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Visuelle Kommunikationsforschung - ein interdisziplinäres Forschungsfeld

Einleitung in das Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung
  • Katharina LobingerEmail author
  • Rebecca Venema
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

In gegenwärtigen, stark visualisierten Gesellschaften spielen Bilder nicht nur in der massenmedialen, sondern auch in der interpersonalen Kommunikation (ob nun medial vermittelt oder nicht) eine besondere Rolle. Gerade der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Erforschung von medial vermittelten Bildern und ihrer Produktion, Aneignung, Rezeption und Wirkungen kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Dieser einleitende Beitrag skizziert die Forschungstradition und Geschichte der Visuellen Kommunikationsforschung und gibt einen Überblick über die einzelnen Kapitel des Handbuchs Visuelle Kommunikationsforschung.

Schlüsselwörter

Visuelle Kommunikationsforschung Medienbild Visualität Visualisierung Sichtbarkeit Visual Studies 

1 Einleitung

In mediatisierten und stark visualisierten gegenwärtigen Gesellschaften (u. a. Krotz 2015) spielen Bilder nicht nur in der massenmedialen sondern auch in der interpersonalen Kommunikation (ob nun medial vermittelt oder nicht) eine besondere Rolle. Dies ist keine rezente Entwicklung. Im Gegenteil, die Forschung betont seit geraumer Zeit die zunehmende Visualisierung verschiedenster Kommunikationskontexte, mit der zum einen eine zunehmende Quantität von Bildern einhergeht – man denke hier an oftmals leitfertig gebrauchte Metaphern wie jener der Bilderflut. Gleichzeitig sind auch die Qualitäten von Bildern, also etwa deren Bedeutungen und Eigenschaften selbst einem Wandel unterworfen und gehen mit unterschiedlichen Anforderungen und Herausforderungen an Bildkompetenzen einher. So sind etwa Augmented Reality-Bilderwelten mit anderen Rezeptions- und Wirkungsweisen verbunden als gedruckte Pressefotografien. Und auch die Kompetenzen zur „Entschlüsselung“ der jeweiligen Bildarten sind sicherlich sehr unterschiedlich.

Um diese Veränderungen im Bereich der Visualität adäquat zu adressieren, forderte die Bildforschung bereits in den 1990er-Jahren einen pictorial turn (Mitchell 1992) beziehungsweise einen iconic turn (Boehm 1994), das heißt eine verstärkte Betrachtung des Visuellen und seiner Rolle für Wissens- und Sinnkonstruktionen (Boehm 2005).

Gerade der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Erforschung von medial vermittelten Bildern und ihrer Produktion, Aneignung, Rezeption und Wirkungen kommt in mediatisierten Gesellschaften eine besondere Bedeutung zu. Eine solche Visuelle Kommunikationsforschung, kann als spezifische „disziplinäre Bildforschung“ verstanden werden (siehe dazu ausführlich Lobinger 2012). Demgegenüber stehen breiter gefasste Ansätze einer allgemeinen Bildwissenschaft; so zum Beispiel die auf den Cultural Studies und Kritischer Theorie basierenden Visual Studies (siehe beispielhaft Mitchell 2008, für einen Überblick auch Rose 2016, S. 17–23) und die Interdisziplinäre Bildwissenschaft, wie sie in Deutschland beispielsweise prominent von Klaus Sachs-Hombach vertreten wird.1 Die Visuelle Kommunikationsforschung zeichnet sich u. a. durch ihren Fokus auf „Medienbilder“ bzw. medial vermittelte Bilder sowie auf visuelle Aspekte kommunikativer Prozesse aus (Lobinger 2012, S. 68–70). Diese „Engführung“ bedeutet jedoch keinesfalls Uniformität. Vielmehr ist auch die Visuelle Kommunikationsforschung stark interdisziplinär ausgerichtet. Im Konferenzband zur Gründungstagung der Fachgruppe Visuelle Kommunikation charakterisierten Müller und Knieper (2001, S. 8) Visuelle Kommunikationsforschung als „ein sich dynamisch entwickelndes Forschungsfeld, das vom Austausch zwischen den Disziplinen lebt“. Diese Aussage lässt sich noch weiter zuspitzen: Wie kaum ein anderes Forschungsfeld ist die Visuelle Kommunikationsforschung und die Dynamik des Forschungsfeldes von ihrer Inter- und Transdisziplinarität (Barnhurst et al. 2004; Müller 2007) und der Bandbreite unterschiedlicher theoretischer, methodischer und inhaltlicher Zugänge charakterisiert. Diese Bandbreite ist nicht zuletzt Ausdruck der Geschichte des Forschungsfeldes. Die ursprünglichen Ansätze zur Auseinandersetzung mit Bildlichkeit und visueller Kommunikation sind hochgradig divers; sie stammen insbesondere aus der Kunstgeschichte, der Philosophie und Anthropologie (siehe für einen detaillierten Überblick zum Beispiel Müller 2007). Treffend veranschaulicht werden diese vielfältigen Ursprünge und Einflüsse mit der Metapher des Rhizoms beziehungsweise eines rhizomartigen Netzwerks. Diese verwenden Moriarty und Barbatsis (2005), um Visuelle Kommunikation disziplinär zu verorten. In der Botanik bezeichnet der Begriff Rhizom ein weit verästelt und verflochten wachsendes, horizontales Sprossachsensystem, das beispielsweise Maiglöckchen, Efeu oder Bambus ausbilden. Ebenso kann die Visuelle Kommunikation als komplexes, dynamisches „emerging field“ (Moriarty und Barbatsis 2005) charakterisiert werden, das auf einem dezentralen Netzwerk von Theorien und Disziplinen aufbaut, nicht aber auf einem zentralen Stamm, der das für das Feld grundlegende Denkmuster und Wissenschaftsverständnis repräsentiert. Die Beiträge in dem hier vorliegenden Handbuch spiegeln dies eindrücklich wider.

Als Teilbereich innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft ist Visuelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum ein noch relativ junges Forschungsfeld, das sich insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten, seit Ende der 1990er-Jahre, stark entwickeln und institutionell etablieren konnte. Ihre offizielle Institutionalisierung erfuhr die Visuelle Kommunikation in Deutschland mit dem Erlangen des Fachgruppenstatus innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) im Jahr 2000.2 Die Forschungs- und Publikationsaktivität in der Fachgruppe war seitdem äußerst rege.3 Die Rolle von Bildern, Bildlichkeit und visuellen Praktiken wurde auf vielfältige Weise diskutiert und reflektiert, wie der folgende kurze Überblick über einige Fachgruppenbände und Forschungsthemen der Fachgruppentagungen zeigen soll.

Der erste Band „Kommunikation visuell“ (Knieper und Müller 2001) diente einer Bestandsaufnahme und „Inventur“ zu Forschungsprojekten und theoretischen Zugängen im Bereich der bildhaften Kommunikation. Die weiteren Tagungen und Tagungsbände rückten u. a. die Themenfelder Authentizität und Inszenierung (Knieper und Müller 2003), Visuelle Wahlkampfkommunikation (Knieper und Müller 2004), Bildkommunikation und Krieg (Knieper und Müller 2005), Visuelle Stereotype (Petersen und Schwender 2009), Visual Framing (Geise und Lobinger 2013) und historische Perspektiven auf den iconic turn (Geise et al. 2016) in den Mittelpunkt. Zudem entstand ein Handbuch zu Methoden zur Erforschung visueller Kommunikation und der „Entschlüsselung der Bilder“ (Petersen und Schwender 2011). Dieser Überblick illustriert auch, dass sich die Visuelle Kommunikationsforschung im deutschsprachigen Raum zunächst weitestgehend auf professionell produzierte visuelle Inhalte, beispielsweise im Feld der Politik oder auf journalistische Bilder konzentrierte. In den letzten Jahren wurden verstärkt auch Wechselwirkungen zwischen Bildern, Kulturen und Identitäten (Geise und Lobinger 2012) sowie die Verschränkungen von Visualisierung und Mediatisierung, visuelle Alltagskommunikation und bildliches und bildbezogenes Handeln in den Blick genommen (Lobinger und Geise 2015). Dies sind Aspekte, die lange Zeit eher selten bearbeitet worden waren (siehe dazu auch Lobinger 2012). Mit den vergangenen Tagungen wurden dann vor allem kritische Themen, wie die Visualisierung und Vergeschlechtlichung von Körpern (Grittmann et al. 2018) oder Fragen nach Ethik und Verantwortung visueller Kommunikation (Schwender et al. 2019) in den Blick genommen. Jüngst, im Dezember 2018, wurde digital „vernetzte“ visuelle Kommunikation in Online- und Social-Media-Kontexten diskutiert.

