Advertisement

Prävention und Gesundheitsförderung in der Langzeitversorgung

  • Martina HasselerEmail author
  • Johanna Mink
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Pflege – Therapie – Gesundheit book series (SRPTG)

Zusammenfassung

Das Thema der Gesundheitsförderung und Prävention in der stationären Langzeitpflege erfährt durch das Präventionsgesetz, respektive durch § 5 SGB XI, neue Aktualität in den diversen Debatten. Trotz dieser neuen gesetzlichen Möglichkeiten und Forderungen, sind Begrenzungen und Herausforderungen zu berücksichtigen. In den stationären Pflegeeinrichtungen leben zunehmend Menschen mit höheren Pflegebedarfen und Pflegegraden in einer immer kürzeren Wohnzeit. Des Weiteren sind weder differenzierte Ziele noch theoretisch wie wissenschaftlich fundierte präventive sowie gesundheitsförderliche Konzepte für die stationäre Langzeitpflege bekannt. Präventive Potenziale pflegerischer Berufsgruppen sowie die Erforderlichkeit eines betrieblichen Gesundheitsmanagements und einer betrieblichen Gesundheitsförderung bleiben in den Diskussionen weitgehend unbeachtet. In diesem Beitrag werden sowohl gerontologische Theorien im Kontext von Gesundheitsförderung und Prävention stationärer Langzeitpflege sowie Chancen und Herausforderungen diskutiert.

1 Einleitung

Aus der Gerontologie sind u. a. zwei sehr prägende theoretische Konstrukte über die Auswirkungen des Alters hinsichtlich der Entwicklung von Morbidität bekannt. Zum einen hat Fries (1983) die Hypothese formuliert, dass die Menschen gesünder älter werden und erst im höheren Alter Krankheiten und Pflegebedürftigkeit entwickeln (Kompression von Morbidität). Grünberg (1976) geht hingegen davon aus, dass eine Expansion der Morbidität sich aufgrund der Alterung der Gesellschaften entwickeln werde. Beide Theorien werfen die Frage nach präventiven und gesundheitsförderlichen Potenzialen älterer Menschen auf. Diese wurden u. a. auch in diversen Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen aus den Jahren 2001, 2003 und 2009 und auch im 7. Altenbericht der Bundesregierung (2016) diskutiert. Gleichwohl beziehen sich Publikationen überwiegend auf das gesunde Altern bzw. auf gesunde und noch nicht pflegebedürftige ältere Menschen.

Präventionsgesetz

Das Thema Prävention und Gesundheitsförderung in der Langzeitpflege hat mit dem im Juli 2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetz in Deutschland neue Aktualität erfahren. Gemäß § 5 SGB XI sollen Pflegekassen Leistungen zur Prävention in der stationären Langzeitpflege unter Beteiligung von Pflegebedürftigen und Pflegeeinrichtungen erbringen. Insbesondere ist vorgesehen, dass die Pflegekassen dieser gesetzlichen Verpflichtung durch Beratung von Pflegeeinrichtungen nachkommen, um die gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten der Pflegebedürftigen zu fördern und zu unterstützen. Sie haben nunmehr die Aufgabe, den Einrichtungen Vorschläge zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation und zur Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten der Bewohner zu unterbreiten sowie deren Umsetzung zu unterstützen. Insbesondere wird in § 5 Abs. 6 die Verpflichtung der Leistungsträger betont, dass sie darauf hinzuwirken haben, mit den umgesetzten Maßnahmen und Interventionen Pflegebedürftigkeit zu überwinden, zu mindern oder eine Verschlimmerung zu verhindern.

Diese gesetzlichen Forderungen werden im Leitfaden des GKV-SV „Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen nach § 5 SGB XI“ (2016) konkretisiert. In diesem werden die Kriterien der Pflegekassen für eine Förderung der Maßnahmen und Interventionen nach § 5 SGB XI Abs. 1 formuliert. Diese sollen dabei insbesondere auf die Verhältnisprävention sowie auf den Aufbau angemessener gesundheitsförderlicher Strukturen in fünf definierten Handlungsfeldern (Ernährung, körperliche Aktivität, kognitive Ressourcen, psychosoziale Gesundheit und Gewalt) abzielen, sie können aber den Ausführungen des Leitfadens zur Folge auch in einzelnen Handlungsfeldern Interventionen der Verhaltensprävention umfassen. Im Leitfaden werden ausdrücklich die Förderung von Maßnahmen und Interventionen nach § 11 Abs. 1, d. h. die Umsetzung von aktivierender Pflege, sowie die nach § 18 Abs. 1 Satz 4, die für die Einrichtungen verpflichtend sind, ausgeschlossen.

Die neuen aktuellen gesetzlichen Entwicklungen lassen den Eindruck entstehen, dass ein neues Thema Einzug in die pflegerische Versorgung hält.

Prävention und Gesundheitsförderung in der gerontologischen Pflege

Allerdings sind Prävention und Gesundheitsförderung der gerontologischen Pflege inhärent und selbstverständlich. Die professionelle Altenpflege formuliert als ein Ziel ihrer fachlichen Aufgaben, die Potenziale älterer Menschen zu entdecken und zu fördern. Darüber hinaus gilt als Merkmal kompetenzorientierter und gesundheitsförderlicher Pflege ein selbständiges und selbstverantwortliches Leben in den Settings pflegerischer Versorgung zu ermöglichen und zu fördern. Die professionelle Pflege wird als Begleiter und Trainer zum Erhalt bzw. zur Förderung eigenverantwortlicher Lebensgestaltung und gesundheitlichen Wohlbefindens sowie Vermeidung weiterer Einbußen verstanden (Hasseler et al. 2013). Als relevante Themen der Prävention und Gesundheitsförderung in der Langzeitpflege werden u. a. seit vielen Jahren diskutiert: Mobilität und Mobilitätsförderung, aktivierende Pflege, soziale Bereiche des Lebens sichern und gestalten, z. B. Kontakte bei Kommunikationsproblemen fördern, Hilfsmittel wie Hörgeräte sichern, Bewohnerinnen und Bewohner aktivieren und unterstützen, alltägliche Tätigkeiten durchführen, Potenzialförderung durch Unterstützung und Förderung kognitiver und sozialer Kontakte u. w. m. (Hasseler 2011; Hasseler et al. 2013).

Mit der Einführung von § 5 SGB XI wird jedoch erstmalig das Setting stationäre Langzeitpflege sowie eine besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe für die Thematik Prävention und Gesundheitsförderung explizit gesetzgeberisch berücksichtigt und die Verpflichtung der Pflegekassen, entsprechende Maßnahmen und Interventionen zu fördern, festgelegt. Dieses Thema für diese vulnerable Bevölkerungsgruppe erfährt vor diesem gesetzlichen Hintergrund neue Relevanz und erhöht wahrscheinlich die Möglichkeiten der professionellen Berufsgruppen und der Leistungserbringer, präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen und Interventionen umzusetzen und fördern zu lassen. Des Weiteren werden zukünftig Fragen nach wirksamen oder wirkungsreichen Maßnahmen und Interventionen in den Vordergrund der Diskussionen rücken, so dass für die gerontologische Pflege in Theorie, Forschung und Praxis gesetzlich determiniert neue Entwicklungsmöglichkeiten gegeben sind. Gleichwohl bleiben diverse Fragen, Themen und Einschränkungen offen, die nachfolgend erörtert werden.

2 Pflegebedürftige in der stationären Langzeitpflege

Derzeit leben etwa 2,9 Mio. Menschen in Deutschland, die im Sinne der Pflegeversicherung als pflegebedürftig gelten. Davon werden etwa 27 % (783.000 pflegebedürftige Menschen) in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt (Statistisches Bundesamt 2017). Die Verteilung der Pflegebedürftigen in Alterskohorten zeigt, dass die Pflegequote in den höheren Altersgruppen ab 75 Jahre sowohl für Männer als auch für Frauen steigt (Abb. 1). Die meisten pflegebedürftigen Menschen sind demzufolge dem höheren Alter zuzurechnen mit entsprechenden individuellen gesundheitlichen Einschränkungen und bestehenden multimorbiden Zuständen. Diese Situation hat Konsequenzen für die pflegerische Versorgung und für die Frage nach wirksamen präventiven und gesundheitsförderlichen Maßnahmen und Interventionen.
Abb. 1

Pflegequote nach Altersgruppen. (© Statistisches Bundesamt, Destatis 2017)

Aktuelle Publikationen des Statistischen Bundesamtes weisen des Weiteren darauf hin, dass vollstationär betreute Männer und Frauen älter als die zu Hause lebenden Pflegebedürftigen sind. Demnach ist etwa die Hälfte der Heimbewohnerinnen und -bewohner 85 Jahre und älter (Statistisches Bundesamt 2017). Des Weiteren liegt der Anteil der Schwerstpflegebedürftigen in der stationären Langzeitpflege höher im Vergleich zu häuslich versorgten Personen. In stationärer Langzeitpflege wird der Anteil der Pflegebedürftigen mit der Stufe III mit etwa 20 % angegeben. Im Vergleich dazu beträgt die Quote mit der Pflegestufe III im häuslichen Umfeld 8 % (Statistisches Bundesamt 2017). In ähnlicher Weise unterscheiden sich die Angaben für Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz. Für die Langzeitpflege sind etwa 71 % pflegebedürftige Menschen mit einer eingeschränkten Alltagskompetenz eingestuft. Für die zu Hause versorgten pflegebedürftigen Menschen werden 31 % Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz angegeben (Statistisches Bundesamt 2017).

