Zum soziologischen Verständnis von „Zeit“

  • Friederike Benthaus-Apel
Part of the DUV: Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Die soziologische Beschäftigung mit dem Phänomen Zeit ist vielseitig. Untersuchungsbereiche sind u. a. die subjektive Zeitwahrnehmung, die Zeitwahrnehmung im Lebensverlauf, die schichtenspezifische Zeitwahrnehmung, die sozialhistorische Erklärung der Entwicklung von gesellschaftlichen Zeitordnungen, die Analyse aktueller Zeitordnungen und Zeitnormen.1

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. hierzu Pronovost (1989), der einen Überblick über den neueren Forschungsstand zum Thema Zeit gibt und den nun schon etwas älteren Aufsatz von Bergmann (1983), der einen grundlegenden Literaturüberblick zur soziologischen Beschäftigung mit Zeit vorgelegt hat. Eine historische Arbeit zum Wandel von sozialen Zeitstrukturen anhand der Arbeitszeit hat Meurer (1992) vorgelegt. Über neueste Tendenzen und Forschungsergebnisse der soziologischen Beschäftigung mit dem Thema Zeit informieren die regelmäßig von K. Lüscher ( Konstanz) und H. Nowotny (Wien) herausgegeben Newsletter “Zeittheorie-Zeitdiagnose”.Google Scholar
  2. 3.
    Der Kalender ermöglicht dem einzelnen, sein Leben in den Verlauf der Menschheit einzuordnen. Seine Geburt fällt in ein bestimmtes Jahr, in ein bestimmtes Jahrhundert. Dies stellt für das gesellschaftliche Zusammenleben eine ganz andere Orientierungsmöglichkeit dar, als etwa festzustellen, daß man geboren wurde als die Großmutter starb, ein großes Unwetter ausbrach oder ähnliches. Auch im Falle des Zeitmessens mit der Uhr wird deutlich, daß nun nicht mehr die Tätigkeit z. B. ein Tagwerk, der Maßstab für bestimmte Leistungen ist, sondern geradezu umgekehrt, die Arbeit in Stunden, also unabhängig von der spezifischen Tätigkeit gemessen wird. Zum historischen Wandel des Zeitverständnisses vgl. Elias 1988; Zoll 1988; Rindespacher 1985; Schöps 1980.Google Scholar
  3. 2.
    Im Sozialisationsprozeß werden die sozialen Umgangsformen mit Zeit erlernt: Ein wesentliches Erziehungsziel, das in einer zumeist zwangvoll erlebten Anpassung eigener Zeitbedürfnisse an die soziale Umwelt besteht, ist die Erziehung der Kindern zur Pünktlichkeit. Daß eine Zeitnorm “Pünktlichkeit” besteht und gesellschaftlich allgemein akzeptiert wird, ist wiederum Ergebnis des Zivilisationsprozesses in industriellen Gesellschaften, in denen die Uhr zum Symbol für Leistung und entlohnte Arbeitszeit wird. “Die Urformel des protestantischen Kaufmanns, ”Zeit ist Geld“, gilt schließlich für die gesammte Gesellschaft; sie erhält die Form der ”Ökonomie der Zeit. “ (Zoll 1988: 80 )Google Scholar
  4. 3.
    Elias wendet sich vehement gegen “die konventionelle Neigung ”Natur“ und ”Gesellschaft“” (Elias 1988: 10) getrennt zu erforschen. Seine Vorstellung von Soziologie richtet sich darauf, “die Entstehung und Entwicklung menschlicher Gesellschaften als Prozeß innerhalb des größeren nicht menschlichen Universums zu sehen” (Elias 1988: 10). So auch die Analyse des Phänomens Zeit. Schöps (1988) stellt fest, daß Durkheims Auffassung von Zeit - sie sei nur Abbild des sozialen Rhythmus - auch von Geiger kritisiert wurde: “Auch das Naturgeschehen vollziehe sich in einem Rhythmus, von dem der Rhythmus des sozialen Lebens sogar weitgehend abhänge, so daß der Zeitbegriff sehr wohl aus dem Naturrhythmus abstrahiert werden könne. ” (Schöps 1980: 11)Google Scholar
  5. 4.
