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„Wir Strebermigranten“? Migration und Erfolg bei (Spät-)Aussiedlern

  • Jannis PanagiotidisEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Psychologie book series (SRP)

Zusammenfassung

Die Integration der (Spät-)Aussiedler wird oft als Erfolgsgeschichte erzählt. Dabei wird auf materielle Integrationsindikatoren, aber auch auf eine allgemeine „Unauffälligkeit“ verwiesen. Die materielle Integration der (Spät-)Aussiedler ist insgesamt tatsächlich als erfolgreich zu bewerten, wobei Differenzierungen nach Herkunftsländern nötig sind. Zentral für die gelungene Integration war die auf umfassende Gleichstellung ausgerichtete Integrationspolitik, die den sofortigen Zugang zur deutschen Staatsangehörigkeit, Sprachkurse und andere Eingliederungshilfen beinhaltete. Die gesellschaftliche Unauffälligkeit wurde durch eine liberale Namensänderungspolitik begünstigt. Der aus diesen Maßnahmen resultierende Anpassungsdruck bietet zugleich den Ansatzpunkt für eine kritische Dekonstruktion des Erfolgsdiskurses.

Schlüsselwörter

(Spät-)Aussiedler Integrationspolitik Integration Assimilation Erfolg 

1 Einleitung

Wir Strebermigranten – so betitelte die Schriftstellerin Emilia Smechowski ihren 2017 publizierten autobiografischen Roman über die Ausreise, Ankunft und Integration in Deutschland ihrer aus Polen stammenden Familie (Smechowski 2017). Wie hunderttausende andere polnische Bürger mit Vorfahren, die vor dem Zweiten Weltkrieg Bürger des Deutschen Reiches gewesen waren oder im Krieg auf der „Deutschen Volksliste“ registriert gewesen waren, machten sich Emilias Eltern mit ihren zwei Töchtern 1988 auf den Weg in die Bundesrepublik Deutschland, wo sie als Aussiedler Aufnahme fanden – einschließlich Sprachkursen, finanzieller Starthilfen und sofortiger Einbürgerung. Smechowski erzählt vom unaufhörlichen beruflichen Aufstiegsstreben ihrer Eltern und ihrem Willen, sich unbedingt anzupassen und in der Gesellschaft nicht als Fremde aufzufallen. Beides hat Erfolg – ihre Eltern arbeiten beide als Ärzte, verdienen gutes Geld, Emilia und ihre Schwester lernen perfekt Deutsch und vergessen ihre polnische Muttersprache. Aber an dem Druck des ständigen Erfolgsstrebens und der Überanpassung zerbricht die Familie.

Für Emilia Smechowskis Eltern bemaß sich Integrationserfolg in beruflich-materiellem Aufstieg und gesellschaftlicher Unsichtbarkeit. Dies sind zwei Motive, die sich auch in einem in den letzten Jahren hervorgetretenen Narrativ niederschlagen, welches die Migration und Integration der (Spät-)Aussiedler als „Erfolgsgeschichte“ erzählt, basierend auf positiven sozialen Indikatoren und vermeintlicher „Unauffälligkeit“ (Worbs et al. 2013, S. 201). Bemerkenswert ist dabei, dass insbesondere die Integration der ab den 1990er-Jahren zahlenmäßig dominanten (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, der sogenannten Russlanddeutschen, zunächst als das Gegenteil einer Erfolgsgeschichte galt. Innerhalb weniger Jahre hat sich diese scheinbare ‚Problemgruppe‘ in der öffentlichen Wahrnehmung in vermeintliche ‚Mustermigranten‘ verwandelt, wobei diese Erzählung in Anbetracht gegenwärtiger Diskussionen um die angebliche Rechtslastigkeit der Russlanddeutschen und um russischsprachige ‚Parallelgesellschaften‘ unter Druck geraten ist.

Der vorliegende, aus einer historisch-interdisziplinären Perspektive verfasste Beitrag, greift diese materiellen und immateriellen Erfolgskriterien auf, stellt sie auf den empirischen Prüfstand und unterzieht sie einer kritischen Dekonstruktion. Im Folgenden wird nach einer kurzen historischen Einführung (Abschn. 2) zunächst in groben Zügen der Forschungsstand zu (Spät-)Aussiedlern unter dem Gesichtspunkt ihres ‚Erfolgs‘ dargelegt (Abschn. 3). Darauf folgt in Abschn. 4 die Analyse einiger Daten, an denen sich der messbare materielle Integrationserfolg von (Spät-)Aussiedlern im Vergleich mit anderen Migrantengruppen und der einheimischen Bevölkerung ablesen lässt. Abschn. 5 identifiziert zentrale Faktoren, die diesen materiellen Erfolg ermöglicht haben. Der Fokus liegt dabei auf den durch die staatliche Integrationspolitik gesetzten Rahmenbedingungen, welche eine möglichst schnelle Angleichung der Lebensbedingungen von Aussiedlern und ‚Einheimischen‘ zum Ziel hatte. Abschn. 6 thematisiert dann anhand des Aspekts der Eindeutschung der Namen von (Spät-)Aussiedlern den Aspekt der Unauffälligkeit als vermeintlichem Integrationserfolg. Abschn. 7 unterzieht schließlich den existierenden Erfolgsdiskurs einer kritischen Betrachtung.

