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Zwischen Fallibilismus und Dogmatismus

Kritischer Rationalismus und die Wissenschaftlichkeit der Theologie
  • Armin KreinerEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Geisteswissenschaften book series (SPREFGEIST)

Zusammenfassung

Ob Theologie auf wissenschaftliche Weise betrieben werden kann, hängt vom jeweiligen Verständnis von Wissenschaft ab. Weitgehend wird heute davon ausgegangen, dass Wissenschaft auf der Basis eines methodologischen Naturalismus zu betreiben ist. Demzufolge wäre Theologie per definitionem keine Wissenschaft. Dem wissenschaftstheoretischen Regelwerk des Kritischen Rationalismus scheinen zwar keine naturalistischen Annahmen zugrunde zu liegen. Trotzdem bleibt der Wissenschaftscharakter der Theologie auch im Rahmen dieses Regelwerks fraglich.

Schlüsselwörter

Wissenschaftstheorie Theologie Fallibilismus Religionswissenschaft Kritizismus 

Einleitung

Die Frage, ob christliche Theologie mit einigem Recht für sich in Anspruch nehmen kann, eine Wissenschaft zu sein, wird zusehends von der Frage überlagert, ob sie dies eigentlich sein will und soll. Eine Wissenschaft wie jede andere scheint die Theologie jedenfalls nicht zu sein, und sie war dies auch zu keinem Zeitpunkt. Daran konnten auch die immer wieder von neuem unternommenen Versuche, ihren Wissenschaftsstatus unter Beweis zu stellen, wenig ändern. Irgendetwas an der Theologie ist anders, wenn auch nicht ganz klar ist, was nun genau anders ist. Als die ersten Universitäten im Hochmittelalter gegründet wurden, stand die Theologie im Rang und Ansehen über allen anderen Wissenschaften; inzwischen wird sie an Universitäten, an denen sie hierzulande aufgrund staatskirchenrechtlicher Vereinbarungen präsent ist, wohl mehrheitlich eher geduldet als geschätzt1. Für die Frage nach ihrer Wissenschaftlichkeit gibt die bloße Tatsache ihrer universitären Präsenz aber ohnehin nichts her, denn bekanntlich muss nicht überall, wo „Wissenschaft“ draufsteht, auch Wissenschaft drin sein. Letztlich geht es weder um das Etikett „Wissenschaft“ noch um die institutionelle Verankerung an staatlichen Hochschulen, sondern um das, was Wissenschaftlichkeit konstituiert. Dies wiederum hat etwas mit der weiter gefassten Frage nach dem Verständnis von Rationalität und dem Verhältnis von Glaube und Vernunft zu tun, die sich auch unabhängig von den historischen Zufälligkeiten der jeweiligen Beziehung von Kirche und Staat stellt.

Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis

Was Wissenschaftlichkeit ausmacht, ist Gegenstand der Wissenschaftstheorie, also einer philosophischen Disziplin, die als solche von praktizierenden Wissenschaftlern üblicherweise nicht allzu ernst genommen wird. Warum auch sollten sich Mathematiker, Physiker, Chemiker oder Biologen, deren Wissenschaftsstatus über jeden Zweifel erhaben ist, ausgerechnet von Philosophen vorschreiben lassen, wie sie ihre Wissenschaft zu betreiben haben? Die naheliegende Antwort auf diese Frage lautet: Sobald sich Wissenschaftler über die erkenntnistheoretischen, methodologischen oder anderweitigen Voraussetzungen ihres Tuns Gedanken machen, betreiben sie nolens volens Philosophie, ob das nun so genannt wird oder nicht. In diesem Sinn führt vielleicht ein Weg an Philosophen vorbei, aber kein Weg an der Philosophie. Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Theologie.

Im wissenschaftstheoretischen Diskurs steht die Beschaffenheit jenes Regelwerks zur Debatte, das wissenschaftliche Erkenntnis idealerweise auszeichnet und von anderen Wegen der Wahrheitssuche unterscheidet. Die Wissenschaftstheorie steht in einem ähnlichen Verhältnis zur Wissenschaftsgeschichte und –praxis wie die normative Ethik zum faktischen Verhalten von Menschen. Die jeweiligen Spielregeln bzw. Normen beschreiben einerseits nicht die tatsächliche Praxis, sondern Idealvorstellungen derselben. Aus diesem Grund lässt sich ein wissenschaftstheoretisches Regelwerk auch nicht einfach durch den historischen oder empirischen Hinweis desavouieren, dass sich nicht alle oder nur wenige Wissenschaftler immer daran halten. Die Tatsache, dass Menschen häufig bewusst die Unwahrheit sagen, spricht auch nicht gegen die Verbindlichkeit und Richtigkeit der moralischen Norm, bei der Wahrheit zu bleiben. Andererseits sollten Theorie und Praxis auch nicht allzu weit auseinanderdriften, denn ansonsten erweckt ein Regelwerk den Verdacht, ein bloßes Konstrukt oder reines Hirngespinst zu sein. Unrealistische Spielregeln, an die sich niemand hält oder halten kann, erweisen sich als ähnlich kontraproduktiv wie überzogene moralische Normen, die aus welchen Gründen auch immer de facto nicht einzuhalten sind. In beiden Fällen erweist die „Theorie“ der Praxis keinen guten Dienst, sondern macht sich selbst lächerlich.

Dem Kritischen Rationalismus liegt ursprünglich der Entwurf eines wissenschaftstheoretischen Regelwerks zugrunde, obwohl er weit mehr als das ist, nämlich – wie Hans Albert behauptet hat – ein „Entwurf einer Lebensweise, einer sozialen Praxis“, die „ethische und darüber hinaus politische Bedeutung“ besitzt (Albert 1991, S. 49). Entstanden ist dieser Entwurf aus dem Versuch, Wissenschaft von Pseudowissenschaft abzugrenzen. Poppers Abgrenzungsvorschlag besteht aus einer tief greifenden Kritik am bis dato geltenden Regelwerk, das auf induktionsbasierter Verifizierbarkeit beruht, und aus dem Vorschlag einer falsifikationistischen Alternative. Im Folgenden werden nicht die Argumente für und wider das kritizistische Regelwerk diskutiert. Stattdessen wird es in seinen Grundzügen vorausgesetzt, um auf dieser Basis der Frage nachzugehen, ob und inwiefern Theologie im Sinne oder Geiste dieses Regelwerks eine Wissenschaft sein bzw. auf wissenschaftliche Weise betrieben werden kann.

