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Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT): Potenziale für die Geschlechterforschung

  • Katrin SpäteEmail author
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Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 65)

Zusammenfassung

Die Akteur-Netzwerk-Theorie, kurz ANT, ist ein revolutionärer Ansatz, der die etablierte Subjekt-Objekt-Trennung aufzulösen versucht und die Handlungsnetzwerke von Akteuren und Objekten, sog. Aktanten, fokussiert. Ihre vor allem empirische Bedeutung für die Frauen- und Geschlechterforschung wurde bisher kaum aufgegriffen. Die Bedeutung von Objekten für stereotypisierte Geschlechtszuschreibungen ebenso wie die Vergeschlechtlichung von Dingen selbst sind Themen, die in der Akteur-Netzwerk-Theorie bisher wenig Beachtung gefunden haben, jedoch neue Sichtweisen auf Geschlechterverhältnisse ermöglichen. Die Diskussion über den aktuellen Forschungsstand zeigt, in welchen Bereichen sich das Potenzial der Akteur-Netzwerk-Theorie weiter ausschöpfen lassen kann. Neben vorhandenen Ansätzen in den feministischen „Science and Technology Studies“ (STS) und der Debatte um technologischen Fortschritt besteht die Möglichkeit, mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie Erkenntnisse vor allem über die geschlechtsspezifizierte Segregation auf Erwerbsarbeitsmärkten als auch auf der familiären, sozialen und politischen Ebene zu generieren.

Schlüsselwörter

Aktant Akteur-Netzwerk-Theorie Cyborg Digitalisierung Kollektive 

1 Einleitung

Die Akteur-Netzwerk-Theorie, bekannter unter dem Akronym ANT, ist eine Revolutionierung jenes etablierten sozialtheoretischen Denkens, das alles Nichtmenschliche zur Bestimmung und Analyse des Sozialen ausschließt. Es fokussiert nur auf Menschliches, bewertet es anthropozentrisch höher und blendet die Bedeutung der Relationalität der Verbindungen aus. Die Akteur-Netzwerk-Theorie ist als „Soziologie der Assoziationen“ oder der Übersetzung im Sinne von Transformation (Latour 2010, S. 61) zu verstehen. Untersucht werden die Verbindungen zwischen nichtmenschlichen und menschlichen Entitäten (Einheiten), die in Bezug auf ihre „agency“, verstanden als Handeln generierende Kraft, als Aktanten bezeichnet werden. Das bekannteste Beispiel zur Veranschaulichung dieses Denkstils ist der Schusswaffengebrauch. Schießt die Waffe oder die Person, die sie benutzt? Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht in diesem Kontext davon aus, es ist das Netzwerk aus Person und Waffe. Sie fokussiert im Forschungsprozess also nicht auf das analytische Trennen anhand der etablierten Ordnungsschemata (Natur-Kultur; Subjekt-Objekt; alt-modern; mikro-makro), das Latour als „Reinigungsarbeit“ bezeichnet, sondern auf das Nachspüren und das Aufzeichnen der Verbindungen, der Assoziationen, die in einer zeitlichen Dimension von Handlungsabfolgen als Pfade erkennbar werden und „Kollektive“ erscheinen lassen (Latour 2010, S. 129).

In der Geschlechterforschung ist das Potenzial der Akteur-Netzwerk-Theorie bis auf Anschlüsse an die klassischen Arbeiten Donna Haraways (1987) in der feministischen Technowissenschaft (Weber 2006), das Konzept des Genderskripts in der Informatik (Bath 2009) oder an (elektronische) Spielzeuge (Rommes et al. 2011) noch nicht breit ausgeschöpft worden. Dies kann auch durch die genuine Genderblindheit der Akteur-Netzwerk-Theorie (Wajcman 2000, S. 453; Weber 2001; Harasser 2011) selbst bedingt sein. So lautete Haraways Kritik am Zugang, dass Handlungsabläufe erforscht werden, aber nicht das, was davor passiert. Damit werde die Körperlichkeit der Akteure, die Situiertheit des Wissens (Haraway 1988), ausgeblendet (Bath 2009, S. 57). Für die Geschlechterforschung sind Körper durch die zentrale Bedeutung der Natur-Kultur-Dichotomie für die wissenschaftliche Analyse von Geschlecht und Verhältnissen von großer Bedeutung. Neue Impulse bringen neben den poststrukturalistischen und diskursanalytischen Strängen gegenwärtig unter Rekurs auf Donna Haraways Arbeiten posthumanistische Ansätze (Barad 2012; Braidotti 2014), auch als Neuer Materialismus bezeichnet.

