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Der Marxist Adorno und die Erziehung zur Aufklärung

  • Zvi TauberEmail author
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Zusammenfassung

Theodor W. Adornos Sammlung von Vorträgen und Radiogesprächen „Erziehung zur Mündigkeit“ ist jüngst auf Hebräisch erschienen. Im Rahmen des kurzen vorliegenden Artikels möchte ich das Erziehungsideal „Aufklärung“ erörtern, welches Adorno in allen acht, der in der Sammlung enthaltenen Aufsätzen deutlich hervorhebt, ein traditionelles Ideal der bürgerlichen Gesellschaft (das in Kants Schrift von 1784, auf welche sich Adorno selbst beruft, paradigmatisch vorgestellt wird). Warum hat sich Adorno, der marxistische Philolsoph und Soziologe (den man nachgerade als „orthodoxen Marxisten“ sehen darf, der sich an der Auffassung des Proletariats als „Subjekt der Revolution“ hielt) auf den bürgerlichen „Aufklärungswert“ der Mündigkeit als das wichtigste Erziehungsideal, ja auf das wichtigste Gesellschaftsideal schlechthin, bezogen?

In meiner hier vorgetragenen Antwort stütze ich mich u. a. auf Äußerungen Herbert Marcuses, Adornos Kollegen und Freund, im Hinblick auf die systembedingte Aussichtslosigkeit einer marxistischen Befreiungsrevolution in den 1960er-Jahren und in absehbarer Zukunft, und gelange zur Schlussfolgerung, dass die Aufklärung Adornos als eine Art Vermittlungsfaktor diente, eine notwendige (freilich nicht ausreichende) Bedingung, um der Jugend emanzipatorisches Bewusstsein beizubringen, zunächst aber ihren Schullehrern und den sich universitär ausbildenden Anwärtern aufs Lehramt. Aber auch Adornos Auffassung gemäß – wie ich sie deute – will es scheinen, dass die in den Kategorien der petitio principii und des Teufelskreises definierte Sackgasse, in welche die marxistische Befreiungsauffassung (auch in den 1960er-Jahren, und zwar trotz der Studentenrevolte, der Heraufkunft der Neuen Linken etc.) geraten war, auch den Versuch, das sozial-pädagogische Ideal „Aufklärung“ den Erziehern und der Jugend zu vermitteln, wie bereits seinen in der „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und ihm deutlichen Äußerungen zu entnehmen ist, kennzeichnete.

Schlüsselwörter

Kritische Theorie Aufklärung Erziehung Mündigkeit Archimedischer Punkt Petitio Principii Adorno Horkheimer Marcuse Kant Marx 

1 Mündigkeit als bürgerliche Tugend und als Erziehungsideal

Theodor W. Adornos Anthologie von Vorträgen und Radiogesprächen „Erziehung zur Mündigkeit: Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959–1969“ ist jüngst auf Hebräisch erschienen. Im Folgenden möchte ich das Erziehungsideal „Aufklärung“ erörtern, welches Adorno in allen acht, der in der Sammlung enthaltenen Aufsätzen deutlich hervorhebt.

Adorno bezog sich nicht nur auf Aufklärung im Allgemeinen, sondern besonders auf den Aufklärungsbegriff Kants in dessen berühmter Schrift von 1784, in welcher der Philosoph ihn als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ definierte und seine Leser aufrief: „Sapere aude! [Wage es, weise zu sein!] Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“ (Kant [1784]/1965, S. 1). Es sei hervorgehoben, dass der Ausgangspunkt zur Verwirklichung der Aufklärung in dieser von Kant gegebenen Definition als dem einzelnen Menschen immanent, spontan wirkend, als eine Art innerer archimedischer Punkt aufgefasst wird. Adorno verwendete den in der Kantschen Schrift erscheinenden Begriff der Mündigkeit, einen im Deutschen eher raren Begriff, der Reife, Unabhängigkeit, Erwachsenheit etc. bezeichnet.