    Vgl. hierzu auch: Bergmann (1983: 464)Google Scholar
  6. 5.
    Gerade in jüngster Zeit bildet ein Forschungsschwerpunkt der soziologischen Beschäftigung mit Zeit die Analyse des Verhältnisses von Zeit und Biographie (Brose 1989).Google Scholar
  7. 6.
    Vom empirischen Material her bezieht sich meine Untersuchung auf Zeitbudgets. “Die theoretische Basis (der Zeitbudgetforschung F. B-A.) bildet die Annahme, daß sich in der Verwendung der Ressource Zeit (analog dem finanziellen Budget), je nach sozialer Bedeutung der Tätigkeit, die Effekte von Präferenzentscheidungen aber auch struktureller Zwänge niederschlagen.” (Lüdtke 1989a: 836, H. v. m)Google Scholar
  8. 7.
    Bergmann ( 1983: 479) stellt fest, daß in der Soziologie Zeitordnungen, d. h., “die wesentlichen Strukturen und Prozesse, die das soziale Leben zeitlich ordnen” sehr breit untersucht worden sind. Es sind hierfür verschiedenste Begriffe geprägt worden wie Timetables, Time-tracks, Scheduling u.s.w.. (Siehe für den Nachweis von Forschungsliteratur Bergmann a.a.O. )Google Scholar
  9. 8.
    Müller-Wichmann (1984) stellt fest, daß die Realordnung der Zeit nur dann als soziale Kategorie analytisch sinnvollen Gehalt hat, wenn deutlich wird, daß die koordinierende und synchronisierende Funktion, die den Zeitordnungen zukommt, sich nicht im luftleeren Raum entwickelt hat, sondern im historischen Entwicklungsprozeß immer - und so auch heute - den Erfordernissen der Produktion entsprochen hat. “Unsere Zeitordnungen sind nicht von irgendeiner Notwendigkeit zur ”Beherrschung und Koordination differenzierter Daseinsorganisationen“ und zur Synchronisation irgendwelcher ”flüchtiger Begegnungen (Heinemann/Ludes 1979: 22) her zu erschließen, sondern von der Notwendigkeit, Waren und Dienstleistungen zu produzieren und Produktion, Distribution und Konsumtion zu organisieren: in dieser Reihenfolge.“ (Müller-Wichmann 1984: 168)Google Scholar
  10. 9.
    Zerubavel hat 1976 in einem theoretischen Aufsatz die Struktur der Zeitpläne und die zentralen Faktoren bei der Aushandlung dieser Pläne herausgearbeitet. (...). Bei der Aushandlung der Zeitpläne kommt nach Zerubavel dem Moment der Selbstkontrolle/Umweltkontrolle (constraints) soziologisch die größte Bedeutung zu.“ (Bergmann 1983: 4791)Google Scholar
  11. 10.
    Es sei an dieser Stelle nocheinmal ausdrücklich gesagt, daß Zeitordnungen und Zeitnormen gemeinsam die wichtige Funktion der Synchronisation der Einzelhandlungen aufgrund zeitlicher Orientierungspunkte zukommt. Nicht nur Elias (1988) (siehe oben), sondern eine Reihe anderer Autoren, die sich mit dem Problem der Zeit beschäftigt haben, weisen auf die Funktion der Zeit als Synchronisationsinstrument hin. Sorokin/Merton (1937); Heinemann/Ludes (1979); Rinderspacher 1985.Google Scholar
  12. 11.
    So wirkt Unpünktlichkeit bei einem Vorstellungsgespräch sich nachteiliger aus als Unpünktlichkeit beim Arzt oder bei einem privaten Termin.Google Scholar
  13. 12.
