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Feministische Ökonomiekritik: Arbeit, Zeit und Geld aus einer materialistischen Geschlechterperspektive

  • Christine BauhardtEmail author
Living reference work entry
Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 65)

Zusammenfassung

Bezahlte Erwerbs- und unbezahlte Sorgearbeit sichern die individuelle und die gesellschaftliche Reproduktion. Diese Arbeit ist nach Geschlecht und Ethnie hierarchisiert und strukturiert gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Soziale Reproduktion gilt symbolisch als weiblich und wird empirisch von Frauen verrichtet.

Schlüsselwörter

Feministische Ökonomiekritik Wert der Arbeit Soziale Reproduktion Care Zeit 

1 Einleitung

Feministische Ökonominnen kritisieren ein einseitig auf Marktprozesse, Geldwirtschaft und Profitmaximierung ausgerichtetes Verständnis von Ökonomie. Zentraler Kritikpunkt ist hierbei der Arbeitsbegriff. Aus feministisch-ökonomischer Perspektive kann nur ein umfassender Blick auf Arbeit, der sowohl bezahlte Arbeit in der Erwerbssphäre als auch unbezahlte Arbeit in privaten Haushalten einschließt, das Gesamtvolumen gesellschaftlicher Arbeit erfassen. Als Instrument, um dieses Volumen zu messen, gilt die Zeit, die für Erwerbs- und Versorgungsarbeit aufgewendet wird. Daraus leitet sich auch ein erweitertes Verständnis von individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand ab: Nicht allein die Verfügung über Geld, sondern auch die Verfügung über Zeit wird als Indikator für die Ressourcen- und Machtverteilung in einer Gesellschaft interpretiert. Fokus der feministisch-ökonomischen Analyse ist die Soziale Reproduktion der Gesellschaft. Gemeint ist damit nicht nur, wie in der klassischen ökonomischen Lehre, die individuelle Reproduktion der Arbeitskraft, also die Erhaltung und Erneuerung der Arbeitsfähigkeit, sondern ebenso die generative Reproduktion, also die Sicherstellung nachwachsender Generationen.

2 Zentrale Konzepte feministischer Ökonomiekritik: Soziale Reproduktion und Care-Ökonomie

Je nach Theoriebezug und Fokussierung der Analyse werden in der feministischen Ökonomiekritik unterschiedliche Begriffe verwendet. Das Konzept der Sozialen Reproduktion schließt an die marxistische Diskussion um den Wert von Arbeit und die strukturelle Organisation der Gesellschaft durch Arbeit an. Mit dem Konzept Care-Ökonomie rücken die subjektiven Bedürfnisse, Motivationen und Sinnstiftungen ins Zentrum der Analyse, die quer zur kapitalistischen Strukturfunktionalität die emotionalen und psychosozialen Bedürfnisse von Menschen in Sorgebeziehungen ausdrücken.

2.1 Soziale Reproduktion: Arbeit und ihr Wert

Die feministische Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff dreht sich im Kern um die Frage, welcher Wert durch Arbeit geschaffen wird. Der marxistische Arbeitsbegriff versteht unter Arbeit warenproduzierende Lohnarbeit, die Güter für den Tausch gegen Geld produziert:

„Das Arbeitsprodukt ist in allen gesellschaftlichen Zuständen Gebrauchsgegenstand, aber nur eine historisch bestimmte Entwicklungsepoche, welche die in der Produktion eines Gebrauchsdings verausgabte Arbeit als seine ‚gegenständliche‘ Eigenschaft darstellt, d. h. als seinen Wert, verwandelt das Arbeitsprodukt in Ware.“ (Marx 1972, S. 76)

Die Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital besteht darin, dass der ausbezahlte Arbeitslohn systematisch geringer ist als der Wert der produzierten Ware: Der Wert der Arbeitskraft wird durch die Arbeitszeit bestimmt, die zur Produktion bzw. Reproduktion der entsprechenden Ware benötigt wird. Dieser Wert ergibt sich nicht nur durch die aufgewendete Zeit des Arbeiters für die Produktion von Waren im Arbeitsprozess und für die Reproduktion seiner Ware Arbeitskraft, sondern darüber hinaus durch die Zeit, die notwendig ist, um die neue Generation von Arbeitskräften für den kapitalistischen Produktionsprozess bereitzustellen. Entsprechend ist der Familienlohn so konzipiert, dass die generative Reproduktion in der Familie (und damit durch die Frauen) gesichert ist.