Im abschließenden Artikel der Sammlung, „Erziehung zur Mündigkeit“ (1969), im Vortrag vor Studenten für das Lehramt „Philosophie und Lehrer“ (1961), welcher als Vorbereitung der Abschlussprüfung in Philosophie gehalten wurde, die als Bedingung des Studiumabschlusses und des Erhalts des Befähigungszeugnisses zum Gymnasiallehrer absolviert werden musste, im Grunde aber in jedem einzelnen der Aufsätze, einschließlich „Erziehung nach Auschwitz“ (1966), thematisierte Adorno die Bedeutung der Mündigkeit des Individuums und bezog sich auf sie als Bedingung der Fundierung einer wahren Demokratie, als sei sie, die bürgerliche Tugend, Pflicht eines jeden Bürgers in einer demokratischen Republik (Adorno 1971, S. 107, 133), und erst recht eine pädagogische Pflicht: Pflicht der Lehrer und Pflicht der Lehramtsanwärter, die als berufene Lehrer die zukünftige Genration erziehen wollen (Adorno 1971, S. 31–33, 44–45, 83–85, 99, 104, 106–107, 128–129, 136, 143–146). Und bei der Lektüre dieser Anthologie von Vorträgen und Interviews aus dem letzten Jahrzehnt seines Lebens fragte ich mich, warum eigentlich Aufklärung? Warum hat Adorno, ein marxistischer Philosoph und Soziologe, sich auf Mündigkeit als das wichtigste pädagogische Ideal, ja als das wichtigste gesellschaftliche Ideal bezogen?

Herbert Marcuse, Adornos Kollege, sein Freund und Kontrahent in gewissen Punkten, sagte in einem Radiointerview, welches er im August 1969, kurz nach dem Tod seines Freundes, gab: „Ich sehe in Adorno einen der ganz wenigen, die die Marxische Theorie in ihren tiefsten Intentionen weiterbetrieben haben. Die Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Negation ist durch sein Werk in allen Bereichen der Kultur sichtbar gemacht worden.“ (Marcuse [1969]/1971, S. 50)

Marx widersetzte sich gewiss nicht der Aufklärung, aber sie selbst wurde in seinem Denken nicht als Zweck des emanzipatorischen Handelns in der Gesellschaft hervorgehoben, sondern die Eliminierung von Verdinglichung und Entfremdung: die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, welche den Warencharakter in den Beziehungen zwischen den Menschen, die Verdinglichung des Menschen, die Entfremdung aus seinem Dasein auszutreiben vermöchte. Die Aufklärung, welche das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft ausmachte, wird bei Marx nicht als revolutionäres Ziel angesehen, sondern offenbar für selbstverständlich erachtet.

Adorno war darüber hinaus ein Philosoph, der sich auf die Hegelsche Dialektik berief und sie sogar in seiner radikalen Forderung einer negativen Dialektik, die sich einer versöhnlichen Aufhebung widersetzt, übertraf. Kants Aufklärungskonzept entfaltete sich demgegenüber nicht im Rahmen des Begriffs einer historisch-dialektischen Entwicklung, und soweit ich es sehe, sollte es sich nicht in eine reale emanzipatorische Tathandlung übersetzen, jedenfalls nicht als erklärtes unmittelbares Ziel; postulierte doch Kant mindestens zweimal in seinen Schriften deutlich, lediglich die Freiheit der öffentlichen Debatte zu meinen, welche sich im Rahmen des Gehorsams gegenüber dem politischen Souverän zu vollziehen habe: „Räsoniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht!“ (Kant [1784]/1965, S. 3, 7). Ich wage zu bezweifeln, dass er dabei einzig durch die Angst vor der Polizeigewalt geleitet war.

Und wenn von Aufklärung die Rede ist, war es doch Adorno, der zusammen mit seinem Freund Max Horkheimer am Anfang des ersten Kapitels ihres Buches „Dialektik der Aufklärung“ (1944/1947) das historisch-humane Ziel (entsprechend des berühmten Diktums in Max Webers „Wissenschaft als Beruf“) der rationalen Tendenz der Aufklärung mittels der modernen Wissenschaft als „Entzauberung der Welt“ apostrophierte: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herrn einzusetzen“. Zugleich wiesen aber beide – gegen Ende des Zweiten Weltkriegs – kompromisslos auf deren realen historischen Zustand hin: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ (Horkheimer und Adorno [1944, 1947]/1987, S. 25).

Von selbst versteht sich, dass Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ sich nicht der Aufklärung, der Ausrichtung auf die Welt nach wissenschaftlich-rationalem Maßstab, widersetzten, aber sie verstanden es, sie auch nach ihrem historisch-relativen Wert zu bemessen und zeigten – am Ende des schrecklichen Weltkriegs – ihre inhärenten Gefahren, vor allem die Übertragung der Muster der Naturbeherrschung durch den Menschen auf den gesellschaftlichen Bereich und die Verwendung der Naturmächte zur Beherrschung des Menschen durch den Menschen (Horkheimer und Adorno [1944, 1947]/1987, S. 25–26, 29–30, 50–52, 59–62; Horkheimer [1946]/1991, S. 68.).