Die wichtigste, wenn auch triviale Antwort auf die Frage, ob „Wissenschaft“ in der Theologie wirklich drin ist oder nur draufsteht, lautet: „It depends“. Maßgeblich hängt die Antwort von den jeweils vorausgesetzten Spielregeln ab. Unabhängig davon ergibt die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von was auch immer keinen Sinn. Da jedes wissenschaftstheoretische Regelwerk ein mehr oder weniger komplexes Konstrukt ist, könnte die abschließende Antwort auch „teils … teils“ oder „mehr oder weniger“ lauten. Für den Fall, dass die Antwort „Nein“ lautet, wäre es immer noch denkbar, dass sich ein anderes Regelwerk findet2, demzufolge Theologie durchaus als Wissenschaft bezeichnet werden kann.

Theologie als Rede von Gott

Als prekär erweist sich die Frage, was genau unter „Theologie“ zu verstehen ist. Üblicherweise wird damit die Rede bzw. das Nachdenken über Gott bezeichnet. Nun ist von Gott unter ganz verschiedenen Voraussetzungen und aus völlig unterschiedlichen Perspektiven die Rede. Genuin theologisches Reden von Gott unterscheidet sich von anderen wie z. B. religionsphilosophischen oder –wissenschaftlichen Weisen, von Gott zu reden, dadurch, dass es in einer geschichtlich gewordenen religiösen Tradition steht, die sich auf eine göttliche Offenbarung beruft. Was es damit auf sich hat, wird unterschiedlich interpretiert. Entscheidend ist, dass die jeweilige Rede von Gott nicht, genauer gesagt, nicht ausschließlich als „menschengemacht“ betrachtet wird. Theologische Rede verdankt sich letztlich göttlicher Initiative, also einer Mitteilung, einer Manifestation oder einem Selbsterweis Gottes. Religionsgeschichtlich sind mehrere solcher Offenbarungen bezeugt, die in heiligen Schriften ihren literarischen Niederschlag finden. Aus diesem Grund gibt es außer christlicher auch jüdische, islamische oder hinduistische Theologie. Inwiefern es auch sinnvoll ist, von einer „buddhistischen Theologie“ zu sprechen, ist dagegen umstritten3 und hängt unter anderem davon ab, ob der theistische Gottesbegriff durch allgemeinere Begriffe wie das Göttliche, Transzendente, Absolute, Heilige oder ähnliches ersetzt wird. Unabhängig davon unterscheidet sich ein spezifisch theologischer Zugang zum Forschungsgegenstand dadurch von allen anderen, dass er aus der Binnenperspektive einer bestimmten religiösen Tradition erfolgt. Aus diesem Grund wird Theologie auch als Glaubenswissenschaft bezeichnet, wobei „Glaube“ – verstanden im Sinne einer bestimmten religiösen Tradition – nicht nur den Gegenstand, sondern auch die Voraussetzung bzw. den Standpunkt wissenschaftlicher Reflexion umschreibt.

Welchen Stellenwert die jeweilige Tradition einnimmt, wie und von wem deren normative Texte verbindlich auszulegen sind, ist jeweils umstritten. Dies ist mit ein Grund, warum es innerhalb aller religiösen Traditionen heterogene Richtungen, Schulen oder Denominationen gibt und warum auch christliche Theologie konfessionell bzw. kirchlich geprägt und gebunden ist. Wenn von christlicher Theologie die Rede ist, sind damit mehrere voneinander unabhängige Theologien gemeint, die sich zwar selbst allesamt als christlich verstehen, in wichtigen Punkten aber gegenläufige Überzeugungen und Standpunkte vertreten.

Ursprünglich standen die christlichen Konfessionen einander ablehnend bis feindlich gegenüber und bestritten die Christlichkeit der anderen, die in ihren Augen keine wahren Christen, sondern Häretiker oder Blasphemiker waren4. Dem Erscheinungsbild der Christenheit wurde durch die innere Zerstrittenheit ein immenser und nachhaltiger Schaden zugefügt. Seit dem 19. Jahrhundert zeichnet sich in immer mehr Kirchen eine Trendwende ab, in deren Verlauf damit begonnen wurde, sich mehr auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen und die ehemals kirchentrennenden Konflikte neu zu bewerten. Dies führte zur Entstehung einer sog. ökumenischen Theologie, die allerdings immer noch konfessionell geprägt bleibt. Die konfessionelle Vielfalt macht es schwierig, die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Theologie einigermaßen griffig zu formulieren, weil sich etwa katholische Theologie von evangelischer oder orthodoxer unterscheidet und darüber hinaus auch innerhalb der Konfessionen verschiedene Auffassungen miteinander konkurrieren, wie Theologie lege artis zu betreiben ist. Darüber besteht heute weniger Konsens denn je. Im Folgenden werden die damit zusammenhängenden Probleme zu umgehen versucht, indem in einem generischen Sinn von christlicher Theologie die Rede ist, d. h. unter Konzentration auf grundlegende Gemeinsamkeiten und weitgehender Ausklammerung konfessioneller Besonderheiten. Ungeachtet aller innerchristlichen Differenzen wird der Wissenschaftsstatus der Theologie gegenwärtig durch eine Reihe von Einwänden infrage gestellt oder kategorisch abgelehnt. Einige dieser Einwände werden vorgestellt und im Kontext des kritizistischen Regelwerks diskutiert.

Kritischer Rationalismus und methodologischer Naturalismus

Die Tatsache, dass Theologie traditions- und konfessionsübergreifend als Rede von Gott verstanden wird, liefert den grundlegendsten und gegenwärtig geläufigsten Einwand gegen ihren Wissenschaftsstatus. Dieser Einwand basiert auf dem Grundsatz des sog. methodologischen Naturalismus, wonach in wissenschaftlichen Erklärungen übernatürliche Entitäten jedweder Art ausgeschlossen bleiben. Lapidar hat der Physiker Leonard Susskind behauptet, der ganze Witz der Wissenschaft bestehe darin, derartige Erklärungen zu vermeiden5. Würden in wissenschaftlichen Theorien ausschließlich natürliche Entitäten zugelassen, wäre Theologie als Rede von Gott per definitionem keine Wissenschaft. Die Diskussion aller anderen Einwände würde sich somit erübrigen. Wäre der methodologische Naturalismus ein integraler Bestandteil des kritizistischen Regelwerks, so wäre damit auch entschieden, dass Theologie im Sinne des Kritischen Rationalismus keine Wissenschaft sein kann. Klärungsbedürftig ist daher zunächst, ob Kritizismus und Naturalismus zwangsläufig miteinander verknüpft sind.