Die Vergeschlechtlichung des Nichtmenschlichen, das Geschlecht der Dinge und Artefakte, wurde in der Akteur-Netzwerk-Theorie ebenso wenig berücksichtigt wie die Herstellung von Geschlecht durch Dinge und Artefakte. Man denke an die Bedeutung von Kleidung, Schmuck und Schminke für die symbolische Repräsentation und Darstellung von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ (Degele 2004). Auch das System der Zweigeschlechtlichkeit des Menschlichen als Determinante für Handlungsvollzüge, zum Beispiel in den Formen der geschlechtsspezifizierten Segregation von Arbeit, wird nicht erwähnt. Dabei wäre es ein reizvoller Ansatz, mit der Akteur-Netzwerk-Theorie differenzierter auf die Vergeschlechtlichung von den Dingen selbst und die Vergeschlechtlichung durch die Dinge zu schauen und die stabilisierten Assoziationen zu erkunden zwischen vergeschlechtlichten Körpern und allen anderen Entitäten. Als Beispiel sei hier die Schraubenmutter als ein kontextuell androgynes Ding vorgestellt. Die Mutter, häufig aus Stahl gefertigt, symbolisiert als Aktant die Kategorie „Frau“, in welche sich die Schraube, Symbol für „Mann“, hineinwindet. Ohne Mutter kann die Schraube nichts halten und wird für diese Zweckbestimmung nutzlos – und vice versa. Die Schraubenmutter verdankt ihren Namen der Gebärmutter (Sutterlüti 2010). Sie ist also in der symbolisch-kulturellen Dimension von Technik in der deutschen Sprache ein weiblich konnotiertes Ding. Als technisches Ding an sich jedoch steht die Schraubenmutter wiederum für die männlich konnotierte Technik, das zeigt sich im Vergleich mit einem Knopf (Sutterlüti 2010, S. 97), der in westlichen Kontexten lebensweltlich wiederum in Verbindung mit Kleidung eher mit „Frau“ assoziiert wird. In Verbindung mit der Herstellung und Bedienung von Apparaten wiederum wird „Knopf“ eher mit „Mann“ assoziiert, es sei denn, es handelt sich um Schaltknöpfe an Haushaltsgeräten in Küchen oder Wasch- und Bügelräumen in Privathaushalten. Wie Dinge vergeschlechtlicht und interpretiert werden, ist damit abhängig von den vielfältigen Assoziationen zwischen den Aktanten in ihren Polykontexten. Andere Perspektiven ergeben sich, wenn der Blick auf die Vergeschlechtlichung der Akteur-Netzwerke selbst gerichtet wird. Welche stabilen Assoziationen bestehen zwischen „Frau“, „Mann“ und den Dingen in Bezug auf Handlungen, insbesondere nach der digitalen Revolution, die Leben in Codierung übersetzt (Haraway) und die Geistes- und Sozialwissenschaften zu „Digital Humanities“ macht?

2 Die Akteur-Netzwerk-Theorie entstand im Labor …

Hervorgegangen ist die Akteur-Netz-Theorie aus der soziologischen Wissenschafts- und Technikforschung, wegweisend durch die Laborstudien von Madelaine Akrich, Michel Callon, Karin Knorr-Cetina, Bruno Latour, John Law und Steve Woolgar. Bei der Erforschung der Genese naturwissenschaftlichen Wissens durch Experimentalsettings in Laboren wurde sichtbar, dass sowohl als gemeinhin nichtmenschlich klassifizierte Forschungsobjekte wie Mikroben (Latour 2001a) als auch kulturelle Artefakte bzw. Technofakte in Gestalt von Apparaten an der „Fabrikation von Erkenntnis“ (Knorr-Cetina 1984) aktiv beteiligt sind. Es bedurfte eines anderen Denkstils und einer anderen Fachsprache (Akrich 2005), um die Beschreibung dieser Formen und Prozesse der Produktion von Geltung beanspruchendem Wissen adäquater sprachlich repräsentieren zu können. Bislang fokussierte sich die soziologische Wissenschaftsforschung ausschließlich auf die Interaktion zwischen Menschen (Soziologie des Sozialen), und bot für die Erfassung der Bedeutung alles als nichtmenschlich Klassifizierten – Artefakte, bewegliche und unbewegliche Lebewesen, Materie, Aussagen – keine adäquate Fachsprache an.

