Soziologie: eine Leitwissenschaft der Frauen- und Geschlechterforschung mit fragmentarisch entnaturalisiertem Geschlechterwissen

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Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 65)

Zusammenfassung

Geschlechterbezogene Fragestellungen gehören konstitutiv zum Gegenstandsbereich der Soziologie. Insofern stellt ihre durch die Frauen- und Geschlechterforschung in der Disziplin erreichte Verankerung nur bedingt einen Erfolg dar. Die andauernde Vernachlässigung der kategorialen Bedeutung von Geschlecht in weiten Teilen der Soziologie wird in der Frauen- und Geschlechterforschung auf ein fortbestehendes alltagsweltlich naives und naturalisierendes Geschlechterwissen zurückgeführt.

Schlüsselwörter

Geschlechterdifferenz Geschlechterungleichheit Allgemeine Soziologie Spezielle Soziologien Natur vs. Gesellschaft 

1 Geschlechterbezogene Fragestellungen als fester Bestandteil der Soziologie

Die Soziologie bildete sich als Wissenschaft „von den Menschen in ihren Zusammenhängen“ (Lautmann 2007, S. 614) im 19. Jahrhundert heraus, erlebte aber erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen deutlichen Aufschwung. Nach Theresa Wobbe (1997, S. 20) verbindet die Etablierung der Soziologie als Disziplin und die verspätete Zulassung von Frauen zu Studium und Wissenschaft als Beruf am Beginn des 20. Jahrhunderts, dass beide „Fremde und Neuankömmlinge“ in Hochschule und Forschung waren. Bis zum institutionellen Ausbau der Soziologie und anderer Sozialwissenschaften im Zuge der Bildungsexpansion in den 1960er-Jahren gab es im deutschsprachigen Raum nur wenige Soziologinnen (Wobbe 1997; Honegger und Wobbe 1998; Vogel 2006). Auch international gelten bis heute lediglich Männer als ‚Klassiker‘ der Soziologie (Thomas und Kukulan 2004).

Von Beginn an kennzeichnet die Soziologie ein multiparadigmatischer Charakter, der sich in einer Vielfalt konkurrierender Theorien und Forschungsmethoden ausdrückt, denn: „Schließlich bezieht sich die Soziologie auf Themen und Probleme, die in der Gesellschaft entstehen und in der Soziologie mit praktischer Relevanz bearbeitet werden.“ (Lautmann 2007, S. 614) Gesellschaftliche und disziplinäre Entwicklungen sind folglich reflexiv miteinander verbunden, auch hinsichtlich der geschlechtlichen Existenzweisen von Menschen und damit verknüpften sozialen Positionierungen. Geschlechterbezogene Fragestellungen sind also fester Bestandteil der Soziologie. Doris Lucke (2003, S. 16) hebt gar hervor, dass die Soziologie als emanzipatorische Wissenschaft „für eine (sozial-)wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Geschlecht und den Geschlechterverhältnissen in Gesellschaften, in denen Frauen systematisch unterprivilegiert sind, geradezu privilegiert“ ist. Als kritische (Gesellschafts-)Wissenschaft sei sie außerdem dazu prädestiniert, hinter der Fassade quasi-natürlicher Unterschiede zwischen Männern und Frauen die sozialen, d. h. die menschengemachten und gesellschaftlich verursachten, Ungleichheiten zwischen Herrschenden und Unterdrückten zu erkennen und benennen.

Aufgrund ihres Gegenstandsbereichs und ihrer Reflexivität gehört die Soziologie zu den Disziplinen, in denen die Frauen- und Geschlechterforschung vergleichsweise starke epistemologische und personelle Wurzeln hat, und kann als eine ihrer Leitwissenschaften angesehen werden. Die Frauen- und Geschlechterforschung ist in der Soziologie zweifelsohne breit und tief verankert. Dennoch sind die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit geschlechterbezogenen Themen und eine reflexive Verwendung der Kategorie Geschlecht in der Soziologie bisher nicht selbstverständlich. Als Dreh- und Angelpunkt entpuppen sich dabei auf verschiedenen Reflexionsebenen angesiedelte Wissensbestände zu Geschlecht: Ein alltagsweltlich naives und naturalisierendes Geschlechterwissen hält sich beharrlich gegenüber einem soziologisch reflexiven und entnaturalisierenden Geschlechterwissen, wobei sich Letzteres vor allem in der Frauen- und Geschlechterforschung findet.

