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Declaration by Design: Rhetorik, Argument und Darstellung in der Designpraxis (1985)

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Part of the Board of International Research in Design book series (BIRD)

Auszug

Wenn es ein zentrales Thema in den Designwissenschaften gibt, dann dürfte dies sicherlich das der Kommunikation sein.1 Direkt oder indirekt haben die Kommunikation und ihre benachbarten Themen mehr Diskussionen zur Designtheorie und -praxis in Gang gesetzt als jedes andere. Und damit beziehe ich mich nicht nur auf das Grafikdesign, in dem die Kommunikation ganz offensichtlich das zentrale Anliegen ist, und in dem die Konzepte der klassischen Rhetorik mittlerweile mit vielversprechenden Ergebnissen angewandt werden2, sondern auch auf Design im weiteren Sinne, das vom Industrie- und Produktdesign bis zur Architektur und Stadtplanung reicht, und für das es keine übergreifende Theorie der Rhetorik gibt. Es mag auf den ersten Blick nicht auffallen, doch nehmen die Kommunikation und die Rhetorik in diesem erweiterten Bereich starken Einfluss darauf, wie wir die für den menschlichen Gebrauch gemachten Dinge verstehen. Denken wir nur an die zahlreichen geschichtswissenschaftlichen, soziologischen, ä sthetischen und kulturwissenschaftlichen Studien zum Design in den letzten Jahrzehnten: Sie sind zwar nicht explizit rhetorisch, doch dringen sie in der Behandlung von Themen wie dem Einfluss des Designers und der Wirkung des Designs auf die Konsumentengruppe oder die Gesellschaft weit in den Bereich der Rhetorik vor.3 Ebenso behandeln diese Studien zentrale Aspekte der Rhetorik, wenn sie sich mit dem Designprozess selbst beschä ftigen, mit dem Einfluss der persönlichen Haltungen, Werte oder Designphilosophie des jeweiligen Gestalters oder mit der Art und Weise, in der die sozialen Aspekte der Organisation, des Managements und der Firmenkultur ein Design bestimmen. Wenn darüber hinaus Untersuchungen zur ä sthetik des Designs die Form nicht nur als Wert an sich begreifen, sondern eben auch als Mittel zur Unterhaltung, zur Belehrung und zur Informationsweitergabe — oder ganz allgemein als ein Mittel, den Dingen die für jeden gewünschten Effekt nötige Erscheinung zu verleihen —, dann sind diese Studien auch deshalb rhetorisch zu nennen, weil sie das Design als Vermittlungsinstanz zwischen den Designern und dem intendierten Publikum konzipieren.

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  1. Bonsiepe, Gui (1963): „Persuasive Communication: Towards a Visual Rhetorik“. In: Crosby, Theo (Hrsg.), Uppercase 5. London: Whitefriars Press Ltd. Hier handelt es sich um sehr gute frühe Untersuchungen zu diesem Thema, jedoch sind diese eher von Semiotik als Rhetorik geprä gt. Siehe auch Krampen, Martin (1968): „Signs and Symbols in Graphic Communication“. In: Design Quarterly, 62, S. 3–33. Eine komplette Ausgabe von Icographic, herausgegeben von Victor Margolin, ist dem Thema „Persuasive Communication“ gewidmet. Siehe Icographic II/4, Februar 1984. Siehe auch: Ehses, Hanno H. J. (Frühjahr 1984): „Representing Macbeth: A Case Study in Visual Rhetoric“. In: Design Issues, I/1, S. 53–63. Hier handelt es sich um eine Fallstudie von Invention im Kommunikationsdesign, die allerdings auf die Figuren der Rede und den grammatischen Gesichtspunkt von Semiotik beschrä nkt ist.

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  2. Woodham, Jonathan M. (1983): The Industrial Designer and the Public. London: Pembridge Press.

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  3. Pevsner, Nikolaus (1936): Pioneers of the Modern Movement, from William Morris to Walter Gropius. London: Faber and Faber. Siehe beispielsweise das Kapitel „The Engineers of the Nineteenth Century“. Dieses Buch erschien spä ter unter dem Titel Pioneers of Modern Design.

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  4. Pile, John F. (1979): Design: Purpose, Form and Meaning. New York: W. W. Norton and Company; Heskett, John (1980): Industrial Design. London: Thames and Hudson.

