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Demografischer Wandel und Migration in Deutschland

Diversität und Heterogenisierung der Bevölkerung
  • Frank SwiacznyEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer NachschlageWissen book series

Zusammenfassung

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Diversität in Deutschland erheblich zugenommen, die Bevölkerung ist unter anderem demografisch, sozialstrukturell und räumlich heterogener geworden. Der mit gesellschaftlicher Modernisierung einhergehende demografische Wandel und die Zuwanderung aus dem Ausland haben hierzu wesentlich beigetragen. Zuwanderung hat die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund steigen lassen und diese unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich Lebensformen und Fertilität, aber auch in ihrer räumlichen Verteilung von der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Schlüsselwörter

Demografischer Wandel Zweiter Demografischer Übergang Fertilität Migration Diversität Heterogenisierung Migrationshintergrund Familienformen Räumliche Disparitäten 

1 Einführung – Demografische Aspekte der Diversität

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Diversität in Deutschland erheblich zugenommen, die Bevölkerung ist unter anderem demografisch, sozialstrukturell und räumlich heterogener geworden (vgl. Ette et al. 2014; Gans 2011; Glebe und Thieme 2001b). Der demografische Wandel und die Zuwanderung aus dem Ausland haben hierzu wesentlich beigetragen (vgl. Swiaczny 2013). Die unterschiedlichen demografischen Prozesse, die sich unter dem Begriff des demografischen Wandels zusammenfassen lassen (vgl. BiB 2013), vollziehen sich dabei nicht isoliert, sondern in enger Wechselbeziehung zu sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dies lässt sich anhand der niedrigen Fertilität verdeutlichen, die sich parallel zur gesellschaftlichen Modernisierung seit den 1960er-Jahren etabliert hat (vgl. BiB 2012). Die in Deutschland seit Jahrzehnten niedrige Fertilität ist, gemeinsam mit der steigenden Lebenserwartung, eine der Ursachen des demografischen Wandels, der langfristig Alterung und Bevölkerungsrückgang zur Folge hat (vgl. Dorbritz 2008; Scholz 2009). Die Bewältigung der sozialen und ökonomischen Konsequenzen des demografischen Wandels stellt die Gesellschaft vor erhebliche Veränderungen und Herausforderungen.

Die Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte (vgl. Glebe und Thieme 2001a; Swiaczny 1999) hat den durch Geburten und Sterbefälle bestimmten natürlichen Bevölkerungssaldo überlagert und trägt maßgeblich zur Bevölkerungsentwicklung bei (vgl. Swiaczny und Milewski 2012). Dies betrifft sowohl die Entwicklung der Bevölkerungszahl als auch der Altersstruktur der Bevölkerung. Durch die Zuwanderung hat sich auch die Sozialstruktur verändert, der Anteil an Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft oder Migrationshintergrund ist stark gestiegen und die Verteilung der Herkunftsländer ist heterogener geworden. Dominierten zunächst noch wenige Gastarbeiteranwerbeländer, so stellen heute Aussiedler und Menschen aus europäischen Nachbarländern sowie den weniger entwickelten Ländern (z. B. als Asylbewerber) einen größeren Bevölkerungsanteil. Ausländer oder Personen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich dabei von Deutschen ohne Migrationshintergrund, trotz fortschreitender Integration, z. B. im Hinblick auf Lebensformen und Fertilität. Der Anteil der Geburten von Müttern mit ausländischer Staatsbürgerschaft oder Migrationshintergrund ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen (vgl. Schwarz 1996). Aufgrund des stetig wachsenden Geburtendefizits in Deutschland nimmt die Bedeutung der Zuwanderung für die Bevölkerungsentwicklung künftig weiter zu (Swiaczny 2006: S. 146–154). Die Zuwanderung von Migranten und ihre Integration in die Aufnahmegesellschaft haben schließlich nicht nur diese verändert, auch die Aufnahmegesellschaft ist durch den Integrationsprozess vielfältiger geworden (vgl. Esser 2001; Gans 2011).

