakeholder-Ansatz, bei der die Organisation Plattform für die Aushandlung der Interessen von Anspruchsgruppen ist (vgl. Karmasin 2015); die „architecture of listening“ in der Organisation (Macnamara 2015), um besser mit komplexen, widersprüchlichen, unsicheren und instabilen Organisationsumfeldern umgehen zu können. „Während Unternehmenskommunikation beziehungsorientierter wird, entwickelt sich Kommunikationssteuerung zu einem Response-Management, das eine fortlaufende Anpassung der Ziele und Maßnahmen an die Meinungen und Erwartungen der Stakeholder erforderlich macht“ (Rolke und Sass 2016, S. 6). Damit rückt die Untersuchung emergenter Kommunikation als Interaktion, also der Beziehung zwischen Organisationen und dem organisationalen Umfeld, in den Fokus der Evaluation von PR. Findet sich dies in der Evaluationspraxis wieder?

Seit rund 40 Jahren ist eine wissenschaftliche Beschäftigung mit PR-Evaluation erkennbar (vgl. Volk 2016). Stets wird PR-Evaluation im Kontext planerischer PR-Strategie verortet, wie die Genese von PR-Evaluationsmodellen deutlich macht. Auch wenn dynamische Kreislaufmodelle über Feedbackschleifen organisationales Lernen andeuten, fragen Studien zur Evaluationspraxis in ihren Items meist nur nach Methoden der Evaluation wie Befragungen oder Inhaltsanalysen, die geeignet sind, Veränderungen im Sinne der Organisation bei den Bezugsgruppen zu erkennen, z. B. Wissen, Einstellungen und Verhalten der Stakeholder (z. B. Zerfaß et al. 2017).

Evaluationen in die eigene Organisation hinein im Hinblick darauf, wie sich dort Akteure im Sinne organisationaler Selbststeuerung verändert haben, finden sich kaum. Dies gilt auch für die Medienresonanzanalyse als Beobachtung der sozialen Interaktion der beteiligten Akteure durch die Medien sowie das Monitoring der Interaktion in sozialen Medien. Selbst im auf Verständigung angelegten Konzept von Burkart, in dem gleichberechtigte Akteure mittels besserem Argument in einem herrschaftsfreien Diskurs um die beste Lösung ringen, ermittelt die Evaluation in ihren Fragestellungen lediglich die Einflussnahme auf die betroffenen Stakeholder (vgl. Burkart 2015, S. 290–291). Veränderungen auf Seiten der PR-treibenden Organisation durch den Prozess der Verständigung bleiben außer Betracht. Eine dort vorgenommene Gesprächsanalyse findet lediglich in der Erstveröffentlichung kurz Erwähnung (vgl. Burkart 1993, S. 128). Auch die sogenannte „PR-Evaluation of Relationship“ mit den Mess-Items Vertrauen als Integrität, Kompetenz und Zuverlässigkeit (Trust), wechselseitiges Beeinflussungsvermögen (Control Mutuality), beständige und emotionale Bindung (Commitment), Zufriedenheit mit der Beziehung (Satisfaction) sowie gemeinschaftliche Austauschbeziehung (Exchange Relationships) richtet ihre Fragen zur Beziehung ausschließlich an die Stakeholder und nicht die eigene Organisation (vgl. Hon und Grunig 1999, S. 28–30). So haben bisherige Modelle und Verfahren der PR-Evaluation ein asymmetrisches Kommunikationsverständnis. Die systematische Beobachtung und Analyse emergenter Kommunikationsprozesse selbst und die Interaktion zwischen den Akteuren bleiben dabei außen vor. Hier setzt die Gesprächsanalyse an.

3 Die Gesprächsanalyse: Ziele, Annahmen, Vorgehensweisen

Die Gesprächsanalyse untersucht die verbalen, nonverbalen und paraverbalen Aktivitäten von Personen, die im Handlungszusammenhang einer natürlichen Gesprächssituation agieren, wie etwa Deppermann (2008) beschreibt. Sie ermittelt mit mikroskopischer Akribie, wie sich diese Aktivitäten aufeinander beziehen und Reziprozität in Bezug auf sprachliches Handeln lokal organisiert ist. Das empirische, gegenstandfundierte Verständnis (Deppermann 2008, S. 9) der Methode zieht keine psychologischen Theorien heran, um Sprecheraktivitäten zu erklären. Das Untersuchungsziel ist nicht, über Sprecherintentionen zu spekulieren (vgl. Deppermann 2008, S. 82–83), sondern streng datenimmanent die hör- und sichtbaren verbalen, nonverbalen und paraverbalen Aktivitäten zu erfassen, mit deren Hilfe sich Sprecher einander und für den Forscher wahrnehmbar koordinieren (vgl. Deppermann 2008, S. 50). Die Methode sucht also zu ermitteln, „wie [Hervorhebung im Original] Sinn und Ordnung im Gespräch hergestellt werden“ (Deppermann 2008, S. 14). Die Sprache der Beteiligten dient in diesem Verständnis dazu, die Prozesse zu beschreiben, mit denen Intersubjektivität in und durch Kommunikation entsteht.

Fallbezogen arbeitet die Methode daher die kommunikativen Praktiken heraus, die Sprecher verwenden, um einander zu verstehen. Als Datenmaterial dienen aufgezeichnete Gespräche, die im Rahmen einer teilnehmenden Beobachtung in der natürlichen Umgebung der Sprecher erhoben und transkribiert werden. Allein die Notationsregeln verdeutlichen das empirische Verständnis der Methode, menschliche Kommunikation streng subjektbezogen und in einer Form zu erforschen, wie sie von den Sprechern verwendet wird. Die Gesprächsaufzeichnungen werden bei der Transkription nicht nach den Regeln der Standardorthografie überarbeitet. Es gibt also keine Bereinigungen und redaktionelle Bearbeitungen von Ungrammatikalitäten, lexikalischer und syntaktischer Fehler, idiomatischer Variationen, Wortwiederholungen, nichtlexikalischer Äußerungen, Rezipientensignalen („ähm“, „hm“). Die Transkription erfolgt in literarischer Umschrift und in Kleinschreibung, orientiert sich am orthografischen System der Standardsprache, aber berücksichtigt artikulatorische Besonderheiten und will den Gesprächsverlauf und die einzelnen Äußerungen möglichst naturalistisch abbilden (vgl. Deppermann 2008, S. 39–42). Notiert werden per Sonderzeichen etwa die Prosodie, Wiederholungen, Selbstkorrekturen, Pausen, ebenso die Simultanäußerungen von mehreren Sprechern sowie außersprachliche Phänomene (vgl. Selting et al. 2009). Die Transkripte variieren je nach Untersuchungstyp in der Feinheit der Abbildung artikulatorischer Besonderheiten (vgl. Selting et al. 2009; Deppermann 2008, S. 41).