2 (Spät-)Aussiedler: Definitionen und Zahlen

Aussiedler bzw. Spätaussiedler ist die Bezeichnung für Menschen deutscher Staatsangehörigkeit bzw. durch das 1953 erlassene Bundesvertriebenengesetz (BVFG) definierter „deutscher Volkszugehörigkeit“, die seit 1950 aus den während des Kalten Kriegs kommunistisch regierten Staaten Osteuropas in die Bundesrepublik Deutschland kamen. Als Rechtsbegriff wurde „Aussiedler“ durch § 1 Abs. 2 Nr. 3 BVFG als Unterkategorie des in § 1 definierten „Vertriebenen“ eingeführt. Personen, die nach der Reform des BVFG Ende 1992 in die Bundesrepublik übergesiedelt sind, werden qua Gesetz als „Spätaussiedler“ bezeichnet. Im öffentlichen Diskurs wurde dieser Begriff bereits seit den 1950er-Jahren synonym mit „Aussiedler“ verwendet.

Wie in Tab. 1 zu sehen ist, waren bis Ende der 1980er-Jahre Polen (durchgehend) und Rumänien (seit den 1970er-Jahren) die wichtigsten Herkunftsländer von Aussiedlern. Seit den 1990er-Jahren kommen (Spät-)Aussiedler fast ausschließlich aus der ehemaligen Sowjetunion, vor allem aus Russland und Kasachstan (als historischen Überblick siehe Panagiotidis 2015a). Insgesamt beläuft sich die Zahl der seit 1950 immigrierten (Spät-)Aussiedler auf gut 4,5 Millionen. Von ihnen leben heute noch gut 3,2 Millionen in der Bundesrepublik (Statistisches Bundesamt 2017, S. 63). Die Zahl ihrer im Lande geborenen Nachkommen lässt sich nicht genau beziffern, da sie als deutsche Staatsangehörige nicht gesondert statistisch erfasst werden.
Tab. 1

(Spät-)Aussiedlerzuzug seit 1950

 

1950–1959

1960–1969

1970–1979

1980–1989

1990–1999

2000–2016

Polen

292.157

110.618

202.718

632.803

204.078

2836

Rumänien

3454

16.294

71.417

151.161

186.354

1650

Sowjetunion

13.604

8571

56.583

176.565

1.630.107

496.744

Andere

129.040

86.033

24.663

23.558

11.637

143

Insgesamt

438.225

221.516

355.381

984.087

2.029.176

501.373

Zahlen gemäß Bundesverwaltungsamt (2016)

3 Forschungsstand

Die Migration und Integration derjenigen Aussiedler, die während der Zeit des Kalten Krieges in die Bundesrepublik Deutschland kamen, hat relativ wenig Aufmerksamkeit in der Forschung erhalten. Einige zeitgenössische Untersuchungen der 1970er- und 1980er-Jahre thematisierten Schwierigkeiten, strukturelle Merkmale und auch erste Erfolge der Aussiedlerintegration (z. B. Pfundtner 1979; Hager 1980; Harmsen 1983; Kossolapow 1987). Die Integrationsverläufe wurden aber kaum langfristig weiterverfolgt. Trotz mangelhafter Erkenntnislage etablierte sich angesichts der bis 1987 zahlenmäßig relativ geringen Aussiedlerzuwanderung – seit den frühen 1970er-Jahren in einem Korridor zwischen 20.000 und 70.000 pro Jahr – und in Abwesenheit sichtbarer gesellschaftlicher Verwerfungen die Ansicht, dass die Integration dieser Menschen „relativ erfolgreich“ (Dietz 2010) und „geräuschlos“ (Worbs et al. 2013) verlaufen sei.

Die Migration und Integration der nach 1987 zugewanderten Aussiedler und Spätaussiedler war dann in den 1990er- und 2000er-Jahren Gegenstand von wesentlich umfangreicheren Forschungen verschiedener Disziplinen, insbesondere der Soziologie, Anthropologie/Volkskunde, der Erziehungswissenschaften wie auch der historischen Migrationsforschung (einen ausführlichen Überblick bieten Worbs et al. 2013; für die Forschungen der 1990er-Jahre auch Bade und Oltmer 2003). Hintergrund waren die nunmehr wesentlich stärker perzipierten Integrationsschwierigkeiten und Dequalifizierungserfahrungen auf dem Arbeitsmarkt (z. B. Greif et al. 2003) sowie insbesondere die Anpassungsschwierigkeiten der „mitgenommenen“ Jugendlichen, die als besondere Problemgruppe identifiziert wurden (z. B. Dietz und Roll 1998; Vogelgesang 2008). Insgesamt standen in der Aussiedlerforschung jener Zeit vorwiegend Probleme und Schwierigkeiten im Mittelpunkt. Forschungen, die sich dezidiert mit Erfolgen, beispielswiese mit Bildungserfolg beschäftigten, verorteten diesen bezeichnenderweise „im Verborgenen“ (Schmidt-Bernhardt 2008).

