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Einführung in das Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie

  • Stephan MoebiusEmail author
  • Andrea Ploder
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Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Wenn Wissenschaft ein sozialer Prozess ist, dann gilt dies nicht zuletzt auch für die Soziologie selbst. Eine Selbstaufklärung über die Herkunft, den Verlauf und die Entwicklung des eigenen Fachs, der theoretischen Konzepte, der Instrumente, der Institutionen und der Kontexte ist für eine kritisch-reflektierte Sozialforschung, die ihr Erkenntnisinteresse aus den Problemen der Gegenwart gewinnt, unerlässlich. Das zweibändige Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie bietet historisches Hintergrundwissen und Methodenwerkzeuge für die Analyse der Geschichte der Sozialwissenschaften. In der Einleitung werden Gründe für soziologiehistorische Forschung diskutiert und mit Zielen und Aufbau des Handbuchs in Beziehung gesetzt.

Schlüsselwörter

Soziologiegeschichte Wissenschaftsgeschichte Geschichte der Sozialwissenschaften Soziologie Wissenschaftssoziologie 

Seit ein paar Jahren lässt sich im deutschsprachigen Raum ein zunehmendes Interesse an soziologiehistorischen Fragestellungen ausmachen. Dafür sprechen nicht nur Neugründungen von entsprechenden Publikationsorganen wie etwa Zyklos. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie oder die Zeitschrift serendipities, 1 auch finden sich seit einiger Zeit generations- und regionenübergreifend SozialwissenschaftlerInnen zu einem regelmäßigen Austausch über Fragen der Soziologiegeschichte zusammen.2 Ein Blick auf die Liste der AutorInnen dieses Handbuchs zeigt, dass Soziologiegeschichte für FachkollegInnen aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Soziologie ein aktuelles Thema ist – von der Wissenschafts- und Wissenssoziologie bis hin zu den Queer- und Gender Studies.