Im feministischen Verständnis ist Arbeit weder auf tauschwertorientierte Warenproduktion beschränkt noch vergegenständlicht sich Arbeit ausschließlich im Lohnarbeitsverhältnis. Die feministische Analyse versteht Arbeit als das Schaffen von materiellen und immateriellen Gebrauchswerten und damit als Wert schaffend. Aus dieser Perspektive bildet die unbezahlte Arbeit von Frauen die Grundlage für die kapitalistische Reproduktion, indem sie die Ware Arbeitskraft permanent erneuert, sowohl in der individuellen Reproduktion im Alltag als auch durch die generative Reproduktion. Auf beiden Ebenen erneuert und erhält lebendige, von Frauen geleistete Arbeit lebendige Menschen (Hennessy und Ingraham 1997; Klinger 2013). Dabei wird die individuelle Arbeitsfähigkeit durch Essen, Schlafen, (Fort-)Bildung aufrechterhalten; das Gebären und Aufziehen von Kindern, ihre Sozialisation und (Aus-)Bildung sichern den Fortbestand des ökonomischen Systems.

Im Unterschied und ergänzend zur marxistischen Analyse findet im feministischen Verständnis Ausbeutung von Arbeit nicht allein im Lohnarbeitsverhältnis, also auf dem Erwerbsarbeitsmarkt statt. Die Ausbeutung und Aneignung der Arbeit anderer Menschen ist darüber hinaus in Haushalt und Familie verortet. Während das Lohnverhältnis durch den Widerspruch von Kapital und Arbeit gekennzeichnet ist, wird das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen im Geschlechterverhältnis manifest. Beide Verhältnisbestimmungen – Lohnverhältnis und Geschlechterverhältnis – sind Ausdruck von Herrschaft: Während sich die strukturelle Dominanz der Kapitalseite über die Aneignung des Mehrwerts stetig erneuert, erneuert sich die strukturelle Dominanz von Männern über Frauen durch die unbezahlte Aneignung weiblicher Arbeit. Beide Herrschaftsverhältnisse sind durch die symbolische Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit und durch materielle Machtasymmetrien (Eigentumsverhältnisse, Einkommen) abgesichert und reproduzieren eine entlang der Kategorien von Klasse und Geschlecht strukturierte Gesellschaftsordnung. Die dritte in der feministischen Theorie zentrale Ungleichheitskategorie „Race“ ist insbesondere bei der feministischen Analyse der globalen Versorgungsketten bedeutsam, in denen Arbeiten der Sozialen Reproduktion auf sozial und ethnisch nachrangig positionierte Frauen delegiert werden.