Diese hier kurz skizzierten Themen bilden einen wichtigen Hintergrund für das hier vorliegende Handbuch, in dem diese Themenfelder an vielen Stellen wieder aufgegriffen werden.

Die Vielfalt, Transdisziplinarität und rhizomartige „Wurzelstruktur“ wurde von Müller (2007) als „beauty“ und zugleich auch als „beast“ des Forschungsfeldes bezeichnet. Denn sie führten beispielsweise einerseits zu spannenden und gewinnbringenden integrativen methodischen Verfahren, die den Eigenheiten von Medienbildern Rechnung tragen, wie beispielsweise der quantitativen Bildtypenanalyse (siehe dazu auch Lobinger 2014, S. 307–310; Grittmann 2007 sowie den Beitrag von Grittmann in diesem Band). Die vielfältigen Zugänge erschweren es aber auch, ein klares Forschungsprofil des Feldes zu entwickeln, dieses innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft zu positionieren und vor allem auch sichtbar zu machen (siehe dazu Lobinger 2012, 2014). Bis heute ist visuelle Forschung zwar ein lebhaftes, gleichzeitig aber auch verstreut publizierendes Forschungsfeld, dessen Sichtbarkeit innerhalb der Kommunikations- und Medienwissenschaft vergleichsweise gering bleibt (Lobinger 2014, S. 307). Sichtbarkeit herstellen, zentrale Theorien, Forschungsfelder, Methoden und aktuelle Herausforderungen der Visuellen Kommunikationsforschung darstellen und den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand im Feld der Visuellen Kommunikationsforschung bündeln sind daher auch die Ziele dieses Handbuchs. Es soll einen state-of-the-art Überblick über das Forschungsfeld geben, traditionelle wie innovative Themenbereiche darstellen, methodische Anleitungen und Hilfestellungen geben und für kritische Aspekte der visuellen Forschung sensibilisieren.4 Die Inhalte des Handbuchs Visuelle Kommunikationsforschung sind in mehrere Abschnitte gebündelt.

Visuelle Kommunikationsforschung: Theoretische Grundlagen und Ansätze

Der erste Abschnitt des Handbuchs führt in theoretische Grundlagen und Ansätze der Visuellen Kommunikationsforschung ein. Besprochen werden semiotische, handlungstheoretische und mediatisierungstheoretische Konzepte und Zugänge zu Visueller Kommunikation und Visueller Kommunikationsforschung. Beiträge in diesem Teil widmen sich auch den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Implikationen visueller Kommunikation und visueller Kultur und diskutieren zentrale Aspekte wie die Authentizität und das Emotionalisierungspotenzial von Bildern.

Daniel Pfurtscheller führt in seinem Beitrag Kap. „Bilder zwischen Zeichen, Handlungen und Praktiken: Grundbegriffe einer handlungsorientierten visuellen Kommunikationsforschung“ in zeichentheoretische Grundlagen ein. Er skizziert dann Grundzüge und gemeinsame Anknüpfungspunkte sowie Spannungsfelder von Zeichentheorie, Handlungstheorie und Praxistheorie. Der Beitrag liefert so einen Überblick über Grundbegriffe und einflussreiche Theorieansätze, mit denen man sich dem alltäglichen Umgang mit Bildern und unterschiedlichen bildbezogenen Praktiken nähern kann. Daniel Pfurtscheller unterstreicht dabei, dass der Praktikenansatz ein fruchtbares Paradigma sein kann, mit dem sich handlungsorientierte Zugänge auf verschiedenen Betrachtungsebenen integrieren lassen. Gleichzeitig verweist er aber auch auf wichtige Desiderate für die Visuelle Kommunikationsforschung: Diese ist zum einen gefordert, grundlegende theoretische Begriffsarbeit weiter zu vertiefen, um Bildern und dem, was „Menschen mit Bildern tun“ begrifflich und analytisch gerecht werden zu können. Zum anderen betont er für die empirische Analyse auch, dass bildbezogenen Praktiken gerade im Kontext von Social-Media-Interaktionen eine multimodale Perspektive und ein Verständnis der spezifischen Affordanzen von Plattformen nötig machen.

Ästhetiken, Bildflüsse, Medienumgebungen und Kommunikationspraktiken wandeln sich, sind im Fluss. Wolfgang Reißmann setzt mit Digitalisierung und Mediatisierung an zwei viel diskutierten gesellschaftlichen Gegenwartsdiagnosen und Metaprozessen an, die diese Veränderungen bedingen und zu erklären versuchen. Sein Beitrag Kap. „Digitalisierung, Mediatisierung und die vielen offenen Fragen nach dem Wandel visueller Alltagskultur“ beleuchtet ausgewählte Tendenzen im Bereich der visuellen Kommunikation und Alltagskultur aus Perspektive der Mediatisierungsforschung. Besprochen werden dazu beispielsweise veränderte Kommunikations- und Medienumgebungen und mediale Infrastrukturen, in denen Bilder zirkulieren und gebraucht und bearbeitetet werden, oder, am Bildinhalt und seiner Gestaltung ansetzend, ob und inwiefern Digitalisierung und Mediatisierung Bildästhetiken verändern. Auch dies sind künftige Fragestellungen, denen sich die Visuelle Kommunikationsforschung widmen sollte. Im Sinne der Mediatisierungsperspektive gilt es, so plädiert Reißmann, die komplexen Wechselverhältnisse von Subjekten, ihren sozialen und medialen Umgebungen, gesellschaftlichen Strukturen sowie Bildern und visuellen Medien in den Blick zu nehmen.

Der nächste Beitrag widmet sich dem emotionalen Potenzial von Bildern, die sowohl Emotionen darstellen als auch auslösen können. Wie sich die Visuelle Kommunikationsforschung dem Themenfeld Emotionen und Bilder gewidmet hat und künftig widmen kann, zeigt der Beitrag von Katrin Döveling Kap. „Bilder von Emotionen – Emotionen durch Bilder. Eine interdisziplinäre Perspektive“. Interdisziplinär informiert führt die Autorin zunächst in psychologische und soziologische Emotionstheorien ein und zeigt dann, wie diese für die kommunikations- und medienwissenschaftliche Analyse genutzt werden können. Gezeigt wird, wie Bilder in direkten Interaktionen und in der medialen Berichterstattung Emotionen transportieren können. Für ein umfassendes Verständnis des Zusammenspiels von Emotionen und Bildern schlägt Katrin Döveling eine integrative Perspektive vor, die psychologische Bewertungszuschreibungen, emotionssoziologisch relevante Interpretationsleistungen und Gefühlsregeln sowie Darstellungsweisen von Text-Bild-Botschaften zusammenführt.

