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Karl Poppers drei theoretische Ethiken

  • Hans-Joachim Niemann
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Geisteswissenschaften book series (SPREFGEIST)

Zusammenfassung

Karl Popper hat viele bedeutende Beiträge zur theoretischen Ethik und praktischen Moral geleistet. Sie finden sich verstreut in seinen Werken und im Nachlass. Hier werden Poppers drei theoretische Ethiken herausgearbeitet: (1) Sein Neg-Utilitarismus: Er richtet sich hauptsächlich an Politiker und fordert statt Glücksmaximierung die Leidminimierung. (2) Seine Problemlösungsethik: Sie knüpft an die rationale Methode der Wissenschaft an und sucht nach der adäquaten Problemlösung für alle Betroffenen. (3) Seine epistemologische Ethik: Sie empfiehlt, bei moralischen Konflikten immer zuerst die mit ihnen verknüpften Sachprobleme zu lösen.

Schlüsselwörter

Ethik Kritisch-rationale Ethik Neg-Utilitarismus Problemlösungsethik Epistemologische Ethik 

Karl Poppers verkannte Ethik

Karl Popper hat viele philosophische Disziplinen bereichert, aber eine eigene Ethik wollte er nie entwickeln. Er hatte Bedenken, dass es andernfalls so aussehen würde, als propagiere er die eigenen moralischen Präferenzen1. Aber ganz zurückgehalten hat er sich nicht; denn, wie gesagt wird, hat er zwar „nirgends eine explizite Ethik entwickelt, aber dennoch findet sich in seinen Werken eine ganze Reihe von moralischen oder ethischen Wertstandpunkten“2. Genau besehen handelt es sich um mehr als siebzig Aufsätze, Vorträge, archivierte Vorlesungen und Buchbeiträge aus den Jahren 1927 bis 1994, und in diesem Material findet man viel mehr als nur Wertstandpunkte. Jeremy Shearmur, der Herausgeber mehrerer politischer und ethischer Schriften Poppers, ahnte, dass hinter dessen vielen verstreuten Schriften zur Ethik mehr steckt als Popper selber ausgeführt hat3. Im Folgenden werde ich zeigen, dass es sich um drei grundlegende und weiterführende Vorschläge zu einer kritisch-rationalen Ethik handelt.

Auf Poppers zahlreiche praktische Vorschläge zur Verbesserung der Alltagsmoral, auf seine neue Berufsethik, seinen hippokratischen Eid für Journalisten und vieles andere kann ich nicht eingehen, da hier der Platz kaum reicht, seine theoretische Ethik zu skizzieren.

Über diese Ethik ist in einschlägigen Monografien, Festschriften und Nachrufen bisher wenig berichtet worden. Selbst in sehr umfangreichen Lehrbüchern wie Die Philosophie Karl Poppers 4, das Karl Popper Lesebuch 5 oder The Cambridge Popper Companion 6 gibt es keine Kapitel, die speziell auf Poppers Ethik eingehen.

Doch gibt es Ausnahmen. Hans Albert hat Poppers Philosophie auf viele Gebiete übertragen, unter anderem auch auf die Ethik7. Seine Arbeiten halfen bei der Ausarbeitung einer detaillierten, kritisch-rationalen Problemlösungsethik8. Auch darauf kann ich hier nicht eingehen; ich werde mich auf Poppers eigene Beiträge beschränken.

Da Poppers Ethik nicht augenfällig ist9, unterstellte man fälschlicherweise oft, der kritische Rationalismus habe zur Ethik nichts beizutragen. Jürgen Habermas prägte im Positivismusstreit der 1960er-Jahre das Wort vom halbierten Rationalismus, der sich nur auf Wissenschaft und Technik beschränke und die Ethik ausblende10. Dieser Eindruck ist bis heute vorherrschend, zumal auch kritische Rationalisten ihn verbreitet haben11.

Im Folgenden soll nun gezeigt werden, dass wir Karl Popper drei bedeutende theoretische Ethiken verdanken. Wegen der Fülle des Materials werde ich hier nur Poppers Schriften behandeln. Auf die wissenschaftliche Diskussion und die Beiträge anderer kritisch-rationaler Autoren kann ich nur in einer Anmerkung verweisen12. Auch bei Fachwörtern wie ‚Münchhausen-Trilemma‘, ‚Wahrheit‘ oder ‚Dualismus von Tatsachen und Vorschlägen‘ werde ich mich nicht allzu lange mit Begriffsklärungen aufhalten. Statt dessen verweise ich auf die ausführlichen Erläuterungen und die weiterführende Literatur in meinem Lexikon des Kritischen Rationalismus 13.

Ethik ist keine Wissenschaft

Ablehnung einer wissenschaftlichen Ethik

Karl Popper dürfte der bedeutendste Wissenschaftsphilosoph des 20. Jahrhunderts sein, und man erwartet daher von ihm eine besondere Einstellung zum Problem ‚Ethik als Wissenschaft‘. Schon 1934, kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Hauptwerkes Logik der Forschung, vermutete Popper in einem Vortrag über die Ethik Ludwig Wittgensteins:

„Soweit Ethik etwas Endgültiges über den Sinn des Lebens sagen will, über das absolut Gute und das absolut Wertvolle, kann sie keine Wissenschaft sein“14.

Diese Auffassung vertrat Popper sein Leben lang15. Drei Dinge sollte man jedoch bei diesem Verdikt im Auge behalten: (1) Nur soweit sie Endgültiges sagt, ist Ethik keine Wissenschaft. (2) Die Möglichkeit von objektiv nachprüfbaren Verbesserungen des Status Quo ist damit nicht ausgeschlossen. (3) Die Wissenschaft kann nie sagen, was wir tun sollen; doch kann uns die wissenschaftliche Methode auch in der Ethik weiterhelfen16. Zu den Punkten (2) und (3) wird Popper später Beiträge leisten.

Zunächst aber behauptete er auch in seinem zweiten Hauptwerk Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde von 1945 noch, dass man ethische Probleme nicht mit Hilfe der rationalen Methoden der Wissenschaft lösen könne17.

„Die ‚wissenschaftliche‘ Ethik ist in ihrer absoluten Unfruchtbarkeit eines der erstaunlichsten sozialen Phänomene. Was hat sie vor? Will sie uns sagen, was wir zu tun haben, d. h. will sie einen Kodex von Normen auf wissenschaftlicher Grundlage errichten, so dass wir nur im Inhaltsverzeichnis nachzusehen brauchen, wenn wir vor einer schwierigen moralischen Entscheidung stehen?“ 18

Popper befürchtete, dass eine solche Wissenschaft uns die moralische Entscheidung abnehmen würde und so zwangsläufig „die persönliche Verantwortlichkeit und damit die Ethik selbst zerstören müsste“19. Und nicht nur die Verantwortlichkeit, auch die Autonomie des Menschen ist in Gefahr. Denn wie Kant betont auch Popper die subjektive Autonomie des Menschen. Bereits in seiner Kant-Vorlesung von 1940 zeigte sich, wie sein langjähriger Assistent Jeremy Shearmur später schreibt, „der Kantsche Ursprung von Poppers moralischem Denken“20. Nicht nur kann Ethik keine Wissenschaft sein, sie darf es auch niemals sein, weil sie sonst eine Gefahr für die Autonomie des Menschen wäre21.