Wie lässt sich dieses zunehmende Interesse erklären? Zunächst ist festzuhalten, dass die Konjunktur in der Disziplingeschichte nicht einmalig ist. Bereits 1981 beobachtet Wolf Lepenies in der Einleitung zu der verdienstvollen, vierbändigen Geschichte der Soziologie ein „wachsendes Interesse“, das mit seit den 1960ern sich vollziehenden „politischen Wandlungsprozessen in Verbindung steht“ und das er auf eine „veränderte Auffassung der Wissenschaftsgeschichte, auf fachinterne Umlagerungen von Problemfeldern und Forschungsinteressen und auf Veränderungen des Selbst- und Fremdbildes in allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen“ zurückführt (Lepenies 1981, S. III). Die Veränderung in der Wissenschaftsgeschichte läutete in seinen Augen insbesondere Thomas Kuhns Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1962) ein; erst als dadurch populär wurde (Annahmen über die Diskontinuitäten im Wissenschaftsprozess gab es ja bereits davor), dass die Geschichte der Wissenschaften nicht eine lineare Fortschrittsgeschichte sei, wurde Wissenschaftsgeschichte nicht nur „theorie-“, sondern auch „soziologiebedürftig“ (Lepenies 1981, S. IV). Eine daraufhin einsetzende oder zumindest zunehmende Soziologisierung der Wissenschaftsgeschichte hatte auch Auswirkungen auf die Soziologie und leitete eine Institutionalisierung der Selbstbeobachtung ein, auch wenn es bis zur ausdrücklichen Propagierung, Forderung und Einlösung einer „soziologischen Geschichte der Soziologie“ (vgl. Fleck 1999; Peter 2001; Endreß 2001) noch dauern sollte. Stand eine institutionalisierte Selbstthematisierung damals insbesondere im Zeichen der Politisierung der Sozialwissenschaften und eines weit verbreiteten Interesses an Historisierung – auch im Sinne einer Kritik und Überwindung eines ahistorischen Strukturfunktionalismus (vgl. Lepenies 1981, S. V) – so scheint es heute weniger eine Politisierung zu sein, die den Antrieb zur Soziologiegeschichte gibt. Was ist es dann? Antworten darauf lassen sich unter anderem in dem kürzlich erschienenen Band zur Soziologiegeschichte. Wege und Ziele (Dayé und Moebius 2015a) finden. Dort werden vor allem drei Gründe für soziologiehistorische Forschung angeführt (vgl. auch Dayé und Moebius 2015b): Erstens wird die professionelle Beschäftigung mit der Geschichte der Soziologie, also die Fachrichtung Soziologiegeschichte, von dem Bedürfnis angetrieben, einem Verlust von Geschichtsbewusstsein und ahistorischen Sichtweisen auf das Soziale entgegenzuwirken; Sichtweisen, wie man sie nicht nur im „Unmittelbarkeitsfetischismus moderner Lebensverhältnisse“ (Peter 2001, S. 9 f.), sondern – damit korrespondierend – auch in manchen Varianten der Theorien des homo oeconomicus, der Systemtheorie oder der Postmoderne antrifft (vgl. Peter 2001, S. 9 f.). Soziologiegeschichte hat aus dieser Perspektive immer auch die kritische Funktion, sowohl gegenwärtiger Forschung mehr Tiefenschärfe zu verleihen als auch die jeweilige historische Besonderheit von Gesellschaft zu rekonstruieren (vgl. Dayé und Moebius 2015a). Diese Kritikfunktion von Soziologiegeschichte bzw. der Antrieb, Soziologiegeschichte aus gesellschaftskritischer Perspektive heraus zu betreiben, um affirmative, herrschaftsbejahende Tendenzen in der soziologischen Beobachtung zu dekonstruieren, hatte unserer Ansicht jedoch in vergangenen Jahrzehnten eher abgenommen als zugenommen. Mit neueren Diskussionen um Soziologie und Nationalsozialismus (vgl. Christ und Suderland 2014; Holzhauser 2015) oder um die adäquate Darstellung der bundesrepublikanischen Soziologie (vgl. Becker 2016; Dörk 2016) zeichnet sich jedoch aktuell ein erneuter Trend der kritischen Soziologiegeschichte ab.

Mit der Historizität des Gegenstands von Soziologie ist noch ein zweiter, struktureller Grund für Soziologiegeschichte verbunden, auf den insbesondere Martin Endreß (2001) hingewiesen hat:

„Insofern Sinnsetzungen stets durch vergangene Sinnsetzungen und Sinnentwürfe vorkonstituiert sind, sie mit diesen aber prinzipiell aufgrund der zeitlichen Differenz zwischen Konstruktion und Rekonstruktion nicht identisch sein können, ist Soziologie immer auf eine Differenz von Sinnsetzungen – ihres Entwurfs ex ante und ihrer Erhebung ex post – verwiesen. Diese Differenz reflexiv zu thematisieren macht das disziplinäre Profil der Soziologie aus. Soziologie ist aufgrund ihres konstitutiven Bezogenseins auf Vergangenes strukturell auf Selbstthematisierung hin angelegt […].“ (Endreß 2001, S. 65)