Der Methode liegt ein bestimmtes Vorverständnis vom Begriff des Gesprächs zugrunde: Nach Deppermann (2008) sind Gespräche emergente, mikrosoziologische Prozesse von Personen. Menschen initiieren Gespräche selbst (S. 8) und begründen auf diese Weise einen gemeinsamen Handlungszusammenhang. Gespräche verlaufen prozessual und inhaltlich in einzelnen sequenziellen und aufeinander bezogenen Handlungsschritten, die die beteiligten Personen als so genannte Redezüge produzieren. Das wird zum einen formal in der Koordination ihrer Aktivitäten deutlich, beobachtbar etwa anhand des so genannten Sprecherwechsels. Die Sprecher vollziehen ihre Handlungsschritte zudem u. a. vor dem Hintergrund der spezifischen Zwecke (Deppermann 2008, S. 9), die sie an den Austausch mit den Beteiligten knüpfen. Diese Anliegen werden ausgehandelt, und der Verlauf dieser Aushandlung mag wiederum davon abhängig sein, wie die Beteiligten intersubjektiv die Beiträge der Partner und die soziale Situation verstehen. Das gegenseitige Verstehen ist das Ergebnis von Kooperationsaktivitäten. Diese Kooperation besteht darin, dass die Sprecher ihre Aufzeigeleistungen (Deppermann 2008, S. 50) und ihre Verstehensleistungen aufeinander abstimmen.

Was bedeutet diese enge Zusammenarbeit zwischen Sprechern genau? Die Teilnehmeraktivitäten in Gesprächen sind dann kooperativ, wenn der aktuelle Redezug eines Sprechers sich auf den unmittelbar vorangegangenen des Partners bezieht. Ebenso sind die Kooperationsaktivitäten antizipatorisch, weil die Beteiligten erwartbare und in den Partnerbeiträgen signalisierte Verstehensleistungen in ihren Redezügen berücksichtigen. Die Sprecherkooperation beruht also auf der Abstimmung der sprachlichen Ressourcen vor dem Hintergrund geteilter, interindividueller Kenntnissysteme von Sprechergemeinschaften.

Für die Untersuchung der Interaktionsverläufe in komplexen Kommunikationssituationen wie Informationsveranstaltungen kann die Methode zum Beispiel herausarbeiten, wie die Beteiligten ihre Rollen im Kommunikationsgeschehen einer solchen Veranstaltung gestalten und wie sich dieses Kommunikationsgeschehen fortwährend verändert. Diese Veränderung des Kontexts erfolgt unter anderem durch die inhaltlich aufeinander bezogenen Redezüge unterschiedlicher Sprecher sowie deren Bearbeitung in daran anschließenden Beiträgen von Personen auf dem Podium oder im Publikum. Die Arbeit am Datenmaterial richtet sich hierbei auf grundsätzlich alle, auch kleinste Äußerungen, und ermittelt, welche dieser Äußerungen interaktional relevant, also für den weiteren Interaktionsverlauf bedeutsam sind (vgl. Deppermann 2008, S. 70–75).

Ebenso kann sie darstellen, wie die Kooperation von Sprechern durch die spezifische soziale Situation einer Bürgerversammlung verhindert ist, also inwieweit die unmittelbaren Bezugnahmen und Antizipationen, die Sprecher in ihren Redezügen im Rahmen natürlicher Gespräche aufeinander abstimmen, in einem a priori formal vorgegebenen Rahmen einer Bürgerversammlung teilweise außer Kraft gesetzt sind. Wenn Informationsveranstaltungen beispielsweise dem Zweck dienen, um Akzeptanz für Entscheidungen oder bestimmte Meinungspositionen zu werben, sind die Spezifika der sozialen Situation im Raum in Beziehung zu setzen zu den Mechanismen, wie lokal Redezüge von den Kommunikationsbeteiligten aufeinander abgestimmt sind und wie über diese Redezüge in wiederum nachfolgenden Redezügen verhandelt wird. Mit welchen kommunikativen Praktiken stellen die Beteiligten etwa die Relevanz ihrer Redezüge dar? Wie reagieren andere Beteiligte auf diese Redezüge? Wird etwa auf lexikalischer Ebene über die Bedeutung bestimmter Begriffe verhandelt, die in einzelnen Redezügen verwendet werden?

Der qualitative, empirische und gegenstandsfundierte Anspruch der Methode entwickelt und verändert diese Fragen erst am Material sowie frei von vorformulierten Hypothesen (vgl. Deppermann 2008, S. 11). Den Prinzipien qualitativer Forschung entsprechend sind die Befunde von Gesprächsanalysen immer subjekt- und fallbezogen (vgl. Deppermann 2008; Mayring 2016). Im Folgenden werden beispielhaft und fallbezogen Fragestellungen vorgestellt und ihre Bearbeitung skizziert.

4 Öffentlichkeitsbeteiligung beim Stromnetzausbau

Die Implementierung großer Infrastrukturprojekte wie die des Übertragungsnetzausbaus führt oft zu Konflikten. Beim Netzausbau setzen sich Vertreter aus Politik, privatwirtschaftliche Übertragungsnetzbetreiber sowie regional betroffene Bürger mit dem Bedarf und der Umsetzung des Vorhabens auseinander. Kritisiert werden vor allem von Bürgerseite gesundheitliche, ökonomische, ökologische und ästhetische Risiken (vgl. Schweizer-Ries et al. 2010). Die Akzeptanz unmittelbar betroffener Bürger ist jedoch ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Gelingen solcher Projekte. Aus diesem Grund spielt die Risikokommunikation als kommunikative Begleitung des als risikoreich wahrgenommenen Projektes eine Schlüsselrolle. Projektverantwortliche versuchen, den Eindruck gerechter Entscheidungen und Entscheidungsfindungsprozesse sowie Vertrauen in sie und sich selbst zu fördern (vgl. Besley und McComas 2014; Renn und Levine 1991).

Risikokommunikation findet oft in Form von Öffentlichkeitsbeteiligung statt, bei der Stakeholdern Einfluss auf Entscheidungen übertragen wird. Die rechtlich formal vorgeschriebene Öffentlichkeitsbeteiligung einerseits und die informell vorgelagerte Kommunikation mit den betroffenen Akteuren andererseits, verhindern jedoch Bürgerproteste und rechtliche Einsprüche nur teilweise. In der letzten Phase der konkreten Planfeststellung, d. h. der Festlegung verbindlicher Stromtrassen samt technischer Infrastruktur wie z. B. Konverter, erhalten Betroffene weitgehende Rechte. Hier bilden sogenannte Antragskonferenzen, Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligungen, Anhörungen und Erörterungstermine, oftmals in Form von Podiumsveranstaltungen mit den Bürgern, den formalen Beteiligungsrahmen (vgl. Bundesnetzagentur 2015).

