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Religionswissenschaft: Macht – Religion – Geschlecht. Perspektiven der Geschlechterforschung

  • Marita GüntherEmail author
  • Verena Maske
Living reference work entry
Part of the Geschlecht und Gesellschaft book series (GUG, volume 65)

Zusammenfassung

Gendertheoretische Religionswissenschaft analysiert das Verhältnis von Religionen und Geschlechterordnungen mittels kultur- und sozialwissenschaftlicher Methoden als soziale Tatsache im Rahmen eines diskursiven Religionsverständnisses. Der Beitrag zeigt den Forschungsstand und die Desiderate der Disziplin auf.

Schlüsselwörter

Religion Androzentrismus Feministische Wissenschaftskritik Intersektionalität Postkoloniale Kritik 

1 Geschlechterforschung in der Religionswissenschaft

Religionen und Geschlechterordnungen sind untrennbar miteinander verwoben: Religiöse Vorstellungen und Normen prägen Geschlechterkonstruktionen und umgekehrt. Bilder idealisierter Männlichkeit und Weiblichkeit, geschlechtsspezifisch geprägte Handlungserwartungen sowie die Sexualmoral werden durch religiöse Vorstellungen festgeschrieben, infrage gestellt oder auf der Grundlage einer Re-Lektüre „heiliger“ Schriften an soziale Wandlungsprozesse gekoppelt. Religionen sind in all ihren Dimensionen geschlechtsspezifisch geprägt: in ihren Mythen, Symbolen, Gottesvorstellungen und heiligen Schriften ebenso wie bezogen auf sozial-moralische Konventionen, die sie vermitteln und die immer Vorstellungen einer idealisierten Geschlechterordnung transportieren – seien es zölibatäre Vorschriften für religiöse Experten auf der einen oder „heilige“ sexuelle Rituale etwa im Tantrismus auf der anderen Seite, geschlechtsspezifische Aspekte in Gottes- und Göttinvorstellungen mit ihren Implikationen für soziale Geschlechterordnungen oder Fragen des Zugangs zu religiösem Wissen. Das Verhältnis von Religion und Geschlecht ist sehr unterschiedlich ausgestaltet und kann sowohl mit einer emanzipatorischen Erweiterung von Handlungsspielräumen als auch mit restriktiven Begrenzungen einhergehen.

Gleichwohl sind insbesondere die sog. Weltreligionen patriarchal geprägt und weisen trotz zahlreicher Unterschiede in der Ausgestaltung männlicher Dominanz ähnliche Argumentationslinien zu ihrer Legitimation auf: Begründet werden Minderwertigkeit und Ausschluss von Frauen oftmals mit ihrer Unreinheit durch Menstruation und Geburt sowie ihrer angeblichen irrationalen Triebhaftigkeit, die der Ratio des Mannes diametral entgegengestellt sei. Auf der Basis dieser Prämisse wird weibliche Sexualität kontrolliert und der männlichen Hegemonie unterstellt. Damit verbunden ist die Idealisierung und Verehrung von Müttern, aber auch von jungfräulichen Heiligen, die im Gegenzug häufig soziale Exklusion erdulden müssen. Trotz der überwiegend patriarchalen Prägung finden sich in allen religiösen Traditionen auch Impulse für eine geschlechteregalitäre Gesellschaftsordnung, die in den jeweiligen innerreligiösen Frauenbewegungen aufgegriffen und weiterentwickelt werden (Heller 2003). Das sozial-emanzipatorische Potenzial solcher Strömungen reicht von vorsichtigen Harmonisierungsbewegungen bis zur Gründung feministischer Netzwerke religiöser Aktivistinnen.