Abneigung gegen Meta-Ethik und analytische Ethik

Auch von den meta-ethischen Diskussionen seiner Zeit hielt Popper nichts. An dieser Mode wollte er sich nicht beteiligen; er wollte keine „Logic of Moral Discovery“ entsprechend seiner Logik der Forschung schreiben22. Die Spekulationen vieler zeitgenössischer Philosophen über ethische Fragen fand er unattraktiv, speziell die „hoffnungslos unfruchtbare“ Debatte über die Natur des Guten und den ontologischen Status der Werte23. Die theoretische Ethik hingegen hält er weder für überflüssig noch für unfruchtbar24, bloß habe er theoretische Ethik und Sozialwissenschaften nie zu seinen „eigentlichen Interessen“ gezählt25.

„Alle Diskussionen über die Definitionen des Guten sind daher völlig unnütz. Sie zeigen nur, wie wenig die ‚wissenschaftliche‘ Ethik mit den drängenden Problemen des sittlichen Lebens zu tun hat“26.

Die Behandlung der Ethik durch die damals vorherrschende Analytische Philosophie hält Popper ebenfalls für unfruchtbares, auf die Definition des ‚Guten‘ gerichtetes Begriffsdenken27. Das führe zum Streit um Worte und könne

„keinen Beitrag leisten zu einer ethischen Theorie, die in Beziehung steht mit der einzig relevanten Basis aller Ethik, mit den unmittelbaren, jetzt und hier zu lösenden sittlichen Problemen“28.

Popper kommt schließlich zu dem Ergebnis,

„dass die ‚wissenschaftliche‘ Ethik eine Form des Ausweichens ist, eine Flucht vor den Realitäten des sittlichen Lebens, d. h. vor unseren sittlichen Verantwortlichkeiten“29.

Poppers Neg-Utilitarismus

Individuelle und staatstheoretische Grundentscheidungen

Poppers erste theoretische Ethik veröffentlichte er in seiner 1945 erschienenen Offenen Gesellschaft. Sie knüpft an seine ebenfalls dort vertretene Gewissensethik30 an und zeigt, dass jeder Mensch zwei moralische Grundentscheidungen treffen muss, die sein eigenes Leben und das Zusammenleben mit anderen zum Besseren verändern werden: die Entscheidung zur Vernunft und die Entscheidung zur Wahrheitssuche.

Nicht nur das Individuum, auch der Staat muss eine moralische Grundentscheidung treffen: Der Staat muss entscheiden, ob er das größtmögliche Glück für alle maximiert oder das Leid und die Lasten aller minimiert.

Popper ist kein Missionar: Er fordert keine Moral, sondern weist nur eindringlich auf die sehr unterschiedlichen Konsequenzen der möglichen Grundentscheidungen hin.

Die wichtigste moralische Entscheidung, die wir in unserem individuellen Leben zu treffen haben, ist die Entscheidung zur Vernunft 31. Vernünftig ist, wer sich für klares Denken, klares Sprechen, kritische Diskussion und für die Orientierung an den Wissenschaften entscheidet. Diese Entscheidung trennt den Rationalismus vom Irrationalismus32; sie trennt auch diejenigen, die die rationale Diskussion bevorzugen, von denen, die auf Gewalt setzen: „Kritische Vernunft ist, soweit bisher entdeckt, die einzige Alternative zur Gewalt“33.

Ebenso fundamental ist die Entscheidung zur Suche nach Wahrheit, auch wenn man nie sicher sein wird, sie gefunden zu haben34. Wahrheitssuche ist überall wichtig. Auch in der Moral spielen Sach- und daher Wahrheitsfragen eine große Rolle35. Wahrheit ist der höchste Wert; denn bei jedem anderen Wert muss man fragen: Ist es wahr, dass etwas ein Wert ist und dass der eine Wert höher steht als der andere?36 Schon 1940 formulierte Popper, was zum Kernsatz des Kritischen Rationalismus geworden ist:

„Vielleicht habe ich Unrecht und du hast Recht, mit gemeinsamer Anstrengung werden wir der Wahrheit näherkommen“37.

Auch in der Offenen Gesellschaft kommt dieser Satz zweimal vor38. Er ist zu Poppers Lebzeiten selten zitiert und ernst genommen worden39. Die Akzeptanz dieses Satzes als Richtschnur begründet eine völlig andere Lebensweise als der Glaube an seine fatalen Alternativen: Relativismus40 und Gewalt.

Die Trennung von Lebenswerten und moralischen Werten

Ehe wir Poppers erste theoretische Ethik, den Neg-Utilitarismus, näher betrachten, müssen wir zwei Typen von Werten unterscheiden. Dies ist für jede theoretische Ethik und praktische Moral äußerst wichtig, wird aber selten beachtet. Gemeint ist die Unterscheidung zwischen moralischen Werten und ‚Lebenswerten‘, nämlich Werten der Lebensweise. Zum Beispiel sind eheliches Glück oder berufliche Befriedigung Lebenswerte und keine moralischen Werte. Moralische Werte sind beispielsweise Treue oder Pflichterfüllung. Der Unterschied, anderswo ausführlicher erklärt41, ist cum grano salis: Lebenswerte sind, ähnlich wie die Leidenschaften, das, was uns gewollt in Probleme verwickelt; moralische Werte und Regeln helfen uns, die dabei als Nebeneffekt ungewollt auftretenden, moralischen Probleme zu lösen.

Diese Trennung von Lebenswerten und moralischen Werten ist für die nächste Stufe in Poppers Ethik wichtig. Sie ist in der Offenen Gesellschaft angedeutet und wurde 1946 in ‚Public and Private Values‘ im Zusammenhang mit der Trennung von ‚positiven‘ und ‚negativen Werten‘ ausgearbeitet42.

Konkret ist das Übel, abstrakt das Glück

Die negativen Werte, die Übel, sind konkret; die positiven Werte, alle Formen des Glücks, sind abstrakt43. Glück ist etwas, das nicht der Staat, nicht die Kirche zu definieren hat, sondern das jedes Individuum ganz für sich allein finden muss. Dagegen ist die Abwendung von Krieg, Unglück und Gefahren kein abstraktes Projekt, sondern die konkrete Aufgabe jeder Regierung. In seiner Offenen Gesellschaft empfiehlt Popper daher,

„dass sich Politiker auf die Bekämpfung der Übel beschränken und nicht versuchen sollten, für ‚positive‘ oder ‚höhere‘ Werte wie Glück und dergleichen zu kämpfen“44.

Statt für den Utilitarismus, der den größtmöglichen Nutzen oder sogar das größtmögliche Glück für alle anstrebt45, plädiert Popper dafür, das Leid und die Lasten aller zu minimieren. Die Regierung soll nicht Leid im umfassenden Sinn mindern, sondern nur großes Leid wie Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Erniedrigung und Ungerechtigkeit bekämpfen46. Den Namen Neg-Utilitarismus hat nicht Popper, sondern haben spätere Bearbeiter dieser ethischen Richtung gegeben47.