Manuel Menke und Katharina Niemeyer leiten ihren Beitrag Kap. „Retro, Vintage, Nostalgie: Zur visuellen Kommunikation des Vergangenen und des Vergehens“ mit der Feststellung ein, dass Erinnerungen und Erinnerungskulturen maßgeblich durch visuelle Medien geprägt und konstruiert sind. Vergangenes wird einerseits insbesondere über Bilder vermittelt, zudem werden Bilder oft verwendet, um wichtige Ereignisse und Momente festzuhalten, um sich später an sie zu erinnern oder sie mit anderen zu teilen zu können. Manuel Menke und Katharina Niemeyer diskutieren unterschiedliche Vergangenheitszugänge von Bildern (Archivfunktion/Akkumulation, die (Re)Konstruktion des Vergangenen durch Archivbilder, die formal-ästhetische Imitation des Vergangenen sowie fiktive Bilder als Imagination der Vergangenheit), um die Vielseitigkeit des gesellschaftlichen Erinnerns und des Einsatzes von visuellen Medien zu strukturieren. Der Beitrag fokussiert insbesondere Nostalgie, die affektive Zuwendung zur Vergangenheit. Im Rückgriff auf die Konzepte „Vintage“ und „Retro“ beschreiben die Autoren dann, wie sich Nostalgie bildästhetisch äußern kann. In ihrer Auseinandersetzung mit Erinnerungspraktiken konstatieren Manuel Menke und Katharina Niemeyer schließlich ein wichtiges Desiderat für künftige Forschung: Bisherige Arbeiten zu Nostalgie haben die Bedeutung von Bildern insbesondere anhand von analogen Bildern oder Filmen untersucht. Digitale visuelle Medien und visuelle Online-Kommunikation gilt es dagegen noch weiter in die Erinnerungs- und Nostalgieforschung einzubetten.

Unter dem Titel Kap. „Visuelle Authentizitäten und die Rolle kontextspezifischer Authentizitätsmarker in der visuellen Kommunikation“ widmen sich Benjamin Krämer und Katharina Lobinger einem spezifischen Spannungsfeld in Bezug auf Bilder: Fotografien gelten als besonders authentisch, ihnen wird die Fähigkeit zugeschrieben, eine präzise, natürliche und wahrheitsgetreue Repräsentation der Wirklichkeit zu vermitteln. Sie eignen sich aber auch sehr gut dazu, einen authentischen Eindruck zu erwecken, auch wenn sie inszeniert und manipuliert sind. Der Beitrag diskutiert unterschiedliche theoretische Konzepte und Marker von Authentizität und ihre Anwendbarkeit auf visuelle Kommunikation. Authentizität wird dabei als soziales und veränderbares Konstrukt charakterisiert, das kommunikativ hergestellt und von Vorstellungen und Konventionen von „normalen“ und „wünschenswerten“ Repräsentationsweisen mitbestimmt wird. Herausfordernde Fragen von authentischen und authentisierenden Repräsentationsweisen und wie diese hergestellt und analysiert werden können, sehen Benjamin Krämer und Katharina Lobinger u. a. im Kontext von Datenvisualisierungen und Bewegtbildern.

Themenfelder der Visuellen Kommunikationsforschung

Der zweite Abschnitt des Handbuchs widmet sich Themenfeldern der Visuellen Kommunikationsforschung. Dieser Abschnitt setzt sich zunächst näher mit visueller Kommunikation in traditionellen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Forschungsfeldern (wie etwa mit Bildern in Journalismus, Werbung, Politischer Kommunikation, Werbung und PR) auseinander. Daran anknüpfend werden auch klassische „visuelle Themen“, denen in der Visuellen Kommunikationsforschung schon immer besondere Bedeutung zugesprochen wurde (wie etwa Kriegs- und Terrorbilder) behandelt. Schließlich trägt dieser Abschnitt auch neueren Entwicklungen im Bereich visueller Medien und visueller Technologien Rechnung. Mit Geomedien und kartografischen Praktiken, Photo-Sharing-Praktiken oder Storytelling, werden damit Themen aufgegriffen, die in der deutschsprachigen Visuellen Kommunikationsforschung bisher noch vergleichsweise wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren haben.

Der Beitrag Kap. „Fotojournalismus und journalistische Bildkommunikation in der digitalen Ära“ von Elke Grittmann eröffnet den Abschnitt zu Forschungsfeldern der Visuellen Kommunikationsforschung. Bildjournalismus und das journalistische Bild stellen seit jeher ein zentrales und an sich gut beforschtes Forschungsfeld dar, vor allem was bildjournalistische Produkte und deren Repräsentationstechniken und -konventionen betrifft. Jedoch ergeben sich noch Forschungsdefizite bei der Erforschung (foto-)journalistischer Produktion und Distribution. Und gerade diese Bereiche sind aktuell starken Veränderungen unterworfen, die es noch entsprechend theoretisch zu fassen und empirisch zu beleuchten gilt. Elke Grittmann liefert dafür die erforderlichen theoretischen Grundlagen und diskutiert einige zentrale Veränderungsprozesse, die den Bildjournalismus aktuell bewegen. Hierzu gehören der Trend zum Bewegtbild und zu hybriden Bildformen, das Spannungsfeld zwischen Amateurfotografie und fotojournalistischer Bildproduktion, das Entstehen neuer Berufs- und Kompetenzanforderungen im Hinblick auf Visuelles Storytelling und Datenvisualisierung sowie die zunehmende Bedeutung von Stock Photography und eines globalen Bildermarkts.

Daran anschließend befassen sich Marion G. Müller und Thomas Knieper mit dem Thema Kap. „Terror der Bilder: Visuelle Kommunikation in Krieg und Terrorismus“. Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Feststellung, dass die (Visuelle) Kommunikationsforschung trotz einer langen Tradition der Analyse von Kriegs- und Krisenbildern, nur sehr langsam beginnt, sich neueren visuellen Formen der Propagierung, Vermittlung und Kritik gewaltsamer Akte zu widmen. Insbesondere die Auseinandersetzung mit Bildern des Terrors und der zentralen Rolle, die dabei Prozesse der Sichtbarkeit haben, ist noch ausständig. Die AutorInnen widmen sich deshalb ausführlich den verschiedenen Kommunikationsformen und Bildfunktionen in Krieg und Terrorismus und beziehen dabei sowohl historische als auch aktuelle Entwicklungen mit ein. So sind etwa der Zusammenhang von visueller Kriegsberichterstattung und Empathie vor dem Hintergrund sich wandelnder Bildproduktions- und Bildzirkulationskontexte (u. a. „Knipserbilder“ und visuelle Social-Media-Kommunikation) neu zu reflektieren. Auch die Rolle von Bildern als strategisch eingesetzte Waffe sowie visuelle Selbstinszenierungen im Terrorismus müssen, wie der Beitrag klar aufzeigt, zukünftig noch stärker erforscht werden.

Es folgt der Beitrag von Christian von Sikorski und Cornelia Brantner mit dem Titel Kap. „Das Bild in der politischen Kommunikation“. Die AutorInnen heben die Bedeutung von visueller Kommunikation für die Vermittlung von Wissen über politische Akteure, Prozesse und über Gesellschaft generell hervor. Generell lässt sich in der politischen Kommunikation seit geraumer Zeit ein Trend zum Bild beobachten, der jedoch sehr ambivalent bewertet wird. Oftmals werden dem Bild – in einer verkürzten Sichtweise – negative Implikationen für politische Kommunikation unterstellt, wogegen die bildspezifischen (und oftmals durchaus positiven) Leistungen in politischen Kommunikationsprozessen nicht adäquat anerkannt werden. Um der Komplexität der Visualisierung in der politischen Kommunikation gerecht zu werden, konzentrieren sich die beiden AutorInnen vor allem auf visuelle Personendarstellungen und beleuchten diese aus vielfältigen Blickwinkeln vor dem Hintergrund der visuellen Framingforschung. Sie nutzen dabei das Beispiel der visuellen Skandalberichterstattung, um beispielhaft die verschiedensten Facetten aktueller visueller politischer Kommunikation aufzuzeigen. Christian von Sikorski und Cornelia Brantner besprechen Personendarstellungen ausführlich und aus einer Prozessperspektiven, die u. a. den Einfluss der PolitikerInnen und Medienschaffenden auf die Produktion von Personendarstellungen miteinschließt und es erlaubt, die entsprechenden Effekte der bildbezogenen Entscheidungen und Darstellungen auf die Rezipierenden zu beleuchten.