Zur Historizität des Gegenstands der Soziologie tritt außerdem die Historizität ihrer „fachlichen Forschungsstandards“ (vgl. Hülsdünker und Schellhase 1986, S. 11) die auf einen dritten Grund für Soziologiegeschichte verweist. Sie ist als Reflexionsgeschichte der Beobachtung von Gesellschaft notwendig, als die ‚Beobachtung zweiter Ordnung‘, wie insbesondere Paul Nolte (2000, S. 19 ff., 244 ff.) in seiner Geschichte der deutschen Soziologie festgehalten hat. Von welchen Deutungs-, Wahrnehmungs- und Ordnungsmustern ließen sich die professionellen BeobachterInnen der Gesellschaft leiten? Was beeinflusste, förderte oder behinderte ihre Sicht und ihr Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen? Welche „Gesellschaft“ konstruierten sie dadurch (Nolte 2000, S. 244)? Wie bekämpften sie sich gegenseitig? Welche Sichtweisen wurden hegemonial, welche gerieten in Vergessenheit oder kamen gar nicht erst in den Genuss wissenschaftlicher Aufmerksamkeit? Wenn Wissenschaft ein sozialer Prozess ist, wie die Wissenschafts-, Wissens- und Kultursoziologie gezeigt haben, dann gilt dies nicht zuletzt auch für die Soziologie selbst. Vor diesem Hintergrund ist eine Selbstaufklärung über die Herkunft, den Verlauf und die Entwicklung des eigenen Fachs, der theoretischen Konzepte, der Instrumente, der Institutionen und der Kontexte für eine kritisch-reflektierte Sozialforschung unerlässlich – eine kritisch-reflektierte Haltung, die ihr Erkenntnisinteresse aus den Problemen der Gegenwart gewinnt (vgl. Peter 2001, S. 57).

Dass diese drei Motive in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen und zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für historische Fragen geführt haben, hat auch mit einem insgesamt wachsenden Interesse an Selbstthematisierung der deutschsprachigen Soziologie zu tun. Dieser Trend, den Rainer Keller und Angelika Poferl in ihrem Beitrag im zweiten Band dieses Handbuchs als „reflexive Wende der Soziologie“ bezeichnen, findet seinen Ausdruck in verschiedenen Bereichen der Disziplin. Neben der Soziologiegeschichte beobachten wir diese reflexive Wende besonders deutlich auch im Bereich der Wissenschaftssoziologie und der qualitativen Sozialforschung, wo methodologische Debatten um den Reflexivitätsbegriff (Breuer et al. 2002; Roth et al. 2003; Kühner et al. 2016) genauso aktuell sind wie Projekte, in denen die Praxis qualitativer Sozialforschung zum Forschungsgegenstand wird (vgl. Bethmann und Niermann 2015; Reichertz 2013; Meyer und Meier zu Verl 2013). Auch die Science and Technology Studies entdecken unter dem Schlagwort Social Studies of Social Science zunehmend die Sozialwissenschaften als Forschungsfeld (Mair et al. 2013).

Das vorliegende Handbuch zur Geschichte der deutschsprachigen Soziologie knüpft hier an und leistet einen Beitrag zum soziologischen Verständnis der Disziplingeschichten, insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit der Einschränkung auf den deutschsprachigen Raum und diese drei Länder soll keineswegs ein methodologischer Nationalismus verfolgt, sondern – um es aus Sicht der pragmatistischen Handlungstheorie zu formulieren (vgl. Moebius 2016) – dem Umstand Rechnung getragen werden, dass die Soziologien, ihre Ideen, Konzepte und Instrumentarien zumindest historisch in vielen Fällen als Antworten auf problematische bzw. als problematisch wahrgenommene Situationen spezifischer nationaler Konstellationen betrachtet werden können. Dabei kann es durchaus sein, dass diese Probleme ähnlich waren oder auf ähnliche Weise wahrgenommen wurden, aber vor unterschiedlichen nationalen Hintergründen anders interpretiert wurden. Man denke etwa an die bei vielen Klassikern der Soziologie in Deutschland und Frankreich empfundene „Kulturkrise“ um 1900. „Dort reichte die Problemwahrnehmung der modernen Gesellschaft als entzaubert“ (Weber), „tragisch“ (Simmel) oder „anomisch“ (Durkheim) über eine nationalstaatliche Perspektive hinaus, aber die Interpretationen dieser Erfahrungen und die Lösungsansätze waren je nach gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Kontexten unterschiedlich, was sich in den soziologischen Konzepten und Wissenschaftsauffassungen widerspiegelte und dann in den unterschiedlichen Positionen der Soziologie zum Ersten Weltkrieg besonders deutlich wurde. Zudem sind Sprachgrenzen häufig auch Rezeptionsgrenzen, wie etwa der Beitrag von Rafael Schögler in diesem Band deutlich macht.