Hinsichtlich der Lebensformen und Familienleitbilder hat die (im Westen) früher vorherrschende Alleinverdienerfamilie mit (zwei) Kindern an Dominanz verloren (vgl. BiB 2013; Dorbritz und Schneider 2013). Nichteheliche Lebensgemeinschaften und andere Partnerschaftsformen spielen, vor allem bei den jüngeren Altersgruppen, heute eine größere Rolle als früher. Hinzu kommt eine steigende Zahl binationaler Paarbeziehungen und Ehen. Zugenommen hat in den vergangenen Jahrzehnten auch die Kinderlosigkeit, vor allem im Westen und bei akademisch gebildeten Frauen, so dass die Gesellschaft auch in einen Familiensektor (mit Kindern) und weitere Haushaltsformen ohne Kinder differenziert werden kann. Obwohl auch bei Ausländern und Personen mit Migrationshintergrund teilweise eine Angleichung an die Muster der Lebensformen und des Geburtenverhaltens der deutschen Bevölkerung zu beobachten ist, weisen diese noch immer eine große Spannbreite an Entwicklungen auf und tragen so zu einer Zunahme der gesellschaftlichen Heterogenität bei (vgl. BiB 2012; Kohls 2012; Schmid und Kohls 2011).

Auch regional zeigen sich Unterschiede zwischen Kreisen, die größere Wanderungsgewinne verzeichnen und solchen Kreisen, in denen die Abwanderung überwiegt und die Bevölkerung schnell altert. Unterschiedliche Wanderungssalden in der Vergangenheit haben dazu geführt, dass sich in Deutschland Regionen entwickelt haben, in denen eine vergleichsweise junge Bevölkerung noch für eine absehbare Zeit weiter wachsen und die Alterung nur unterdurchschnittlich zunehmen wird. Weil junge Menschen in diese Regionen abwandern, entwickeln sich andernorts Regionen, die in Zukunft mit erheblichen Bevölkerungsrückgängen und einer Zunahme der Alterung zu rechnen haben (vgl. Swiaczny et al. 2008; Swiaczny 2013). Die Heterogenisierung regionaler Bevölkerungsentwicklung vollzieht sich dabei vor allem entlang eines Gradienten der von ländlich-peripher bis städtisch-metropolitan reicht und von Ost-West- sowie Nord-Süd-Unterschieden überlagert wird. Da ein Teil dieser Unterschiede auch aus der räumlichen Konzentration der Zuwanderung aus dem Ausland sowie den Binnenwanderungsmustern deutscher und ausländischer Bevölkerung resultiert (vgl. Swiaczny 2001 und 2013), weisen die Wanderungsgewinner in der Regel auch eine stärker heterogene Bevölkerung auf, die sich unter anderem in höheren Ausländeranteilen ausdrückt (vgl. Kemper 1997).

Der vorliegende Beitrag stellt diese Heterogenisierung der Bevölkerung in Deutschland anhand von drei Themenbereichen dar: Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch demografischen Wandel und Migration, Unterschiede von Lebensformen und Fertilität unter besonderer Berücksichtigung von Staatsbürgerschaft und Migrationsstatus sowie räumliche Disparitäten des demografischem Wandels und der Migration.

Die Darstellung in diesem Beitrag basiert wesentlich auf den Daten der amtlichen Statistik und des Mikrozensus. Der sehr breit gefächerte gesellschaftliche Prozess der Heterogenisierung lässt sich anhand dieser Datengrundlagen allerdings nur für ausgewählte Dimensionen analysieren (vgl. Swiaczny und Milewski 2012: S. 15–17), die in diesen Erhebungen getrennt nach Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund vorliegen. Migrationshintergrund basiert hier auf dem Konzept des Statistischen Bundesamtes (vgl. Statistisches Bundesamt 2011: S. 385), für das erstmals für das Jahr 2005 Ergebnisse aus dem Mikrozensus vorliegen. Als Personen mit Migrationshintergrund zählen, unabhängig vom einem Geburtsort im Inland, alle Ausländer sowie alle Personen, die selbst seit 1950 aus dem Ausland zugewandert sind, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit (einschließlich der Spätaussiedler). Einen Migrationshintergrund haben auch solche deutschen Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil einen Migrationshintergrund aufweist (z. B. Kinder von Spätaussiedlern und Eingebürgerten bzw. seit 2000 im Inland geborene Kinder mit einer doppelten Staatsbürgerschaft).