Die Spannbreite der Bürgerbeteiligung reicht von der Information über die Konsultation bis hin zur partnerschaftlichen Kooperation (vgl. Nanz und Fritsche 2012, S. 23–24). Informationen zu den Projekten sind durch Bekanntmachung, Auslegung von Unterlagen und Informationsveranstaltungen der Planer zu artikulieren. Auf dieser Grundlage werden dazu bei Konsultationen die Meinungen der Bürger sowie Träger öffentlicher Belange eingeholt, durch Stellungnahmen, Befragungen oder Bürgerversammlungen. Ob und in welchem Umfang die gewonnenen Informationen Eingang in die Planung finden, obliegt meist den Entscheidungsträgern. Bei Kooperationen „auf Augenhöhe“ werden Interessen und Argumente ausgetauscht und Positionen zu Kompromissen verhandelt.

Als Anforderungen an die Beteiligungsverfahren lassen sich vier Gerechtigkeitsdimensionen identifizieren: die distributive, prozedurale, informationale und interpersonale Gerechtigkeit (vgl. Fuhrberg et al. 2016). Die distributive, d. h. Verteilungs- oder Ergebnisgerechtigkeit, beurteilt, ob die Risiken des Netzausbaus, wie z. B. der Wertverlust von Immobilien, die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes sowie gesundheitliche Beeinträchtigung durch elektromagnetische Strahlung, im Vergleich zu anderen Bürgern gerecht verteilt sind. Werden Risiken sachlich relativiert, Vorteile der verträglichsten Trassenführung deutlich gemacht und ggf. Kompensationen angeboten, wird das Projekt gerechter empfunden. Die prozedurale Gerechtigkeit als Prozess- oder Verfahrensgerechtigkeit hängt von der wahrgenommenen Teilhabe im Planungs- und Entscheidungsprozess ab. Transparente Rahmenbedingungen, eine formelle und informelle Prozessstruktur mit definiertem Mandat, ein einheitliches Vorgehen sowie Beteiligungsmöglichkeiten bei räumlich wie zeitlich zugänglichen Informationsanageboten sind im Sinne eines Erwartungsmanagements zu kommunizieren. Als gerecht wahrgenommene Planungsprozesse steigern ebenfalls die Akzeptanz.

Die Quantität und Qualität der Informationen für Betroffene beschreibt die informationale Gerechtigkeit. Dem Bürgerwunsch nach leicht zugänglichen, akkuraten und vor allem inhaltlich gleichbleibenden Informationen kann durch rechtzeitige, anschaulich verständliche, konsistente, ehrliche, selbstkritische, angemessene sowie zielgruppenspezifische Informationen in unterschiedlichen Medien entsprochen werden. Veranstaltungen sollten Bedenken und Verbesserungsvorschläge aufgreifen, mit einfacher Sprache ohne unnötigen Fachjargon sowie mit Bildern, Grafiken oder Karten die Sachverhalte den jeweiligen Bezugsgruppen verständlich machen. Nutzen und Risiken sind dabei offen anzusprechen. Es sollte dabei Einigung über den Wahrheitsgehalt von Behauptungen und Erklärungen wie z. B. über technische Fakten (was), über die Funktion und Zielsetzungen der handelnden Akteure (wer) sowie über die Legitimität der Interessen (warum) erzielt werden.

Eng verknüpft mit der informationalen ist die interpersonale Gerechtigkeit. Betroffene Bürger wünschen sich mit gleichbleibenden Ansprechpartnern einen würdevollen, freundlichen und respektvollen Umgang auf Augenhöhe, in dem Nöte, Sorgen und Befürchtungen aufgegriffen werden, Verständnis und Unterstützung gezeigt sowie empathisch kommuniziert wird. Unangemessene Bemerkungen und Kommentare, voreingenommene, gönnerhafte Kommunikation von oben herab schlagen dagegen negativ zu Buche. Bürger beurteilen die interpersonale Gerechtigkeit auf Basis wahrgenommener Informations- und Kommunikationsangebote und deren Rückschlüsse auf den Kommunikator, am besten im direkten Kontakt zu Organisationsvertretern. Das dadurch erzielte Personenvertrauen in Projektverantwortliche kann ebenfalls die Akzeptanz des Übertragungsnetzausbaus befördern.

Die Richtlinie „VDI 7000 Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten“ beispielsweise gibt entsprechende Hinweise zur Vorbereitung sowie Umsetzung (VDI 2015, S. 58–78). Bei sogenannten Dialogverfahren ist zunächst das Format von bilateralen Gesprächen bis hin zu Town-Hall-Meetings mit 500 Personen zu klären. Um eine Dominanz kritischer Stimmen zu vermeiden, sollten sich die Teilnehmenden aus eher kritisch einzustufenden Selbstanmeldern und zufällig ausgewählten, eingeladenen Bürgern zusammensetzen. Vertraute Räume, eine Bestuhlung auf Augenhöhe sowie eine geeignete Moderation schaffen einen positiven Gesprächsrahmen. Die Moderation soll Transparenz gewährleisten, Handlungsspielräume erarbeiten, klar, glaubwürdig, offen, neutral, angemessen, respektvoll und kontinuierlich kommunizieren. Die Transparenz von Zielsetzung, Prozess und rechtlichem Rahmen ist erforderlich, Fragen und Konflikte sind zu identifizieren, Optionen gemeinsam zu erarbeiten, Fakten und Bewertungskriterien zu klären. Ob sich diese akzeptanzfördernde Vorgehensweise in der Praxis wiederspiegelt, untersucht die folgende Gesprächsanalyse.

5 Exemplarische Analyseperspektiven einer Informationsveranstaltung

Im Folgenden stellen wir Analyseperspektiven am Beispiel einer Informationsveranstaltung vor. Es handelt sich um eine gut zweistündige Veranstaltung, zu der der Bürgermeister einer Stadt eingeladen hat, in deren Gebiet ein Stromkonverter aufgestellt werden soll. Der Austragungsort der Veranstaltung ist eine Schulaula. Eingeladen als Publikum sind alle Bürgerinnen und Bürger. Das Podium ist mit einem Moderator, drei Vertretern eines Übertragungsnetzbetreibers und dem Bürgermeister besetzt. Platz im Publikum hat der Sprecher einer Bürgerinitiative genommen, die sich gegen den Konverter ausspricht. Das beschriebene Ensemble ist typisch für die soziale Konstitution solcher Veranstaltungen. Die Beteiligungsmöglichkeiten sind der formalen Ordnung der Redeorganisation entsprechend begrenzt. Grundlegende Handlungen darin sind Fragen und Antworten; das Rederecht weist der Moderator zu.