Die gendertheoretische Religionswissenschaft untersucht diese engen Bezüge zwischen Geschlechterverhältnis und religiöser bzw. sozialer Ordnung. Die Entstehung, Reproduktion und Veränderung von Geschlechterkonstruktionen und -verhältnissen in Geschichte und Gegenwart im Kontext von Machtbeziehungen werden in ihren Interdependenzen mit religiösen Deutungs- und Handlungsmustern analysiert und in Relation zu weiteren Differenzkategorien auf der Mikro-, Meso- und Makroebene gebracht. So kann die Wirkmächtigkeit religiös begründeter Geschlechterdifferenzen entschlüsselt und eine kritische Analyse der Interdependenzen zwischen Religionen und Geschlechterkonstruktionen im Kontext von Machtbeziehungen geleistet werden (Franke und Maske 2012). In diesem Beitrag verwenden wir den Begriff einer gendertheoretischen Religionswissenschaft allgemein und inklusiv für religionswissenschaftliche Forschungen, die sich auf frauen-, geschlechter-, gender- und queertheoretische Fragestellungen und Perspektiven beziehen, werden aber verdeutlichen, dass diesen Arbeiten unterschiedliche Definitionen von Geschlecht sowie daran anschließende theoretische Zugänge, Frageperspektiven und interessengeleitete Ansätze zugrunde liegen.

Die Religionswissenschaft versteht sich seit ihrer Anknüpfung an kultur- und sozialwissenschaftliche Forschungstraditionen in den 1960er-Jahren als empirisch arbeitende Wissenschaft, die eine Deskription und Analyse von religiösen Glaubens- und Handlungszeugnissen anstrebt und sich dabei historisch-kritischer und philologischer ebenso wie qualitativer und quantitativer Methoden der empirischen Sozialforschung bedient. Dabei geht sie von einem methodologischen Agnostizismus aus, mit dem Fragen der Wahrheit einer religiösen Tradition ausgeblendet werden. Dies impliziert einen religions- und ideologiekritischen Impetus, der sich aus der Betrachtung von Religionen als historisch gewachsenen, kontextbezogenen und in Machtstrukturen eingebundenen sozialen Tatsachen ergibt (Franke und Maske 2008).

Ebenso wie in den Gender Studies ist in der Religionswissenschaft die Definition ihres Gegenstandes höchst problematisch. Weder Religion noch Geschlecht sind greifbare Phänomene der außersprachlichen Wirklichkeit, vielmehr basieren sie auf Zuschreibungen und sozialen Aushandlungen. Als instabile Kategorien werden sie in einem sozialen, historischen und kulturellen Kontext hervorgebracht und erlangen eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit, die soziale Realitäten erzeugt (Moser und Lanwerd 2010). Was zu welchem Zeitpunkt als Religion und als einer religiösen Tradition zugehörige Wahrheit verstanden wird, ist Gegenstand sozialer Diskurse (Stausberg 2012). Mit einem diskursiven Religionsbegriff ergeben sich neue Perspektiven und Forschungsfelder jenseits der sog. Weltreligionen: Neue religiöse Bewegungen können ebenso zum Gegenstand werden wie die Vielfalt innerhalb religiöser Traditionen in ihrem soziohistorischen Wandel oder Säkularisierungs- und Globalisierungsdynamiken. Diese sind auch für die gendertheoretische Religionswissenschaft von hoher Relevanz, da auf der Grundlage eines solchen Verständnisses beispielsweise auch eine frauenzentrierte Religiosität jenseits des Mainstreams untersucht werden kann (Pahnke und Sommer 1995).