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  5. Pye, David (1978): The Nature and Aesthetics of Design. New York: Van Nostrand Reinhold. Pye definiert Design als die Kunst, die „chooses that the things we use shall look as they do...“ (S. 11). Dies ist besonders interessant, wenn man es im Kontext der langen Tradition der Rhetorik als der Kunst des ä ußeren Erscheinungsbilds betrachtet. Demgemä ß fä hrt Pye fort, rhetorische Kriterien für gute und angemessene Gestaltung zu formulieren, was Geschmack, Stil, Schönheit, Nützlichkeit etc. beinhaltet.

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  6. Die heutige Ausbildung von Designern und Technologen vertieft oft diesen Graben. Wir müssen eine integrierte Philosophie der Designausbildung entwickeln, die der komplexen Rolle des Designs in der modernen Welt gerecht wird. Siehe zum Beispiel Maldonado, Tomás (1965): „Design Education and Social Responsibility“. In: Kepes, Gyorgy (Hrsg.), Education of Vision. New York: George Braziller. Siehe auch Frampton, Kenneth (Mai 1974): „Apropos Ulm: Curriculum and Critical Theory“. In: Oppositions 3.

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  7. Pile, John F., Design, S. 2.

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  8. Bacon, Francis (1960): The New Organon and Related Writing (Hrsg. Fulton H. Anderson). Indianapolis: The Bobbs-Merrill Company Inc. In diesem grundlegenden Werk wird zum ersten Mal die Rhetorik als Hauptaspekt genutzt, unter dem die Beziehung von Wissenschaft und Technik analysiert wird. Ziel dieser neuen Wissenschaft ist es laut Bacon nicht nur, die Natur zu verstehen, sondern „to command nature in action“. Diese Arbeit konzentriert sich jedoch auf die Entdeckung von Prinzipien in der Natur. Nachfolgende Studien haben sich lediglich dieses Aspekts angenommen und somit die Technologie als Handlanger der Wissenschaft abgewertet. Niemand hat sich bisher mit den Implikationen von Bacons Arbeit auf eine Rhetorik der Technologie befasst. Nützliche Erkenntnisse finden sich jedoch in McKeon, Richard (1971): „The Uses of Rhetoric in a Technological Age: Architectonic Productive Arts“. In: Bitzer, Lloyd F. und Black, Edwin (Hrsg.), The Prospects of Rhetoric. Englewood Cliffs/New Jersey: Prentice-Hall Inc., S. 44–63.

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  9. Aristotle, The „Art“ of Rhetoric, übersetzt von John Henry Freese (1967). Cambridge: Harvard University Press, S. 3.

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  10. Margolin, Victor (1984): „Consumers and Users: Two Publics for Design“. In: Ritchie, Christina und Calzolari, Loris (Hrsg.), Phoenix: New Attitudes to Design. Toronto: Phoenix, S. 48–55.

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  11. Bugliarello, George und Doner, Dean B. (Hrsg., 1979): The History and Philosophy of Technology. Urbana und Chicago: University of Illinois Press. Dieses ausgezeichnete Buch entstand aufgrund eines Symposiums, das 1973 in Chicago stattfand. Die Herausgeber schreiben im Vorwort dazu: „Engineering schools continue to train generation after generation of possibly the most powerful agents of change that our planet has ever produced …“ (S. vii).

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  12. Caws, Peter (1979): „Praxis and Techne“. In: Bugliarello, George und Doner, Dean B. (Hrsg.), The History and Philosophy of Technology, S. 227–238. „Technology, after all, is not merely the theory of the practical arts; it is the practical arts themselves, regarded as an activity of reason — the logos in the techne, rather than the logos of the techne.“ (S. 227).

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  13. Aristotle, Rhetoric, S. 19.

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  14. Dickson, David (1974): The Politics of Alternative Technology. New York: Universe Books. Dieses Buch ist in Großbritannien unter dem Titel Alternative Technology and the Politics of Technological Change erschienen. Siehe unter anderem Kapitel 2, „The Ideology of Industrialization“.

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  15. Kouwenhoven, John A. (1982): Half a Truth Is Better Than None: Some Unsystematic Conjectures about Art, Disorder, and American Experience. Chicago: The University of Chicago Press. Siehe: “Design and Chaos: The American Distrust of Art“, S. 231.

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  16. Rams, Dieter (Frühjahr 1984): „Omit the Unimportant“. In: Design Issues 1/1, S. 24–26. Dies ist eine ausgezeichnete und auf den Punkt gebrachte Darstellung einer Designphilosophie. (Bemerkenswert ist auch, wie die Rhetorik von Rams’ Erklä rung die Rhetorik der Produkte reflektiert, die er mit dem Braun-Design-Team entwickelt hat.).

