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Karl Poppers intellektuelle Biographie

  • Robert ZimmerEmail author
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Part of the Springer Reference Geisteswissenschaften book series (SPREFGEIST)

Zusammenfassung

Die intellektuelle Entwicklung Karl Raimund Poppers vollzog sich vor dem Hintergrund sowohl der metaphysikkritischen Erneuerung der Philosophie als auch der politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Sozialisiert im Umkreis der Wiener Moderne entstand in der Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis Poppers kritisch rationale Theorie des Wissens. Nach einem mehrjährigen Exil in Neuseeland, wo er seine Theorie der offenen Gesellschaft entwickelte, wurde Popper nach dem Krieg in Großbritannien zu einem international renommierten Denker, der sich in seiner Spätphase metaphysischen Themen zuwandte.

Schlüsselwörter

Wiener Sozialisation Theorie des Wissens Exil und Offene Gesellschaft London School of Economics Drei-Welten-Theorie 

Milieu und Erziehung (1902–1918)

Karl Raimund Popper entstammt dem assimilierten jüdischen Bürgertum Wiens. Familiär geprägt von kultureller Offenheit und politischer Liberalität fällt seine intellektuelle Erziehung mitten in die Umbrüche der Wiener Moderne, die die Endphase der Donaumonarchie und die Jahre der ersten österreichischen Republik prägten.

Der Vater, Simon Carl Siegmund Popper (1856–1932), war einer der angesehensten Rechtsanwälte der Stadt und Freund und Associé des letzten liberalen Wiener Bürgermeisters Raimund Grübl, eine Freundschaft, der der Sohn seinen zweiten Vornamen verdankt. Ursprünglich war die Familie im mittelböhmischen Kolin ansässig. Der ebenfalls aus Kolin stammende Erfinder, Sozialphilosoph und Schriftsteller Josef Popper, der sich als Autor Popper-Lynkeus nannte, war ein entfernter Verwandter der Familie. Der Großvater Poppers väterlicherseits, Israel Popper, zog Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Familie nach Raudnitz an der Elbe (Roudnice nad Labem), wo sein Sohn Simon, Poppers Vater, geboren wurde. Nach mehreren Wechseln des Wohnorts ließ sich die Familie schließlich in Wien nieder. Hier gelang Simon Popper der Aufstieg in die Mittelschicht.

1892 heiratete er in der Wiener Hauptsynagoge Jenny Popper, geb. Schiff. Die Familie Schiff, väterlicherseits aus Schlesien und mütterlicherseits aus Ungarn stammend, gehörte dem Großbürgertum an. Sie war Inhaber einer Schirmfabrik und in der Wiener Kultur- und Musikszene eine feste Größe. So gründeten die Großeltern Poppers die einflussreiche „Gesellschaft für Musikfreunde“. Poppers Großvater mütterlicherseits, Max Schiff (1829–1903) trug den Titel „Kaiserlicher Ratsherr“. Mit den Schiffs öffnete sich für Simon Popper das Tor zur guten Gesellschaft Wiens.

1893 wurde die erste Tochter Dorothea Emilie, 1898 die zweite Tochter Anna Lydia geboren. Im gleichen Jahr zog die Familie in den ersten Bezirk, in das Haus des inzwischen verstorbenen Raimund Grübl, wo Simon Popper auch dessen Kanzlei übernahm. 1900 konvertierte er mit seiner Familie zum Protestantismus, sodass auch der Sohn Karl Raimund, geboren am 28. Juli 1902, protestantisch getauft wurde. Für den Vater war damit der letzte Schritt zur Assimilation getan. Den Zionismus lehnte er ab. Auch für Karl Popper hat jüdische Identität in seinem Leben keine Rolle mehr gespielt.

Simon Popper war ein gebildeter und engagierter Freigeist, der sich auch politisch und publizistisch betätigte. Er war „Meister vom Stuhl“ der Freimauerloge „Humanitas“, was allerdings nicht öffentlich werden durfte. Freimaurerlogen waren in Österreich noch nicht legalisiert. Ironischerweise war es gerade das von der Loge geforderte soziale Engagement, das ihm staatliche Ehrungen und Auszeichnungen einbrachte.

Der promovierte Jurist besaß eine umfangreiche, 12000 bis 14000 Bände umfassende Bibliothek, die nicht nur eine ganze Reihe philosophischer Klassiker, sondern auch alle wichtigen Theoretiker des sozialistischen und liberalen Denkens enthielt und für seinen Sohn eine Quelle der Anregung bleiben sollte. Darwin und Schopenhauer hingen als Porträts an der Wand. Als Anhänger John Stuart Mills war Simon Poppers Selbstverständnis das eines kosmopolitischen Reformers im Geist des Liberalismus des 19. Jahrhunderts.

Sehr früh entwickelte der junge Karl Popper auch eigene weltanschauliche Positionen. Bereits im Alter von 12 Jahren kam er unter den Einfluss monistischer und sozialistischer Ideen, wie sie u. a. von Josef Popper-Lynkeus, Otto Neurath, einem Mitglied des Wiener Kreises, und vor allem von dem zwanzig Jahre älteren Arthur Arndt vertreten wurde, mit dem Popper sich in dieser Zeit anfreundete. Aus diesem Einfluss erwuchs das Interesse für naturwissenschaftliche, philosophische, aber auch gesellschaftliche Fragen, das sich früh in seinem Eintreten für soziale Gerechtigkeit und seinen Sympathien für den Sozialismus äußerte.

Während Simon Popper die philosophischen und politischen Interessen seines Sohnes weckte, förderte die Mutter seine künstlerischen Neigungen. Außerordentlich einflussreich war die musikalische Erziehung. Die Familie Schiff hatte zahlreich Kontakte zur musikalischen Welt Wiens. Der Dirigent Bruno Walter gehörte zur weitläufigen Verwandtschaft. Jenny Popper war eine sehr gute Pianistin und konnte die Liebe zum Klavierspiel und zur klassischen Musik auf ihren Sohn übertragen. Im Rückblick bezeichnete Popper die Musik als „eines der dominierenden Themen meines Lebens“ (Popper 2012b, S. 71).

Poppers Schulbildung verlief nicht ganz geradlinig. Vom sechsten bis elften Lebensjahr schickte ihn sein Vater auf die sogenannte „Freie Schule“, eine für die damalige Zeit progressive Privatschule. Während er hier Anerkennung und Förderung erfuhr, machte der junge Popper in seiner Gymnasialzeit eher schlechte Erfahrungen. Ab 1913 besuchte er zunächst das Realgymnasium im Dritten Bezirk, von wo er 1914 auf das näher gelegene humanistische Franz-Josef-Gymnasium im Ersten Bezirk wechselte. Hier hatte er es mit den Anfeindungen eines antisemitischen Lateinlehrers und dem allgemein verbreiteten chauvinistischen Klima während des Ersten Weltkriegs zu tun. Er verließ die Schule und kehrte schließlich im Herbst 1917 auf das Realgymnasium zurück. Als Pazifist und Sozialist kam er jedoch auch dort mit den Autoritäten in Konflikt. 1918 verließ er auf eigenen Wunsch die Schule ohne Matura (Abitur) und schrieb sich als Gasthörer an der Wiener Universität ein.

Studium und gesellschaftliches Engagement (1918–1929)

Poppers Abgang von der Schule fiel mit dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie zusammen. Die Familie hatte ihr Vermögen verloren, die wohlsituierte bürgerliche Vorkriegswelt war Vergangenheit. Popper war gezwungen, sich seinen Lebensunterhalt eigenständig zu finanzieren. Er ergriff aber auch die Chance, sich an den Aufbruchs- und Reformprojekten zu beteiligen, die das gesellschaftliche Klima im „roten Wien“ der Nachkriegsjahre bestimmten. Gleichzeitig war die Stadt ein Zentrum der ästhetischen Avantgarde und neben Cambridge das europäische Zentrum einer erneuerten wissenschaftsorientierten Philosophie.

