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Einleitung Sozialtheorie im Abstoss von der Subjektphilosophie

  • Hans Bernhard Schmid
Chapter
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Part of the Phaenomenologica book series (PHAE, volume 158)

Zusammenfassung

In der Vielfalt grundverschiedener sozialtheoretischer Ansätze ist der Abschied von der Subjektphilosophie ein so allgemeiner Programmpunkt, daß man darin schon ein einigendes Moment der Sozialtheorie der Gegenwart hat vermuten können. Ob nämlich Sozialtheorie systemtheoretisch, transzendental—sprachpragmatisch, radikal—konstruktivistisch, marxistischstrukturalistisch, poststrukturalistisch—diskursanalytisch oder historisch—genetisch betrieben wird: immer wird in der Selbstdarstellung dieser Theorien auch die Differenz zur Subjektphilosophie markiert. Sogar in der Phänomenologischen Soziologie wird die Subjektphilosophie zuweilen in diese Gegnerrolle gerückt. Gerade wo das Erbe der transzendentalen Phänomenologie Edmund Husserls in der Sozialtheorie angetreten wird, gilt es offenbar, sich von der transzendentalphänomenologischen Egologie (und dem subj ektphilosophischen Denken überhaupt) mit besonderer Vehemenz zu distanzieren.1 (Aber weit über diesen Theoriekontext hinaus werden die sozialtheoretischen Verabschiedungserklärungen an Husserl adressiert. Denn Husserls Werk, zumindest jenes der mittleren und späteren Schaffensphase — eben die transzendentale Phänomenologie — kann wohl in mancherlei Hinsicht als verspätete Vollendungsform subjektphilosophischen Denkens gelten.)2

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. nur etwa die Einleitung in Preyer, Gerhard/Peter, Georg/Ulfig, Alexander (Hg.): Protosoziologie im Kontext. „Lebenswelt“ und „System“ in Philosophie und Soziologie, Würzburg 1996, S. 9–27.Google Scholar
  2. 2.
    Als solche wird sie nicht nur in der Sozialtheorie (vgl. dazu unten), sondern bisweilen auch in der Philosophie wahrgenommen. Vgl. dazu etwa die Einschätzung der transzendentalen Phänomenologie als Paradigma mentalistisch beim Bewußtseinssubjekt ansetzenden Denkens bei Tugendhat, Ernst: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie. Frankfurt am Main 1976.Google Scholar
  3. 3.
    Luckmann, Thomas: Protosoziologie als Protopsychologie? In: Herzog, Max/Graumann, Carl F. (Hg.): Sinn und Erfahrung. Phänomenologische Methoden in den Humanwissenschaften, Heidelberg 1991, S. 155–168, hier S. 158.Google Scholar
  4. 4.
    Luckmann, Thomas: Eine phänomenologische Begründung der Sozialwissenschaften? In: Henrich, Dieter (Hg.): Kant oder Hegel. Über Formen der Begründung in der Philosophie, Stuttgart 1983, S. 506–518, insbes. S. 508ff.; vgl. auch ders.: Philosophy, Science and Everyday Life. In: Natanson, Maurice (Hg.): Phenomenology and the Social Sciences. Bd. 1, Evanston 1973, S. 143–186.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Apel, Karl—Otto: Transformation der Philosophie (im folgenden zit. als TPh). Bd. I: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik; Bd. II: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft. Frankfurt am Main 1973.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. etwa den eher fundamentalistischen Antimodernismus von Hösle, Vittorio: Moral und Politik. Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert, München 1997. In seiner starken Begründungsorientierung rekurriert Hösle bisweilen auf Husserls Wissenschaftsprogramm der Cartesianischen Meditationen (so unter dem bezeichnenden Diskussionstitel „Letzte Gewißheit — Fundamentalismus in der Philosophie“: „ich halte weiterhin (...) an diesem Programm fest“; Boehm, Ulrich (Hg.): Philosophie heute. Frankfurt am Main 1997, S. 35).Google Scholar
  7. 9.