Im anschließenden Beitrag Kap. „Werbebilder in der Kommunikationsforschung“ setzen sich Mira Mayrhofer, Alice Binder und Jörg Matthes mit den ästhetischen und rhetorischen Eigenheiten von Werbebildern sowie deren Effekten auf Rezipierende auseinander. Die AutorInnen heben insbesondere die bedeutende Rolle von Bildern und visueller Kommunikation für Persuasionsprozesse hervor, die u. a. durch den theoretischen Ansatz des Picture Superiority Effekts und durch die besondere visuelle Rhetorik des Bildes erklärt wird. Anhand theoretischer Ansätze an der Schnittstelle von Werbeforschung und Visueller Kommunikationsforschung werden visuelle Hinweisreize, Wirkweisen und Wirkungsmodelle vorgestellt. Allerdings heben die VerfasserInnen auch die Kultur- und Kontextabhängigkeit der Interpretation von visuellen Inhalten hervor, die es in der Werbekommunikation dringend zu berücksichtigen gilt. Der Beitrag schließt mit einer kritischen Reflexion von Werbebildern, da diese sich oftmals stereotyper Darstellungsweisen bedienen oder aufgrund ihrer assoziativen Bildlogik irreführende Aussagen implizieren. Damit zeigen die VerfasserInnen auf, dass gerade weil Bildern eine zentrale Bedeutung für Persuasionsprozesse zukommt, sie auch unbedingt kritisch in Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Implikationen zu beleuchten sind.

Im Beitrag Kap. „Visuelle Unternehmenskommunikation“ greift Alexander Berzler viele der in den Kapiteln davor genannten Bildleistungen auf und skizziert die Rolle von Bildern und visueller Kommunikation als strategische Instrumente der Marken- und Unternehmenskommunikation. Der Verfasser präsentiert ein Modell der Visuellen Unternehmenskommunikation, demzufolge visuelle Kommunikation auf strategische Weise zum Erreichen eines langfristigen Zieles – der Etablierung einer visuellen Marke – eingesetzt werden soll. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen alle zur Verfügung stehenden visuellen Kommunikationsformen (z. B. von grafischen Zeichen, über Social Media-Kommunikation, bis zur Architektur) nutzen sollte, um eine integrierte visuelle Kommunikation aufzubauen. Das Modell überwindet damit Grenzen zwischen Branding, Corporate Identity, Corporate Design, Werbung und Public Relations, die sich bisher noch in unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Berufskontexten äußern. Um dieses Argument zu untermauern, werden die Ziele und Strategien visueller Unternehmenskommunikation ausführlich beleuchtet und zueinander in Beziehung gesetzt.

Während bisher visuelle Kommunikation in den kommunikations- und medienwissenschaftlich traditionell gut erforschten Feldern des Journalismus, der politischen Kommunikation, der Werbung und der Public Relations besprochen wurde, widmen sich die folgenden beiden Beiträge der visuellen Alltagskommunikation, die durch die zunehmende Mediatisierung gegenwärtiger Lebenswelten nun ebenfalls stärker in den Forschungsfokus gerückt ist.

Zunächst betrachtet Ulla Autenrieth Kap. „Bilder in medial vermittelter Alltagskommunikation“. Als Einstieg in den Beitrag werden die rasanten Entwicklungen im Bereich fotografischer Technik erläutert, die schließlich zur Omnipräsenz digitaler bzw. vernetzter fotografischer Praktiken geführt haben. Dies führt, wie die Autorin zeigt, u. a. dazu, dass Bilder zunehmend kommunikative Funktionen erfüllen, die zuvor text- bzw. sprachbasiert erfolgten. Außerdem kommen Bilder auf sehr vielfältige Weisen in sehr unterschiedlichen Phasen des Lebens (u. a. bereits biografisch sehr früh) zum Einsatz. Dies ist verbunden mit veränderten Möglichkeiten der Selbstdarstellung, der Selbstinszenierung oder des „picturing oneself into being“ vor dem Kontext einer Theatralisierung der Gesellschaft. In einer differenzierten theoretischen Betrachtung und Einordnung dieser Entwicklungen beschäftigt sich die Verfasserin mit Funktionen und Problematiken im Bereich der Selbstvisualisierung, die aktuell vor allem in einer besonders prominent und kontrovers diskutierten Form der Fotografie sichtbar werden: dem Selfie. Insgesamt zeigt Ulla Autenrieth auch die Bedeutung der Bildkontexte, die zunehmend durch Photo Sharing- Apps und Social Media-Applikationen gebildet werden auf.

Katharina Lobinger und Maria Schreiber greifen im Kap. „Photo Sharing“ die Bedeutungen von Apps und Plattformen für bildliche Distributions- und Austauschprozesse auf. Der Beitrag weist auf Veränderungen im Bereich der alltäglichen und vernetzten Fotografie hin, die gerne als eine Funktionsverschiebung von Bildern der Erinnerung hin zu Bildern der Live-Kommunikation gesehen werden. Allerdings gilt es hier, eine ahistorische Überhöhung aktueller Photo Sharing-Praktiken zu vermeiden, die vielmehr in einem längeren historischen Prozess voller Kontinuitäten – nicht nur von Veränderungen – zu situieren sind. Um die Komplexität von Photo Sharing-Praktiken zu illustrieren, präsentieren die Verfasserinnen eine Systematisierung, die Photo Sharing hinsichtlich des räumlichen Bezugs, des zeitlichen Bezugs, der Publika bzw. AdressatInnen und der Modi des Photo Sharing unterscheidet.

Es folgen drei Kapitel die sich mit der Rolle von Bildern für die Produktion und Kommunikation von Wissen beschäftigen und sich insbesondere der Wissenschaftskommunikation, der Sichtbarmachung des Wissens im Zuge von Forschung sowie der Visualisierung von Daten in Form von Infografiken und komplexen Datenvisualisierungen widmen.

Im Beitrag Kap. „Visuelle Wissenschaftskommunikation“ gibt Julia Metag einen Überblick über die verschiedensten Bereiche von Wissenschaftskommunikation. Etwa wird zwischen Wissenschaftsbildern, die sich im Sinne einer visual scholarly communication an die Wissenschaftsgemeinschaft richten und jenen Wissenschaftsbildern, die sich an ein breiteres (Laien-)Publikum richten, unterschieden. Bei ersteren ist eine besonders relevante Frage, wie Bilder zur Gewinnung von wissenschaftlichem Wissen und der Vermittlung an FachkollegInnen eingesetzt werden können. Bei letzteren ist u. a. vor dem Hintergrund des Public Understanding of Science-Paradigmas interessant zu erforschen, welche Rolle Bilder für die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens haben können. Mit den beiden genannten Bereichen der Wissenschaftskommunikation sind jeweils unterschiedliche Arten von Bildern, unterschiedliche BildproduzentInnen und unterschiedliche Bildfunktionen verbunden. Nicht vergessen werden darf zudem, dass ähnlich der Personendarstellung in der visuellen politischen Kommunikation auch die Darstellung von WissenschaftlerInnen in verschiedensten medialen (auch fiktionalen) Kontexten dazu beiträgt, wie das Feld der Wissenschaft gesellschaftlich konstruiert und interpretiert wird.

Stephanie Geise vertieft in ihrem Beitrag Kap. „Wissenschaftliche Bilder und die Visualisierung komplexer Daten“ jenen Bereich der Wissenschaftskommunikation, der sich damit beschäftigt, wie Bilder in der wissenschaftlichen Forschung zur Generierung von Wissen eingesetzt werden. Dabei stehen Fragen danach, wie Wissen sichtbar gemacht wird und wie wissenschaftliche Bilder produziert, präsentiert und vermittelt werden, im Zentrum des Beitrags. Stephanie Geise skizziert zunächst die Charakteristika und Funktionen wissenschaftlicher Bilder, die häufig mittels apparativer Visualisierungstechniken bzw. auf Basis technisch-apparativer Messdaten „virtuell“ erzeugt werden. Anschließend werden verschiedene Typen wissenschaftlicher Bilder unterschieden. Im Fokus der Reflexionen steht die Rolle des Bildes als Instrument, wobei diese Instrumente nicht neutral oder „gegeben“ sind, sondern aufgrund vielfältiger je nach wissenschaftlichem Feld unterschiedlicher Konventionen und Seh- bzw. Sichtbarkeitstraditionen erzeugt werden. Auch vermeintlich „objektive“ Wissenschaftsbilder basieren demnach immer auf Visualisierungstraditionen, für deren Interpretation und Entschlüsselung spezifische visuelle Kompetenzen erforderlich sind.