2 Kritik am Marxisten Adorno

Es ist leicht, ja allzu leicht, Adorno ob seiner Aussagen in den Vorträgen und Gesprächen von „Erziehung zur Mündigkeit“ zu kritisieren: Man hat scheinbar einen marxistischen Philosophen und Soziologen vor sich, der offenbar bestrebt war, ein bürgerliches Ideal zu verwirklichen, dessen ihm innewohnenden destruktiven Möglichkeiten er selbst kannte. Adorno erwähnte zwar in fast jedem Vortrag und Gespräch im besagten Band die Gefahr des Faschismus und der Gewalt (Adorno 1971, S. 19–22, 38–39, 88–104, 120–132), aber er bezog sich in diesen seinen Ausführungen, als marxistischer Denker, fast überhaupt nicht auf die raffinierten Repressionsmechanismen des Spätkapitalismus, etwa durch den immensen Anstieg der industriellen Produktivität und infolge dessen den absoluten und relativen Anstieg des Mehrwerts der Arbeit, der sich als Profit akkumuliert, um wiederum primär in die Industrie der Profitmaximierung reinvestiert zu werden. Man findet in diesen Aussagen auch keinen Bezug auf die „relative Pauperisierung“ bei gleichzeitigem „absoluten“ Anstieg des Lebensstandards, ein Prozess, der die materielle Basis für die Paralysierung der möglichen Verwirklichung einer emanzipatorischen Revolution im Sinne Marx’ bildet.

In den öffentlichen Radiosendungen Adornos findet sich auch kaum ein Bezug auf die Unterdrückung des Menschen mittels der Werbeindustrie, welche, wie ich es sehe, die Absicht eindeutig widerlegte, diese Ära als „Ende der Ideologie“ (wie es der Soziologe Daniel Bell 1960 nannte) kennzeichnen zu dürfen, auf die Unterdrückung durch den blendenden Reichtum der Waren, vor allem aber auf Unterdrückung durch die Kommerzialisierung von allem Erdenklichen, einschließlich der emanzipatorischen Ideen selbst, womit die Sterilisierung der Inhalte ebendieser emanzipatorischen Ideen bewerkstelligt wäre, mithin ihrer effektiven negierenden Funktion in der Gesellschaft etc.

Nicht nur im Vergleich zu „Der eindimensionale Mensch“ (1964) und zum Aufsatz „Repressive Toleranz“ (1965, 1968) von Herbert Marcuse nimmt sich Adorno (in „Erziehung zur Mündigkeit“) als historisch nicht up-to-date aus, sondern sogar im Vergleich zu den Vorträgen Nietzsches von 1872 und ihrer Bearbeitung in der Schrift „Schopenhauer als Erzieher“ (1875), in welcher er die Erziehungsanstalten Deutschlands attackierte, die Gymnasien, vor allem aber die materiell-zweckgerichtete Erziehung, die sie unter ihren Schülern verbreiteten, welche ihnen die beste Kontrolle „über alle Mittel und Wege gebietet, um so leicht wie möglich Geld zu gewinnen“, womit für ihn der Zweck der Erziehung dazu mutierte, „möglichst viele kurante Menschen zu bilden, in der Art dessen, was man an einer Münze kurant nennt […].“ (Nietzsche [1875]/1983, S. 330–331)

Mehr noch: Bekanntlich waren die 1960er-Jahre reich an Erregung und Empörung innerhalb der Jugend Amerikas und Europas: die Studentenbewegung, Studentenrevolte; die Neue Linke, Beatniks, Hippies, kurz, verschiedene Formen des Protests, des Konflikts mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung in den entwickelten kapitalistischen Ländern und ihrer politischen Herrschaft. Es handelte sich um Jugendliche im Teen- und Twenalter, nicht wenige unter ihnen Söhne und Töchter der Opfer des Zweiten Weltkriegs, seiner Soldaten und seiner Mörder. Außer einer schwachen Solidarität mit einem Schülerprotest in Bremen gegen die Höhe der Fahrpreise in den öffentlichen Verkehrsmitteln und ein oder zwei weiteren recht blassen Äußerungen finden die Ereignisse der 1960er-Jahre keinerlei Niederschlag in den Aufsätzen besagter Sammlung, von ihrer Analyse schon gar nicht zu reden. Fast würde ich sagen, „draußen wütet der Sturm“ infolge der Empörung unter den Jugendlichen und Studenten, die offenbar eigenständige, revoltierende, negierende, unversöhnliche politisch-gesellschaftliche Positionen artikulieren, aber Adornos Predigten für die Aufklärung – die Mündigkeit – sind davon nachgerade unberührt.