Die Veranstaltung gliedert sich in zwei Abschnitte: Zunächst begrüßt der Moderator, der Planungsausschuss-Vorsitzende der Stadt (CG), das Publikum. Es folgen Vorträge der Unternehmensvertreter, des Bürgermeisters sowie ein Plädoyer des Vertreters der Bürgerinitiative. Daran schließt der zweite Abschnitt an, in dem in einer Fragerunde das Publikum Fragen an das Podium richtet. Die Fragesteller werden gebeten, aufzustehen und ihre Namen zu nennen. Jeweils drei solcher Publikumsbeiträge werden aufeinander folgend formuliert, anschließend vom Moderator paraphrasiert und an das Podium übergeben. Die Podiumssprecher beziehen sich in ihren Antworten auf die jeweils zurückliegenden Fragen und leiten ihre Beiträge mit kurzen thematischen Bezugnahmen als eine Art der Rekontextualisierung ein. Die vorgetragenen Publikumsfragen äußern ausnahmslos Kritik und inhaltliche Zweifel an den Vortragsinhalten der Unternehmensvertreter sowie an der Entscheidung über die Konverter-Standortwahl. An die vorgetragenen Kritikpunkte schließen sich konkrete Fragen an das Podium an.

Nach der Annäherung an das Material erscheint uns für die Veranschaulichung von Analyseperspektiven die nähere Betrachtung einer abgeschlossenen Handlungseinheit sinnvoll, die sich auf der Veranstaltung ereignet: die Bearbeitung einer kritischen Publikumsfrage durch einen Podiumsteilnehmer.2

5.1 Interaktionale Spezifika der Veranstaltung

Informationsveranstaltungen sind, im Goffman’schen Sinne, „fokussierte Interaktionen“ (Goffman 1981), die er in einem früheren Aufsatz in Bezug auf das Wechselspiel von Podium und Publikum folgendermaßen beschreibt: „Talk, after all, can occur at the town podium, as well as the town pump. And when talk comes from the podium, what does the hearing is an audience, not a set of fellow conversationalists. Audiences hear in a way special to them“ (Goffman 1979, S. 12).

Die Interaktion in Informationsveranstaltungen schränken vor dem Hintergrund ihrer Zweckbestimmung eine für Gespräche typische und für das Kooperationsprinzip zwingende Handlung ein: den Bezug der Kommunikationsbeteiligten aufeinander, die Rekursivität der Redezüge von Sprechern. Diese Bezugnahmen werden in Informationsveranstaltungen durch einen erhöhten Rekontextualiserungsaufwand der Sprecher kompensiert: Während in einem Gespräch mit wenigen Teilnehmern die Bezugnahmen sequenziell Beitrag für Beitrag erfolgen, ist bei größeren Informationsveranstaltungen das Beteiligungsrecht jeden Teilnehmers, eigene Beiträge zu produzieren, reguliert. So treffen die Beiträge nicht unmittelbar aufeinander. Die Bezugnahmen der Sprecher aufeinander erfolgen stattdessen zeitversetzt. Wer sich als aktueller Sprecher auf den Redezug eines anderen Sprechers bezieht, muss diese Referenz also einleitend kenntlich machen, um den Hintergrund zu verdeutlichen, vor dem der aktuelle Redezug zu verstehen ist. Die zeitverzögerte Reaktion mag sich auf die Dynamik und die Stimmung im Raum auswirken. Die Aushandlung der Bedeutung bestimmter Begriffe, die etwa für konfliktbeladene Reizthemen stehen, findet nicht unmittelbar, sondern zeitverzögert statt.

Als Beteiligte und Sprecher bezeichnen wir im vorliegenden Beispiel alle Personen im Raum, denen im Rahmen des formalen Ablaufs der Veranstaltung unterschiedlich stark regulierte Beteiligungsmöglichkeiten zugewiesen werden. Sie wechseln in ihren Sprecher- und Hörerrollen während der Veranstaltung fortwährend (vgl. Goffman 1979): der Moderator, das Podium und das Publikum, das Fragen an das Podium stellen darf.

5.2 „Gesundheitliche Schäden“: Die Formulierung und Bearbeitung einer Publikumsfrage

In Anbetracht der interaktionalen Spezifika der in Abschn. 5.1 beschriebenen Anlage der Informationsveranstaltung betrachten wir im Folgenden eine abgeschlossene Handlungseinheit, die aus einer Frage, der Antwort und einer Reaktion auf die Antwort besteht. Publikumsbeiträge nehmen in Informationsveranstaltung – je nach übergreifendem Ziel – eine für den weiteren Interaktionsverlauf relevante Rolle ein: Die Stimmung ist vor allem bei in der Bevölkerung umstrittenen Projekten aufgeheizt, die konfliktären Interessen der Vertreter im Saal häufig schon im Vorfeld der Veranstaltung allen Teilnehmern bekannt. Sprecher aus dem Publikum können in ihren Beiträgen die Positionen der Podiums-Sprecher offen kritisieren und gegnerische Positionen zum Ausdruck bringen.

Dadurch, dass ihre Beiträge im Wahrnehmungsraum des Publikums sind, können Reaktionen wie Beifall diesen Publikumsfragen besonderen Nachdruck verleihen. Ebenso bieten Fragen die Möglichkeit, besondere Explikationsanforderungen an das Podium zu stellen, die einen erhöhten Bearbeitungsaufwand bedeuten. Die Anforderungsformulierungen können etwa Sachzusammenhänge adressieren, die nicht ohne weiteres von den Podiumsteilnehmern beantwortet werden können. Wie stellen die Fragesteller diese Anforderungen dar, wie zeigen sie die Relevanz dieser Sachzusammenhänge für das Thema der Veranstaltung?