2 Fachgeschichte und Forschungsstand der Geschlechterforschung in der Religionswissenschaft

Trotz der Interdependenzen zwischen Religion und Gender konstatierte Ursula King, eine Pionierin der gendertheoretischen Religionswissenschaft, eine wechselseitige Ignoranz der Disziplinen (King 2005, S. 1–2). Angesichts der Forderung weltanschaulicher Neutralität besteht nach wie vor Skepsis gegenüber den mit der politischen Frauenbewegung verwobenen Gender Studies, und in den Gender Studies führt die Vorannahme, dass Religionen vornehmlich patriarchal geprägt seien, zu einer weitgehenden Ausblendung des Gegenstandes. Außerdem ist es angesichts der Verwobenheit der Frauen- und Geschlechterforschung mit der Frauenbewegung nicht verwunderlich, dass zunächst vor allem die Versuche einer religiösen Neuinterpretation „heiliger“ Schriften, der feministisch-theologischen Auseinandersetzung und der Neuschöpfung frauenzentrierter Religiosität in den Blick kamen, die sich aus einer religiösen Perspektive mit klaren Positionierungen in die Frauenbewegung einbrachten. Die vor allem von feministischen Theologinnen verfassten Arbeiten haben mit der ‚Entdeckung‘ einer weiblichen Religionsgeschichte in der je eigenen religiösen Tradition und einer feministischen Kritik und Re-Lektüre religiöser Quellen einen großen Beitrag zur Erhellung der Interdependenzen von Religion und Gender geleistet. Allerdings bestehen auf der Basis religiöser Prämissen auch analytische Grenzen.

2.1 Erste Arbeiten zu Frauen in den Religionen

Bereits zu Beginn der sich entwickelnden Religionswissenschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts spielten Fragen der Geschlechterordnung und der Bedeutung von Frauen in den Religionen eine Rolle, wurden aber nicht mit einem besonderen wissenschaftstheoretischen Zugang versehen (Winternitz 1920). Die wohl bekannteste religionswissenschaftliche Arbeit zur „Frau in den Religionen“ stammt von Friedrich Heiler. Er stellte die große Bedeutung von Frauen in und für Religionen heraus, die jedoch mit zunehmender Entwicklung von „Stammesreligionen“ hin zu „Offenbarungsreligionen“ angesichts ihres Ausschlusses aus repräsentativen Funktionen verloren gegangen sei und nun wiedererlangt werden müsse (Heiler 1976, S. 184–186). Als eine Weiterführung dieser Arbeit versteht sich der Band von Michael Klöcker und Udo Tworuschka, der sich mit der Rolle von Frauen in verschiedenen Traditionen auseinandersetzt (Klöcker und Tworuschka 1995). Die Arbeiten in dieser ersten Phase stellten die heterosexuelle Geschlechterordnung in der Regel nicht grundsätzlich infrage und sind mit einer religionsbejahenden Agenda verbunden. Dennoch lieferten sie eine erste Beschreibung der Rollen von Frauen in verschiedenen Religionen, sie bekräftigten damit aber implizit androzentrische Perspektiven.

2.2 Rezeption der kritischen Frauen- und Geschlechterforschung: Androzentrismuskritik und Women’s Studies

Eine systematische Bearbeitung des Themenfeldes Religion und Gender im Rahmen einer eigenen religionswissenschaftlichen Forschungsrichtung erfolgte mit der Rezeption kritischer Frauen- und Geschlechterforschung in den 1970er-Jahren. Seitdem gibt es eine sich dezidiert als Frauen- und Geschlechterforschung verstehende Thematisierung von Frauen und Geschlecht in der Religionswissenschaft, es entstanden klassische Anfangs- und Überblickswerke ebenso wie empirische Studien (Falk und Gross 1980; Bynum et al. 1986; King 1995; Pahnke 1993; Young 1999). Folgende Frageperspektiven wurden dabei aufgeworfen (Heller 2003, S. 763–767):
  1. 1.

    Religiöse Legitimation ebenso wie Infragestellung des sozialen Status und der Rollen von Frauen und Männern in ihren Wechselbezügen

     
  2. 2.

    In religiösen Lehren und Symbolen vermittelte Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit mit ihren Implikationen für den jeweiligen sozialen Status

     
  3. 3.

    Frauen als religiöse Subjekte und frauenzentrierte Religiosität

     
  4. 4.