Nach Poppers Abgrenzungsvorschlag unterscheiden sich wissenschaftliche Theorien dadurch von anderen – etwa metaphysischen – Theorien, dass sie empirisch falsifizierbar sein müssen. Eine der wichtigsten Spielregeln lautet: „Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.“ (Popper 1984, S. 15). Das klingt zunächst nach einer primär epistemologisch motivierten, nicht nach einer ontologisch fundierten Maxime. Prima facie geht es nicht um die Beschaffenheit der in einer Wissenschaft zugelassenen oder ausgeschlossenen Entitäten, sondern um die empirische Falsifizierbarkeit einer Theorie. Im Unterschied zum methodologischen Naturalismus werden supranaturalistische Entitäten dadurch nicht kategorisch ausgeschlossen, jedenfalls nicht expressis verbis.

Dies wäre allerdings der Fall, wenn Theorien, die übernatürliche Entitäten postulieren, empirisch nicht falsifizierbar wären. Unter dieser Voraussetzung könnte es sich dabei nicht um wissenschaftliche, sondern allenfalls um metaphysische Theorien handeln. Im Gegensatz zum logischen Empirismus betrachtet der Kritische Rationalismus metaphysische Theorien bekanntlich nicht als sinnlos, sondern eben „nur“ als nicht wissenschaftlich6. Metaphysische Theorien können durchaus einen Erklärungswert besitzen, auch wenn sie empirisch nicht falsifizierbar und damit per definitionem nicht wissenschaftlich sind. Demzufolge wäre Theologie dann zwar keine Wissenschaft, sondern bestenfalls eine Art Metaphysik, was im Kontext des Kritischen Rationalismus aber kein „Todesurteil“ bedeutet.

Das Abgrenzungskriterium aufgrund empirischer Falsifizierbarkeit lässt sich unterschiedlich streng handhaben, so dass die Trennlinie zwischen Wissenschaft und Metaphysik unter Umständen nicht mehr eindeutig und einvernehmlich gezogen werden kann. Für eine weniger strenge bzw. moderate Handhabung spricht die Komplexität der Zusammenhänge zwischen Theorien und Beobachtungen. Ein solcher Zusammenhang kann mittels aus einer Theorie logisch deduzierbarer und empirisch reproduzierbarer Beobachtungen, also durch experimentell überprüfbare Basisaussagen, hergestellt werden. In diesem Fall steht die Wissenschaftlichkeit der betreffenden Theorie außer Frage. Für einige Theorien könnte ein empirischer Bezug aber noch gar nicht entdeckt worden sein, aber auch nicht von vornherein ausgeschlossen werden, wie z. B. für Stringtheorien oder Multiversumstheorien. Für andere könnten die empirischen Indizien historischer Natur und damit nicht beliebig reproduzierbar sein, wie z. B. für Aspekte von Darwins Theorie der Entstehung der Arten. Entscheidend dürfte sein, dass aus einer Theorie früher oder später Implikationen ableitbar sind, die einen wie auch immer gearteten empirischen Bezug aufweisen. Nach der moderaten Handhabung des Abgrenzungskriteriums würde es sich dabei um respektable wissenschaftliche Theorien handeln, von denen einige dem verbreiteten Sprachgebrauch nach vielleicht als eher spekulativ einzuschätzen sind, weil sie empirisch noch nicht oder nicht eindeutig entscheidbar sind. Nicht selten handelt es sich dabei um die aktuell jeweils interessantesten und spannendsten Theorien innerhalb einer Wissenschaft. Allein schon aus diesem Grund sollten sie nicht vorschnell naserümpfend als unwissenschaftlich abgetan werden, wie empiristische Puristen dies gerne tun.

Für die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Theologie ergibt sich daraus folgende Zwischenbilanz: Der Rede von Gott kann nicht schon deshalb Wissenschaftlichkeit abgesprochen werden, weil darin übernatürliche Entitäten eine Rolle spielen. Nicht die Beschaffenheit der Entitäten, die eine Theorie postuliert, ist ausschlaggebend, sondern die Frage, ob sie an der Erfahrung scheitern kann. Der Kritische Rationalismus macht die Wissenschaftlichkeit einer Theorie nicht a priori an einer naturalistischen oder gar physikalistischen Ontologie fest. Poppers Drei-Welten-Theorie lässt sich als Beleg interpretieren, dass der Kritizismus keineswegs auf eine naturalistische Ontologie festgelegt ist. Mit einem physikalistischen Naturalismus, wonach nur Entitäten der Welt 1 existieren, ist diese Theorie sogar definitiv unvereinbar. Die Beschaffenheit der zugelassenen Entitäten orientiert sich primär an deren Erklärungswert, nicht an einer a priori festgelegten Ontologie.

Dadurch sollen nicht die exorbitanten Erfolge einer auf der Grundlage des methodologischen Naturalismus operierenden Wissenschaft geschmälert werden. In erster Linie geht es darum, Vorkehrungen zu treffen, dass aus einem bewährten methodologischen Grundsatz bzw. einer erfolgreichen „Festsetzung“ nicht unter der Hand ein ontologisches Dogma wird7. Mit dem Kritizismus unvereinbar ist in erster Linie nicht eine bestimmte Ontologie, sondern der Dogmatismus. Ob der anhaltende Erfolg des methodologischen Naturalismus für einen ontologischen Naturalismus spricht und damit eine atheistische Position nahelegt, steht auf einem anderen Blatt und hängt unter vielem anderen von den Aussichten ab, einen theistischen Naturalismus auszuformulieren8.