Poppers Studien- und Ausbildungsjahre wurden Jahre der Lebensexperimente im Dienst gesellschaftlicher Reformen. Politisch ein aktiver Sozialist, nahm er ebenso regen Anteil an den neuen Entwicklungen in der Wissenschaft und Philosophie, wie sie u. a. in Einsteins Relativitätstheorie, in der Erneuerung der Logik oder in der Metaphysikkritik des Logischen Positivismus sichtbar waren.

Im Dezember 1918 gründete sich die „Vereinigung sozialistischer Mittelschüler“, deren Mitglied Popper wurde. Sie stand ideologisch der KPDÖ, der Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs, nahe. Bis in den Sommer 1919 betrachtete Popper sich als Kommunist, obwohl er vermutlich kein eingeschriebenes Parteimitglied war. Seine Abkehr vom Kommunismus hing direkt mit den Ereignissen in der Wiener Hörlgasse im Juni 1919 zusammen. Tausende Kommunisten, unter ihnen Popper, wollten dort die Freilassung inhaftierter Parteimitglieder erzwingen, die am Tag zuvor verhaftet worden waren. Es kam zur direkten Konfrontation mit der Polizei, in deren Verlauf es eine zweistellige Zahl von Toten und zahlreiche Verletzte gab. Die Führung der Kommunistischen Partei rechtfertigte die Opfer im Dienst eines notwendigen gesellschaftlichen Fortschritts in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft. Für den jungen Popper war dies eine zynische Position. Er wandte sich in den Folgejahren vom Kommunismus ab, blieb dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit aber verpflichtet. Nach eigener Aussage war Popper bis zu seinem 30. Lebensjahr Sozialist (Stark 1971, S. 9), und er blieb bis in die 1930er-Jahre Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Lebenskulturell wurde Popper auch stark von der Jugendbewegung geprägt. Er war Mitglied der pazifistisch und sozialistisch orientierten Jung-Wandervogel-Bewegung. Die Ablehnung verkrusteter Konventionen, die Liebe zum Wandern und zur Natur oder eine gesunde Ernährung – so der Verzicht auf Alkohol – prägten Poppers Lebensstil bis ins Alter.

Neben seinen politischen Aktivitäten verfolgte der junge Popper vielfältige Bildungsinteressen. Er hörte die Vorlesung Albert Einsteins 1919 in Wien, aber auch Vorträge des Individualpsychologen Alfred Adler, in dessen Erziehungsberaterstellen in Wiener Arbeitervierteln er eine Zeitlang arbeitete. Einer seiner damaligen Freunde, der Mathematikstudent Max Elstein, führte ihn in die Einsteinsche Theorie ein. Einstein, der seine Prognosen bewusst einer kritischen Überprüfung aussetzte, blieb für Popper immer ein wissenschaftliches Vorbild und einer der Väter einer kritisch-rationalen Haltung. Im Gegensatz dazu kritisierte er immer wieder die Neigung der Vertreter der Psychoanalyse, ihre Argumente gegenüber Kritik zu immunisieren.

Im Winter 1919/20 zog Popper in die sogenannten „Grinzinger Baracken“, ein ehemaliges Militärhospital, in dem mittellose Intellektuelle und kommunistische Exilanten aus Bayern und Ungarn Zuflucht gefunden hatten. Die Baracken entwickelten sich zu einem sozialistischen Wohnprojekt, in dem Poppers Interesse für Erziehungsfragen geweckt wurde. Während seiner Grinzinger Zeit war Popper auch einem ungarischen Kommunisten behilflich, die deutsche Übersetzung von Lenins Materialismus und Empiriokritizismus (Stadler 1997, S. 206) sprachlich zu überarbeiten. Lenins Buch, das er auch später immer positiv erwähnte, hatte bleibenden Einfluss auf Poppers erkenntnistheoretischen Realismus.

Wie viele junge Sozialisten suchte der junge Popper den Kontakt mit der proletarischen Arbeitswelt. Im Laufe des Jahres 1920 arbeitete er für kurze Zeit im Straßenbau, was er körperlich jedoch nicht aushielt. Eine 1922 begonnene Lehre als Tischler schloss er 1924 ab, ohne allerdings jemals in diesem Beruf zu arbeiten.

Gleichzeitig spielte Popper jedoch mit dem Gedanken, Musiker zu werden. Im Herbst 1919 wurde er Mitglied in Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“, dem Epizentrum der Wiener musikalischen Moderne. Schönberg entwickelte in jener Zeit seine Zwölftonmusik und seine Schüler Alban Berg und Anton von Webern wirkten hier als Lehrer. Popper blieb allerdings hier ein Außenseiter, und er entwickelte eine Abneigung gegen die musikalische Avantgarde, der er vorwarf, einen verfehlten Fortschrittsgedanken in die Musik einführen zu wollen. Popper trennte sich 1921 von Schönbergs Verein und schrieb sich am Wiener Konservatorium in der Abteilung Kirchenmusik ein. 1922 verließ er das Konservatorium und gab die Absicht, Musiker zu werden, endgültig auf.

1922 holte Popper im zweiten Anlauf als Externer die Matura nach. Im gleichen Jahr begann er seine akademische Ausbildung. Nun schrieb er sich als regulärer Student ein. Bereits in den Jahren zuvor hatte er als Gasthörer Vorlesungen in Mathematik, Physik, Psychologie und Philosophie gehört und sich mit pädagogischen und lernpsychologischen Problemen auseinandergesetzt. Großen Eindruck hinterließen vor allem die Vorlesungen bei Hans Hahn, der wie Whitehead und Russell die Mathematik auf eine logische Grundlage stellen wollte.

Poppers Universitätszeit verlief zweigleisig: Er betrieb intensive theoretische Studien sowohl an der Universität als auch an pädagogischen Lehrinstitutionen. Andererseits sammelte er praktische Erfahrungen bei der Arbeit in pädagogischen Einrichtungen. 1924 erwarb Popper in einer zweiten Matura die Befähigung zum Grundschullehrer. Da keine freie Lehrerstelle verfügbar war, arbeitete er für ein Jahr in einem Kinderhort. Neben seinen theoretischen Interessen sah sich Popper in dieser Zeit vor allem als Aktivist der Erziehungs- und Schulreform, wie sie z. B. von Siegfried Bernfeld (1892–1953) oder von Politikern wie Otto Glöckel (1874–1935) betrieben wurde.

Theoretische Anregungen in dieser Zeit erhielt er von dem Sozialtheoretiker Karl Polanyi (1886–1964) und von dem Philosophen Julius Kraft (1898–1960), der ihn mit den erkenntnistheoretischen Ansätzen des Kantianers Jakob Fries (1775–1843) und des Neokantianers Leonard Nelson (1882–1927) bekannt machte, eine Bekanntschaft, die Einfluss sowohl auf seine Lerntheorie als auch auf seine spätere wissenschaftstheoretische Methodologie ausüben sollte.

1925 schrieb sich Popper an dem von Glöckel neu gegründeten Pädagogischen Institut ein, in dem in einer zweijährigen Ausbildung theoretische Kenntnisse mit praktischer Lehrerfahrung verbunden werden sollten. Zum Leiter des Instituts hatte Glöckel Karl Bühler (1879–1964), einen aus der Schule Oswald Külpes hervorgegangenen Vertreter der Denkpsychologie, berufen. Bühlers Theorie von den drei Funktionen der Sprache, der Ausdrucks-, Kundgebungs- und Darstellungsfunktion – der Popper selbst noch die argumentative Funktion hinzufügte (Popper 2012b, S. 103) – wurde eine Inspiration für Poppers spätere Drei-Welten-Theorie. Vor allem blieb Bühler aber durch seine anregende Art des Lehrens und als Gesprächspartner für Popper prägend. Dies gilt auch für Heinrich Gomperz (1873–1943), der Philosophie an der Wiener Universität lehrte, und mit dem Popper Fragen der Erkenntnispsychologie diskutierte.