2 Demografischer Wandel und Migration

Nachdem die Fertilität der westdeutschen Bevölkerung in den 1960er-Jahren letztmalig das für den Ersatz der Elterngeneration erforderliche Reproduktionsniveau von rund 2,1 Kindern je Frau (zusammengefasste Geburtenziffer/TFR) übertraf, ging dieser Wert in der Folge sehr schnell auf unter 1,5 Kinder je Frau zurück. Gegenwärtig liegt die Fertilität auf einem Niveau um 1,4. Auf die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre folgte in den alten Bundesländern eine Phase mit einem raschen Rückgang der Geburtenzahlen. Dieser auch als zweiter demografischer Übergang bezeichnete Prozess wird als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen verstanden, darunter vor allem die Emanzipation von Frauen mit einer steigenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung. Die Bevölkerung der alten Bundesländer wies entsprechend seit 1972 mehr Sterbefälle als Geburten auf. Abb. 1 zeigt in der oberen Grafik den natürlichen Saldo aus Geburten und Sterbefällen für Deutsche und Ausländer. Für Ausländer lag der Wert, als Folge der Gastarbeiterzuwanderung von vorwiegend männlichen Arbeitskräften, zunächst vergleichsweise niedrig. Erst als die Rotation der Gastarbeiter aufgehoben wurde und in den 1970er-Jahren die Familienzusammenführung zunahm, waren für die ausländische Bevölkerung die Voraussetzungen für einen Anstieg der Geburtenzahlen und damit eines steigenden natürlichen Bevölkerungssaldos gegeben. Seit 2000 hat dieser jedoch stark abgenommen, da in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern, unter bestimmten Bedingungen, eine doppelte Staatsbürgerschaft erhalten und somit in der Statistik nicht mehr als Ausländer erscheinen. Zuletzt belief sich der Sterbeüberschuss der Gesamtbevölkerung auf über 200.000 Personen pro Jahr, mit langfristig weiter steigender Tendenz.
Abb. 1

Bevölkerungssalden nach Staatsangehörigkeit 1954–2013. Quelle: Statistisches Bundesamt. Berechnungen: BiB. Bis einschließlich 1990 Gebietsstand früheres Bundesgebiet

Der Zuwanderungsverlauf nach Deutschland in der mittleren Grafik zeigt seit Mitte der 1950er-Jahre einen stark von der wirtschaftlichen Konjunktur und Zäsuren der Wanderungspolitik bestimmten Verlauf. Seit Mitte der 1950er-Jahre stieg zunächst die Zuwanderung von Gastarbeitern stark an, unterbrochen von einem konjunkturellen Einbruch Mitte der 1960er-Jahre. Mit dem Stopp der Gastarbeiteranwerbung im Jahr 1973 setzte zunächst ein vorübergehender Abwanderungsüberschuss ein, bevor die Familienzusammenführung die Zuwanderung erneut ansteigen ließ. Weitere Abwanderungsüberschüsse waren in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre sowie der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre zu verzeichnen und ebenfalls mit schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und steigender Arbeitslosigkeit sowie einer zunehmend restriktiven Wanderungspolitik und einer Rückkehrförderung für Ausländer verbunden. Vor allem die späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre haben dann allerdings erneut einen starken Anstieg an Zuwanderung erlebt, überwiegend Flüchtlinge und Asylbewerber aus Osteuropa, aber zunehmend auch aus weniger entwickelten Ländern. In der jüngsten Wirtschaftskrise hat schließlich vor allem die Zuwanderung aus anderen EU-Staaten stark zugenommen, darunter viele qualifizierte Arbeitskräfte.

Der Wanderungssaldo der deutschen Bevölkerung ist weitgehend durch den Zuzug von (Spät-)Aussiedlern geprägt. Nach ersten Erleichterungen bei der Ausreise aus Ländern des ehemaligen Ostblocks in den 1970er-Jahren ist der Zuzug dann durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa sehr schnell und stark angestiegen. In jüngster Zeit überwiegt bei der deutschen Bevölkerung jedoch die Abwanderung, hier spielt vor allem der Wegzug in die europäischen Nachbarländer im Rahmen der EU-Niederlassungsfreiheit und transnationaler Arbeitsmärkte eine Rolle.

