Advertisement

Entwicklung des Sehorgans und der Sehfunktion

  • Birte NeppertEmail author
Living reference work entry

Latest version View entry history

Part of the Springer Reference Medizin book series (SRM)

Zusammenfassung

In der Embryonalzeit im 1. Trimenon werden die meisten Strukturen des Augapfels und seiner Adnexe schon angelegt. Morphologisch ist das Auge mit Ende des 1. Lebensjahres ausgereift, wobei seine endgültigen Ausmaße in der Pubertät erreicht werden. Bei der Funktionsentwicklung erreicht das Auflösungsvermögen des Einzelauges in der Pubertät seinen Höhepunkt. Die meisten anderen Sehfunktionen (beidäugige Zusammenarbeit, Kontrastsehen) entwickeln sich im 1. Lebenshalbjahr und stabilisieren sich in den ersten 3 Jahren.

1 Augapfel

Die Achsenlänge des Augapfels nimmt von 17 mm bei Geburt innerhalb der ersten 12–18 Lebensmonate sehr stark zu und erreicht im Erwachsenenalter 24 mm. Die Hornhaut hat einen Durchmesser von 9,5 mm bei Geburt, im Alter von 3 Jahren sind es 11,5 mm. Ihre Krümmung flacht ab entsprechend einer Brechkraftänderung von durchschnittlich 5 Dioptrien. Die Vorderkammer ist innerhalb der ersten Lebensmonate flach. Die Rindenanteile der Linse nehmen zu. Am Fundus ist die Pigmentierung gering, die Makula innerhalb der ersten Lebensmonate ohne differenzierte Fovea und die Papilla nervi optici farbarm.

Refraktion

Die Brechkraft eines Auges ist bestimmt durch Achsenlänge sowie Brechkraft der Hornhaut (Krümmung) und der Linse (Dicke und Position). Eine erhebliche Dynamik mit Abnahme/Zunahme von Hyperopie, Astigmatismus (unterschiedliche Brechkraft in senkrecht aufeinander stehenden Ebenen) oder Anisometropie ist innerhalb der ersten Lebenswochen bis -monate beschrieben. Familiäre Häufung (von z. B. einseitiger hoher Myopie oder Adoleszentenmyopie) deutet auf genetische Faktoren hin. Schielamblyopien scheinen eine Normalisierung des Refraktionsfehlers des amblyopen Auges zu verhindern.

2 Funktionsentwicklung

In den ersten 3 Lebensmonaten entwickelt sich eine globale Sehfunktion mit Lichtwahrnehmung, Bewegungssehen und grober Stereopsis. Diese Funktionen sind mit den magnozellulären Anteilen des Corpus geniculatum laterale verbunden und vermitteln eine grobe Orientierung („Wo-System“). Auf dieser Basis entwickeln sich ab dem 3.–4. Lebensmonat Sehschärfe und feine Stereopsis, assoziiert mit den kleinzelligen Anteilen im Corpus geniculatum laterale („Was-System“).

Sehschärfe

Volle Sehschärfe für Einzelsehzeichen ist im Vorschul- bis frühen Schulalter erreicht. Dies gilt für Reihensehzeichen erst bis zum 12. Lebensjahr (sog. physiologische Trennschwierigkeiten). Voraussetzungen für eine gute Funktionsentwicklung für das Einzelauge sind eine freie Sehachse, eine scharfe retinale Abbildung und eine Fokussierungsmöglichkeit auf die Nahdistanz. Fehlen diese Bedingungen, entwickelt sich eine Amblyopie (Sehschwäche), die später nicht mehr reversibel ist.

Beidäugiges Sehen

Beidäugiges Sehen entwickelt sich bei für beide Augen zeitlich und qualitativ korrelierten Reizen. Sind die retinalen Reize ungleich bezüglich ihres retinalen Ortes oder der Abbildungsqualität, wird die neuronale Verbindung zum schlechteren Auge abgekoppelt, und die Neurone (Area 17 des visuellen Kortex) sind ausschließlich vom besseren Auge, d. h. monokular, stimulierbar.

Räumliches Sehen („3D-Sehen“)

Stereosehen (Reaktion auf ausschließlich querdisparate Reize) entwickelt sich schnell zwischen dem 4. und 6. Monat bis zu sehr kleinen Querdisparationen.

Akkommodation (Fokussierung auf ein Sehobjekt in Nahdistanzen)

Ab dem 4. Lebensmonat lässt sich eine relativ genaue Akkommodation nachweisen. Im frühen Kindesalter überschreitet der Nahpunkt 6 cm nicht.

Augenstellung

Bei Neugeborenen innerhalb der ersten Lebenswochen ist ein intermittierendes Auswärts- oder Konvergenzschielen oft ohne Krankheitswert. Ab dem 3. bis maximal 6. Lebensmonat sollte jedoch dauerhaft Parallelstand bestehen.

Folgebewegungen

Ein optokinetischer Nystagmus (OKN) ist bereits innerhalb der ersten Lebenswochen auslösbar. Es besteht jedoch zunächst eine Asymmetrie bei monokularer Prüfung, wobei von temporal nach nasal gerichtete Folgebewegungen besser ausgeführt werden (der OKN ist gleichmäßiger als für nasal-temporale Bewegungen). Dies nivelliert sich mit dem 3.–4. Lebensmonat, bleibt jedoch bestehen bei frühkindlichem Schielen.

Pupillenreaktion

Eine Reaktion der Pupille auf Licht ist ab der 36. Schwangerschaftswoche nachweisbar.

Weiterführende Literatur

  1. Gräf M (2012) Sehschärfe. In: Kaufmann H, Steffen H (Hrsg) Strabismus. Thieme, StuttgartGoogle Scholar
  2. Naumann GOH (1997) Pathologie des Auges, Bd 1. Springer, BerlinCrossRefGoogle Scholar
  3. Teller W (1985) First glances. The vision of infants. The Friedewald lecture. Invest Ophthalmol Vis Sci 38:2183–2203Google Scholar
  4. Tychsen L (1992) Binocular vision. In: Hart M Jr (Hrsg) Adlers physiology of the eye. Mosby, St. LouisGoogle Scholar
  5. Weale RAA (1982) Biography of the eye. Development, growth, age. Lewis, LondonGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Universitätsklinikum Schleswig-Holstein – Campus Lübeck, AugenklinikLübeckDeutschland

Section editors and affiliations

  • Michael J. Lentze
    • 1
  1. 1.BonnDeutschland

Personalised recommendations