In diesem Kontext ist die Entwicklung zu beachten, dass die Heimeinweisung immer später erfolgt bzw. die Menschen bei Heimeinzug immer älter sind. Im Jahr 2011 betrug das durchschnittliche Alter bei Einzug in die stationäre Langzeitpflege bei Männern 77,6 Jahre und bei Frauen etwa 81,7 Jahren. Dieser Trend ist aus nachfolgender Aufteilung der Alterskohorten für Pflegebedürftige in stationärer Langzeitpflege zu erkennen, die in absoluten Zahlen verdeutlicht, dass die meisten Bewohner 80 Jahre und älter sind.
  • Pflegebedürftige stationär 65 bis unter 70 Jahre: 28.695

  • Pflegebedürftige stationär 70 bis unter 75 Jahre: 48.815

  • Pflegebedürftige stationär 80 bis unter 85 Jahre: 145.799

  • Pflegebedürftige stationär 85 bis unter 90 Jahre: 194.463

  • Pflegebedürftige stationär 90 bis unter 95 Jahre: 154.773

  • Pflegebedürftige stationär 95 Jahre und älter: 50.601

(https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Pflege/Pflege.html, Zugegriffen am 05.10.2017)

In logischer Konsequenz ist die Entwicklung zu interpretieren, dass die Wohnverweildauer in Pflegeheimen in den letzten Jahren sinkt. Nur etwa jede/r 10. Pflegebedürftige (8,6 %) wird direkt bei Pflegebedürftigkeit in einem Heim versorgt. Dieses Ergebnis deutet daraufhin, dass bei Einzug in eine stationäre Langzeitpflegeeinrichtung die meisten Bewohnerinnen und Bewohner eine längere Pflegezeit im häuslichen Bereich erlebt haben und eine Progression der Pflegebedürftigkeit und sehr wahrscheinlich eine Exazerbation des Gesundheitszustandes erfolgt ist. Zwei Jahre nach erfolgtem Heimeinzug sind etwa 52 % aller männlichen Neuzugänge und etwa 35 % aller weiblichen Neuzugänge verstorben. Männer lebten im Jahre 2011 durchschnittlich 5,5 Monate in einem Pflegeheim und Frauen ca. 14,4 Monate (Schwinger et al. 2017; Pattloch 2014).

Zusammenfassung

Mit anderen Worten: in den stationären Pflegeinrichtungen leben zunehmend Menschen mit höheren Pflegebedarfen und höheren Pflegegraden in einer immer kürzeren Wohnzeit.

Diese skizzierte Situation bzgl. Alter, Grade der Pflegebedürftigkeit sowie Verweildauer zeigt die große Herausforderung für die Umsetzung von wirksamen und wirkungsvollen Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung auf. Diese müssen sowohl für die hochaltrige und pflegebedürftige Klientel unter Beachtung der Selbstbestimmung, Autonomie wie auch den derzeit fragilen Rahmenbedingungen der Finanzierung von Leistungen und des Fachkraftmangels umsetzbar sein. Erschwerend kommt hinzu, dass die derzeitige Forschungslage hinsichtlich wirkungsvoller Prävention und Gesundheitsförderung in der Langzeitpflege nicht hinreichend differenziert ist (Fleischmann und Hasseler 2017). Dieser Befund hängt möglicherweise damit zusammen, dass in den betreffenden wissenschaftlichen Disziplinen weder die Ziele von Prävention und Gesundheitsförderung in der Langzeitpflege noch die zugrunde liegenden theoretischen Grundlagen sowie die angemessenen Forschungsdesigns und Parameter untersucht sind.

3 Ziele von Prävention und Gesundheitsförderung im Alter und in der Langzeitpflege

In der gesundheitswissenschaftlichen Literatur werden allgemeine Ziele von Prävention im Alter diskutiert. Diese sind u. a. (Schütz und Wurm 2009; Walter und Patzelt 2012; Kruse 2017):
  • Förderung und Erhalt der eigenständigen Lebensführung

  • Erhalt und Förderung von Lebensqualität

  • Erhalt und Förderung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit

  • Ermöglichung von Teilhabe

  • Vorbeugung bzw. Verzögerung altersbedingter Erkrankungen, die im Alter mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten (z. B. Gelenkerkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen)

  • Vermeidung von körperlichen und psychischen Erkrankungen

  • Verringerung krankheitsbedingter Probleme

  • Vorbeugung der Verschlechterungen des Allgemeinzustandes

  • Aufrechterhaltung eines Systems der Unterstützung

  • Verzögerung und Vermeidung weiterer Hilfe- und Pflegebedürftigkeit

Die meisten dieser Ziele können auf die stationäre Langzeitpflege übertragen werden, jedoch unter dem Vorbehalt der besonderen Bewohnerstruktur einhergehend mit erhöhter Pflegebedürftigkeit, Multimorbidität, Hochaltrigkeit und kurzen Wohnzeiten in den Einrichtungen. Gleichwohl fehlen systematische Erkenntnisse, wie diese erfolgreich mit welchen Interventionen und Maßnahmen unter Zugrundelegung definierter Outcomeparameter erreicht werden können.

Aus der wissenschaftlichen Literaturlage sind bislang nur wenige differenzierte Ziele von Gesundheitsförderung und Prävention in stationärer Langzeitpflege zu erkennen (Hasseler 2011).

Aus den Resultaten des europäischen Projektes „HealthProElderly“ (Alaszweski und Billings 2008) sind insbesondere ergänzend die Ziele „spezifische Bedürfnisse und individuelle Ressourcen der Zielgruppe“, „Evidenz-basierte Maßnahmen anwenden“ und „den Zielgruppen angemessene Strategien und Methoden anwenden“ zu nennen, die sowohl für die gesunde Gruppe der älteren Bevölkerung als auch für die pflegebedürftigen Menschen in stationärer Langzeitpflege von Relevanz sind.

Zusammenfassung

Die hier kurz skizzierten Ziele sind jedoch generischer Natur und sollten für Maßnahmen und Interventionen der Verhältnis- und Verhaltensintervention, für unterschiedliche Grade und Ursachen von Pflegebedürftigkeit angemessen zugeordnet und operationalisiert werden. Es ist davon auszugehen, dass bestimmte Maßnahmen und Interventionen nur ausgewählte Ziele erreichen können, die zuvor angemessen theoretisch entwickelt und begründet werden, um dann im Anschluss empirisch untersucht werden zu können.

4 Theorien, theoretische Grundlagen oder Konstrukte für die Entwicklung präventiver Maßnahmen und Interventionen

Eine relevante Voraussetzung für den Nachweis von wirksamen und wirkungsvollen präventiven Maßnahmen und Interventionen in der Langzeitpflege ist eine angemessene theoretische Fundierung. Die Literaturlage lässt jedoch erkennen, dass bislang theoriefundierte präventive Maßnahmen und Interventionen für die Langzeitpflege in einem geringeren Maße entwickelt und untersucht wurden (z. B. Fleischmann und Hasseler 2017). Dieser Befund könnte u. a. eine Erklärung für die gering ausgeprägte Evidenzlage sein, da Maßnahmen und Interventionen, die ohne Darlegungen für welche Zielgruppen und auf welchen Grundlagen sowie unter welchen theoretischen Grundannahmen, Voraussetzungen mit den gewählten Outcomeparametern sie wirken sollen, weniger fokussiert entwickelt werden können.