    Waldenfels, Bernhard: Erfahrung des Fremden in Husserls Phänomenologie. In: ders.: Deutsch—Französische Gedankengänge. Frankfurt am Main 1995, S. 51–68, insbes. S. 52.Google Scholar
  8. 10.
    Vgl. etwa Waldenfels, Bernhard: Verschränkung von Heimwelt und Fremdwelt. In: Mall, Ram Adhar/Lohmar, Dieter (Hg.): Philosophische Grundlagen der Interkulturalität. Amsterdam 1993 (Studien zur interkulturellen Philosophie Bd. 1), S. 53–66.Google Scholar
  9. 11.
    Landgrebe, Ludwig: Husserls Abschied vom Cartesianismus. In: Philosophische Rundschau 9 (1961), S. 133–177.Google Scholar
  10. 12.
    Vgl. Tugendhat, Ernst: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Berlin 1970.CrossRefGoogle Scholar
  11. 13.
    Vgl. zu dieser Kritik an Husserl Rorty, Richard: Consequences of Pragmatism. Essays 1972–1980, Brighton 1982, S. 37f.; 40; 160. Zum pragmatistischen „foundationalism“ Vorwurf an Husserl und dessen Kritik vgl. auch die Beiträge in Corrington, Robert S./Hausman, Carl/Seebohm, Thomas M. (Hg.): Pragmatism Considers Phenomenology. Washington 1987. Andernorts weiß man sich phänomenologischerseits gegen den „foundationalism“ Vorwurf anders zu helfen: „foundationalism is no crime“ meint lapidar Haney, Kathleen M.: Intersubjectivity Revisited. Phenomenology and the Other, Athens 1994, S. 153. Eine explizit „non—foundationalist“ Interpretation der Phänomenologie bietet etwa Mensch, James Richard: After Modernity. Husserlian Reflections on a Philosophical Tradition, Albany 1996.Google Scholar
  12. 14.
    Husserl, Edmond: Méditations Cartésiennes. Introduction à la phénoménologie, traduit de l’allemand par Mlle Gabrielle Pfeiffer et M. Emmanuel Levinas, Paris 1931. Der Text der Cartesianischen Meditationen wird im folgenden aus der deutschen Ausgabe zitiert, die als erster Band der Husserliana (Edmund Husserl gesammelte Werke), Den Haag 1950ff./Dordrecht 1982ff. (zit. unter Bandangabe in römischen Ziffern) erschienen ist.Google Scholar
  13. 15.
    Vgl. Plessner, Hellmuth: Macht und menschliche Natur. In: Hellmuth Plessner gesammelte Schriften Bd. V, Frankfurt am Main 1981, S. 135–235, hier S. 164.Google Scholar
  14. 16.
    1/183. Husserl zitiert aus De vera religione 39, 72. Felix Grossheutschi danke ich für den Hinweis auf eine Abweichung Husserls (oder der von ihm ohne Belegstellenangabe zitierten Edition) vom Wortlaut der heute maßgeblichen Augustinus—Ausgabe. In der von Guilelmus M. Green besorgten Edition (Sancti Aureli Augustini opera sect. VI pars V, Wien 1961 [Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum vol. LXXVII]) lautet das Zitat: „noli foras ire, in te ipsum redi (...)“ (Herv. von mir).Google Scholar
  15. 17.
    Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft (im folgenden zit. als KrV). Hg. von Raymund Schmidt, Hamburg 1990, A XIV.Google Scholar
  16. 18.
    Vgl. dazu das Kapitel „Gegensatz von materialistischer und idealistischer Geschichtsschreibung“ in den „Thesen über Feuerbach“ (Marx, Karl: Die Frühschriften. Hg. von Siegfried Landshut, Stuttgart 1953, insbes. S. 349: „Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein“).Google Scholar
  17. 19.