2 Zentrale Forschungsfelder

Kein soziologisches Themengebiet ist per se frei von einer Auseinandersetzung mit geschlechterbezogenen Fragen. Gleichwohl finden diese Fragen in der sog. Allgemeinen Soziologie, die die Theorien, Methodologien, Konzepte und Kategorien umfasst, mit denen soziales Handeln in den verschiedenen Bereichen der sozialen Welt erklärt werden kann, weitaus weniger Berücksichtigung als in den sog. Speziellen Soziologien, auch Angewandte Soziologien oder Bindestrich-Soziologien genannt, die sich auf die Theorien, Methodologien, Konzepte und Kategorien der Allgemeinen Soziologie beziehen und vor allem empirisch mit den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen befassen, z. B. Arbeit und Familie. Zudem unterscheiden sich die einzelnen Speziellen Soziologien hinsichtlich der Intensität ihrer Befassung mit geschlechterbezogenen Fragen.

2.1 Geschlechterbezogene Beiträge zur Allgemeinen Soziologie

Von Beginn der Disziplin an gehört in ‚klassischen‘ wie zeitgenössischen soziologischen Theorien und Zeitdiagnosen die Auseinandersetzung mit geschlechterbezogenen Fragestellungen zur Agenda (z. B. Wobbe et al. 2011; Gildemeister und Hericks 2012). Selbst in neueren Gesellschaftstheorien werden dennoch die geschlechtlichen Existenzweisen von Menschen in modernen Gesellschaften weitgehend ausgeklammert, so als sei die Geschlechtlichkeit ‚natürlich‘ und bedürfe keiner soziologischen Theoretisierung. Wenn überhaupt, werden die Theorieperspektiven der Frauen- und Geschlechterforschung, die diese vermeintliche Natürlichkeit als sozial (re)produziert aufdecken, in soziologischen Einführungs- und Lehrbüchern lediglich in einem separaten Kapitel vorgestellt (als Ausnahmen siehe z. B. Treibel 2006 [1993]; Gertenbach et al. 2009). Umgekehrt ist auch in der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung die systematische Auseinandersetzung mit den Erkenntnisangeboten der etablierten Gesellschaftstheorien unabgeschlossen. Hier zeigen sich wechselseitige Rezeptionslücken, die die soziologische Frauen- und Geschlechterforschung sukzessiv zu füllen beginnt (z. B. Kahlert und Weinbach 2015 [2012]).

Weitaus früher und intensiver setzte in der Frauen- und Geschlechterforschung die Auseinandersetzung mit Verfahren der empirischen Sozialforschung ein (z. B. ZE 1984; Althoff et al. 2017 [2000]; Degele 2008; Aulenbacher et al. 2010; Onnen-Isemann und Bollmann 2010). Die Debatten über Methodenfragen sind seither methodologischen Erörterungen gewichen, in denen es darum geht, wie die (methodologische) Annahme der Geschlechterdifferenz das Dilemma umgehen kann, mit der Ausgangsannahme bereits den vermeintlichen Unterschied zu wissen, der eigentlich erst untersucht werden soll.

2.2 Beiträge zu Speziellen Soziologien

Wenngleich die Frauen- und Geschlechterforschung in allen Speziellen Soziologien praktiziert wird, gibt es einige Themenfelder, die intensiver im Fokus der vornehmlich empirischen geschlechterbezogenen Forschung stehen. Hinweise zur Bestimmung dieser Intensität gibt eine von mir durchgeführte Analyse der Inhalte von Einführungs- und Lehrbüchern zur soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung (Brück et al. 1997 [1992]; Althoff et al. 2017 [2000]; Bührmann et al. 2014 [2000]; Hark 2007 [2001]; Degele 2008; Aulenbacher et al. 2010; Onnen-Isemann und Bollmann 2010; Lenz und Adler 2010, 2011; Gildemeister und Hericks 2012; siehe ausführlich Kahlert 2013).