Einen Wendepunkt stellte die Studie Ungenutzte Potenziale des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (Woellert et al. 2009) dar. Diese konstatierte „gute Integrationswerte“ bei den Aussiedlern, was „zum Teil die öffentliche Wahrnehmung“ widerlege. „Die Aussiedler sind mit einem vergleichsweise hohen Bildungsstand nach Deutschland gekommen. Sie finden sich relativ gut auf dem Arbeitsmarkt zurecht, und viele Faktoren weisen darauf hin, dass sie sich aktiv um die Integration in der Gesellschaft bemühen. So hat sich die Generation der hier Geborenen gegenüber der ihrer Eltern in jeder Hinsicht deutlich verbessert.“ (Woellert et al. 2009, S. 7). Dieser Befund unterschied sich deutlich etwa von der ein Jahrzehnt zuvor publizierten Panelstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Zur Eingliederung der Aussiedler in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, die noch konstatierte, dass „die Lebensbedingungen von mehr als der Hälfte der Befragten aus der ehemaligen Sowjetunion […] objektiv als schlecht zu kennzeichnen“ seien und große Anpassungsschwierigkeiten der Spätaussiedler auf dem post-industriellen Arbeitsmarkt diagnostizierte (Mammey und Schiener 1998, S. 124).

Bestätigt wurden die Erkenntnisse der Ungenutzte Potenziale-Studie durch den Forschungsbericht (Spät-)Aussiedler in Deutschland des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Worbs et al. 2013). Dieser betonte dabei neben den vorliegenden positiven sozialen Indikatoren, die die (Spät-)Aussiedlerintegration zu einer „Erfolgsgeschichte“ machten, dass „gerade die ‚Unauffälligkeit‘ dieser Gruppe … für ihren Integrationserfolg“ spreche (Worbs et al. 2013, S. 201). Die Rede von der „auffälligen Unauffälligkeit“ haben sich inzwischen auch Interessenverbände wie die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland zu Eigen gemacht (Schulz 2013). An der Verbreitung und Verankerung dieser Thesen im öffentlichen Diskurs war auch der Autor des vorliegenden Beitrags beteiligt (z. B. Panagiotidis 2015c).

4 Indikatoren für materiellen Erfolg

Der materielle Integrationserfolg der (Spät-)Aussiedler lässt sich anhand von in den letzten Jahren verfügbar gewordenen Daten des Mikrozensus und des Sozioökonomischen Panels (SOEP) nachvollziehen. Der BAMF-Forschungsbericht (Worbs et al. 2013, S. 201) hebt dabei ihre „‚Mittelposition‘ zwischen den Deutschen ohne Migrationshintergrund und sonstigen Migrantengruppen“ hervor. Diese zeigt sich insbesondere bei gut messbaren Indikatoren wie Erwerbslosigkeit (Worbs et al. 2013, S. 65), Einkommen (Worbs et al. 2013, S. 81) und Abhängigkeit von Transferleistungen (Worbs et al. 2013, S. 88).

Die Nuancen dieser „Mittelposition“ werden bei differenzierterer Betrachtung noch deutlicher (siehe Tab. 2). Hierbei interessiert insbesondere der Vergleich zwischen (Spät-)Aussiedlern insgesamt – also allen Menschen aus osteuropäischen Staaten, v. a. aus der ehemaligen Sowjetunion, Polen und Rumänien, die mit diesem Status eingereist sind – und (Spät-)Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, den Russlanddeutschen. Letztere werden in Tab. 2 repräsentiert durch die aus Kasachstan zugewanderte Bevölkerung. Zwar kommen nicht alle Russlanddeutschen aus Kasachstan, aber fast alle kasachstanstämmigen Menschen in Deutschland sind russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler. Sie bilden somit quasi ein statistisch ‚reines‘ Sample, das auch deswegen aussagekräftig für die Gesamtgruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler ist, weil nicht von systematischen Unterschieden zwischen (Spät-)Aussiedlern aus Kasachstan und solchen aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auszugehen ist.
Tab. 2

Soziale Indikatoren im Vergleich

 

Erwerbslose %*

ALG II %**

Sozialhilfe %**

Durchschnittseinkommen pro Kopf €

(Spät-)Aussiedler

4,0

4,0

1,7

1755

Bevölkerung aus Kasachstan

5,1

4,7

2,6

1525

Bevölkerung aus der Türkei

8,4

10,2

2,4

1678

Bevölkerung ohne Migrationshintergrund

3,4

2,8

0,9

2030

Bevölkerung mit Migrationshintergrund

6,8

8,0

3,9

1713

Ausländische Bevölkerung

8,5

10,3

5,4

1644

Daten zu Migrationsgruppen beziehen sich jeweils nur auf Personen mit eigener Migrationserfahrung.

*als Anteil an den Erwerbspersonen

**als Anteil an den Personen über 18 Jahren

Daten errechnet auf Grundlage des Mikrozensus 2016 (Statistisches Bundesamt 2017).