5.2.1 Formulierung einer Explikationsanforderung

Die erste Publikumsfrage wird von der Teilnehmerin MD formuliert:
946 MD

ja mein name ist VORNAME NAME als bürgerin dieser stadt unter

947 MD

berücksichtigung auch der (-) könn = sie mich nich verstehen

948 MD

also mein name ist VORNAME NAME als bürgerin dieser stadt unter

949 MD

berücksichtigung der hohen bevölkerungsdichte und der von ihnen herr

950 MD

NAME in den folien dargestellten doch relativ geringen abständen von

951 MD

zum teil nur zweihundert metern zur geschlossenen wohnbebauung

952 MD

möcht = ich sie jetzt als ÄRztin fragen welche geSUNDheitlichen schäden wir

953 MD

hier zu erwarten haben ich denke da (zum) einen emissionen mit potenziellen

954 MD

( ) welche mit welchen äh welchem TUmorrisiko müssen wir

955 MD

rechnen welches risiko besch (.) risiko besteht für schWANgere frauen und

956 MD

wie zu (erwartende) kinder welche risiken gibt es für herzkreislauf

957 MD

erkrankungen insbesondere für menschen mit herzrhythmus störungen und

958 MD

HERZschrittmachern un = lungenfunktionsstörungen oder KUNSTgelenken und

959 MD

als WISSENschaftlerin möcht = ich sie gerne darum bitten dass sie mir ganz

960 MD

präzise studien nennen wissenschaftlich fundiert peer reviewed in

961 MD

ORdentlichen wissenschaftlichen journals erschienen die (.) beLEgen nicht

962 MD

von der (.) industrie gesponsert selbstverständlich die beLEgen dass von dem

963 MD

von IHNEN in nah (bewohnbebauung) geplanten konverter KEIne

964 MD

gesundheitlichen risiken für die hier lebenden menschen ausgehen

965 K

publikum klatscht

MD stellt sich als bürgerin dieser stadt (Zeile 948) vor, in 952 als ÄRZtin und in 959 als WISSENschaftlerin. Typisch für Kommunikation ist, dass Sprecher ihre sozialen Identitäten anzeigen und bearbeiten, wie Deppermann (2008, S. 9) unter Bezug auf die „Ebenen der Interaktionskonstitution“ von Kallmeyer (1985, S. 85) schreibt. Weitere Ebenen der Interaktionskonstitution, etwa Sachverhaltsdarstellungen, stehen in Bezug zueinander (vgl. Deppermann 2008, S. 10): So wird in der Betrachtung von ÄRZtin als einer verbalisierten Anzeige von „Identität“ ein inhaltlicher Anschluss zu den geSUNDheitlichen schäden (952) hergestellt, die MD anspricht. Nimmt man als allgemein verfügbaren Wissensstand an, dass eine Ärztin einem Heilauftrag und den gesundheitlichen Interessen von Menschen verpflichtet ist, wird dieses Interesse an der Vermeidung gesundheitlicher Risiken plausibel und eine Sinnrelation zwischen bürgerin, ÄRZtin, WISSENschaftlerin etabliert. Diese Risiken spezifiziert MD in den Zeilen von 954 bis 958 unter Verwendung fachsprachlicher Termini und mit Bezug auf Schwangere, erwartete Kinder sowie Personen mit Vorerkrankungen und Zustand nach operativen Eingriffen.

Der Beitrag von MD impliziert die Vorannahme, dass die emissionen (953) mit gesundheitlichen Risiken für die Bewohner verbunden sind. In den Zeilen 959 bis 965 präzisiert sie ihre Erwartungen an die fachliche Grundlage der angeforderten Bearbeitung der Frage. Zu diesen Anforderungen gehören die namentliche Nennung von Studien, die in begutachteten wissenschaftlichen Zeitschriften („Peer Review“) publiziert wurden. Die Sprecherin instantiiert mit nicht von der (.) industrie gesponsert selbstverständlich wissenschaftlich fundiert peer reviewed in ORdentlichen wissenschaftlichen journals (960–961) zwei Kategorien von studien („Industrie gesponsert“ vs. „ordentliche Journals“). MD formuliert den Anspruch, Bezugnahmen auf nicht von der (.) industrie gesponsert selbstverständlich in der Bearbeitung der Frage zu unterlassen.

MD drückt ihre Bearbeitungsanforderungen in diesen Kategorien aus, aktualisiert aber keine konkreten wissenschaftlichen Qualitätskriterien von Studien. Im engeren Sinne beinhaltet wissenschaftlich fundiert peer reviewed in ORdentlichen wissenschaftlichen journals ein Vorverständnis wissenschaftlicher Qualitätskriterien, das sie jedoch nicht präzise expliziert. Unklar bleiben Leerstellen wie: Warum sichert ein Begutachtungsverfahren wissenschaftliche Qualität? Wer sind die „Peers“, was bedeutet „ordentlich“ im Zusammenhang mit einem „Journal“ (verstanden als wissenschaftliche Fachzeitschrift)? Was bedeutet „wissenschaftliche Qualität“ in Bezug auf die Frage nach gesundheitlichen auswirkungen? Geht es etwa um den Faktor der Unabhängigkeit, was für Studien bedeutet, dass sie nicht den Interessen ihrer Urheber oder Sponsoren verpflichtet sind und daher Ergebnisse vorlegen, die womöglich den Interessen der Sponsoren zuwider laufen? Haben also Studien von der industrie gesponsert nur beschränkte oder keine Aussagekraft für die Beurteilung gesundheitlicher Risiken? Und: Welche Wissenschaft, welche Fachlichkeit ist gemeint?

5.2.2 Die Anforderungsbearbeitung durch einen Podiumsteilnehmer

Im weiteren Verlauf folgen auf den Beitrag von MD zwei weitere Fragen von Sprechern im Publikum, die auf andere Aspekte als gesundheitliche Gefahren Bezug nehmen. CG paraphrasiert im Anschluss daran die Fragen, die in den drei Beiträgen formuliert wurden, die Frage von MD etwa mit: die erste frage war nach den gesundheitlichen auswirkungen (1011):
1008 CG

gut jetz (-) genau geben sie einmal nach vorne ich würd vorschlagen dass wir

1009 CG

sozusagen immer drEI fragen sammelnne antwortrunde machen sozusagen

1010 CG

sonst wird = es zu unübersichtlich; ja?

1011 CG

also = die erste frage war nach den gesundheitlichen auswirkungen dann nach

1012 CG

dem frage ausschluss braunkohlegebiet eigentumsfragen enteignung ja?

Die Adressatenselektion erfolgt in diesem Beispiel automatisch. Einer der Unternehmensvertreter, OS, greift zum Mikrofon. Die Person wurde im Beitrag von MD nicht erwähnt. OS stellt sich namentlich vor und führt seinen Beitrag mit also die gesundheitlichen gefahren (-) die von einem konverter ausgehen könnten sind sozusagen erst gar nicht vorhanden fort. Darauf folgt eine längere Sachverhaltsdarstellung, die sich fachlich auf physikalische Zusammenhänge bezieht. Auf die Frage nach Studien geht OS in den Zeilen von 1077 bis 1089 ein:
1077 OS

äh die stUdien dazu natürlich gibts studien weltweit

1078 OS

= hauptsächlich zu wechselstrom die äh (—) es gibt glaub ich kaum ein gebiet

1079 OS

auf dem so viel geforscht wird wie auf diesem;

1080 OS

natürlich nicht in die richtung dass es KEIne gefAhren gibt sondern das

1081 OS

interesse besteht natürlich bei den wissenschaftlern daran dahinter zu kommen

1082 OS

OB es gefahren GIBT und bis jetzt gibt es keine studien die auf wechsel und

1083 OS

gleichstromseite auf gefAhren wirklich HINdeuten wie bewiesen werden

1084 OS

konnte

1085 OS

= es gibt gewisse ANsätze dass man an gewissen stellen weiterforschen muss

1086 OS

aber (.) großteilige erKENNTnisse dass es einen wirkmechanismus GIBT (.)