Die Analyse zeigt, dass rein quantitativ betrachtet die Themenbereiche „Liebe, Sexualität und Gewalt“ und „Arbeit“ an der Spitze stehen. An zweiter Stelle des Themenrankings findet sich „Sozialisation“. Den dritten Platz teilen sich die Themenbereiche „Familie“, „Körper“, zum Teil in Kombination mit „Gesundheit“, sowie „Staat, Politik und Recht“ unter Einbezug von Gleichstellungspolitiken. Nicht immer stimmen diese Themenbereiche mit dem Forschungsfeld einer etablierten Speziellen Soziologie überein, sondern liegen zum Teil an deren Schnittstellen oder greifen Leerstellen auf. Die Soziologie als solche wird so erweitert und vertieft und in ihrer Systematik rekonturiert.

Die Autor_innen der untersuchten Einführungs- und Lehrbücher begründen ihre Auswahl der behandelten Themenbereiche mit deren Bedeutung für die (Weiter-)Entwicklung der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung sowie mit ihren Expertisen. Damit zusammenhängen mag auch, dass Themenstellungen anderer Spezieller Soziologien in der Frauen- und Geschlechterforschung zumindest nicht so intensiv behandelt werden, dass sie Eingang in die Einführungs- und Lehrbücher zur soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung gefunden haben. Insofern kann durchaus von geschlechterblinden Flecken in Speziellen Soziologien ausgegangen werden.

Die Befassung der Frauen- und Geschlechterforschung mit diversen soziologischen Themenstellungen hat nicht nur die Aufmerksamkeit für geschlechterbezogene Fragestellungen in bestehenden Speziellen Soziologien geweckt, sondern auch zur Herausbildung der Geschlechtersoziologie als neuer Spezieller Soziologie geführt. Unter diesem Label werden nun in der Soziologie oft die auf Geschlechteraspekte bezogenen Theorien und empirischen Erträge gebündelt – als handelte es sich um ein spezielles Themenfeld, das in der übrigen Disziplin keine Rolle spielte.

3 Geschlecht als soziologische Kategorie

Infolge des multiparadigmatischen Charakters der Soziologie existieren verschiedene theoretische und forschungsmethodologische Perspektiven, die Geschlecht als Stratifikations-, Struktur- oder Prozesskategorie begreifen und partiell kritisiert werden.

3.1 Geschlecht als Stratifikations-, Struktur- und Prozesskategorie

Seit den Anfängen der Soziologie wird Geschlecht als sozialstatistische Variable bzw. Stratifikationskategorie beachtet, etwa in der Beschreibung von Geschlechterverteilungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeitsmarkt und Familie. So verstanden dient die Kategorie Geschlecht dem empirischen, i. d. R. quantifizierenden, Nachweis von Phänomenen sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und ist in der Soziologie selbstverständlich etabliert. Allerdings wird sie dabei alltagsweltlich naiv als ‚natürliche‘ Unterscheidung von Frauen und Männern gefasst.

Seit den 1980er-Jahren, angeregt durch Forschungen vor allem von Ursula Beer, Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp, wird Geschlecht als soziale Strukturkategorie begriffen (Braun 1995). Diese makrosoziologische Perspektive verweist auf die konstitutive, historisch sedimentierte und herrschaftliche Verbindung zwischen dem Geschlechterverhältnis und der Gesellschaftsstruktur. Dabei beruht diese wechselseitige Verbindung im Kapitalismus auf einem hierarchischen und durch die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit bestimmten sozialen Verhältnis der Genusgruppen, in dem die private und unentgeltliche Erbringung von Versorgungsleistungen organisiert wird und Frauen doppelt vergesellschaftet werden. Als problematisch gilt in dieser marxistisch inspirierten Perspektive die mit der Geschlechterdifferenzierung einhergehende gesellschaftliche Hierarchisierung, mithilfe derer Frauen und Männern gesellschaftlich je unterschiedliche Plätze zugewiesen werden und die durch Sozialisation und entsprechende Institutionalisierungen reproduziert wird. Die Geschlechterdifferenz wird dabei als gesellschaftlich, kulturell und historisch produziert angesehen, aber in ihrer soziokulturellen Ausprägung als Zweigeschlechtlichkeit nicht hinterfragt.