Dies sticht besonders in den beiden letzten Gesprächsprotokollen hervor: „Erziehung zur Entbarbarisierung“ (von April 1968) und in gesteigertem Maß in der letzten Gesprächsaufzeichnung „Erziehung zur Mündigkeit“ (von August 1969), einem Gespräch, das nach der Aktion der Studenten aus der Neuen Linken gegen das von Adorno geleitete „Institut für Sozialforschung“ (Frankfurt) stattfand, nach der Besetzung eines der Institutsräume und dem Zusammenstoß mit der Polizei, die kam, um sie zu räumen, nachdem Adorno sie angerufen und um Hilfe gegen die linken Studenten gebeten hatte. Es geht hier auch um Adorno persönlich, der immer wieder von linken Studenten, vor allem Studentinnen, im Vorlesungssaal der Universität während Vorträgen im Rahmen eines seiner Kurse belästigt wurde. Adorno kannte durchaus die sogenannte Studentenrevolte bzw. Studentenbewegung und die Bewegung der Neuen Linken in Deutschland; er positionierte sich auch ihnen gegenüber, wie aus seinen Briefen hervorgeht, etwa aus seiner Korrespondenz mit Herbert Marcuse im Hinblick auf die Aktion der Studenten am Institut: Sie begann mit Adornos an seinen Freund gerichteten Bericht im Februar 1969 über die Besetzung des Institutsraumes durch die Studenten und endete mit einem (von Adornos Sekretärin getippten) Brief am 6. August 1969, Adornos Todestag.

Adorno hat zwar den Ausdruck „Linksfaschismus“ bezüglich der linken Studentenbewegung nicht erfunden, aber es will scheinen, als habe er ihn gerechtfertigt. So heißt es etwa in einem Brief an Marcuse vom 19.06.1969: „Hier in Frankfurt, sicherlich auch in Berlin, wird das Wort Ordinarius ganz ähnlich, von oben her subsumierend gebraucht, um Menschen abzutun oder, wie sie es so schön nennen, ‚fertig zu machen‘, wie seinerzeit von den Nazis das Wort Jude. […] Die Gefahren des Umschlages der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als Du. Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehen, und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste.“ (Adorno [1969]/1998, S. 652a–652b)

3 Aufklärung als Vermittlungsfaktor des revolutionären Bewusstseins

Und dennoch möchte ich Adornos Bezugnahme auf das Ideal der Aufklärung in einem nicht negativen Sinne deuten, sondern in einer Weise, die es ermöglicht, den Sachverhalt – d. h., das Postulat der Mündigkeit, welches den Kern der hier erörterten Aufsatzsammlung ausmacht – in die Grundlage seines marxistischen Denkens zu integrieren. Meine Antwort auf die Frage „Warum hielt sich Adorno am Ideal der Aufklärung?“ ist recht spekulativ, vermag aber in gewisser Hinsicht doch zu versöhnen, was als Widerspruch – oder zumindest als Merkwürdigkeit im Hinblick auf den marxistischen Philosophen – erscheinen mag. Ich zumindest glaube, dass meine Adorno-Liebe hier nicht meine Wahrheitsliebe übersteigt.

Es will mir also scheinen, als handle es sich bei Adornos Festhalten am Ideal der Aufklärung in den 1960er-Jahren, in den Vorträgen und den Radiogesprächen, um eine Anerkennung des gegenwärtigen Versagens des Marxismus, sich zu einer wirklichen politischen Alternative zur bestehenden kapitalistische Realität heranzubilden, sich als militante soziale Macht zu konsolidieren und in absehbarer Zukunft eine freie menschliche Gesellschaft zu errichten. Marx und Engels erklärten im „Kommunistischen Manifest“, dass die „theoretischen Sätze der Kommunisten […] keineswegs auf Ideen [beruhen], auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ (Marx und Engels [1848]/1977, S. 474–475).

