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Die Dogmatische Person und die Rezeption von Drei Erzählungen

  • Dick H. Schram

Zusammenfassung

Eine dogmatisch eingestellte Person schirmt sich gegen unwillkommene Information ab oder sie weist diese Information zurück, wenn sie damit konfrontiert wird. Sie handelt so aus Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Wie wir in Kapitel 2 gesehen haben, sind Literaturwissenschaftler der Ansicht, daß Literatur die Möglichkeit bietet, ohne Angst das Neue und Unbekannte zu erkunden und zu erfahren. Wir werden versuchen, diese in der Psychologie und Literaturwissenschaft vertretene Auffassung zu konkretisieren, indem wir in diesem Kapitel der Frage nachgehen, ob und inwieweit sich mehr dogmatisch eingestellte Personen in ihrer Reaktion auf Erzählungen mit kontroversem Inhalt, und zwar dem homosexuellen und pädophilen Verhältnis, von weniger dogmatisch eingestellten Personen unterscheiden. Auch wird, mehr im allgemeinen, untersucht werden, ob sich zwischen beiden Gruppen Unterschiede im Leseverhalten feststellen lassen.

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Anmerkungen zu Kapitel 4

  1. 1.
    Einige Ansätze zur Erforschung von Rigidität (Rubenowitz 1963, Kapitel 1) und das Werk von Vorläufern von Adorno et al. (wie Fromm; Adorno et al. 1950, S. 231 Anm.) lassen wir außer Betracht.Google Scholar
  2. 2.
    Die meisten für uns relevanten Studien stammen aus den sechziger und siebziger Jahren. Siehe für eine ausführliche und kritische Übersicht Hagendoorn 1969.Google Scholar
  3. 3.
    Cf. z.B. den ’rigid low scorer’, S. 481 und S. 771 – 773.Google Scholar
  4. 4.
    Siehe für den Platz, den Autoritarismus in der Aggressionsforschung einnimmt, Weiner 1980, S. 40–43.Google Scholar
  5. 5.
    Der Begriff der Isolation weist große Übereinstimmung mit dem der ’Systemtrennung’ von Van Parreren (1975) auf. Dies deutet darauf hin, daß Rokeachs Ansichten mit Hilfe der kognitiven Lerntheorie ausgearbeitet und überprüft werden können.Google Scholar
  6. 6.
    “Ein nomologisches Netzwerk um Dogmatismus kann zu unserem Wissen über das Funktionieren der Persönlichkeit beitragen und kann Begriffe miteinander verbinden wie: Autoritarismus, Konservatismus, Unsicherheitstoleranz, Links — rechts — Affiliation in der Politik, usw.” (Übers.) (Defares & Van Praag 1969, S. 251). Trotz der Tatsache, daß es Rokeach gelungen zu sein scheint, einen allgemeinen Autoritarismus zu messen (Vacchiano, Strauß & Hochman 1969, S. 261; Kirscht & Dillehay 1967, S. 11–12; weniger positiv ist Hanson 1973), gibt es eine sehr starke Korrelation zwischen diesem Merkmal und Dogmatismus (Lange 1971, S. 87). Das Konzept der Ambiguitätstoleranz stammt von Frenkel — Brunswik (1949); sie bezeichnet das Konzept als eine Basisvariable des kognitiven und emotionalen Funktionierens des Individuums. In Adorno et al., 1950, beschreibt sie es als einen Bestandteil des Autoritarismussyndroms (S. 461–467). MacDonald (1970) faßt das Merkmal als eine allgemeine Tendenz auf, ambigues Material als bedrohend zu erfahren, und übernimmt von Budner die Umschreibung von ’ambigu’: “An ambiguous situation may be defined as one which cannot be adequately structured or categorized by the individual because of lack of sufficient cues”. Diese Ambiguität läßt sich näher definieren als Neuheit, Komplexität, Widersprüchlichkeit, eine Bestimmung, die stark der Definition der kollativen Variable von Berlyne ähnelt (MacDonald 1970, S. 791; Budner 1962, S. 30). Der Zusammenhang zwischen