In seiner 1927 am Pädagogischen Institut vorgelegten Abschlussarbeit „Gewohnheit und Gesetzeserlebnis in der Erziehung“ greift Popper u. a. auf seine praktischen Erfahrungen zurück, die er in der Arbeit in Kinderhorten gemacht hatte. In dieser „empirisch-psychologischen Untersuchung“ (Popper 2006, S. 177) weist er daraufhin, wie stark sich Kinder an Regel- und Gesetzmäßigkeiten orientieren und dass die dabei feststellbaren Formen des dogmatischen Denkens als notwendige Vorstufe kritischen Denkens aufgefasst werden müssen, in dem dann Gesetzmäßigkeiten geprüft und gegebenenfalls verworfen werden.

Poppers Erörterungen bewegen sich hier aber noch ganz im Rahmen psychologischer Einstellungen. Eine Hinwendung zu Methodenfragen ist dagegen in seiner 1928 bei Karl Bühler und Moritz Schlick eingereichten Dissertation „Zur Methodenfrage der Denkpsychologie“ erkennbar, mit der er an der Universität zum Dr. phil. promoviert wurde, allerdings ohne Hinweise auf eine Induktionskritik und eine Falsifikationstheorie, wie er sie in seiner Wissenschaftstheorie entwickeln sollte.

Erste theoretische Vorentscheidungen waren jedoch gefallen: Einflüsse des Neukantianismus und der Denkpsychologie Bühlers hatten ihn zu der Überzeugung geführt, dass Lernen als Erwerb von Wissen ein aktiver, erwartungsgesteuerter Vorgang ist, bei dem „die Hypothese der Beobachtung oder der Wahrnehmung phylogenetisch und ontogenetisch vorausgeht.“ (Popper 2012b, S. 69)

Am Ende seines Studiums verstand sich Popper jedoch immer noch als reformorientierter, auf die praktisch-gesellschaftliche Arbeit hin orientierter Pädagoge. Eine Universitätskarriere hatte er noch nicht im Sinn. Mit der 1929 vorgelegten zweiten pädagogischen Abhandlung „Axiome, Definitionen und Postulate in der Geometrie“, in der er die Anwendbarkeit axiomatisch aufgebauter geometrischer Systeme auf die Realität diskutiert, erwarb er die Lehrbefähigung an Hauptschulen in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie. 1830 trat er eine Lehrerstelle im 15. Wiener Bezirk an.

Wiener Kreis und Theorie des Wissens (1929–1934)

Während seines Studiums am Pädagogischen Institut hatte Popper seine spätere Frau, Josefine Henninger (1906–1985), genannt „Hennie“, kennengelernt. Beide heirateten am 11.04.1930 in Wien, und beide sollten bis 1936 dort den Lehrerberuf ausüben. In der gleichen Zeit arbeitete Popper die Grundlagen seiner Wissenschaftstheorie aus und vollzog die endgültige Abkehr von einem psychologischen hin zu einem erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Ansatz. Poppers „Theorie des menschlichen Wissens“ (Popper 2012b, S. 130) entstand – häufig in Nachtarbeit – als Feierabendtätigkeit eines philosophisch und wissenschaftlich forschenden Pädagogen. Hennie Popper tippte die Manuskripte ab.

Popper entwickelte seinen eigenen philosophischen Ansatz in Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Wiener Kreis“, einem vom Positivismus Ernst Machs (1838–1916) und der Philosophie des frühen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) inspiriertem Netzwerk innovativer Wissenschaftler und Philosophen, dessen Ziel es war, die Philosophie auf der Grundlage einer „wissenschaftlichen Weltauffassung“ zu erneuern. Der Wiener Kreis wurde zur Geburtsstätte des metaphysikkritischen Logischen Empirismus bzw. Logischen Positivismus, der an die Stelle metaphysischer Spekulation jeden Erkenntnisanspruch einem empirischen „Sinnkriterium“ unterwerfen wollte, d. h. die Verifizierung von Aussagen durch Prüfung ihrer Sachhaltigkeit forderte.

Bereits während des Studiums hatte Popper die Schriften Machs, Hahns, Schlicks und Carnaps sowie Wittgensteins Tractatus gelesen. Für ihn war es, wie er formulierte, die „kritisch-rationale Auffassung von Philosophie“ (Popper 2012b, S. 127), die ihn von Anfang an mit dem Wiener Kreis verband, auch wenn er ihm selbst nie angehört hat. Dem Begründer und Organisator des Wiener Kreises, Moritz Schlick (1882–1936), war Popper bereits in dessen Eigenschaft als Dozent und Prüfer an der Wiener Universität begegnet. Das Verhältnis zwischen Schlick und Popper blieb jedoch distanziert, und Popper wurde nie in Schlicks berühmte Donnerstagssitzungen – den regelmäßigen Treffen des Kreises - an der Wiener Universität eingeladen.

Je nach Perspektive kann Popper als ein unorthodoxer Randgänger des Wiener Kreises oder, wie er es selbst gesehen hat, als Gegner und Überwinder der Positionen des Wiener Kreises betrachtet werden. Die beiden Grundfragen, auf die Popper sich in seiner Theorie des Wissens konzentrierte und auf die er eine Antwort suchte, waren jedenfalls die Fragen des Wiener Kreises: die Frage nach der Gültigkeit der Induktion und die Frage nach dem Kriterium der Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Metaphysik bzw. Nicht-Wissenschaft.

Bereits ab 1930 arbeitete er an einem Manuskript, das sich, den beiden Grundfragen entsprechend, auf zwei Bände aufteilte: den ersten betitelt „Das Induktionsproblem“, den zweiten „Das Abgrenzungsproblem“. Dem gesamten Text gab er, in Anlehnung an Schopenhauers Schrift Die beiden Grundprobleme der Ethik, den Titel Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie.

Poppers Ansatz war der einer „deduktivistisch-empiristischen Erkenntnistheorie“ (Popper 2010, S. 11): Er bestritt die Gültigkeit der Induktion als wissenschaftlicher Methode und setzte an ihre Stelle einen Deduktivismus, der die Naturgesetze als „Deduktionsgrundlagen für die Prognosendeduktion“ begriff (Popper 2010, S. 9). Theoretische Gesetzmäßigkeiten erhalten dadurch hypothetischen Charakter. Hypothetische Vorentscheidungen steuern wiederum den Erwartungshorizont von Beobachtungen und Wahrnehmungen. Popper setzte sich deshalb auch kritisch mit dem von Fries und Nelson propagierten Begriff der „unmittelbaren Wahrnehmung“ auseinander.

Das Sinn- und Abgrenzungskriterium der Verifizierbarkeit ersetzte Popper durch das Kriterium der Falsifizierbarkeit. Eine Theorie war wissenschaftlich genau dann, wenn sie sich der kritischen Prüfung aussetzte und falsifizierbar, also widerlegbar, war. Theorien konnten nie als „wahr“ bewiesen, sondern allenfalls bestätigt werden. Wahrheit und Gewissheit mussten getrennt werden. Im Gegensatz zum Wiener Kreis nahm auch der frühe Popper keine radikal metaphysikkritische Haltung ein. Metaphysische Aussagen waren für ihn zwar unprüfbar, aber keineswegs sinnlos.