Dass Visualisierungen komplexer Daten auch außerhalb wissenschaftlicher Anwendungsbereiche zunehmend wichtig sind, zeigt der Beitrag Kap. „Multidisziplinäre Forschungsperspektiven auf Infografiken und Datenvisualisierungen“ von Wibke Weber. Nicht zuletzt mit Entwicklungen im Bereich Open oder Big Data, der Datafizierung der Gesellschaft sowie mit neuen Technologien der Erfassung und Generierung von (visuellen) Daten wird die visuelle Aufbereitung von Daten und deren Transfer in (leicht) verständliche Informationen essenziell. Wibke Weber zeigt in ihrem Beitrag auf, dass Infografiken und Datenvisualisierungen seit jeher wichtige Forschungsgegenstände vielfältiger Disziplinen sind und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden müssen. So bieten, je nach Anwendungsbereich und Forschungsfrage, Ansätze aus Kommunikations- und Medienwissenschaft, Informationsdesign, Diagrammatik, Kognitionspsychologie, Kartografie und vielen mehr, wichtiges Basiswissen zum Verständnis aktueller Datenvisualisierungen. Wibke Weber gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über diese verschiedenen Traditionen und bettet die Entwicklung von Infografiken und Datenvisualisierungen zudem historisch ein.

Çiğdem Bozdağ und Sigrid Kannengießer setzen sich mit Kap. „Visual Storytelling in der Kommunikationsforschung“ auseinander und zeigen insbesondere auf, dass – obwohl Bilder und visuelle Kommunikation zentrale Komponenten von Geschichten und Narrationen sind – die Forschung zu Storytelling sich bisher nur wenig mit visuellen Aspekten beschäftigt hat. Die beiden Autorinnen präsentieren daher den aktuellen Forschungsstand zu digitalem Geschichtenerzählen, um dabei explizit visuelle Aspekte herauszuarbeiten und zu fokussieren. Im Fokus des Beitrags stehen v. a. in nicht-professionellen Medienproduktionskontexten entstandene Geschichten, d. h. von ProduserInnen produzierte und erzählte Stories. Der Beitrag spannt dabei einen Bogen vom „klassischen digitalen Geschichtenerzählen“ (vor allem im Kurzfilmformat) zu digitalen Geschichten in Foren, Blogs und auf Sozialen Netzwerkseiten und illustriert die Potenziale von Storytelling dabei, ihren ProduserInnen eine „visuelle Stimme“ zu verleihen.

Im Kap. „Comics und Karikaturen in der Kommunikationsforschung“ zeichnen Clemens Schwender, Doreen Grahl und Thomas Knieper die Geschichte von Comics und Karikaturen nach und setzen diese dabei in Bezug zur Geschichte ihrer Beforschung. Die AutorInnen zeigen die unterschiedlichen Charakteristika der visuellen Darstellungsformen Comic und Karikatur sowie die Ähnlichkeiten, die zwischen ihnen bestehen, auf. Ein Unterschied liegt, so die AutorInnen darin, dass Comics primär erzählen wollen, während Karikaturen kommentieren. Beide Darstellungsformen wurden zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich kontrovers diskutiert. So folgten auf eine Zeit der moralischen Kritik an Comics, Zeiten in der sie zu didaktischen Zwecken eingesetzt wurden sowie eine Zeit der Wertschätzung ihres Werkcharakters. Ähnlich werden auch Karikaturen immer wieder in juristischen und gesellschaftlichen Debatten hinsichtlich ihrer Funktionen, Leistungen und vor allem der Frage, was Karikaturen ausdrücken dürfen, diskutiert. Dies zeigte sich etwa 2006 an der besonders intensiven Debatte um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen in Jyllands-Posten. Die AutorInnen diskutieren das Spannungsfeld aus Humor, Kritik, Beleidigung, politischer Positionierung und künstlerischer Ausdrucksform, das Comics und Karikaturen aufspannen.

Tanja Maier und Martina Thiele widmen sich in Kap. „Theoretische Perspektiven auf mediale Geschlechterbilder“ einem höchst relevanten Forschungsfeld: der Erforschung von medialen Geschlechterbildern und von vergeschlechtlichten Sichtbarkeitsverhältnissen. Die Autorinnen fassen zunächst zentrale erkenntnistheoretische Positionen zusammen, die bedeutsame Konsequenzen für die Erforschung von Sichtbarkeits- und Repräsentationsverhältnissen an der Schnittstelle von Gender Media Studies und Visueller Kommunikation haben. Insbesondere unterscheiden sie realistische und konstruktivistische Perspektiven auf Geschlechterbilder. In den Fokus der Ausführungen rücken die Autorinnen vor allem die Rolle von Geschlechterstereotypen und ihre sozialen und individuellen Folgen. Am Ende des Beitrags werden rezente Ausdifferenzierungen der theoretischen Überlegungen zur Erforschung von Bildlichkeit und Medialität von Geschlechterbildern, vergeschlechtlichten Seh- und Sichtbarkeitsordnungen und deren Konstruktion vorgestellt. Tanja Maier und Martina Thiele plädieren für eine stärker transdisziplinär ausgerichtete Perspektive, insbesondere für eine Verbindung von sozial- und kulturwissenschaftlichen theoretischen und empirischen Ansätzen, die u. a. diskurstheoretische Ansätze oder Ansätze der Queer Theory und der Visual Culture Studies (mit ihrem Fokus auf Sichtbarkeitsordnungen und Sehtechniken) einbindet. Dies wäre, so die Autorinnen, wichtig für eine Dekonstruktion noch immer bestehender essenzialistischer Dualismen und Identitätspolitiken.

An die Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern schließt Dagmar Hoffmanns Beitrag Kap. „Körperbilder in der Kommunikationsforschung“ an. Der Beitrag systematisiert zunächst unterschiedliche Ansätze der Körperbildforschung. Dabei werden insbesondere Theorien und Konzeptualisierungen von Körpern, Körperbild und Körperlichkeit aus psychologischer und soziologischer Forschung diskutiert und für die Körperbilderforschung aus Perspektive visueller Forschung nutzbar gemacht. Der Beitrag stellt zentrale Forschungsansätze vor, die sich dem Zusammenhang Mensch-Körperbild-Medien widmen und präsentiert Erkenntnisse u. a. aus Bildinhaltsforschung, Rezeptions- und Involvementforschung, Kultivierungsforschung, sozialer Vergleichstheorie sowie Handlungstheorie. Der Beitrag schließt mit beispielhaften aktuellen Forschungsfeldern der Visuellen Kommunikationsforschung, die sich höchst aktuellen Fragen, wie etwa der Ästhetisierung und Idealisierung von Körpern in medialen Kontexten, Körperbildern in Selbstinszenierungen v. a. in Online-Kontexten sowie der Präsentation und Repräsentation von älteren Menschen und deren Körperbildern widmen.

Das Thema Altersbilder greifen auch Clemens Schwender und Thomas Petersen in ihrem Beitrag Kap. „Visuelle Stereotype in der Kommunikationsforschung“ auf. Sie leisten zuerst definitorische Grundlagenarbeit, zeichnen den Ursprung des Begriffs „Stereotyp“ nach und besprechen die Funktionen und Eigenschaften von Stereotypen, um schließlich die genuinen Charakteristika visueller Stereotype zu erläutern. Das Kapitel konzentriert sich anschließend auf das Thema Altersstereotype und deren Repräsentation und Konstruktion durch visuelle Inhalte und Gestaltungsaspekte. Es werden stereotype visuelle Darstellungen und Darstellungstechniken in unterschiedlichen Kontexten, etwa in der Karikatur, in Filmen, der Werbung und im Journalismus ausführlich diskutiert sowie deren Wirkungen erläutert.