Es wäre bspw. denkbar, auf die theoretischen Konzepte des „Active Ageing“ (2002) oder „Healthy Ageing“ (2012) der WHO zurückzugreifen. Bei diesen ist intendiert, durch Veränderung von Strukturen und Rahmenbedingungen älteren Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung in Gesundheit zu ermöglichen. Das übergreifende Ziel besteht darin, Gesundheitsförderung in jedem Alter zu unterstützen, wobei „Healthy Ageing“ auch die Gestaltung der Strukturen der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung und die Förderung der subjektiven Gesundheit und Lebensqualität, der Förderung von Ressourcen, die Berücksichtigung der individuellen und sozialen Lage umfasst. Mit diesen beiden Konstrukten soll u. a. die Gesundheiterhaltung älterer Menschen durch Schaffung förderlicher Lebenswelten geschaffen werden, bspw. durch eine zielgenaue und bedarfsgerechte Ausrichtung von bestehenden Versorgungssystemen auf die Versorgungsbedarfe der Gruppe älterer Menschen.

Das Konzept „Active Ageing“ beinhaltet vor allem Fragen zur Wahrung der Unabhängigkeit und Aktivität während des gesamten Lebens sowie, welche gesundheitsrelevanten und vorbeugenden Maßnahmen ergriffen werden sollten und auf welche Weise aufgrund der wachsenden Lebenserwartung die Lebensqualität erhalten werden kann. Diese Fragen sind alle als relevant für die Entwicklung von präventiven Maßnahmen und Interventionen in der Langzeitpflege zu betrachten, da die Antworten sowohl für die Gestaltung der Verhältnisprävention als auch für die Verhaltensprävention von Bedeutung sind. Ein Blick in die Literatur zeigt jedoch, dass die meisten untersuchten präventiven Maßnahmen weniger aus der Perspektive der Zielgruppe als vielmehr aus expertokratischer Sicht entwickelt und erprobt werden (z. B. Fleischmann und Hasseler 2017). Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass viele Maßnahmen und Interventionen keine überzeugende Evidenz zeigen.

Einige der mit „Active Ageing“ verfolgten Ziele haben das Potenzial auch als Outcomeparameter für präventive Maßnahmen und Interventionen in der Langzeitpflege zu fungieren, wie bspw. die „Zunahme der Menschen mit hoher Lebensqualität“ oder „Zunahme der Zahl älterer Menschen, die aktiv am Leben teilnehmen“ oder „bedarfsangemessene Reaktion der gesundheitlichen Versorgungssysteme und -strukturen auf das wachsende geriatrische Erkrankungsrisiko“.

Eine weitere Möglichkeit kann sein, Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung in gerontologische Theorien einzubetten. Zu nennen sind bspw. die Disengagement-Theorie, die den Rückzug älterer Menschen von Aufgaben, Rollen und sozialen Aktivitäten aus dem gesellschaftlichen Leben erklärt (Tesch-Römer 2010). Die betroffene Person verspürt aufgrund von Alterungsprozessen eine Verringerung von „Ich-Energien“ und entwickelt vor diesem Hintergrund die Bereitschaft, soziale Rollen aufzugeben (Tesch-Römer 2010). Sie kann insbesondere für die hochaltrige und pflegebedürftige Klientel in den Langzeitpflegeeinrichtungen eine Erklärungsgrundlage dafür bieten, aus welchen Gründen Bewohner bestimmte Aktivitäten nicht mehr ausführen möchten und/oder können.

Die weitergehende Frage für ein angemessenes präventives Angebot ist demnach danach zu stellen, welche präventiven Maßnahmen und Interventionen sich zielgruppenadäquat entwickeln und offerieren lassen.

Orientiert man sich an dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson, befinden sich Menschen in der Langzeitpflege in erster Linie in den Krisen der „Generativität vs. Stagnation“ und der „Ich-Integrität vs. Verzweiflung“ (Erikson 1980). Generativität, also das Bedürfnis nach Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten an nachfolgende Generationen, das Gefühl etwas bewirkt zu haben und sich um andere zu kümmern, steht der Stagnation gegenüber, die eine Fokussierung auf die eigene Person und dem Bedürfnis sich um sich selber zu kümmern beinhaltet. Eine Bewältigung dieser Krise bedeutet ein ausgeglichenes Verhältnis dieser beiden Pole. Dafür sollten im Sinne der Prävention Strukturen geschaffen werden, die das Sorgen um andere ermöglichen, generationenübergreifende Kontakte fördern und das Potenzial der Erfahrungen älterer Menschen erkennen.

Für die Verhältnisprävention bedeutet eine Orientierung an dieser theoretischen Grundlage, für Barrierefreiheit und Verbesserung der Mobilität in den Einrichtungen zu sorgen, sodass auch Menschen in der Langzeitpflege die Möglichkeit erhalten, sich im Sinne einer aktiven, mitverantwortlichen Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Geschehen zu integrieren. Damit wird auch ein wichtiger Teil zur Prävention psychischer Krankheiten, wie der Depression, beigetragen. In der letzten Stufe dieser Theorie erhalten Themen Ich-Integrität und Verzweiflung möglicherweise Relevanz für ältere Menschen. Im Rahmen der Ich-Integrität, die als ein Potenzial des Alters gesehen werden kann, wird das eigene Leben rückblickend in eine Ordnung gebracht (Kruse 2016), es erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Gelebten und mit dem Tod, Erfolge und Misserfolge werden reflektiert und akzeptiert, während in der Verzweiflung eine Fokussierung auf Versäumnisse und der Angst vor dem Tode verhindert, das eigene Leben anzunehmen. Im Kontext der Prävention benötigen Menschen in der Langzeitpflege vor diesem Hintergrund ggf. angemessene Unterstützung, um einer Verzweiflung und damit einhergehend möglichen psychischen Erkrankungen vorzubeugen.

Die Aktivitäts- und Kontinuitätstheorie ist eine von Cavan et al. (1949, 1979) und Havighurst und Albrecht (1953) entwickelte Theorie. Sie ist als Gegenbewegung zu defizitären Ansätzen und zur Disengagement-Theorie entstanden (Kolland und Meyer Schweizer 2012). Das Ziel dieser Theorien ist u. a., gelungenes Alter und Altern über Aktivität und Mobilität zu definieren (Kolland und Meyer Schweizer 2012). Die Annahme ist, dass es für die Lebenszufriedenheit im Alter besser sei, aktiv zu sein. Das heißt, es wird von einem hohen Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und hoher Aktivität im Alter ausgegangen. Aus diesem Grunde sei es förderlicher, die Handlungsmuster des mittleren Alters zu erhalten statt sich neuen Mustern im hohen Alter zuzuwenden. Ein erfolgreiches Altern wird mit der Aufrechterhaltung und Kontinuität eines aktiven Lebensstils verbunden und das alternde Menschen so lange wie möglich versuchen, ihre Aktivitäten aufrecht zu erhalten und ggf. Alternativen zu suchen. Die Aktivitätstheorie geht davon aus, dass Rollenverluste, sozialer Rückzug und Abnahme von Interaktionen keine gewünschten Entwicklungen sind, sondern dass soziale Beziehungen und das Eingebundensein in der Gesellschaft gewünscht werden. Soziale Beziehungen, Aktivitäten, Mobilität geben alten wie jungen Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden, ein Verlust dieser führt zu negativen Reaktionen (Tesch-Römer 2010; Martin und Kliegel 2010). Die Kontinuitätstheorie basiert auf der Annahme, dass es Personen durch Anpassungsprozesse gelingt, bestehende Strukturen zu erhalten. Es wird ein Gleichgewicht zwischen Kontinuität und Veränderung aufrechterhalten.

„Wem es gelingt, durch Anpassungsprozesse bestehende Strukturen zu erhalten und damit Kontinuität zu ermöglichen, wird zufriedener alt als eine Person, die eine solche Kontinuität in ihrer Biographie nicht herstellen kann.“ (Tesch-Römer 2010, S. 53).

Die Aktivitäts- und Kontinuitätstheorie ist ggf. für das Setting stationäre Langzeitpflege insofern von Bedeutung, als ggf. präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen und Interventionen offeriert werden, die der Alterskohorte adäquat sind.

Das Modell der „Optimierung durch Selektion und Kompensation“ wurde von Baltes und Baltes (1989) entwickelt. Es geht von der Annahme von Gewinnen, Stabilität und Verlusten im Alter aus (Martin und Kliegel 2010). Im Prozess des Alterns verändern sich zwar die biopsychosozialen Leistungs- oder Kapazitätsreserven, aber im Alter sind auch entsprechende Reserven und Ressourcen vorhanden, die durch Übung, Training und Lernen erweitert und ausgebaut werden können.

Häufig wird diese Theorie mit einer Antwort des berühmten Pianisten Arthur Rubinstein plastisch dargestellt, der auf die Frage, wie er trotz höheren Alters noch so gut Piano spielen könnte, antwortete, dass er sein Repertoire einschränke (Selektion), das, was er noch spiele, übe (Optimierung) und einige Tricks anwende (Kompensation) (bewusst langsamer vor schnelleren Passagen spiele).