1932 hatte er den ersten Teil, unter kritischer Begleitung seines ehemaligen Studienfreundes Robert Lammer (Hansen 2010, S. 564) abgeschlossen. Der zweite, leider verschollene und heute nur noch in fragmentarischen Aufzeichnungen erhaltene Band wurde 1932 begonnen und stand vermutlich im Februar 1934 kurz vor dem Abschluss (Hansen 2010, S. 613).

Die wichtigsten Diskussionspartner in dieser Phase waren zwei Mitglieder des Wiener Kreises: der gleichaltrige Herbert Feigl (1902–1988), mit dem Popper bereits seit Anfang 1930 Kontakt hatte, und Rudolf Carnap (1891–1970), neben Schlick der wichtigste Kopf des Wiener Kreises. Im August 1932 reiste Popper zusammen mit Feigl und Carnap nach Tirol, wo man die gegenseitigen Positionen austauschte. Carnap hatte eine frühe Manuskriptfassung eines Kapitels aus seinem damals noch unveröffentlichten Buch Logische Syntax der Sprache (1934) mitgebracht, das er Popper auslieh.

Auch wenn er engen Kontakt und Austausch mit Carnap pflegte, sah Popper durch seine Thesen die Position des Logischen Positivismus „radikal in Frage gestellt“ (Popper 2012b, S. 125). Dies entsprach allerdings nicht der Wahrnehmung seiner Diskussionspartner. Feigl und Carnap zeigten nicht nur großes Interesse, sondern auch Sympathie für Poppers Position und sahen ihn keineswegs als Gegner des Wiener Kreises. Für Carnap war „seine philosophische Grundanschauung [..] der des Kreises sehr ähnlich. Er neigte allerdings dazu, unsere Meinungsverschiedenheiten überzubewerten“ (Carnap 1993, S. 49). Für ihn blieb Popper kein Gegner, sondern ein wichtiger Anreger und konstruktiver Kritiker des Wiener Kreises. Poppers Wissenschaftstheorie, so Carnap, sei für ihn und andere Mitglieder Anlass gewesen, sich „nach einem liberaleren Sinnkriterium als dem der Verifizierbarkeit“ (Carnap 1993, S. 89) umzusehen. Nach dem Tiroler Treffen schrieb Carnap den Aufsatz „Über Protokollsätze“ für die Zeitschrift Erkenntnis, in dem er sich explizit und positiv auf Poppers Position bezog.

Popper verschickte im Zeitraum zwischen 1932 und 1934 die fertigen Teile seines Manuskripts an mehrere Bekannte und Freunde, darunter Julius Kraft, Karl Polanyi, Egon Friedell (1878–1938) und Heinrich Gomperz mit der Bitte, ihm bei der Verlagssuche behilflich zu sein. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage Anfang der 1930er-Jahre erwies es sich zunächst als unmöglich, einen Verlag zu finden.

Es waren schließlich die führenden Vertreter des Wiener Kreises, die eine Veröffentlichung ermöglichten. Popper hatte sich bereit erklärt, auch Schlick, mit dem er nicht auf bestem Fuß stand, das Manuskript zu zeigen. Mit der Hilfe von Schlick und Carnap kam der Kontakt zum Springer Verlag zustande. Am 30.06.1933 wurde der Verlagsvertrag unterzeichnet. Das Manuskript sollte in der von Moritz Schlick und Philipp Frank herausgegeben Reihe „Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung“ erscheinen.

Allerdings verlangte der Springer Verlag erhebliche Kürzungen des Manuskripts, was Popper in Schwierigkeiten brachte, da er im Gegenteil die Absicht hatte, nun auch Überlegungen zur Wahrscheinlichkeitstheorie und Quantenphysik stärker einzuarbeiten. Den vom Verlag gesetzten Abgabetermin vom 1. März 1934 konnte er nicht einhalten. Er hatte das Manuskript de facto zu einem neuen Buch umgearbeitet und sich auch für einen neuen Titel entschieden: Logik der Forschung. Erst das Eingreifen von Walter Schiff, Professor für Ökonomie und Statistik an der Wiener Universität und Poppers Onkel mütterlicherseits, half, das Manuskript auf einen druckfähigen Umfang zu reduzieren. Logik der Forschung erschien, vordatiert auf 1935, im Dezember 1934. Die erhaltenen Teile des ursprünglichen Manuskripts Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie konnten erst 1979 erscheinen.

Neuseeländisches Exil und Kampf gegen den Historizismus (1934–1946)

Die Logik der Forschung ebnete Popper den Weg zu einer akademischen Karriere, allerdings unter den denkbar ungünstigsten Zeitumständen und in einer nicht voraussehbaren Form. Als einer der vielen durch den Aufstieg der Nationalsozialisten Vertriebenen musste Popper ab Ende der 1930er-Jahre seine ökonomische und intellektuelle Existenz im Exil neu aufbauen. Er wurde ein englischsprachiger Autor in einem englischsprachigen Umfeld. In dieser Zeit wandte er sich auch Fragen der sozialwissenschaftlichen Methodologie und der politischen Philosophie zu, dem zweiten großen Themenbereich seines Werks.

In den frühen 1930er-Jahren hatte sich das politische und gesellschaftliche Klima in Österreich durch die Wirtschaftskrise und den Aufstieg rechtsnationaler und antisemitischer Kräfte erheblich verschärft. 1933 ergriffen die Nazis in Deutschland die Macht. In Österreich unterdrückte die Regierung der sogenannten „Vaterländischen Front“ unter Engelbert Dollfuß 1934 den Wiener Arbeiteraufstand und hebelte die demokratischen Grundrechte aus. Dies verhinderte den Aufstieg der Nationalsozialisten allerdings nicht. Dollfuß selbst wurde Opfer eines nationalsozialistischen Attentats.

Der Wiener Kreis und die ihm Nahestehenden wurden, auch wegen ihrer engen Verbindung zum Verein Ernst Mach, in der öffentlichen Wahrnehmung dem linken politischen Spektrum zugeordnet und entsprechend diffamiert. Einige der prominenten Mitglieder, wie Otto Neurath (1892–1945), waren als bekennende Sozialisten bekannt. Popper musste sich, wie auch alle anderen dem Wiener Kreis Nahestehenden, spätestens seit Mitte der 1930er-Jahre mit der Frage der Emigration auseinandersetzen.

Die Logik der Forschung machte Popper zu einer festen Größe und einem gesuchten Gesprächspartner in der wissenschaftlichen Welt. Auch in Wien selbst öffneten sich für ihn nun viele neue Türen. So lernte er u. a. die Mathematiker Karl Menger (1902–1985) und Richard von Mises (1883–1953) kennen und wurde zu deren Lehrveranstaltungen eingeladen. Popper beschäftigte sich hier u. a. mit Fragen der Statistik, der Wahrscheinlichkeit und der Vorhersagbarkeit ökonomischer Prozesse. Es war ein erster Schritt bei dem Versuch, seine Methodologie auch in den sozialwissenschaftlichen Bereich hineinzutragen.

Carnap hatte die Logik der Forschung in Erkenntnis positiv rezensiert (Vgl. Popper 2005, S. XXXVI), und Carnap war es auch, der Popper erste Kontakte ins Ausland vermittelte. Popper nahm im Herbst 1934 noch vor der Veröffentlichung seines Buches, aber bereits mit dem Manuskript in der Tasche, an der Vorkonferenz des „Internationalen Kongresses für Einheit der Wissenschaft“ in Prag teil. Folgenreich wurde vor allem die Prager Begegnung mit Alfred Tarski (1901–1983), von dem er die semantisch erneuerte Korrespondenztheorie der Wahrheit übernahm.

Beim Kongress selbst im darauffolgenden Jahr in Paris konnte er schon als viel diskutierter neuer Autor auftreten. Angereist war er mit zwei Vortragsmanuskripten, die thematisch noch ganz im wissenschaftstheoretischen Bereich verblieben: „Die Prüfbarkeit statistischer Hypothesen“ und „Über die empirische Methode und den Begriff der Erfahrung“. Neurath präsentierte ihn bei dieser Gelegenheit als „offizielle Opposition“ (Hacohen 2000, S. 285) des Wiener Kreises.