Poppers Neg-Utilitarismus geht darauf ein, dass man Leidminimierung verbal in Glücksmaximierung umwandeln kann. Die Abwesenheit von Hunger, Ungerechtigkeit, Erniedrigung und Ausbeutung kann man positiv sehen. Die Asymmetrie bleibt aber auch bei der Umdeutung des Neg-Utilitarismus in einen Utilitarismus erhalten: Was man gegen negative Werte wie Diskriminierung tun kann, ist konkreter als das, was man für positive Werte wie Gleichheit tun kann. Die Bekämpfung von Armut ist eine klar erkennbare Aufgabe; sie als Vermehrung von relativem Reichtum zu begreifen, würde sich im Allgemeinen und Unbestimmten verlieren48. Deshalb sollte man bei der klaren Unterscheidung bleiben: „Die positiven Werte sind private Werte“, die anderen „öffentliche Werte“, weil es die Aufgabe der Gesellschaft ist, die oben genannten großen Übel dieser Welt zu bekämpfen49.

Vor allem eine Form des staatlichen Utilitarismus muss unter allen Umständen verhindert werden: individuelle Opfer oder das Ertragen jahrelanger Entbehrungen zu fordern, um eine politische Utopie durchzusetzen, die das Wohl des Ganzen im Auge hat. In den Händen von Diktatoren hat das immer wieder zur Anwendung totalitärer Methoden geführt50: „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, erzeugt stets die Hölle“51.

Grenzen des Neg-Utilitarismus

Poppers Neg-Utilitarismus ist eine Richtlinie für Politiker und ein Maßstab für die Beurteilung von Politik und Sozialpolitik, aber er ist kein Kriterium des Richtigen52, und er ist auch nicht das höchste moralische Prinzip53. In den meisten Situationen lässt er viele Probleme offen, und der negative Teil muss im Sinne Schopenhauers54 durch einen positiven ergänzt werden: Schade niemandem; minimiere das Leid aller; hilf, wo du kannst!

Wie beim Utilitarismus würde auch beim Neg-Utilitarismus eine unüberlegte Anwendung zu absurden Konsequenzen führen. Bei konsequenter Leidminimierung müsste man absurderweise anordnen, alle Leidenden schmerzlos einzuschläfern. Daher darf man die Poppersche Ethik nicht auf den Neg-Utilitarismus reduzieren.

Nicht nur die absurden Anwendungen von Utilitarismus und Neg-Utilitarismus, sondern auch alle moralischen Handlungen und Handlungsanleitungen sind verfehlt, wenn sie nicht sämtliche relevanten Probleme und alle Betroffenen berücksichtigen. Daher ist Poppers im folgenden Kapitel behandelte zweite theoretische Ethik wesentlich umfassender als sein Neg-Utilitarismus: Sie ist relevant für alle denkbaren und praktisch vorkommenden moralischen Probleme.

Poppers Problemlösungsethik

Fortschritte auf dem Gebiet der Moral

„Gültige Kritik an einer Theorie besteht darin darzulegen, dass es der Theorie nicht gelingt, die Probleme zu lösen, die sie zu lösen vorgibt“55, schreibt Popper im Anhang ‚Tatsachen, Maßstäbe und Wahrheit‘ (1961) zu seiner Offenen Gesellschaft 56. Dasselbe gilt auch für die Ethik: Gültige Kritik besteht darin zu zeigen, dass eine moralische Handlung oder ethische Maxime die Probleme nicht löst, die sie zu lösen vorgibt. Kritik deckt immer Fehler auf, und wo fortgesetzt Fehler verbessert werden, stellt sich Fortschritt ein. Und damit eröffnet sich ein objektives Verfahren, in Ethik und Moral zu Verbesserungen zu kommen: So können wir auf dem Gebiet der Moral Fortschritte machen57.

Popper betont in dem oben genannten Aufsatz, dass Tatsachen und die Methode der objektiven Prüfung im ethischen Gebiet der Maßstäbe, Normen, Moral und Politik genauso verwendet werden wie im Gebiet der Wissenschaften: Die Welt der Tatsachen (das ‚Sein‘) und die Welt der Entscheidungen (das ‚Sollen‘) sind keine getrennten Welten. Entscheidungen spielen überall eine große Rolle, Entscheidungen, die kritisiert und daher verbessert werden können58. Popper sieht Parallelen zwischen Wissenschaft und Moral, nämlich derart, dass in Bezug auf Problemlösungen „in Moral und Politik die Situation ähnlich ist wie auf dem Gebiet der Tatsachen“59.

Ein Unterschied besteht allerdings darin, dass Tatsachen vorhanden sind, während die Maßstäbe von uns geschaffen werden60. Popper räumt ein, dass bei moralischen Urteilen die ‚regulative Idee‘, die uns sagt, was richtig und was falsch ist, nicht so klar ist wie in den Wissenschaften, wo diese Rolle der Wahrheit zufällt, wobei wir mit ‚Wahrheit‘ die Übereinstimmung mit den Tatsachen meinen.

„Die Tatsache, dass Gott oder irgendeine andere Autorität mir eine bestimmte Handlungsweise gebietet, ist keine Garantie dafür, dass dieses Gebot richtig ist. Ich bin es, der entscheiden muss, ob ich die Maßstäbe irgendeiner Autorität als (moralisch) gut oder schlecht ansehe“61.

Aber wonach richte ich mich bei dieser Entscheidung? Da es keine garantiert richtigen Vorschläge – Prinzipien, Werte, Maximen – in der Ethik geben kann, schlägt Popper vor, so zu tun als gäbe es sie, um gezielt nach ihnen zu suchen. Allerdings

„sollten wir uns nie einreden, dass wir sie endgültig gefunden haben, denn klarerweise kann es kein Kriterium für Richtigkeit geben – sogar noch weniger als es ein Kriterium für absolute Wahrheit geben kann“62.

Das ist Poppers Parallele zur Wissenschaft: In der Wissenschaft sucht man nach Wahrheit und kann nicht sicher wissen, sie gefunden zu haben. In der Ethik sucht man nach dem Richtigen und kann nicht sicher wissen, es gefunden zu haben.

Die Unmöglichkeit der absoluten Richtigkeit dient Popper gleichzeitig dazu zu zeigen, dass Ethik nur als Parallele zur Wissenschaft praktizierbar ist, nicht aber als wissenschaftliche Ethik. Dagegen hatte der Utilitarismus in der Maximierung des Glücks tatsächlich ein solches Kriterium für absolute Richtigkeit gesehen. Das war falsch, und deshalb musste der Utilitarismus mit seinem Glückskriterium scheitern. Popper vermutet, „dass dasselbe von jedem anderen moralischen Kriterium gezeigt werden kann“63.

Er begnügt sich damit festzustellen, dass auf dem Gebiet der Moral Verbesserungen und Entdeckungen möglich sind und wir „auf dem Gebiet der Maßstäbe ebenso gut lernen können wie auf dem Gebiet der Tatsachen“. Durch Kritik und Selbstkritik können wir auch moralisch dazulernen und zum Beispiel Vorurteile loswerden. Mehr kann man von einer vernünftigen Ethik nicht verlangen, ob man sie nun wissenschaftlich nennt oder nicht64.

Der Unterschied zwischen Ethik und Naturwissenschaften

Mit 90 Jahren erläuterte Popper in einem Interview mit Willy Hochkeppel noch einmal, dass seine Abneigung gegen eine wissenschaftliche Ethik den Blick auf die Parallelität der Methoden von Wissenschaft und Ethik nicht beeinträchtigt65. Der Unterschied zwischen Ethik und Naturwissenschaften liegt nicht in der Begründbarkeit, wie der Wiener Kreis glaubte; denn auch die Wissenschaft ist nicht begründbar. Die Wissenschaft löst Probleme, und „genauso steht es mit der Ethik: Gewisse ethische Prinzipien sind mögliche Lösungen wirklicher ethischer Probleme“66. Weil wir ständig mit neuen Problemen konfrontiert werden, die mit der bisherigen Ethik nicht gelöst werden können, „brauchen wir ununterbrochen eine neue Ethik, weil wir ununterbrochen auf neue Probleme stoßen“67.