Tab. 2 zeigt, dass die Erwerbslosigkeit der (Spät-)Aussiedler insgesamt nur knapp höher ist, als die der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion liegen einen weiteren Prozentpunkt darüber, was dafür spricht, dass die Aussiedler aus Polen und Rumänien, die schon länger in Deutschland ansässig sind und von umfangreicheren Integrationshilfen profitierten (siehe unten, Abschn. 5), in dieser Hinsicht erfolgreicher sind. Das Gleiche gilt für die die in Tab. 2 abgebildete Abhängigkeit von Transferleistungen (ALG II und Sozialhilfe) sowie die Höhe des Durchschnittseinkommens pro Kopf. Damit stehen die postsowjetischen (Spät-)Aussiedler aber insgesamt immer noch besser da als die Gesamtbevölkerung mit Migrationshintergrund (einschließlich der (Spät-)Aussiedler), als die ausländische Bevölkerung und als die türkeistämmige Bevölkerung, um ein Beispiel einer anderen wichtigen Migrationsgruppe vergleichend beizustellen. Eine Ausnahme bildet hier der Indikator des Durchschnittseinkommens pro Kopf, bei welchem die kasachstanstämmigen Migranten niedriger liegen als alle anderen Vergleichsgruppen. Sie sind also vergleichsweise weniger oft erwerblos, die Erwerbstätigen verdienen aber auch vergleichsweise weniger Geld. Hier bilden sich häufig prekäre und insbesondere bei Frauen überdurchschnittlich häufig geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ab (Panagiotidis 2017a, S. 27). Solche schlecht bezahlten Jobs, die nur ein relativ niedriges individuelles pro-Kopf-Einkommen erzielen, sind aber Teil von familiären Pooling-Strategien, die dazu führen, dass das durchschnittliche Haushaltseinkommen bei russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern bei gut 90 Prozent des ‚einheimischen‘ Niveaus liegt – bei allerdings deutlich größeren Haushaltsgrößen. Entsprechend müssen in diesen Haushalten von einem ähnlich hohen Einkommen mehr Münder ernährt werden (Panagiotidis 2017a, S. 27).

5 Faktoren für materiellen Erfolg

Der materielle Erfolg der (Spät-)Aussiedler besteht also darin, sich der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund in wichtigen sozialen Indikatoren stärker angenähert zu haben, als dies für die übrige Bevölkerung mit Migrationshintergrund der Fall ist. Die Diskussion der (möglichen) Faktoren, die diesen Erfolg begünstigt haben, beschränkt sich hier auf die durch staatliche Aufnahme- und Integrationspolitik gesetzten Rahmenbedingungen. Dies bedeutet nicht, dass migrantisches Handeln in diesem Zusammenhang irrelevant wäre, wie sowohl der Arbeitseifer von Emilia Smechowskis Eltern als auch die erwähnten Poolingstrategien russlanddeutscher Familien nahelegen. Jedoch sind die Hintergründe sowohl der (Spät-)Aussiedler aus verschiedenen Herkunftsländern wie auch von Individuen und Familien innerhalb dieser Großgruppen so unterschiedlich, dass sich – jenseits von Klischees über ‚deutsche Tugenden‘ wie Fleiß und Strebsamkeit – nicht systematisch etwas Sinnvolles über diese Dimension migrantischen Erfolges sagen lässt. Und letztlich übersetzt sich Fleiß auch nur unter passenden Rahmenbedingungen in materiellen Erfolg.

Als grundlegender Faktor für den Integrationserfolg dieser sehr unterschiedlichen Menschen und Gruppen ist der Umstand zu nennen, dass sie vom Zeitpunkt ihrer Aufnahme in Deutschland an deutsche Staatsbürger waren. Der Zugang zur Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes gilt in der Forschung zu migrantischer Integration als wichtiges Instrument der Integrationspolitik (OECD 2011, S. 15), ihr Besitz als notwendige, wenn auch noch keine hinreichende Bedingung für vollständige Integration (Vink 2013, S. 1). Die Tatsache, dass (Spät-)Aussiedler vom Moment ihrer Ankunft an Staatsbürger und somit mit vollen politischen und sozialen Rechten ausgestattet waren, ist trotz der mangelnden Berücksichtigung ihres Falles in der Forschung zu Integration und Staatsbürgerschaft als zentraler Erfolgsfaktor zu nennen.

Aus dem rechtlich abgesicherten Gleichheitspostulat der (Spät-)Aussiedler mit den Einheimischen folgte eine staatliche Integrationspolitik, die das Ziel verfolgte, ihnen möglichst gleiche Lebensbedingungen und -chancen zu bieten. Wie es in einem quasi-offiziellen Leitsatz der Aussiedleraufnahmepolitik hieß, wollten und sollten die Aussiedler „als Deutsche unter Deutschen leben“ (siehe z. B. Ludwig 1978). Dieser Wunsch war mutmaßlich das Migrationsmotiv vieler (Spät-)Aussiedler selbst, die in ihren Herkunftsländern ihre deutsche Identität verbergen mussten bzw. sie nur in einer Minderheitenposition ausleben konnten. Als programmatische Aussage der Aussiedlerpolitik wurde hieraus die Verpflichtung zur Herstellung staatsbürgerlicher Gleichheit in einem umfassenden, nicht nur rechtlichen Sinne.