    Methodologische Überlegungen zur Androzentrismuskritik und eine allgemeine Kritik an wissenschaftlichen Produktionsbedingungen

     

Als einer der ersten Beiträge eines umfassend geschlechterkritischen Ansatzes gilt die 1977 formulierte Forderung der Religionswissenschaftlerin Rita Gross für einen notwendigen Paradigmenwechsel von einer androzentrischen hin zu einer androgynen Methodologie: Es sollte nicht länger die männliche Norm mit der menschlichen gleichgesetzt werden (Gross 1977). Der Androzentrismus religiöser Traditionen geriet damit ebenso in die Kritik wie der ihrer wissenschaftlichen Erforschung (O’Connor 1989).

Angesichts des Befundes von Leerstellen, Einseitigkeiten sowie Verzerrungen in Theorie und Empirie wurde im Rahmen einer gendertheoretisch arbeitenden Religionswissenschaft gefordert, eine grundsätzlich genderkritische Perspektive in den gesamten Forschungszusammenhang zu integrieren (Heller 2003, S. 761). Der Fokus der gendertheoretischen Religionswissenschaft bestand zunächst in der Sichtbarmachung der Religiosität der Femina Religiosa. Waren durch die Konzentration auf philologische Methoden Frauen häufig ebenso wie religiöse Traditionen jenseits des Mainstreams als Forschungsgegenstände ausgeschlossen worden, ging mit der Androzentrismuskritik auch eine Methodenkritik einher. Vor allem durch qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung sollten Frauen als religiöse Subjekte in den Blick genommen werden (Franke et al. 2002). Das lückenhafte Bild von Frauen in den Religionen in Geschichte und Gegenwart wurde vervollständigt und differenziert und frauenverachtende Lehren und Praktiken in zahlreichen Religionen offensichtlich gemacht (Decker 2013; Heller 1999; Klinkhammer 2000).

Zugleich wurde problematisiert, wer mit welchen Zugängen über wen mit welcher Absicht und welchen Interessen sowie in welchem soziokulturellen und diskursiven Kontext forscht, da dies einen entscheidenden Einfluss auf den Forschungsverlauf und die Analyse nimmt. Ausgehend von dieser Erkenntnis wird bis heute der Ausschluss von Frauen aus dem wissenschaftlichen Forschungsbetrieb kritisiert (Hawthorne 2009, S. 136; Heller 2003, S. 761), zugleich wurden in Vergessenheit geratene Klassikerinnen der Religionswissenschaft wieder entdeckt und ihre Werke zugänglich gemacht, wobei in der kritischen Aufarbeitung der eigenen Fachgeschichte nach wie vor erhebliche Desiderate bestehen (Höpflinger et al. 2008; Günther-Saeed 2010; Brunotte 2013).

2.3 Von der Frauenforschung zu einer gendertheoretischen Perspektive in der Religionswissenschaft

In den letzten Jahren entstanden Arbeiten zur Konstruktion von Männlichkeit in den Religionen (Gelfer 2009; Krondorfer 2009; Klinken und Chitando 2016), zu einer umfassenderen Analyse der Geschlechterordnung, zur Intersektionalität verschiedener sozialer Kategorien sowie zu queeren Perspektiven und dem Themenfeld Religion und Homosexualität (Wilcox 2009; Moser 2007), die jedoch überwiegend als Pionierleistungen bezeichnet werden müssen. Die Rezeption der durch postkoloniale Theorien und Queer Studies ausgelösten theoretischen Debatten in den Gender Studies führte auch in der Religionswissenschaft zu einer umfangreichen und befruchtenden methodologischen Rezeption. Die differenzierten theoretischen und methodologischen Diskussionen stehen allerdings vielfach theoretisch unterkomplexen empirischen Umsetzungen gegenüber und müssen überwiegend als Forderungen und Desiderate bezeichnet werden. So ist beispielsweise gefordert worden, die enge Wechselseitigkeit in der Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in den Forschungszuschnitten stärker zu berücksichtigen, indem nicht nur Status und Rollen von Frauen, sondern die Geschlechterordnung insgesamt einer kritischen Analyse unterzogen wird. Dabei sollten auch queere Perspektiven einbezogen werden.