Und genau diese – die „tatsächliche[n] Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes“ – sah der Marxist Adorno nicht vor seinen Augen; er sah im bestehenden historischen Sein das Proletariat nicht als eine „Klasse für sich“, eine Klasse mit kommunistischem Bewusstsein, welche die revolutionäre Tat zu vollziehen vermöchte. Auch im Zusammenhang der Marxschen Auffassung der Befreiung des Menschen ist eine dem Menschen, der Gesellschaft immanente Aktivität gefordert, wie schon gesagt, eine Art inneren archimedischen Punktes – die Heranbildung des Proletariats und seine Entfaltung von einer „Klasse an sich“, einer „Klasse gegenüber dem Kapital“, d. h., einer objektiven soziologischen Gegebenheit im gesellschaftlichen Sein, die unmittelbare Produzenten bezeichnet, Lohnarbeiter ohne Produktionsmittel außer ihrer körperlichen Kraft und ihrem Verstand, die unter Herrschaft der Kapitalisten arbeiten, zu einer „Klasse für sich selbst“, also einem selbstbewussten Proletariat, welches als Klasse emanzipatorisch im historischen Prozess des Klassenkampfes zu agieren hat, d. h. Proletarier, die zum Subjekt der Geschichte avancieren wollen, um aus Selbstbewusstsein, Willen und bewusster Absicht ihr eigenes Schicksal und somit das der Menschheit zu bestimmen. Die Befreiung des Menschen ist für Marx kein Emanzipationsprozess „von außen“ oder „von oben“ (den Marx und Engels den „utopistischen Sozialisten und Kommunisten“ beimaßen), sondern ein Prozess der Selbstbefreiung, der Autoemanziption. Marx schreibt: „Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst.“ (Marx [1847]/1977, S. 180–181)

In seinen eingangs zitierten Worten zum Andenken Adornos betonte Marcuse, wie gesagt, die fundamentale marxistische Position seines Kollegen und führte in diesem Zusammenhang auch das Problem des Nichtvorhandenseins eines revolutionären Subjekts unter den historischen Bedingungen des Spätkapitalismus an. Er sagte: „[…] ich denke hier besonders an die Integrierung weiter Schichten der Bevölkerung, besonders an die Integrierung der Arbeiterklasse in das bestehende kapitalistische System in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Das heißt aber, dass das geschichtliche Subjekt, das gesellschaftliche Subjekt der Revolution offenbar nicht mehr da war, oder offenbar nicht mehr oder noch nicht aktiv war. An dieser Stelle war er [d. h. Adorno] orthodoxer Marxist. Ohne eine Massenbasis in den ausgebeuteten Klassen ist eine Revolution unvorstellbar. Und weil diese Massenbasis in der gegebenen Situation gerade in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern nicht sichtbar war, hat er sozusagen die Umsetzung der Theorie in die Praxis vertagt. Er hat immer wieder nach den Vermittlungen gesucht, die, ohne die Möglichkeit einer solchen Umsetzung aufzugeben oder zu verraten, wenigstens die Umsetzung der Theorie in die Praxis vorbereiten könnten.“ (Marcuse [1969]/1971, S. 49)

Damit wollte Marcuse m. E. Adornos Skepsis gegenüber der Studentenbewegung erklären: In jedem Fall – auch für Marcuse, trotz seiner Kontroverse mit Adorno über das Wesen der Studentenbewegung – bildete diese nicht die Massenbasis für die Revolution des Proletariats; sie verkörperte auf keinen Fall und konnte gar nicht das revolutionäre Subjekt verkörpern, war nicht imstande, den inneren festen Punkt für den Hebel der Befreiungsrevolution des Menschen abzugeben.

Zugleich – so will es mir scheinen – kann man Marcuses Worten den Grund für Adornos Festhalten am Ideal der Aufklärung entnehmen. Der kategorische Imperativ der Aufklärung – „Sapere aude!“, die Mündigkeit des Individuums – war für Adorno ein Vermittlungsfaktor, der die Übersetzung der Marxschen Theorie in gesellschaftliche Praxis vorzubereiten vermochte. Daher forderte er in jedem der in der erörterten Sammlung zusammengetragenen Vorträge und Radiogespräche die Verwirklichung des Ideals der Aufklärung als Grundlage der Erziehung in den Gymnasien, vor allem aber als Grundlage der Erziehung der Erzieher, der er sich selbst verschrieb als Lehrer von Anwärtern auf das Lehramt an der Frankfurter Universität.

