Advertisement

Integrationstheorien

  • Andreas HofmannEmail author
Living reference work entry

Zusammenfassung

Integrationstheorien sind Versuche, auf zentrale Fragen zur Entwicklung des politischen Systems der Europäischen Union (EU) eine Antwort zu finden. Was erklärt die historischen Erweiterungsrunden, was den erstmaligen Austritt eines Mitgliedstaats? Wie kommt es, dass die EU heute viel mehr als ein Wirtschaftsraum ist? Frühe Ansätze verfolgten weniger ein wissenschaftliches Interesse als vielmehr ein politisches Programm der europäischen Einigung. Erst seit den 1960er-Jahren ist das Ziel der Theoriebildung ein primär erklärendes. Aus dieser Zeit stammen die beiden wesentlichen rivalisierenden Ansätze, Neo-Funktionalismus und Intergouvernementalismus. Über die Zeit wurden diese immer weiter differenziert und neue Erklärungsangebote kamen hinzu. Heute bedienen sich diese Angebote des kompletten Theorien- und Methodenkatalogs der Sozialwissenschaften.

Schlüsselwörter

Europäisierung Föderalismus Intergouvernementalismus Konstruktivismus Neo-Funktionalismus Neo-Institutionalismus Theorien 

Der (pan-europäische) Föderalismus (Altiero Spinelli) verfolgt das normative Ziel einer politischen Einigung Europas unter einer zentralen Autorität, um die Spirale wiederkehrender Kriege in Europa zu durchbrechen.

Der Funktionalismus (David Mitrany) zielt anstatt einer politischen Einigung auf enge technische Kooperation zwischen Staaten, um einen friedlichen Wandel einzuleiten.

Der Neo-Funktionalismus (Ernst Haas) erklärt den Integrationsprozess als einen sich selbst verstärkenden Prozess, in dem aufgrund funktionaler Verknüpfungen Integration in einem Politikbereich die Vergemeinschaftung anderer Bereiche nach sich zieht.

Der Intergouvernementalismus (Stanley Hoffmann) betont die zentrale Bedeutung nationalstaatlicher Interessen. Die Regierungen der Mitgliedstaaten bestimmen die Ziele und behalten die Kontrolle über die Resultate des Integrationsprozesses.

Mit der zunehmenden Bedeutung der Europäischen Union (EU) wachsen Anzahl und Vielfalt wissenschaftlicher Ansätze, die diese theoretisch zu erfassen, zu erklären und zu bewerten suchen. Wesentliches Ziel der Theoriebildung in den EU-Studien ist die Erklärung europäischer Politik- und Systemgestaltung. Sie versucht, zentrale Fragen des Integrationsprozesses zu beantworten: Wie können wir die Entwicklung von einer eng umschriebenen Gemeinschaft, die Fragen der Kohleförderung und Stahlproduktion regelte, hin zu einer Union erklären, die inzwischen weitgehend staatsähnliche Aufgaben verfolgt? Wie können wir zudem deren geografische Erweiterung erklären, von einer Gruppe von sechs Gründungsstaaten hin zu einer Union mit 28 Mitgliedstaaten (von denen nun einer die Union wieder verlassen will)? Warum haben souveräne Nationalstaaten zunehmend Kompetenzen auf eine europäische Ebene übertragen und ihre eigene Souveränität eingegrenzt, indem sie unabhängige Institutionen beauftragten, rechtliche Entscheidungen mit bindender Wirkung für sie zu treffen?

