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Zur Genese narrativer Kompetenz

Empirische Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen
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Part of the Jahrbuch für Geschichtsdidaktik (JfGd) book series (GSMNF)

Zusammenfassung

Erzählen ist eine kulturelle Universalie, ohne die keine Gesellschaft auskommt. In der Form des spezifischen historischen Erzählens hat sie an der Ausbildung von Kultur und am Vergesellschaftungsprozeß maßgeblich Anteil. Erzählen im ursprünglichen Sinne ist ein Vernarrativieren von sukzessiven Gegenwarts- zu diachronen Zeiterfahrungen. Dabei ist es prinzipiell unerheblich, ob die Ereignisse, die in die Erzählung eingehen, dem eigenem Erleben oder anderen Quellen entstammen. Erzählen erzeugt nacherzählbare Geschichten und reichert mit ihnen die jeweilige Kultur an. Ohne diese Erzählfunktion wäre Kultur und die von ihr bewirkte Vergesellschaftung sozialer Gruppen kaum vorstellbar. Neben dieser Erzählhandlung, in der sich Individuen und Kollektive ihre Erfahrung aberzählen, indem sie sie auf Zeit beziehen, ist eine zweite Erzählhandlung von grundlegender kultureller Bedeutung. Diese Erzählhandlung ist das Nacherzählen; es tradiert Kultur. In jeder uns bekannten Geschichtskultur werden gehörte, gelesene oder szenisch präsentierte Erzählungen nacherzählt, um die in der Erzählungen liegenden kognitiven, emotionalen und pragmatischen Gehalte zu aktualisieren. Sie werden in den unterschiedlichen Medien nicht nur noch einmal, sondern immer wieder erzählt, obwohl (und weil) sie den meisten Mitgliedern der Gesellschaft schon bekannt sind. Hier deutet sich schon an, daß Erzählen nicht nur eine kognitive Funktion hat, sondern auf Selbstbewußtsein und Gefühlslagen Einfluß nimmt. So klar die kulturkonstituiven Akte des Erzählens sind, um so unklarer ist uns zur Zeit die lebensgeschichtliche Genese dieser Erzählkompetenz.

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