Die untere Grafik zeigt den zusammengefassten Saldo aus Geburten, Sterbefällen sowie Zu- und Abwanderung. Für die deutsche Bevölkerung war er seit den 1970er-Jahren stets negativ, mit Ausnahme des Höhepunkts der Zuwanderung von (Spät-)Aussiedlern um 1990. Für die ausländische Bevölkerung wechseln sich Überschüsse und Defizite ab, insgesamt überwiegt jedoch ein positiver Saldo der ausländischen Bevölkerung, der bisher wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Bevölkerung in Deutschland im langfristigen Mittel insgesamt zugenommen hat. Für die Zukunft wird dies jedoch nur noch dann gelten, wenn die Zuwanderung auf dem sehr hohen Niveau der jüngsten Krisenjahre verbleibt. Wanderungssalden der Ausländer unter 200.000 pro Jahr, wie sie vor der Krise seit Mitte der 1990er-Jahre herrschten, sind künftig nicht mehr in der Lage, die steigenden Geburtendefizite zu kompensieren.

Derzeit sind sowohl Ausländer als auch Menschen mit Migrationshintergrund noch deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, wie Abb. 2 zeigt. Vor allem in der Altersgruppe über 65 Jahren ist ihr Anteil noch sehr gering. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der heute 40- bis 60-Jährigen künftig ins Pensionsalter vorrücken, wird sich der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund im Erwerbsalter weiter erhöhen. Gleiches gilt für die Neugeborenen am Fuß der Bevölkerungspyramide. Während die Zahl der deutschen Neugeborenen seit vielen Jahren zurückgeht, steigt die Zahl an Neugeborenen mit Migrationshintergrund kontinuierlich an. Der Rückgang der ausländischen Geburten ist auf die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft für in Deutschland geborene Kinder von Migranten zurückzuführen.
Abb. 2

Altersstruktur nach Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund 2013. Quelle: Statistisches Bundesamt. Berechnungen: BiB. Migrationshintergrund im engeren Sinn

Die zunehmende Heterogenisierung der Bevölkerung zeigt sich sehr deutlich an der Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in Abb. 3. Der Ausländeranteil hat sich von unter 3 % in den 1960er-Jahren auf knapp 10 % heute etwa verdreifacht. Doppelte Staatsangehörigkeit und Einbürgerungen tragen allerdings dazu bei, dass dieser Wert in den letzten Jahren nicht mehr weiter angestiegen ist. Dafür erreicht der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund heute bereits rund 20 %. Seit den 1960er-Jahren sind auch die Herkunftsregionen deutlich heterogener geworden. Stammte von den rund 3 Mio. Ausländern 1970 noch die überwiegende Mehrheit aus den alten EU-Ländern, nahm seither vor allem der Anteil der Türkei stark zu und seit den 1990er-Jahren dann jener der seit 2004 neu beigetreten EU-Länder. Am stärksten zum Wachstum beigetragen haben jedoch die nichteuropäischen Herkunftsregionen (in Abb. 3 enthalten in „Sonstige”), die heute etwa ein Viertel der ausländischen Bevölkerung ausmachen, 1970 jedoch nur rund 10 %.
Abb. 3

Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund 1967–2013. Quelle: Statistisches Bundesamt. Berechnungen: BiB. Bis einschließlich 1990 Gebietsstand früheres Bundesgebiet, Migrationshintergrund im engeren Sinn, Neue EU-Mitgliedsstaaten seit 2004. *Veränderung der Zahl der Ausländer 2004 beruht auf der Bereinigung des Ausländerzentralregisters

3 Lebensformen und Fertilität

Seit den 1990er-Jahren haben sich deutliche Veränderungen auch bei den Lebensformen der Bevölkerung ergeben. Die Abb. 4 zeigt diese nach Altersgruppen differenziert für unterschiedliche Haushaltskonstellationen, alleinstehend, in Lebensgemeinschaft und verheiratet, jeweils mit und ohne Kinder und für 2012 zusätzlich nach Haushalten mit Migrationshintergrund. Ein Vergleich dieser Daten verdeutlicht zwei wesentliche Erkenntnisse.
Abb. 4