Komplexität des Untersuchungsobjekts

Die Konzipierung von Theorien der europäischen Integration („Integrationstheorien“) ist ein forderndes Unterfangen. Bereits eine Charakterisierung des Untersuchungsobjekts bereitet Schwierigkeiten. Der Integrationsprozess umfasst den kontinuierlichen Ausbau eines neuartigen Systems, das irgendwo zwischen einem Föderalstaat und einer internationalen Organisation angesiedelt ist und dessen Entscheidungsverfahren zunehmend vielfältiger werden. Die Vertragsänderungen der letzten Jahrzehnte haben die Rolle der EU-Institutionen und die Vielfalt der Verfahren zwischen ihnen erheblich erweitert. Sukzessive Krisen der jüngeren Zeit haben diese Entwicklungen verstärkt. Integrationstheorien dienen dazu, die Vielfalt der zu beobachtenden Prozesse zu ordnen und Komplexität zu reduzieren. Sie erlauben Aussagen darüber, inwiefern sich das politische System der EU mit anderen politischen Systemen vergleichen lässt und in welcher Hinsicht die EU ein einzigartiges Gebilde („sui generis“) ist. Zu dieser Aufgabe kommen Nachfragen aus Öffentlichkeit und Politik: Im Rahmen der intensiven Debatten um die gegenwärtige und zukünftige Politik- und Systemgestaltung der EU werden nicht zuletzt auch Beiträge aus Universitäten und Forschungsinstituten angefordert.

Begriffe, Ansätze und Strömungen

Bildet das EU-System ein höchst relevantes, aber auch schwer identifizierbares Untersuchungsobjekt, dann stellt sich die Frage nach dem „Netz“ an Kategorien, mit dem dieses erfasst, erklärt und beurteilt werden kann. In der Wissenschaft sind sowohl durchgängige Trends mit Variationen einiger klassischer Schulen (im wissenschaftlichen Sprachgebrauch „grand theories“), aber auch immer wieder beträchtliche Perspektivwechsel („turns“) zu beobachten.

Trotz einiger Kontroversen über Umfang, Schwerpunkt und mögliche Relevanz einzelner Schulen bietet Abb. 1 einen Überblick immer wieder genutzter und diskutierter Theorien und Ansätze. Klassische Ansätze der Theoriebildung in den EU-Studien erleben regelmäßig Renaissancen. Neuere oder wiederbelebte generelle Ansätze der Sozialwissenschaften wie der (Neo-)Institutionalismus und der Konstruktivismus erproben ihre Konzepte und ihr Instrumentarium auch am EU-System. In diesem Sinne gehören die EU-Studien durchaus zum „mainstream“ der Sozialwissenschaften. Gleichzeitig erstreckt sich das Feld der Disziplinen, die sich an der Theoriebildung beteiligen, über diese hinaus und schließt rechts- und geschichtswissenschaftliche Ansätze mit ein.
Abb. 1

Grundströmungen der Theoriebildung in den EU-Studien. (Quelle: Eigene Darstellung)

Die frühesten Auseinandersetzungen mit dem Prozess europäischer Integration stammen vornehmlich aus der Feder pan-europäischer Föderalisten (wie Altiero Spinelli), die eine Einigung des Kontinents als einzige Möglichkeit sahen, die Spirale wiederkehrender und zunehmend verheerender Kriege in Europa zu durchbrechen. Eine ähnliche Zielsetzung verfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg auch der auf David Mitrany zurückgehende Funktionalismus. Anstatt eine politische Einigung Europas in den Vordergrund zu stellen, setzte Mitrany auf enge technische Kooperation zwischen den Staaten, um einen friedlichen Wandel einzuleiten. Sowohl Föderalismus als auch Funktionalismus sind jedoch zunächst weniger als sozialwissenschaftliche Analysen des Einigungsprozesses zu verstehen, sondern vielmehr als politische Leitlinien eines solchen.

Der erste genuin erklärende unter den klassischen Ansätzen der Integrationsforschung ist der auf Ernst B. Haas zurückzuführende Neo-Funktionalismus. Dieser Ansatz erklärt den Integrationsprozess als einen sich selbst verstärkenden Spill-over-Prozess, in dem aufgrund funktionaler Verknüpfungen unterschiedlicher Politikfelder einer „Sachlogik“ (Walter Hallstein) folgend die zwischenstaatliche Integration in einem Bereich eine Vergemeinschaftung in anderen Bereichen nach sich zieht. Demgegenüber verweist der auf Stanley Hoffmann zurückgehende Intergouvernementalismus auf die Bedeutung nationalstaatlicher Interessen für die Entstehung und Entwicklung des EU-Systems. Die Regierungen der Mitgliedstaaten bestimmen nach diesem Ansatz die Ziele des Integrationsprozesses und behalten die Kontrolle über die Resultate dieses Prozesses. In neo-realistischen Ansätzen (etwa bei Werner Link) wird Kooperation innerhalb des EU-Systems vorwiegend durch das Ringen um Machtgleichgewichte („balancing“) im europäischen und internationalen Kontext erklärt.

