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Diskursanalyse

  • Vivien SommerEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Der Beitrag stellt methodische Verfahren vor, um diskursive Praktiken in digitalen Alltagswelten zu untersuchen. Ausgehend von transmedialen Medienkonvergenzen bestimmt durch Digitalisierungsprozesse entstehen für die Analyse diskursiver Praktiken methodologische und methodische Herausforderungen. Drei Problemfelder werden in diesem Beitrag beschrieben: erstens der Bereich der Speicherungs- und Archivierungspraktiken in digitalen Diskursen, zweitens das Feld der Produktions- und Verbreitungspraktiken und drittens multimodale Praktiken. Für alle drei Bereiche werden im Anschluss drei diskursanalytische Verfahren vorgestellt, die methodische Lösungen für die jeweiligen Problemfelder anbieten.

Schlüsselwörter

Diskursanalyse Transmedialität Multimodalität Wissenssoziologische Diskursanalyse Framebasierte Diskursanalyse Sozialsemiotische Diskursanalyse 

1 Einleitung: Die Transmedialität und Multimodalität diskursiver Praktiken

Diskursive Praktiken lassen sich in heutigen mediatisierten Alltagswelten sowohl als transmedial als auch als multimodal charakterisieren. Transmedialität umfasst „Phänomene, die in verschiedensten Medien mit dem jeweiligen Medium eigenen Mitteln ausgetragen werden können, ohne dass hierbei die Annahme eines […] Ursprungsmediums wichtig oder möglich ist“ (Rajewsky 2002, S. 13). Eng verknüpft ist der Begriff der Transmedialität mit dem Konzept der Mediatisierung (Krotz 2007). Mediatisierung beschreibt den Prozess der Veränderungen der Medienumgebungen zu komplexeren, mit einander verschränkten Medienaneignungen. Diese Medienaneignungen lassen sich als kommunikative Netzwerke über verschiedene Medien im Sinne von konvergierenden, vernetzten Medienarragenments fassen (Hepp 2011, S. 65, siehe auch Fraas und Pentzold in diesem Band). Mit der Digitalisierung verstärken sich die Prozesse der transmedialen Medienkonvergenz. Dabei hat sich insbesondere das Internet zu einer Hauptleitung unserer alltäglichen Medienkommunikation entwickelt (Ito 2012, S. 1). Alte Medien werden dadurch nicht ersetzt, jedoch verändern sich diskursive Praktiken durch und im Internet: Die top-down Beziehung in Form one-to-many der massenmedial bestimmten Diskurse wird ergänzt und verwoben mit bottom-up-Diskursverläufe in Form von many-to-many, peer-to-peer- und side-to-side-Beziehungen (Ito 2012, S. 3; Russel et al. 2012, S. 43). Dadurch werden kleinere themenspezifischere Öffentlichkeiten sichtbar, die es vor der Verbreitung des Internets zum großen Teil auch schon gab, die aber nicht medial aufbereitet und dadurch weniger einfach auffindbar und zugänglich waren für eine Diskursanalyse. In transmedialen Diskursen sind die kleinen und großen Öffentlichkeiten zu einer Netzwerköffentlichkeit integriert.

Diskursive Praktiken können nicht nur als transmediale Kommunikationspraktiken sondern auch als multimodales Zeichenhandeln konzeptualisiert werden. Im sozialsemiotischen Verständnis von Kress und Van Leeuwen (2001, 2010) bilden Zeichenressourcen wie etwa Farbe, Töne oder Semantik die materiale Basis, aus der Zeichenhandeln produziert wird. Jede Form von Kommunikation kann als multimodal beschrieben werden. Allerdings entsteht durch die Digitalisierung eine „Kulmination“ der Multimodalisierung (Bucher 2013, S. 64) und das auf zweifache Weise: Zum einen ist es auf einer technischen Ebene möglich alle Modi in digitale Zeichen zu übersetzen, so dass es für viele User möglich wird, diese in webbasierter Kommunikation zu multimodalen Zeichenkombinationen verknüpfen. So kann ein einzelner User ohne großen technischen Aufwand und Spezialwissen ein Video drehen, es bearbeiten, mit Musik unterlegen und es auf einer Videoplattform veröffentlichen. Zum anderen hat die vereinfachte technische Produktion insbesondere von (Bewegt-)Bildern dazu geführt, dass visuelle Zeichen in Online-Kommunikationsformen ‚gleichberechtigt‘ und in der Kombination mit sprachlichen Zeichen verwendet werden (Kress und Van Leeuwen 2001, S. 2, 112).