Die Politik der Aussiedleraufnahme und -integration basierte auf den staatlichen Eingliederungsmaßnahmen für die über zwölf Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs, für die 1953 das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) geschaffen wurde. Dieses Gesetz sah eine Vielzahl von materiellen Eingliederungshilfen vor, die sicherstellen sollten, dass sich die Lebensbedingungen von vertriebenen und nicht-vertriebenen Deutschen möglichst schnell anglichen. Auch die Eingliederung der als „Nachzügler“ der Vertreibung definierten Aussiedler wurde im Rahmen des BVFG vollzogen. Somit existierte von Beginn an eine (relativ) systematische und aktive Politik des Staates für die Integration dieser Neuankömmlinge – anders, als dies im „nicht-Einwanderungsland“ Deutschland für die meisten anderen Migrantenkategorien lange Zeit der Fall war (Panagiotidis 2017b).

Die im Vergleich zu den Nachkriegsvertriebenen besonderen Bedürfnisse der Aussiedler fanden in dieser Politik nach und nach Berücksichtigung. Hier ist insbesondere die Sprachförderung zu nennen. Diese war bei den Vertriebenen noch kein Thema. Im Fall der Aussiedler rückte sie seit Mitte der 1950er-Jahre in Bezug auf die mitgebrachten Jugendlichen in den Mittelpunkt, die bereits in der Nachkriegszeit geboren bzw. aufgewachsen waren und i. d. R. keine Schulbildung in deutscher Sprache genossen hatten (Panagiotidis 2017b). Der Leitgedanke bei der Gewährung von gesondertem Förderunterricht war die Herstellung von Chancengleichheit mit ihren Altersgenossen in der Bundesrepublik (Memorandum 1968). Seit den 1970er-Jahren wurden zunächst zwölfmonatige Sprachkurse auch Teil des Eingliederungspakets für die erwachsenen Aussiedler, welches als zusammenhängendes Konzept erstmals im Jahr 1976 als „Sonderprogramm der Bundesregierung für die Eingliederung der Aussiedler“ formuliert wurde (Fuchs 1978). Dauer und Umfang der angebotenen Sprachkurse variierte im Laufe der folgenden Jahrzehnte; Kürzungen gab es insbesondere zur Zeit des größten Andrangs von Aussiedlern und Spätaussiedlern Anfang und Mitte der 1990er-Jahre (Klekowski von Koppenfels 2002), also zu einem Zeitpunkt, als intensive Sprachförderung angesichts zurückgehender deutscher Sprachkenntnisse unter den Neuankömmlingen am meisten gebraucht worden wäre. Die größeren Integrationsschwierigkeiten der russlanddeutschen Spätaussiedler sind in diesem Zusammenhang zu sehen.

Sprachförderung war also ein zentraler Baustein für das Projekt der Herstellung der Chancengleichheit von Aussiedlern und Bundesdeutschen auf dem Arbeitsmarkt. Das Sonderprogramm, welches 1988 in Anbetracht des erneuten Aussiedlerzustroms neu aufgelegt wurde, enthielt weiterhin eine Reihe von Maßnahmen, die durch Vergünstigungen und Subventionen sowohl die Integration auf dem Arbeitsmarkt wie auch die Verwurzelung im Land durch verstärkten Wohnungsbau und die Gewährung günstiger Kredite für die Schaffung von Wohneigentum förderten. Auch hier gilt die Beobachtung, dass diese Fördermaßnahmen in Anbetracht steigender Zuzugszahlen in den 1990er-Jahren reduziert wurden. Trotzdem verfügen (Spät-)Aussiedler bis heute über mehr Wohneigentum als andere Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland (Worbs et al. 2013, S. 111). Diese gesicherte materielle Existenzgrundlage ist insbesondere im Hinblick auf den generationenübergreifenden Integrationserfolg nicht zu unterschätzen.

Eine weitere wichtige Maßnahme, die den materiellen Erfolg der Aussiedlerintegration begünstigte, war die gesetzlich vollzogene Angleichung ihrer „Sozialstaatsbiografien“ an die übrigen Bundesbürger (Bommes 2012). Diese erfolgte über die Anerkennung ihrer Arbeitsjahre im Ausland für die Rente in der Bundesrepublik Deutschland mittels des 1953 erlassenen Fremdrentengesetzes (FRG). Dessen Effekt zeigt sich heutzutage auch ex negativo in der wachsenden Zahl der von Altersarmut betroffenen Spätaussiedler, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland kamen und aufgrund der 1992 erfolgten Reform des FRG ihre Arbeitsjahre nicht mehr voll anerkannt bekommen. Sie rutschen heute mit größerer Wahrscheinlichkeit in die Grundsicherung, wie der im Vergleich zur Gesamtgruppe der (Spät-)Aussiedler erhöhte Anteil der Sozialhilfeempfänger unter den v. a. nach 1990 immigrierten Russlanddeutschen zeigt (siehe oben, Tab. 2). Hier, wie auch im Falle der übrigen Förder- und Gleichstellungsmaßnahmen, zeigt sich die Relevanz der Integrationsprogramme sowohl in ihren positiven Effekten wie in den negativen Konsequenzen ihrer Reduzierung.