Diese Technik, eine Art „Logik der Problemlösung“, habe Popper, wie einer der besten Popperkenner, Bryan Magee, schreibt, seit seiner Logik der Forschung (1934) immer weiterentwickelt. Sie gelte für Metaphysik, Moral und viele andere Gebiete, und werde sich vielleicht als seine fruchtbarste Idee mit der größten Eigendynamik erweisen68.

Von daher ist Karl Poppers Kritischer Rationalismus, anders als der größte Teil der Philosophie des 20. Jahrhunderts, nicht sprach-, sondern problemorientiert.

Poppers Problemlösungsethik und ihre universale Anwendbarkeit

Bevor ich die Regeln von Poppers Problemlösungsethik aufliste, möchte ich auf eine wichtige Erweiterung seiner Problemlösungsmethode aufmerksam machen. Seit Ende der 1950er-Jahre ist Karl Popper dazu übergegangen, seine gesamte Philosophie im Lichte der Evolution zu interpretieren. Auch die moralischen Werte des Menschen sieht er nun als evolutionär entstanden. Sie ‚überlebten‘, weil sie unser Leben verbessert haben und vor allem unser Zusammenleben. Ihren Ursprung und ihren Zweck können wir nur verstehen, wenn wir nachvollziehen, auf welchem Wege sie Lösungen sozialer Probleme geworden sind. Ein weiteres Produkt der Evolution ist das, was Popper die ‚Welt 3‘ nennt69, die Welt der Sprache, des objektiven Wissens, der objektiven Probleme und der objektiven moralischen Werte.

Wer sich tiefer in Poppers Problemlösungsphilosophie, Problemlösungsethik und seine Vorstellung von moralischen Werten als Problemlösungsversuche einarbeiten möchte, wird kaum umhin kommen, seine drei Forschungsprogramme ‚Evolution‘, ‚Welt 3‘ und ‚rationales Problemlösungsverhalten‘ zu studieren. Hier reicht der Platz nur für eine Fußnote70.

Vom Problemlösungsschema zur Problemlösungsethik

Kurz zusammengefasst besteht Poppers allgemeines Problemlösungsschema für alle Gebiete des Denkens und Handelns71 aus folgenden zehn Schritten:

(1) Herausfinden, worin genau das Problem besteht; (2) möglichst viele alternative Lösungen vorschlagen (oder bei anderen Autoren nachschlagen); (3) ihre Konsequenzen prüfen und die Lösungen kritisieren; (4) dann die Lösungen entsprechend korrigieren; (5) dabei das Problem besser verstehen lernen, es immer wieder neu und genauer formulieren und den Problemlösungsprozess von Neuem beginnen; (6) die Verquickung mit anderen, auch zukünftigen Problemkomplexen berücksichtigen; (7) schließlich die zuletzt infrage kommenden Lösungen bewerten und (8) die beste auswählen; (9) über die Problematik der dabei verwendeten Ziele und Maßstäbe Klarheit gewinnen und gegebenenfalls (10) den Beurteilungsprozess auch auf diese ausdehnen. Dabei geht es nie um endgültige Lösungen, sondern um die jeweils zurzeit bessere von mehreren Alternativen.

Für die Anwendung auf ethische und moralische Probleme mussten zwei weitere Schritte hinzugefügt werden72: Eine Problemlösung gilt nur dann als einer anderen überlegen, wenn sich (11) dadurch die Problemlage für alle Betroffenen insgesamt verbessert und, da Probleme gewöhnlich mit anderen Problem vernetzt sind, wenn (12) die beste Lösung für alle vernetzten Probleme gefunden worden ist.

Dabei gilt es zu beachten, dass bei jeder moralischen oder ethischen Problemlösung fünf vernetzte Probleme einen Kompromiss erfordern, nämlich die folgenden fünf Haupt- oder Metaprobleme der Ethik: (A) Die beste Lösung finden (gemäß (1) bis (12)); (B) das Durchsetzungs- oder Implementierungsproblem lösen73; (C) tief verankerte Moral und Traditionen beachten; (D) Vereinfachungen in Kauf nehmen und bewerten74; (E) Lebenswerte entweder bewusst voraussetzen oder separat einer Kritik unterwerfen75.

Auch in Ethik und Moral beendet man alle Begründungen – genauso wie in der Wissenschaft – mit Argumenten oder Theorien, die zurzeit unproblematisch sind76, oder man stützt sich auf Normen und Werte, die zurzeit unproblematisch sind. Wer das nicht beachtet, endet unausweichlich in dem von Hans Albert herausgearbeiteten ‚Münchhausen-Trilemma‘, das nur drei Möglichkeiten offen lässt, die alle inakzeptabel sind: die Verwendung zirkulärer Argumente, den unendlichen Begründungsregress oder den dogmatischen Abbruch der Begründung77.

Poppers epistemologische Ethik

Moral und Wissen: Zwei getrennte Welten?

Moral und Wissen scheinen zwei getrennten Welten anzugehören. Die Wissenschaft kann uns nicht sagen, was wir tun sollen; oder kürzer ausgedrückt: Aus dem Sein folgt kein Sollen. Dieses Humesche Gesetz78 gehört zum eisernen Bestand der Philosophie und wird auch von Popper voll akzeptiert: „Entscheidungen lassen sich niemals aus Tatsachen … herleiten, obgleich sie sich auf Tatsachen beziehen“79.

Allerdings hilft das Humesche Gesetz nur, grobe Fehler zu vermeiden, nämlich dann, wenn versucht wird, Moral logisch zwingend aus Aussagesätzen oder Naturbeobachtungen abzuleiten. In Wirklichkeit sind moralische Probleme, wie Popper darlegt, so eng mit Tatsachenproblemen verknüpft, dass man oft die moralischen Probleme sehr leicht lösen kann, wenn man zuvor die mit ihnen verbundenen, viel einfacheren Tatsachenprobleme gelöst hat.

Trivial, aber von großer Tragweite

Diese epistemologische Ethik ist, nach Neg-Utilitarismus und Problemlösungsethik, Poppers dritter wichtiger Beitrag zur theoretischen Ethik. Sie hat auch große Bedeutung für die praktische Moral. Seine Idee ist so einfach, dass sie Gefahr läuft, der akademischen Aufmerksamkeit und Diskussion zu entgehen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Triviales oft erst von einem kopernikanischen Geist sichtbar gemacht wird. Alle Menschen vor Kopernikus sahen Sonne, Mond und Sterne um die Erde kreisen. Doch warum sollte nicht die Erde sich drehen und dadurch denselben Eindruck hervorrufen? Nur Kopernikus sah die vielen Konsequenzen, die die triviale Änderung des Bezugspunktes aller Himmelsbewegungen haben würde. Ähnlich revolutionär ist Poppers epistemologische Ethik: Ihr Bezugspunkt ist nicht die Wertediskussion, sondern die Tatsachendiskussion. Konsequenterweise stützt sie sich nicht auf ein moralisches Prinzip, sondern auf drei leicht nachprüfbare Tatsachen:
  1. (1)

    Moralische Probleme sind oft eng mit Sachproblemen verflochten.