2 Methodische Herausforderungen

Die veränderten Konstituierungen transmedialer Diskurse durch die Digitalisierung führen zu methodischen Herausforderungen. Wie das Schaubild verdeutlicht (siehe Abb. 1), treten diese methodischen Herausforderungen in den Bereichen der Speicherung und Archivierung, der Produktion und Verbreitung und der Multimodalität auf.
Abb. 1

Methodische Herausforderungen für die Analyse digitaler Diskurspraktiken. (Quelle: eigene Darstellung)

2.1 Speicherung und Archivierung

Die digitale Medientechnologie ermöglicht es Inhalte kostengünstig zu speichern. Jede digitale Information wird als binäres Signal gespeichert und kann so von verschiedenen Geräten ‚gelesen‘ und archiviert werden. So stehen im Internet riesige Datenbestände abrufbar zur Verfügung. Zu einem Thema kann eine unüberschaubare Vielzahl an Beiträgen im Netz zirkulieren. Gleichzeitig unterliegen Beiträge im Internet einer hohen Veränderbarkeit und Fluidität. Online-Inhalte werden fortlaufend neu erstellt, verändert oder gelöscht, ohne dass sie in umfassender, systematischer und institutionalisierter Weise archiviert werden. Deutlich wird dies etwa bei der Videoplattform YouTube: Einerseits hat die Plattform u. a. die Funktion eines Web-Video-Archivs inne, indem sich neben aktuellen Ausschnitten aus TV-Shows, Nachrichtenbeiträgen, Musikvideos auch Videomitschnitte von Filmen und Fernsehbeiträgen aus dem Zeitalter der analogen Medien finden. Andererseits zeichnen sich Inhalte auf YouTube nicht durch Beständigkeit aus: Beiträge werden häufig aus medienrechtlichen Gründen gelöscht. Hinzu kommt, dass die Kommentierung der Videos, also die Anmerkungen anderer User zu dem Video, sich immer wieder verändern kann.1 Damit stellen sich methodische Herausforderung für das Sampling, also die Erhebung der Daten in einer Diskursanalyse. Wie in Abb. 1 aufgeführt, gilt es Sampling-Strategien und Sampling-Techniken zu entwickeln, die es bewirken, trotz der Masse der Online-Angebote ein Analysekorpus auszubilden, das den Forscher befähigt eine Auswahl an typischen Fällen zu analysieren.

2.2 Produktion und Verbreitung

Eine breite Heterogenität der digitalen Daten entsteht durch die spezifischen Produktions- und Verbreitungspraktiken in transmedialen Diskursen. Unter den Stichworten prosumption (Ritzer und Jurgenson 2010) und produsage (Bruns 2008) wird die Entwicklung benannt, dass Menschen durch niedrigschwellige Zugänge und Angebote digitale Inhalte sowohl produzieren als auch rezipieren können.2 Dadurch verwischt die Grenze zwischen Produzent und Rezipient. In transmedialen Diskursen können sich so neben massenmedialen, Akteuren weitere Produzenten etablieren, um an der Konstituierung eines Diskurses zu partizipieren. Dadurch wird eine Bandbreite von Standpunkten sichtbar und neue diskursive Sprecherpositionen können entstehen. Allerdings stellen die sehr heterogenen Aussagen in einem Diskurs den Forscher vor die Schwierigkeit, typisierbare Interpretationen und Muster zu rekonstruieren.

