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Struktur und Wandel der Familie

  • Thomas Meyer

Zusammenfassung

Ein Definitionsversuch des Begriffs Familie steht vor der Schwierigkeit, die große historische und kulturelle Vielfältigkeit der Familienformen berücksichtigen zu müssen. Im weitesten Sinn ist die Familie eine nach Geschlecht und Generationen differenzierte Kleingruppe besonderer Art, welche ein spezifisches Kooperations- und wechselseitiges Solidaritätsverhältnis normiert, dessen Begründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird. An vorderster Stelle wird der Familie die biologische und soziale Reproduktionsfunktion zugewiesen (vgl. Nave-Herz 1989, 193). Im Rahmen der institutionellen Vorgaben kommen der Familie in der Regel also die Zeugung und Pflege des Nachwuchses, sowie dessen primäre Sozialisation, die grundlegende Einführung in die Sprache, Normen und Werte der Gesellschaft als Aufgaben zu. In einheitlicher, systemübergreifender Sichtweise gilt der Typus der Kern- bzw. Kleinfamilie als die in der modernen Industriegesellschaft — und somit auch in der Bundesrepublik und der DDR — vorherrschende und ihr adäquate Organisationsform (vgl. etwa Parsons 1955; Neidhardt 1975; Gysi 1988). Diese wird gebildet aus der auf der Ehe gründenden und auf zwei Generationen beschränkten Gefühlsgemeinschaft der Eltern mit ihren Kindern; allerdings entspricht eine primär auf die sogenannte „Normalfamilie“ gerichtete Sichtweise nicht mehr der gegenwärtigen Situation. Denn seit geraumer Zeit signalisiert das demographische Geschehen — ein zentraler Indikator familialer Veränderungen — unzweideutig, daß der Stellenwert und die Strukturen von Ehe und Familie in Wandlung begriffen sind. Eine an Wandlungsprozessen orientierte Sichtweise hat sich deshalb den Veränderungen der Familie sowie den zumeist als Pluralisierung der Familie begriffenen, „neuen“ privaten Lebensformen verstärkt zuzuwenden (vgl. Meyer 1992).

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Anmerkungen

  1. 1.
    So kann es nicht überraschen, daß die als Ost-West-Vergleich angelegte Untersuchung STUDENT` 90 bei den DDR-Studenten einen signifikant höheren Stellenwert der Familienorientierung in den Wertpräferenzen feststellt: Während 76% der DDR-Studenten einer Familie mit Kindern einen wichtigen bzw. sehr wichtigen Stellenwert einräumten, waren dies nur 55% auf westlicher Seite (Brämer/Heublein 1990, 16 u. 9).Google Scholar
  2. 2.
    Die Erstheiratsziffer besagt, daß unter den Bedingungen des Beobachtungsjahres von 100 Ledigen so und so viel Prozent heiraten würden. Die eigentlich unlogischen Periodenwerte über 100, welche eine hohe Heiratsintensität anzeigen, gehen auf kriegsbedingte Nachholeffekte des Heiratsverhaltens in der Nachkriegszeit zurück.Google Scholar
  3. 3.
    Aufschlußreich ist der Befund der gleichen Untersuchung, daß bei dem Vorhandensein von Kindern in NELG die Zustimmung auf 29% absinkt.Google Scholar
  4. 4.
    Nave-Herz (1988) spricht demgemäß zu Recht von der primär „kindorientierten Ehegründung“ und hebt hervor, daß in der Regel ein erwartetes bzw. der Wunsch nach einem Kind zur endgültigen Heirat führt. So waren 1989 nur bei 5,5% aller Eheschließungen bereits gemeinsame Kinder vorhanden. Anders in der DDR: dort hatten 26,9 % der Eheschließenden schon vor der Heirat Kinder (Sommer 1991, 30, Tab. 5).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Neubauer 1988, 8 u. 26; Gutschmidt 1985, 148, Tab. 5; Napp-Peters 1985, 9; Frick u. a. 1990, 558.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Thomas Meyer

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