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Talcott Parsons und die Kultursoziologie

  • Helmut StaubmannEmail author
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Zusammenfassung

Talcott Parsons’ begrifflich hoch-differenzierter Theorierahmen ist motiviert vom Versuch der Erarbeitung einer nicht-reduktionistischen Handlungstheorie. Es geht ihm um die Darlegung und Berücksichtigung der Eigenlogik der „Subsysteme des Handelns“, deren Beziehungen untereinander und der Klärung der Bedeutung von Umwelten des Handlungssystems, wie etwa der biologischen Voraussetzungen menschlichen Handelns.

Für die Kultursoziologie hatte dies die Erarbeitung eines klaren nicht-reduktionistischen Kulturbegriffes und darauf aufbauend eine Klärung des Verhältnisses von Kultur zu sozialen, ökonomischen oder individuell-persönlichen Fragen zur Konsequenz. In einer seiner bedeutendsten angewandten Kulturstudien über das amerikanische Universitätswesen ist dies umfassend für den kognitiv-rationalen Teil der Kultur dargestellt. Einige von Parsons’ Schülern, wie Robert Bellah oder Clifford Geertz, wurden zu Hauptvertretern der Kultursoziologie bzw. der Cultural Sociology.

Schlüsselwörter

Definition der Situation Expressive Revolution Kultursystem Kulturelles Treuhandsystem Wertbindung Handlungstheorie Strukturfunktionalismus 

1 Einleitung

Talcott Parsons war einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. 1902 in Colorado Springs geboren und in einer im Protestantismus verankerten Familie aufgewachsen, führten ihn Studien der Ökonomie und Soziologie an die London School of Economics und an die Universität Heidelberg, an der er ein Doktorat erwarb. 1934 begann er seine Karriere an der Harvard University mit einer Position als Lecturer, die bald in eine Professur umgewandelt wurde, die er bis zu seiner Emeritierung 1973 innehatte. 1979 starb Parsons auf einer Reise zu einer Festveranstaltung zur 50-jährigen Erneuerung seiner Doktorwürde in Heidelberg.

Versucht man Talcott Parsons in die großen Linien der Fachgeschichte einzuordnen, so erscheint er als der bedeutendste Vertreter der post-klassischen Phase der Soziologie. Im Bemühen um eine einheitliche Theorie des Handelns, zieht sich durch sein gesamtes, äußerst umfangreiches Werk eine intensive Beschäftigung mit der Frage der Bedeutung der Kultur und ihres Verhältnisses zu sozialen Systemen und anderen „Subsystemen“ des Handelns, wie das der Ökonomie oder auch der individuellen Persönlichkeit.

2 Die kulturtheoretische Bedeutung von The Structure of Social Action

Eine Generation vor Parsons hatte es die großen, heute als klassische Soziologie bezeichneten Versuche gegeben, der Soziologie eine disziplinäre Identität zu geben. Einig war man sich im Bemühen um die Entwicklung einer entsprechenden Grundbegrifflichkeit und eigenständigen Methodologie. Wie diese aber auszusehen hätten, darüber herrschte keine Einigkeit. In Auseinandersetzung mit dem Marx’schen historischen Materialismus und anderen sozioökonomischen Theorien des 19. Jahrhunderts spielte in den Hauptwerken von Émile Durkheim (Über soziale Arbeitsteilung), Georg Simmel (Philosophie des Geldes), Ferdinand Tönnies (Gemeinschaft und Gesellschaft) und Max Weber (Die protestantische Ethik) die Frage nach der Bedeutung der ökonomischen Entwicklung für die moderne Gesellschaft eine zentrale Rolle. Genau diese Frage griff Parsons in seiner Dissertation über den Begriff des Kapitalismus auf. Der systematische Vergleich der damals wichtigsten Werke führte ihn zur Schlussfolgerung, dass die Differenzen zwischen den klassischen Entwürfen auf eine unterschiedliche Gewichtung basaler Grundannahmen beruhten und Widersprüche auf eine unzureichende begriffliche Differenzierung zurückzuführen seien. Sein erstes großes, 1937 publiziertes Werk The Structure of Social Action kommt zur Schlussfolgerung, dass jede Handlungsanalyse Handlungsziele und Handlungsbedingungen als analytisch oder strukturell unabhängige Handlungskomponenten berücksichtigen müsse (Parsons 1937). Die Theorietraditionen des Idealismus auf der einen und des Utilitarismus (oder Materialismus) auf der anderen Seite hatten eine der beiden Komponenten verabsolutiert und die andere „in letzter Instanz“ – wie es bei Marx hieß – auf die von ihnen postulierte Zentralkomponente zurückgeführt. Nun sah Parsons zwar eine Konvergenz der beiden Traditionen, eine konsequente analytische Differenzierung stellte aber erst seine Theorie zu den Grundelementen bzw. der Struktur der sozialen Handlung dar.