In Ergänzung zu diesen klassischen „grand theories“ betonen neuere Ansätze zusätzliche oder alternative Faktoren, die den Integrationsprozess prägen. Der Konstruktivismus und der soziologische Institutionalismus heben etwa die Rolle geteilter sozialer Normen und Werte sowie Vorstellungen von „Angemessenheit“ (James March und Johan Olsen) als zentrale Erklärungsfaktoren für die Zusammenarbeit zwischen Staaten hervor.

Der von Andrew Moravcsik entworfene Liberale Intergouvernementalismus führt den Integrationsprozess hingegen auf innerstaatliche Präferenzbildung zurück, die im Wesentlichen wirtschaftlichen Interessen folgt. Nach Verhandlungsprozessen zwischen den Regierungen werden EU-Institutionen damit betraut, die zwischen den Mitgliedstaaten eingegangenen Verpflichtungen zu kontrollieren, um deren Glaubwürdigkeit („credible commitments“) sicherzustellen. Im Zuge der europäischen Reaktionen auf die Krise der Eurozone wurde vermehrt auch ein Neuer Intergovernementalismus (Christopher Bickerton, Dermot Hodson und Uwe Puetter) diskutiert, der eine neue Konzentration der Entscheidungsfindung auf höchster politischer Ebene zwischen den Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat betont.

Der rationale Institutionalismus verweist auf die Auswirkungen komplexer Delegationsbeziehungen zwischen den und innerhalb der verschiedenen Ebenen des EU-Systems, die Konsequenzen nach sich ziehen, welche von den ursprünglichen Architekten des Systems nicht notwendigerweise vorhergesehen wurden. Der historische Institutionalismus betont die Pfadabhängigkeit der Integrationsentwicklung, in der frühe Weichenstellungen bei historischen Entscheidungen weit in die Zukunft hineinwirken und schwer zu revidieren sind.

Die empirische (vergleichende) Föderalismusforschung untersucht die Auswirkungen dezentralisierter Kompetenzen auf Politikgestaltung. Sie weist auf die Bedeutung einer „Politikverflechtungsfalle“ (Fritz Scharpf) hin, die als Resultat weitreichender Vetorechte einer Vielzahl von Akteuren auf mehreren Ebenen des EU-Systems bestehende Verhältnisse zementiert und Veränderungen erschwert. Die Fusionsthese (Wolfgang Wessels) unterstreicht die Bedeutung grundlegender Dilemmata mitgliedstaatlicher Präferenzen zwischen der Notwendigkeit effektiver zwischenstaatlicher Zusammenarbeit angesichts globaler Abhängigkeiten auf der einen Seite und der Furcht vor allzu großem Souveränitätsverlust bei der Schaffung überstaatlicher Institutionen auf der anderen. Resultat dieses Interessenkonflikts ist eine wachsende Komplexität des EU-Systems.

Der Europäisierungsansatz schließlich untersucht den Einfluss des EU-Systems auf nationale Politikgestaltung und identifiziert umfangreiche Anpassungsvorgänge in nationalen politischen Systemen als Antwort auf die zunehmende Kompetenzverlagerung in vielen Politikbereichen.

Weitere Ansätze beschäftigen sich weniger mit der dynamischen Entwicklung des EU-Systems als vielmehr mit einer Analyse des Ist-Zustands. Sie versuchen, die Komplexität der Verfahren auf EU-Ebene zu reduzieren und herauszustellen, wer für die Gestaltung von EU-Politiken verantwortlich ist und wessen Interessen obsiegen. Hierfür wird heute die gesamte Bandbreite an Theorien und Methoden der vergleichenden Politikwissenschaft auf alle Aspekte der EU-Politik angewandt, wie etwa politische Einstellungen und das Wahlverhalten der BürgerInnen, die Positionierung politischer Parteien oder der Einfluss von Interessengruppen. Die Analyse zieht zunehmend Prozesse auf mehreren Ebenen der Politikgestaltung (Multi-Level-Governance) einschließlich Regionen und Kommunen in Betracht.