hohen Meßwerten auf der E- und F-Skala einerseits und im Ambiguitätsintoleranztest bei visuellen Perzeptionsaufgaben andererseits ist von Taft (1956) und Zacker (1973) festgestellt worden (siehe weiter Kirscht & Dillehay 1967, S. 42–46). Signifikante Beziehungen zwischen Dogmatismus und Ambiguitätsintoleranz werden von MacDonald (1970) und Chabassol & Thomas (1975) konstatiert. Positive Beziehungen zwischen einem Dogmatismuswert und der Weise, wie eine visuelle Perzeptionsaufgabe ausgeführt wird, findet man bei Houston (1970) und Sanders (1977). Aus der Studie von Feather geht hervor, daß die niedrigen oder hohen Werte auf der D-Skala und im Ambiguitätsintoleranztest für die Informationsverarbeitung nahezu denselben Effekt haben (Feather 1969). Im allgemeinen gilt also, daß beide Dimensionen individuelle Unterschiede messen in der Fähigkeit, kognitive und/oder perzeptuelle Ambiguitäten zu tolerieren (siehe auch Eisenman 1968; Shaffer & Hendrick 1974). Auf dem Gebiet der Kunstrezeption sind beide Merkmale benutzt worden, um Reaktionen auf vor allem formale Aspekte von Kunstwerken zu untersuchen (Heuermann, Hühn & Röttger 1982; Pyron 1966; Rittelmeyer 1969; siehe Abschn. 4.2.2.). Der aus den Theorien Rogers’ abgeleitete Begriff der ’openness to experience’ scheint in diesem Zusammenhang nicht direkt von Bedeutung zu sein, obwohl er in gewisser Hinsicht mit dem Dogmatismuskonzept verbunden ist (Pearson 1972; Tittler 1974). Über die Beziehung zwischen Dogmatismus, Autoritarismus und Rigidität ist ausführlich geschrieben worden (Rokeach, McGovney & Denny 1960; Rubenowitz 1963; Tellegen 1968). Lange (1971, S. 88) beschreibt die Beziehung wie folgt: “Der. Unterschied zwischen Rigidität und Dogmatismus muß in der Tatsache gesucht werden, daß sich Rigidität auf das Festhalten an spezifischem Verhalten bezieht, während Dogmatismus mehr auf ein geschlossenes Denksystem hinweist. Die Übereinstimmung besteht darin, daß in beiden Fällen die Struktur der Außenwelt simplifiziert wird.” (Übers.) Kirscht & Dillehay (1967, S. 46) beschließen ihre Übersicht mit der Bemerkung: “Cognitive rigidity and haste in resolving conceptual ambiguities seem to be characteristic of authoritarian persons. Before becoming apparent, such modes of functioning, however, may require novel material, situations involving real concern, and the absence of structural constraint.”Google Scholar
  7. 7.
    Die genauen Ergebnisse in bezug auf die Bevorzugung einer bestimmten Information sind: HD: novel — consistent, familiar — consistent, novel — inconsistent, familiar — consistent, familiar- inconsistent. Cf. auch Feather (1973). Die hier genannten Studien sind illustrativ für eine Forschungsrichtung, der viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Eine interessante Untersuchung ist die von Hammer, Vogt & Wehmeier (1977), in der Voreingenommenheit (überarbeitete F-Skala) in Beziehung gesetzt wird zur selektiven Konfrontation mit einem satirischen Fernsehprogramm, seiner Wahrnehmung und Erinnerung.Google Scholar
  8. 8.
    Den Psychological Abstracts (53: 9332, S. 1157) entnehmen wir die Schlußfolgerung von A.P. MacDonald (1974): “Results indicate that Ss who held more negative attitudes toward homosexuals were more (a) likely to support a double standard between the sexes, (b) cognitively rigid, (c) intolerant of ambiguity, and (d) authoritarian.”Google Scholar
  9. 9.