2.2 Care-Ökonomie: Arbeit und Bedürfnisse

Diese strukturelle Analyse der Makroorganisation von Ökonomie und Gesellschaft wird aus einer feministischen Perspektive ergänzt durch eine subjektive Sicht auf die Bedürfnisse, die in der Verantwortungs- und Sorgearbeit befriedigt werden. Besonderes Augenmerk liegt hier bei der Sinnstiftung dieser auf zwischenmenschliche Beziehungen und interpersonale Kommunikation angelegten Arbeit für die Gebenden und Empfangenden. In dieser Perspektive wird eher von Care-Arbeit bzw. von Care-Ökonomie gesprochen, um den Kern dessen zu benennen, um den es bei dieser Arbeit geht, nämlich die Lebenssorge (Klinger 2013; auch Aulenbacher und Dammayr 2014). Das Konzept der Care-Ökonomie umfasst die Arbeit, die nötig ist, um Menschen zu versorgen, die noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Diese Arbeit kann unbezahlt oder bezahlt in privaten Haushalten oder in öffentlichen Einrichtungen der Erziehung, Bildung, Krankenversorgung oder in der Altenpflege stattfinden. Im Unterschied zum analytischen Begriff der Sozialen Reproduktion, der vorrangig auf die Ware Arbeitskraft, ihre Bereitstellung und Funktionalität für den Kapitalismus fokussiert, beschreibt das Konzept Care-Ökonomie Formen, Inhalte und Zielsetzung der Arbeit in der Lebenssorge. Um zu verstehen, warum diese Tätigkeiten feminisiert werden, ist der Rückgriff auf die Naturalisierung weiblicher Arbeit und die damit verbundene symbolische Geschlechterordnung hilfreich.

Beiden genannten Ansätzen ist gemeinsam, dass sie von der Unverzichtbarkeit der als weiblich definierten Arbeit für die Ökonomie ausgehen und ihre Relevanz für das Verständnis von kapitalistischen Gesellschaften begründen. Die feministisch-marxistische Perspektive auf die Soziale Reproduktion plädiert eher für eine Rationalisierung von Haus- und für die Verstaatlichung von Versorgungsarbeit, während der Care-Ansatz tendenziell auf die Grenzen der Rationalisierung von auf menschliche Bedürfnisse ausgerichteter Versorgungsarbeit hinweist und für bessere Arbeitsbedingungen und größere Zeitsouveränität in diesem Tätigkeitsspektrum argumentiert.

3 Der ökonomische Wert unbezahlter Arbeit: Zeit als Indikator

Die Arbeit von Frauen in der Verantwortungs- und Sorgearbeit wird als selbstverständliche Arbeit betrachtet, die in der Privatsphäre der eigenen vier Wände erbracht und deshalb nicht als ökonomisch relevant gesehen wird – sie gilt als „Arbeit aus Liebe“ (Bock und Duden 1977). Zeitbudgeterhebungen, die für die OECD-Länder ebenso vorliegen wie für Länder des Globalen Südens, verweisen auf den zeitlichen Umfang gesellschaftlich notwendiger, bezahlter und nicht-bezahlter Arbeit (Budlender 2010). Für Deutschland kann gezeigt werden, dass Frauen und Männer ungefähr das gleiche Zeitvolumen arbeiten, dass aber wesentlich weniger der von Frauen geleisteten Arbeit mit Geld entlohnt wird.

Aus einer ökonomischen Perspektive kann die Frage nach dem Wert von Hausarbeit mit der Internalisierung der Kosten durch Monetarisierung beantwortet werden. Damit werden der Umfang und die Bedeutung unentlohnter Arbeit durch einen quantifizierbaren Wert ausgedrückt. Wird die mit Haus- und Versorgungsarbeit zugebrachte Zeit nach dem sog. Dritt-Personen-Kriterium in Geldwerten berechnet, dann ergibt sich die ökonomische Bedeutung der Haushaltsproduktion für die Volkswirtschaft: Selbst bei einer eher vorsichtigen Monetarisierung der unbezahlten Arbeit lag die Bruttowertschöpfung der Haushaltsproduktion 2013 mit 987 Milliarden Euro deutlich über der Bruttowertschöpfung im Produzierenden Gewerbe (769 Milliarden Euro) (Schwarz und Schwahn 2016).