Die Soziologiegeschichte ist ein Feld, in dem alle voneinander lernen können. Jedes einzelne Projekt hat Bezüge zu unzähligen anderen Projekten, die Kontexte sind vielfältig. Hier setzt das Handbuch an, indem es ein rasches Einarbeiten in einige dieser Kontexte ermöglicht. Der erste Band enthält Überblicksartikel zu verschiedenen Abschnitten der Geschichte der deutschsprachigen Soziologie und versteht sich als Wegweiser durch die Fachentwicklung. Er stellt die wichtigsten Entwicklungslinien im Überblick dar und versucht mit Hilfe von Verweisen die bereits verfügbare soziologiehistorische Literatur leichter zugänglich zu machen oder neue soziologiehistorisch relevante Bereiche zu erschließen. Dabei folgt er einer Systematik, die sowohl chronologisch als auch thematisch ist. Neben einer Zeitachse legt er verschiedene thematische Achsen durch die Fachgeschichte, unter anderem zur Geschichte soziologischer Institutionen, Methoden, Kontroversen, Schulen und Rezeptionszusammenhänge. Dieser Aufbau dient dem Zweck, eine möglichst große Bandbreite soziologiehistorisch relevanter Themen und Arbeiten zu erfassen, erzeugt aber ohne Zweifel auch blinde Flecken. Die Suche nach AutorInnen hat zudem noch einmal deutlich gemacht, dass nicht alle fachhistorisch relevanten Themen in der Vergangenheit mit gleicher Intensität bearbeitet wurden. An manchen Stellen gibt es merkliche Forschungslücken, beispielsweise zu bestimmten Forschungseinrichtungen (wie dem ZIF in Bielefeld), Zeitschriften (etwa der Zeitschrift für Soziologie), Rezeptionslinien (etwa die Rezeption Durkheims) oder der Verstrickung der Soziologie in die Kolonialgeschichte Deutschlands. Auch die Entwicklung des Verhältnisses der deutschsprachigen Soziologie zu ihren Nachbardisziplinen (etwa der Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde, Philosophie, Ökonomie oder Psychologie) sowie eine Geschichte der Materialität empirischer soziologischer Forschung (von Fragebögen über Aufnahmegeräte bis hin zu Lochkarten und elektronischer Analysesoftware) sind offene Forschungsdesiderate. Durch den systematischen Aufbau macht der Band aber diese Forschungslücken noch einmal deutlicher sichtbar und wird hoffentlich eine Anregung dafür sein, sie in Zukunft zu schließen. Einige Beiträge waren für diese erste Auflage geplant, konnten aber aus verschiedenen Gründen nicht oder nicht rechtzeitig fertiggestellt werden (etwa zur US-amerikanischen Förderung der Soziologie nach 1945 oder zur Rolle der UNESCO). Wir hoffen, sie alsbald in der online-Version des Handbuchs und dann in einer zweiten Print-Auflage nachreichen zu können.

Die Querverweise innerhalb des Bandes weben ein dichtes Netz an Referenztexten, das durch eine umfangreiche Zeittafel ergänzt wird. Die chronologische Auflistung zentraler Ereignisse und Entwicklungen in der Zeittafel macht Gleichzeitigkeiten und Meilensteine der Fachgeschichte sichtbar, die zur weiteren Lektüre anregen und neue Forschungsfragen aufwerfen. Damit ist der Band sowohl für Wissenschafts- und FachhistorikerInnen als auch für SoziologInnen interessant, die ihr Forschungsfeld, ihren methodischen Zugang oder ihren institutionellen Forschungskontext historisch verorten wollen. Er kann nicht nur als Nachschlagewerk und Ausgangspunkt für eine vertiefende Lektüre im Feld der soziologiehistorischen Literatur dienen, sondern auch als Startpunkt für neue Forschungsprojekte.