Die Vorstellung der strukturellen Unabhängigkeit sinnhaft konstituierter Handlungsziele und konditionaler Handlungsvoraussetzungen und -mittel führte zu einer logischen Überwindung des Streites zwischen Idealismus und Materialismus. Die Bedeutung der beiden Handlungskomponenten, also ob, etwas umformuliert, der Ökonomie oder der Kultur ein Primat in der gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik zukomme, ist demnach nur historisch-empirisch bestimmbar und nicht apriorisch zu postulieren. Diese frühe, so einfache wie geniale Theorieleistung Parsons’ ist der Ausgangspunkt für eine in der Folge durch weitere begriffliche Differenzierungen hochkomplex weiterentwickelte allgemeine Theorie des Handelns.

3 Kultur im Bezugsrahmen des „Strukturfunktionalismus“

Der Handlungsbegriff ähnelt in The Structure of Social Action noch sehr der Weber’schen Vorstellung von sozialer Handlung als einem zwar an anderen sinnhaft orientierten, aber letztlich individuellen intentionalen Akt. Der Versuch der Schaffung eines einheitlichen Theorierahmens für die verschiedenen Humanwissenschaften (neben Soziologie und Ökonomie spielten die Psychologie und die Anthropologie eine große Rolle) führte zu einer Theoriesynthese, die unter der Bezeichnung Strukturfunktionalismus in die Soziologiegeschichte eingegangen ist.

Die Hauptwerke dieser Periode, Toward a General Theory of Action (Parsons und Shils 1951) und The Social System (Parsons 1951), beide 1951 erschienen, führen im Grunde genommen zwei Begriffsdifferenzierungen ein: Einmal die Unterscheidungen dreier „Konfigurationen“ – wie es ursprünglich geheißen hat – oder „Subsysteme“ des Handelns: die Persönlichkeit, das soziale System und die Kultur. Unabhängig davon werden drei Beziehungsformen von Handelnden zu ihrer Umwelt oder – allgemeiner formuliert – Handlungsdimensionen unterschieden: die kognitiv-instrumentelle, die affektiv-kathektische und die teleologisch-evaluative.

Auch hier ist ein entscheidender Gedanke der der strukturellen Unabhängigkeit (Siehe insbesondere auch Kroeber und Parsons 1958). Die Subsysteme des Handelns haben eine je spezifische Eigenlogik und können nicht aufeinander reduziert werden. Die Eigenlogik der Kultur ergibt sich aus der Objektivierbarkeit von Orientierungs- und Handlungsweisen, deren Loslösung von individuellen und sozialen Handlungssystemen erst die Möglichkeit der Weitergabe durch individuelles Lernen (Internalisierung) oder sozialer Diffusion eröffnet. Die Handlungsdimensionen äußern sich in jeweils subsystemspezifischen Formen. Im Falle der Kultur unterscheidet Parsons kognitive, expressive und evaluative Symbolismen bzw. Bedeutungsmuster. Erst auf Basis der Eigenlogik der Subsysteme und der Handlungsdimensionen können Zusammenhänge untereinander empirisch erfasst werden (Siehe auch Parsons 1961 und 1977).