Die Prozesse Selektion, Optimierung und Kompensation können mehr oder weniger bewusst eingesetzt werden, um den Prozess des Alterns erfolgreich zu gestalten. In der Phase der Selektion werden bewusst Entwicklungsziele und Präferenzen formuliert, in der Phase der Optimierung werden Handlungen neu erlernt oder geübt, die helfen, die neuen Ziele und Präferenzen zu erreichen und in der Phase der Kompensation wird auf Defizite oder Ressourcen reagiert, um ein Funktionsniveau zu erhalten oder wiederherzustellen. Am Ende dieses Prozesses wird ein leicht eingeschränktes, aber zufriedenes und selbstwirksames Leben stehen (Martin und Kliegel 2010).

Martin und Kliegel (2010) konstatieren, dass das SOK-Modell Bewältigungsverhalten im Alter gut beschreiben kann und empirische Grundlagen für dieses Modell vorhanden sind.

Dieses Modell eignet sich sehr gut als Grundlage für die Entwicklung von präventiven Maßnahmen und Interventionen, insbesondere für eine hochaltrige Klientel, da zielorientiert nach den Fähigkeiten und Kompetenzen gefragt werden sollte, die optimiert und/oder kompensiert werden können.

Baltes und Baltes (1989) beschreiben in ihrer Arbeit das Altenpflegeheim als eine Institution, die auf der Makroebene die Förderung der genannten Bereiche ermöglicht. Dabei liegt die Optimierung in den verschiedenen Angeboten, die in einem zum Training angeboten werden können, wie Gedächtnistraining, Physiotherapie, gemeinsame Ausflüge, die zur Optimierung der Leistungsfähigkeit und Teilhabe dienen. Im Rahmen der Selektion wird in einem Pflegeheim ein Umfeld gewählt, das weniger Barrieren und Herausforderungen bereithält, als das Leben im eigenen Haushalt. Kompensation bieten alle in einem Pflegeheim vorhandenen medizinischen, technischen und personellen Ressourcen, die helfen, Funktionsverluste auszugleichen. Das heißt, hier kann in der Verhältnisprävention ein Fokus auf ein umfangreiches Angebot zur Optimierung in den verschiedenen Bereichen gelegt werden. Ein breites Spektrum an Angeboten zum Training der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit unter Berücksichtigung der Heterogenität der Zielpersonen sowie Angebote zur Optimierung im Sinne der sozialen Teilhabe und zur Unterstützung von Bewältigungsstrategien können offeriert werden, wenn auch unter der Prämisse, die interindividuellen Unterschiede zu berücksichtigen. Den Menschen der Zielgruppe kann eine Kompensation durch diverse Hilfestellungen ermöglicht werden, die ebenso den individuellen Bedürfnissen und Ressourcen angepasst sind.

Das Modell des guten Alterns (Backes und Clemens 2013) ist in einen Person-Umwelt-Ansatz verankert und erklärt, dass Personen die jeweiligen Situationen immer wieder vor dem Hintergrund des subjektiven Wohlbefindens sowie Verhältnis zur sozialen und sonstigen Umwelt bewerten. Mit diesem Modell kann deutlich herausgearbeitet werden, dass präventive Maßnahmen und Interventionen neben der Verhaltens- auch die Verhältnisprävention umfassen sollten und die Bewertung der Sinnhaftigkeit und Wirkung in einem sehr individuellen Prozess verläuft.

Diese Theorien können u. a. durch ressourcenorientierte Ansätze, wie bspw. der Theorie des Ressourcenerhalts nach Hobfoll (1989) oder andere ergänzt werden, da ressourcenorientierte Interventionen darauf abzielen, Ressourcenverluste durch Wiederaufbau auszugleichen bzw. vorhandene Ressourcen zu stärken oder zu erwerben. Ressourcenorientierte Ansätze können sehr gut mit dem Modell der „selektiven Orientierung und Kompensation“ ergänzt werden.

Ein weiteres, im Feld der stationären Langzeitpflege wenig beachtetes theoretisches Konstrukt stellt die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) dar (2005). Die ICF berücksichtigt nicht nur Veränderungen von Körperfunktionen und -strukturen, sondern auch die Auswirkungen auf Aktivitäten sowie Teilhabe und fragt nach den beeinflussenden Wirkungen der Umweltfaktoren und personenbezogenen Faktoren. Mit Hilfe der ICF können demzufolge die Wechselwirkungen von Umwelt und personenbezogenen Faktoren sowie von daraus resultierenden Förderfaktoren und Barrieren analysiert und einbezogen werden.

Zusammenfassung

Alle theoretischen Ansätze oder Modelle geben mögliche Erklärungsansätze, wie Menschen mit den Veränderungen des Alterns umgehen. Sie bieten demzufolge gute Grundlagen, präventive Maßnahmen und Intervention begründet zu entwickeln und die Ansatzpunkte der Maßnahmen sowie die Outcomes zu wählen. Gegebenenfalls können die präventiven Maßnahmen zielorientierter und damit wirksamer entwickelt werden, da sie an den Ressourcen und psychologischen Grundlagen sowie physiologischen Veränderungen und Erkenntnissen von Alterungsprozessen anschließen. Es macht bspw. einen Unterschied, ob eine präventive Maßnahme gezielt die Theorie der selektiven Orientierung und Kompensation anwendet und damit die Fähigkeiten der Zielgruppe unterstützt und trainiert, die kompensierend wirken oder nach dem Gießkannenprinzip relativ ziellos in irgendeiner Art und Weise von Bewegung oder andere unterstützt werden sollen (z. B. Sitztanz für alle, Basteln für alle etc.).

Ein theoriefundierter Ansatz für die Entwicklung und Umsetzung von präventiven Maßnahmen und Interventionen bietet „Intervention Mapping Approach“ von Bartholomew et al. (2011) (Abb. 2).
Abb. 2

Schritte von Intervention Mapping Approach (nach Batholomew et al.)

Dieser Planungsansatz basiert auf einem sozialökologischen Modell, insbesondere auf der Feldtheorie von Kurt Lewin. In diesem Kontext wird Gesundheit als eine Funktion von Individuen und Umwelt verstanden und es geht davon aus, dass Individuen von der Umwelt beeinflusst werden. Mit diesem Modell bzw. Planungsansatz werden Planende und Entwickelnde besser in die Lage versetzt zu bestimmen, wo und auf welcher Ebene die Interventionen und Maßnahmen angesiedelt werden können, um die beste Effektivität zu erreichen. Darüber hinaus berücksichtigt es die Erforderlichkeit, theoretische Erkenntnisse für die Maßnahmen und Interventionen zugrunde zu legen. Ein weiterer befürwortender Aspekt dieses Ansatzes ist, dass er die Einbeziehung der betroffenen Zielgruppen selbst inkludiert, so dass auf jeder Ebene dieser Vorgehensweise eine Partizipation aller Beteiligten (Personengruppen, Berufsgruppen u. a.) ermöglicht wird.

Kruse (2017) fasst demzufolge zusammen: „Der Prozess der Umsetzung von Präventionsempfehlungen – auch wenn diese auf das Individuum zugeschnitten sind – lässt sich ohne die Weltbezüge des Individuums nicht wirklich verstehen. Eine bejahende Haltung sich selbst und dem Leben gegenüber sowie Bezogenheitserfahrungen – mit Blick auf die ausgeübten Tätigkeiten, mit Blick auf die soziale Umwelt, mit Blick auf die Ideenwelt – bilden die entsprechende Motivstruktur, auf deren Grundlage sich die Umsetzung empfohlener Präventionsmaßnahmen vollzieht.“ (Kruse 2017, S. 109).

Mit anderen Worten, wie in diesem Kapitel argumentiert, sind präventive Maßnahmen und Interventionen, die frei von biopsychosozialen und individuellen Bezügen und lediglich eindimensional ausgerichtet sind, sehr wahrscheinlich wenig wirksam.

Bereits im Gutachten des Sachverständigenrates für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen aus dem Jahre 2001 wird auf S. 129 festgehalten: „Um diese Potenziale zu realisieren, sollten sich die Maßnahmen und Strategien nicht allein auf die Verhütung von Krankheiten beziehen, sondern vielmehr den gesamten Alterungsprozess mit seinen funktionalen Einschränkungen und den drohenden oder tatsächlichen Verlust körperlicher und mentaler Fitness sowie den daraus resultierenden Problemen der sozialen Integration berücksichtigen.“ Sachverständigenrat (2000/2001), S. 129.