Die Rezeption postkolonialer Kritiken ist mit theoretischen und ethischen Herausforderungen und Infragestellungen von Prozessen des Othering auf die „andere Religion“ bzw. „andere Frauen“ verbunden (Hawthorne 2009; Lanwerd und Moser 2010). Moralische Überlegenheit und damit verbundene kulturelle Distinktionen machten – und machen sich auch heute noch – an der Rolle von Frauen und dem Umgang mit ihrer Körperlichkeit und Sexualität fest und müssen auch von gendertheoretisch arbeitenden ReligionswissenschaftlerInnen reflektiert werden. Außerdem kann aus einer feministischen Ideologiekritik eine neue Ideologie erwachsen, wenn ReligionswissenschaftlerInnen beispielsweise die Existenz früherer, nicht-patriarchaler Religionen behaupten oder bestehende Religionen als im „wahren Kern“ feministisch rekonstruieren. Dies kann als eine ihrem Vorverständnis entsprechende Kolonisierung verstanden werden, mit der sie innerreligiöse Positionierungen mit ihrer Deutungsmacht zur Durchsetzung verhelfen (Hawthorne 2009, S. 136).

Im Zuge der Rezeption postkolonialer Debatten ist auch die Frage nach politischen Implikationen von Wissenschaft erneut aktuell geworden und löste Diskussionen zum unauflösbaren Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch auf Wertneutralität und dem Interesse an kritischer Analyse religiöser Phänomene aus. Angesichts der klaren Abgrenzung zu theologischen Positionen hat sich die Religionswissenschaft lange dem klassischen Objektivitätsideal verpflichtet gefühlt – die teilweise explizit politische Positionierung gendertheoretischer Forschung, aber auch die teils affirmativen Stellungnahmen feministischer Religionsforschung haben eine innerdisziplinäre Akzeptanz der gendertheoretischen Religionswissenschaft daher erschwert (Pezzoli-Olgiati 2008, S. 11). Für den aktuellen Stand dieser Wissenschaftsdebatte kann festgestellt werden, dass sich die Prämisse einer desinteressierten Methodologie jenseits politischer Implikationen als naiv erwiesen hat, da es eine wertneutrale Position in der Wissenschaft nicht gibt. Daher fordern gendertheoretisch arbeitende ReligionswissenschaftlerInnen eine Modifikation des Objektivitätsideals: Transparenz und Selbstreflexion der eigenen Positionierung sollen verhindern, dass partikularen Interessen unter dem Deckmantel scheinbarer Objektivität zur Durchsetzung verholfen wird. In diesem Zusammenhang sind auch der Entstehungs- und Verwertungszusammenhang von Forschung als Bestandteile des Forschungsprozesses anzusehen und entsprechend zu reflektieren. Mit Heller sehen wir in der gendertheoretischen Religionswissenschaft einen Forschungsansatz, der sich nicht dem Mythos objektiver Wissensproduktion, sondern einer gerechteren Welt verpflichtet weiß. Er bewahrt zwar das Ideal der Objektivität als eine Art ethischen Imperativ im Sinne einer selbstreflexiven Transparenz, aber konkretisiert Ideologiekritik auf der Basis errungener ethischer Positionen einerseits und der Freiheit von konfessioneller Bindung im Forschungsprozess andererseits. Notwendig ist dafür eine Sensibilität für Differenzen und eine methodisch disziplinierte Parteilichkeit für benachteiligte Positionen, denen eine Stimme gegeben wird (Heller 2010, S. 145). Indem die gendertheoretische Religionswissenschaft verschiedene Standpunkte zueinander in Bezug setzt, trägt sie zu einer differenzierten Analyse von religiösen und geschlechtsspezifischen Konstruktionen sozialer Wirklichkeit bei, die als solche kritisierbar und veränderbar werden.