4 Kultur und das AGIL-Paradigma

Die Vorstellung von Handlung als System im Zusammenhang mit der konzeptuellen Ausarbeitung der Subsysteme des Handelns machte eine Erweiterung der frühen Leitunterscheidung von Zweck und Mittel notwendig. Das berühmte AGIL-Schema dupliziert das Zweck-Mittel-Schema quasi, indem es über das Verhältnis einer Handlung zur Situation hinaus auch auf die inneren Verhältnisse des Handlungssystems angewandt wird. Adaption (A) und Zielerreichung (G/goal-attainment) entsprechen dem Zweck-Mittel-Schema nach außen, Integration (I) und Latente Strukturerhaltung (L) denselben Funktionen in ihrer Bedeutung für die inneren Prozesse und Strukturen eines Systems.

Dies führte in der Folge zu einer Umarbeitung, vor allem Erweiterung, der struktur-funktionalen Handlungstheorie. Für das allgemeine Handlungssystem wurde ein viertes Subsystem ausgearbeitet: Parsons nannte es das „behaviorale“ System. Gemeint ist die Körperlichkeit von Handlung – dies nicht im Sinne von „einen Körper haben“ als der biologisch-organischen Konstitution, die eine Umwelt des Handlungssystem darstellt, sondern im Sinne von „ein Körper sein“, einer Körperlichkeit, die über sozio-kulturelle Faktoren gebildet wird und eine konstitutive Komponente von sozialen Prozessen wie Sozialisation, Kommunikation oder Interaktion darstellt. Parsons hat damit um einige Jahrzehnte die gerade in der Cultural Sociology wichtig gewordene Vorstellung von Körperkulturen bzw. einer Soziologie des Körpers vorweggenommen.

Für eine Kulturtheorie bedeutend wurden in der Parsons’schen Spätphase Weiterentwicklungen des Konzeptes des Subsystems der Kultur, die Ausarbeitung des kulturellen Treuhandsystems als einem Subsystem des sozialen Systems und die Erarbeitung der Theorie symbolisch generalisierter Medien der Kommunikation und Interaktion.

4.1 Das kulturelle System als Subsystem des allgemeinen Handlungssystems

Kultur gründet zunächst auf für Handlungen bedeutende Symbolismen. Den Handlungsdimensionen entsprechend sind diese klassifizierbar in kognitive, expressive, normative und, nunmehr einem vierten Orientierungsmodus zugeordnet, konstitutiv-religiöse Symbole. Der Kernbereich der Kultur besteht aus Codes, die im Sinne der Linguistik Kommunikations- und Interaktionsprozesse regulieren. Indem sie in Büchern, Kunstwerken, sakralen Bauten oder Computermedien objektiviert sind, transzendieren sie das Leben von Personen und Gesellschaften und haben damit eine Kontinuität erzeugende Funktion analog zu Genen in biologischen Systemen. Sofern Handlungen sich primär an Symbolismen und ihren Codes orientieren, bilden sie das kulturelle Subsystem des allgemeinen Handlungssystems, wie dies etwa die universitäre Forschung und Lehre für kognitiv-rationale Orientierungen darstellt.

4.2 Das kulturelle Treuhandsystem als Subsystem des sozialen Systems

Kultur, im so definierten Sinne, bildet „Zonen der Interpenetration“ mit den anderen Subsystemen des allgemeinen Handlungssystems aus. Im Sozialsystem gibt es Rollen und Institutionen, die auf die Bewahrung, Weiterentwicklung und Weitergabe von Kultur spezialisiert sind. Parsons bezeichnet diese als kulturelles Treuhandsystem. Dazu zählen neben Forschungs- und Lehreinrichtungen künstlerische oder religiöse Institutionen.

4.3 Kulturelle symbolisch-generalisierte Medien des Austausches: Wertbindung und Definition der Situation

Eine der bedeutendsten originären Theorieentwicklungen Parsons’ stellt die Medientheorie dar. Bereits in The Social System hatte Parsons parallel zum Geld als zirkulierendes Medium des „instrumentellen Komplexes“ (der Wirtschaft) einen expressiven Symbolismus als zirkulierendes Medium des „expressiven Komplexes“ angenommen, der als Medium affektiver Bindungen und Lösungen in quasi-gemeinschaftlichen Beziehungen fungiert. Diese Idee wird in der Handlungstheorie des AGIL-Paradigmas konsequent weiterentwickelt.