Zusammenfassung

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass nur wenige systematische Erkenntnisse zu präventiven Potenzialen von Maßnahmen und Interventionen für die Langzeitpflege vorliegen. In ähnlicher Weise verhält es sich mit Erkenntnissen, wie zielgerichtet für diverse Gruppen pflegebedürftiger Menschen Pflegebedürftigkeit verhindert, vermindert oder in der Progression nach hinten verschoben werden kann. Es bedarf zukünftig der Entwicklung von auf gerontologischen Theorien und Erkenntnissen basierende präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen und Interventionen, die in die Langzeitpflege verhaltens- und verhältnispräventiv sowie alterskohortengerecht und zielgruppenadäquat umgesetzt werden können.

5 Kritische Reflexion zu § 5 SGB XI

Angesichts der im obigen Abschnitt geführten Diskussion zur Erforderlichkeit einer theoretischen Fundierung von Maßnahmen und Interventionen in Prävention und Gesundheitsförderung und der derzeitigen Situation in stationären Pflegeeinrichtungen, wird nachfolgend der im Zuge des Präventionsgesetzes eingeführte § 5 SGB XI kritisch reflektiert. Gegenwärtig sind zahlreiche Initiativen von Pflegekassen zu erkennen, diesen Paragrafen bzw. diese Verpflichtung umzusetzen. Aber angesichts fehlender evidenzbasierter Grundlagen, fehlender Zielparameter, die das Erreichen einer zielgruppengerechten Prävention und Gesundheitsförderung anzeigen könnten, und fehlender theoretischer Fundierungen, erscheint eine kritische Reflexion erforderlich.

Die derzeitige gesetzliche Grundlage grenzt sich in der Leistungserbringung von § 11 Abs. 1 „aktivierender Pflege“ sowie von § 18 Abs. Satz 4 (Maßnahmen zur Verhütung und Verschlimmerung von Pflegebedürftigkeit) ab. Weitere als abzugrenzende Paragrafen werden im Leitfaden angeführt, die §§ 41, 42, 43, 87b, 113 SGB XI.

Aus den Ausführungen des Leitfadens des GKV-SV (2016) ist zu entnehmen, dass überwiegend Maßnahmen der Verhältnisprävention zu fördern sind, so dass vor diesem Hintergrund diese Einschränkung zunächst inhaltlich nachvollziehbar erscheint. Gleichwohl muss einschränkend angeführt werden, dass einige der in den aufgeführten Paragrafen angeführten Maßnahmen wie bspw. „aktivierende Pflege“ oder „psychosoziale Betreuung“ und weitere mehr im Verständnis wie in der Leistungserbringung nicht eindeutig definiert wurden.

Erschwerend kommt hinzu, dass seit der Einführung des SGB XI im Jahre 1995 die Forderung nach aktivierender Pflege besteht. Jedoch wurden in den letzten Jahrzehnten wenig Bezüge zu Gesundheitsförderung und Prävention hergestellt. Es ist kritisch zu reflektieren, dass sich konkrete Leistungen oder ein Leistungsanspruch aktivierender Pflege nicht aus dem SGB XI ableiten lassen, so dass eine Abgrenzung von § 5 SB XI als eher problematisch erscheint. Bislang hat „aktivierende Pflege“ in der Langzeitpflege eher den Anspruch einer normativen Forderung. Gleichwohl kann jedoch konstatiert werden, dass der Begriff „aktivierende Pflege“ einen gesundheitsförderlichen Ansatz beinhaltet, wie nachfolgender Versuch einer Begriffseingrenzung zeigt:

„Unter aktivierender Pflege werden der Erhalt und die Förderung der Eigenständigkeit und Kompetenzen des Menschen unter Berücksichtigung der Ressourcen und seelisch-geistigen sowie sozialen Belange verstanden. Die Ressourcen der zu Pflegenden werden erhoben und finden in der pflegerischen Versorgung Berücksichtigung. Die Maßnahmen und Interventionen der aktivierenden Pflege werden gemeinsam mit dem Betroffenen geplant und umgesetzt. Die Betroffenen entscheiden gemeinsam mit den an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen über angemessene Maßnahmen und Interventionen, um Eigenständigkeit und Aktivität in den Alltagsaktivitäten sowie geistig-seelischen und sozialen Belangen zu erhalten. Die Pflegebedürftigen erhalten mit den Maßnahmen und Interventionen eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ und werden demgemäß angeleitet und beraten und erhalten, wenn erforderlich, eine zielführende Unterstützung. Pflegebedürftige Personen werden des Weiteren motiviert, Eigenständigkeit zu erhalten. Die ermittelten Ressourcen, Maßnahmen und Interventionen werden dokumentiert, durchgeführt und in ihren Wirkungen evaluiert. Bei Bedarf werden die geplanten Maßnahmen und Interventionen angepasst. Weitere an der pflegerischen Versorgung beteiligte Berufsgruppen werden an der Planung und Umsetzung der aktivierenden Pflege beteiligt.“ (Hasseler und Fünfstück 2014, S. 56).

Diese Definition ist auf der Grundlage von Literaturrecherchen entwickelt worden (Hasseler 2011; Hasseler und Fünfstück 2014) mit dem Ziel, Merkmale eines gesundheitsförderlichen Verständnisses von aktivierender Pflege zu entwickeln, das sich von der Verrichtungsorientierung löst, aber ggf. auch ableitbare Leistungen für die Versicherten, Pflegebedürftigen und Leistungserbringer generiert.

Aber der Versuch in der Bundesrahmenempfehlung der nationalen Präventionskonferenz nach § 20d Abs. 3 Abs. V, die aktivierende Pflege begrifflich einzugrenzen, zeigt ein sehr enges und einseitiges Verständnis von aktivierender Pflege:

„Wesentlicher Bestandteil professioneller Pflege ist die Förderung verbliebener Fähigkeiten („aktivierende Pflege“) sowie das Vorbeugen von Komplikationen, die sich aus vorübergehenden und dauerhaften Funktionseinschränkungen sowie daraus resultierender Pflegebedürftigkeit ergeben können. Klassische pflegerische Prophylaxen befassen sich bspw. mit dem Erkennen des Risikos und dem Verhindern von Druckgeschwüren, Ernährungsdefiziten oder Stürzen bzw. Sturzfolgen“ (Nationale Präventionskonferenz 2016, S. 28).

Obwohl weder eine theoretische noch eine empirische Eingrenzung der aktivierenden Pflege vorgenommen wurde (Hasseler 2011), beziehen die Autoren diese Begrifflichkeit auf körperfunktionsorientierte Vorgehensweisen und klassische Prophylaxen und perpetuieren auf diese Weise den durch das SGB XI verrichtungsorientiertes Pflegeverständnis. Diese Definition grenzt gesundheitsförderliche Aspekte pflegerischer Leistungserbringung aus. Darüber hinaus wird nun „aktivierende Pflege“, die als Konzept der Pflege ein inhärentes Selbstverständnis ist, künstlich von § 5 SGB XI getrennt. Es ist die sehr praktische Frage zu stellen, wie bspw. Maßnahmen und Interventionen aus dem Handlungsfeld „körperliche Mobilität“ und „psychosoziale Aktivität“, die gemäß dem GKV-SV Leitfaden (2016) förderfähig sind, sich von „aktivierender Pflege“ abgrenzen. Mit dieser Fragmentierung besteht die Gefahr in der Versorgung pflegebedürftiger Menschen, dass pflegerische Leistungen künstlich voneinander abgegrenzt und von unterschiedlichen Personengruppen angeboten werden.

Die oben kurz genannte Empfehlung der nationalen Präventionskonferenz birgt vor diesem Hintergrund nun die Gefahr, dass aktivierende Pflege und damit pflegerisches Handeln auf verrichtungsorientiertes Handeln ohne jeglichen Bezug zu gesundheitsförderlichen Aspekten reduziert wird. Aus wissenschaftlicher und fachlicher Perspektive liegen noch zahlreiche offene Fragen zum Konstrukt der aktivierenden Pflege vor, wie bspw.:
  • Auf welchen konzeptionellen Grundlagen beruht aktivierende Pflege/Empowerment in der Pflege?

  • Wie kann aktivierende Pflege effektiv umgesetzt werden?

  • Was sind Merkmale aktivierender Pflege/Empowerment in der Pflege? Welche Potenziale liegen in einer gesundheitsförderlichen/präventiven Pflege?

  • Welche Maßnahmen/Interventionen sind bei diversen Settings/Sektoren für definierte Zielgruppen wirksam?