Theologie im Wechselspiel von Versuch und Irrtum

Die Frage, ob die theologische Rede von Gott an der Erfahrung scheitern kann, lässt sich im Blick auf deren Geschichte nicht verneinen. Zahlreiche traditionelle Aussagen über Gott wurden im Laufe der Zeit von christlichen Autoren als widerlegt betrachtet, korrigiert und durch alternative Deutungen ersetzt. Nicht immer, aber häufig bestand der Grund für die Korrektur in der Unvereinbarkeit der betreffenden Aussagen mit dem jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand, also mit Erkenntnissen, die einen empirischen Bezug haben. Dass diese Korrekturen in der Regel nicht als Widerlegungen oder Falsifikationen bezeichnet wurden, dass sie bisweilen nur zögerlich oder widerstrebend und so gut wie nie einmütig vorgenommen wurden, ändert nichts daran, dass die christliche Theologie aufs Ganze gesehen Irrwege und Irrtümer ein- und ausgeräumt hat, und zwar vielfach unter dem Druck widerspenstiger Erfahrungen. Wenn die Grundvoraussetzung für die Wissenschaftlichkeit eines Aussagensystems darin besteht, dass es „an der Erfahrung scheitern können“ muss, wird diese von der biblisch-christlichen Rede von Gott allem Anschein nach erfüllt. Ein nicht unbeachtlicher Teil der äußerst bewegten Geschichte christlichen Redens von Gott lässt sich zwanglos nach den Grundsätzen von trial and error rekonstruieren.

Beispiele für derartige Selbstkorrekturen finden sich in der Theologiegeschichte zuhauf:
  • Die Anwendung der historisch-kritischen Methode hat die Sichtweise und Interpretation der biblischen Texte grundlegend verändert. Ein wichtiger Meilenstein in diesem Prozess war der Siegeszug des Kopernikanismus.

  • Die christliche Schöpfungslehre wandelte sich permanent in der Auseinandersetzung mit den jeweils gängigen Weltbildern. Von Ausnahmen abgesehen wurde die traditionelle Lehre von der Artkonstanz unter dem Druck des Darwinismus aufgegeben. Schöpfung und Evolution werden nicht mehr als Gegensätze betrachtet.

  • Die christliche Theologie hat sich vom biblischen Geozentrismus gelöst, sie steht im Begriff, ihren traditionellen Anthropozentrismus zu überwinden, und in Ansätzen wird auch der klassische Christozentrismus modifiziert oder revidiert.

  • Unter Berufung auf die neurowissenschaftliche Forschung sind christliche Theologen nicht mehr durch die Bank Leib-Seele-Dualisten, sondern vielfach Emergentisten. Einige bezeichnen sich sogar als „christliche Materialisten“, was bis vor kurzem als Contradictio in Adjecto gegolten hätte.

  • Christliche Gottesvorstellungen decken ein breites Spektrum von Positionen ab, das vom eher traditionellen Theismus über den Deismus bis hin zum Pantheismus und Panentheismus reicht und in einigen Fällen vom Atheismus kaum mehr zu unterscheiden ist. In der Debatte um das adäquate Gottesverständnis spielt die Kohärenz mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild nicht die einzige, wohl aber eine wichtige Rolle.

Die mit diesen Veränderungen einhergehenden Kontroversen werden teilweise sachlich und argumentativ ausgetragen, teilweise jedoch auf eine beschämend aggressive und polemische Weise, unterm Strich aber unter Verzicht auf die in vergangenen Jahrhunderten üblichen Mittel von Verfolgungen, Folterungen, Kerkerstrafen und Hinrichtungen. Aufs Ganze gesehen hat sich das Erscheinungsbild des Christentums so gravierend verändert, dass vergangene Generationen vermutlich größte Probleme hätten, ihren Glauben in weiten Teilen der gegenwärtigen Christenheit wiederzuerkennen, und umgekehrt eine Vielzahl von heute lebenden Christen den Glauben eines Großteils ihrer Vorfahren mit äußerstem Befremden wahrnehmen würden. Dieser Wandel manifestiert sich auf unterschiedlichen Ebenen und hat demzufolge auch ganz verschiedene Ursachen. Sofern akademische Theologie davon betroffen ist und dabei ein Rolle spielt, hat dies maßgeblich damit zu tun, dass traditionelle Überzeugungen modifiziert und revidiert wurden, weil sie der Erfahrung nicht standhielten.

Trotzdem hält sich bei Christentums- und Religionskritikern hartnäckig der Eindruck, religiöser Glaube zeichne sich durch ein engstirniges Festhalten an Überzeugungen und durch eine Immunität gegen jede Form von Kritik und Wandel aus. Fanatismus und Dogmatismus seien die Erkennungszeichen religiöser Gemüter, denen durch keine empirischen oder anderweitigen Argumente beizukommen sei, so als wäre der Fundamentalismus die wahre und eigentliche Form der Religion. Dieser Eindruck ist zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen. Aufs Ganze gesehen dürfte es sich jedoch um ein Vorurteil handeln.

Kritizismus und Fallibilismus

Auch wenn der theologischen Rede von Gott zugutezuhalten ist, dass sie grundsätzlich an der Erfahrung scheitern kann und tatsächlich auch mehrfach gescheitert ist, stellt sich die Frage, wie weit ein solches Scheitern gehen kann und darf. Poppers Abgrenzungsvorschlag geht von der fallibilistischen Annahme aus, dass wissenschaftliche Theorien nicht verifizierbar, sondern nur falsifizierbar sind. Die zukünftige Falsifikation einer bis dato erfolgreichen Theorie lässt sich zu keinem Zeitpunkt definitiv ausschließen, denn dies würde voraussetzen, dass sich voraussehen lässt, welche Erfahrungsdaten zukünftig verfügbar sein werden, was bekanntlich unmöglich ist. Aus diesem Grund sind wissenschaftliche Theorien bestenfalls als mehr oder weniger gut bestätigte Hypothesen zu betrachten, nicht als über jeden Zweifel erhabene Wahrheiten. Die Geschichte der Wissenschaft besteht demzufolge auch nicht in einer kontinuierlichen Anhäufung gesicherter Wahrheiten, sondern im Ausmerzen von Irrtümern. Nicholas Rescher hat die fallibilistische Position folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „In der Wissenschaft ergänzen neue Erkenntnisse nicht einfach das jeweils vorhandene Wissen, sondern werfen es üblicherweise über den Haufen. Wir müssen mit der Tatsache zurande kommen (…), dass jede unserer Überzeugungen sich als falsch erweisen könnte und dass viele davon sich als falsch erweisen werden“ (Rescher 1984, S. 83).