Den Abschluss des Abschnitts zu den Themenfeldern der Visuellen Kommunikationsforschung bildet Cornelia Brantners Beitrag Kap. „Von Geovisualisierungen bis zur verorteten Bildlichkeit“, in dem sie sich mit lokativen Medien und Geomedien beschäftigt. Da immer mehr Kommunikationsdevices des alltäglichen Lebens sowohl mit Kameras als auch mit Lokalisierungstechniken ausgestattet sind, wird die Rolle vernetzter und verorteter Kommunikation auch für die Visuelle Kommunikationsforschung zu einem zunehmend relevanten Forschungsfeld. Nach einer ausführlichen Definition von lokativen Medien und Geomedien diskutiert Cornelia Brantner die Mediatisierung von Räumlichkeit in Geomedien vor dem Hintergrund des visual algorithmic turn. Diese theoretischen Ansätze werden abschließend anhand vielfältiger konkreter Praktiken illustriert. So diskutiert der Beitrag Geovisualisierungen, die auf mit geografischen Informationen angereicherten Fotografien bzw. auf Twitter-Kommunikation basieren, oder setzt sich mit partizipatorischen Karten auseinander. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im Bereich von Augmented Reality und der zunehmenden Verschmelzung räumlicher und visueller Praktiken muss sich die Visuelle Kommunikationsforschung dringend mit Veränderungen von Ortsvorstellungen und der Entstehung hybrider (hochgradig visueller) Räume beschäftigen, so ein Plädoyer von Cornelia Brantner.

Methoden der Visuellen Kommunikationsforschung

Der dritte Abschnitt des Handbuchs gibt dann einen Überblick über Methoden der Visuellen Kommunikationsforschung. Da das Handbuch nicht einzeln auf die Methoden eingehen kann, werden die methodischen Besonderheiten der Analyse von Medienbildern in den einzelnen Teilbereichen der Kommunikations- und Medienwissenschaft (Produktion – Inhalt – Rezeption/Nutzung/Aneignung – Wirkung) besprochen. Diese Reihenfolge soll dabei jedoch keinesfalls eine lineare Abfolge suggerieren. Zusätzlich zu den genannten Forschungsbereichen werden partizipative visuelle Methoden und der Quellencharakter von Bildern behandelt. Bilder und ihre Kontexte werden hier somit einerseits als Quellen und Forschungsgegenstände besprochen, für deren „Entschlüsselung“ es eine Reihe von methodischen Zugängen und Instrumentarien gibt. Zudem wird auch die Forschung mit Bildern, das heißt der Einsatz von Bildern und visuellen Methoden und ihr Potenzial beispielsweise als Gesprächsstimuli oder zur Visualisierung von komplexen Zusammenhängen in Interviewsettings diskutiert.

Patrick Rössler und Konrad Dussel diskutieren Kap. „Bilder als Quellen in der Kommunikationsforschung“. Sie betonen den besonderen Quellenwert von Bildern für die historische Kommunikationsforschung, halten aber auch fest, dass ForscherInnen bisher höchstens ansatzweise über die theoretischen und methodischen Werkzeuge verfügen, um diese Ressourcen auch tatsächlich zu nutzen. Sie zeigen anhand des Feldes der historischen Bildberichterstattung und Pressefotografie wichtige Potenziale, aber auch Herausforderungen, u. a. bei der Korpuskonstruktion und Stichprobenziehung, bei der Analyse von veröffentlichen Bildern, ihren medialen Kontexten und Verwertungsprozessen, oder auch bei der Untersuchung von FotografInnen als BildurheberInnen auf.

Den Aspekt von Bildkontexten rücken Thomas Knieper und Marion G. Müller in ihrem Beitrag Kap. „Zur Bedeutung von Bildkontexten und Produktionsprozessen für die Analyse visueller Kommunikation“ in den Mittelpunkt. Sie betonen die Notwendigkeit, bei der Analyse von Bildern neben deren manifesten und latenten Bildinhalten auch die strukturellen Kontexte einzubeziehen, um Bilder und ihre Bedeutungsdimensionen tatsächlich adäquat analysieren zu können. Relevant sind hier Strategie-, Ereignis-, Produktions-, Medien-, Rezeptions- und Kognitionskontext. Diese Auflistung verdeutlicht die Vielschichtigkeit von Ikonologischen Kontextanalysen wie sie Thomas Knieper und Marion G. Müller vorstellen und lässt auch erahnen, dass es sich um sehr zeitintensive Verfahren handelt. Diese sind, so zeigen die Autoren anhand ihrer Beispielanalyse eines Fotos zur „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung“ von Jitzchak Rabin, Jassir Arafat und Bill Clinton im September 1993, aber auch besonders lohnenswerte Analysen, die sonst verborgen bleibende Sachverhalte und zentrale Bedeutungsdimensionen von Bildern aufzeigen können.

Wie lassen sich visuelle Bedeutungsangebote analysieren? Dieser Frage geht Elke Grittmann in ihrem Beitrag Kap. „Methoden zur Medienbildanalyse in der Visuellen Kommunikationsforschung“ nach. Die Arbeit an Methoden zur Medienbildanalyse hat sich in den letzten Jahren deutlich intensiviert. Elke Grittmann geht zunächst von der Frage aus, was unter Bildern und Medienbildern überhaupt zu verstehen ist. Ihr Beitrag bietet dann einen Überblick zu ikonografisch-ikonologisch und semiotisch orientierten Verfahren sowie zu standardisierten, quantitativen Verfahren der Bildinhaltsanalyse und führt zudem in die Bildtypenanalyse ein. Schließlich werden Perspektiven der Methodenentwicklung zur Medienbildanalyse besprochen. Wesentlich ist hier die weiterhin bestehende analytische Herausforderung, die die assoziative Qualität und die Polysemie von Medienbildern mit sich bringen. Die Diskussion zu hieraus folgenden Konsequenzen für die Bildanalyse steht aber, so Elke Grittmann, noch am Anfang. Gleiches gilt für die Entwicklung von theoretisch-methodisch fundierten Zugängen, die multimodalen medialen Angeboten und Bewegtbildern analytisch gerecht werden.

Die Analyse von visuellen Bedeutungsangeboten vertiefen Wolfgang Reißmann und Dagmar Hoffmann aus Sicht der qualitativen Sozialforschung. Insbesondere besprechen sie in ihrem Beitrag, wie ForscherInnen das, „was Menschen mit Bildern wie machen“ analysieren können. In ihrem Beitrag Kap. „Qualitative Methoden der Analyse von Bildhandeln und Bildaneignung“ plädieren sie dabei für handlungstheoretische, wissenssoziologische und praxeologische informierte Herangehensweisen. Ausgangspunkt ist eine Reflexion und Bestimmung, was bildzentrierte Forschung eigentlich sein kann. Ähnlich wie Elke Grittmann setzen sie sich also zunächst definitorisch mit dem Analysegegenstand auseinander. Sie führen dann Grundbegriffe einer lebensweltorientierten Bildforschung wie bildbezogenes und bildliches Handeln oder Bildaneignung ein. Sie erläutern dann, wie „klassisches“ sozialwissenschaftliches Erhebungs-Handwerkszeug wie Interviews, Gruppendiskussionen, Fokusgruppen, Ethnografie und Beobachtung genutzt und angepasst werden können. Veränderte Einbindungen des Handelns mit und in Bezug auf Bilder müssen, so eine zentrale Forderung von Reißmann und Hoffmann, auch methodisch Niederschlag finden. Um visuellen Kommunikationspraktiken heutzutage gerecht werden zu können, ist es ihrer Ansicht nach z. B. nötig, die Komplexität digitaler Medien und Plattformen und ihrer Affordanzen zu verstehen. Hierzu sollte die Visuelle Kommunikations- und Medienaneignungsforschung, so Reißmann und Hoffmann, in Zukunft verstärkt auch Kooperationen mit Platform und Software Studies suchen.