Eine weitere Herausforderung bilden dezentrale Verbreitungspraktiken in transmedialen Diskursen: Nicht alle Beiträge werden zeitlich linear in massenmedialen Leitmedien veröffentlicht, sondern Themen entfalten sich unsystematisch in unterschiedlichen Teilöffentlichkeiten (Meier et al. 2010). Die Dezentralität des Diskursverlaufs beeinflusst die Datenerhebung. Die fehlende Systematik in der Verbreitung der Diskursfragmente, zwingt den Forscher dazu, eine eigene Systematik und Strategien zu entwickeln, um Diskursbeiträge zu erheben und die Entwicklung des Diskurses nachzuzeichnen. Auch die hypertextuelle Struktur des Internets erschwert das Sampling, denn Kommunikationsnetzwerke mit unterschiedlichen Verlinkungen sind schwieriger zu verfolgen und zu rekonstruieren als lineare Kommunikationsverläufe. Durch die Verlinkungsstruktur sind insbesondere digitale Angebote keine abgeschlossenen Kommunikationseinheiten, sondern „emergente Netzwerke mit unterschiedlicher Linktiefe“ (Welker und Wünsch 2010, S. 3). In methodologischer und methodischer Hinsicht kann daher die Bestimmung von Analyseeinheiten im Hinblick auf die Nonlinearität und Hypertextualität problematisch sein. Dieses methodische Problem wird verstärkt durch die Konstituierung von Diskursen im Spannungsfeld von Divergenz und Konvergenz: Zum einen verschmelzen Kommunikationsformen miteinander und sind so nicht mehr leicht voneinander abzugrenzen, zum anderen differenzieren sich Kommunikationsformen aus (Herring 2013, S. 5). Es müssen also dem Forschungsgegenstand angemessene Kriterien entwickelt werden, um Analyseeinheiten zu bestimmen.

2.3 Multimodalität

Eine weitere Schwierigkeit, die sich für eine Diskursanalyse stellt, ist die erhöhte Multimodalität. Digitale Technologien ermöglichen eine breite Auswahl an Modalitäten in webbasierter Kommunikation (Jewitt 2013, S. 251). Durch die Digitalisierung hat vor allem die visuelle Kommunikation einen größeren Raum eingenommen. Die Frage, wie diskursive Bedeutung entsteht, kann dann nicht ausschließlich mittels einer Sprachanalyse beantwortet werden. Aber auch eine Analyse von (Bewegt-)Bildern ist nicht ausreichend, vielmehr muss das Zusammenspiel der verschiedenen Zeichensysteme in den Fokus genommen werden. Es muss daher ein methodisches Instrument eingesetzt werden, das es ermöglicht multimodale Zeichenensembles in transmedialen Diskursen zu untersuchen. Auch hier gilt es, ebenso wie für den Bereich Produktion und Verbreitung gegenstandsnahe Analysestrategien zu entwickeln (siehe Abb. 1).

3 Übersicht über die Verfahren

Eine Diskursanalyse, die systematisch digitale Kommunikationsangebote einbezieht, steht erst am Anfang. In diesem Abschnitt werden drei Verfahren vorgestellt, die als Forschungsprogramme für eine Analyse digitaler, diskursiver Praktiken eingesetzt werden können. Ihr Einsatz richtet sich immer nach der jeweiligen Forschungsfrage und dem Forschungsgegenstand.