    Vgl. dazu die Prolegomena zur reinen Logik (XVIII).Google Scholar
  18. 20.
    Vgl. dazu den Aufsatz „Philosophie als strenge Wissenschaft“ (XXV/3–62).Google Scholar
  19. 21.
    Nietzsche, Friedrich: Über das Pathos der Wahrheit. In: Nietzsche Werke. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. III/2, Berlin/New York 1973, S. 246–254, hier S. 254.Google Scholar
  20. 22.
    Vgl. Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. In: ders: Unzeitgemäße Betrachtungen. Stuttgart 1976, S. 603–622, S. 606: Nietzsche faßt hier den Intellekt „als ein Mittel der Erhaltung des Individuums“, als ein „Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier—Gebiß versagt ist“. Auch Nietzsche stößt zu einer Art Soziologisierung der Bewußtseinstheorie vor, in welcher der Prätention der reflexiven Bewußtseinsanalyse, „Wahrheit“ als irreduziblen Originalmodus intellektiven Fungierens aufzuweisen, widersprochen wird, wenn Nietzsche den Intellekt als ein Mittel zur „Täuschung“, zum „Schmeicheln“, zum „Lügen und Trügen“, „Hinter—dem—Rücken—Reden“ begreift, wobei die intellektuelle Orientierung an „Wahrheit“ erst dadurch zustande komme, daß der Mensch sich „zugleich aus Not und Langeweile“ zur „Herde“ zusammenschließe: „Jetzt wird nämlich das fixirt, was von nun an Wahrheit’ sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit“ (vgl. ebd./607f.). Lo gische Widersprüche drücken so nur ein menschliches „Unvermögen“ aus, bedingt durch die Beschaffenheit der Spezies (Nietzsche, Friedrich: Der Wille zur Macht. Stuttgart 1964, S. 352).Google Scholar
  21. 23.
    Vgl. zu diesem Unternehmen etwa auch Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht. In: Dreyfus, Hubert L./Rabinow, Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Weinheim 1994, S. 243–261.Google Scholar
  22. 24.
    Vgl. dazu Habermas, Jürgen: Nietzsche: Erkenntnistheoretische Schriften. In: ders.: Arbeit, Erkenntnis, Fortschritt. Aufsätze 1954–1970, Amsterdam 1970, S. 356–375.Google Scholar
  23. 25.
    Freud, Sigmund: Schriften aus dem Nachlaß. Sigmund Freud gesammelte Werke Bd. XVII, Frankfurt am Main 1966, S. 81. Vgl. auch ders.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Sigmund Freud gesammelte Werke Bd. XV, Frankfurt am Main 1967, S. 76f.Google Scholar
  24. 26.
    Vgl. etwa Kuhn, Thomas Samuel: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main 1967.Google Scholar
  25. 27.
    Welche übrigens im Zuge der sozialtheoretischen Subjektphilosophiekritik nicht selten als Verhängnis interpretiert wird: Von einer Art neukantianischer transzendental—subjektphilosophischer „Blockade“ des sozialtheoretischen Denkens spricht Röttgers, Kurt: Sozialphilosophie : Macht, Seele, Fremdheit. Essen 1997. Daß das Bemühen, die Sozialtheorie gegen ihre eigenen kantianischen Wurzeln zu interpretieren, eine prekäre Differenz setzt, zeigt vielleicht nur schon das Faktum des neueren Interesses an den neukantianischen Wurzeln der soziologischen Theoriebildung in der Weber—, Simmel— und Tönniesinterpretation der jüngsten Zeit; vgl. dazu etwa die Arbeiten von Peter—Ulrich Merz—Benz.Google Scholar
  26. 28.
    Vgl. Adler, Max: Das Soziologische in Kants Erkenntniskritik. Ein Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Naturalismus und Kritizismus (Neudruck der Ausgabe Wien 1924), Aalen 1975; ders.: Kant und der Marxismus. Gesammelte Aufsätze zur Erkenntniskritik und Theorie des Sozialen (Neudruck der Ausgabe Berlin 1925), Aalen 1975.Google Scholar
  27. 29.