Notwendig ist eine Untersuchung von geschlechtlich und religiös codierten Zuweisungs- und Vermittlungsformen sowie Aneignungen und Repräsentationen von Subjektpositionen. Zugleich ist eine kritische Analyse der damit verbundenen sozialen Auswirkungen erforderlich, die wirksame soziale Differenzkategorien mit einbezieht. Dabei sind kulturelle, religiöse, geschlechtsspezifische und andere Facetten sozialer Realität als soziales Konstrukt kritisch zu hinterfragen und von ihrer Selbstverständlichkeit durch kritische Dekonstruktion zu befreien.

In der Umsetzung einer gendertheoretischen Religionswissenschaft sind folgende Untersuchungsebenen in ihrer Wechselwirkung zu berücksichtigen:
  • Individuelle Konstruktionsprozesse: Wie sind religiöse und geschlechtsspezifische Sozialisations- und Identitätsbildungsprozesse miteinander verschränkt und wo zeigen sich Grenzen und Ausschlüsse hinsichtlich individueller Handlungsmöglichkeiten und Selbstverständnisse?

  • Symbolische Konstruktionsprozesse: Welche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, welche Geschlechterordnungen werden durch religiöse Lehren und Praktiken transportiert und welche sozialen Konsequenzen ziehen sie nach sich?

  • Strukturelle Konstruktionsprozesse: Wie tragen Religionen zur gesellschaftlichen Ordnung und strukturellen Arbeitsteilung bei, die häufig zugleich geschlechtsspezifische Implikationen aufweisen (Hawthorne 2009, S. 135; Joy 2001, S. 178)?

3 Die gendertheoretisch arbeitende Religionswissenschaft zwischen Etablierung und Marginalisierung

Nach der verzögert erfolgten Rezeption gendertheoretischer Ansätze in der Religionswissenschaft sind zahlreiche empirische Einzelstudien entstanden, die das Verhältnis von Religion und Geschlecht beleuchten und einen Beitrag zur weiteren Theoriebildung leisten. Außerdem haben methodologische und methodische Debatten nicht nur die gendertheoretisch arbeitende Religionswissenschaft, sondern den gesamten Fachdiskurs bereichert. Dass in der gendertheoretischen Religionswissenschaft in den letzten Jahren ein gewisser Forschungsstand erarbeitet worden ist, zeigt sich an der Publikation eines Handbuches und verschiedener Sammelbände, die anhand einer Zusammenstellung von Einzelfallstudien, wissenschaftstheoretischen Überlegungen und einer selbstkritischen Aufarbeitung der Fachgeschichte den gegenwärtigen Forschungsstand spiegeln (Höpflinger et al. 2008; Lanwerd und Moser 2010; Elsas et al. 2014). In der Lehre wird eine gendertheoretische Perspektive an den meisten religionswissenschaftlichen Standorten regelmäßig angeboten und entsprechend im Wissenskorpus verankert. Eine gewisse Etablierung der gendertheoretischen Forschungsperspektive zeigt sich außerdem in der Aufnahme eines Abschnittes zur gendertheoretischen religionswissenschaftlichen Forschung in der relevanten Einführungsliteratur sowie in einschlägigen Lexika. Es lässt sich auch feststellen, dass vermehrt Wissenschaftlerinnen Lehrstühle besetzen, ebenso wurden ProfessorInnen mit einem gendertheoretischen Schwerpunkt berufen. Gendertheoretisch arbeitende ReligionswissenschaftlerInnen sind international durch zahlreiche Tagungen und die Herausgabe einschlägiger Zeitschriften wie „Gender & Religion“ sowie „Feminist Dissent“ vernetzt. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch das Women Scholars Network der internationalen Vereinigung für Religionswissenschaft (IAHR). Es wird aber auch mehrheitlich konstatiert, dass eine umfassendere Etablierung zugunsten einer Verstetigung der Forschung und damit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung aktueller Fragestellungen eine dringliche Forderung bleibt, zumal zentrale Forderungen dieser Perspektive noch nicht hinreichend umgesetzt und in die Disziplin integriert wurden (Pezzoli-Olgiati 2008, S. 11; Lanwerd 2004, S. 196).

