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Thukydides und Euripides

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Zusammenfassung

Hesiod und Pindar sind in gewissem Sinne einsame Menschen. Der Kleinbauer von Askra, dem die Formen des ionischen Heldenepos die Möglichkeit gaben, sich auszusprechen, enthüllt ein Stück altgriechischen Lebens, über welches gerade das Epos einen glänzenden Schleier für Mit- und Nachwelt gelegt hat. In der Einsamkeit der Bergweide erging an ihn der göttliche Ruf zu etwas Höherem, und die Verletzung des echt bäuerlichen Rechtsgefühls, das sich dagegen aufbäumt, durch die Willkür der Großen die Heimstätte der eigenen Arbeit zu verlieren, gab ihm die Kraft zu erkennen, daß nicht nur Streitwagen und Ritterspieß, sondern auch Ochsenkarren und Pflug heroische Waffen seien, wert dichterischen Glanzes. Er blieb ein Prediger in der Wüste. Pindar, der vornehme Göttersohn, setzt sein ganzes Mannestum daran, eine Welt zu erhalten, die den Fluten der Demokratie keinen Damm mehr entgegensetzen konnte, weil sie innerlich morsch geworden war; ihr größter Prophet ist der deutlichste Zeuge ihres En-des. Thukydides und Euripides entstammen der attischen Kultur des 5. Jahrhunderts, einer Kultur, deren inneres Leben den Jahrtausenden Trotz geboten hat. Epigonen der Romantik, an Ernst der Arbeit und kindlichem Herzensadel ihren geistreichen Vorgängern überlegen, ihnen gleich in dem mangelnden Verständnis für die dämonischen Tiefen des immer schaffenden und immer zerstörenden realen Lebens, haben diese Kultur gemalt als ein Paradies, in dem überirdische Schattenwesen den Traum der Freiheit und der Schönheit träumten. Ohne Zweifel ist das Licht, mit dem dies Idealbild vielen und nicht den Schlechtesten die dunkle Nacht, die man Menschenleben nennt, erleuchtet hat, ein reineres und wärmeres gewesen als der grelle Schein betäubenden Genusses und sich abhetzender Jagd nach äußerem Erfolg, an dem man sich jetzt so gerne blindsehen möchte gegen die innere Friedelosigkeit: aber wenn ein aus der Geschichte genommenes Idealbild wahr und wirklich werden kann in den Herzen, so beweist das noch lange nicht, daß es in der Geschichte selbst wahr und wirklich gewesen ist. Im Altertum haben die Menschen allerdings einmal vom Schönheitstraum leben wollen, aber nicht im sogenannten perikleischen Zeitalter, sondern zur Zeit des Kaisers Hadrian und der Antonine: es kam nicht viel dabei heraus, und die Menschen selbst haben sich wenig wohl dabei gefühlt, noch weniger freilich die, welche die unmittelbare Erbschaft jenes Zeitalters antreten und die bittere Not der Wirklichkeit am eigenen Leibe erfahren mußten. Die Perioden, in denen der Menschheit Pulse rascher schlagen, die Zeiten des Schaffens, sind nie paradiesisch gewesen: gerade dann haben Seelengröße und sterbliche Leidenschaft, Hingabe und Haß, das Schaffen für die Ewigkeit und der Jammer des Herzens enger nebeneinander gewohnt, als sie es im Menschendasein überall und zu allen Zeiten tun. Die großen Athener des 5. Jahrhunderts verlieren nichts, wenn der Nimbus jahrtausendelanger Bewunderung sich auflöst und statt der klassischen Muster Männer erscheinen, die den Kelch des Daseins bis zum letzten Tropfen haben leeren müssen.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1919

Authors and Affiliations

  1. 1.FreiburgDeutschland

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