In der feministischen Debatte um Lohn für Hausarbeit (Dalla Costa und James 1975) wurde in der Entlohnung der Hausarbeit eine Möglichkeit gesehen, Ehefrauen aus der Abhängigkeit vom Familieneinkommen und damit dem männlichen Ernährer zu befreien und Frauen eine eigenständige finanzielle Existenzsicherung zu ermöglichen. Als Gegenargument wurde vorgebracht, dass Haus- und Versorgungsarbeit eine qualitativ andere Form der Arbeit sei, die nicht auf Entfremdung, sondern auf interpersonaler Zuwendung beruhe, deren Qualität durch die Ökonomisierung und Monetarisierung gefährdet werde. Ann Ferguson und Nancy Folbre (1981) sprechen deshalb von „geschlechtsaffektiver Produktion“, um die Produktivität weiblicher Arbeit und insbesondere den Aspekt von emotionaler Versorgung zu betonen und sich damit auch begrifflich vom marxistischen Reproduktionskonzept abzugrenzen.

4 Die Institutionen Arbeitsmarkt und Familie – Geschlecht als Strukturkategorie

Die Geschlechterperspektive in der Ökonomie untersucht unter anderem die geschlechtliche Segregation des Arbeitsmarktes und die damit zusammenhängenden Einkommensdifferenzen zwischen den Geschlechtern. Die vertikale Segregation des Arbeitsmarktes positioniert Männer und Frauen in hierarchischen Beziehungen: Immer noch sind Leitungs- und Entscheidungsfunktionen weitgehend von Männern besetzt, während Frauen sich mehrheitlich in assistierenden Positionen finden. Die horizontale Segregation des Arbeitsmarktes weist darauf hin, dass Tätigkeiten und Kompetenzen nach wie vor vergeschlechtlicht sind. Dabei spielen subjektive Präferenzen bei der Berufswahl ebenso eine Rolle wie stereotype Einstellungspraxen. Beide Phänomene erklären die Einkommensdifferenzen zwischen Männern und Frauen: Sowohl als „männlich“ und „weiblich“ identifizierte Berufe als auch statushöhere Positionen privilegieren die männliche Arbeitskraft und ihre Einkommenschancen. Zwischen 1990 und 2014 hat sich an diesem Befund in Deutschland kaum etwas geändert (Hausmann und Kleinert 2014).

Aus einer feministischen Perspektive erweist sich, dass die Organisation des Arbeitsmarktes alleine die geschlechtliche Hierarchie von Berufen und Einkommen nicht erklärt. Nur in der Verschränkung von Erwerbsarbeit mit Haus- und Versorgungsarbeit und ihrer jeweiligen Zeitmuster können der Zugang zum Arbeitsmarkt und die Einkommenschancen von Männern und Frauen analysiert werden (Becker-Schmidt 1991; Funder 2008). Für Frauen erweist sich die normative Zuständigkeit für die Soziale Reproduktion als Zugangsbarriere zum Arbeitsmarkt. Ihre zeitliche Verfügbarkeit für die Erwerbsarbeit wird durch die Übernahme von Arbeiten der Sozialen Reproduktion eingeschränkt, während bei Männern aufgrund ihrer unterstellten permanenten Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt die Arbeiten für die Soziale Reproduktion zusätzliche und freiwillige Leistungen darstellen. Die Institutionen Familie und Arbeitsmarkt bedingen sich wechselseitig: Die Organisation der Sozialen Reproduktion innerhalb privat gehaltener und institutionell abgesicherter heterosexueller Familienstrukturen schränkt die Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt ein, Männern hingegen ermöglicht diese Familienorganisation die volle Integration in und zeitliche Verfügbarkeit für den Erwerbsarbeitsmarkt. Entsprechend wird Geschlecht als Strukturkategorie für die ökonomische Analyse der Gesellschaft verstanden. Erst über die Geschlechterperspektive sind die gesellschaftliche Arbeitsorganisation und damit verbundene hierarchische Machtverhältnisse zu erschließen (Beer 1990).