     
  2. (2)

    Bei Meinungsverschiedenheiten ist es allemal leichter, über Tatsachen zu diskutieren und sie anzuerkennen, als sich auf moralische Werte und ethische Prinzipen zu einigen.

     
  3. (3)

    Häufig löst sich das moralische Problem auf, wenn man die zugehörigen Sachprobleme gelöst hat.

     

Nicht Werte diskutieren, sondern Tatsachen

Zur Plausibilität vorab ein Beispiel: Der iranische Ministerpräsident Mahmut Ahmadinedschad hatte 2012 in einem Interview mit einem Journalisten des Fernsehsenders CNN die westliche Erziehung zur Sittenlosigkeit beklagt und als Beispiel unsere Toleranz gegenüber Homosexualität angeführt80. Er fragte den Interviewer, ob dieser denn etwa glaube, dass Homosexualität angeboren sei. Der Journalist bejahte das mit Nachdruck, und Ahmadinedschad fiel daraufhin etwas aus der Rolle. Offenbar war ihm klar geworden, dass sein moralisches Weltbild zusammenbrechen würde, wenn bestimmte Tatsachen wahr wären. Die Diskussion hatte also etwas bewirkt. Hätte der Interviewer jedoch versucht, die westlichen Werte gegen die islamischen zu verteidigen, wäre die Diskussion endlos weitergegangen und Ahmadinedschad wäre unerschüttert geblieben.

Warum die Methode vielversprechend ist

Diskussionen über Werte und ethische Prinzipien sind viel schwieriger als Diskussionen über Tatsachen, und das liegt daran, dass Moral und Werte oft eine Sache der Tradition, der Erziehung oder der Religion sind. Bei Streitigkeiten, etwa über Genmanipulationen an menschlichen Embryonen, endet die Diskussion schnell, sobald divergierende Grundsätze auftauchen und jeder merkt, dass der andere hier nicht nachgeben kann, ohne seinen inneren Halt, seine religiösen oder moralischen Grundwerte zu verlieren. In solchen Fällen geben wir die Diskussion auf, weil wir damit rechnen müssen, dass sie emotional wird oder, wie im Fall mancher Religionen, sogar in brutale Gewalt umschlägt. Der Streit über Tatsachen ist viel einfacher, und dabei wird nie die Person angegriffen.

Für manche Medien ist der Streit über Personen einfacher und aufregender als der Streit über Sachprobleme, denn die Journalisten können dann ihrer Fantasie freien Lauf lassen und müssen keine Fakten recherchieren. Sie stellen dabei Poppers epistemologische Ethik auf den Kopf und verwandeln lösbare Sachprobleme in moralisierende Personalprobleme.

Fast alle moralischen Konflikte beruhen auf sachlichen Differenzen

Die epistemologische Ethik hatte Popper 1960 in einer Vorlesung über die Philosophie der Sozialwissenschaften an der London School of Economics vorgestellt81. Er zeigte, das Tatsachen enormen Einfluss auf den Inhalt jeder moralischen Diskussion haben: „Fast alle moralischen Konflikte beruhen auf sachlichen Differenzen“82 und lassen sich leichter lösen, wenn wir die Wertediskussion vermeiden und zur Sachdiskussion übergehen. Er wies darauf hin, dass diese Ethik im praktischen Leben längst existiert, „obgleich sie selten formuliert und bewusst verstanden worden ist, jedenfalls sind es sehr wenige, die sie bewusst verstanden haben“83.

Was sie zur theoretischen und praktischen Ethik beiträgt, ist, das „sie eine enge Verbindung zwischen der sehr abstrakten Epistemologie und unserer Lebensweise herstellt“84.

Popper selber hat ihr keinen Namen gegeben. Bescheiden sagte er:

„Ich will nicht den Eindruck erwecken, ich könnte alle epistemologischen Fragen beantworten, die mit Ethik zusammenhängen“85.

Aber da diese ethische Methode in der Lage ist, auf relativ einfache Weise viele konkrete moralische Probleme des individuellen und des sozialen Lebens zu lösen, hat sie einen eigenen Namen verdient, nämlich epistemologische oder tatsachenorientierte Ethik 86.

Konkrete moralische Probleme in Tatsachenprobleme umwandeln

Zur Illustration dieser Methode hier noch einige Beispiele:
  1. (1)

    Rauchen, Drogen, Alkohol. Die moralische Verdammung der Süchtigen soll auf diese und auf andere abschreckend wirken. Aber entscheidend sind die Fakten. Bei allen Abhängigkeiten wie Drogensucht und Alkoholismus hilft besseres Wissen über die Gesundheitsschädigung weiter. Die Erkenntnis, dass man sich selber schweren Schaden zufügt, ist wirksamer und leichter begründbar als moralische Appelle oder gesellschaftliche Ächtung.

     
  2. (2)

    Pränatale Tötungen. Die Frage der Tötung von Embryonen oder Föten hängt ganz stark von dem Wissen darüber ab, ob diese Wesen lange vor der Geburt schon Gefühle oder gar Wünsche haben können. Sie hängt auch von dem Wissen ab, wie wir vergleichsweise mit dem Leben von Millionen ungewünschter Kinder umgehen, die nur zum Leiden und Sterben geboren werden. Hat man alles Wissen zusammengetragen, ist die moralische Debatte sehr viel einfacher. Den Wert oder Unwert von beschädigtem Leben muss man dann nicht diskutieren.

     
  3. (3)

    Religion. Richard Dawkins pflegte seine religiösen Gesprächspartner zum Nachdenken zu bringen, indem er sie fragte, ob sie an Dinge, die in der Bibel stehen, wörtlich glauben wie etwa Jungfrauengeburt, Über-Wasser-Wandeln, Schöpfung in sechs Tagen. Wenn sie das für Tatsachen halten, dann kann man über diese Tatsachen diskutieren. Wenn es Gleichnisse sind, die von Priestern ausgelegt werden müssen, dann verkünden sie keine Wahrheiten mehr, und man kann über alternative Auslegungen diskutieren.

     
  4. (4)

    Antisemitismus und Rassismus. Der Antisemitismus und jeder andere Rassismus beruhen auf falscher Biologie: Es gibt keine Menschenrassen. Das lässt sich wissenschaftlich klären. Auch, ob die Hautfarbe bei der Ausübung eines Berufes oder einer Sportart eine Rolle spielt, ist eine Sachfrage, die leicht geklärt werden kann.

     
  5. (5)

    Hass beruht oft auf Verschwörungstheorien. Die Aufklärung darüber, dass fast jede Handlung unbeabsichtigte, von niemandem zu verantwortende Nebenwirkungen hat, könnte helfen, moralischen Groll durch die Diskussion von Sachfragen abzubauen87.

     
  6. (6)

    Fanatismus beruht auf der Überzeugung, die Wahrheit ganz sicher zu wissen. Das ist immer ein Irrtum. Wir können die Wahrheit zwar besitzen, aber ihrer niemals sicher sein88. Wir können deshalb auch nie sicher sein, ob nicht der andere Recht hat. Dieser Sachverhalt – Wahrheit ist möglich, nicht aber sichere Wahrheit – ist wenig bekannt, und Aufklärung darüber wird zu mehr Toleranz führen.