Lebensformen nach Altersgruppen und Migrationshintergrund (25–49 Jahre) 1996 und 2012. Quelle: Statistisches Bundesamt Mikrozensus 2012 (Lebensformenkonzept). Berechnungen: BiB. Bevölkerung in Privathaushalten am Haupt- und Nebenwohnsitz, *Migrationshintergrund (MH) im engeren Sinn. **Lebensgemeinschaft (LG). ***Nur im Haushalt (HH) lebende Kinder

Ersten hat eine Heterogenisierung der Lebensformen überwiegend bei den jüngeren Altersgruppen stattgefunden. Bei den Altersgruppen 35 Jahre und älter haben vor allem die Alleinstehenden zugenommen und die Ehepaare mit Kindern im Haushalt leicht abgenommen. Der Anteil von Alleinerziehenden, Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder und verheirateten Paaren ohne Kinder im Haushalt hat sich wenig verändert. Bei der Altersgruppe über 45 Jahren ist der Anteil der verheirateten Paare ohne Kinder im Haushalt sogar leicht zurückgegangen, was auf ein höheres Alter bei der Geburt der Kinder und einen späteren Auszug der Kinder aus dem Elternhaus schließen lässt. Insgesamt sind bei diesen Altersgruppen aber noch immer verheiratete Paare mit Kindern im Haushalt die häufigste Lebensform. Nur bei den beiden Altersgruppen der unter 35-Jährigen überwiegen zusammengenommen heute die Haushalte von Alleinstehenden sowie Lebensgemeinschaften und verheirateten Paaren ohne Kinder im Haushalt. Zudem sind Lebensgemeinschaften, sowohl mit als auch ohne Kinder im Haushalt, bei diesen Altersgruppen etwas stärker vertreten als bei den älteren Haushalten.

Zweitens zeigen Haushalte mit Migrationshintergrund 2012, in allen Altersgruppen, im Vergleich zu Haushalten ohne Migrationshintergrund, eine deutlich ausgeprägte Präferenz für klassische Familienkonstellationen, mit Heirat und Kindern im Haushalt. Die Verteilung der Lebensformen von Haushalten mit Migrationshintergrund gleicht 2012 eher derjenigen der Gesamtbevölkerung im Jahr 1996, während sich bei den Lebensformen von Haushalten ohne Migrationshintergrund, gegenüber der Verteilung bei der Gesamtbevölkerung im Jahr 1996, eine Verschiebung zugunsten von Haushalten ohne Kinder und Lebensgemeinschaften ergeben hat.