Nach der Kongressteilnahme in Paris hielt sich Popper von September 1935 bis Juni 1936, unterbrochen durch einen kurzen Aufenthalt auf dem Kontinent, in England auf. Die Schulbehörde hatte ihm unbezahlten Urlaub gewährt. Alfred Ayer (1910–1989), ein britischer Anhänger des Wiener Kreises, den er in Paris kennengelernt hatte, führte ihn in die dortige akademische Welt ein. Er kam u. a. mit Gilbert Ryle (1900–1976), Isaiah Berlin (1909–1997) und Bertrand Russell (1872–1970) in Kontakt. Popper begann in dieser Zeit, seine englischen Sprachkenntnisse erheblich zu verbessern, um sich instand zu setzen, auch wissenschaftliche Beiträge auf Englisch zu verfassen.

Inzwischen hatte er begonnen, sich kritisch mit Problemen der Sozialphilosophie und der Möglichkeit geschichtsphilosophischer Prognosen auseinanderzusetzen. Dies mag dem Versuch geschuldet sein, seine wissenschaftliche Reputation auf eine thematisch breitere Basis zu stellen, um seine Chancen auf dem akademischen Stellenmarkt zu erhöhen. Es mag aber auch mit dem Bestreben zusammenhängen, seine Wissenschaftsmethodologie auf einen größeren Anwendungsbereich auszudehnen.

Als er am 8. und 9. Januar 1936 auf dem Weg nach London in Brüssel bei Freunden Station machte, trug er Thesen eines Vortrags vor, der sich mit dem Problem historischer Gesetzmäßigkeiten auseinandersetzte. Unter dem Titel „The Poverty of Historicism“ – der deutsche Titel „Elend des Historizismus“ war bewusst in Anspielung auf Marx’ Schrift Das Elend der Philosophie gewählt worden – hielt er diesen Vortrag wenig später auf Einladung Friedrich Hayeks (1899–1992) auch an der London School of Economics. Mit den ehemaligen Wienern Friedrich Hayek und Ernst H. Gombrich (1909–2001), den er ebenfalls in dieser Zeit in England kennen lernte, sollte ihn fortan eine lebenslange Freundschaft verbinden. Beide wurden zu entscheidenden Fürsprechern seiner späteren wissenschaftlichen Karriere.

Unter „Historizismus“ verstand Popper die Überzeugung, die Geschichte könne ganzheitlich gedeutet werden, indem man die in ihr geltenden Gesetzmäßigkeiten aufzeigt. Auf diese Weise wollte man die Unvermeidlichkeit bestimmter zukünftiger Entwicklungen voraussagen. Popper hatte hier vornehmlich die marxistische Geschichtsdeutung im Auge, die für ihn eine Form unwissenschaftlicher Prophetie und Utopie war, aber auch die holistischen Elemente in der Wissenssoziologie Karl Mannheims (1893–1947), die gesellschaftliche Planung auf der Basis der Rekonstruktion des gesellschaftlichen Gesamtprozesses anstrebt.

Nach Popper verwechselt der Historizismus soziale Trends mit Naturgesetzen. Anders als die Sozialwissenschaften mache der Historizismus keine bedingten Prognosen, die von veränderbaren Randbedingungen abhängen, sondern er verabsolutiere soziale Trends zu historischen Entwicklungsgesetzen, die den Menschen „unwiderstehlich in eine bestimmte Richtung in die Zukunft“ (Popper 2003a, S. 115) führen. Sozialwissenschaftliche Prognosen, die zukünftige Entwicklungen in Abhängigkeit von bestimmten sozialen und politischen Konstellation hypothetisch voraussagen, bleiben für Popper dagegen weiterhin möglich.

Von England fuhr er nach Kopenhagen, wo er auf dem Zweiten „Internationalen Kongress für die Einheit der Wissenschaft“ u. a. mit Nils Bohr diskutierte. Als er nach Wien zurückkehrte, fand er eine noch verschärfte politische Situation vor. Kurz zuvor, am 22.06.1936, war Moritz Schlick von einem rechtsradikalen Studenten in Wien ermordet worden. An einen dauerhaften Aufenthalt in Österreich war für Popper spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken. Er begann sich auf akademische Stellen im englischsprachigen Raum zu bewerben.

Am Weihnachtsabend des Jahres 1936 erhielt Popper die Zusage einer Dozentenstelle am Canterbury University College im neuseeländischen Christchurch. Die Stelle war nicht befristet. Karl und Hennie Popper gaben ihre Lehrerstellen in Wien auf und schifften sich im Januar 1937 nach Neuseeland ein, wo sie im März landeten. Zahlreiche Bücher und Manuskripte mussten sie zurücklassen, darunter auch das Manuskript von Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Christchurch wurde Poppers Exil. Er blieb dort bis zum Ende des Krieges.

Das Canterbury University College war Teil der University of New Zealand, die über mehrere Standorte in Neuseeland verteilt war. Sie war keine Forschungsinstitution, sondern eine reine Ausbildungsstätte, die ihre Prüfungsvorgaben aus dem englischen Mutterland übernahm. (Vgl. Belke 1988, S. 145) Poppers Dozentenstelle, die erste akademische Anstellung seines Lebens, war deshalb auch ausschließlich auf die Lehre ausgerichtet. Popper war für den gesamten Bereich Philosophie zuständig.

Popper machte sich als philosophischer Lehrer einen guten Namen. Er war jedoch mit der Stelle unterfordert. Die Tatsache, dass er ebenso sehr an der Ausarbeitung der eigenen philosophischen Thesen interessiert war und für seine Forschungsarbeiten viel Zeit abzweigte, brachte ihn in Konflikt mit Mitgliedern des Lehrkörpers.

Popper lebte, von der zeitweisen Bedrohung durch eine japanische Invasion abgesehen, in Neuseeland ungefährdet und außerhalb der Kriegszonen. Dennoch hatte er keine idealen Arbeitsbedingungen. Er hatte nur wenige Bücher mitnehmen können, und die Universitätsbibliothek war unzureichend bestückt. Für Papier, das er aus Universitätsbeständen entnahm, musste er zeitweise aus privater Tasche zahlen. In Briefen an Carnap, der inzwischen in die Vereinigten Staaten emigriert war, bat er immer wieder um wissenschaftliche Literatur.

Obwohl Popper in Neuseeland ein eher zurückgezogenes, auf die Arbeit konzentriertes Leben führte, entwickelten sich hier dennoch einige für sein späteres Leben wichtige Kontakte. Der wichtigste davon war der zu dem späteren Nobelpreisträger John C. Eccles (1903–1997), einem Neurophysiologen, der seit 1944 ebenfalls auf der neuseeländischen Südinsel im benachbarten Dunedin lehrte. Eccles wurde später Poppers wichtigster Gesprächspartner bei der Ausarbeitung seiner Leib-Seele-Theorie.

In den Jahren seines neuseeländischen Exils arbeitete Popper die Ansätze seines Vortragspapiers über „Das Elend des Historizismus“ zu einer politischen Philosophie aus. Er unterbrach zu diesem Zweck die Arbeit an einem Textbuch über Logik, das er für Unterrichtszwecke konzipiert hatte. Anlass war nicht zuletzt der Einmarsch Hitlers in Österreich 1938 und die darauffolgende politische Entwicklung in Europa. In der Auseinandersetzung mit den philosophischen Wurzeln des Historizismus und Totalitarismus sah Popper seinen eigenen Beitrag zum Krieg.