Der Kritische Rationalismus setzt nicht nur voraus, dass wissenschaftliche Theorien scheitern können, er erwartet von Wissenschaftlern idealerweise auch die Bereitschaft, die eigenen Theorien dem Scheitern auszusetzen, d. h. sie immer wieder kritisch zu überprüfen. Solange eine Hypothese alle Tests bestanden hat, kann sie als mehr oder weniger gut bestätigt betrachtet werden. Keine Hypothese kann allerdings als sakrosankt im Sinne von unhinterfragbar oder unbezweifelbar vorausgesetzt werden. Weil sich Irrtümer niemals ausschließen lassen, ist Wissenschaft ein prinzipiell ergebnisoffenes und unabschließbares Projekt. „Das Spiel Wissenschaft hat grundsätzlich kein Ende: wer eines Tages beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, sondern sie als endgültig verifiziert zu betrachten, der tritt aus dem Spiel aus“ (Popper 1984, S. 26). Dem Geist des Kritizismus widerspricht deshalb nichts so sehr wie der Dogmatismus, d. h. das unbeirrbare Festhalten an bestimmten Theorien oder Überzeugungen.

Hans Alberts Theologiekritik

Ein gewisser dogmatistischer Rest scheint nun aber für die genuin theologische Rede von Gott konstitutiv zu sein. Hans Albert hat eingeräumt, dass Theologen teilweise durchaus kritisch bzw. wissenschaftlich verfahren, dass sie aber gleichzeitig einen Kernbestand an Überzeugungen gegen jede Kritik abschirmen. Wenn sie im Sinne des Kritizismus überhaupt wissenschaftlich verfahren, dann tun sie dies also nur innerhalb bestimmter Grenzen. Derartige Grenzen sind für die Theologie konstitutiv und hängen mit ihrer Konfessionalität bzw. Kirchlichkeit zusammen. Aus kritizistischer Warte spielt es keine Rolle, wo genau die Grenzen gezogen werden und auf welche Instanzen zu Begründungszwecken rekurriert wird: die Irrtumsfreiheit der Heiligen Schrift, die Verbindlichkeit der altkirchlichen Dogmen, die Festsetzungen von Konzilien oder Bekenntnisschriften, die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramts oder eine Mischung aus mehreren solchen Instanzen. Von nachgeordneter Bedeutung ist auch die Tatsache, wie eng die Grenzziehung jeweils gehandhabt wird. Ausschlaggebend ist, dass der Kritik überhaupt Grenzen gezogen werden. Aus kritizistischer Warte handelt es sich dabei um einen „Geburtsfehler“ der Theologie, weil diese definitionsgemäß aus der Binnenperspektive einer religiösen Tradition betrieben wird, und zwangsläufig aufhört, Theologie zu sein, sobald dieser Standpunkt verlassen oder aufgegeben wird.

Albert hat verschiedene theologische Versuche, eine solche Grenzziehung zu rechtfertigen, als Immunisierungsstrategien bezeichnet und scharf kritisiert. Darin werde deutlich, dass Theologie wenn überhaupt, dann nur halbherzig auf wissenschaftliche oder rationale Weise betrieben wird. Letztlich sei ein solches Verfahren, bei dem die Grenzen der Kritik a priori festgelegt werden, mit dem kritizistischen Verständnis von Wissenschaft unvereinbar. Der „Glanz“ zumindest eines Teils der theologischen Tradition, in dem durchaus kritisch verfahren wurde, wird letztlich von dem „Elend“ überschattet, das aus einem Verharren im Dogmatismus resultiert. Aufs Ganze gesehen gehe es in der Theologie bestenfalls pseudokritisch zu. Daran ändern auch die innerkirchlichen Kontroversen zwischen konservativen und liberalen Theologen nichts. Albert zufolge geht es dabei nur darum, „an welchem Punkt man die kritische Methode über Bord werfen sollte, nicht darum, ob man das sollte“ (Albert 1991, S. 152). Folglich fällt Alberts abschließendes Urteil über die Wissenschaftlichkeit der Theologie negativ, geradezu vernichtend aus:

„Die theologischen Fakultäten sind trotz interner Spannungen, die sie mit ihren Kirchen zu haben scheinen ... in wirklich theologischen Fragen – nicht unbedingt auch in Fragen der Kirchengeschichte usw. – nichts anderes als institutionelle Residuen des apologetischen und dogmatischen Denkens im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Sie erwecken durch ihre Existenz an den Universitäten den Eindruck, dass die Theologie als solche prinzipiell eine Wissenschaft wie alle anderen ist, obwohl die mehr oder weniger starke kirchliche Bindung ihrer Mitglieder ihnen gerade oft die konsequente Anwendung der Methode kritischer Prüfung auf diejenigen Fragen nicht erlaubt, die als besonders wichtig gelten. Sie sind in dieser Hinsicht teilweise Stätten der Ausarbeitung, Verfeinerung und ‚wissenschaftlichen‘ Abstützung von Ideologien (...)“ (Albert 1991, S. 152)

Alberts Verdikt hat nicht den Verlauf der christlichen Theologiegeschichte im Blick, sondern den Zustand der theologischen Fakultäten an den deutschen Universitäten in den 1960er-Jahren, als die Debatte um Bultmanns Entmythologisierungsprogramm die Gemüter erhitzte. Die theologischen Reizthemen haben sich mittlerweile mehrfach geändert, die institutionellen Rahmenbedingungen und damit auch die grundsätzliche Relevanz von Alberts Kritik blieben aber im Wesentlichen unverändert. Das Bundesverfassungsgericht hat den wissenschaftstheoretischen Sonderstatus universitärer Theologie juristisch bestätigt und festgestellt, dass die „Wissenschaftsfreiheit von Hochschullehrern der Theologie (…) ihre Grenzen am Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“9 findet. Dazu gehört auch das Recht, die Grenzen der Kritik zu ziehen.