6 Namensänderung und Unauffälligkeit

„Als Deutsche unter Deutschen leben“ bedeutete aber nicht nur, dass (Spät-)Aussiedler in materieller Hinsicht möglichst bald von den Einheimischen nicht mehr zu unterscheiden sein sollten. Dieser Satz implizierte auch einen Anspruch auf die im BAMF-Forschungsbericht positiv konstatierte „Unauffälligkeit“, welche etwa auch für Emilia Smechowskis Eltern ein großes Ziel war. Ein Integrationserfolg gemäß dieser Logik war es, die eigene fremdländische Herkunft erfolgreich verbergen zu können.

Ein Beispiel für eine staatliche Politik, die diese totale Assimilation begünstigen sollte, ist die ungewöhnlich liberale Namensänderungspolitik des deutschen Staates gegenüber den (Spät-)Aussiedlern (Panagiotidis 2015b). Namen sind wichtige Marker von Herkunft und können in verschiedenen Lebenslagen, etwa auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, zu Benachteiligungen führen, wenn sie als fremd identifiziert werden (Gerhards und Kämpfer 2017, S. 304). Insofern kann ein für die Mehrheitsgesellschaft fremder Name als Erfolgshemmnis, ein vertrauter Name als Erfolgsvoraussetzung gesehen werden. Die Anpassung des eigenen Namens an die Gepflogenheiten des Aufnahmelandes ist ein bekanntes Motiv der Einwanderungserfahrungen in den sogenannten ‚klassischen‘ Einwanderungsländern wie den USA, oder auch Ländern mit einem starken assimilatorischen Integrationsparadigma wie Frankreich (Lapierre 1995). In Deutschland ist die Änderung von Vor- und Nachnamen hingegen in der Regel nur bei Vorliegen eines – eng definierten – „wichtigen Grundes“ und gegen Zahlung einer Gebühr möglich. Historisch sollte so die Integration und Assimilation von als fremd konstruierten Menschen, insbesondere Juden, verhindert werden (Bering 1987).

Im Fall der (Spät-)Aussiedler gelten diese restriktiven Grundsätze nicht. Als Deutschen wird ihnen staatlicherseits das Recht zugestanden, ihre Namen einzudeutschen. § 94 BVFG ermöglicht ihnen seit 1993 die Änderung ihres Vornamens per einfacher Erklärung. So wurde z. B. Evgenij zu Eugen, Vladimir zu Waldemar, Natalija zu Nathalie und Małgorzata zu Margarete. Wenn keine solche direkte Übersetzung möglich war, konnte auch ein ganz neuer Name gewählt werden. Seit 2007 können sogar Nachnamen übersetzt werden. Somit erhalten (Spät-)Aussiedler ganz offiziell das Recht, in der – in diesem Kontext ethnisch homogen gedachten – deutschen Gesellschaft ‚unsichtbar‘ zu werden und das (vermeintliche) Stigma eines fremd klingenden Namens zu vermeiden (Panagiotidis 2015b).

Dieses Recht wurde staatlicherseits als Angebot an die (Spät-)Aussiedler verstanden, in den Worten eines Experten für Personenstandsrecht als eine Reaktion auf ihren eigenen „Integrationswillen“ und ihren „Willen, sich von der Vergangenheit im Ausland zu trennen“ (zitiert in Panagiotidis 2015b, S. 866). Und für viele mag dies auch zugetroffen haben, sei es aus Überzeugung, sei es aus pragmatischen Gründen oder einer Kombination aus beiden Motiven. Emilia Smechowski (2017, S. 58) beschreibt in ihrem Buch, wie ihre Eltern ihren polnischen Familiennamen „Śmiechowski“ für den deutschen Bedarf phonetisch zu „Smechowski“ glätteten und obendrein die im Polnischen abweichende weibliche Nachnamensendung -owska zu -owski machten, um deutsche Postboten bei der Zuordnung der Briefe nicht zu überfordern. So wurde aus der Polin Emilka Elżbieta Śmiechowska die Deutsche Emilia Elisabeth Smechowski. (Dass die eigentlich typisch polnische Endung -owski nicht als Fremdheitsmarker gesehen wurde, verweist im Übrigen auf die weit zurückreichende deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte und die erfolgreiche Assimilation polnischstämmiger Migranten in der Vergangenheit.)

Zugleich konnte die Möglichkeit zur Eindeutschung des Namens aber auch als Zwang verstanden werden, selbst wenn dies vom Gesetzgeber nicht so gedacht war. In einem Interview mit dem Autor dieses Beitrags beschrieb eine russlanddeutsche Spätaussiedlerin, wie ihr bei der Registrierung im Durchgangslager signalisiert wurde, dass sie mit ihrem ursprünglichen Namen Svetlana keine „richtige“ Deutsche sei, weswegen sie sich für den neuen Namen Elisabeth entschied (Panagiotidis 2015b, S. 854–855). Ein junger Mann, dessen Name als Kind von Evgenij in Eugen umgewandelt wurde, schilderte in dem Interviewband Mein Name ist Eugen, dass „[m]eine Eltern […] nichts gegen den neuen Namen gesagt [haben]. Da jemand vom Amt sagte, dass es nicht anders geht, dachten die sich wohl, dass es so stimmt“ (Litwinow 2013, S. 72). In solchen Fällen wurde ein latenter Anpassungsdruck über die Registrierungsbeamten an die Spätaussiedler weitergegeben.