Der Beitrag von Stephanie Geise Kap. „Methoden der Bildrezeptions- und Bildwirkungsforschung“ unterstreicht zu Beginn einmal mehr die Besonderheiten der Encodierung und Decodierung bildlicher Informationen. Daraus ergibt sich, dass Rezeptions- und Wirkungsprozesse von Bildern nur dann adäquat adressiert werden können, wenn eben auch das spezifische Kommunikationsprinzip von Bildern und ihre ganzheitlich-assoziative Präsentationslogik – kurzum: dass Bild und Text verschiedenartige Rezeptions- und Wirkungsprozesse aktivieren können – berücksichtigt werden. Für die Bildrezeptionsforschung besprochen werden Verfahren, die direkte, gegebenenfalls auch physiologische Reaktionen auf Bilder messen (Real-Time-Response-Measurement und rezeptionsbegleitende physiologische Messmethoden) oder solche, die aufzeichnen, welche visuellen oder multimodalen Inhalte wie selektiert oder wie lange betrachtet werden (Eye-Tracking und Web-Tracking). Zudem besprochen werden auch die Erfassung von mimischen Reaktionen, um auf erlebte Emotionen zu schließen (Facial Action Coding) sowie Ansätze, bei denen die RezipientInnen gebeten werden, ihre Gedanken beim Blick auf ein Bild oder eine Videosequenz direkt zu verbalisieren (Thinking Aloud). Die Bildwirkungsforschung zielt darauf ab, kausale Einflüsse der Bildrezeption zu ermitteln. Sie versucht also zu verstehen, was geschieht, wenn bestimmte visuelle Medienangebote von bestimmten Personen(gruppen) rezipiert werden. Hierzu diskutiert der Beitrag, wie Wirkungsanalysen mittels Befragungen und Experimentaldesigns in der Visuellen Kommunikationsforschung durchgeführt werden können. Ihren Überblick zu den Methoden und ihren jeweiligen Leistungspotenzialen beschließend, merkt Stephanie Geise auch an, dass die Betrachtung visueller Kommunikation innerhalb der kommunikationswissenschaftlichen Rezeptions- und Wirkungsforschungsforschung bisher kaum erfolgt ist und die Visuelle Kommunikationsforschung bisher keine zusammenfassende Betrachtung der spezifischen theoretischen und empirischen Befunden der Bildrezeptions- und Bildwirkungsforschung vorgelegt habe. Hier besteht noch Entwicklungspotenzial.

Während bislang die Erforschung von Bildern und bildlichem Handeln im Vordergrund standen, betonen nun zwei Beiträge das Potenzial der Forschung mit Bildern.

In ihrem Beitrag Kap. „Visuelle Methoden“ stellen Katharina Lobinger und Jeanne Mengis heraus, dass visuelle Methoden und Verfahren einen anderen Zugang zu Wissen, Erfahrungen und Beurteilungen als verbale Zugänge erlauben. Visuelle Methoden und Verfahren bergen, so zeigen die Autorinnen, Potenziale für die Visuelle Kommunikationsforschung, aber auch für Arbeiten in der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Forschung generell. Anhand von Beispielstudien zeigen sie exemplarisch auf, wie Bilder und visuelle Elemente z. B. als Gesprächsstimuli, zur Veranschaulichung komplexer Zusammenhänge, zur Erfassung von Rankings und Typenbildungen oder zur ethnografischen Beobachtung eingesetzt werden können. Dabei zeigen sie auch die Implikationen verschiedener methodologischer Entscheidungen beim Einsatz von visuellen Methoden und Verfahren auf, um einen präzisen und reflexiven Umgang mit visuellen Methoden zu ermöglichen.

Markus Gamper und Michael Schönhuth stellen Kap. „Ansätze und Verfahren Visueller Netzwerkforschung“ vor. Sie präsentieren unterschiedliche Möglichkeiten, wie relationale Strukturen visualisiert und wie und wofür Visualisierungen sozialer Netzwerke in den verschiedenen Etappen im Forschungsprozess eingesetzt werden können. Zudem stellen sie Verfahren zur visuellen Datenerhebung vor und diskutieren deren Möglichkeiten und Grenzen. Hier kommt Visualisierungen, seien es Netzwerkzeichnungen oder -karten, die händisch und digital erhoben werden können, eine zentrale Rolle zu, da der Erhebungsprozess manchmal sogar mit der Netzwerkerhebung beginnt und eine partizipative oder sogar eine dialogisch-kollaborative Komponente aufweist. Insgesamt machen Markus Gamper und Michael Schönhuth auf die vielfältigen Potenziale und Anwendungsfelder der Visuellen Netzwerkforschung aufmerksam. Sie besprechen aber auch Herausforderungen und bestehende Desiderate. So betonen sie beispielsweise, dass die Informationsdichte der Darstellung von Netzwerken InterviewpartnerInnen auch überfordern kann und ForscherInnen geeignete Wege finden müssen, um Interview-Audiodaten und visuelle Daten analytisch gewinnbringend zusammenzuführen.

Herausforderungen der Visuellen Kommunikationsforschung

Viele der Beiträge im gesamten Handbuch weisen auf je themenspezifische Forschungsdesiderate und Herausforderungen hin, die es künftig zu adressieren gilt. Der vierte und letzte Abschnitt ist speziell den Herausforderungen der Visuellen Kommunikationsforschung gewidmet. Versammelt sind hier Beiträge, die aktuelle Herausforderungen ethischer, rechtlicher, thematischer und methodischer Natur besprechen; u. a. Fragen der Multimodalität, Herausforderungen der Online-Kommunikation und der Bewegtbildforschung. Den Abschluss des Handbuchs bildet ein programmatischer Ausblick auf künftige Herausforderungen der Visuellen Kommunikationsforschung.

Eine der größten und meistdiskutierten Herausforderungen, die sich der Visuellen Kommunikationsforschung stellen, ist die Analyse multimodaler Medientexte. Medienkommunikation ist so gut wie immer multimodal, da Abbildungen, Texte oder gesprochene Sprache zumeist nicht isoliert, sondern stets miteinander kombiniert auftreten. Zudem sind, wie vielfach in den verschiedenen Kapiteln des vorliegenden Bands betont wurde, Bilder systematisch mehrdeutig beziehungsweise deutungsoffen. Ihre Bedeutung ist somit auch stark abhängig von u. a. ihrem Verwendungskontext, ihrer Größe und Platzierung, von beigefügten Kontextinformationen oder, im Fall von Bewegtbildern, Schnitt und Sound. Dies muss Visuelle Forschung berücksichtigen. Von dieser Prämisse ausgehend stellt Hans-Jürgen Bucher in seinem Beitrag Kap. „Multimodalität als Herausforderung für die Visuelle Kommunikationsforschung“ zunächst zentrale Ansätze zur Multimodalität dar. Hieran anschließend zeigt er auf, wie multimodale Forschungsansätze wertvolle Anschlussstellen für bisherige Ansätze visueller Forschung anbieten. So betont Hans-Jürgen Bucher u. a. den Mehrwert, statt Bildtypen allein auch ihre typologisch relevante Verwendung in Diskursen und Diskursmustern erfassen zu können. Gewinnbringend kann auch, so der Autor, eine Erweiterung von bildzentrierten Analyseperspektive um zeichen- und diskurstheoretische Ansätze sein.