4 Erziehung zur Aufklärung als petitio principii und Teufelskreis

Aber auch die Verwirklichung dieses Ideals ist höchst problematisch und weist letztendlich – auch Adorno zufolge – den Fehlschluss der petitio principii auf, im Grunde den Trugschluss, der das historische Versagen des Marxismus in der Gegenwart und der absehbaren Zukunft kennzeichnet.

Herbert Marcuse sah die Grundlage der absurden Situation, in welcher sich „die kritische Theorie der Gesellschaft“ befindet, praktisch „ihren schwächsten Punkt“, in „ihrer Unfähigkeit, die befreienden Tendenzen innerhalb der bestehenden Gesellschaft aufzuweisen“ (Marcuse [1964]/1988, S. 265). Und wie gesagt, die marxistische Auffassung der Befreiung des Menschen, welcher auch Adorno anhängt, fordert das Vorhandensein eines Klassenkampfes als aktiver bestehender Faktor, „einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“, wie es bei Marx und Engels heißt. Aber die Anlehnung an ein inneres emanzipatorisches Element, die Verankerung in einen inneren archimedischen Punkt – beim Individuum wie in der Gesellschaft – eignet nicht nur der Marxschen Auffassung der Befreiung des Menschen und der Frankfurter Auffassung in deren Folge an, sondern sie bildet auch, wie gesagt, eine der Grundlagen in Kants Auffassung der Aufklärung – gilt ihm doch die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant [1784]/1965, S. 1). Das heißt, der archimedische Punkt der Aufklärung befindet sich im Inneren des Individuums, und er ist daher m. E. absurd, so wie das Cartesianische „ego cogito“ als archimedischer Punkt der Gewissheit absurd ist (Descartes [1641]/1870, S. 27).1 Mehr noch: Als solcher erfordert er eine dem Individuum äußere Grundvoraussetzung, und diese ist – die Voraussetzung der Aufklärung, Kant zufolge – die Freiheit selbst. Kant schreibt: „Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“ (Kant [1784]/1965, S. 2).

Man sieht also: Die Formulierung der Dinge in dieser Weise erweist sich als Fehlschluss im Sinne der petitio principii. Die Aufklärung ist notwendig für die Errichtung einer freien Gesellschaft, und die freie Gesellschaft – wenigstens im Sinne ihrer Toleranz gegenüber Meinungsäußerungen und Ideen – ist die Bedingung für die schiere Möglichkeit der Aufklärung, sich innerhalb der Seele des Individuums zu entfalten.

Adorno war sich dieses grundsätzlichen Problems bewusst – auch vor dem Hintergrund der Hervorhebung der Aufklärung als gesellschaftliches und pädagogisches Ideal in allen Aufsätzen des hier erörterten Bandes. Im ersten Vorwort ihres Werks „Dialektik der Aufklärung“ (1947) definierten Horkheimer und Adorno das Ziel ihres Buches als „nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ (Horkheimer und Adorno [1944, 1947]/1987, S. 16). Im weiteren Verlauf dieses Vorwortes zeigte sich bereits die fatale Auffassung der petitio principii (des Teufelskreises) im Verhältnis zwischen Aufklärung und Freiheit: „Die Aporie, der wir uns bei unserer Arbeit gegenüber fanden, erwies sich somit als der erste Gegenstand, den wir zu untersuchen hatten: die Selbstzerstörung der Aufklärung. Wir hegen keinen Zweifel – und darin liegt unsere petitio principii –, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist.“ (Horkheimer und Adorno [1944, 1947]/1987, S. 18)

Und als klaren Beweis für das kritische Selbstbewusstsein Adornos auch im Hinblick auf das Schicksal der Aufklärung in der spätkapitalistischen Gesellschaft, in der er lebte und wirkte, und in der er die Aufsätze des hier erörterten Bandes verfasste, möchte ich zum Abschluss den letzten Satz im letzten Radiogespräch zitieren, das kurz vor seinem Tod stattfand und eine Woche nach seinem Tod gesendet wurde, dessen Titel wie der des gesamten Bandes „Erziehung zur Mündigkeit“ lautet. Ich zumindest sehe in diesen Worten Adornos einen Ausdruck des Absurden – des Absurden im Sinne Camus’2 –, welches diesmal nicht nur die Verwirklichung der Marxschen Vision einer freien Gesellschaft, wie sie die Denker der Frankfurter Schule adoptierten, belangt, sondern auch den Vermittlungsfaktor, der die Konsoldierung der gesellschaftlichen und bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen für die Errichtung des „Reichs der Freiheit“ ermöglichen soll, also das Absurde, das auch die Aufklärung selbst belangt.