Angesichts der real existierenden Diskriminierungen gegen Menschen mit für die Mehrheitsgesellschaft fremd klingenden Namen ist davon auszugehen, dass die Eindeutschungsoption (Spät-)Aussiedlern gewisse Vorteile verschafft hat und mittelfristig eine weitere ‚Unsichtbarkeit‘ in der Gesellschaft gewährleisten wird. Dieser ‚Camouflage‘ sind aber Grenzen gesetzt, wie die von Eugen Litwinow befragten jungen Spätaussiedler Namens Eugen/Evgenij darlegen. So erzählt einer von ihnen, dass er „keinen einzigen, so einen richtig deutschen Eugen [kenne]. Eugen ist für mich ganz klar: Russe“ (Litwinow 2013, S. 68). Andere beschreiben, dass der Name Eugen sowohl für Außenstehende – bspw. türkeistämmige Jugendliche in der Schule (Litwinow 2013, S. 70) – als für die ‚In-Group‘ – bspw. russischstämmige Kolleginnen (Litwinow 2013, S. 71) – eine klare Zuordnung erlaubt. Insofern kann auch ein vermeintlich deutscher, aufgrund von Namensmoden aber ungewöhnlicher Name mit einer besonderen Herkunft assoziiert werden.

7 Kritik des Erfolgsparadigmas

Der Fall der – vermeintlich – erzwungenen Namenskonversionen bietet einen Ansatzpunkt für eine kritische Dekonstruktion der im Kontext der (Spät-)Aussiedlermigration gängigen Erfolgskriterien. „Unauffälligkeit“ oder gar „Unsichtbarkeit“ sind kein Wert an sich. Emilia Smechowski beschreibt in ihrem Buch anschaulich, wie der Anpassungsdruck, den ihre Eltern empfanden, sie zu einer geradezu zwanghaften Verleugnung ihrer Herkunft trieb. Als die kleine Emilia auf ihrer ersten U-Bahnfahrt in Berlin mit ihrer Schwester Polnisch sprach, quittierte dies ihre Mutter mit einem panischen „Psst!“, dem nach dem Aussteigen eine Erklärung folgte: „Mädchen, ab jetzt gilt ein Regel: In Deutschland sprechen wir Deutsch.“ (Smechowski 2017, S. 51). Den resultierenden Sprachverlust erlebten auch die Kinder von Russlanddeutschen, denen ihre Eltern nahelegten, das Russische zu vergessen, um akzentfrei Deutsch zu lernen und so die befürchtete Stigmatisierung als ‚Russen‘ zu vermeiden. „Als Deutsche unter Deutschen leben“ hat somit auch das Potenzial, Differenz zu negieren.

Diese Art von erzwungener sprachlicher Assimilation war ursprünglich durchaus nicht Teil einer staatlichen Assimilationsagenda. In ihrem 1968 verfassten Memorandum zu den Förderschulen für Aussiedlerjugendliche in der Bundesrepublik Deutschland warnte die für die Aussiedlerintegration zuständige Arbeitsgemeinschaft der Landesflüchtlingsverwaltungen vor einer Stigmatisierung und Verdrängung der Herkunftssprachen:

[E]s kann nicht darum gehen, dem Jugendlichen die Sprache, mit der er aufgewachsen ist, zu verleiden. Vielmehr muss umgekehrt sogar darauf geachtet werden, dem Jugendlichen die Möglichkeit zu erhalten oder sogar zu schaffen, sich seiner gewohnten Sprache zu bedienen und darin fortzubilden. Umso größer wird dann seine Unbefangenheit und Bereitschaft sein, sich die notwendigen deutschen Sprachkenntnisse anzueignen. Nichts wäre falscher und für den Erfolg schädlicher als eine deutschtümlerische Proselytenmacherei. (Memorandum 1968, S. 34)

Dieses bemerkenswerte Plädoyer für die Förderung der Bilingualität von Aussiedlern blieb allerdings ohne Folgen für die Integrationspolitik, welche den Akzent auf Förderung der deutschen Sprachkenntnisse legte und keinen herkunftssprachlichen Unterricht anbot, wie er etwa für ‚Gastarbeiterkinder‘ Gang und Gäbe war. Eine partielle Rückbesinnung auf die Herkunftssprachen erfolgt erst jetzt, wo die Generation der jungen (Spät-)Aussiedler der 1980er-und 1990er-Jahre in sogenannten „Samstagsschulen“ versucht, ihren Kindern das Russische in Wort und Schrift nahezubringen (Wallem 2017), oder wie Emilia Smechowski ihr eigenes rudimentäres Polnisch aufbessern, um es dem eigenen Kind wieder vermitteln zu können (Smechowski 2017, S. 194–195). Die Erkenntnis, dass Mehrsprachigkeit ein Vehikel zu Erfolg in Bildung und Beruf sein kann, spielt dabei durchaus auch eine Rolle (Schmitz 2013).