Im Sozialsystem wird, neben Geld (Wirtschaft), Macht (Politik) und Einfluss (gesellschaftliche Gemeinschaft), Wertbindung als symbolisch generalisiertes Medium des kulturellen Treuhandsystems dargestellt. Die innere Bindung an Kultur dient in Interaktionen und Kommunikationen als Sanktionspotenzial zur Durchsetzung von Wertstandards in der Bewahrung und Weiterentwicklung von Kultur. In seiner letzten großen, mit Gerald Platt verfassten Monografie The American University (Parsons und Platt 1973) hat Parsons die inflationären Tendenzen des Mediums Wertbindung als Vertrauensverlust in die Leistungsfähigkeit wissenschaftlicher Forschung interpretiert und Deflation als eine tendenzielle Rückentwicklung der Generalisierung des Mediums in ein starres System von konkreten Vorschriften im Sinne fundamentalistischer Bewegungen.

Die „Definition der Situation“ ist ein Konzept, das Parsons ursprünglich von William I. Thomas übernommen hatte und im Spätwerk medientheoretisch interpretierte. Das symbolisch generalisierte Medium der Kultur stellt kognitive, expressive, konstitutiv-religiöse oder moralische Wertstandards für die Bildung partikularer Sinnmuster in Handlungssystemen zur Verfügung (siehe darauf aufbauend Lidz 2009). Die Bildung von Bedürfnissen in einem Persönlichkeitssystem oder die Etablierung von Formen rational-instrumenteller Interaktionen im Sozialsystem geschieht in Orientierung an den generalisierten Situationsdefinitionen als Codes der Kultur.

4.4 Kultur und sozialer Wandel

Kultur wird also von Parsons als ein Code interpretiert, der eine Rolle in der Steuerung von Handlungssystemen spielt. In Anlehnung an die allgemeine Kybernetik unterscheidet er dabei zwischen Kontrollhierarchie und Energiefluss (Siehe Parsons 1982). Diese Begriffsdifferenzierung ermöglicht es, eine Facette des Streites um die Bedeutung der Kultur für den gesellschaftlichen Wandel aufzulösen. Kulturelle Handlungssymbole repräsentieren zwar quasi die oberste Steuerungsinstanz, sind aber wie alle Symbolismen „intrinsisch wertlos“, sodass es im Gegenzug der energetischen Komponenten der unteren Handlungsebenen, also der „Materialität“ der Körperlichkeit und der Ökonomie für ein umfassendes Verständnis der Dynamik von Handlungssystemen bedarf.

Die differenzierte Begrifflichkeit der Parsons’schen Handlungstheorie ist in jedem Fall gegen die apriorische Bestimmung von Faktoren des sozialen Wandels gerichtet. Die Industrielle Revolution erscheint damit nicht als ein Grundmotor der Moderne, der in der Folge alle anderen gesellschaftlichen Bereiche mitzieht, sondern als ein Spezialfall eines allgemeineren Wandlungsprozesses, der auch politische Revolutionen, Revolutionen des Bildungswesens und nicht zuletzt expressive Revolutionen mit je autonomen Transformationslogiken umfasst. Mit letzteren ist die Neugestaltung affektiver Interaktions- und Kommunikationsmuster und, allgemeiner formuliert, von Lebensstilen und Ausdruckformen gemeint.