3.1 Die Wissenssoziologische Diskursanalyse

Ausgehend davon, dass Bedeutungen in Diskursen als strukturierte Formen im Sinne von typisierten und typisierbaren Schemata vorliegen, ist der Fokus der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA) die Erforschung des Prozesses der sozialen Konstruktion von Deutungs- und Handlungsmustern im Diskurs (Keller 2009, S. 46, 2008, S. 233). Grundsätzlich beinhaltet die WDA zwei Analyseebenen (Keller 2008, S. 240): zum einen die inhaltliche Strukturierung eines Diskurses in Form eines diskurstypischen Interpretationsrepertoires, zum anderen die Ebene der Materialität eines Diskurses in Form von sozialen Akteuren und ihren Vollzug in konkreten Praktiken. Das Interpretationsrepertoire bildet die Grundstruktur im Sinne eines typisierbaren Kernbestands an Grundaussagen und Grundannahmen eines Diskurses (Keller 2009, S. 46). Es besteht aus folgenden Analyseeinheiten: Phänomenenstruktur, Deutungsmuster und narrative Struktur (Keller 2009, S. 46 ff.). Die Phänomenenstruktur umfasst unterschiedliche Elemente oder Dimensionen eines Gegenstandes, die im Diskurs zu einer spezifischen Struktur verbunden werden. Deutungsmuster begreift Keller (2009, S. 48) als grundlegende bedeutungsgenerierende Schemata im Sinne von typisierbaren soziokulturellen Rahmen. Diese Muster sind implizit bzw. latent und liegen grundlegenden Deutungsakten als kulturelle Sinnstrukturen zugrunde. Sie werden durch den Diskurs verbreitet und rekurrieren dabei sowohl auf einen gesellschaftlich verfügbaren Wissensvorrat, generieren aber auch neue Muster (Keller 2008, S. 12, 192, 255). Eine narrative Struktur versteht Keller im Sinne einer story line, die die verschiedenen Diskurselemente miteinander verknüpft zu einem roten Faden bzw. einer Grunderzählung. Dabei integriert die story line die verschiedenen Diskursbeiträge zu einem Diskurs, d. h. sie bezieht sich auf die Strukturierung der im Interpretationsrepertoire enthaltenden Deutungsmuster und Phänomenenstrukturen (Keller 2009, S. 47). Bedingt durch die niedrigeren Zugänge zur Beteiligung von Akteuren in der Debatte können die unterschiedlichsten sich zum Teil sehr widersprechenden Aussagen in einem Diskurs auftauchen. Mit dem Grundgerüst der Analysekategorien der WDA kann man diese Heterogenität der diskursiven Wissensbestände erfassen und rekonstruieren. Die zweite Analyseebene umfasst die diskursive Materialität in Form von sozialen Akteuren und den Diskurskoalitionen, die diese eingehen, sowie den diskursiven Praktiken die Akteure vollziehen. Dadurch wird es möglich, in der Analyse nicht nur diskursive Wissensbestände selbst zu rekonstruieren, sondern auch zu untersuchen, wie diese von Akteuren in ihren diskursiven Praktiken (re-)produziert werden. Die Ebene des Akteures im Rahmen einer Diskursanalyse ist für digitale Kommunikation noch weniger auszuschließen als für Diskurse generell. Denn in transmedialen Netzwerköffentlichkeiten treten Akteure sehr sichtbar auf, auch ausgelöst durch die erhöhte Reaktivität. Mit der WDA können die verschiedenen singulären Akteursperspektiven eines Diskurses in den Blick genommen werden. Zudem lassen sich auf dieser Ebene Rückschlüsse auf diskursive Strukturen ziehen, die über die Praktiken des zu untersuchenden Diskurses generalisierbar sind. Die WDA liefert also die angemessenen Analysekategorien um den Problembereich der Produktion und Verbreitung für die Diskursanalyse zu lösen.

3.2 Die Framebasierte Diskursanalyse

Eine große Schwierigkeit für die Diskursanalyse bildet die kaum überschaubare Menge möglicher Diskursfragmente, die online zur Verfügung steht und höchst dynamisch ist, da sie keiner festen Periodizität unterliegt. Daher sollten gegenstandsnahe Auswahlkriterien entwickelt werden, um typische Fälle zu bestimmen und miteinander vergleichen zu können. Zu Beginn der Analyse ist Wissen um den Gegenstand aber noch wenig spezifiziert. Es macht Sinn, für das Sampling der Daten mit Kontextwissen in Form von lokalen Konzepten zu beginnen. Konkretisieren kann man diesen Arbeitsschritt mittels der framebasierten Diskursanalyse.