1087 OS

der von wechselfeldern oder von gleichfeldern schon gar nich äh ausgehen

1088 OS

könnte der im körper irgendetwas verursacht in den stärken die wir hier

1089 OS

einzuhalten haben ist bis jetzt nicht bekannt

Das Beispiel verdeutlicht, wie Sprecher so genannte Folgeerwartungen (Deppermann 2008, S. 68–70) formulieren und bearbeiten. Folgeerwartungen formulieren zunächst konkrete Erwartungen an die Bearbeitung, die der Sprecher in dieser Formulierung aufzeigt. Mit welchen Mitteln zeigt OS sein Verständnis von einer adäquaten Folgeerwartung an und wie bearbeitet er die Anforderung?
  • Die Einleitung natürlich gibts studien weltweit = hauptsächlich zu wechselstrom die äh (—) es gibt glaub ich kaum ein gebiet auf dem so viel geforscht wird wie auf diesem (1077–1079) expliziert zunächst nicht das von MD geforderte Kriterium wissenschaftlich fundiert peer reviewed in ORdentlichen wissenschaftlichen journals (960–961).

  • Seine Äußerung in 1080 bis 1082, die Forschung werde nicht im Beweisverfahren mit der Absicht durchgeführt, Gefahrlosigkeit zu belegen, sondern dahinter zu kommen OB es gefahren GIBT, adressiert ebenfalls nicht explizit die Anforderungen von MD.

  • = natürlich nicht in die richtung mag ein bestimmtes Vorverständnis in Bezug auf die Aussagekraft von zitierwürdigen Studien und damit auf die Explikationsanforderungen von MD anzeigen: natürlich (1080) wäre in dieser Lesart ein impliziter Bezug auf das ebenso von MD nicht explizierte Verständnis, es gebe Studien, deren Aussagekraft anzuzweifeln sei – etwa im Fall von Studien, die von der industrie gesponsert sind. = natürlich mag in diesem Handlungszusammenhang zudem als eine Diskreditierung der Anforderung von MD zu verstehen sein.

OS geht also auf die Kategorien von MD (siehe Abschn. 5.2.1) nicht direkt ein, sondern antwortet mit einer Formulierung, die nur implizit ein Verständnis über wissenschaftliche Qualitätskriterien von Studien darlegt. Beide Sprecher präzisieren nicht exakt, was sie einander verdeutlichen wollen (vgl. Abschn. 5.2.1). Ein Hinweis darauf, ob die Folgeerwartung von OS verstanden wurde, findet sich in der Rekontextualisierung von OS. Im vorliegenden Fall legt OS sein Verständnis dieser Folgeerwartung nur implizit offen mit = natürlich nicht in die richtung dass es KEIne gefAhren gibt. Wendet man auf = natürlich die Lesart „selbstverständlich“ an, würde OS mit = natürlich sein Verständnis für die Aussagekraft der Studien aufzeigen, auf die er sich beruft. Die von MD formulierte Anforderung, konkret Studien wissenschaftlich fundiert peer reviewed in ORdentlichen wissenschaftlichen journals (960–961) zu benennen, erfüllt er jedoch nicht.

Die Äußerung, =es gibt gewisse ANsätze dass man an gewissen stellen weiterforschen muss ist ein vages, die „gewissen Stellen“ nicht explizierendes Fazit über die Studienlage. Dazu stuft in Zeile 1089 bis jetzt in zeitlicher Hinsicht das Fazit von OS als vorläufig ein, es gebe keine Hinweise auf gesundheitliche Risiken.

Die Bearbeitung derlei Fragen kann weitere Reaktionen aufwerfen, je nachdem, ob die Erwartungen des vorangegangen Sprechers erfüllt wurden (vgl. auch Deppermann 2008, S. 68–70). Diese Rekursivität ist in Informationsveranstaltungen aufgrund der formalen Redeorganisation häufig eingeschränkt. Das Verfahren, Publikumsfragen zu sammeln und „blockweise“ von den Personen auf dem Podium beantworten zu lassen, schließt zeitlich direkt anschließende Bezugnahmen aufeinander aus. Insofern ist die Rückfrage aus dem Publikum (P) in 1090 sind sie mediziner und deren unmittelbare Bearbeitung durch OS eine Abweichung im Verfahren:
1090 P

sind sie mediziner?

1091 OS

äh NEIN ich bin (.) bei FIRMA angestellt als äh in der

1092 OS

genehmigungsabteilung äh das würden wir uns auch gar nicht ANma:ßen als

1093 OS

mediziner hier zu stehen dafür gibts viel viel bessere FACHleute die halt auch

1094 OS

dafür sorgen dass äh diese grenzwerte entstehen die diese ganze studien

1095 OS

bewerten analysieren einordnen und dann davon ableiten welchen schutz (.)

1096 OS

der bevölkerung (.) man braucht

Die Rückfrage könnte in Bezug auf die Sinnrelation zu verstehen sein, die MD in ihrer Explikationsanforderung („Bürgerin, Ärztin, Wissenschaftlerin“, siehe Abschn. 5.2.1) etabliert hat. OS verneint deutlich und prosodisch markiert; „angestellt bei FIRMA“ zeigt generisch, also ohne Angabe seiner Fachlichkeit oder Berufs- und Statusbezeichnung, eine Zugehörigkeit (zu „Firma“ und „Genehmigungsabteilung“) an. Diese Anzeige von Zugehörigkeit legitimiert subjektiv seine vorangegangene Aktivität, hier: die Bearbeitung einer Explikationsanforderung. Sie entspricht jedoch nicht der von MD vorgängig instantiierten Sinnrelation zwischen „Bürgerin, Ärztin, Wissenschaftlerin“. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung, auch bedingt durch die sequenzielle Bearbeitung der Fragen der anderen Publikumsteilnehmer, wird kein Bezug mehr darauf genommen, ob OS vor dem Hintergrund seiner angezeigten Zugehörigkeit eine für MD und das Publikum den Explikationsanforderungen entsprochen hat.
OS grenzt sich fachlich ab: von den FACHleuten (1093), die dafür sorgen dass äh diese grenzwerte entstehen die diese ganze studien bewerten analysieren einordnen und dann davon ableiten welchen schutz (.)der bevölkerung (.) man braucht (1093–1096). OS rückt damit seine Rolle eines, nach Goffman (1979) Principal ins Licht, der die Erkenntnisse dieser FACHleute lediglich referiert, nicht aber eigene, originäre Positionen formuliert:

„Sometimes one has in mind that a principal [Hervorhebung im Original] (in the legalistic sense) is involved, that is, someone whose position is established by the words that are spoken, someone whose beliefs have been told, someone who has committed himself to what the words say“ (Goffman 1979, S. 17).

