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Klassen und Schichten im Schmelztiegel? Kontroversen um Begriffe, Theorien und Modelle

  • Rainer Geißler

Zusammenfassung

Die Soziologie hat zur Analyse wichtiger Bereiche der sozialen Ungleichheit in modernen Gesellschaften zwei zentrale Konzepte entwickelt: den älteren Begriff der Klasse und den jüngeren Begriff der Schicht. Karl Marx erhob das Klassenkonzept bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu einer soziologischen Grundkategorie; Schicht dagegen wurde erst in der Auseinandersetzung mit Marx von Theodor Geiger (1891–1952) in den dreißiger Jahren zum soziologischen Grundbegriff präzisiert (insbes. Geiger 1955; vgl. Geißler 1985). Die komplexe und sich wandelnde Struktur der sozialen Ungleichheit hat dazu geführt, daß eine Vielzahl von unterschiedlichen Verwendungen dieser Begriffe existiert, die nicht nur den Laien und Studenten, sondern auch den Experten verwirrt. Als gemeinsamer Kern aller Klassenbegriffe und auch vieler Schichtbegriffe — sofern diese etwas anspruchsvoller und komplexer definiert sind — lassen sich drei Vorstellungen festhalten:
  1. 1.

    Die Vorstellung der Klassen- bzw. Soziallagen: eine Bevölkerung läßt sich in verschiedene Gruppen untergliedern, die sich in jeweils ähnlichen Klassenlagen bzw. Soziallagen befinden. Klassen- und Soziallagen können insbesondere durch eines oder mehrere der folgenden Bestimmungsmerkmale — Geiger (1955, 191) nennt sie „Schichtdeterminanten“ — identifiziert werden: durch die Stellung zu den Produktionsmitteln, durch ähnliche Besitz- oder Einkommensverhältnisse, durch ähnliche Berufe oder ähnliche Qualifikationen.

     
  2. 2.

    Durch die Vorstellung von klassen- bzw. schichttypischen Prägungen und Subkulturen: Menschen in ähnlichen Klassen- und Soziallagen leben unter ähnlichen Bedingungen und machen daher ähnliche Erfahrungen. Die Klassen- bzw. Soziallage beeinflußt deshalb ihr Denken, ihre Vorstellungswelt, ihre Mentalitäten, Werte, Interessen, Ideologien und Verhaltensweisen; es entsteht so etwas wie „Klassenbewußtsein“ (Karl Marx), Schichtmentalität“ (Theodor Geiger), schichtspezifische Einstellungsund Verhaltensmuster, klassen- bzw. schichtspezifische Subkulturen. Der Zusammenhang von Klassen- und Soziallagen mit den Subkulturen wird in der Regel nicht vulgärmarxistisch-deterministisch gedeutet nach der Formel „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“; den Lagen entsprechen vielmehr „typische“ (Geiger 1932, 5) Subkulturen nach dem Muster der Wahrscheinlichkeit, d.h. nicht alle Menschen mit der Soziallage X entwikkeln auch eine x-typische Mentalität, aber unter ihnen ist die x-typische Mentalität wahrscheinlicher bzw. häufiger als eine andere Mentalität.

     
  3. 3.

    Aus den Klassen- und Soziallagen mit ihren Ressourcen und Prägungen resultieren klassen- bzw. schichttypische Lebenschancen (vgl. Geißler 1987, 3f.). Für den Zusammenhang von Klassen- bzw. Soziallagen und Lebenschancen gilt dasselbe wie unter Punkt 2: er ist nicht deterministisch, sondern typisch.

     

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Tjaden-Steinhauer/Tjaden 1973; IMSF 1972–1974; Projekt Klassenanalyse 1973–1974; Leisewitz 1977; Herkommer 1983; Krysmanski 1989.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. z. B. die völlig überarb. Neuauflage des Buches von Bolte/Kappe/Neidhardt 1975 im Vergleich zur Erstfassung von 1967.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Beck 1983, 1986; Berger 1986, 1987; Hradil 1983, 1985, 1987, 1990; Kreckel 1983a, 1987.Google Scholar
  4. 4.
    Hradil 1983, 101; Hradil 1987, 51–55, 165f.; Bolte 1990, 42f.; vgl. auch Lüdtke 1989, 40.Google Scholar
  5. 5.
    In folgenden Studien werden z. B. implizit oder explizit empirische oder theoretische Einwände gegen die Entschichtungsthese vorgetragen: Erbslöh u. a. 1990,; Franz u. a. 1986; Geißler 1987, 1987a, 1990a; Haller 1986; Holtmann 1990; Kappelhoff/Teckenberg 1987; Mayer 1989; Mayer/Blossfeld 1990; W. Müller 1986; Noll/Habich 1990; Rothenbacher 1989; Strasser 1987; Thien/Wienhold 1986.Google Scholar
  6. 6.
    Einzelheiten des methodischen Vorgehens wurden bisher nicht veröffentlicht.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. dazu auch die begrifflichen und theoretischen Überlegungen bei Hradil 1987, 139ff. und 1989.Google Scholar
  8. 8.
    Der sprachlichen Einfachheit halber verwende ich den Schichtbegriff im Sinne Geigers (1932,5) als allgemeinen Oberbegriff. Klassen sind danach eine historische Sonderform der Schichtung; Schichtmodell meint also auch stets Klassenmodell.Google Scholar
  9. 9.
    Die Prozentwerte wurden nach der Tabelle 1 bei Noll/Habich 1989 berechnet. Die von Noll/Habich verwendete Klassengliederung wurde z. T. mit anderen Bezeichnungen versehen und in drei Punkten inhaltlich verändert. 1. „Nicht-manuell Ausführende“ und „Persönliche Dienste” wurden zur „Ausführenden Dienstleistungsschicht“ zusammengefaßt. 2. „Untere” und „Obere Dienstklasse“ (ohne Freie Berufe und große Selbständige) wurden zu „Dienstleistungsmittelschichten” zusammengefaßt. 3. Freie Berufe und Selbständige ab 10 Beschäftigte wurden aus der „Oberen Dienstklasse“ herausgenommen und dem „alten bürgerlichen Mittelstand” zugerechnet. Dabei wurde angenommen, daß diese beiden Gruppen zusammen knapp 2% der erwachsenen Bevölkerung ausmachen. — Der Indikator „Status des Haushaltsvorstands“ wird häufig kritisiert, er mißt jedoch die Unterschiede in der sozioökonomischen Lagé der Familien nachweislich besser als andere Indikatoren (vgl. Noll/Habich 1990, 163f.)Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Rainer Geißler
    • 1
  1. 1.SiegenDeutschland

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