Es kann resümiert werden, dass sich die Entwicklung der gendertheoretisch arbeitenden Religionswissenschaft bis heute zwischen einer Etablierung als breiter aufgestellte Forschungsperspektive und einer Marginalisierung jenseits der geforderten methodologischen Integration als zentraler Kategorie im Forschungsgeschehen und der Etablierung größerer Forschungsaktivitäten bewegt.

4 Fazit und Perspektiven

Die gendertheoretische Religionswissenschaft hat im Zuge ihrer wachsenden Etablierung bereits einen großen Beitrag zur Erhellung der Interdependenzen von Religion und Gender geleistet, viele Forschungsfelder benannt, methodologische Debatten angestoßen und zu einem gewissen Blickwechsel innerhalb des Fachdiskurses beigetragen.

Forschungsdesiderate bestehen vor allem in der Umsetzung theoretischer und methodologischer Forderungen: Gendertheoretisch arbeitende Religionswissenschaft sollte sich noch stärker für Analysen der Konstruktionen von Männlichkeit, der Geschlechterordnung insgesamt sowie der Heteronormativität auf der Mikro-, Meso- und Makroebene öffnen. So kann sie religiös legitimierte Geschlechterordnungen als politische Differenzierungsmaßnahmen dechiffrieren. Unerlässlich ist dabei ein intersektionaler Forschungszuschnitt, der weder Geschlecht noch Religion als singuläre Kategorien, sondern in ihrer Verwobenheit mit anderen sozialen Differenzkategorien vor dem Hintergrund eines modifizierten Objektivitätsideals beleuchtet. Die religionshistorische und theoretische Wissensproduktion der Disziplin und ihre Kanonisierungsprozesse sollten systematischer in Bezug auf geschlechtsspezifische Produktionsbedingungen, Ausschlüsse und Wissensgenerierung hinterfragt und fachgeschichtlich aufgearbeitet werden.

Aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen, Fragen nach der Stellung von Religionen im öffentlichen Raum und in zunehmend heterogenen, sich globalisierenden Kontexten werden auch anhand der Aushandlung von als legitim erachteten Geschlechterverhältnissen verhandelt. Dies erfordert frauen-, geschlechter- und gendertheoretisch informierte Perspektiven. Ein religionswissenschaftlicher Zugang kann die Sicht auf das Verhältnis von Religion und Geschlecht sowohl um historische als auch um religionsvergleichende Perspektiven erweitern und einen wertvollen Beitrag zur Analyse ihrer Interdependenzen leisten. Dabei sind die Strukturähnlichkeiten im Verständnis des Gegenstandes und die betonte Außenperspektive der Religionswissenschaft eine entscheidende Basis für die differenzierte Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Eine gendertheoretische Religionswissenschaft, die auf normative Aussagen verzichtet, aber ihr gesellschaftspolitisches, kritisches Potenzial nicht außen vor lässt, kann auf Legitimationsstrategien, Argumentationslogiken und Handlungspraxen hinweisen, die bestimmten Personengruppen im Namen von Religion(en) einen gleichberechtigten Subjektstatus absprechen: Entlang eines emanzipatorischen Erkenntnisinteresses kann sie eine herrschaftskritische Wirkung entfalten.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Fachgebiet ReligionswissenschaftPhilipps-Universität MarburgMarburgDeutschland
  2. 2.Abteilung ReligionswissenschaftLeibniz Universität HannoverHannoverDeutschland

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