Eine ähnliche Differenzierung zeigt auch das Geburtenverhalten. Zwischen 1991 und 2011 hat sich die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) von deutschen und ausländischen Frauen von 1,3 zu 2,0 auf 1,3 zu 1,6 Kinder je Frau angenähert. Der gegenwärtig vergleichsweise geringe Unterschied verdeckt dabei allerdings sehr heterogene Muster, aus denen sich die Geburtenziffer zusammensetzt. Die Abb. 5 stellt die Anzahl der Kinder je Frau für drei Altersgruppen und jeweils für Ausländerinnen sowie Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund dar. Bei den Geburtsjahrgängen der Frauen von 1937 bis 1957 weisen Ausländerinnen sowie Deutsche mit Migrationshintergrund einen ähnlich geringen Anteil an Kinderlosigkeit auf. Bei Deutschen ohne Migrationshintergrund liegt dieser Anteil nur wenig höher. Ausländerinnen haben darüber hinaus, im Vergleich dieser Gruppen, am häufigsten drei und mehr Kinder und gleichzeitig stellen drei und mehr Kinder bei Ausländerinnen auch die dominierende Geburtenzahl dar. Bei Deutschen ohne Migrationshintergrund ist der Anteil von drei und mehr Kindern noch einmal etwas geringer als bei Deutschen mit Migrationshintergrund. Bei Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund überwiegen in dieser Altersgruppe zwei Geburten. Bei den Geburtsjahrgängen von Frauen zwischen 1958 und 1977 hat sich, bei allen drei Gruppen, der Anteil an drei und mehr Kindern deutlich verringert und der Anteil an Kinderlosigkeit ist ebenso deutlich gestiegen. Die Kinderlosigkeit bei Ausländerinnen ist in dieser Altersgruppe sogar höher als die von Deutschen mit Migrationshintergrund. Bei Frauen ohne Migrationshintergrund liegt die Kinderlosigkeit 2012 in dieser Gruppe bei rund 25 %. Für alle drei Gruppen hat der Anteil von zwei Geburten je Frau, gegenüber den Frauen der Geburtsjahrgänge 1937–1957, weiter zugenommen und stellt nun auch für Ausländerinnen die am häufigsten vorkommende Kinderzahl dar. Für die jüngste Gruppe der Frauen aus den Geburtsjahrgängen zwischen 1978 und 1996 zeigt sich die deutlichste Veränderung. Aufgrund des vergleichsweise jungen Alters ist einerseits Kinderlosigkeit noch weit verbreitet. Auch bei Ausländerinnen sind über 60 % dieser Gruppe 2012 noch kinderlos. Andererseits ist auch der Anteil an drei und mehr Kindern in diesem Alter noch sehr gering und die Unterschiede, verglichen mit den älteren Geburtsjahrgängen, zwischen Ausländerinnen sowie deutschen Frauen mit und ohne Migrationshintergrund nur noch relativ gering ausgeprägt. Beides zeigt, dass in der jüngsten Jahrgangsgruppe bei mehr als vier von fünf Frauen die Familiengründung entweder noch gar nicht eingesetzt hat oder erst ein Kind geboren wurde und verdeutlicht den Trend zur späteren Familiengründung und weniger Geburten. Der etwas höhere Anteil an drei und mehr Geburten von Ausländerinnen und Deutschen mit Migrationshintergrund wird dabei wahrscheinlich auch für die jüngste Altersgruppe nicht völlig verschwinden.
Abb. 5

Anzahl der geborenen Kinder nach Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund (Frauen der Geburtsjahrgänge 1937–1996) 2012. Quelle: Statistisches Bundesamt Mikrozensus 2012. Berechnungen: BiB. *Migrationshintergrund (MH) im engeren Sinn