5.3 Weitere Analyseperspektiven

Die Analyse von Interaktionsverläufen in Informationsveranstaltungen kann weitere Aspekte beinhalten, die in Abschn. 5.2 nicht berücksichtigt wurden. Stellt man die Analyse in den Dienst der Evaluation der mit Informationsveranstaltungen intendierten Ziele der Organisatoren, so ließen sich etwa die Verläufe der Prozesse von Bedeutungsaushandlung im Saal nachzeichnen, vor allem in Situationen, in denen in Publikums-Fragerunden konfliktäre Themen angesprochen werden. Sollen in Informationsveranstaltungen bestimmte Botschaften vermittelt werden, die im Zusammenhang mit weiteren Kommunikationsmaßnahmen um die Akzeptanz für bestimmte Entscheidungen werben, bietet sich die genaue Auswertung der Dynamik an, die im Saal durch die Interaktion von Publikum, Podium und Moderation entsteht. Diese Betrachtung kann zum Beispiel folgende Aspekte beinhalten:
  • Die Rolle des Publikums, das sich im Wahrnehmungsraum des Sprechers befindet und auf die Äußerungen des Sprechers reagiert. Publikumsreaktionen können etwa Beifall oder schmähende Zwischenrufe sein. Welche interaktionale Bedeutung haben sie für weitere Folgebeiträge? Mit welchen Mitteln äußern Sprecher und Publikum etwa Empörung, wie werden Äußerungen von Empörung in nachfolgenden Äußerungen bearbeitet?

  • Die Mittel, mit denen die Sprecher kenntlich machen, dass sie den gesamten Wahrnehmungsraum (Podium und Publikum) in ihren Äußerungen berücksichtigen. In Abschn. 5.2.1 etwa sichert MD in Zeile 947 mit der Frage könn = sie mich nich verstehen, ob alle Personen im Publikum im Wahrnehmungsraum ihres Beitrags sind. Im vorliegenden Material zeigt sich, dass die Sprecher neben einer solchen metakommunikativ angelegten Frage an das Publikum mithilfe von Körperbewegungen (etwa die Zuwendung durch Drehbewegungen vom Podium zum Publikum sowie das Aufstehen im Raum) ihre Beitragsformulierungen nicht nur an das Podium adressieren, sondern die komplette räumliche Reichweite ihrer Äußerungen berücksichtigen. Wie nutzen die Sprecher also den kommunikativen Raum?

  • Die Ermittlung von Äußerungsteilen vorangehender Sprecher, auf die aktuelle Sprecher Bezug nehmen. Aktualisieren sie zum Beispiel einzelne Wörter, Komposita oder ganze Satzteile, die von vorangehenden Sprecher verwendet wurden? Wie wird in nachfolgenden Beiträgen im Laufe der Veranstaltung über deren Bedeutung verhandelt?

  • In der Beispielanalyse wurden multimodale Aspekte der Kommunikation und deren Wechselwirkungen nicht berücksichtigt. Welche Rolle spielen etwa Körperzuwendung, Gestik, Mimik für den Interaktionsverlauf, wie werden sie von den Sprechern eingesetzt, wie reagieren die Adressaten darauf, welche für den Interaktionsverlauf relevanten Folgen resultieren aus nonverbalen Mitteln?

6 Resümee

Bereits die Teilnahme an einer solchen Informationsveranstaltung mit Konsultationselementen hinterlässt bei den Beteiligten ein Gefühl, ob sie je nach Zielsetzung als gelungen oder misslungen einzustufen ist. Genauere Anknüpfungspunkte dafür, wo welche Aussagen und Verhaltensweisen von wem den Interaktionsverlauf positiv bzw. negativ beeinflusst haben, bietet die hier vorgestellte Gesprächsanalyse. Somit ist sie als geeignetes Evaluationsinstrument von Interaktionsprozessen einzustufen, die darüber hinaus Anregungen für die Verbesserung künftiger Veranstaltungsformate liefert.

Während Befragungen und Interviews strategische Kommunikation aus der Perspektive der Akteure ex post untersuchen, evaluiert die Gesprächsanalyse den unmittelbaren Kommunikationsprozess. Die Reaktivität der Akteure beschränkt sich dabei auf das etwaige Reagieren auf die Videoaufzeichnung als eine Art erweiterten Wahrnehmungsraum. Damit bietet die Gesprächsanalyse eine höhere Genauigkeit. Die in diesem Beitrag beispielhaft durchgeführte Analyse ausgewählter Sequenzen einer Bürgerveranstaltung konnte z. B. die wichtige Bedeutung der Anzeige von Identität in Prozessen von Bedeutungsaushandlung aufzeigen. Eng damit verbunden schien der explizite Anspruch von Bürgerseite an die Unternehmensvertreter, unabhängige und nachvollziehbar hochwertige Informationen zu liefern. Dies deutet zum einen darauf hin, dass gebotene Informationen in Verbindung mit der Identität der Sprecher an Legitimität gewinnen. Zum anderen scheint Vertrauenswürdigkeit im Sinne einer Unvoreingenommenheit von Organisationsvertretern gefordert zu sein (vgl. Schnelle und Voigt 2012, S. 47). Dies unterstreicht die hohe Bedeutung informationaler Gerechtigkeit und der Vertrauensförderung (siehe. Abschn. 4) und gibt Hinweise, wie Organisationen effektiv an gemeinsamer Bedeutungsaushandlung teilnehmen können.