Zu fragen bleibt, was darauf zu entgegnen ist, wenn man erstens die kritizistischen Spielregeln zu akzeptieren bereit ist und zweitens die Wissenschaftlichkeit der Theologie hochhalten will. Prinzipiell dürften zu diesem Zweck zwei Optionen offen stehen: Die erste Option besteht in dem Versuch aufzuzeigen, dass der Kritische Rationalismus ohne einen gewissen Restbestand an Dogmatismus nicht auskommt und dass infolgedessen auch die Theologie einen solchen legitimerweise für sich in Anspruch nehmen darf, ohne deshalb der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt zu werden. In diesem Fall würde man also theologischerseits versuchen, den Kritischen Rationalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Falls dieser Versuch misslingt, bliebe als zweite Option wohl nur eine grundlegende Reform der rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen offen.

Der dogmatistische Kern des Rationalismus?

Mit der Bezeichnung der Theologie als „Glaubenswissenschaft“ ist gemeint, dass der Glaube – genauer gesagt: eine bestimmte konfessionelle Ausprägung desselben – nicht nur den Gegenstand (Materialobjekt) theologischer Reflexion darstellt, sondern auch zu deren Voraussetzungen (Formalobjekt) zählt. Wer diese Voraussetzungen nicht zu teilen bereit ist, könne daher nicht Theologie im Sinne einer Glaubenswissenschaft betreiben. Die Festsetzung dessen, was zum unverhandelbaren Bestand einer Glaubenstradition gehöre, obliege kirchlichen Instanzen, die ein konstitutives Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, theologische Fakultäten zu kontrollieren. Als Glaubenswissenschaft könne Theologie weder voraussetzungslos noch ergebnisoffen sein. Sie setze die Glaubensentscheidung derjenigen voraus, die Theologie lehren und sich damit zu einer Tradition bekennen, deren Essentials jeder Kritik entzogen bleiben. Während der Kritizismus empfiehlt, das zu „glauben, was eine gewissenhafte kritische Diskussion überlebt“ (Musgrave 2002, S. 42), beginnt und endet Theologie mit dem Appell, das zu glauben, was eine religiöse Tradition vorschreibt. Demzufolge könne beispielsweise jemand, der die Unfehlbarkeit des Papstes bezweifelt, nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, katholische Theologie zu betreiben. Wer die Auferweckung Jesu leugne, könne nicht mehr als evangelischer Theologe gelten10. Wer die Göttlichkeit Jesu Christi in Abrede stelle, könne nicht mehr als christlicher Theologe gelten. Und wer schließlich die Existenz Gottes leugne, könne überhaupt keine Theologie mehr betreiben – und zwar ungeachtet aller jeweils vorgebrachten Argumente und vorliegenden Evidenzen.

Das scheint nun eine durch nichts schönzuredende Form des Dogmatismus und daher mit dem Kritizismus unvereinbar zu sein – es sei denn, die Berufung auf vergleichbare Glaubensentscheidungen erwiese sich als unvermeidbar. In diesem Fall könnte man sich theologischerseits darauf berufen, dass andere ähnlich verfahren und dass die Theologie diesbezüglich keine Ausnahme darstellt. William Bartley hat diese Strategie als Version des Tu-quoque-Arguments bezeichnet und kritisiert11. Die formale Struktur dieses Arguments lautet in etwa folgendermaßen: (1) Wissenschaftliche Rationalität setzt die Akzeptanz bestimmter unbegründbarer und unhinterfragbarer Prämissen voraus, also die irrationale Entscheidung für bzw. das commitment zu bestimmten Überzeugungen. (2) Aus diesem Grund ist auch der Christ bzw. Theologe dazu berechtigt, solche Grundentscheidungen zu treffen. (3) Da diese unvermeidbar sind, hat niemand ein Recht, Christen aufgrund ihrer Entscheidung zu kritisieren12.

Popper hat der These Vorschub geleistet, dass derartige irrationale bzw. irreversible Entscheidungen unausweichlich sind. Seines Erachtens lässt sich die Wahl zwischen Rationalismus und Irrationalismus nicht nochmals rational zugunsten des Rationalismus entscheiden. Vielmehr beruhe „die rationalistische Einstellung auf einem irrationalen Entschluss“ (Popper 1980, S. 285). Wenn nun der Kritische Rationalismus auf einem „irrationalen Glauben an die Vernunft“ (Popper 1980, S. 284) beruht, und damit auf einer Entscheidung bzw. einem commitment, scheinen auch andere rational nicht begründbare Entscheidungen, wie diejenige für ein bestimmtes religiöses Bekenntnis, legitim zu sein. Das Tu-quoque-Argument erhält quasi den Segen von allerhöchster Stelle, sodass sich möglicherweise auch rechtfertigen ließe, dass die Freiheit der Theologie am „Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ endet, ohne dadurch ihrer Wissenschaftlichkeit einen entscheidenden Abbruch zu tun.

Ob Poppers Rede vom „irrationalen Glauben an die Vernunft“ tatsächlich als Eingeständnis der Unvermeidbarkeit eines „Restdogmatismus“ zu interpretieren ist, wird kontrovers diskutiert. Entscheidend ist, dass es in diesem Zusammenhang um methodologische Spielregeln, nicht um wahrheitsfähige Theorien oder Hypothesen geht. Genauer gesagt geht es darum, dass eine deduktive Begründung der kritizistischen Spielregeln im Sinne des klassischen Rationalismus nicht möglich ist. Andernfalls wäre der Kritizismus in sich widersprüchlich, weil er für sich etwas in Anspruch nähme, was er in seiner Kritik des klassischen Rationalismus ausschließt. Dies bedeutet aber nicht, wie Popper betont hat, dass sich für den Kritischen Rationalismus überhaupt keine Argumente anführen lassen. Wer sich von diesen überzeugen lässt, verpflichtet sich darauf, keine Hypothese von jeder Kritik auszunehmen – komme was da wolle. Aufgrund des Unterschieds zwischen methodologischen Regeln und theoretischen Hypothesen erweist sich das Tu-quoque-Argument als kein erfolgversprechender Weg, die Wissenschaftlichkeit einer konfessionell gebundenen Theologie zu retten. Im Unterschied zu wahrheitsfähigen Hypothesen lassen sich methodologische Regeln nun einmal nicht empirisch widerlegen. Aus diesem Grund ist die Forderung, der Kritische Rationalist möge seine eigenen Grundsätze auf sich selbst anwenden, irgendwie witzlos. Religiöse Überzeugungen sind keine methodologischen Regeln, sondern wahrheitsfähige Aussagen und als solche kritisierbare Hypothesen. Im Rahmen des Kritizismus scheint daher nur der Weg offenzubleiben, die konfessionelle Bindung der Theologie aufzugeben, was eine Reihe anderer Probleme nach sich zieht.