Die daneben bestehende Perspektive auf Geschlecht als Prozesskategorie lehnt sich an sozialkonstruktivistische Denkweisen an, allen voran die Ethnomethodologie. Hier sind Arbeiten von Harold Garfinkel und Erving Goffman zur alltäglichen und interaktiven Herstellung von Geschlecht und Zweigeschlechtlichkeit wegweisend. Demnach erweist sich Geschlecht als soziale Konstruktion, die im sozialen Handeln als unreflektierter Zuschreibungsprozess reproduziert und institutionalisiert wird (Doing Gender). Die diese Sichtweise weiterentwickelnde mikrosoziologische Frauen- und Geschlechterforschung, zu deren Hauptvertreterinnen im deutschsprachigen Raum Carol Hagemann-White, Regine Gildemeister und Angelika Wetterer gehören, setzt sich vor allem mit der Rekonstruktion des „Wie“ von Geschlechterkonstruktionen auseinander. Gefragt wird auch, inwiefern ein Undoing Gender möglich ist und mehr als zwei Geschlechter denkbar sind. In Anlehnung an die im angelsächsischen Sprachraum übliche Unterscheidung zwischen Sex, dem biologischen Geschlecht, und Gender, dem sozialen Geschlecht, wird auch Sex als Gender begriffen und die Zweigeschlechtlichkeit als eine soziokulturelle Konstruktion betrachtet, wobei Fragen von Macht und Herrschaft in den Hintergrund rücken.

3.2 Problematisierungen und Kritiken

Die erkennbar auf verschiedenen gesellschafts- und geschlechtertheoretischen Vorstellungen gründenden Sichtweisen werden in der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung zumeist alternierend verwendet und reproduzieren so den problematischen Makro-Mikro-Gegensatz. Zum Teil liegen aber auch Vorschläge vor, die beide Perspektiven miteinander verbinden und jeweilige Begrenzungen zu überwinden versuchen (Kahlert 2006; Lenz und Adler 2010, 2011).

Ein weiteres Problem besteht darin, dass die stratifikations- und strukturkategorialen Perspektiven alltagsweltliche Auffassungen der vermeintlich biologisch (‚natürlich‘) begründeten Zweigeschlechtlichkeit unhinterfragt fortschreiben und bestenfalls teilweise reflektieren, worin das Soziale und Soziologische des Geschlechts besteht (Gildemeister und Hericks 2012). Damit bleiben sie hinter soziologischen Erkenntnismöglichkeiten zurück, im Einklang mit einer disziplinären Tradition. Denn nach Nina Degele (2003, S. 13) wusste die Soziologie „zum Beispiel immer, was Männer und was Frauen sind, und sie wusste um die ‚Natürlichkeit‘ der Zweigeschlechtlichkeit. […] Eine durchgreifende Entnaturalisierung hat die zeitgenössische Soziologie bislang nur in Ansätzen geleistet, die klassische überhaupt nicht.“ So erklärt sich wohl auch, warum die kategoriale Bedeutung von Geschlecht in weiten Teilen der Soziologie vernachlässigt wird.

Wie andere Sozialkonstruktivist_innen auch hält Degele (2003) die dieser Theorieperspektive inhärente Verunsicherung, dass die Annahme der Existenz zweier biologisch begründeter Geschlechter eine soziale Konstruktion sei, für theoretisch und methodologisch fruchtbar. Für die empirische Forschung bleibe jedoch die theoretisch naiv gewordene Annahme von ‚Männern‘ und ‚Frauen‘ unerlässlich, weil eine kategorienlose oder -leere Wissenschaft nicht praktikabel sei (Degele 2003, S. 18). Als Lösung dieses Dilemmas schlägt die Soziologin ein mehrstufiges Modell vor, in dem zunächst das Alltagsverständnis vom Unterschied der Geschlechter als reale Differenz ernst genommen würde, um danach auf seinen Beitrag für die Konstruktion und Perpetuierung von Geschlecht und Geschlechterdifferenzen befragt zu werden (Degele 2003, S. 22).

Stefan Hirschauer (2003, S. 461, Herv. i. Orig.) hingegen führt das partielle Festhalten der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung an der epistemologischen Kategorie Geschlecht auf ihre „fortgesetzte politische Rahmung“ zurück, in deren Folge zahllose Geschlechterunterschiede und der Nachweis sozialer Ungleichheit zwischen Frauen und Männern hervorgebracht würden. Die Geschlechterunterscheidung werde so mit ihrer Beobachtung unhinterfragt fortgeschrieben, statt sie selbst soziologisch zu beobachten (Hirschauer 2003, S. 466) und die zugehörige „Geschlechtsdifferenzierungsforschung“ (Hirschauer 2003, S. 474) aufzulösen.