Adorno schreibt: „Ich möchte das Gespräch am liebsten damit schließen, daß wir unseren Zuhörern das Phänomen zu bedenken geben, das gerade im Eifer des Änderungswillens allzu leicht verdrängt wird, daß Versuche, in irgendeinem partikularen Bereich unsere Welt wirklich eingreifend zu ändern, sofort der überwältigenden Kraft des Bestehenden ausgesetzt sind und zur Ohnmacht verurteilt erscheinen. Wer ändern will, kann es wahrscheinlich überhaupt nur, indem er diese Ohnmacht selber und seine eigene Ohnmacht zu einem Moment dessen macht, was er denkt und vielleicht auch was er tut.“ (Adorno 1971, S. 147)

Adornos Worte am Ende der „Erziehung zur Mündigkeit“ gemahnen sehr an Marcuses Worte am Ende von „Der eindimensionale Mensch“ und das Zitat von Walter Benjamin, welches dieses Buch beschließt: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben“ (Marcuse, [1964]/1988, S. 268). Es erweist sich also, dass in der Auffassung der Ohnmacht als Quelle, von der wir vermeintlich die Kräfte für die revolutionär-emanzipatorische Tat schöpfen sollen, Adorno hier seine doppelte und kompromisslose Loyalität bezeugt: die Treue zum Ideal der Befreiung des Menschen von Marx in der Vermittlung des gesellschaftlichen und pädagogischen Ideals der Aufklärung, zugleich aber auch die Treue des Wissenschaftlers und Denkers zur wahrhaften Darstellung der bestehenden gesellschaftlichen Realität. Unter den bestehenden historisch-gesellschaftlichen Umständen erscheint diese doppelte Loyalität im Denken Theodor Adornos in den 1960er-Jahren – wie auch in dem Marcuses und als pronociertes Kennzeichen des Denkens der Frankfurter Schule insgesamt – als Ausdruck von Widerspruch und dem Absurden.

Fußnoten

  1. 1.

    Das Absurde leitet sich davon ab, dass der von Archimedes gemeinte „archimedische Punkt“, der Prozesse bewegen kann – in der geistigen wie in der materiellen Welt, wenn ich recht verstehe –, sich außerhalb des Systems befinden muss, gleichsam als „fester Punkt“ für den Antrieb des System selbst. Bei der Aufklärung jedoch, ähnlich wie beim „ego cogito“ Decartes’, wird dieser „feste Punkt“ als im Innern des Systems verortet aufgefasst.

  2. 2.

    Das Absurde, das in Camus’ Denken das Verhältnis im Individuum zwischen der Gewissheit des nahenden Todes und seinem von Wert und Bedeutung bestimmten Daseins (vor dem Hintergrund seines Bewusstseins der Todesgewissheit) kennzeichnet, wird von mir im hier erörterten Zusammenhang auf die emanzipatorische Aktivität von Marxisten im spätkapitalistischen Sein vor dem Hintergrund ihres Bewusstseins des Absurden ihres Kampfes, d. h. der systembedingten Aussichtslosigkeit, ihren Kampf um die Befreiung des Menschen in absehbarer Zukunft zu verwirklichen, angewandt. So gesehen, erfüllen sie das spezifische Verhältnis zum Absurden von Camus: Das Absurde ist eine vom Menschen bestimmte Gewissheit, die er nicht annimmt; „Das Absurde hat nur insoweit einen Sinn, als man sich mit ihm nicht einverstanden erklärt“ (Camus [1942]/1959, S. 36). In einem seiner Vorträge (der im Nachlass publiziert wurde) bezog sich Marcuse auf den emanzipatorischen Kampf im Spätkapitalismus in Kategorien des „Absurden“ im Sinne Camus’ (Marcuse [1968] 1999, S. 111–113).

Literatur

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Authors and Affiliations

  1. 1.Philosophy DepartmentTel Aviv UniversityTel AvivIsrael

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