Diese Auseinandersetzung dokumentiert sich in drei zeitlich parallel konzipierten Schriften, die in einem engen thematischen Zusammenhang stehen: Der Aufsatz „What is Dialectic?“, der aus einem Seminarvortrag entstand, erschien 1940 in der Zeitschrift Mind und war Poppers erste Arbeit in englischer Sprache. Thema ist die Unvereinbarkeit der Hegel-Marxschen Dialektik mit Prinzipien der Logik. „The Poverty of Historicism“ erweiterte Popper zu einer Schrift, die von 1944 bis 1945 in drei Teilen in der Zeitschrift Economica und schließlich 1957 in Buchform veröffentlicht wurde.

Eine weitere Ausarbeitung seiner Thesen, die ursprünglich ebenfalls Teil der Historizismus-Schrift sein sollte, wuchs sich zu einem zweibändigen Werk aus, dessen erster Teil 1942 und dessen zweiter Teil 1943 fertiggestellt war. Das Manuskript ging 1944 in den Druck und erschien unter dem Titel The Open Society and Its Enemies 1945 bei Routledge & Kegan Paul in London (dt. Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde 1958).

Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde macht die Totalitarismus- und Historizismuskritik zum Ausgangspunkt einer Demokratietheorie, die sich im Begriff der „offenen Gesellschaft“ (Vgl. Popper 2003b, S. 207 ff.) zentriert. Popper verfolgt die Wurzel des Totalitarismus bis in die Antike. Im Mittelpunkt des ersten Bandes steht die Kritik an der totalitären Staatskonzeption Platons („Der Zauber Platons“), während der zweite Band sich kritisch mit der Geschichtsphilosophie von Hegel und Marx, aber auch mit der Wissenssoziologie auseinandersetzt („Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen“).

Poppers Theorie der offenen Gesellschaft implizierte sowohl einen Abschied von utopischen Gesellschaftsentwürfen als auch vom ethnisch oder sozial begründeten Stammesdenken. Sie propagiert nicht die beste Herrschaftsform, sondern eine institutionell abgesicherte Machtkontrolle, die es ermöglicht, die jeweiligen Machthaber friedlich abzusetzen. An Stelle eines utopischen Gesamtentwurfs setzt Popper ein an konkreter Problemlösung orientiertes „social engineering“ (Vgl. Popper 2003a, S. 57), das sich – analog der Offenheit für Falsifizierung im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess – einer ständigen Fehlerkontrolle unterwirft.

Bereits 1941 war an der London School of Economics eine Dozentur freigeworden. Als Popper 1943 von Hayek davon erfuhr, überließ er ihm das Manuskript seines Buches als Bewerbungsgrundlage. Hayek machte seinen Einfluss in den Gremien geltend und Gombrich erledigte für Popper die Bewerbungsformalitäten. Im Mai 1945 erhielt Popper die Nachricht, dass ihm die Stelle zugesprochen worden war. Im Dezember 1945 schiffte er sich mit seiner Frau nach England ein.

An der London School of Economics (1946–1969)

Mit der Rückkehr nach Europa beginnt Poppers mehr als 20-jährige Zeit als akademischer Lehrer. 1946 trat er die von Hayek vermittelte Dozentur an, bis er 1949 auf den Lehrstuhl für Logik und Wissenschaftstheorie berufen wurde. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich Poppers internationales Renommee. Sein philosophischer Ansatz begann sich unter dem Namen „kritischer Rationalismus“ zu verbreiten, ein Begriff, den Popper zum ersten Mal in seiner Offenen Gesellschaft verwendet hatte. In philosophischer Hinsicht waren die Jahre seiner Lehrtätigkeit durch Fortentwicklung und Ausformulierung vor allem seiner Wissenschafts- und Erkenntnistheorie gekennzeichnet. Als Popper 1969 emeritiert wurde, war er eine öffentliche Figur und galt als unbestrittener Klassiker der Philosophie der Moderne, dessen Schriften weit über das akademische Publikum hinaus Wirkung ausübten.

In den Anfangsjahren seiner Londoner Lehrtätigkeit jedoch musste sich Popper zunächst innerhalb der englischen Philosophieszene durchsetzen. Besonders seine Haltung zur in England vorherrschenden und von renommierten Autoren wie Ludwig Wittgenstein und Gilbert Ryle vertretenen sprachanalytischen Philosophie barg Konfliktstoff. Anlässlich eines Vortrags im „Moral Sciences Club“ kam es am 25.10.1946 im King’s College der Universität Cambridge zu einem denkwürdigen Zusammenstoß mit Wittgenstein. Wittgenstein verließ den Vortragsraum, nachdem er sich durch eine Bemerkung Poppers provoziert gefühlt hatte. Kern der Auseinandersetzung war die Frage, ob es wirkliche philosophische Probleme gibt oder ob sich diese auf sprachliche „puzzles“ reduzieren lassen (Vgl. Edmunds und Eidonow 2001). Popper hat an der Existenz ernsthafter philosophischer Probleme immer festgehalten. In seinem 1954 in der Zeitschrift Mind erschienenen philosophischen Dialog „Selbstbezug und Sinn in der Alltagssprache“ hat er sich kritisch mit der sprachanalytischen Philosophie auseinandergesetzt und sich auch gegen die Auffassung gewandt, dass sich sinnvolle sprachliche Aussagen nur in einer logisch normierten Sprache formulieren lassen.

Während er in der britischen Philosophieszene zunächst noch ein Außenseiter blieb, konnte Popper im Ausland alte Kontakte pflegen und neue knüpfen. 1949 erhielt er eine Einladung in die Vereinigten Staaten, wo er an der Harvard-Universität in Cambridge/Massachusetts Gastvorlesungen halten sollte. Popper benutzte die Gelegenheit, um alte Vertraute aus dem Umkreis des Wiener Kreises wie Herbert Feigl und Julius Kraft zu treffen. In Princeton diskutierte er u. a. mit Albert Einstein und Niels Bohr. Die Einnahmen aus der Amerikareise benutzte Popper zum Ankauf des Anwesens „Fallowfield“ in Penn/Buckinghamshire. „Fallowfield“ wurde bis in die 1980er-Jahre Poppers Zuhause, in dem er eine zurückgezogene und ganz auf die philosophische Arbeit konzentrierte Existenz führte. Seitdem war Popper nach eigener Darstellung „der glücklichste Philosoph, der mir je begegnet ist.“ (Popper 2012b, S. 187)

Gerade als akademischer Lehrer war Popper in seinen ersten Jahren sehr beliebt und erfolgreich. Aus seiner Lehrtätigkeit gingen eine Reihe prominenter Schüler hervor, die Poppers Philosophie verbreiteten und in internationale Debatten hineintrugen. Zu den wichtigsten, an der London School of Economics ausgebildeten Popperianern gehören Imre Lakatos (1922–1974), John W.N. Watkins (1924–1999), Joseph Agassi (geb. 1927), William Bartley (1934–1990), Alan Musgrave (geb. 1940) und Jeremy Shearmur (geb. 1948).

Ehemalige Studenten oder Hörer Poppers lösten, in Anlehnung oder in kritischer Auseinandersetzung mit Poppers kritischem Rationalismus, internationale philosophische Debatten aus, die sich vor allem an Poppers Falsifikationstheorie entzündeten: so Thomas S. Kuhn (1922–1996), der Popper in Harvard gehört hatte, mit seiner Theorie des Paradigmenwechsels, oder Paul Feyerabend (1924–1994), der als postgraduate zu Poppers Schülerkreis in London gehört hatte, mit seiner anarchistischen Erkenntnistheorie. Auch Imre Lakatos, Poppers langjähriger Assistent, betonte den Pluralismus konkurrierender Theorien. Ralf Dahrendorf (1929–2009), der von 1952–1954 bei Popper in London studierte, initiierte in den 1960er-Jahren die Debatte zwischen Poppers kritischem Rationalismus und der Frankfurter Schule, die unter dem Namen „Positivismusstreit“ bekannt wurde.