Ähnlich wie die WDA Diskursmuster hat die Framebasierte Diskursanalyse (FDA) Interpretationsrahmen von Wissensbeständen im Blick, die sich aus Zeichen zu Schemata geformt haben. Diese Schemata werden in einem linguistischen Verständnis konzeptualisiert als Frames (Fraas 1996; Ziem 2008). Der linguistische Frame-Begriff versteht kollektive Wissensbestände in einem hohen Maße als sprachgeleitete Repräsentationsformate, die in bestimmten Situationen die jeweils dazugehörigen Elemente vorgeben (Fillmore und Baker 2010, S. 314). Zur Veranschaulichung beschreibt Minsky (1975, S. 213) eine Geburtstagsfeier: Der Frame Geburtstagsfeier lässt erwarten, dass es bei diesem Ereignis eine Geschenkübergabe (EREIGNIS) gibt, Torte (GEGENSTAND/SPEISE) gegessen wird und dem Geburtstagskind (PERSON) ein Ständchen gesungen (AKTION/SINGEN) wird. Dabei können sich natürlich die jeweiligen Geburtstagsfeiern in der Realisierung dieser Standardwerte unterscheiden, so wird auf der einen Feier „Happy Birthday“ gesungen, während auf einer anderen Feier, statt dessen nur gratuliert wird. Die Standartwerte (Slots) sind also jeweils situationsabhängig durch (konkrete) Elemente – sogenannten Fillern – ausgefüllt. Aus beiden Elementen setzen sich Frames zusammen. Sowohl Slots als auch Filler eines Frames können je nach Kontext variieren und sich verändern (Filmore 1982, S. 118).

Fraas hat Konzept des Frames mit einer Diskursanalyse verknüpft. Auf einer methodischen Ebene konzeptualisiert sie Frames als Listen von Fragen (Fraas 1996, S. 27). Aufbauend auf dem FrameNet-Projekt der Universität Berkley (Fillmore und Baker 2010, S. 320) entwickelt Fraas ein Forschungsdesign für eine Diskursanalyse (Fraas 2013; Fraas und Meier 2011, 2012). Das FrameNet-Projekt stellt ein Korpus von hierarchisch organisierten Frame-Netzwerken des gesamten lexikalischen Inventars der englischen Sprache zu Verfügung.3 Diese Frame-basierte Datenbank kann im Internet abgerufen werden.4 Eine Grundlage des FrameNet-Projektes ist die Annahme, dass in Texten Schlüsselausdrücke Frames aktivieren, die die Interpretation dieser Ausdrücke anleiten. Die Schlüsselausdrücke im Diskurs können die Erhebung strukturieren, in dem sie und die dazugehörigen Frame-Elemente inhaltliche Auswahlkritierien für die Korpuserstellung bilden. Dies ermöglicht die Korpuserstellung nachvollziehbar darzustellen. Aus den Definitionen und Beschreibungen, die FrameNet jeweils aufführt, können Analysefragen abgeleitet werden. Die Antworten aus den Daten fungieren dann in Form von einzelnen Wörtern, Wortgruppen oder längere Textstellen als Filler für die Frame-Elemente (Slots). Durch dieses Vorgehen wird ein sehr konkreter methodischer Zugang zu den Sinnstrukturen eines Diskurses geschaffen. Das vermeintliche ‚Schwimmen in den Daten‘ zu Beginn einer Untersuchung ist bei der Analyse digitaler Diskurse noch verstärkt, bedingt durch die Dynamik, Flüchtigkeit und die webspezifischen Relevanzstrukturen. Die FDA ist also ein hilfreicher methodischer Ansatz für die Bereiche der Speicherung und Archivierung, sowie der Produktions- und Verbreitungspraktiken. Frames dienen als Konzepte, die zu Beginn einer Studie eine analytische Hilfestellung geben, indem durch sie relevante Daten ‚erkannt‘ werden. Die Frame-Slots dienen also als ‚Interpretationssprungbrett‘ um Muster aus den Daten heraus zu generieren.