4 Regionale Disparitäten

Die Heterogenität der Bevölkerung in Deutschland weist auch eine räumliche Komponente auf. Bei vergleichsweise geringen regionalen Unterschieden des Fertilitätsniveaus und der Lebenserwartung resultieren die Unterschiede im natürlichen Saldo aus Geburten und Sterbefällen (Abb. 6 Karte a) auch aus einer unterschiedlichen Altersstruktur der Bevölkerung (Abb. 6 Karte b). Ein positiver natürlicher Saldo bzw. geringe negative Salden bis −1,5 je 1.000 Einwohner finden sich vor allem in den städtischen Kreisen und den Ballungsräumen Süddeutschlands, die als Folge einer selektiven Zuwanderung von jungen Personen überdurchschnittlich hohe Geburtenzahlen haben. Hohe Sterbeüberschüsse von mehr als −4,5 je 1.0000 Einwohner zeigen vor allem solche Regionen, die auch einen überdurchschnittlichen Altenquotienten von mehr als 30 über 65-Jährigen je 100 Personen im Erwerbsalter zeigen. Zu diesem räumlichen Muster hat die Abwanderung junger Menschen in der Vergangenheit beigetragen. Besonders hervorzuheben sind dabei die großen Ost-West-Unterschiede. Die neuen Bundesländer weisen seit der Wiedervereinigung aufgrund der Abwanderung in den Westen sowohl hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung als auch der Alterung eine ungünstige Entwicklung auf, nur Berlin und Großstädte wie Dresden und Leipzig weichen von diesem Trend ab. Aktuelle Modellrechnungen gehen davon aus, dass sich sowohl die natürliche Bevölkerungsentwicklung als auch die Altersstruktur der Regionen künftig noch weiter auseinanderentwickeln wird, wenn die derzeitigen Binnenwanderungsströme zwischen den Regionen Bestand haben. Gleichzeitig wird der Bevölkerungsrückgang zunehmen und auch immer mehr Regionen erreichen, die derzeit noch leichte Geburtenüberschüsse haben. Abhängig sind diese künftigen regionalen Entwicklungstrends auch von der Zuwanderung aus dem Ausland (Abb. 6 Karte c). Von dieser profitieren derzeit in der Regel solche Regionen, die auch bezüglich des natürlichen Saldos und des Altenquotienten günstige Werte aufweisen, z. B. die wachstumsstarken Agglomerationen in Westdeutschland und hier besonders die Großstädte. Die Wanderungsgewinne betragen dort mehr als 3 je 1.000 Einwohner und liegen damit höher als die negativen natürlichen Salden in diesen Regionen. Die ländlichen Räume sind für Zuwanderer aus dem Ausland insgesamt wenig attraktiv und erfahren eine geringe Zuwanderung von weniger als 1,5 je 1.000 Einwohner, vor allem über die Verteilung von Asylbewerbern in diese Kreise. In den grenznahen Regionen wirkt sich zudem der Zuzug aus den europäischen Nachbarländern aus. Die Attraktivität der westdeutschen Ballungsräume und der Großstädte zeigt sich auch im Ausländeranteil an der Bevölkerung der Kreise (Abb. 6 Karte d), der für die Ballungsräume häufig mehr als 10 % und die Kernstädte mehr als 15 % ausmacht. Für die neuen Länder liegen hier die Werte mit einem Ausländeranteil von unter 4 % besonders niedrig und zeigen die unterschiedliche Wanderungsgeschichte in den alten und neuen Ländern. Etwas höhere Ausländeranteile weisen in den neuen Ländern nur Berlin (14,1 %) und mit Werten zwischen 4 und 6 % weitere Großstädte auf. Die Bevölkerungsanteile für Personen mit Migrationshintergrund liegen entsprechend höher und kleinräumig lebt in zahlreichen Stadtvierteln der Großstädte bereits eine Mehrheit an Personen mit Migrationshintergrund.
Abb. 6

Regionale Disparitäten in Deutschland nach Kreisen 2012 (natürlicher Saldo, Altenquotient, Außenwanderung, Ausländeranteil). Quelle: BBSR, INKAR 2013. Kartengrundlage: GeoBasis-DE/BKG (2013). Kartografie: BiB

5 Zusammenfassung und Ausblick

Wesentliche Aspekte zunehmender Diversität in Deutschland gehen auf demografische Prozesse zurück, die durch Zuwanderung und demografischen Wandel bestimmt werden. Aufgrund anhaltend niedriger Fertilität weist die deutsche Bevölkerung seit langem ein Geburtendefizit auf und die Bevölkerung altert, dabei werden in der Vergangenheit dominierende traditionelle Familienleitbilder und Haushaltsformen nach und nach durch eine Vielfalt unterschiedlicher neuer Lebensentwürfe abgelöst. In der Vergangenheit hat Zuwanderung das Geburtendefizit kompensiert und den Anstieg des Durchschnittsalters gebremst, dabei ist der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung stark angestiegen. Für die Zukunft wird die demografische Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe weiter zunehmen. Einerseits steigt derzeit der Anteil an Geburten mit Migrationshintergrund aufgrund einer noch stets leicht höheren Fertilität von Müttern mit Migrationshintergrund weiter an und andererseits können nur stark steigende Zuwanderungsgewinne vermeiden, dass die Bevölkerung künftig schrumpfen wird. Gegenüber einer vergleichsweise homogenen Zusammensetzung der ehemaligen Gastarbeiter ist die heutige Bevölkerung mit Migrationshintergrund sehr viel heterogener bezüglich der Herkunftsländer, des Alters, der Geschlechterproportion aber auch der Familienformen und des Geburtenniveaus. Unterschiedliche räumliche Muster der Zu- und Binnenwanderung führen darüber hinaus auch dazu, dass sich die beschriebenen Prozesse regional sehr unterschiedlich vollziehen und die räumlichen Unterschiede in Zukunft weiter zunehmen werden.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2015

Authors and Affiliations

  1. 1.Bundesinstitut für BevölkerungsforschungWiesbadenDeutschland

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