Popper nahm in den 1950er-Jahren durch Publikationen, Vorträge und Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen aktiv am akademischen Leben teil. 1947 war er zusammen mit Friedrich Hayek an der Gründung der Mount Pelerin Society beteiligt, einem liberalen Thinktank, zu dem sich Popper aber in den folgenden Jahren wegen des dort vertretenen radikalen Wirtschaftsliberalismus zunehmend distanziert verhielt. Ab 1948 nahm Popper regelmäßig an den jährlichen Veranstaltungen der Sommerschule Alpbach in Tirol teil, die 1945 als „Österreichische Hochschulwochen“ von Otto Molden (1918–2002) und Simon Moser (1901–1988) gegründet worden waren. Der dominante Einfluss Poppers und seiner Schüler führte dazu, dass man schließlich vom kritischen Rationalismus als der „Alpbacher Dorfreligion“ (Zimmer und Morgenstern 2015, S. 111) sprach. Von 1951 bis 1953 war Popper Vorsitzender der Philosophy of Science Group of the British Society for the History of Science, von 1958 bis 1959 Präsident der Aristotelian Society und von 1959 bis 1961 Präsident der British Society for the Philosophy of Science.

Er veröffentlichte vor allem zur Logik und Wissenschaftstheorie, doch seine öffentliche Wahrnehmung als Philosoph litt zunächst noch darunter, dass seine Werke weder in englischer noch im deutscher Sprache vollständig verfügbar waren. So war Die offene Gesellschaft und ihre Feinde zunächst nur auf Englisch erschienen (die deutsche Ausgabe folgte 1957), während Die Logik der Forschung ausschließlich in deutscher Sprache vorlag. Erst Mitte der 1950er-Jahre begann die Arbeit an der englischen Übersetzung, die erst 1959 erscheinen konnte.

Im Rahmen seiner Arbeit an einer englischen Übersetzung der Logik der Forschung entstand in den Jahren 1951–1956 eine umfangreiche Materialsammlung, die ursprünglich als Anhang zur Logik der Forschung gedacht war, die sich aber zu einem eigenständigen Werk auswuchs. Popper gab ihr zunächst den Titel Postscript After Twenty Years. Der geplante Druck verzögerte sich immer wieder, sodass das Werk erst 1982/83 mit zahlreichen weiteren Ergänzungen in drei Bänden erscheinen konnte. Es enthält vertiefende Arbeiten zur Wissenschafts-, Erkenntnis- und Wahrscheinlichkeitstheorie, zum Freiheitsproblem sowie Poppers Philosophie der Physik. Es lässt sich von der Grundidee der Fehlbarkeit, aber auch des kritischen Potentials menschlicher Rationalität leiten, eine Grundidee, die auch Poppers Gesamtverständnis des kritischen Rationalismus bestimmt. Danach bleibt Wissen immer hypothetisches Vermutungswissen, dessen Wachstum als Annäherung „an die Wahrheit oder einer zunehmenden Wahrheitsähnlichkeit“ (Popper 2012b, S. 227) begriffen werden kann.

Gleichzeitig wird hier bereits Poppers indeterministische Auffassung eines „offenen Universums“ entwickelt, die fortan auch seine metaphysische Freiheitstheorie bestimmt. Popper kehrt sich hier auch explizit von der antimetaphysischen Haltung Wittgensteins und des Wiener Kreises ab. Metaphysische Sätze und Theorien sind für Popper zwar nicht überprüfbar, aber sie sind sowohl sinnvoll als auch rational diskutierbar und können der Wissenschaft als Forschungsprogramm dienen.

Als eines der wichtigsten Publikationen seiner Zeit als akademischer Lehrer erschien 1963 die Aufsatzsammlung Conjectures and Refutations (dt. Vermutungen und Widerlegungen 1994), die dritte große Buchpublikation Poppers. Hier nimmt Popper nicht nur eine Erweiterung seiner Wissenschaftstheorie zu einer allgemeinen Erkenntnistheorie vor, sondern auch eine philosophiegeschichtliche und systematische Einordnung des kritischen Rationalismus. Als eine Philosophie, die sich der kreativen Problemlösungstätigkeit der menschlichen Vernunft und der Methode der kritischen Prüfung verschreibt und die Suche nach einer Letztbegründung und einer „letzten Quelle unseres Wissens“ (Popper 2009, S. 37) ablehnt, nimmt sie sowohl die kritischen Elemente des Rationalismus wie des Empirismus auf.

In Vermutungen und Widerlegungen hat Popper seine Falsifikationstheorie zu einem allgemeinen erkenntnistheoretischen Fallibilismus erweitert. In dem Aufsatz „Wahrheit, Rationalität und das Wachstum wissenschaftlicher Erkenntnis“ greift er das in der Logik der Forschung nur marginal behandelte Thema des Erkenntnisfortschritts auf und formuliert als Antwort auf die Frage, welche unter konkurrierenden Theorien vorzuziehen sei, das Kriterium des größeren Erklärungsgehalts. Auch beginnt Popper hier, sich explizit zu einem erkenntnistheoretischen Realismus zu bekennen.

Das Buch enthält aber auch Beiträge zur politischen Philosophie, in denen sich Popper vom Marxismus durch seine Ablehnung des dialektischen und utopischen Denkens absetzt. Deutlich wird Poppers Hinwendung zu einer liberalen Grundhaltung („Die öffentliche Meinung im Lichte der Grundsätze des Liberalismus“), die den Freiheitsbegriff und insbesondere die Forderung nach Gedanken- und Diskussionsfreiheit in den Mittelpunkt stellt.

Eingang in die deutsche Diskussion fand Popper vor allem durch den von Ralf Dahrendorf 1961 in Tübingen organisierten Soziologentag, der den sogenannten „Positivismusstreit“ zwischen dem Kritischen Rationalismus und Vertretern der neomarxistischen Frankfurter Schule (insbesondere Adorno und Habermas) auslöste, die Popper als „Positivisten“ (Vgl. Dahms 1998, S. 351 ff.) wahrnahm. Popper schrieb aus Anlass der Tagung den Beitrag „Zur Logik der Sozialwissenschaften“, in dem er den gemeinsamen Charakter von Natur- und Sozialwissenschaften als deduktive Problemlösungsversuche herausstellt, die der wissenschaftlichen Objektivität im Sinne der kritischen Tradition, also der Prüfbarkeit und Kritisierbarkeit verpflichtet sind. In Hans Albert (geb. 1921) gewann Popper dabei seinen wichtigsten Fürsprecher in der deutschen Philosophie.

Seine politische Haltung machte er u. a. in einer 1971 veröffentlichten Diskussion mit Herbert Marcuse deutlich, in der er sich ausdrücklich zum reformerischen Potential der westlichen Demokratien bekannte und die Idee einer revolutionären gesellschaftlichen Umgestaltung im marxistischen Sinne ablehnte. Popper wurde entsprechend von der gesellschaftskritischen 1968er Generation zum Feindbild und zum Anwalt des „bürgerlichen Establishments“ erklärt. In Großbritannien und in der westlichen Öffentlichkeit hingegen war zu dieser Zeit sein Ruf als Demokratietheoretiker längst etabliert. Bereits 1965 hatte ihn die englische Königin wegen seiner Verdienste um die Verteidigung der Demokratie in den Ritterstand erhoben und in den „Order of the Companions of Honor“ aufgenommen.