3.3 Die Sozialsemiotische Diskursanalyse

Anders als die FDA und die WDA beschränkt sich die Sozialsemiotische Diskursanalyse (SDA) nicht auf sprachliche Äußerungen, sondern bezieht jede Form der multimodalen Kommunikation in ihr Verfahren mit ein. Die SDA eignet sich daher besonders gut, um die Multimodalität digitaler Praktiken zu untersuchen. Sie bietet ein methodisches Werkzeug, um multimodale Bedeutungszuschreibungen zu analysieren und so das ‚Wie‘ der Kommunikation in den Fokus zu bekommen.

Kress und Van Leeuwens (2001) Ansatz beruht auf Hallidays (1993) Funktionsgrammatik. Halliday konzeptualisiert semiotische Zeichen als Realisierungen von drei Typen von Bedeutungsfunktionen, drei sogenannte Metafunktionen (Halliday 1993, S. 112). Diese wurden von ihm zunächst einmal anhand des Zeichensystems der Sprache erarbeitet. Sie bilden die basalen Funktionen, die Sprache als Handlung erfüllt. Die erste Funktion ist die ideational function (erfahrungsbasierte Funktion), sie bezieht sich darauf, dass Sprache immer etwas über kulturelle Erfahrungen aussagt. Der Sprecher spricht als Mitglied einer Kultur, über Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bewusstseinsinhalte. Die interpersonal function (interpersonelle Funktion) beschreibt die Funktion der Sprache, mittels derer der Sprecher eine Position dem Gegenüber bezieht und so eine Beziehung aushandelt. Die textual function (textuelle Funktion) umfasst die Struktur und innere Ordnung von Sprache.

Kress und Van Leeuwen haben die Funktionsgrammatik Hallidays auf andere semiotische Modalitäten übertragen. Ihres Erachtens erfüllen alle semiotischen Modalitäten die drei beschrieben Metafunktionen, visuelle Zeichen eingeschlossen (Kress und Van Leeuwen 2010, S. 15 ff., 42–47, 114). In ihrem Ansatz erweitern sie die Metafunktionen für visuelles Zeichenhandeln: Die ideational function umfasst in der visuellen Kommunikation die dargestellten Objekte, die dargestellten Akteure und deren Beziehungen zu den Objekten. Die interpersonal metafunction bezieht sich auf die Interaktion zwischen dem Produzenten und dem Betrachter eines Bildes. Die textual metafunction erfüllen Bilder durch bestimmte kompositorische Gestaltungen, wie etwa Vordergrund-Hintergrund-Inszenierung von Bildkomponenten oder auch Schärfeverteilung. Mittels der Erweiterung der Metafunktionen für visuelle Darstellungsweisen lassen sich zum einen diskursive Bildverwendung und zum anderen das multimodale Zusammenspiel verschiedener Zeichenensembles in diskursiven Praktiken in den Fokus genommen werden. Zu Beginn der Analyse können diese als konkrete Analysekategorien für die visuelle Kommunikation eingesetzt werden. In den darauf aufbauenden Analyseschritten können die sozialsemiotischen Analysekategorien eingesetzt werden für die Rekonstruktion multimodaler Diskursmuster und der Perspektivierung von diskursiven Praktiken als multimodales Zeichenhandeln. Neben dem Merkmal der Multimodalität ist dieses diskursanalytische Verfahren auch eine hilfreicher methodischer Ansatz für den Bereich Produktion und Verbreitung: Die sehr heterogenen Praktiken von Akteuren in transmedialen Diskursen können auf erweiterte Weise analysiert werden. Dadurch, dass kommunikative Handlungen nicht nur auf sprachlicher Ebene untersucht werden, können diese umfassender rekonstruiert und damit typisiert werden.