Trotz unterschiedlicher Sichtweisen und Zugänge zwischen und innerhalb der einzelnen Ansätze wird fast durchgängig betont, dass das EU-System „Hoheitsakte“ erlässt. EU-Institutionen leisten eine für die Charakterisierung als „politisches System“ notwendige und für das Regieren typische Setzung von Rechtsakten, die sich auf die autoritative Verteilung von Werten in der Gesellschaft (nach David Eastons Definition von Politik) auswirken. EU-Institutionen sind in vielfältigen Formen an Vorbereitung, Verabschiedung, Durchführung und Kontrolle allgemeinverbindlicher Entscheidungen über den Einsatz quasi-staatlicher Handlungs- und Steuerungsinstrumente beteiligt.

Offene Fragen

Die vielfältigen Krisen des letzten Jahrzehnts haben die Theoriebildung vor neue Herausforderungen gestellt. Krisen haben im Lauf der Integrationsgeschichte immer wieder Anlass zu einer grundlegenden Neubewertung des politischen Systems der EU geführt. Gleichzeitig bieten sie reichhaltiges empirisches Material zum Test der Erklärungsversuche bestehender wissenschaftlicher Ansätze. Die Schwierigkeit etwa, für die von der Krise der Eurozone betroffenen Staaten ein erfolgreiches Wachstumsmodell innerhalb der Wirtschafts- und Währungsunion zu finden, hat erneut die polit-ökonomische Heterogenität der Eurozone in den Fokus der Debatte gestellt, die politische Ökonomen u. a. unter dem Stichwort „Varieties of Capitalism“ (Peter Hall und David Soskice) seit zwei Jahrzehnten diskutieren. Die Eurokrise war aber nur der Anfang einer Reihe weiterer Krisen, die den Alltag europäischer Politik bis heute prägen. Der auf Analysen von Veränderungen in Wählerverhalten und Parteienwettbewerb fußende Postfunktionalismus (Lisbeth Hooghe und Gary Marks) hebt in diesem Zusammenhang den Konflikt zwischen dem funktionalen Antrieb zur Verlagerung von Entscheidungskompetenzen auf die europäische Ebene und der fortwährenden Verhaftung von Identität auf der nationalen Ebene hervor. Dieser Konflikt führt zu einer Politisierung europäischer Politik, wenn Politikbereiche berührt sind, dem WählerInnen eine besondere Bedeutung zuschreiben. Dies ist bei allen großen Krisen der jüngeren Vergangenheit der Fall. In der neuen Struktur politischer Konflikte stellt demnach die Befürwortung oder Ablehnung der EU selber eine wichtige Dimension dar.

Die jüngste Erfahrung hat in jedem Fall gezeigt, dass die Erwartung eines dauerhaften „constitutional settlement“ (Andrew Moravcsik) oder gar Endpunkts der Systementwicklung illusorisch ist. Die intensiven und überwiegend national geprägten Debatten über mögliche Krisenlösungen mit einer Vielfalt kontroverser Vorschläge halten Fragen der Handlungsfähigkeit und insbesondere der Legitimität des neu gestalteten EU-Systems im Fokus einer vertieften wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Weiterführende Literatur und Dokumente

  1. Bieling, Hans-Jürgen/Lerch, Marika (Hrsg.) (2012): Theorien der europäischen Integration, 3. Auflage, Wiesbaden.Google Scholar
  2. Eilstrup-Sangiovanni, Mette (Hrsg.) (2006): Debates on European Integration. A Reader, Basingstoke.Google Scholar
  3. Saurugger, Sabine (2013): Theoretical Approaches to European Integration, Basingstoke.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Otto Suhr InstitutFreie Universität BerlinBerlinDeutschland

Personalised recommendations