Auch ergibt sich nach derzeitiger wissenschaftlicher und fachlicher Lage nicht, wie sich die Förderung von Prävention und Gesundheitsförderung nach § 5 SGB XI von Maßnahmen und Interventionen zur Verhinderung, Vermeidung von Pflegebedürftigkeit gemäß § 19 SBGB XI sinnvoll abgrenzen lassen. Eine ähnliche problematische Separierung ergibt sich zu § 43 SGB XI. Demnach haben Pflegebedürftige in stationären Pflegeeinrichtungen Anspruch auf zusätzliche Betreuung und Aktivierung. Die im Leitfaden skizzierten Maßnahmen und Interventionen für das Handlungsfeld „psychosoziale Aktivitäten“ grenzen sich wenig von den derzeitigen Angeboten ab, so dass eine künstliche Trennung von gesetzlich geforderter Prävention, Aktivierung und Betreuung als fachlich und wissenschaftlich problematisch erscheint (Nationale Präventionskonferenz 2016, S. 28).

Zusammenfassung

Es bleibt kritisch zu reflektieren, dass mit der Einführung von § 5 SGB XI zwar Prävention in der Langzeitpflege gefördert wird, jedoch in einer Situation unklarer Leistungen aus bisherigen Paragrafen etc. sehr wahrscheinlich etwas künstlich getrennt wird, was eigentlich zusammengehört. Mit § 5 SGB XI wird ggf. eine Fragmentierung selbständigkeitsfördernder, aktivierender, präventiver und gesundheitsförderlicher Maßnahmen und Interventionen in stationärer Langzeitpflege erreicht. Es besteht die Gefahr, dass die Dimensionen und Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in einzelne Paragrafen zerlegt werden, die sich ggf. gegenseitig ausschließen oder hohe Überschneidungen aufweisen, damit sie dann nicht nach § 5 SGB XI förderfähig sind.

Es bleiben bspw. Fragen wie:
  • Wie kann Prävention, Verhinderung oder Verschlimmerung von Pflegebedürftigkeit nach § 18 SGB XI ohne die im GKV-SV Leitfaden subsumierten Handlungsfelder gedacht werden? Wie werden diese Maßnahmen voneinander in der Förderung getrennt?

  • Wie können § 11 Abs. 1, § 43 SGB XI und § 71 SB XI von § 5 SGB XI bzw. die im Leitfaden genannten Handlungsfelder und möglichen Maßnahmen und Interventionen voneinander getrennt werden?

Im Leitfaden des GKV-SV (2016) wird betont, dass im Kontext des SGB XI mit § 5 SGBX I insbesondere die partizipative Organisationsentwicklung für die Umsetzung von Maßnahmen und Interventionen der Prävention in der stationären Langzeitpflege seitens der Pflegekasse unterstützt werden soll. Damit wird hauptsächlich die Organisationsentwicklung und schwerpunktmäßig die Verhältnisprävention adressiert. Vor diesem Hintergrund ist inhaltlich nachvollziehbar, dass die Abgrenzungen zu bereits bestehenden Paragrafen mit präventiven und gesundheitsförderlichen Inhalten bestehen. Gleichwohl muss angemerkt werden, dass für eine erfolgreiche Umsetzung aller gesetzlichen Vorgaben mit präventiven Inhalten eine Organisationsentwicklung erforderlich ist. Vermutlich wird § 5 SGB XI für die Einrichtungen interessanter, wenn die Organisationsentwicklung umfassender verstanden wird und nicht in Abgrenzung von bereits zu erfüllenden gesetzlichen Verpflichtungen.

6 Prävention in der Langzeitpflege erfordert Umsetzung: Betriebliches Gesundheitsmanagement, Betriebliche Gesundheitsförderung für Pflegekräfte

Eine wirksame Prävention in der Langzeitpflege ist u. a. nur mit Gesunderhaltung der Pflegekräfte in den Einrichtungen möglich, da sie einen relevanten Umweltfaktor und Faktor in der Leistungserbringung darstellen. Aus der Literatur sind vielfältige Belastungsfaktoren bekannt. Dazu zählen bspw. die hohen psychischen und physischen Belastungsfaktoren (Burnout, Arbeitsunzufriedenheit), geistige Unterforderung, geringe Autonomie, Rollenkonflikte und moralisches Stressempfinden, hoher Workload, problematische Arbeitsorganisation u. w. m. Zu erkennen sind bspw. im Vergleich hohe Fehlzeiten oder hohe Wechselbereitschaft aus dem Beruf bei den unter 35-Jährigen (Zimber 2011; Faller und Reinboth 2011; iga Report 17 2011). Aus einer Studie von Faller und Reinboth (2011) ist die Erkenntnis zu entnehmen, dass das befragte Personal insbesondere hohe Belastungen in den Bereichen „Konflikt Arbeits- und Privatleben“, „Führungsqualität“, „Entwicklungsmöglichkeiten“ und „Rollenkonflikte“ erleben. Eine schlechtere Gesundheit ist vor allem in der Alterskohorte der 40- bis 50-Jährigen zu verzeichnen.

Zimber (2011) empfiehlt angesichts der physischen und psychischen Belastungen, zum einen die Belastungen des Pflegepersonals zu reduzieren und zum anderen verfügbare Ressourcen auszubauen. Es bestehen bspw. Möglichkeiten, organisationale Ressourcen zu erweitern, indem durch Organisationsentwicklung die Aufgabenvielfalt und der Tätigkeitsspielraum der Pflegekräfte ihren Kompetenzen entsprechend verändert werden. Entscheidend ist dabei auch, die Partizipation der Pflegekräfte in Entscheidungen, Dienstplangestaltung etc. zu ermöglichen. Des Weiteren können soziale Ressourcen entwickelt werden, indem eine Kultur der Unterstützung durch Vorgesetzte, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen etc. ermöglicht wird. Professionelle Führungsstile bzw. transformative Führungsstile scheinen für die Gesunderhaltung und für das Wohlbefinden von Pflegekräften von hoher Bedeutung zu sein. Die personalen Ressourcen können durch eine Unterstützung des Gesundheitsbewusstseins, durch Förderung von Selbstmanagementfähigkeiten und Konfliktfähigkeiten und eigener Bewältigungsstile ermöglicht werden.

Zusammenfassung

Es sollte darum gehen, eine systematische Personalentwicklung (z. B. durch Qualifikations- und Kompetenzentwicklung) zu ermöglichen. Des Weiteren sollten typische BGM-Themen auch in die stationäre Langzeitpflege Einzug halten. Dazu zählen bspw. Work-Family-Balance, Work-Life-Balance, Age- und Demografiemanagement oder auch die Professionalisierung der Führungsebenen (z. B. Leadership-Stile u. w. m.).

7 Präventive Potenziale pflegerischer Berufsgruppen

Aus der Literaturlage im internationalen Raum ist die Erkenntnis zu ziehen, dass pflegerische Berufsgruppen präventive Potenziale haben, die für eine hochwertige präventive und gesundheitsförderliche Versorgung genutzt werden können. In Deutschland treten diese kaum in Erscheinung bzw. werden diese erst neuerdings wieder entdeckt, z. B. das Projekt „Gemeindeschwester+“ in Rheinland-Pfalz (Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie 2018). Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen ist es aufgrund diverser Entwicklungen in den letzten Jahren zu einer Dekonturierung präventiver pflegerischer Aufgaben gekommen. Dazu zählen die gesetzlichen Grundlagen, die fehlenden Möglichkeiten, pflegerische Prävention und Gesundheitsförderung selbständig anzubieten und finanziert zu bekommen und die Sozialgesetzbücher, die zu einer Fragmentierung und eindimensionalen Betrachtung des Pflegeberufes führen.

Tab. 1 stellt dar, dass auch in der angelsächsischen Literatur pflegerische Prävention vielfältig ist und kein einheitliches Konzept für Prävention in der Pflege vorliegt. In den einzelnen Ländern sind die einzelnen Berufsbezeichnungen sowie Aufgaben, Tätigkeiten, Positionierung und Stellung um Gesundheitswesen nicht scharf voneinander getrennt. Der Hauptfokus aller hier genannten präventiven Pflegeberufe liegt auf Bevölkerungsgruppen in Kommunen und Gemeinden. Fast allen ist das Ziel gleich, die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen zu fördern und das Wohlbefinden zu steigern.
Tab. 1

Fokus präventiver Pflegeberufe (Hasseler 2006)

 

Fokus

Ziele

Public Health Nurse

Der Fokus liegt nicht auf der direkten Pflege von Individuen in gemeindenahen Bereichen. Public Health Nurses unterstützen die direkte Pflege durch Einschätzung, Evaluation der Individuen im Kontext von definierten Bevölkerungsgruppen. Gemeinsam mit anderen Berufsgruppen planen, entwickeln und unterstützen sie eine gemeinsame Gesundheitsversorgung in gemeindenahen Bereichen.