Aber auch an die materiellen Erfolgskriterien kann man kritische Fragen richten. Smechowski (2017, S. 42) beschreibt, wie die erhaltenen Integrationshilfen bei ihren Eltern das Gefühl erzeugten, unbedingt der Gesellschaft etwas zurückgeben und daher noch härter arbeiten zu müssen – ein Ehrgeiz, an dem letztlich die Familie zerbrach. Daraus ist nicht zu folgern, dass diese Hilfen fehl am Platze gewesen seien – der statistische messbare materielle Integrationserfolg der (Spät-)Aussiedler verweist auf ihre Effektivität. Neben dem unzeitgemäßen ethnischen Privileg, das mit diesen Hilfen verbunden war, mag solches ‚Strebermigrantentum‘ aber auch generell als Warnung davor dienen, ein Ideal des ‚Mustermigranten‘ zu entwerfen, bestimmte – ethnisch definierte – Gruppen damit zu assoziieren und so einerseits zu erhöhtem Anpassungsdruck, andererseits zu neuen Grenzziehungen zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Migranten innerhalb der Migrationsgesellschaft beizutragen. Im schlechtesten Fall können solche Grenzziehungen und Hierarchisierungen zu rassistischen und ausländerfeindlichen Haltungen bei Migranten beitragen, deren eigenes Streben in die Mitte einer soziokulturell hierarchisch organisierten Gesellschaft zu Abwehrhaltungen gegen Neuankömmlinge führt (Espahangizi 2017). Die in Zusammenhang mit dem „Fall Lisa“ Anfang des Jahres 2016 erfolgte fremdenfeindliche Mobilisierung unter Russlanddeutschen und die zumindest punktuell erkennbaren Wahlerfolge der Alternative für Deutschland unter dieser Migrantengruppe mögen hier als warnendes Beispiel dienen. Aus dem eigenen Integrationserfolg wird dann ein aus der weiterhin empfundenen Prekarität der eigenen Zugehörigkeit resultierender Rassismus, welcher – offen artikuliert – wiederum als Zeichen mangelnder Integration in eine vermeintlich tolerante und liberale Gesellschaft interpretiert wird.

8 Fazit

Sind die (Spät-)Aussiedler nun also „Strebermigranten“ und ihre Integration eine „Erfolgsgeschichte“? Die in diesem Beitrag analysierten Indikatoren materieller Integration sprechen in vielerlei Hinsicht dafür (siehe oben, Tab. 2). Freilich ist das ‚Strebertum‘ nur eine Komponente dieser Erfolgsgeschichte. Die (Spät-)Aussiedlermigration kann vor allem auch als Testfall dafür gelten, was aktive Integrationspolitik zum Integrationserfolg einer Migrationsgruppe beitragen kann. Unter dem Leitsatz „Als Deutsche unter Deutschen leben“ formulierte diese Integrationspolitik einen radikalen Gleichheitsanspruch zwischen Neuankömmlingen und ‚Einheimischen‘. (Spät-)Aussiedler waren von Anfang an deutsche Staatsbürger, und die Integrationspolitik verfolgte lange Zeit das Ziel, ihre Lebensbedingungen möglichst schnell denen der übrigen deutschen Bevölkerung anzupassen. Dieser Gleichheitsanspruch wurde in den 1990er-Jahren deutlich abgeschwächt und die damit verbundenen Förderungen und Vergünstigen gekürzt. Die sich in diesem Zeitraum verschärfenden Integrationsprobleme und bis heute relativ schlechteren materiellen Integrationswerte der von diesen Kürzungen besonders betroffenen russlanddeutschen Spätaussiedler sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Nichtsdestotrotz stehen die (Spät-)Aussiedler in ihrer Gesamtheit, wie auch die Russlanddeutschen, in der Gesamtschau bei zentralen sozialen Indikatoren besser da, als andere Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. Die staatliche Investition in ihre Integration zahlt sich aus.

Gleichzeitig ist die in dem Satz „Als Deutsche unter Deutschen leben“ enthaltene Negation von Differenz, welche sich in der im Integrationsdiskurs positiv hervorgehobenen „Unauffälligkeit“ der (Spät-)Aussiedler widerspiegelt, kritisch zu sehen. Dies gilt für die als Option konzipierte, aber oft als Zwang empfundene Eindeutschung von Namen wie auch für den aus dem Anpassungsdruck und -willen häufig resultierenden Sprachverlust der zweiten Generation. Beides kann man unter einem assimilatorischen Integrationsparadigma als ‚Erfolg‘ betrachten; gerade das Verlernen der mitgebrachten Sprachen wird aber zunehmend von den Betroffenen als Verlust empfunden. „Hat am Ende gewonnen, wer als Migrant nicht mehr erkennbar ist?“ fragt Emilia Smechowski (2017, S. 97) in Wir Strebermigranten. In einer pluralistischen Migrationsgesellschaft sollte die Antwort eigentlich nein heißen.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität OsnabrückOsnabrückDeutschland

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