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Interpretatives Handeln im Kontext der Machtausübung

  • Ralf Bohnsack
Chapter
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Part of the Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung book series (BEISOFO, volume 51)

Zusammenfassung

Die folgenden Ausführungen schließen vorrangig an die im ersten Teil dieser Arbeit angestellten Überlegungen zur dokumentarischen Fremdinterpretation an in der Ausprägung, die ich “verdachtsgeleitete Wirklichkeitskon-struktion” genannt habe.

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Literature

  1. 1).
    Der Betroffene muß darlegen, wie gerade seine Persönlichkeitskonstellation sich von derjenigen des Normalbürgers unterscheidet, für den eine Verweigerung vermeidbar ist.Google Scholar
  2. 1).
    vgl. dazu auch Luhmann 1975, S. 20.Google Scholar
  3. 1).
    “Daraus folgt unter anderem, daß hochkomplexe Gesellschaften, die weit mehr Macht benötigen als einfachere Gesellschaften, die Proportion von Machtausübung und Sanktionsanwendung ändern und mit einem verschwindend geringen Anteil an faktischer Realisierung von Vermeidungsalternativen auskommen müssen” (Luhmann 1975, S. 23).Google Scholar
  4. 1).
    Zur Unterscheidung von “Erleben” und “Handeln” siehe Luhmann 1978; vgl. in dieser Arbeit auch 2.3.2.Google Scholar
  5. 1).
    Wie Schütz (1974, S. 128) deutlich macht, “ist auch die Heraushebung vorvergangener Erlebnisse, als echte, also für die Konstituierung des Entwurfs relevante Weil-Motive von dem Lichtkegel abhängig, den das Ich von einem nach dem konstituierten Entwurf liegenden und gerade dadurch zum So gewordenen Jetzt aus vermöge seiner besonderen attentionalen Einstellung auf seine dem Entwurf vorangegangenen Erlebnisse fallen läßt”. Gilt dies bereits für die Selbstinterpretation, für die “Konstitution des sinnhaften Erlebnisses in der je eigenen Dauer”, so gilt dies erst recht für das verfahrensspezifisch verzerrte “Fremdverstehen”. Für Schütz gibt es neben dem Weil-Motiv und Um-zu-Motiv als Gegenstand von Deutungen immer auch das Um-zu-Motiv, durch welches die Problemstellung der Deutung selbst sich konstituiert, als Um-zu-Motiv des Deutens und das Weil-Motiv, welches die Konstitution der Problemstellung , die Konstitution des Um-zu-Motivs des Deutens bewirkt, determiniert.Google Scholar
  6. 1).
    Zu einer in diese Richtung zielenden Kritik an der Anomietheorie s. auch Bohnsack 1973, S. 85–90Google Scholar
  7. 1).
    “In der sozialen Einschätzung dessen, was Wirklichkeit darstellt, erscheint die frühere Identität als Zufall; die neue Identität ist die ‘Basiswirklichkeit’. Was jemand jetzt ist, ‘nach allem, was geschehen ist’, ist er immer schon gewesen” (Garfinkel 1976, S. 34).Google Scholar
  8. 1).
    Hierauf hat bereits Mead (1980, S. 270) hingewiesen: “Allem Anschein nach würde ohne den Verbrecher der Zusammenhalt der Gesellschaft verschwinden, und die universalen Güter der Gemeinschaft würden in einander gegenseitig abstoßende individuelle Partikel zerfallen. Der Verbrecher bringt die Struktur der Gesellschaft durch sein zerstörerisches Handeln nicht ernsthaft in Gefahr. Er ist dagegen für ein Gefühl von Solidarität verantwortlich, das unter jenen entsteht, deren Aufmerksamkeit sonst auf Interessen gerichtet wäre, die von denen der anderen stark abweichen. Daher können die Gerichtshöfe der Straf-Justiz für die Aufrechterhaltung der Gesellschaft selbst dann wesentlich sein, wenn wir die Machtlosigkeit des Verbrechers der Gesellschaft gegenüber sowie die Schwerfälligkeit und das Versagen des Strafrechts bei der Unterdrückung und Abschaffung des Verbrechens in Rechnung stellen” . — Mead betont die Gültigkeit dieser seiner These gerade “in ihrer Analyse der Wirksamkeit von Verfahren gegen Verbrecher”. Mead verlagert das Schwergewicht seiner Betrachtung eher auf einen Aspekt der Herstellung von Gruppensolidarität: denjenigen, der aufgrund gemeinsamer Aktivität, Aggression gegen den Abweichler entsteht (“Der Ruf ‘Haltet den Dieb!’ vereinigt uns alle als Eigentumsbesitzer gegen den Räuber”; 1980, S. 271). Der andere Aspekt, derjenige der Konstruktion eines moralischen Gegenhorizonts ist zwar mit angesprochen, wird jedoch nicht so deutlich.Google Scholar