Die Arbeit, Aufgaben und Tätigkeiten sind auf größere Bevölkerungsgruppen fokussiert.

Gesundheit von bestimmten Bevölkerungsgruppen zu fördern und zu schützen sowie Krankheiten zu verhindern.

Eine der Hauptziele ist die Verbesserung der Gesundheitslage sowie Lebensqualität von Bevölkerungsgruppen.

Community Health Nurse

Der Hauptfokus liegt auf der Gesundheitsförderung, Prävention von Krankheiten, Beschaffung, Koordination sowie Integration von adäquaten Dienstleistungen. Die Perspektive ist sowohl auf Individuen als auch auf Bevölkerungsgruppen in Gemeinden bezogen.

Die Gesundheit und Bedarfe des Wohlbefindens von Bürgern in Kommunen zu verbessern bzw. zu erfüllen.

Health Visitor

Stärkung von Menschen und Übernahme von Verantwortung für die Gesundheit von Individuen, Familien und Kommunen durch die Förderung von Gesundheit bzw. Umsetzung und Entwicklung von Maßnahmen der Gesundheitspolitik. Arbeitsbereiche sind sowohl auf kommunaler als auch auf individueller Ebene angesiedelt. Hauptfokus liegt auf Bevölkerungsgruppen.

Die Auswirkungen von Krankheiten, Dysfunktionen und Behinderung zu vermindern bzw. präventiv anzugehen.

Family Health Nurse

Der Schwerpunkt liegt auf Familien und Individuen aller Altersgruppen in geographisch definierten Gebieten. Sie werden in kritischen Perioden im Leben ihrer Klienten aktiv und achten auf die Bedürfnisse marginalisierter und vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Es geht um die Erfüllung der Bedürfnisse von Familien innerhalb von Kommunen.

Durch Empowering Familien darin zu unterstützen, Verantwortung zu übernehmen und informierte Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheitsentwicklung zu treffen.

Obwohl in einzelnen Ländern den präventiven Pflegeberufen unterschiedliche Gesundheitssysteme, Ausbildungsmöglichkeiten, Positionierung und Stellung im Gesundheitssystem zugrunde liegen, können Schnittstellen präventiver Gesundheitsdienstleistungen identifiziert werden. Ein besonders hoher Bedarf scheint auf der Mesoebene des Gesundheitssystems zu liegen. Die präventiven Pflegeberufe nehmen verantwortlich an präventiven Gesundheitsprogrammen teil bzw. sind verantwortlich für die Durchführung; sie koordinieren, lenken und organisieren die Programme oder präventiven Maßnahmen, sie sind gleichberechtigte Mitglieder von interdisziplinären Teams und bilden häufig die Schnittstelle zwischen den Berufsgruppen und Bevölkerungsgruppen. Abhängig von den einzelnen betrachteten Ländern übernehmen präventive Pflegeberufe auch Aufgaben und Tätigkeiten auf der Mikroebene, d. h. in der direkten Versorgung und Betreuung von Pflegekräften, oder auch auf der Makroebene, bspw. in der Entwicklung von gesundheitspolitischen Maßnahmen. Nicht selten ist die Zuordnung zu diesen Ebenen bzw. Aufgaben abhängig vom akademischen Grad der präventiven Pflegeberufe (Tab. 2).
Tab. 2

Position und Stellung präventiver Gesundheitsberufe im Gesundheitssystem (Hasseler 2006)

 

Mikroebenea

Mesoebeneb

Makroebenec

Public Health Nurse

Im europäischen Raum z. B. diagnostische Untersuchungen, Palliativpflege, rehabilitative Maßnahmen, häusliche Pflege u. Ä.

HIV-Präventions-, Raucherentwöhnungs- und Diabetesprogramme, Gesundheitskliniken, Beratung, Screening, Follow-up, Überweisung, Case Management, Familienplanung u. Ä.

Umsetzung gesundheitspolitischer Maßnahmen

Community Health Nurse

Palliativpflege, Diabetes-Management, Inkontinenzmanagement, HIV-Pflege, Demenzpflege, Pflege von Behinderten, Wundmanagement, Gesundheitserziehung u. Ä.

Koordination von Gesundheitsdienstleitungen auf kommunaler Ebene, Gesundheitsmanagement u. Ä.

In den USA – abhängig vom akademischen Grad:

Formulierung von gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen, Implementation und Evaluation von bevölkerungsbezogenen Programmen

Health Visitor

Förderung von Gesundheit bei Familien und Kindern, Mutter-Eltern-Kind-Kurse, Beratung z. B. Impfberatung, diagnostische Untersuchungen

Durchführung von Gesundheitsförderungsprogrammen auf kommunaler Ebene, Durchführung von Screeningprogrammen, Raucherentwöhnungsprogramme, Familienplanungsprogramme u. Ä.

Umsetzung gesundheitspolitischer Maßnahmen

Family Health Nurse

Förderung der Gesundheit von Familien/Individuen, Begleitung über den gesamten Gesundheits-/Krankheitsprozess, Beratung zu Lifestyle-, Risikofaktoren, Beratung gesundheitsförderliches Verhalten, Assessment von Stressoren, rehabilitative Maßnahmen u. Ä.

Durchführung von Impf-, Screeningprogrammen, Koordination von Langzeitpflege im häuslichen Bereich, Schnittstellentätigkeit u. Ä.

aMit Schwerpunkten in der direkten Versorgung/Pflege

bMit Schwerpunkten in Gesundheitsförderungs-, Screeningprogrammen, Koordination, Organisation, kommunale/gesundheitsbezogene Ebene

cMit Schwerpunkten in Entwicklung und Umsetzung gesundheitspolitischer Maßnahmen

Betrachtet man die Ebenen der Prävention, so bewegen sich die präventiven Pflegeberufe sowohl auf der Ebene der Verhältnisprävention als auch auf der Ebene der Verhaltensprävention. Ein großer Teil der Aufgaben beinhaltet Gesundheitserziehung, -beratung, Bedarfe einschätzen und Maßnahmen planen.

Ressourcen und Potenziale pflegerischer Berufe

Es bleibt festzuhalten, dass präventive Pflegeberufe im internationalen Raum fest in den jeweiligen Gesundheitssystemen verankert sind. Sie sind integraler Bestandteil der Präventionsprogramme in den unterschiedlichen Ländern. Ein hoher Grad an beruflicher Autonomie zeichnet sich durch die berufliche Tätigkeit und die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen aus. Die ist bspw. an der Befugnis erkennbar, Klientinnen und Klienten an andere Berufsgruppen und Institutionen des Gesundheitswesens im Rahmen der Arbeit mit entsprechenden Programmen überweisen zu dürfen oder die Hausärztin und den Hausarzt als Gatekeeper zu ersetzen, wenn pflegerische Belange im Vordergrund stehen. Die Ressourcen und Potenziale pflegerischer Berufe liegen darin, Programme in Gesundheitsförderung und Prävention zu steuern, zu koordinieren und zu organisieren. Es ist möglich, pflegegeleitete präventive und gesundheitsförderliche Programme in der stationären Langzeitpflege durchführen zu lassen (Hasseler 2011).

8 Zusammenfassung und Fazit

Mit dem Präventionsgesetz sind nicht nur relevante Punkte der Prävention in der Allgemeinbevölkerung, sondern auch das relevante Setting der stationären Langzeitpflege berücksichtigt worden. Gleichwohl liegen Potenziale zur Weiterentwicklung vor. Mit § 5 SGB XI wird ggf. eine Fragmentierung selbständigkeitsfördernder, aktivierender, präventiver und gesundheitsförderlicher Maßnahmen und Interventionen erreicht. Die Dimensionen und Versorgung von pflegebedürftigen Menschen werden in der Leistungserbringung und in der Finanzierung in einzelne Paragrafen zerlegt, die sich ggf. gegenseitig ausschließen. Die Konzepte Selbstbestimmung, Teilhabe und Ressourcenorientierung scheinen parallele Konzepte zu § 5 SGB XI zu sein. Zu klären bleibt bspw., ob aktivierende, selbständigkeits-, teilhabe- oder ressourcenorientierte pflegerische Versorgung durchgeführt werden solle. Eine Definition und begriffliche Eingrenzung erscheint relevant, da jedes Konzept andere Ziele, Maßnahmen und Interventionen erfordert. Aus diesen Definitionen können Maßnahmen und Interventionen abgeleitet werden, die in den Versorgungsverträgen abgebildet und dann mit dem § 5 SGB XI vereinbart werden können.