    “Man kann die Behauptung aufstellen, daß sowohl der autoritären als auch der dogmatischen Persönlichkeit eine Intoleranz für Unsicherheiten zugrundeliegt. Die Welt wird auf eine einfache Struktur zurückgeführt, die wenig Unsicherheiten übrigläßt. So betrachtet, liegt es auf der Hand, eine Korrelation zwischen den Variablen Autoritarismus und Dogmatismus anzunehmen. Man kann sogar weiter gehen und sie als zwei Komponenten der innerlich unsicheren, die Welt simplifizierenden Persönlichkeit betrachten.” (Übers.) (Lange 1971, S. 87)Google Scholar
  10. 10.
    Wir haben im Fragebogen (Frage 42) nach dem Beruf der Eltern gefragt, um die Hypothese zu überprüfen, daß Schüler, die aus einem niedrigeren sozialökonomischen Milieu stammen, eine stärkere dogmatische Einstellung besitzen. Man zeigte jedoch wenig Bereitschaft, diese Frage zu beantworten. Es haben 54 Schüler nicht oder mit einer Nonsensantwort reagiert (40,6%), während 79 Schüler (59,4%) eine Antwort gegeben haben, deren Richtigkeit u.E. manchmal fragwürdig ist. Wir lassen daher diesen Aspekt der Untersuchung beiseite.Google Scholar
  11. 11.
    An den Ergebnissen dieser Studie wird jedoch methodologische Kritik geübt (Klemenz-Belgardt 1982, S. 213–214).Google Scholar
  12. 12.
    Siehe für eine ausführliche Darstellung Groeben 1977, S. 216–218; Baurmann 1981, S. 206–207.Google Scholar
  13. 13.
    Roghmann (1970) liefert methodologische Kritik; er meint übrigens, daß eine stringentere Arbeitsweise zu positiveren Ergebnissen führen würde.Google Scholar
  14. 14.
    Studien, in denen nur mit Musik als Stimulusmaterial gearbeitet wird, bleiben hier außer Betracht.Google Scholar
  15. 15.
    Die Konstatierung dieser Art Korrelationen veranlaßt Newman (1980) dazu, die ästhetische Erfahrung, zu der er das zeitweise Übernehmen verschiedener Perspektiven, Offenheit für das Neue, Empathie und ähnliche Prozesse rechnet, als Mittel bei der Entwicklung der moralischen Einstellung anzusehen. Dabei übersieht er, daß sich diese Studien vornehmlich auf die Bewertung formaler Merkmale von Kunst richten. Auch ist zu berücksichtigen, daß es möglicherweise nicht die ästhetische Sensibilität ist, die die moralische Entwicklung bestimmt, sondern daß vielmehr Variablen wie Ausbildung und Milieu sowohl die ästhetische Sensibilität als auch die moralische Entwicklung bestimmen.Google Scholar
  16. 16.
    Rokeach (1960) benutzt den Test, um bei Vpn, die auf der D-Skala verschiedene Werte erzielen, Veränderungen in den Meßwerten festzustellen. Hintzenberg, Schmidt & Zobel (1980) verwenden den Test in einer Untersuchung, in der sie sich mit dem Literaturbegriff befassen. Siehe für eine Beschreibung der Typen Mellenbergh & Thio (1966), Wolff-Albers & Mellenbergh (1970) und Brandsma (1977).Google Scholar
  17. 17.
    Siehe für einen allgemeinen Rahmen Wiegman, De Roon & Snijders 1981, insbes. Kapitel 4, S. 71.Google Scholar
  18. 18.
    Wenn die Verfasser einigen Vpn trotzdem bekannt wären, so könnte von den betreffenden Antworten kein Gebrauch gemacht werden. Um dies festzustellen, war Frage 33 gestellt worden. Keiner der Schüler kannte die Verfasser der Erzählungen.Google Scholar
  19. 19.
    Die Fragen 36 und 38 sind frei nach Bina 1981, S. 186–187.Google Scholar
  20. 20.
    Die Dogmatismusmittelwerte aller Schüler der Havo-Schule und des Athenaeums unterschieden sich in Gruppe 1 voneinander (p .001) (Mittelwerte bzw. 116,44 und 109,11). Auch in Gruppe 2 zeigte sich ein signifikanter Unterschied (p .001) (Mittelwerte bzw. 117,24 und 103,51).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991

Authors and Affiliations

  • Dick H. Schram

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