Der Fachbegriff Akteur wird in der Akteur-Netzwerk-Theorie so gefasst: „Ein ‚Akteur‘ in dem Bindestrich-Ausdruck Akteur-Netzwerk ist nicht der Ursprung einer Handlung, sondern das bewegliche Ziel eines riesigen Aufgebots an Entitäten, die zu ihm hinströmen“ (Latour 2010, S. 81). Diesen Entitäten gilt die Aufmerksamkeit im Forschungsstil der Akteur-Netzwerk-Theorie. Latour verdeutlicht den Stil plastisch am Beispiel einer Forscherin und deren Umgang mit der Aussage eines Pilgers:

„wenn ein Pilger sagt: ‚Ich kam in dieses Kloster, weil mich die Jungfrau rief.‘ Wie lange soll die Forscherin sich zurückhalten, bevor sie blasiert lächelt und die Jungfrau Maria durch die offenkundige Selbsttäuschung eines Akteurs ersetzt, der eine religiöse ‚Ikone‘ zum Vorwand nimmt, um seine eigene Entscheidung zu ‚verschleiern‘? […] Eine Soziologie der Assoziationen dagegen muss lernen zu sagen: ‚So lange wie möglich, um die vom Pilger angebotene Chance zu ergreifen, die Diversität von Entitäten zu sondieren, die gleichzeitig in der Welt am Werk sind.“ (Latour 2010, S. 85)

Der Ansatz beinhaltet, alle Entitäten als Handelndes in einem Netz von „gleichberechtigten“ Aktanten „werken“ zu sehen, als Mittler in einer Handlungskette, und danach zu fragen, wie „Dinge“ Handeln von Menschen ermöglichen, veranlassen oder hervorbringen. So wurde das erweitert, was in der Erforschung des Geschehens in technischen Laboratorien mit ethnomethodologischen Methoden in den Blick zu nehmen war: die Apparate, die Architektur des Labors, die Arbeitsabläufe, die Kommunikationen, die Routinen, die Gebrauchsanweisungen, der Gebrauch der Gebrauchsanweisungen als Papiertechnologien usw. Dabei wurden sukzessive auch die üblichen epistemologischen Grundlagen als Unterscheidungen von Natur und Kultur aus ontologischer Perspektive, von Objekt und Subjekt in erkenntnistheoretischer Hinsicht infrage gestellt. Die vielfältigen Assoziationen wiederum zwischen Technologien, Wissenschaft, Industrie und Politik wurden mit dem Begriff der Technoscience (Latour) gefasst, deren Erforschung sich als „Science and Technology Studies“ (STS) etabliert hat. Insbesondere Latour arbeitete für die Akteur-Netzwerk-Theorie durch die Kritik der üblichen Erzählungen über die Moderne neue sozialtheoretische Grundlagen aus, zu verstehen als eine Diskursstrategie mit einer klaren politischen, ökologischen Botschaft: die Vormachtstellung des Menschen aufzulösen. Die Diagnose „Wir sind nie modern gewesen“ wurde als „Versuch einer symmetrischen Anthropologie“ (Latour 1991) ausgewiesen und sie findet sich auch im metaphorischen Ruf nach den Versammlungen der Dinge als Parlament (Latour 2001b). Es geht damit um eine politische Ökologie, die den Dingen, (un)beweglichen Lebewesen und Artefakten, im Hochtechnologiezeitalter eine Stimme gibt und sie vom Be- und Missnutzten zum Handelnden macht, ohne allzu demonstrativ auf asymmetrische Machtverhältnisse, Ursachen von Umweltzerstörung und soziale Ungleichheiten einzugehen. Gezeigt wird die Unmodernität eines technologischen Fortschritts, der mit sozialdarwinistischem Wachstumswahn und kapitalistisch motivierter Gewinngier die Lebensgrundlagen für Nichtmenschliches und Menschliches sukzessive zerstört.