5 Parsons’ Einfluss auf die Kultursoziologie und Cultural Sociology

Parsons hat durch seine Lehrtätigkeit eine ganze Generation amerikanischer Soziologinnen und Soziologen nachhaltig beeinflusst. Darunter befinden sich Leitfiguren des kultursoziologischen Diskurses und der Cultural Sociology. Parsons war Dissertationsbetreuer von Clifford Geertz, der mit seinen berühmten kulturanthropologischen Studien und seinem methodologischen Konzept der „dichten Beschreibung“ zum Grundkanon der Cultural Sociology zählt. „I have learned more from you than from anyone I have ever studied with, and no one has done more to set the general frame of my thought“, schrieb Geertz (1974) freimütig an seinen Lehrer. Dies galt wohl auch für andere seiner Schüler. Robert Bellah (1985) dissertierte mit einer religionssoziologischen Studie bei Talcott Parsons und wurde zu einem der international bedeutendsten Religionssoziologen. Robert Merton (1990), ebenfalls Dissertant von Parsons, und Harold J. Bershady (1973) wurden zu wichtigen Exponenten der Wissenschaftssoziologie und der Wissenssoziologie. Sie alle standen mit Parsons bis zu seinem Tod in einem regen intellektuellen Austausch.

In der zweiten Generation ist vor allem Jeffrey C. Alexander zu erwähnen. Er setzte sich in seiner von Neil Smelser und Robert Bellah betreuten Dissertation mit dem Werk von Talcott Parsons auseinander und begründete zunächst die Bewegung des Neofunktionalismus. Heute vertritt er ein von ihm sogenanntes „strong program in cultural sociology“ (Alexander und Smith 2006), dessen Stärke unter anderem auch auf der an Parsons anknüpfenden Vorstellung der Autonomie von Kultur beruht.

Der englische Kunsthistoriker und Soziologe Jeremy Tanner hat Parsons’ allgemeinen Theorierahmen und insbesondere dessen Theorie des expressiven Symbolismus für Studien zur Entwicklung römischer Portraitkunst (2000) herangezogen. In Korrektur gängiger Cultural Sociology-Konzepte (wie der „production-of-culture perspective“) beschreibt er in Orientierung an Parsons’scher Gesellschaftstheorie die Evolution hochkultureller Institutionen aus der Kultur des antiken Griechenland, die Ausdifferenzierung einer autonomen Künstlerrolle, bis hin zur spezifischen Form westlicher Hochkultur und ihrem modernen Kunstsystem.

In meinen eigenen kultursoziologischen Arbeiten entwickelt die Habilitationsschrift Die Kommunikation von Gefühlen (1995) in Auseinandersetzung mit dem Parsons’schen Werk eine soziologische Theorie der Emotionen und der Ästhetik. In Weiterarbeit an der Auflösung „begrifflicher Verwachsungen“ – um einen Ausdruck von Georg Simmel zu verwenden – habe ich in einer Synthese Parsonsʼscher Kulturtheorie mit dem Werk von Adorno die Unterscheidung autonomer und heteronomer Funktionen von Kultur vorgeschlagen, um die soziale und ökonomische Rolle der Kultur fassbar zu machen, ohne sie jedoch auf bloße Erscheinungsformen einer „in letzter Instanz“ ökonomischen Kapitalform zu reduzieren (Staubmann 2005).

6 Fazit

Talcott Parsons’ Beitrag zur Kultursoziologie kann in drei Punkten zusammengefasst werden: Der erste betrifft die theoretische Klärung des Kulturbegriffes als Teil eines allgemeinen Bezugsrahmens des Handelns. Ein wichtiger Grundgedanke ist hier die „Emergenz“ der Kultur oder ihre „strukturelle“ Unabhängigkeit von sozialen, psychischen und ökonomischen Feldern, deren Zusammenhänge und gegenseitige Abhängigkeiten damit von apriorischen Postulaten zu empirisch zu bestimmenden Fragestellungen werden. Zum theoretischen Beitrag zählen auch seine originären Arbeiten zur Theorie symbolischer Medien, insbesondere der kulturellen Medien der Wertbindung und der Definition der Situation. Zweitens hat Parsons selbst wichtige empirische Studien zur Kultursoziologie erstellt. Die bedeutendste über das amerikanische Universitätswesen geht fundamental der Frage kognitiver Rationalität für die moderne Gesellschaft nach. Letztlich hat Parsons über seine Lehrtätigkeit Schülerinnen und Schüler maßgeblich beeinflusst, die zentrale Figuren der Kultursoziologie und der Cultural Sociology wurden, so etwa Robert Bellah, Clifford Geertz oder Jeffrey C. Alexander.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieUniversität InnsbruckInnsbruckÖsterreich

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