Im zweiten Band werden sowohl theoretische als auch methodologische Überlegungen für die soziologiegeschichtliche Forschung vorgestellt und diskutiert. Weil das „Warum“ von Soziologiegeschichte eng mit dem „Wie“ (vgl. Peter 2015; Dayé und Moebius 2015a) verbunden ist, soll das Handbuch damit auch als ein Werkzeugkasten für systematische soziologiehistorische Forschung dienen. Ausgewählt wurden dabei insbesondere solche Ansätze, die einen soziologischen Zugang zur Geschichte der Soziologie unterstützen. Unter dem reflexiven Gesichtspunkt, sozialwissenschaftliche Methodologien und Methoden auf die Soziologie selbst anzuwenden, stellt der Band verschiedene theoretische Perspektiven, Methodologien, Methoden und Datensorten vor. Den Abschluss des zweiten Bandes bildet eine Reihe von Beiträgen zu soziologiehistorisch relevanten Archiven mit einem Überblick über Sammlungsschwerpunkte, Recherchetools und Kontaktadressen. Diese Beiträge sollen einerseits als Orientierungshilfe dienen, und andererseits auf bisher wenig genutzte Archivbestände aufmerksam machen. Sie sind je nach Größe des Archivs unterschiedlich ausführlich, in zwei Fällen wurden mehrere Archive in je einem Cluster-Beitrag behandelt (Archive zur Geschichte der Soziologie in der Schweiz und Deutschsprachige Soziologie in Chicagoer Archiven).

Obwohl das Interesse an der Soziologiegeschichte wächst, ist das Feld bislang noch klein. Zu einigen in diesem Handbuch vertretenen Themen haben bislang nur wenige Personen geforscht, was vor allem im ersten Band zu einem Gender-Bias bei den AutorInnen geführt hat. In einigen Fällen sind die Beitragenden außerdem selbst Teil der Geschichte, die sie erzählen was zugleich Vor- und Nachteile hat. Ein Vorteil liegt in einer großen vorgängigen Sachkenntnis, ein anderer darin, über Daten, Aufzeichnungen und Kontakte zu verfügen, die externen AutorInnen nicht zur Verfügung stünden. Es birgt aber auch die Gefahr, relevante Aspekte der Geschichte nicht zu erzählen (weil sie selbstverständlich scheinen oder die eigene Person in ein ungünstiges Licht rücken), bzw. eine betont affirmative Haltung zum Forschungsgegenstand einzunehmen. Wir danken den AutorInnen dafür, dass Sie diesem Effekt durch Reflexivität, Transparenz und ein offenes Ohr für unsere Rückmeldungen entgegengewirkt haben.

Die Frage der Perspektivität stellt sich aber auch in anderen Fällen. Jede historische Abhandlung ist perspektivisch gebunden und geht mit entsprechenden Ein- und Ausblendungen einher. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. In vielen Fällen sind es pragmatische Gesichtspunkte, die eine bestimmte Perspektive zur Folge haben, z. B. die Verfügbarkeit von Quellen, die Sprachkompetenz der AutorInnen oder ihre intellektuelle und/oder biographische Nähe zum Gegenstand. Hier ist es sinnvoll, die jeweilige perspektivische Bindung zu benennen und ihre Vorzüge bzw. Nachteile zu thematisieren. Eine weitere Option ist eine explizite theoretische oder methodische Zuspitzung der Untersuchung, beispielsweise eine an Bourdieu angelehnte Feldanalyse (vgl. Heilbron 2015; Moebius 2016) oder eine Analyse von Netzwerken (vgl. Bixler 2016).3 In diesem Handbuch sind verschiedenste Strategien und Perspektiven vertreten, was in den meisten Fällen zu einer produktiven Ergänzung von Gesichtspunkten geführt hat. Es kann aber auch inhaltliche Spannungen zur Folge und zu „konkurrierenden Erzählungen“ derselben Ereignisse oder Entwicklungsprozesse führen. Solche Spannungsfelder bedeuten nicht zwingend, dass eine der Darstellungen „falsch“ ist, sondern verweisen oft auf weitere interessante Forschungsfragen, denen nachzugehen sich lohnt.