3 Anschlüsse: Akteur-Netzwerk-Theorie und Frauen- und Geschlechterforschung

In der deutschsprachigen Frauen- und Geschlechterforschung wurden die frühen Arbeiten Karin Knorr-Cetinas und Bruno Latours über die Arbeiten Donna Haraways (1987, 1988) vermittelt rezipiert und kontrovers diskutiert hinsichtlich ihrer Bedeutung für die feministische Theoriebildung (Teubner 2005). Im Kontext feministischer Analysen männlich dominierter Wissenschaft (Fox Keller 1983; Harding 1986) liegt der Akzent bei der Naturwissenschaftlerin Haraway auf der Überwindung der analytischen Kategorie „Natur-Kultur-Dichotomie“. Sie geht von „Natur-Kultur“ („naturecultures“) aus, die sie vor dem Hintergrund der Entwicklungen in Informatik, Kybernetik, Nanotechnologie und Molekulargenetik mit der dys(u)topischen Erfindung des „Cyborg“ als Natur-Kultur-Grenzen auflösendes Hybrid metaphorisiert. Der von ihr verwendete Schreibstil gilt der Abgrenzung vom üblichen, Objektivität beanspruchenden, hegemonial männlichen Stil (Weber 2014, S. 165). Dieser trennt durch „Reinigungsarbeit“ (Latour) das Selbst vom Anderen, das Belebte vom Unbelebten, die Ursache von der Wirkung, das Körperliche vom Geistigen, das Weibliche vom Männlichen (Teubner 2005, S. 301). Scheich bezeichnet dies als die „Implosion der Dichotomien“ (Scheich 1996, S. 30). Daher kommt Haraways Interesse für die sozialkonstruktionistischen Laborstudien, mit denen die aktive Hervorbringung naturwissenschaftlichen Wissens aufgezeichnet wurde und die es erlauben, das Soziale des Natürlichen zu erkennen. In „A Cyborg Manifesto“ persiflierte Haraway all die Chancen, die ein Cyborg für die Menschheit und die Überwindung der Zweigeschlechtlichkeit mit sich bringe:

„By the late twentieth century, our time, a mythic time, we are all chimeras, theorized and fabricated hybrids of machine and organism. In short, we are cyborgs. The cyborg is our ontology; it gives us our politics. […] In the traditions of ‚Western‘ sciences and politics – the tradition of racist, male-dominant capitalism; the tradition of progress; the tradition of reproduction of the self from the reflections of the other – the relation between organism and machine has been a border war. […] The cyborg is a creature in a post-gender world; it has no truck with bisexuality, pre-oedipal symbiosis, unaliented labour, or other seductions to organic wholeness through a final appropiation of all the powers of the parts into a higher unity.“ (Haraway 1987, S. 292)