     
  7. (7)

    Ausländerfeindlichkeit beruht oft auf der Angst, der Lebensraum reiche nicht für alle, die Arbeitsplätze seien in Gefahr, Terrorismus und Gewalt würden eingeschleppt. Obgleich Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus moralisch bedenkliche Haltungen sind, ist es wirksamer, nicht diese Haltungen anzugreifen, sondern über die dahinterstehenden Fakten zu sprechen: Wo tauchen physische Probleme auf und wie können sie gelöst werden? Hat nicht die Geschichte der Menschheit immer wieder gezeigt, dass im gleichen Lebensraum sich Tausende von Lebensweisen etablieren lassen, die komplexes und gedrängtes Zusammenleben auf relativ angenehme Weise möglich machen?89

     
  8. (8)

    Verbrechen verhindern. Rechtzeitig vermitteltes Wissen kann kriminelles Verhalten verhindern. Ein Beispiel ist der Seitenwechsel des ungarischen Neo-Naziführers Csanád Szegedi, der für seine Jobbik-Partei im Europäischen Parlament saß. Als der militante Antisemit mit 30 Jahren erfuhr, dass die Eltern seiner Mutter Juden waren und er gar nicht leben würde, wenn seine Großmutter nicht Auschwitz überlebte hätte, fing er an, sich mit den Taten seiner Nazi-Vorbilder zu beschäftigen. Durch das neue Wissen wurde ihm klar, dass er verbrecherische Ansichten vertreten hatte. Er entschuldigte sich beim Budapester Chabad-Rabbiner Slomó Köves90. Das Wissen hatte sich als stärker erwiesen als lang gehegte Überzeugungen.

    Statt auf Läuterung zu hoffen, sollte man den Verbrecher öfter mit Tatsachen konfrontieren oder mit dem betroffenen Opfer und den Angehörigen, damit er fühlen kann, was er mit seiner Tat angerichtet hat91.

     
  9. (9)

    Krieg, Terror und andere Verbrechen beruhen seitens der Täter oft auf einem Mangel an Vorstellungskraft in Bezug auf die Folgen. Es ist sicher nicht leicht, solche Wissensdefizite zu beseitigen, aber es ist leichter, als die moralischen Defekte und falschen Wertvorstellungen der Täter zu korrigieren92.

     

Tatsachen über Intuition und Moralempfindungen

Eine weitere Tatsache ist relevant: Zwischen moralischen Fragen und Sachfragen gibt es auch fundamentale Ähnlichkeiten. Wer zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden kann, ist so wenig zu überzeugen wie der, der nicht zwischen Gelb und Grün unterscheiden kann. Beide werden nicht auf Argumente hören: „Was können wir tun? – Nichts“, sagt Popper, und das ist in der Ethik nicht anders als in der Physik. Also bleibt nur, zuallererst beide Parteien dazu zu bringen, sich auf Argumente und auf das, was andere sagen, einzulassen93 und einzusehen, dass „die Welt der Ethik in einem etwas größeren Maße unsere eigene Erfindung ist als die physische Wirklichkeit“94. Für den Unterschied zwischen Gut und Böse „haben manche Menschen einen sehr hoch entwickelten ‚moral sense‘, ein größeres moralisches Empfinden“95. Diese Intuitionen können sich im Lauf des Lebens weiterentwickeln, ja sie müssen weiterentwickelt werden. Popper stimmt in diesem Sinne der Moral-Sense-Ethik 96 und dem Intuitionismus 97 zu: Es gibt tatsächlich solche Intuitionen des Guten und Bösen. Aber er fügt sofort warnend hinzu: „Das Wichtigste, was es über Intuitionen zu wissen gibt, ist, dass sie falsch sein können“; sie sind keine letzten Instanzen98.

Prüfungen unserer Intuitionen setzen die Entscheidung zur Vernunft voraus. Das Problem ist nun herauszufinden, wie es uns gelingen kann, unsere Intuitionen in Frage zu stellen, sie zu diskutieren und eventuell über sie etwas dazuzulernen. Um uns oder wen auch immer zu dieser Entscheidung zu bewegen, sieht Popper zwei Tatsachen, die vermutlich auch bei moralischen Entscheidungen ihre Wirkung auf uns nicht verfehlen werden.

Tatsachen über Fehlbarkeit und Lernfähigkeit

Die eine Tatsache, die in dieser tatsachenorientierten Ethik eine Rolle spielt, ist, dass wir alle fehlbar sind, dass niemand die Wahrheit wissen kann99. Das hat Konsequenzen für die moralische Diskussion. Denn wer seine Fallibilität einsieht, wird vermuten, dass der andere vielleicht Recht hat. Diese Einsicht könnte uns von der typischen Rechthaberei befreien, in die wir alle in moralischen und politischen Debatten so oft verfallen. Einfach durch das Wissen, dass niemand die Wahrheit besitzen kann, wird man von moralisierender Unnachgiebigkeit auf den Weg des Argumentierens gebracht.

Die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit ist keine Schwäche, sondern eine Tugend, denn eine weitere Tatsache ist, dass wir überall lernen können, so dass unser Wissen immer umfassender und immer besser wird. Das ist ein Wunder, und dieses Wunder wird man nie erklären können; man sollte es auch gar nicht versuchen, sagt Popper. Kant hatte es versucht, und das war einer seiner größten Fehler100. Unser Wissen nimmt ständig zu; das Wissen der Wissenschaft wächst, und unser eigenes Wissen wächst, wenn wir das Gespräch mit anderen suchen. Daher ist Poppers Devise: ‚Learn from discussion!‘ Aus jeder Diskussion kommen wir klüger heraus als wir hineingegangen sind, auch wenn wir mit Menschen diskutieren, die weniger wissen als wir101.

Diese beiden Tatsachen – Fehlbarkeit und Lernfähigkeit – können in der Ethik dieselbe Rolle spielen wie in den Wissenschaften: Wir können immer irren, aber wir können auch immer aus dem Irrtum lernen und unser Wissen verbessern. Wenn wir das einsehen, dann gibt es einen Ausweg aus festgefahrenen ethischen Diskussionen, in denen einer gut findet, was für den anderen böse ist, und jeder glaubt, seine Intuitionen müssten wahr sein, weil sie das einzige sind, was ihm oder ihr einleuchtet. Wenn wir dagegen unsere Fehlbarkeit einsehen und unsere ethischen Intuitionen auch dann nicht als Wahrheitsquellen betrachten, wenn wir das unabweisbare Gefühl haben, dass sie wahr sind, dann werden wir daran interessiert sein zu erfahren, was andere denken, und wir werden offen sein für die Diskussion mit ihnen.

Nachwort und Zusammenfassung

Popper hat so viele interessante Beiträge zu Ethik und Moral geliefert, dass ich sie als Teil eines vierten, wenn auch sehr verstreut publizierten Hauptwerkes einstufe. Seine ersten beiden Hauptwerke sind gut bekannt: Mit der Logik der Forschung und der Offenen Gesellschaft hatte sich Popper schon in den 1950er-Jahren einen Namen als Wissenschaftstheoretiker und Sozialphilosoph gemacht. Sein drittes Hauptwerk, das mit drei Büchern und Dutzenden von Vorträgen und Aufsätzen102 die Evolutionsbiologie, das Leib-Seele-Problem und seine Welt 3-Lehre einschließt, wurde in der Philosophie kaum und in der Biologie erst zwei Jahrzehnte nach seinem Tod ernst genommen103.