Theologie als „Form von Religionswissenschaft“

Der Standardeinwand gegen die zweite Option lautet, dass es sich unter diesen Voraussetzungen nicht mehr um Theologie handeln würde, sondern um eine Art Religionswissenschaft – für viele Theologen eine wahre Horrorvorstellung und für viele Religionswissenschaftler ein Ding der Unmöglichkeit. Die konsequente Verpflichtung auf die kritizistischen Spielregeln hätte folglich die Selbstabschaffung der Theologie qua Theologie zur Folge und gleichzeitig das Eingeständnis, dass Theologie nicht konsequent wissenschaftlich betrieben werden kann.

Perry Schmidt-Leukel (2012, S. 48–72) hat dem auf ebenso vehemente wie luzide Weise widersprochen. Zwar plädieren Religionswissenschaftler tatsächlich vielfach für die Wissenschaftlichkeit ihres Fachs, weil dieses im Unterschied zur Theologie nicht die Unhinterfragbarkeit eines religiösen Glaubenssystems voraussetze. Stattdessen wird aber seitens der Religionswissenschaft häufig eine Version des methodologischen Naturalismus13 vorausgesetzt, wonach Religion wissenschaftlich als ein durch und durch menschliches Phänomen zu interpretieren und zu erklären ist, also ohne Rekurs auf jene Entitäten, an die innerhalb der Religionen geglaubt wird. Aus wissenschaftlicher Perspektive könne es sich dabei, wie etwa Peter L. Berger betont, nur um „Produkte menschlichen Handelns und menschlicher Sinnsetzung“ handeln, also um „Projektionen des Menschen“ (Berger 1973, S. 86).

Bei diesem methodologischen Verständnis von Religionswissenschaft stellt sich die Frage, ob nicht ein „Dogma“ – nämlich das theologische – durch ein anderes – nämlich das naturalistische bzw. atheistische – ersetzt wird. Schmidt-Leukel plädiert dafür, beide Voraussetzungen als religionswissenschaftlich legitim zuzulassen, also sowohl eine naturalistische Sichtweise, die die Existenz transzendenter Entitäten ausschließt, als auch eine religiöse Sichtweise, die deren Existenz in welcher Form auch immer akzeptiert. Eine in diesem Sinn religiöse Religionswissenschaft ließe sich weiterhin als „Theologie“ bezeichnen. Ihre Wissenschaftlichkeit hängt nicht von den jeweils postulierten Entitäten ab, sondern davon, dass deren Existenz hypothetisch betrachtet und behandelt wird. Das bedeutet zum einen, dass „ausgeschlossen wird, diese apodiktisch als bewiesen, unbezweifelbar, unhinterfragbar usw. vorauszusetzen“, und zum anderen, dass sie im wissenschaftlichen Diskurs „offengelegt und kritisierbar gemacht“ werden (Schmidt-Leukel 2012, S. 63). Gleiches gilt selbstverständlich für eine auf naturalistischer Basis verfahrende Religionswissenschaft.

„Eine Theologie, die sich diesem Verständnis von Wissenschaft verpflichtet, wäre dann eine Form von Religionswissenschaft, aber keineswegs die einzige, da es innerhalb der Religionswissenschaft gleichberechtigt auch jene Formen geben kann, die eine von atheistischen Voraussetzungen ausgehende Interpretation von Religion verfolgen und sich dabei ebenfalls an wissenschaftliche Prinzipien halten.“ (Schmidt-Leukel 2012, S. 64)

Während im deutschsprachigen Raum üblicherweise großer Wert auf eine klare definitorische Unterscheidung und institutionelle Trennung zwischen Theologie und Religionswissenschaft gelegt wird, herrscht im angloamerikanischen Bereich die Tendenz vor, beide in ein und derselben Ausbildungs- und Forschungseinrichtung unterzubringen, so dass die Grenzen verschwimmen14. Die Bezeichnungen theology oder divinity werden in der Regel nach wie vor mit einer religiösen Binnenperspektive konnotiert; die Bezeichnung religious studies bleibt dagegen für naturalistische Herangehensweisen reserviert. „Theologie“ wird dabei nicht mehr ausschließlich auf die christliche Tradition eingeschränkt, sondern in multireligiöser Perspektive angeboten mit einer gleichberechtigten Präsenz anderer Religionen. Die Präsenz mehrerer Theologien fördert die Entwicklung einer sog. komparativen Theologie, die unterschiedliche Traditionen erforscht, ohne dabei die jeweilige Binnenperspektive aufzugeben. Für die interreligiösen Beziehungen erweist sich diese Konstellation als wahrer Segen. Wissenschaftstheoretisch bleiben allerdings einige Probleme offen.

Probleme

In gewisser Weise ist eine religionswissenschaftlich verortete Theologie immer noch bekenntnisgebunden. Ausschlaggebend ist zwar nicht mehr ein enger gefasstes konfessionelles Bekenntnis, dessen Wahrung einer bestimmten Religionsgemeinschaft obliegt, deren Eingriffe die Freiheit theologischer Forschung und Lehre erschweren. An die Stelle eines eng gefassten Bekenntnisses tritt ein weiter gefasstes religiöses Bekenntnis. Das ändert aber nichts daran, dass ein Theologe, der im Rahmen seiner Forschung zu atheistischen Schlussfolgerungen gelangt, nach wie vor aufhören würde, Theologie zu betreiben. Er würde innerhalb der Religionswissenschaft vom theologischen zum naturalistischen Lager wechseln. Wenn ihm die Evidenzen einen solchen Wechsel nahelegen, stünde es ihm zwar frei, ihn auch zu vollziehen, ohne kirchliche Repressalien oder den Entzug der Lehrerlaubnis befürchten zu müssen. Gleichwohl würde er keine „Theologie“ mehr betreiben – und zwar nicht kraft kirchlicher Entscheidung, sondern kraft wissenschaftstheoretischer Definition. Solange Theologie so definiert wird, dass sie den Standpunkt einer religiösen Binnenperspektive impliziert, spielt es keine entscheidende Rolle, ob diese Bindung eng oder weit gefasst wird.