    Vgl. Habermas, Jürgen: Edmund Husserl über Lebenswelt, Philosophie und Wissenschaft. In: ders.: Texte und Kontexte (im folgenden zit. als TuK). Frankfurt am Main 1991, S. 34–48.Google Scholar
  28. 30.
    Vgl. zu dieser Diagnose Luhmanns unten Kap. 4.Google Scholar
  29. 31.
    Vgl. dazu etwa Johann Sebastian Bachs Kantate „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ BWV 2.Google Scholar
  30. 32.
    Zum Programm der vernunftaufklärungskritischen, abgeklärten „soziologischen Aufklärung“ vgl. Luhmanns Münsteraner Antrittsvorlesung (Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. In: ders.: Soziologische Aufklärung (im folgenden zit. als SoA). Bd. 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1991, S. 66–91) sowie den Exkurs unten in Kap. 3.Google Scholar
  31. 33.
    Vgl. Gadamer, Hans—Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1990.Google Scholar
  32. 34.
    Das für die Sozialtheorie der Gegenwart wichtigste Beispiel ist Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1979.Google Scholar
  33. 35.
    Als Ausdruck einer gesellschaftsstrukturell eigentlich schon überholten, aber die Moderne gleichwohl bedrohenden „mythischen Logik“ interpretiert, Günther Dux’ Modell auf Husserl anwendend, Frank Welz die transzendentale Phänomenologie (Welz, Frank: Kritik der Lebenswelt. Eine soziologische Auseinandersetzung mit Edmund Husserl und Alfred Schütz, Opladen 1996; vgl. dazu auch meine Rezension im Archiv für Rechts— und Sozialphilosophie 83 (1997), S. 295–298).Google Scholar
  34. 36.
    Vgl. Eley, Lothar: Transzendentale Phänomenologie und Systemtheorie der Gesellschaft. Zur philosophischen Propädeutik der Sozialwissenschaften, Freiburg 1972, S. 22.Google Scholar
  35. 37.
    Vgl. Warnke, Camilla: Wissenschaft — Lebenswelt — transzendentale Intersubjektivität. Zur gesellschaftlichen Bestimmtheit von Husserls Spätphilosophie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 30 (1982), S. 77–88.Google Scholar
  36. 38.
    Adorno, Theodor W.: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen Antinomien, Frankfurt am Main 1990.Google Scholar
  37. 39.
    Vgl. Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. Frankfurt am Main 1966, S. 188; 72.Google Scholar
  38. 40.
    Vgl. dazu Weiß, Johannes: Die Soziologie und die Aufhebung der Philosophie. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 32 (1978), S. 556–567. Nachwirkungen dieser soziologischen Attitüde mögen sich in Habermas’ Wertung der Philosophie als „Platzhalterin“ ei ner kommenden empirischen Theorie finden (Habermas, Jürgen: Die Philosophie als Platzhalter und Interpret. In: ders.: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln (im folgenden zit. als MBS). Frankfurt am Main 1983, S. 9–28; vgl. auch schon: ders.: Die Idee einer Erkenntnistheorie als Gesellschaftstheorie. In: ders.: Erkenntnis und Interesse (im folgenden zit. als EI). Frankfurt am Main 1973, S. 59–87) oder noch etwa in Luhmanns wiederholten Bemerkungen zur Umsetzung transzendentallogischer Probleme in empirische Sachfragen. Die „harte“ Version des genannten Aufhebungsgestus findet sich in der deutschsprachigen Sozialtheorie nach meinem Empfinden zumindest implizit am ehesten noch bei Günther Dux (vgl. Dux, Günther: Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Frankfurt am Main 1982).Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Hans Bernhard Schmid
    • 1
  1. 1.New School for Social ResearchUSA

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