Diese Post-Gender-Welt sei dabei aber auch gleichzeitig eine Welt, in der Technoscience und Science Fiction in der Sonne ihrer strahlenden (Ir-)Realität zusammenfallen würden (Haraway 1988, S. 576). Haraway warnte, es dürfe nicht Jahrzehnte dauern, dass Feministinnen hier die feindliche Gestalt „abstrakter Männlichkeit“ erkennen (Haraway 1988, S. 576). Haraways Ansatz wurde jedoch eher als Technikbegeisterung gelesen. Sie mache Kultur zur Technologie und befürworte das Potenzial der Technoscience zur Hervorbringung einer neuen Welt, anstatt sich kritisch zur Maschinisierung menschlicher Körper zu positionieren (Wajcman 2000, S. 457; auch Teubner 2005, S. 304). Die fortschreitende Technologisierung menschlichen Tuns wie beispielsweise im Fall der Schwangerschaftsvorsorge (Sänger et al. 2013) und die Hybridisierung von Mensch und Maschine (Harasser 2013) in medizinischen, technologischen und kommunikativen Kontexten (z. B. Smartphone) bestätigt Haraways Herangehen an die Analyse von Körpern als Materialisierungen von Grenzziehungsprozessen. Dies wird vor dem Hintergrund des Zusammenführens von „Diskurs“ und „Materie“, Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften in den Werken von Rosi Braidotti und Karen Barad aufgenommen. Insbesondere Barad kritisiert die Dominanz und die Performativität, die der Sprache in der Geschlechterforschung zugeschrieben wird, indem Geschlecht diskursiv als performativer Sprechakt (Butlers „citationality“) dekonstruiert wird: „Language has been granted too much power. […] Language matters. Discourse matters. Culture matters. There is an important sense in which the only thing that does not seem to matter anymore is matter“ (Barad 2003, S. 801) Materie sei kein rein sprachliches oder diskursives Produkt, formuliert sie gegen Judith Butler (Barad 2003, S. 822) und bietet so eine materialistische und posthumanistische Revision des Begriffs Performativität (Barad 2003, S. 811). Den Forschungsstil von Donna Haraway aufgreifend, formuliert Barad die Beziehung zwischen Sozialem („the social“) und Wissenschaft („the scientific“) als „exteriority within“ (Barad 2003, S. 803). Sie knüpft an Haraways Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie an, das In-Beziehung-Gesetzte als Relata bereits vorausgesetzt zu haben, obwohl dieses erst durch den Prozess des Beziehens zu dem wird, als was es dann erscheint („phenomena“) – in Barads Worten: „Intra-Aktion“ statt „Interaktion“:

„The notion of intra-action (in contrast to the usual interaction, which presumes the prior existence of independent entities/relata) represents a profound conceptual shift. It is through specific agential intra-actions that boundaries and properties of the ‚components‘ of phenomena become determinate and that particular embodied concepts become meaningful. A specific intra-action enacts an agential cut […] That is, the agential cut enacts a local resolution within the phenomenon of the inherent ontological indeterminacy.“ (Barad 2003, S. 815)

Man sieht nicht, dass etwas ist (ontologische Entitäten), sondern dass es im Werden sprachlich begriffen bzw. repräsentiert wird („becoming with“) und die hergestellte Bedeutung instabil ist (performativ). Zur empirischen Anwendung des Ansatzes sei hier exemplarisch auf die „posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft“ von Schadler (2013) verwiesen, die zeigt, wie durch Heteromaterialisierung aus Frauen, Männern Mütter, Väter und Kind werden. Im Unterschied allerdings zu Analysen wie beispielsweise Sandra Beaufaÿsʼ Studie über die Professionalisierung der Geburtshilfe (Beaufaÿs 1997) werden über diesen Ansatz Geschlechterverhältnisse als Machtverhältnisse nicht mehr ganz so deutlich sichtbar.

Weniger berücksichtigt werden in der Weiterentwicklung der feministischen Theorie dagegen Effekte der disziplinierten Arbeitsteilung zwischen den Wissenschaften. Dabei sind es etablierte Grenzziehungen, wie in den verschiedenen Wissenschaften auf ausgewählte Forschungsgegenstände jeweils Bezug genommen werden muss (Späte 2012). Es handelt sich also weniger um ein explizites Ausblenden von Materialität in den Geistes- und Sozialwissenschaften im Sinne eines „doesnʼt matter“, sondern vielmehr darum, dass die disziplinierte Arbeitsteilung zwischen den Wissenschaften zu einer ungleichgewichtigen Aufteilung in Geltungsfragen der wissenschaftlichen Erkenntnisse führte. Latour verdeutlicht die für die Sozialwissenschaften ungünstige Aufteilung von Forschungsgegenständen und Erklärungsmustern am Beispiel des Vergleichs mit den Naturwissenschaften und der Ingenieurtechnik so: „die Naturwissenschaftler und Ingenieure nahmen sich den größten Teil – Wirksamkeit, Kausalität, materielle Verbindungen – und überließen die Krümel den Spezialisten des ‚Sozialen‘ oder der ‚menschlichen Dimension‘“ (Latour 2010, S. 143–144).

4 … die Dinge singen hören (Rilke)

Das gesamte Potenzial der Akteur-Netzwerk-Theorie für die Analyse von Doing Gender und Geschlechterverhältnissen wurde insbesondere im Hinblick auf empirische Forschungsprojekte noch nicht ausgeschöpft. Es zeigt sich – abgesehen von Forschungen im Rahmen der feministischen Science and Technology Studies und der Kritik der technologischen Entwicklung durch Gentechnik, Pränataldiagnostik, In-Vitro-Fertilisation, „transsexuelle Chirurgie“ oder Robotik eher ein Fokus auf das Fortschreiben theoretischer Ansätze.