    Auch Rinderspacher (1985) sieht in der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Anforderungen in entwickelten Industriegesellschaften einen Bedeutungszuwachs von Zeit begründet:“ Der hohe Grad der Arbeitsteilung in entwickelten Industriegesellschaften, der künftig noch weiter zunehmen dürfte, zieht ebenso wie das Ausmaß des Zwanges zur räumlichen Mobilität wachsende Synchronisationsanforderungen nach sich. Hieraus resultiert eine Vielzahl, durch das betroffenen Individuum nicht mehr kontrollierbarer zeitlicher Anforderungsprofile. (...). Im Gefolge hiervon nimmt faktisch die zeitliche Normierung auch von bis dahin selbstbestimmten Tätigkeiten und Prozessen, wie z. B. der Dauer des Essens, des Schlafens, von Freizeitaktivitäten wie auch etwa der Dauer von Gesprächen, Wartezeiten u.ä.”.(Rinderspacher 1985: 302.) Aber auch Rinderspacher verweist auf die Bedeutung der Produktionssphäre als Quelle des Wandels von Zeitstrukturen.Google Scholar
  14. 13.
    Insbesondere Nauck (1983) hat in seiner kritischen Betrachtung von Freizeitdefinitionen darauf verwiesen, daß Freizeit sinnvollerweise im Rahmen der familiären Zuweisung von Verpflichtungen zu untersuchen sei. Nauck stellt fest, daß “es gute Gründe für die Annahme gibt, daß die individuelle Zeitverwendung (und damit auch die individuell-disponible Zeit; F. B-A.) sehr stark durch die insgesamt in einer Familie zu bewältigenden Aufgaben und die gegenseitigen Anforderungen der Familienmitglieder determiniert ist. In dieser Perspektive ist die frei Zeit des einzelnen Mitglieds das Ergebnis eines Verteilungsprozessen innerhalb der Familie, wobei die Muster, nach denen diese Verteilungsprozesse geregelt werden, gleichzeitig ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von Familien darstellen, (...).” Nauck 1983: 287Google Scholar
  15. 14.
    Es ist darauf verwiesen worden (Müller-Wichmann 1984; Nowotny 1990), daß die Lebenszeit zwar das individuelle Zeitbudget begrenzt, daß jedoch ein ganz wesentlicher Faktor sozialer Ungleichheit darin besteht, daß “Zeit” über Generationen hinweg tradiert werden kann: So steckt z. B. im Erbe eines Hauses die geronnene Zeit der Eltem-Generation. Das bedeutet, daß soziale Ungleicheit zwischen zwei Personen dadurch entstehen kann, daß obwohl beide über die an und für sich gleiche Lebenszeit verfügen, der eine “seine” Zeit für den Bau eines Hauses erst investieren muß, während dem anderen sozusagen Lebenszeit geschenkt wird, indem er ein Haus und damit auch “Lebenszeit” erbt. Auf vergleichbare Prozesse hat vor allem Bourdieu (1979/1984) im Zusammenhang mit der Vererbung von kulturellem und sozialem Kapital hingewiesen.Google Scholar
  16. 15.
    Vergleiche zur Darstellung der historischen Entwicklung zum Verständnis des heutigen ArbeitszeitFreizeit-Verhältnisses und dem Verständnis von Freizeit als Aneignung von Lebenszeit Prahl 1977; Giegler 1982; Zoll 1989.Google Scholar
  17. Übergangsriten. In dieser Polarisierung entstand eine spezifische Ich-Zeit-Perspektive, die zwischen Eigen-und Fremdzeit zu unterscheiden wußte.“ (Nowotny: 1989: 14)Google Scholar
  18. 16.
    Wenn (...) die Zeitkonflikte für die Frauen deutlich mehr spürbar sind, so deshalb, weil sie seit ihrem massiven Eintreten in das Erwerbsleben mit ihren anders strukturierten Zeitbedürfnissen stärker in Widerspruch zu der noch immer herkömmlichen Zeitordnung geraten sind.“ (Nowotny 1990: 112). Vgl. auch Nowotny (1990: 110).Google Scholar
  19. 17.
    Nowotny beschreibt dies folgendermaßen: “Die Zeit des einfachen Arbeiters oder der Sekretärin ist weniger ”wert“, als die des Chefs, und sie ist nicht beliebig austauschbar.” (Nowotny 1990: 109). Vgl. hierzu auch Müller-Wichmann (1984: 85).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Friederike Benthaus-Apel

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