Ich hoffe, dass es mir trotz der vorgegebenen Kürze gelungen ist, mit der Darstellung von Karl Poppers drei theoretischen Ethiken ein weiteres Mal104 eine Antwort auf die so lange offen gebliebenen Fragen gegeben zu haben, ob eine rationale Ethik möglich ist (Keuth105) und ob der kritische Rationalismus nur ein ‚halbierter Rationalismus‘ geblieben ist (Habermas106).

In Anspielung auf Habermas muss ich zugeben, dass der vorliegende Aufsatz tatsächlich nur eine ‚halbierte Popper-Ethik‘ ist: Lediglich einen Teil von Poppers zirka siebzig Arbeiten zu Ethik und Moral konnte ich hier berücksichtigen. Die zweite Hälfte, ‚Karl Poppers Beiträge zur politischen und praktischen Moral‘, plane ich separat zu publizieren107.

Zum Schluss möchte ich Poppers theoretische Ethiken – übervereinfacht, aber leicht merkbar – in drei Maximen zusammenfassen:
  1. (1)

    Neg-Utilitarismus: Politiker, versprich nicht den Himmel auf Erden, sondern hilf, die Übel dieser Welt zu vermindern, als da sind Krieg und Terror, Hunger und Armut, Unfreiheit und Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Erniedrigung!

     
  2. (2)

    Problemlösungsethik: Verstehe moralische Werte und Regeln als Problemlösungsversuche unter Zeitdruck und suche daher, wo es möglich ist, gründlicher nach der adäquaten Problemlösung für alle Betroffenen!

     
  3. (3)

    Epistemologische Ethik: Löse bei moralischen Konflikten immer zuerst die mit ihnen verknüpften Sachprobleme!

     

Fußnoten

  1. 1.

    Popper 2012, S. 61.

  2. 2.

    Salamun 2002, S. 26.

  3. 3.

    Shearmur 1996, Kap. 4, S. 89; Pralong 1999.

  4. 4.

    Keuth 2000.

  5. 5.

    Miller 1985/1995.

  6. 6.

    Shearmur 2016.

  7. 7.

    Albert 1968, Kap. 3; 1972, Kap. II; 1977, Kap. II; 1978, bes. Abschn. 3 und 4; 1995; 2000, Kap. II; 2001.

  8. 8.

    Niemann 1993a, b, 1995, 2001, 2008, 2009, 2010a, c, 2013.

  9. 9.

    Über „Poppers ungeschriebene Ethik“ schreibt Jakovljević 2017, er nenne sie so, weil „nicht nur von Popper selbst, sondern auch von … kritischen Rationalisten kein systematisches Werk in Buchform … verfasst worden ist.“ Er erwähnt Niemann 2009, nicht aber die beiden Monografien Niemann 1993a, 2008.

  10. 10.

    Habermas 1964.

  11. 11.

    Hans Jürgen Wendel hält den Habermas-Vorwurf für nicht unbegründet (Wendel 1994, S. 353). Herbert Keuth schreibt: „Nach Lage der Dinge gibt es keinen Grund anzunehmen, dass eine rationale Ethik möglich sei“ (Keuth 1994, S. 300).

  12. 12.

    Eine Auswahl in zeitlicher Reihenfolge: Aleksandrowicz 1989; Niemann 1993a; Shearmur 1996, Kap. 4; Pralong 1999, Kap. 9; Artigas 1999; Alt 2001, Kap. „Ethik“; Lütge 2001, 2002, 2003; Kiesewetter/Zenz 2002; Zecha 2002; Koertge 2009; Shearmur 2009.

  13. 13.

    Niemann 2004/2006 mit zirka achtzig Einträgen zur Ethik, die auf Fundstellen bei Karl Popper und Hans Albert verweisen.

  14. 14.

    Popper 1934, S. 18; Popper 1945/2003, Kap. 24, III.

  15. 15.

    Hochkeppel 1992.

  16. 16.

    Poppers Ethik, weiterentwickelt zu einer wissenschaftlichen Ethik (Niemann 2001, 2009, 2010c) kann hier aus Platzgründen nicht behandelt werden.

  17. 17.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 9, Anm. 11, S. 373.

  18. 18.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, Anm. 18 (1), S. 321.

  19. 19.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, Anm. 18 (1), S. 321.

  20. 20.

    Shearmur und Turner 2008. Das Zitat ist aus Shearmur 1996, Kap. 4, S. 103.

  21. 21.

    Popper 1945/2003, Kap. 24, III.

  22. 22.

    Brief Popper an Rev. Michael Sharrett, 1974, zitiert in Shearmur und Turner 2008, S. xiv.

  23. 23.

    Popper 1946, S. 120.

  24. 24.

    Popper 1946, S. 120.

  25. 25.

    Popper 1961, Abschn. 18.

  26. 26.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, S. 88; Zitat aus Anm. 18.

  27. 27.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, Anm. 18, S. 321–322.

  28. 28.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, Kap. 11, Anm. 49 (3).

  29. 29.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, Anm. 18 (1).

  30. 30.

    Zu Poppers Gewissensethik: Niemann 2010a.

  31. 31.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, Kap. 24, III.

  32. 32.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, Kap. 24, S. 273.

  33. 33.

    Popper 1963/2009, Kap. 18, S. 545; Popper 2015, Kap. I, Abschn. 2, S. 28.

  34. 34.

    Niemann 2004/2006, Eintrag ‚Wahrheit‘.

  35. 35.

    Siehe Abschn. „Poppers epistemologische Ethik“ unten.

  36. 36.

    Popper 1974a, Kap. 40, 7. Absatz.

  37. 37.

    Popper 1940, S. 62.

  38. 38.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, S. 263 und 278.

  39. 39.

    Popper mündlich zum Autor am 27.02.1994; die Literatur bis 1994 bestätigt das Manko.

  40. 40.

    Relativismus ist der Glaube, dass unterschiedliche Wahrheiten akzeptiert werden müssen, weil sie entweder gleichwertig oder unvergleichbar sind; siehe Niemann 2004/2006, Eintrag ‚Relativismus‘.

  41. 41.

    Niemann 1993b, Abschn. 14; Niemann 2008, Teil III, Abschn. 9.8 und Nachwort Nr. (16), S. 224.

  42. 42.

    Popper 1946, S. 118.

  43. 43.

    Popper 1946, S. 120.

  44. 44.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, Kap. 25, S. 324.

  45. 45.

    Die Hauptvertreter sind Jeremy Bentham und John Stuart Mill.

  46. 46.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, Anm. 6; Kap. 9, Anm. 2; Bd. 2, Kap. 11, Anm. 62; Bd. 2, Kap. 25, S. 324; Popper 1946, S. 118; Popper 1961, Abschn. 13; Popper 1963/2009, Kap. 16, XI; Popper 2015, Kap. 7, S. 124. Zur Diskussion des Neg-Utilitarismus siehe Shearmur 1996, Kap. 4; Pralong 1999, Kap. 9; Kaufmann 2004; Kadlec 2008.

  47. 47.

    Smart 1958, diskutiert in Kadlec 2008, Zusammenfassung, Punkt 3.

  48. 48.

    Popper 1946, S. 118.

  49. 49.

    Popper 1946, S. 121.

  50. 50.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 11, Anm. 62.

  51. 51.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, Kap. 24, Abschn. III, S. 277.

  52. 52.

    Popper 1961, Nr. 13, S. 350.

  53. 53.

    Popper 2015, Kap. 7, S. 124.