Die Forschung zur Einführung selbst fahrender Autos zeigt, dass in und durch Technoscience Zweigeschlechtlichkeit und asymmetrische Geschlechterverhältnisse stabilisiert und destabilisiert werden können. Werden die Programme für die Fahrzeuge eher als „weiblich“ oder „männlich“ programmiert oder erübrigt sich diese Frage, weil ausschließlich empirische Argumente für das Coding herangezogen werden? Ein sozialpsychologisches Experiment widmete sich der Frage von Vertrauen im Kontext der zukünftig zu erwartenden Substitution von „humanity“ durch „technology“ am Beispiel selbst fahrender Autos. Für das Jahr 2040 werden 75 % Anteil am Markt prognostiziert. Das virtuelle Versuchsobjekt wurde durch Name, Geschlecht und Stimme anthropomorphologisiert, es bekam den Namen Iris und als Geschlecht „female“, zur Stimme gab es keine weiteren Angaben (Waytz et al. 2014). Die Einschreibung von Zweigeschlechtlichkeit in technische Artefakte scheint demnach eher fortgesetzt zu werden. Auch bei der Produktion von digitalen Informationsangeboten zeigt sich der Einfluss einer „I-Methodology“. Die Produzierenden imaginieren sich selbst als Nutzende und die Charakteristika des eigenen Ichs fließen in das Produkt ein (Bath 2009, S. 79). Ungewiss ist, inwieweit ein Queering innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung breit anschlussfähig ist.

Die explizite Anwendung der Akteur-Netzwerk-Theorie im Hinblick auf die Erkundung der Assoziationen, Kollektive und ihrer Polykontexte unter Gender-Aspekten bietet damit noch viel Potenzial. Welche Dinge versammeln sich um die Körper? Und welche Dinge machen welchen Körper in welchem Kontext zu „Frau“ oder „Mann“? Gibt es typische Akteur-Netzwerke wie „Handrührgerät-Frau“ oder „Bohrmaschine-Mann“? Rühren hier, bohren da? Bislang wird dies weitgehend einem differenztheoretisch ausgerichteten, anwendungsorientierten Gendermarketing überlassen, das die etablierten Beziehungen stabilisiert und Produktdesign und -funktionen geschlechtsstereotypisiert ausrichtet. Grundlage dafür sind evolutionstheoretische Begründungen wie das Kindchenschema für das „gendergerechte“ Design von Automobilen (rundlich für Frauen, für Männer unmarkiert) und sozialpsychologisch explizierte Bedürfnisse von Frauen oder Männern wie die Frage des Schminkspiegels in der linken Sichtklappe. Konkrete Fragen nach den Dingen, ihren Assoziationen und Übersetzungsleistungen zur Konstruktion von Geschlecht werden bisher eher in Forschungen der Geschichtswissenschaft gestellt. Gaugele (2002) analysiert die Geschlechterkonstruktion durch das Medium Kleidung als „Faitiche“ im Latour’schen Sinn. Nach der Dominanz durch Dinge fragt Stefan Wünsch am Beispiel der Modellierung von gynäkologischen Untersuchungsstühlen. Sie tragen zur Materialisierung und Stabilisierung der Männlichkeit des praktizierenden Arztes bei. Verena Limper liest Familie mit Latour als Ding (Schleking 2014). Im Anschluss an derartige Forschungsprojekte wäre es äußerst lohnenswert, nach der Stabilität von Akteur-Netzwerken und ihren Kontexten im Hinblick auf Doing Gender zu fragen. Dadurch wären nochmals andere Zugänge zur Aufzeichnung der geschlechtsspezifizierten Segregationen der Erwerbsarbeitsmärkte möglich, zur Persistenz der überwiegend geschlechtskonformen Aufteilung der sog. Hausarbeit, der Sorge-Arbeit, des Sozialen und des Politischen.

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  1. 1.Institut für SoziologieUniversität MünsterMünsterDeutschland

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