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  17. Margolin, Victor: „Consumers and Users: Two Publics for Design“, S. 49. Margolins Charakterisierung des Anwenders im Gegensatz zum Konsumenten entspricht eher der Art des Publikums, von der wir hier sprechen. Laut Margolin ist es der Anwender, der dazu neigt, „to define the worthwhile life in terms of the actuation of values rather than the ownership of goods.“ Selbstverstä ndlich stellen auch die Konsumenten eine Form des Publikums dar, und viele Designer und Designerinnen verstehen ihr Publikum als Konsumenten im engeren Sinne.

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  18. Radice, Barbara (1984): Memphis: Research, Experiences, Results, Failures, and Successes of New Design. New York: Rizzoli International Publications Inc. Gewissermaßen ein Manifest der Memphis-Designphilosophie, geschrieben in einem relativ schillernden und verschmitzten Stil, der der Memphis-Idee entspricht. Wenn man diesen Schreibstil mit der effizienten und knappen Prosa von Dieter Rams’ Darstellung der Braun Designphilosophie vergleicht, kommt man zu ä hnlichen Ergebnissen wie im Vergleich der Braun-und Memphis-Produkte.

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  19. Rams Dieter: „Omit the Unimportant“ S. 25: „... items should be designed in such a way that their function and attributes are directly understood... Of course getting products to ‹talk› by means of design is a demanding task.“

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  20. Krippendorf, Klaus und Butter, Reinhart (Frühjahr 1984): „Product Semantics: Explaining the Symbolic Qualities of Form“. In: Innovations 3/2. Die gesamte Ausgabe ist dem Thema „Semantics of Form“ gewidmet.

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  21. Selle, Gert (Frühjahr 1984): „There is no Kitsch, There is Only Design“. In: Design Issues 1/1.

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  22. Sontag, Susan (1966): „Notes on Camp“. In: Against Interpretation. New York: Noonday Press.

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  23. Hebdige, Dick (1979): Subculture: The Meaning of Style. London: Methuen and Co. Ltd.

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  24. Dewey, John (1958): Art As Experience. New York: Capricorn Books, S. 35. In diesem bedeutenden Werk zur Philosophie der ä sthetik versucht Dewey eine Wiederherstellung der Kontinuitä t zwischen Kunstobjekten, die von den Bedingungen ihres Ursprungs getrennt wurden, und den ä sthetischen Eigenschaften des Alltagslebens, die wir in der Begegnung mit unserer Umgebung vorfinden.

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  25. Taylor, Joshua C. (1975): To See Is To Think: Looking At American Art. Washington DC: Smithsonian Institution Press, S. 85. Dieses Zitat stammt aus einem Essay mit dem Titel „Persuasion“. Siehe auch: „The Pure and the Impure“ bezüglich Theorien zur ä sthetik, die auch für das Design von Bedeutung sind.

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  26. Perelman, Chaim und Olbrechts-Tyteca, L. (1969): The New Rhetoric: A Treatise on Argument. Notre Dame: University of Notre Dame Press, S. 47–51. Perelman argumentiert, dass die Epideiktik ein zentrales Mittel der überzeugungskunst ist, da sie das Festhalten an Wertvorstellungen verstä rkt und somit eine Disposition zur Handlung begünstigt. Der Sprecher oder die Sprecherin etabliert ein Gemeinschaftsgefühl auf der Grundlage von Werten, die vom Publikum geteilt werden.

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  27. Rosenberg, Harold (1964): The Anxious Object: Art Today and Its Audience. New York: The New American Library, S. 20. Diese wichtige Studie zur Kunst steht in der rhetorischen Tradition, in der Malerei, Poesie und andere Kunstformen als epideiktische Rhetorik verstanden werden.

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  28. Ders., The Anxious Object, S. 21.

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  29. Man bedenke beispielsweise die Rolle der Enstehung politischer Strategien — ein klassisches Beispiel verbaler Rhetorik in Bezug auf die Entwicklung und Einführung technologischer Systeme. Siehe auch Baker, Robert F., Michaels, Richard M. und Preston, Everett S. (1975): Public Policy Development: Linking the Technical and Political Processes. New York: John Wiley & Sons.

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  30. McKeon, Richard: „The Uses of Rhetoric in a Technological Age“, S. 45.

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  31. Pile, John F.: Design, S. 6.

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© 2008 Birkhäuser Verlag AG

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Buchanan, R. (2008). Declaration by Design: Rhetorik, Argument und Darstellung in der Designpraxis (1985). In: Joost, G., Scheuermann, A. (eds) Design als Rhetorik. Board of International Research in Design. Birkhäuser Basel. https://doi.org/10.1007/978-3-7643-8348-0_5

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