Ebenso bietet die Gesprächsanalyse detaillierte Informationen zur Interaktion zwischen Akteuren, die andere Evaluationsmethoden nur indirekt abfragen können. Die durchgeführte Gesprächsanalyse zeigt zum Beispiel ein fehlendes Eingehen von Seiten der Organisationsvertreter auf die Anfragen der Bürgerseite nach der Anzeige unabhängiger Informationen und der Identität der Sprecher. Damit widersprechen Organisationsvertreter dem Ideal prozeduraler Gerechtigkeit (siehe. Abschn. 4) und der Anforderung nach Responsivität von Organisationen bei ihrer strategischen Kommunikation (siehe. Abschn. 2). Gleichzeitig verdeutlicht die durchgeführte Gesprächsanalyse die Problematik des Formats der Informationsveranstaltung. Die Aufteilung zwischen Organisationsvertretern auf dem Podium und Bürgern im Publikum sowie die fehlende direkte Kommunikation zwischen den beiden tragen zur Frontenstellung und erschwerter Interaktion bei. Aus diesem Grund werden insbesondere bei der vorgelagerten informellen Kommunikation sogenannte „Infomärkte“ durchgeführt (vgl. Bestgrid 2015, S. 11). An kleinen Ständen mit Stehtischen, Informationstafeln und -materialien werden dort niederschwellig bilaterale Gespräche geführt. Bürger können ohne Publikum ihre persönlichen Fragen stellen, auf die individuell eingegangen wird. Damit bietet die Gesprächsanalyse Hinweise für strategische Kommunikation, wie die Interaktion zwischen Organisation und Stakeholdern verbessert werden kann.

Neben der Frage, wie sich Akteure an der Kommunikation beteiligen und wie sie interagieren, zeigt die Gesprächsanalyse auch, worüber kommuniziert wird und welche gemeinsamen Bedeutungen entstehen. Beim analysierten Beispiel der Informationsveranstaltung geht es um gesundheitliche Risiken, die bei Risikokommunikation insgesamt und speziell beim Stromnetzausbau eine wichtige Rolle spielen (vgl. Henseling et al. 2016, S. 40). Entscheidend ist jedoch, dass sich Bürger und Organisationsvertreter nicht auf eine Bedeutung dieser Risiken einigen konnten. Von Bürgerseite wurden mögliche Schäden und Unsicherheiten aufgezeigt, während von Organisationsseite Schäden relativiert und Sicherheit vermittelt wurden. Beide Bedeutungsgehalte scheinen voneinander unbeeinflusst parallel zu existieren. Dies widerspricht dem Wesen einer Dialogveranstaltung und hinterfragt die normativen Ziele der Akzeptanzförderung und prozeduralen Gerechtigkeit (siehe. Abschn. 4).

Insgesamt wird die hohe Bedeutung der Gesprächsanalyse für die Evaluation strategischer Kommunikation deutlich. Die Gesprächsanalyse zeigt emergente Kommunikationsprozesse auf, hinterfragt normative Kommunikationsziele und regt die Reflexion der Akteure bzgl. ihrer Intentionen an. Besonders wertvoll erscheint die Gesprächsanalyse in Kombination mit Befragungen und Interviews. Durch Befragungen und Interviews können Intentionen der Akteure hinter den emergenten Kommunikationsprozessen und die Auswirkungen der Kommunikationsprozesse auf die Intentionen der Akteure untersucht werden. Gleichzeitig können die Erforschung von Intentionen und Emergenz als gegenseitige Interpretationsgrundlage und Triangulationsmöglichkeit dienen.

Beispiele für eine gegenseitige Befruchtung liefern ethnografische Studien von Risikokommunikation auf Informationsveranstaltungen, die sowohl Intentionen als auch Emergenz untersuchen (z. B. Boholm 2015; Mumford und Gray 2009). In beiden Fällen treten, wie auch beim gegenwärtig analysierten Beispiel, Konflikte zwischen Vorhabenträgern und Bürgern auf, die von fehlendem gegenseitigen Bezug gekennzeichnet sind: „These consultative meetings thus can be described as basically two sets of monologues, separated by a coffee break“ (Boholm 2015, S. 123). Der Grund hierfür liege an Gruppendynamiken und unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten. Während Projektverantwortliche die Gruppe der Einflussreichen darstellten, die ihren Einfluss mit rationalen Argumenten und der Darstellung eigener Fähigkeit legitimierten, bildeten betroffene Bürger die Gruppe der Einflussarmen, die sich gegen die als äußerliche Gefahren und schwer einschätzbar wahrgenommen Projekte samt ihrer Verantwortlichen emotional solidarisierten. In diesen Fällen scheint die emergente Kommunikation eher eine Machtaushandlung als einen rationalen Diskurs abzubilden. Somit bietet die Gesprächsanalyse emergenter Kommunikationsprozesse auch einen ersten Zugang zur kritischen Untersuchung der Machtaushandlung und -ausübung. Sie unterstützt nicht nur Organisationen in ihrer strategischen Kommunikation, sondern bietet unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren die Gelegenheit, Machtprozesse zu hinterfragen und sich effektiver einzubringen. Dadurch verhilft die Gesprächsanalyse strategischer Kommunikation zu einer von engen wirtschaftlichen Interessen unabhängigen Positionierung und zu einer besseren gesellschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Stellung.

Verwendete Transkriptionszeichen (Selting et al. 2009 , S. 391–392):
(.)

Mikropause, geschätzt, bis ca. 0,2 Sek. Dauer

(-)

kurze geschätzte Pause von ca. 0,2–0,5 Sek. Dauer

(—)

mittlere geschätzte Pause v. ca. 0,5–0,8 Sek. Dauer

(solche)

vermuteter Wortlaut

( )

unverständliche Passage

akZENT

Fokusakzent

?

Tonhöhenbewegung (hoch steigend)

:

Dehnung, Längung, um ca. 0,2–0,5 Sek.

=

schneller, unmittelbarer Anschluss neuer Sprecherbeiträge oder Segmente (latching)

Fußnoten

  1. 1.

    Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text an Stellen, an denen die weibliche und männliche Form gemeint ist, nur die männliche Form verwendet.

  2. 2.

    Als Material dient eine gut zweistündige Aufzeichnung der Informationsveranstaltung, die auf der Video-Plattform Youtube zum Zeitpunkt der Analyse bereits seit über zweieinhalb Jahren veröffentlicht gewesen ist. Der letzte Zugriff zum Zwecke dieser Auswertung erfolgte am 16. Februar 2017. Die Teilnehmer werden zu Beginn der Aufzeichnung auf die Aufnahme hörbar hingewiesen. Trotz der öffentlichen, uneingeschränkten Zugänglichkeit der Aufzeichnung anonymisieren wir in den folgenden Transkriptausschnitten Personen-, Firmen und Ortsnamen, um der Identifizierung der Personen vorzubeugen. Das Transkript ist ein Basistranskript, das den Notationsregeln von Selting et al. (2009) folgt. Eine Liste der in den Beispielen verwendeten Transkriptionszeichen findet sich am Ende dieses Beitrags.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Christian Schwägerl
    • 1
    Email author
  • Reinhold Fuhrberg
    • 1
  • Dimitrij Umansky
    • 1
  1. 1.Institut für KommunikationsmanagementHochschule OsnabrückLingenDeutschland

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