  9. 1).
    Zur interaktiven Produktion des “Phantoms Normalität” vgl. auch: 1.2.1.2. u. 1.2.2.2.Google Scholar
  10. 1).
    “Das psychiatrische Asyl, die Strafanstalt, das Besserungshaus, das Erziehungsheim und zum Teil auch die Spitäler — alle diese der Kontrolle des Individuums dienenden Instanzen funktionieren gleichermaßen als Zweiteilung und Stigmatisierung (wahnsinnig-nichtwahnsinnig, gefährlichharmlos, normal-anormal) sowie als zwanghafte Einstufung und disziplinierende Aufteilung” (Foucault 1977, S. 256).Google Scholar
  11. 1).
    Diskurse im Sinne von Foucault sind nicht mit Diskursen im Habermasschen Sinne zu verwechseln. Diskurse im Sinne von Foucault entsprechen eher der Art der metakommunikativen Verständigung, wie ich sie im ersten Teil dieser Arbeit eingeführt und als “Formulierungen” bezeichnet habe. In den Formulierungen, wie Foucault sie als Diskurse bezeichnet, werden allerdings immer schon solche generalisierte Handlungsentwürfe expliziert, wie sie codespezifisch (durch manifeste oder latente Codes) vorgeprägt sind.Google Scholar
  12. 1).
    “Those undergoing psychoanalysis, for example, are directly involved in transforming ‘acting out’ (practical action) into ‘insights’ (theoretic action)” (McHugh 1970, S. 74) .Google Scholar
  13. 2).
    “Das Opfer von Therapeutik verliert die Kontrolle über das, was ihm zugerechnet wird. In Situationen dieses Typs und in allen ‘people processing organizations’ kehrt der ursprüngliche Folgerungswert des Erlebens und Handelns sich geradezu um: Handeln wird als Symptom genommen, aber nicht vergolten, und über Ausdruck seines Erlebens legt der Beobachtete sich fest” (Luhmann 1978, S. 248 f.).Google Scholar
  14. 1).
    Kaiser (1973, S. 181) spricht in bezug auf die Jugendgerichtshilfe von der “Doppelfunktion, einmal als Sozialfürsorge, zum anderen als Ermittlungshelfer tätig zu werden”. — Jordan/Sengling (1977) erfassen dies als die “ambivalente Rolle des Jugendgerichtshelfers — er ist weder Instanz der Strafverfolgung noch Verteidiger des Klienten” (S. 186).Google Scholar
  15. 2).
    Die Aufgabenstellung der Jugendgerichtshilfe lautet (nach einem Auszug aus § 38 Abs. 2 JGG): “Die Vertreter der Jugendgerichtshilfe bringen die erzieherischen sozialen und fürsorgerischen Gesichtspunkte im Verfahren vor den Jugendgerichten zur Geltung. Sie unterstützten zu diesem Zweck die beteiligten Behörden durch Erforschung der Persönlichkeit, der Entwicklung und der Umwelt des Beschuldigten und äußern sich zu den Maßnahmen, die zu ergreifen sind”.Google Scholar
  16. 1).
    zumeist trifft ja beides zusammen: der Angeklagte eröffnet von den “strukturellen Daten” seines Lebenszusammenhangs her (als “Mittelschichtangehöriger”) dem Richter Identifikationsmöglichkeiten und findet dann — als diesem Lebenszusammenhang zugehörig — auch eher den “richtigen Ton”.Google Scholar
  17. 1).
    “The initiate lives in an atmosphere charged with religiousness and it is as though he were impregnated with it himself” (Durkheim 1968, S. 319).Google Scholar
  18. 1).
    “So the contagion is not a sort of secondary process by which sacredness is propagated, after it has once been acquired; it is the very process by which it is acquired. It is by contagion that it establishes its self” (Durk-heim 1968, S. 324).Google Scholar
