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Praxisbezogene Wissenschaft zwischen Kriminalpädagogik, sozialer Therapie und Delinquenzprophylaxe

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Part of the Schriftenreihe für Delinquenzpädagogik und Rechtserziehung book series (SDR)

Zusammenfassung

Obwohl der Strafvollzug, einschließlich dem Jugendstrafvollzug, zeitüberdauernd nahezu die gleichen Gebrechen aufweist, haben sich die Konzepte im Umgang mit dem Straffälligen erheblich gewandelt. Vokabeln, Begriffe und Zielvorstellungen, die noch vor etwa 30 Jahren beachtliche Attraktivität entfalteten, wurden alsbald angefochten, sind mitunter in Vergessenheit geraten oder durch Alternativkonzepte ersetzt worden. Die einst als Fortschritt gepriesene “sozialpädagogische Wendung des Strafrechts”1 hat an Überzeugungskraft verloren. Selbst die Humanisierung der Strafen findet keinen uneingeschränkten Beifall mehr2. Der Politik wird überdies vorgeworfen, daß ihr “die Visionen für die Weiterentwicklung des Strafvollzugs abhanden gekommen” seien3. Wissenschaftliches Schrifttum, Tagungsmaterialien und Kommissionsberichte spiegeln die Veränderungen wider. In Leben und Werk des Vollzugspraktikers und Erziehungswissenschaftlers Max Busch brechen sich diese Strömungen. Die nähere Betrachtung der Ansätze in den fünfziger Jahren läßt alsbald erkennen, daß das “neue Beginnen” nach dem Zusammenbruch 1945 vorwiegend in der Anknüpfung an Ideen der Weimarer Zeit und des westlichen Auslandes bestand. Dabei wurde erwartungsgemäß und als Reaktion auf die menschenverachtende Behandlung der Straffälligen im “Dritten Reich”4 der Pädagogik besondere Beachtung geschenkt.

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Anmerkungen

  1. 1.
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  7. 6.
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  10. 10.
    Anders etwa Hellmer, J.: Kriminalpädagogik als Kriminologie. RdJ 8(1960), 123–126.Google Scholar
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  16. 17.
    Dem steht auch das dreibändige Werk von K.-J. Kluge (Fn.4) nicht entgegen. Denn auch es spiegelt die hier skizzierte Ablösung und Fortentwicklung wider. Gleichwohl konnte sich in den Handlungsfeldern der sog. Bindestrich-Pädagogik wie z.B. Drogenpädagogik, Medienpädagogik, Umwelt- und Verkehrspädagogik der Erziehungsbegriff halten, ja seine Stellung bis zur Gegenwart gar noch festigen. Selbst im Jugendstrafrecht dauert das Plädoyer für den Erziehungsbegriff an; vgl. hierzu Schlüchter, E.: Plädoyer für den Erziehungsgedanken. Berlin u.a. 1994.CrossRefGoogle Scholar
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