4 Professionspolitik, Publikationsaktivitäten und Professuren

Die Frauen- und Geschlechterforschung konnte sich in der Soziologie breit und tief verankern, wie Schlaglichter auf ihre Professionspolitik, Publikationsaktivitäten und ihr gewidmete Professuren zeigen.

4.1 Professionspolitik

In der seit 1909 bestehenden Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), als Vereinigung wissenschaftlich qualifizierter Soziolog_innen, gründete sich am 19. April 1979 die Sektion „Frauenforschung in den Sozialwissenschaften“ als eine der ersten Vereinigungen von Wissenschaftlerinnen innerhalb einer Fachgesellschaft in Deutschland. Nach intensiven Kontroversen um die theoretisch seinerzeit um sich greifenden Debatten über den Gegenstandsbezug von Frauenforschung – als vermeintlich lediglich Frauen fokussierend – und Geschlechterforschung – als vorgeblich Geschlechterverhältnisse und -beziehungen behandelnd – und das damit verbundene wissenschaftliche Selbstverständnis (Paulitz 2018) nennt sich die Sektion seit 2002 „Frauen- und Geschlechterforschung in den Sozialwissenschaften“. Auch in Österreich und der Schweiz gab es ähnliche Entwicklungen: Die „Sektion Frauenforschung in der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie“ wurde im Herbst 1987 gegründet und änderte im Jahr 2003 ihre Bezeichnung auf „Sektion Feministische Theorie und Geschlechterforschung“. 1988 konstituierte sich auch in der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie ein „Komitee Feministische Soziologie“, das sich 1998 in „Komitee Geschlechterforschung“ umbenannte. Seit ihrer Gründung ist die Sektion „Frauen- und Geschlechterforschung in den Sozialwissenschaften“ eine der mitgliederstärksten der DGS.

In der aus der Sektion von Regina Becker-Schmidt, Aylâ Neusel und Angelika Wetterer 1987 initiierten „Soziologinnen-Enquête“, einem DFG-geförderten Forschungsprojekt, wurden die Arbeitssituation, die Berufsverläufe und das Selbstverständnis von Sozialwissenschaftlerinnen unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitsbedingungen in der Frauenforschung untersucht (Wetterer 1990). Eng damit verbunden und angesichts intensiver Diskussionen um die Lehrgestalt der Soziologie veranstaltete die Sektion am 29. und 30. Juni 1990 in Hamburg den Workshop „Frauen in der Hochschullehre – Frauenforschung in der Lehre“ (Fabianke und Kahlert 1991), auf dem sich sechs Soziologinnen zusammenfanden, um 1992 die erste deutschsprachige Einführung in die „Feministische Soziologie“ zu publizieren (Brück et al. 1997 [1992]).

4.2 Organisierte Publikationsaktivitäten

Seit 1989 gibt die Sektion eine eigene Buchreihe zu themenspezifischen Forschungsbeiträgen heraus, das „Forum Frauenforschung“ bzw. nun „Forum Frauen- und Geschlechterforschung“, in der bis Ende 2017 48 Sammelbände erschienen, und seit 2000 eine Lehrbuchreihe, in der seit ihren Erstveröffentlichungen in 2000 bzw. 2001 bis Ende 2017 drei Bände veröffentlicht wurden (Althoff et al. 2017 [2000]; Bührmann et al. 2014 [2000]; Hark 2007 [2001]). Darüber hinaus tragen weitere Buchreihen die Handschrift von Sozialwissenschaftler_innen aus der Frauen- und Geschlechterforschung. Beispielsweise begründeten überwiegend Soziolog_innen die Buchreihe „Geschlecht und Gesellschaft“ und gaben bis Ende 2017 darin 68 Bände heraus.

Sozialwissenschaftlerinnen engagier(t)en sich zudem maßgeblich in der Gründung und Herausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschriften „Feministische Studien“ (seit 1982), „Frauenforschung: Informationsdienst des Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft, IFG“ (1983–1992), später in „Zeitschrift für Frauenforschung“ (1993–1999) bzw. „Zeitschrift für Frauenforschung & Geschlechterstudien“ (2000–2008) umbenannt, und „Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft“ (seit 2009).