  19. 1).
    Douglas (1970, S. 14) schreibt dazu: “This is especially apparent in the realm of legal and judical decision making in which power and mystification are combined in complex ways to provide a general sense of justice in spite of the fact that some of the participants inevitably feel a sense of injustice. God, tradition, reason, democracy, nationalism, and symbols of power and justice of many kinds (black robes, showing deference to the judges, scales, gavels, flags, and the rest) are interposed to bridge the inevitable gab”.Google Scholar
  20. 1).
    “ ...daß wir in jedem Diskurs genötigt sind, eine ideale Sprechsituation zu unterstellen, d.h. kontrafaktisch in derselben Weise zu antizipieren wie die Zurechnungsfähigkeit der handelnden Subjekte in Zusammenhängen der Interaktion” (Habermas 1972, S. 122).Google Scholar
  21. 1).
    “Den Richtern scheint die Freiheit der Aussage als Bedingung der Glaubwürdigkeit, also der Wahrheitsfindung unerläßlich zu sein, was sie indes nicht hindert, auch die Aussageverweigerung als Selbstdarstellung zu werten” (Luhmann 1968, S. 97).Google Scholar
  22. 1).
    “In Abwandlung von aller Tradition gilt uns die Unterscheidung von Erleben und Handeln als bloßer Schematismus/ der angewandt oder nicht angewandt wird — und nicht als Eigenschaft des Verhalten” (Luhmann 1978, S. 238).Google Scholar
  23. 2).
    “Mit der Zurechnung als Handeln konstituiert der Zurechnende für sich selbst und für andere die Freiheit, anders zu handeln. Mit der Zurechnung als Erleben setzt der Zurechnende sich und andere unter die Erwartung, gleich zu erleben” (Luhmann 1978, S. 245).Google Scholar
  24. 1).
    Zur “Mitdarstellung der Herstellung der Darstellung” s. auch Luhmann 1968, S. 67.Google Scholar
  25. 1).
    Es handelt sich bei dieser Kommunikationsform der kontrollierten oder erzwungenen Autonomie offensichtlich um eine Grundstruktur aller Besserungs-, Resozia-lisierungs- oder Therapie-Institutionen als totaler Institutionen. — Jedenfalls gehen Watzlawick et al. (1974, S. 91) davon aus, daß diese paradoxe Handlungsanforderungen in modernen Besserungsinstitutionen ihren Ausdruck findet: “Ob es sich dabei um ein Zuchthaus oder nur ein Heim der Jugendbehörde handelt, die Paradoxie ist dennoch dieselbe: Die Beurteilung, ob und wie erfolgreich der betreffende Insasse durch seinen Aufenthalt in diesen Institutionen reformiert wurde, also sich gebessert hat, beruht darauf, ob und wie er sich nun in Wort und Tat ‘richtig’ verhält, weil er sich gebessert hat und nicht vielleicht, weil er bloß die geforderte Ausdrucksweise und das geforderte Verhalten gelernt hat”.Google Scholar
  26. 1).
    Eine Paginierung findet sich im Original (Langhans/ Teufel 1968) nicht; sie stammt von mir und beginnt dort mit der Seite 1, wo im Text mit dem Abdruck der ersten Seite der Anklageschrift begonnen wird.Google Scholar
  27. 1).
    “In der Disziplin sind es die Untertanen, die gesehen werden müssen, die im Scheinwerferlicht stehen, damit der Zugriff der Macht gesichert bleibt. Es ist gerade das ununterbrochene Gesehenwerden, das ständige Gesehenwerdenkönnen, ... was das Disziplinarindividuum in seiner Unterwerfung festhält” (Foucault 1977, S. 241).Google Scholar
  28. 1).
    Der Unterschied zwischen totalen Interaktionssystemen — also den Verfahren — und totalen Institutionen läßt sich darin sehen, daß die vollständige Bindung des Betroffenen und seine vollständige Sichtbarkeit nicht zeitlich befristet sind, vielmehr alle Lebensbereiche umfaßt und darin, daß die “Mauern”, die den Betroffenen halten, nicht nur solche der Interaktionssteuerung, sondern auch materieller Art sind (vgl. dazu Goffman 1972, S. 17),Google Scholar
  29. 1).