4 Fazit: Die Triangulation der drei Analyseansätze

Jedes der drei genannten Verfahren liefert methodische Lösungen für die Herausforderungen und Probleme, die sich durch die Transmedialität und Multimodalität diskursiver Praktiken in digitalen Alltagswelten stellt. So bietet die WDA für die Analyse diskursiver Praktiken wichtige Bausteine in Form von Analysekategorien auf der Ebene der Grundaussagen und der Materialität von Diskursen. Im Rahmen der FDA strukturieren Schlüsselausdrücke die Erhebung als inhaltliche Auswahlkritierien für die Suche nach möglichen Diskursfragmenten. Zudem verweisen sie auf Frames, deren Slotstruktur als geborgte Konzepte für den Einstieg in eine Diskursanalyse dienen können. Die SDA bietet ein methodisches Werkzeug, um multimodale Bedeutungszuschreibungen zu untersuchen und so das ‚Wie‘ der Kommunikation in den Fokus zu bekommen.

Keines der drei vorgestellten Verfahren bietet jedoch umfassende methodische Lösungen für alle drei beschriebenen Problemfelder der Speicherung und Archivierung, der Produktion und Verbreitung und der Multimodalität. Will man in einer Diskursanalyse digitaler Praktiken alle drei Bereiche gegenstandadäquat analysieren, bietet sich eine Triangulation der drei beschriebenen Verfahren an (siehe auch Meier und Sommer 2013; Sommer et.al 2013; Sommer 2015). So kann das jeweilige Analyseverfahren den blinden Fleck der anderen Verfahren ausgleichen.

Fußnoten

  1. 1.

    Ein erster Versuch hin zu einer systematischen und umfassenden Langzeitarchivierung aller Webinhalte ist das Internetarchiv http://www.archive.org/. Das über Spenden finanzierte Internet Archive speichert seit 1996 u. a.Websites. Über die Wayback Machine (http://www.archive.org/web/web.php) kann man die archivierten Seiten in ihren älteren Versionen abrufen. Das Archiv ist leider noch nicht vollständig und einzelne Bestandteile einer Website wie etwa Bilder und Videos sind nicht immer verfügbar.

  2. 2.

    Jedoch gestaltet sich nicht jeder Zugang zum Internet für jeden Menschen gleich. Unter dem Stichwort Digital Divide versammeln sich Forschungsarbeiten, die untersuchen, inwieweit der Zugang zum Online-Medium abhängig ist vom Alter, vom Geschlecht und von der Bildung. In den Studien geht es dabei weniger darum, ob ein Zugang besteht, sondern wie dieser Zugang zum Internet genutzt wird (Dudenhöffer und Meyen 2012, S. 10).

  3. 3.

    Fillmore und Baker (2010, S. 337) gehen davon aus, dass einige Frames übertragbar sind auf andere Sprachen, wie etwa der frame ‚commercial transaction‘. Andere Frames wie etwa ‚the stages of criminal process‘ sind kulturell sehr spezifisch. Ableger anderer Sprachen und die Korrelation zu und zwischen diesen sind in Arbeit, wie etwa das deutschsprachige SALSA Projekt (htttp://www.coli.uni-saarland.de/procects/salsa/).

  4. 4.

    Siehe http://framenet.icsi.edu. Gegenwärtig enthält der Datenbestand ca. 11.000 lexikalische Einheiten und ca. 800 hierarchisch miteinander verknüpfte Frames (Fillmore und Baker 2010, S. 322). Die englische Version basiert auf dem British National Corpus, das ca. 100 Mio. Wortformen umfasst.

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