  54. 54.

    Schopenhauer 1839/40, S. 177, 199, 240, 251.

  55. 55.

    Popper 1961, letzter Absatz von Abschn. 9.

  56. 56.

    Ethik-relevant sind in Popper 1961 besonders das Vorwort und die Abschn. 13, 15, 16 und 18. An kritischen Stellen übersetze ich aus dem englischen Original. Referiert wird die entsprechende Seite der 7. deutschen Auflage von Popper 1945/2003.

  57. 57.

    Popper 1961, 1974b, S. 1158.

  58. 58.

    Popper 1961, Abschn. 12 und 13.

  59. 59.

    Popper 1961, Vorwort des Anhangs; auch Popper 2012, S. 61.

  60. 60.

    Popper 1961, Abschn. 12 und 13.

  61. 61.

    Popper 1961, Abschn. 13, 6. Absatz.

  62. 62.

    Popper 1961, Abschn. 13, S. 350.

  63. 63.

    Popper 1961, Abschn. 13, S. 350.

  64. 64.

    Popper 1961, Abschn. 13, S. 350–351, das Zitat in Abschn. 13, letzter Satz. Siehe auch Popper 1974b, S. 1158.

  65. 65.

    Hochkeppel 1992.

  66. 66.

    Hochkeppel 1992, Typoskript, S. 19; Tonband, Spur 14.

  67. 67.

    Hochkeppel 1992, S. 22 und 44.

  68. 68.

    Magee 1996. Vergleiche dazu: Niemann 1993a und Poppers Bemerkungen über mein Buchmanuskript Vernunft als Wille zur Problemlösung in Popper 1992, Blatt 16.

  69. 69.

    Zur ‚Welt 3‘ siehe Popper 2012 und in vorliegendem Band die Kap. 6 und 24.

  70. 70.

    Siehe Popper 1984, 1994, 2012, 2015. Ein diesbezüglicher, chronologischer Führer durch Poppers Werke in Niemann 2012.

  71. 71.

    Popper 1972/1995, Kap. 3, Abschn. 3; Kap. 4, Abschn. 6; Kap. 6, Abschn. 18; Kap. 7, Abschn. 1; Kap. 8, Text vor Abschn. 1; Popper 1963/2009, Kap. 10, Abschn. 1, VI; Popper 1994, Kap. I.

  72. 72.

    Niemann 2008, Teil III, Abschn. 9.4.

  73. 73.

    Die kritisch-rationale Ethik übernimmt von Schopenhauer, dass nicht die Erfindung einer neuen Norm, sondern fast immer deren Durchsetzung das schwierigste Problem aller Ethik ist: Schopenhauer 1839/1840, § 2, S. 154; Niemann 2010b, 2008, Abschn. 11, Nr. 6 im Nachwort sowie Anhang I, Nr. 10.

  74. 74.

    Mit ‚strategischen Verkürzungen‘ ist gemeint: Um Moral durchzusetzen, muss sie kurz und prägnant formuliert werden, zum Beispiel in der ‚Goldenen Regel‘. Dafür nimmt man Ungenauigkeiten in Kauf, die zur Folge haben, dass die beste moralische Problemlösung nicht ganz erreicht wird: siehe Niemann 2008, Abschn. 10.

  75. 75.

    Zur Unterscheidung moralischer Werte und Lebenswerte, siehe Popper 1946, S. 118; Niemann 2008, Teil III, S. 139–141, 224, 253–254.

  76. 76.

    Unproblematisches als vorläufig letztes Argument: Popper 1930, S. 427; Niemann 2004/2006, Eintrag ‚unproblematisch‘; Niemann 2008, Teil I, Kap. 2.3 und 4.3.

  77. 77.

    Albert 1968, Abschn. 2.

  78. 78.

    Hume 1739/1740, Buch II, Teil III, Abschn. III, S. 460.

  79. 79.

    Popper 1945/2003, Bd. 1, Kap. 5, III, 1. Satz.

  80. 80.

    Im Nachrichtensender CNN, 24. Sept. 2012.

  81. 81.

    Popper 1960b.

  82. 82.

    Popper 1960a, S. 10.

  83. 83.

    Popper 1960b, S. 16.

  84. 84.

    Popper 1960b, S. 16.

  85. 85.

    Popper 1960b, S. 10.

  86. 86.

    Eine analoge Wortbildung verwendet Popper im „epistemologischen Optimismus“: Popper 2016, Kap. 4, Abschn. XII, S. 75.

  87. 87.

    Popper 1945/2003, Bd. 2, S. 112 f.

  88. 88.

    Popper 1972/1995, Kap. 2, Abschn. 6; Popper 1961, Abschn. 4.

  89. 89.

    Niemann 2017.

  90. 90.

    Wikipedia 20. Nov. 2017.

  91. 91.

    Popper 1960a, S. 23.

  92. 92.

    Popper 1960a, S. 23, 1960b, S. 5.

  93. 93.

    Popper 1960b, S. 5.

  94. 94.

    Popper 1960b, ich interpretiere hier die Seiten 1 bis 9, Zitat S. 1.

  95. 95.

    Popper 1960b, S. 9.

  96. 96.

    Moral-Sense-Theorie: Die beispielsweise von David Hume und Adam Smith vertretene These, dass wir eine natürliche Anlage besitzen, das moralisch Richtige zu erkennen.

  97. 97.

    Der ethische Intuitionismus, beispielsweise von G. E. Moore in Principia Ethica (1903), behauptet, dass wir ein intuitives Erkenntnisvermögen für moralische Werte besitzen.

  98. 98.

    Popper 1960a, S. 6–7.

  99. 99.

    Popper 1930, Einleitung von 1978; Popper 1961, Abschn. 4 und 5; Popper 1963/2009, Kap. 10.

  100. 100.

    Popper 1960b, S. 14–15.

  101. 101.

    Popper 1960b, S. 16 f.

  102. 102.

    Die drei Werke sind Knowledge and the Body-Mind Problem (1994), Das Ich und sein Gehirn (1977), beide in Popper 2012, und der größere Teil in Objektive Erkenntnis (1972) in Popper 1972/1995. Siehe dazu das Kapitel „Karl Poppers Spätwerk und seine ‚Welt 3“‘ in diesem Band.

  103. 103.

    Denis Noble bedauert in Physiology News die allzu späte Entdeckung von Poppers Arbeiten zur Evolutionsbiologie und dessen Kritik an der gen-zentrierten Biologie: Noble 2014.

  104. 104.

    Die erste ausführliche Darstellung von Poppers Problemlösungsethik in Niemann 1993a; ein Rückblick in Niemann 2008, Nachwort, S. 213–225.

  105. 105.

    Keuth 1994.

  106. 106.

    Habermas 1964.

  107. 107.

    Geplant für Aufklärung und Kritik 2019.

Notes

Danksagung

‚KPS A:B‘ steht für Karl Popper-Sammlung, Universitätsbibliothek Klagenfurt, Box A, Folder B. Ich danke der KPS und Manfred Lube für die Erlaubnis, aus dem Archivmaterial zitieren zu dürfen, sowie Nicole Sager und Lydia Zellacher für die Unterstützung bei meiner Archivarbeit. Zitate aus englischen Texten habe ich für diesen Band ins Deutsche übersetzt.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018

Authors and Affiliations

  • Hans-Joachim Niemann
    • 1
  1. 1.PoxdorfDeutschland

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