    Foucault bezieht sich hier auf das “Unzukömmliche”, das durch die totale Insitution Gefängnis produziert wird: die Delinquenz als Milieu, welches — wie an anderer Stelle (1977, S. 329 ff.) deutlicher wird — unter anderem und wohl vor allem als abschreckender Gegenhorizont der Moralkonstitution fungiert, somit strategisch ausgewertet werden kann: “Es ist als ob man die Wirkung des abschreckenden Beispiels nicht mehr im Feuerwerk der Martern und auch nicht mehr in der Strenge der Bestrafungen, sondern in der sichtbaren und markierten Existenz der Delinquenz selber sähe” (Foucault 1977, S. 358).Google Scholar
  30. 1).
    “Schiller aus den unteren sozialen Schichten werden in signifikant höherem Maße als relativ leistungsschwach, unbeliebt und delinquent typisiert. Diese Zusammenhänge ... erreichen dann ganz besondere Intensität, wenn nicht Schichtindikatoren, die von ‘objektiven’ Merkmalen oder Kriterien ... ausgehen, sondern die subjektiven Einschätzungen der sozialen Herkunft durch die Lehrer zugrundegelegt werden” (Brusten/Hurrelmann 1973, S. 61).Google Scholar
  31. 1).
    “Wir haben die Gewohnheit zu sagen, daß gewisse extern begründete Attribute in der wechselseitigen Tätigkeit einer konzentrierten Versammlung ‘ausgedrückt’ werden” (Goffman 1973, S. 35).Google Scholar
  32. 1).
    vgl. Langhans/Teufel 1968, S. 51Google Scholar
  33. 1).
    Die Macht ist “sichtbar, indem der Häftling ständig die hohe Silhouette des Turms vor Augen hat, von dem aus er bespäht wird; uneinsehbar, sofern der Häftling niemals wissen darf, ob er gerade überwacht wird; aber er muß sicher sein, daß er jederzeit überwacht werden kann” (Foucault 1977, S. 258 f.) .Google Scholar
  34. 1).
    Es wird mir nicht recht klar, warum Kallmeyer und Schütze hier den Begriff des “Zwangs” verwenden und hier und an anderer Stelle entsprechend von “Detaillie-rungs-”, “Gestaltschließungs-” und “Kondensierungs-zwang” sprechen. Ohne diese vom Erzähler mehr oder weniger intuitiv vollzogenen Entwürfe wäre es nicht möglich, eine Darstellung intersubjektiv verständlich zu präsentieren. Insofern handelt es sich um Bedingungen der Möglichkeit intersubjektiver Verständigung. — Zum “Zwang” werden sie erst dort, wo der Erzähler an ihrer Realisierung gehindert wird, zugleich aber die Erwartung ihrer Realisierung aufrechterhalten wird. Oder dort, wo die Konsistenzverpflichtung gegenüber den alltäglichen Normalanforderungen derart erhöht wird, daß es dem Erzähler unmöglich wird, sich metakommunikativ von der Darstellung zu lösen, zu distanzieren, indem er etwa daraufhinweist, daß er “hier nicht weiter erzählen möchte”, “das nicht näher ausführen möchte” oder in ähnlicher Weise seine unvollkommene Gestaltung, Realisierung von Kommunikationsschemata erklärt, sich dafür entschuldigt. Eine derartige mit erhöhten Konsistenzanforderungen verbundene Beschränkung der Metakommunikation ist ein Kennzeichen von Verfahren. — Kallmeyer und Schütze verwenden den Begriff des “Zugzwangs” jedoch auch mit Bezug auf alltägliche Kommunikation.Google Scholar
  35. 1).
    “Gegenüber den Normalanforderungen im täglichen Leben wird diese Pflicht zur Konsistenz der Darstellung im Gerichtsverfahren noch erheblich verschärft” (Luh-mann 1968, S. 92).Google Scholar
  36. 1).
    “Dieser Zwang braucht nichts Exorbitantes an sich zu haben. Als Zwangsmomente genügen durchaus bereits die Sachnotwendigkeiten des Verfahrensablaufs: etwa daß der Vorsitzende das Recht hat, die Beweisaufnahme abzuschließen, und damit das Ausmaß bestimmt, in dem die präformierten Aktentexte als Steuerungsfolie für die Orientierungsund Interpretationsprozesse der Entscheidungsträger den Entscheidungsprozeß bestimmen werden” (Schütze 1978, S. 45) .Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1983

Authors and Affiliations

  • Ralf Bohnsack

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