4.1 Geschlecht als Strukturkategorie: Frauen und „Klasse“

Die Vergesellschaftung von Frauen in der privat gehaltenen, unbezahlten Haus- und Versorgungsarbeit gilt in der marxistisch inspirierten feministischen Diskussion seit den 1980er-Jahren als Basis für die Konzeption von Frauen als „Klasse“ (Beer 1989; Delphy 1998). Klassen sind bei Marx gesellschaftliche Kräfte, die durch ihre Position im kapitalistischen Produktionsprozess und durch die Verfügung oder Nicht-Verfügung über Produktionsmittel bestimmt sind. Entsprechend ist „Klasse“ nicht als Kategorie zur Beschreibung einer individuellen Situation zu sehen, sondern als ein Modus der Vergesellschaftung. Frauen werden im feministisch-materialistischen Ansatz durch ihre Stellung im Reproduktionsprozess als Klasse gefasst. Die Auffassung des Geschlechterverhältnisses als Vergesellschaftungsverhältnis geht auf dieses Verständnis von „Klasse“ zurück. Diese Konzeptualisierung des Klassenbegriffs in der feministischen Diskussion gilt es heute wieder in Erinnerung zu rufen, wenn es um das Verständnis von „Klasse“ in der Genderdebatte geht (Soiland 2008). Grundlegend ist dabei, dass „Klasse“ eine Position in einem gesellschaftlichen Zusammenhang benennt, der auf Ausbeutung beruht und in dem Menschen von der Arbeit anderer Menschen direkt profitieren. Der Vergesellschaftungsmodus prinzipiell aller Frauen über die Soziale Reproduktion und ihre damit verbundene selektive Integration in den Arbeitsmarkt bestimmt ihre Position im Geschlechterverhältnis als „doppelt vergesellschaftet“ (Becker-Schmidt 1987).

4.2 Geschlecht als Strukturkategorie: Frauen und „Race“

Die weibliche Arbeitskraft erweist sich auf verschiedenen Ebenen als Puffer für das Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie. Sie stellt einerseits die Ressource für gesellschaftlich notwendige Arbeit dar, deren zeitlicher Umfang immens ist und der auf der Basis der familialen Organisation äußerst kostengünstig erbracht wird, wie der Blick auf die Zeitbudgetstudien zeigt. Andererseits kann sie in Zeiten ökonomischer Expansion für den Arbeitsmarkt mobilisiert werden, sofern staatliche Infrastrukturleistungen die private Betreuung und Versorgung abhängiger Personen kompensieren, wie dies in wohlfahrtsstaatlichen und auf wirtschaftliches Wachstum ausgerichteten Regimen der Fall ist. Zieht der Staat sich aus der kollektiven Organisation von Erziehung, Versorgung und Pflege zurück, um die Staatsausgaben zu reduzieren, wird die weibliche Arbeitskraft entweder aufgrund der Privatisierung der Sozialen Reproduktion vom Arbeitsmarkt zurückgedrängt oder es werden Lösungen auf Haushaltsebene gefunden, um die Haus- und Versorgungsarbeit erwerbstätiger Frauen auf statusniedrigere Frauen zu verlagern.

Auf diese Weise wird der Haushalt selbst zum Erwerbsarbeitsplatz von meist migrantischen Frauen mit beschränkten Chancen auf dem formellen Arbeitsmarkt (Anderson 2000; Lutz 2007). Geschlechtsspezifische Migrationsmuster treffen hier auf die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften für die Soziale Reproduktion. Diese sog. globale Versorgungskette verweist erstens darauf, dass eine gerechte Aufteilung unbezahlter und gesellschaftlich minderbewerteter Haus- und Versorgungsarbeit zwischen Männern und Frauen in den Industrieländern des Globalen Nordens nicht stattgefunden hat. Zweitens verschärfen sich durch die Verlagerung der Sorgearbeit in ungeschützte und schlecht entlohnte Arbeitsverhältnisse die sozialen und ökonomischen Hierarchien zwischen Frauen. Zum dritten stellt die Delegation von Haus- und Versorgungsarbeit an statusniedrigere Frauen die symbolische Ordnung der Verantwortung von Frauen für die Soziale Reproduktion auf Dauer. An der Organisation der Sozialen Reproduktion zeigt sich die intersektionale Verschränkung von Gender mit den Kategorien „Class“ und „Race“.