Die Edition dieses Handbuchs hat einige Punkte noch einmal sehr deutlich gemacht: (a) Die Geschichte der deutschsprachigen Soziologie hält viele Anregungen für gegenwärtige soziologische Arbeit und Gegenwartsanalysen bereit. Sie ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Fachs und weist zugleich auf vergessene Strömungen und ungenutzte Potenziale hin. (b) Das Interesse der Soziologie an ihrer Geschichte ist heute größer denn je und fordert die Etablierung und Stabilisierung von entsprechenden Forschungszusammenhängen – sowohl intellektuell als auch institutionell. (c) Das Feld hält zahlreiche unbeantwortete Forschungsfragen, unerschlossene Datenquellen sowie theoretische und methodische Werkzeuge bereit. Insbesondere der zweite Band soll zur Anwendung der dort präsentierten Theorien, Datensorten und Methoden sowie zur Entwicklung neuer Ansätze und zur weiterführemden Diskussion methodologischer Fragen anregen.

Insofern verstehen sich die vorliegenden Bände nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als Einladung an bereits aktive und zukünftige SoziologiehistorikerInnen, an der Weiterentwicklung des Felds mitzuwirken. Das Format der Reihe Nachschlagewissen unterstützt dieses Anliegen, indem es eine laufende Aktualisierung der online-Version des Handbuchs ermöglicht. Dadurch können Korrekturen und Ergänzungen bestehender Beiträge vorgenommen, sowie neue Beiträge und Themen hinzugefügt werden, die dann auch in späteren Print-Auflagen Aufnahme finden. Entsprechende Ideen, Hinweise und Beitragsvorschläge sind jederzeit willkommen.

Die Erstellung eines so breit gefächerten Handbuchs ist ohne Mithilfe unterschiedlicher Personen nicht zu bewerkstelligen. Wir möchten deshalb an dieser Stelle folgenden Personen unseren besonderen Dank für Ihre Arbeit an diesem Handbuch aussprechen: Sabine List, Sekretärin am Institut für Soziologie der Universität Graz, hat uns seit Beginn des Projekts tatkräftig unterstützt. Gabriel Malli hat uns vor allem in der Abschlussphase bei der Vorbereitung der Printausgabe des Handbuchs unterstützt – wir danken ihm für seine Geduld und seinen genauen Blick. Wir möchten auch dem VS Verlag und hier insbesondere Cori Antonia Mackrodt und Daniel Hawig ganz herzlich danken. Sie waren jederzeit für unsere Anfragen und Probleme hilfsbereite AnsprechparterInnen. Vor allem haben Sie das Projekt von Anfang an durch ihr großes Engagement ermöglicht und begleitet. Unser ganz besonderer Dank gebührt aber den Autorinnen und Autoren, ohne die dieser Band nicht möglich geworden wäre.

Fußnoten

  1. 1.

    Siehe http://www.springer.com/series/13108 sowie http://serendipities.uni-graz.at/index.php/serendipities. Auch die Reihe Klassiker der Sozialwissenschaften ist hier zu erwähnen (http://www.springer.com/series/12284), in der vergriffene oder unbekannte Texte aus den Sozialwissenschaften wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

  2. 2.

    Man denke etwa an die in Graz ausgerichteten jährlichen Spring Schools des Doktoratsprogramms Soziologie und Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften (http://doktoratsprogramm-geschichte-soziologie-sozialwissenschaften.uni-graz.at/de/spring-schools), die seit 2014 stattfindenden Workshops zur Geschichte der deutschsprachigen Soziologie (2014 in Graz, 2015 in Frankfurt a. M., 2016 in Konstanz).

  3. 3.

    Der zweite Band dieses Handbuchs stellt hier nützliches Handwerkszeug zur Verfügung.

Literatur

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  1. 1.Institut für SoziologieUniversität GrazGrazÖsterreich
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