Für die Umsetzung von präventiven Maßnahmen und Interventionen in der Langzeitpflege erscheint es sinnvoll, theoretische Grundlagen zur Fundierung heranzuziehen, wie bspw. Active Ageing, Healthy Ageing, gerontologische Theorien mit Blick auf Prozesse des Älterwerdens und Ressourcenintegration. Darüber werden systematische Hinweise für den Erfolg präventiver und gesundheitlicher Maßnahmen in der Langzeitpflege (Outcomeparameter) benötigt. Diese liegen bislang nicht ausreichend systematisch und gut begründet vor. Die Gründe können dafür vielfältig sein. Zum einen erscheint als Erklärungsgrundlage nachvollziehbar, dass die präventiven Potenziale für die Zielgruppe ältere pflegebedürftige Menschen bislang noch nicht in Augenschein genommen wurden, sondern zunächst die gesunde Gruppe älterer Menschen im Vordergrund stand. Zum anderen ist denkbar, dass die meisten bisher vorliegenden Maßnahmen und Interventionen überwiegend ohne Theoriebezüge und Integration gerontologischer Erkenntnisse entwickelt und wissenschaftlich untersucht wurden und aus diesem Grunde die Evidenzlage nicht differenziert ausgeprägt ist.

Letztlich ist erforderlich, pflegewissenschaftliche Expertise in den Praxissettings in Form von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen, präventiven Pflegeberufen sowie in Gremien wie Nationale Pflegekonferenz, Präventionsforen etc. einzubeziehen.

Literatur

  1. Alaszweski A, Billings J (2008) HealthPro-Elderly models of health promotion for older people in EU countries through production of evidence-based guidelines. https://www.kent.ac.uk/chss/research/docs/2006/2006_04_01_healthpro_elderly.html. Zugegriffen am 19.07.2018
  2. Backes GM, Clemens W (2013) Lebensphase Alter. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Alternsforschung, 4. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/BaselGoogle Scholar
  3. Baltes PB, Baltes MM (1989) Optimierung durch Selektion und Kompensation. Ein psychologisches Modell erfolgreichen Alterns. Zeitschrift für Pädagogik 35(1):85–105Google Scholar
  4. Bartholomew LK et al (2011) Planning health promotion programs. An intervention mapping approach, 3. Aufl. Jossey-Bass, San FranciscoGoogle Scholar
  5. Cavan RS et al (1949/1979) Personal adjustment in old age. Science Research Associates, ChicagoGoogle Scholar
  6. Erikson EH (1980) Identity and the life cycle. WW Norton, New York/LondonGoogle Scholar
  7. Faller G, Reinboth C (2011) Bedarfslagen und Interventionsnotwendigkeiten für die betriebliche Gesundheitsförderung in der stationären Altenpflege. Pflege 24(4):239–250CrossRefGoogle Scholar
  8. Fleischmann N, Hasseler M (2017) Reviewstudie zu den Handlungsfeldern Ernährung, körperliche Aktivität und Prävention von Gewalt (unveröffentlichtes Dokument)Google Scholar
  9. Fries JF (1983) The compression of morbidity. Milbank Mem Fund Q 61(3):397–419CrossRefGoogle Scholar
  10. GKV-Spitzenverband (2016) Leitfaden Prävention in stationären Pflegeeinrichtungen nach § 5 SGB XI. BerlinGoogle Scholar
  11. Grünberg EM (1976) The failures of success. Milbank Mem Fund Q 55(1):3–24CrossRefGoogle Scholar
  12. Hasseler M (2006) Potenziale pflegerischer Berufe in Prävention und Gesundheitsförderung. Prävention und Gesundheitsförderung 3(1):16–21Google Scholar
  13. Hasseler M (2011) Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege – ein konzeptioneller Ansatz. Juventa Verlag, WeinheimGoogle Scholar
  14. Hasseler M, Fünfstück M (2014) Durchführung einer systematischen Literaturrecherche und Beschreibung von Kennzeichen/Merkmalen für die Qualität der pflegerischen Versorgung. Im Auftrag des GKV-SpitzenverbandesGoogle Scholar
  15. Hasseler M, Meyer M, Fischer T (2013) Gerontologische Pflegeforschung. Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven für die Praxis. Kohlhammer, StuttgartGoogle Scholar
  16. Havighurst R, Albrecht R (1953) Older people. Longmans, Gree, Oxford, UKGoogle Scholar
  17. Hobfoll SE (1989) Conservation of resources: a new attemt at conceptualizing stress. Am Psychol 44:513–524CrossRefGoogle Scholar
  18. ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit und Behinderung) (2005) DIMDI. https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icf/index.html. Zugegriffen am 19.07.2018
  19. Iga.report 17 (2011) Mein nächster Beruf – Personalentwicklung für Berufe mit begrenzter Tätigkeitsdauer. Teil I: Modellprojekte in der stationären Krankenpflege, Überarb. u. erg. Aufl. BerlinGoogle Scholar
  20. Kolland F, Meyer Schweizer RA (2012) Altern und Wertewandel. Z Gerontol Geriatr 45(7):587–592CrossRefGoogle Scholar
  21. Kruse A (2016) Lebensphase Hohes Alter: Verletzlichkeit und Reife. Springer, Berlin/HeidelbergGoogle Scholar
  22. Kruse A (2017) Prävention und Gesundheitsförderung im hohen Alter. In: Hurrelmann K et al (Hrsg) Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung, 4. Vollst. überarb. Aufl. Huber Verlag, Bern, S 89–99Google Scholar
  23. Martin M, Kliegel M (2010) Psychologische Grundlagen der Gerontologie, 3., überarb. u. erw. Aufl. Kohlhammer, Urban, StuttgartGoogle Scholar
  24. Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie (2018) Gemeindeschwesterplus – Rheinland-Pfalz. https://msagd.rlp.de/ar/unsere-themen/aeltere-menschen/gemeindeschwesterplus/. Zugegriffen am 19.07.2018
  25. Nationale Präventionskonferenz (2016) Bundesrahmenempfehlungen der Nationalen Präventionskonferenz nach § 20d Abs. 3 SGB V, verabschiedet am 19.02.2016. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/P/Praevention/160219_Bundesrahmenempfehlungen_.pdf. Zugegriffen am 23.10.2017
  26. Pattloch D (2014) Verweildauer in vollstationärer Dauerpflege 1999-2011: Eine bevölkerungsbezogene Analyse. Gesundheitswesen 76:722–726CrossRefGoogle Scholar
  27. Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit, Bd. I und II. Gutachten 2000/2001Google Scholar
  28. Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Finanzierung, Nutzerorientierung und Qualität, Bd. I und II. Gutachten 2003Google Scholar
  29. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. Sondergutachten 2009Google Scholar
  30. Schütz B, Wurm (2009) Wie wichtig ist Prävention? In: RKI (Hrsg) Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gesundheit und Krankheit im Alter. RKI, Berlin, S 162–167Google Scholar
  31. Schwinger A et al (2017) Pflegebedürftigkeit in Deutschland. In: Jacobs J et al (Hrsg) Pflege-Report 2017. Die Versorgung der Pflegebedürftigen. Schattauer, Stuttgart, S 255–303Google Scholar
  32. Siebter Altenbericht der Bundesregierung (2016) Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften. Drucksache 18/10210Google Scholar
  33. Statistisches Bundesamt (Hrsg) (2017) Pflegestatistik 2015. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung Deutschlandergebnisse. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergeb-nisse5224001159004.pdf?__blob=publicationFile. Zugegriffen am 04.07.2018
  34. Tesch-Römer C (2010) Soziale Beziehungen alter Menschen. Kohlhammer, StuttgartGoogle Scholar
  35. Walter U, Patzelt C (2012) Gesundheitsförderung und Prävention im Alter. In: Günster C et al (Hrsg) Versorgungsreport 2012. Schwerpunkt: Gesundheit im Alter. Schattauer Verlag, Stuttgart, S 233–247Google Scholar
  36. World Health Organization (WHO) (2002) Active ageing: a policy framework. GenevaGoogle Scholar
  37. World Health Organization (WHO) (2012) Policy and priority intervention for healthy ageing. CopenhagenGoogle Scholar
  38. Zimber A (2011) Belastungen, Ressourcen und Beanspruchung in der Altenpflege. In: Haberstroh J, Pantel J (Hrsg) Demenz psychosozial behandeln. AKA Verlag, HeidelbergGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische FakultätUniversität HeidelbergHeidelbergDeutschland

Personalised recommendations