Ob eine solche Konstruktion von Theologie als Religionswissenschaft dem kritizistischen Verständnis von Wissenschaft entspricht, dürfte ebenfalls umstritten sein. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob der hypothetische Status ihrer Grundannahmen eingeräumt wird. Dabei könnte es sich auch um ein bloßes Lippenbekenntnis handeln. Ausschlaggebend ist, welche Konsequenzen daraus resultieren, wenn jemand zu dem Schluss gelangt, dass diese Hypothesen falsifiziert sind. Wenn die Konsequenz darin besteht, dass er in diesem Fall nicht mehr als Theologe firmieren kann, scheint auch eine so konzipierte Theologie keine Wissenschaft sein zu können – jedenfalls keine Wissenschaft wie jede andere.

Es wäre denkbar, dass es sich dabei längerfristig betrachtet um ein Übergangsstadium in einem Prozess handelt, in dessen Verlauf das, was traditionell als Theologie galt, nach und nach vollständig aus dem akademischen Bereich verabschiedet wird. Sollte dies der Fall sein, wäre dafür der Siegeszug des methodologischen Naturalismus verantwortlich. Die Naturalisierung macht auch vor religiösen Phänomenen nicht halt. Aus diesem Grund könnte sich herausstellen, dass die Theologie auch innerhalb religionswissenschaftlicher Forschungseinrichtungen einen zusehends schwereren Stand haben wird. Die Antwort auf die Frage, in welcher Form Theologie „in self-consciously secular universities“ (Corrywright und Morgan 2006, S. 47) präsent sein kann, könnte immer häufiger lauten: in keiner! Daran würde dann auch die Tatsache nichts ändern können, dass sich Theologie in kritizistischer Perspektive durchaus wissenschaftlich betreiben lässt – wenn auch nur mehr oder weniger.

Fußnoten

  1. 1.

    Das ist jedenfalls meine Erfahrung aus mehr als dreißig Jahren Universitätstheologie. Eine Ausnahme bilden Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft.

  2. 2.

    Eine Alternative wäre z. B. der Induktivismus bzw. Bayesianismus.

  3. 3.

    Vgl. z. B. Tracy 1995, S. 446 f.: „to speak of ‚theology‘ is a perhaps inadequate but historically useful way to indicate the more strictly intellectual interpretations of any religious tradition, whether that tradition is theistic or not (…). The term theology as used here does not necessarily imply a belief in ‚God‘“.

  4. 4.

    Vgl. dazu den ebenso instruktiven wie erschütternden Überblick von Levy 1993.

  5. 5.

    Vgl. Susskind 2006, S. 197: „The whole point of science is to avoid such stories.“

  6. 6.

    Vgl. Keuth 2002, S. 53.

  7. 7.

    Poppers Kritik an der naturalistischen Methodenlehre hatte den logischen Empirismus im Visier. Vgl. Popper 1984, S. 25: „Wir lehnen also die naturalistische Auffassung ab: Sie ist unkritisch, sie bemerkt nicht, dass sie Festsetzungen macht, wo sie Erkenntnisse vermutet; so werden ihre Festsetzungen zu Dogmen. Das gilt für das Sinnkriterium, es gilt für den Wissenschaftsbegriff und damit auch für den Begriff der erfahrungswissenschaftlichen Methode.“

  8. 8.

    Vgl. dazu ausführlicher Kreiner 2016.

  9. 9.

    Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts Nr. 14/2009 vom 18. Februar 2009 bzgl. des Beschlusses vom 28. Oktober 2008. Die Mitteilung bezieht sich auf die von Gerd Lüdemann eingereichte Verfassungsbeschwerde. Des Weiteren heißt es darin: „Das Grundgesetz erlaubt die Lehre der Theologie als Wissenschaft an staatlichen Hochschulen. Sind staatliche theologische Fakultäten eingerichtet, muss das Selbstbestimmungsrecht derjenigen Religionsgemeinschaft beachtet werden, deren Theologie Gegenstand der konfessionsgebundenen Lehre ist. Das Amt des Hochschullehrers an einer theologischen Fakultät darf daher bekenntnisgebunden ausgestaltet werden. Es kann und darf nicht Sache des religiös-weltanschaulich neutralen Staates sein, über die Bekenntnisgemäßheit theologischer Lehre zu urteilen. Dies ist vielmehr ein Recht der Glaubensgemeinschaft selbst.“

  10. 10.

    Selbstverständlich gilt dies auch für katholische Theologie.

  11. 11.

    Vgl. Bartley 1984, S. 71–78.

  12. 12.

    Vgl. van Huyssteen 1989, S. 38.

  13. 13.

    Teilweise ist auch von einem „methologischen Agnostizimus“ die Rede.

  14. 14.

    An britischen Universitäten findet sich die Bezeichnung theology bzw. divinity häufig in Kombination mit dem Ausdruck religious studies. Vgl. Corrywright und Morgan 2006, S. 45 f. Der Zugang zum Studium setzt kein religiöses Bekenntnis voraus, und von Ausnahmen abgesehen, sind die Fakultätsmitglieder in Forschung und Lehre konfessionell ungebunden. In den Vereinigten Staaten existieren an einigen nicht-kirchlichen Universitäten noch die traditionellen Divinity Schools, die sich aber als ökumenisch, nondenominational oder, wie an der Harvard Divinity School, als nonsectarian verstehen. Nach Ansicht des deutschen Bundesverfassungsgerichts wäre eine „theologische Fakultät ... in ihrer Existenz bedroht, wenn die Kirche die dort vertretene Lehre … nicht mehr als bekenntnismäßig ansehen und in der Konsequenz ihre Absolventen nicht als Geistliche aufnehmen und an ihr ausgebildete Religionslehrer nicht zum bekenntnisgebundenen Religionsunterricht zulassen würde.“ (Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts Nr. 14/2009 vom 18. Februar 2009 bzgl. des Beschlusses vom 28. Oktober 2008) In Großbritannien und den Vereinigten Staaten entscheiden die Kirchen, ob sie ihr zukünftiges Personal an den jeweiligen theologisch-religionswissenschaftlichen Departments ausbilden lassen wollen. Von einer Existenzbedrohung kann daher zumindest diesbezüglich keine Rede sein.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Ludwig-Maximilians-Universität MünchenMünchenDeutschland

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