In den 1960er-Jahren war Popper zum modernen Klassiker geworden. Eine Bestätigung dafür war die Einladung, die er von Paul Arthur Schilpp (1897–1993) erhielt, in die renommierte „Library of Living Philosophers“ aufgenommen zu werden. Die geplanten beiden Bände sollten sowohl Auseinandersetzungen mit Poppers Philosophie als auch Entgegnungen und Eigenbeiträge Poppers enthalten. Die Manuskripte sollten ursprünglich bis 1965 bei Schilpp eintreffen, doch Popper konnte keinen seiner Beiträge vor 1969 fertig stellen.

Die späten Jahre (1969–1994)

Mit seiner Emeritierung 1969 waren weder Poppers publizistische Aktivitäten noch seine philosophische Entwicklung zu ihrem Abschluss gelangt. Im Gegenteil: Popper ergänzte seinen kritischen Rationalismus durch neue theoretische Akzente, die auch unter seinen Anhängern Kontroversen auslösten. Auch seine politische Philosophie erhielt durch den Zusammenbruch der kommunistischen Staatenwelt eine neue Aktualität. Als einer der renommiertesten Denker seiner Zeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen sowie immer wieder Einladungen zu Vorträgen und Interviews. Die für ihn vielleicht wichtigste Ehrung war die ihm 1976 angetragene Mitgliedschaft in der ehrwürdigen Royal Society in London.

1974 hatte er schließlich alle mit Schilpp vereinbarten Beiträge für die „Library of Living Philosophers“ abgeschlossen, darunter auch den geforderten Beitrag über seinen eigenen philosophischen Werdegang, der 1976 unter dem Titel Unended Quest in einer Einzelausgabe erschien (dt. Ausgangspunkte, 1976). Es handelt sich dabei weniger um eine Autobiographie als vielmehr um eine Einführung in Poppers Philosophie anhand der Darstellung der wichtigsten Stationen seines Denkens.

Vor allem zwei Entwicklungen, deren Ansätze allerdings bis in die Frühzeit des Popperschen Denkens zurückgehen, prägten die Publikationen der 1970er-Jahre: die Verbindung des kritischen Rationalismus mit der Evolutionstheorie und die Entwicklung der metaphysischen Drei-Welten-Theorie.

Ansätze einer an die Evolutionstheorie anknüpfenden evolutionären Erkenntnistheorie – im Sinne eines genetischen a priori der Erkenntnis – sind bereits in Poppers frühen Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie sichtbar. Eine explizite Auseinandersetzung mit dem Darwinismus findet sich in der 1961 gehaltenen Vorlesung „Die Evolution und der Baum der Erkenntnis“, die schließlich Grundlage für das siebte Kapitel seiner 1972 erschienenen Aufsatzsammlung Objective Knowledge. An Evolutionary Approach (dt. Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf 1973) wurde, dem erkenntnistheoretischen Hauptwerk Poppers der 1970er-Jahre. Popper begriff die Evolutionstheorie nicht als wissenschaftliche Theorie, sondern als metaphysisches Forschungsprogramm. In seiner eigenen Theorie des Erkenntniserwerbs durch Versuch und Irrtumselimination sah Popper eine fruchtbare Neuinterpretation der Darwinschen Selektion, die er in seiner Medawar Vorlesung von 1986 zu einer Philosophie der Biologie erweiterte (Vgl. Niemann 2014) Danach ist alles Leben Selektion im Sinne eines durch Antizipation und Präferenz gesteuerten Problemlösungsprozesses.

Poppers Adaption des Darwinismus steht auch in engem Zusammenhang mit seiner Ablehnung des Determinismus und seiner Auffassung, dass „die Welt ein offenes physikalisches System ist“ (Popper 1973, S. 304), eine Auffassung, die er bereits in in den 1950er-Jahren im Manuskript zu „The Open Universe“ (1982) und später in seinem Vortrag „Über Wolken und Uhren“ von 1965 vertrat, der in Objektive Erkenntnis Eingang fand. In Poppers „offenem Universum“ gibt es keine Determinanten, sondern „propensities“, Verwirklichungstendenzen. Sie wurden zum Gegenstand von Poppers Buch A World of Propensities (1990), die seine Theorie der Wahrscheinlichkeit enthält.

Objektive Erkenntnis enthielt jedoch auch metaphysische Überlegungen zu einer bis auf die Nachkriegszeit zurückgehenden „Theorie des objektiven Geistes“, in denen Popper seine These von den „drei Welten“ entwickelte. Kontroversen löste besonders Poppers Behauptung einer objektiven geistigen Welt 3 aus, die (neben der Welt 1 – der physikalischen Welt –, und der Welt 2 – der Welt der subjektiven Erfahrung), die sich an Freges „Gedankeninhalten“ anlehnt und zu der Popper „theoretische Systeme“, „Probleme“ und „kritische Argumente“ zählt. Es handelt sich hier um die metaphysische Interpretation jener argumentativen Sprachfunktion, mit denen er selbst die drei Bühlerschen Sprachfunktionen ergänzt hatte.

An die Drei-Welten-Theorie knüpft auch Poppers Haltung zum Leib-Seele-Problem an. Bereits in seinem 1953 erstmals erschienenen Aufsatz „Die Sprache und das Leib-Seele-Problem“ hat Popper den engen Zusammenhang zwischen der Sprache und einem Leib-Seele-Dualismus betont, wie er ihn später ausführlich 1977 in The Self and Its Brain (dt. Das Ich und sein Gehirn 1982) zusammen mit John C. Eccles entwickelte, den er noch aus der Zeit seines neuseeländischen Exils kannte und mit dem er in den frühen 1970er-Jahren in engem Diskussionskontakt stand. Das Leib-Seele Problem war eines der beherrschenden Themen in Poppers Spätphase und es ist auch Thema seines 1994 erschienenen Werks Knowledge and the Body-Mind Problem (dt. Wissen und das Leib-Seele Problem, Popper 2012a)

Ein großer Teil der Öffentlichkeit nahm Popper aber vor allem als Theoretiker der „Offenen Gesellschaft“ wahr. In den 1970er-Jahre wurde Popper zum unfreiwilligen Stichwortgeber der großen politischen Parteien in Deutschland. Besonders der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt bekannte sich zu Popper. Eine besondere Wirksamkeit entfaltete Poppers antitotalitäre Theorie dann im Wendejahr 1989/90 für die demokratischen Kräfte in Ostmitteleuropa. 1994 erhielt er in Prag den „Central European University Open Society Preis“.

In seinen letzten Jahren wandte sich Popper auch wieder verstärkt Fragen der Kosmologie zu. In The World of Parmenides (1998; dt. Die Welt des Parmenides 2002) rehabilitiert er die Vorsokratiker als Aufklärer und Vorläufer einer rationalen Wissenschaftstradition.

Nachdem das Ehepaar Popper noch 1973 zu einer Weltreise aufgebrochen war, überschattete seit 1977 eine schwere Krankheit Hennies das private Leben Poppers. 1985, im letzten Lebensjahr Hennies, nahmen die Poppers Wohnung in Wien. Nach Hennies Tod kehrte Popper 1986 nach London zurück, wo er am 17.09.1994 verstarb.

Fazit

Beginnend mit einer Neuformulierung wissenschaftlicher Methodologie hat Poppers kritischer Rationalismus sich zu einer Philosophie der Freiheit und kritischen Vernunft entwickelt, die sich in einem Jahrhundert ideologischer Grabenkämpfe und totalitärer Verwerfungen von jedem Dogmatismus abgegrenzt hat. Mit dem Prinzip der kritischen Fehlerelimination hat Popper die kritische Tradition der Aufklärung für die Philosophie der Moderne erneuert. Neben seiner bereits zu Lebzeiten klassischen Wissenschaftstheorie und seiner liberalen, antitotalitären Demokratietheorie hat er dazu beigetragen, die Metaphysik als Forschungsprogramm zu rehabilitieren und damit das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Metaphysik neu zu justieren.

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Authors and Affiliations

  1. 1.StuttgartDeutschland

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