4.3 Denominationen von Professuren

Den Genderprofessuren, also explizit der Frauen- und Geschlechterforschung gewidmete Professuren, kommt eine tragende Rolle in der Weiterentwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung zu, wenngleich auch auf Mittelbaustellen und Professuren ohne spezielle Gender-Denominationen geschlechterbezogen geforscht wird. Bei der ersten ordentlichen Genderprofessur an einer deutschen Universität handelte es sich um den 1985 an der Universität Frankfurt am Main eingerichteten Lehrstuhl für Frauenforschung in der Soziologie (Bock und Landweer 1994) mit den Schwerpunkten Frauenarbeit und Frauenbewegung.

Laut der Datenbank des Margherita-von-Brentano-Zentrums der Freien Universität Berlin waren am 30. November 2017 von insgesamt 185 Professuren (einschließlich Juniorprofessuren) mit einer Voll- oder Teil-Denomination für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschen Hochschulen 33 bzw. 17,8 % in der Soziologie bzw. den Sozialwissenschaften (einschließlich einer explizit soziologischen Ausrichtung auf Arbeitswissenschaft, Gesellschaftswissenschaften oder -theorie) angesiedelt, davon eine befristet besetzt. Damit nimmt die Soziologie bei den Genderprofessuren eine Spitzenposition ein. 24 dieser Genderprofessuren bestehen an Universitäten und 9 an Fach-, Verwaltungs-, Pädagogischen und Sporthochschulen. Zum Vergleich: 2016 gab es in den Sozialwissenschaften insgesamt 695 Professuren an deutschen Hochschulen (Statistisches Bundesamt 2017, S. 103, 112). An österreichischen Hochschulen waren am 30. November 2017 zwei soziologische Genderprofessuren an Universitäten besetzt, für die Schweiz weist die Datenbank keine sozialwissenschaftliche Genderprofessur aus.

5 Fazit: Frauen- und Geschlechterforschung in der Soziologie – (k)eine Erfolgsgeschichte?

Deutlich geworden ist, wie eng die Soziologie und die Frauen- und Geschlechterforschung miteinander verbunden sind. Die skizzierte fachliche Breite und Tiefe der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung wie auch ihr Institutionalisierungsgrad erwecken den Eindruck, als würde hier eine nahezu beispiellose Erfolgsgeschichte der Verankerung geschlechterbezogener Fragestellungen in einer Wissenschaftsdisziplin geschrieben. Verglichen mit anderen Disziplinen sind die Verwurzelung der Frauen- und Geschlechterforschung in der und ihre Bezugnahmen auf die Soziologie gewiss nicht zu vernachlässigen. Allerdings gehören geschlechterbezogene Fragestellungen konstitutiv zum Gegenstandsbereich der Soziologie dazu, sodass die vermeintlichen Erfolge auf den zweiten Blick weit weniger spektakulär sind. Trotz der Einflüsse auch auf Kernfragen der soziologischen Theoriebildung und Methodologien der empirischen Sozialforschung überwiegt daher die Einschätzung, die Frauen- und Geschlechterforschung habe die Soziologie „nicht von Grund auf revolutioniert“ (Lucke 2003, S. 22; siehe Stacey und Thorne 1985; Wharton 2006; Reuter und Wieser 2006; Rosenberg und Howard 2008).

Zentrale Herausforderungen der soziologischen Frauen- und Geschlechterforschung liegen in der kritisch-reflexiven Weiterentwicklung der soziologischen Theorien, Methodologien, Konzepte und Kategorien sowie einer Ausweitung geschlechterbezogener Forschungen auf bisher vernachlässigte soziologische Themenfelder. Vertieften Untersuchungen vorbehalten bleibt zudem, inwiefern eine entnaturalisierte Perspektive auf Geschlecht als Kategorie und damit verbundene Fragestellungen beispielsweise in den soziologischen Forschungs- und Lehrinhalten, Fachzeitschriften, Einführungs-, Lehr- und Handbüchern und Stellen ohne spezielle Gender-Denominationen integriert ist bzw. wie dies künftig zu bewerkstelligen wäre.

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  1. 1.Fakultät für SozialwissenschaftRuhr-Universität BochumBochumDeutschland

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