5 Der Kapitalismus und seine Überwindung

Im Zusammenhang mit der multiplen Krise des Kapitalismus – Finanzkrise, Umweltkrise, Überproduktionskrise – wird aus feministischer Perspektive eine Krise der Sozialen Reproduktion konstatiert (Jürgens 2010; Becker-Schmidt 2011). Dabei steht die physische und psychische Überlastung der Menschen, die Versorgungs- und Verantwortungsarbeit für Menschen übernehmen, die noch nicht oder nicht mehr für sich selbst sorgen können, im Fokus. Es zeigt sich, dass diese Arbeit aufgrund ihrer besonderen Qualität im Widerspruch zu den Maximen der kapitalistischen Produktionslogik steht: Kommunikation, Empathie und Zeit sind unverzichtbare Elemente befriedigender Sorgebeziehungen. Ihre Beschleunigung und Rationalisierung im Sinne tayloristischer Arbeitsorganisation geht zulasten der Bedürfnisse der Menschen, die diese Arbeit verrichten oder auf sie angewiesen sind (Madörin 2010).

Ansätze zur Überwindung des Kapitalismus werden aus feministischer Perspektive demgemäß aus der Sicht der Sozialen Reproduktion formuliert. Wenn kapitalistische Produktions- und Konsumweisen durch ein hierarchisch organisiertes Geschlechterverhältnis strukturiert werden, dann muss die Überwindung des Kapitalismus Veränderungen sowohl in der Erwerbssphäre als auch in der Sphäre der Sozialen Reproduktion in den Blick nehmen. Eine rein klassenorientierte, auf den Widerspruch von Arbeit und Kapital reduzierte ökonomische Analyse stand von jeher in der Kritik von materialistisch argumentierenden Feministinnen (Sargent 1981; Hennessy und Ingraham 1997). Kapitalistische Ausbeutung, so die Überzeugung, wird durch die Ungleichheit aufgrund von „Race“ und Gender legitimiert und reproduziert ihrerseits Herrschaftsverhältnisse entlang dieser Ungleichheitskategorien. Gesellschaftlich-ökonomische Transformation wird entsprechend von der Arbeit und den Bedürfnissen der Sozialen Reproduktion aus gedacht (Klinger 2013; Winker 2015).

6 Fazit

Die feministische Ökonomiekritik erweitert das Verständnis dessen, was in den Wirtschaftswissenschaften als Ökonomie gilt: die Produktion von und der Handel mit Waren zur Maximierung von Einkommen und Kapital. Feministische Ökonominnen denken die Ökonomie von der Sozialen Reproduktion aus, also von der Frage, wie eine Gesellschaft ihre Existenz sichert. Aus dieser Perspektive stehen die Bedürfnisse von Menschen nach Versorgung im Zentrum, die vorrangig von Frauen sowohl in privaten Haushalten als auch in öffentlichen Einrichtungen übernommen wird. Reduziert der Staat die Finanzierung öffentlicher Einrichtungen, dann erhöht sich der Arbeitsdruck sowohl dort als auch in den privaten Haushalten. Diese Krise der Sozialen Reproduktion wird individuell durch Mehrarbeit von Frauen im Privaten kompensiert oder durch migrantische Haus- und Versorgungsarbeiterinnen aufgefangen. Die Überwindung des Kapitalismus basiert aus einer feministischen Perspektive nicht auf der Überwindung des Klassenwiderspruchs, sondern auf den Bedürfnissen der Sozialen Reproduktion.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Fachgebiet Gender und Globalisierung, Lebenswissenschaftliche FakultätHumboldt-Universität zu BerlinBerlinDeutschland

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