Sowohl der Zugang zu Bildern, ihre Speicherung, Bearbeitung und Veröffentlichung sowie das eigene Anfertigen von Bild- und Videomaterial ist dank fortgeschrittener Digitalisierung sehr viel unkomplizierter geworden. Gleichzeitig bergen aber der komfortable und schnelle Zugang zu Bildern und die Möglichkeit der einfachen Weiterverwendung, so Louisa Specht, Vera Eickhoff und Anna-Maria Volpers, auch die Gefahr der Missachtung von gesetzlichen Regelungen zur Bildverwendung, die auch in der Forschung und Lehre beachtet werden müssen. Wie Bilder im wissenschaftlichen Bereich verwendet werden dürfen, ist gerade dann in der Visuellen Kommunikationsforschung eine grundlegende Frage und Herausforderung. In ihrem Überblick über Kap. „Rechtliche Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Bildverwendung“ gehen die Autorinnen auf zwei wesentliche Rechtsbereiche ein: das Urheberrecht sowie das Recht am eigenen Bild. Angewandt auf die empirische Visuelle Kommunikationsforschung zeigen sie dann auf, welche rechtliche Fragen, Problemstellungen und mögliche Rechtsfolgen z. B. in Bezug auf Verwertungs- und Nutzungsrechte, notwendige Einwilligungen von abgebildeten Personen, Vervielfältigungen und Änderungen von Bildmaterial bei der Datenerhebung und -analyse und bei der Veröffentlichung von Bildern zu beachten sind.

Eng verzahnt mit dem juristischen Rahmen für die Bildverwendung sind auch ethische Fragen. Diese bringen den Aspekt des moralisch-normativ Verantwortbaren und Wünschenswerten in den Spielraum von rechtlich Erlaubtem ein. Welche ethischen Fragestellungen und Herausforderungen sich gerade bei der Erforschung, Produktion und Rezeption von Bildinhalten ergeben, beschreibt Alexander Godulla in seinem Beitrag Kap. „Ethische Aspekte der Visuellen Kommunikationsforschung“. Die zentrale Herausforderung, die er für die Visuelle Kommunikationsforschung heraushebt, ist sehr grundsätzlicher Natur: dem Bild gerecht werden. Das impliziert, die Kontexte seiner Entstehung und mögliche Annahmen zu diesen kritisch-distanziert zu reflektieren, vermeintliche „Bedeutungen“ nicht zu verabsolutieren, die Einbettung des Bildes in multimodale Medientexte zu berücksichtigen und nicht zuletzt auch mögliche Reaktionen verschiedener Publika auf ein Bild mitzudenken. Alexander Godulla fokussiert im Weiteren vor allem ethische Fragen im Feld der journalistischen Fotografie: Wer fotografiert, in welchem Kontext? Wie beispielsweise können Fotojournalisten dem journalistischen Qualitätsanspruch, über Ereignisse richtig und vollständig zu berichten, auch ethisch gerecht werden? (Wie) sind menschliches Leid und Tod darzustellen? Wie verschieben sich ethische Grenzen und Ansprüche an Authentizität als bildethischer Standard im Kontext der Publikation und Rezeption visueller Inhalte in digitalen und Social Media-Kontexten? Hier erreichen journalistische Berufsnormen längst nicht mehr alle jene Akteure, die Bilder machen und veröffentlichen. Deshalb ist, so Godulla, die Ethik Visueller Kommunikationsforschung hier besonders als Beobachter, aber auch als kritisch-normative Stimme gefordert.

Der letzte Beitrag dieses Handbuchs ist schließlich programmatischer und kollaborativer Natur. Katharina Lobinger, Wolfgang Reißmann, Daniel Pfurtscheller, Cornelia Brantner, Rebecca Venema und Elena Marchiori geben einen Überblick zu einigen theoretischen, thematischen, forschungsethischen und methodologischen Herausforderungen, mit denen die Kap. „Visuelle Kommunikationsforschung“ künftig konfrontiert sein wird. Von Wolfgang Reißmann werden dabei die Anforderungen an die Erforschung von komplexen Seh- und Sichtbarkeitsverhältnissen auf theoretischer Ebene angesprochen. Daniel Pfurtscheller betont die große Notwendigkeit, adäquate Ansätze zur Erforschung von Bewegtbildern zu entwickeln. Von Elena Marchiori werden neue Kommunikationsformen- und Kommunikationsumgebungen, wie sie durch Augmented und Virtual Reality ermöglicht werden, und ihre Implikationen, Chancen und Herausforderungen diskutiert. Auf methodischer Ebene beleuchtet Cornelia Brantner die Fortschritte der Computer Vision, das heißt, bei automatisierten Verfahren zur Analyse großer Bildmengen und Bilddaten. Diese können für die Visuelle Kommunikationsforschung gewinnbringend sein, müssen aber auch kritisch reflektiert werden. Des Weiteren diskutiert Rebecca Venema die Vielschichtigkeit forschungsethischer Fragen in der Visuellen Kommunikationsforschung. Sie betont die besonderen forschungsethischen Herausforderungen, die digital „vernetzte“ Bilder mit sich bringen und plädiert für weitere diskursive wie empirische Auseinandersetzungen mit forschungsethischer Praxis in der Visuellen Kommunikationsforschung. Schließlich verweist Katharina Lobinger auf die vielfältigen Funktionen von Bildern im gesamten Forschungs- und Publikationsprozess und plädiert gerade für die Visuelle Kommunikationswissenschaft für das verstärkte Zeigen von den im Forschungsprozess genutzten, analysierten und generierten Bildern auch in Publikationen.

Das Handbuch Visuelle Kommunikationsforschung ist selbstverständlich als eine Momentaufnahme der aktuellen Forschungsthemen und -bestrebungen im Feld der kommunikations- und medienwissenschaftlichen visuellen Forschung zu verstehen. Dementsprechend bleibt zu wünschen, dass insbesondere die hier angesprochenen Herausforderungen und Desiderate, die als Baustellen des Forschungsgebietes zu verstehen sind, bald Geschichte sind. Auf geschlossene Baustellen werden jedoch bestimmt neue folgen. Der Visuellen Kommunikationsforschung ist zu wünschen, dass sie ihre Dynamik und ihre rhizomartige Struktur auch in Zukunft behalten bzw. diese sogar zelebrieren wird und weitere Schritte in Richtung einer Erweiterung des Forschungsfeldes „Visualität“ nicht zulasten der eigenen Sichtbarkeit erfolgen. Denn, wie die einzelnen Beiträge des Handbuchs zeigen, ist Sichtbarkeit eine wichtige Maßzahl im Deutungskampf um Anerkennung – in allen Bereichen, auch in der Forschung!

Fußnoten

  1. 1.

    Einen umfassenden Überblick zu den bildwissenschaftlichen Ansätzen findet sich bei Lobinger (2012).

  2. 2.

    Im anglo-amerikanischen Raum wurde Visuelle Kommunikation bereits seit den 1970er-Jahren als relevantes Forschungsfeld innerhalb der Kommunikationswissenschaft wahrgenommen und ab Beginn der 1980er-Jahre zunehmend in kommunikationswissenschaftlichen Fachorganisationen institutionalisiert. Diese „Fachgeschichte“ beziehungsweise die Geschichte dieses Forschungsfeldes beschrieben eine Reihe von Publikationen (u. a. Barnhurst et al. 2004; Griffin 2001; Lobinger 2012; Müller 2007).

  3. 3.

    Ein umfassender meta-analytischen Überblick zur Entwicklung der Visuellen Kommunikationsforschung in internationalen kommunikations- und medienwissenschaftlichen Publikationen bis einschließlich 2009 ist an anderer Stelle veröffentlicht (Lobinger 2012).

  4. 4.

    Die Herausgeberin möchte sich an dieser Stelle ganz herzlich bei Nina Wicke, Jana Praßke und Rebecca Venema für die unverzichtbare Unterstützung bei der Bearbeitung der Beiträge bedanken. Ohne diese Mitarbeit wäre die Herausgabe des Handbuchs in dieser Form nicht möglich gewesen. Herzlichen Dank!

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Authors and Affiliations

  1. 1.Faculty of Communication SciencesUSI Università della Svizzera italianaLuganoSchweiz

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